rechtsfäkal

PDF der Druckfassung aus Sezession 88/Februar 2019

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Bereits seit Wochen pfle­ge ich – immer mal wie­der – mit dem Töch­ter­lein Dis­kus­sio­nen dar­über, wer ein »Pro­mi­nen­ter« ist. Das The­ma hat­ten sie gera­de in der Schu­le. Es ist nicht ein­fach. Ange­la Mer­kel dürf­te nahe­zu 100 Pro­zent der Deut­schen ein Begriff sein, Hele­ne Fischer über 90 Prozent.

Aber was wäre mit … Chris­ti­an Kracht? Jona­than Mee­se? Neo Rauch? Könn­ten über fünf Pro­zent der Deut­schen irgend etwas mit die­sen Namen ver­bin­den? Im länd­li­chen Süden Sach­sen-Anhalts defi­ni­tiv nicht. Bei Namens­ab­fra­gen wie Tom Kau­litz oder Kat­ja Kra­sa­vice sähe es hier anders aus, selbst unter Befrag­ten im Erwachsenenalter.

Tja, was macht Pro­mi­nenz mit dem Pro­mi­nen­ten? Ich war mir heu­te nicht zu blöd, vier­zehn Leu­te in mei­ner Umge­bung – ja, das gilt noch nicht als reprä­sen­ta­tiv; außer­dem wis­sen die Leu­te, daß ich oft sol­che Kurz­in­ter­views füh­re – zu fra­gen, was sie mit dem Namen Michel Hou­el­le­becq ver­bin­den: eine Mit­ar­bei­te­rin (bewußt nicht unse­re Ver­triebs­chefin!), zwei Leh­rer, einen Post­men­schen usw.

Fünf mit aka­de­mi­schem Abschluß, neun ohne. Die Mit­ar­bei­te­rin konn­te den jüngs­ten Titel und den vor­letz­ten Titel nen­nen – bei­de Bücher haben wir hun­der­te Male ver­kauft. Von den ande­ren kann­te nur eine den Namen, aber kei­nen Buchtitel.

Nun hat die­ser Hou­el­le­becq immer­hin ein paar Dut­zend Mil­lio­nen Bücher welt­weit ver­kauft. (Bücher, dies für den Rest der Welt, sind die­se Din­ger aus Papier und Pap­pe, wo sich die Leu­te was drauf ein­bil­den, wenn sie dar­in lesen.)
Was ich sagen will: Auch hier zeigt sich ein Riß, eine Kluft.

Einer, der ein paar tau­send Deut­schen als lite­ra­ri­scher Gott gilt, sagt den­noch der über­wie­gen­den Mehr­heit nichts. Jetzt wird es kom­pli­ziert: So sehr Hou­el­le­becq von geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Aka­de­mi­kern, also von mehr­heit­lich links­li­be­ra­len Men­schen, geschätzt wird (auch wenn es kei­ne Hoch­li­te­ra­tur ist: Schuh­ver­käu­fer und Lok­füh­re­rin­nen lesen sol­che Roma­ne nicht), so wenig ist die­ser Autor linksliberal.

Grad im Gegen­teil. Hou­el­le­becq ist (übri­gens genau­so­we­nig wie Sar­ra­zin) ande­rer­seits kei­ne typi­sche Lek­tü­re für Pegi­d­a­gän­ger und Ver­wand­te. Adam Soboc­zyn­ski, ein zwar habi­tu­ell ein biß­chen autis­tisch wir­ken­der, den­noch klu­ger ZEIT-Autor, hat zurecht die­se Fra­ge gestellt:

Michel Hou­el­le­becq hat sich als neu­rech­ter Den­ker zu erken­nen gege­ben. Selt­sam nur: Die Kri­ti­ker blen­den das weit­ge­hend aus. War­um eigentlich?

Das ist die Fra­ge. Wir sehen den viel­fach preis­ge­krön­ten Pro­mi­nen­ten hier auf einem Pho­to, das weder schmei­chel­haft ist noch das Gegen­teil. So schaut er halt aus, der sech­zig­jäh­ri­ge Geschich­ten­er­zäh­ler, der viel­fach preis­ge­krön­te knall­har­te Mis­an­throp und über­zeug­te Pes­si­mist: wei­che Hand, schüt­te­res, im übri­gen unfri­sier­tes Haar, knitt­ri­ges Gesicht mit her­ab­ge­zo­ge­nen Mundwinkeln.

Gebeug­te Hal­tung, bei­na­he zusam­men­ge­sackt. Das Jackett ist nicht wirk­lich maß­ge­schnei­dert, erst recht nicht die schlot­tern­de Blue Jeans. Die Bei­ne hat er über­ein­an­der­ge­schla­gen, was man nicht als genu­in unmänn­li­che Hal­tung bezeich­nen möch­te, allein: Der Ein­druck gro­ßer Schwä­che ver­mit­telt sich dadurch, daß es das lin­ke, über­schla­ge­ne Bein nicht ganz über das rech­te Knie geschafft hat, jeden­falls nicht inklu­si­ve Jeansstoff.

Was wäre das pas­sen­de Attri­but für die­se Erschei­nung? Geal­tert oder ver­braucht trä­fe es nicht ganz, bei­des erfaß­te nicht die geis­ti­ge Hal­tung hin­ter dem Äußer­li­chen. Abge­half­tert? Abge­fuckt (um die Zeit­ge­nos­sen­schaft zu beto­nen)? Lie­bens­wür­dig jeden­falls erscheint hier­an nichts.

Ein Säug­ling mit vom Wei­nen ver­zerr­ten Gesicht erschüt­tert und rührt uns – sech­zig Jah­re spä­ter hin­ge­gen hat er kei­ne Chan­ce mit sei­nem Geze­ter. Durch die Bril­le des Mit­leids betrach­tet: Die­ser Mensch, Hou­el­le­becq, lei­det seit lan­gem an Depressionen.

Sei­ne stets zumin­dest auto­bio­gra­phisch grun­dier­ten Roma­ne geben Zeug­nis davon. Der Mann lei­det wirk­lich. Ist er uns dadurch sym­pa­thi­scher? Lei­der nicht. Aber er spie­gelt gewis­se Bedürf­nis­se, gewis­se Nöte – daher sein durch­schla­gen­der Erfolg.

Nie­mand ver­kör­pert und sym­bo­li­siert selbst sub­ku­tan so sehr den unheim­li­chen Auf­stieg der Rech­ten wie Hou­el­le­becq – lei­der. Es ist eine selt­sam hete­ro­ge­ne Rech­te, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ans Licht der Öffent­lich­keit gekom­men ist. Genu­in rech­te Affek­te pfle­gen sich näm­lich auf­zu­spal­ten – je nach Trägersubstanz.

Hei­mat­lie­be kann zur Besin­nung auf’s Eige­ne füh­ren oder zum Haß auf alles Frem­de. Femi­nis­mus­skep­sis kann Miso­gy­nie bedeu­ten oder eine Beto­nung der Weib­lich- und Müt­ter­lich­keit. Daß selbst Links­li­be­ra­le Hou­el­le­becqs »pro­phe­ti­sche Fähig­kei­ten« und sei­nen »glas­kla­ren Zynis­mus« bewun­dern, näm­lich unter dem Män­tel­chen der rei­nen Lite­ra­tur­kri­tik, ist vielsagend.

Logisch: Er ist ja kein Poli­ti­ker oder »Meta­po­li­ti­ker«, son­dern nur der »Seis­mo­graph« – wer wür­de denn auf einen sol­chen ein­dre­schen? Herr Soboc­zyn­ski schrieb (frei­lich nur teils wahrheitsgemäß) :

Wäh­rend die gesam­te Buch- und Medi­en­bran­che durch­dreht, wenn der neu­rech­te Antai­os-Ver­lag ein paar Laden­hü­ter auf der Mes­se vor­stellt oder Uwe Tell­kamp in Dres­den Unge­len­kes zur Mei­nungs­frei­heit for­mu­liert, ist man bereit, Hou­el­le­becq auch im links­li­be­ra­len Milieu zumeist mit ner­vö­ser Ehr­er­bie­tung zu feiern.

Das ist nicht selbst­ver­ständ­lich, wo es doch immer und über­all um die berühm­te Hal­tung geht, die man publi­zis­tisch gegen rechts so braucht. Und es ist regel­recht kuri­os, wenn man sich Hou­el­le­becqs aller­neu­es­te poli­ti­sche Ver­laut­ba­run­gen vor Augen führt.

In der gesin­nungs­ethisch so super­fein jus­tier­ten Publi­zis­tik unse­rer Zeit müss­te man sol­che fro­hen Bot­schaf­ten gei­ßeln wie Pest, Cho­le­ra und Gau­land zusam­men, aber hier wird auf ein­mal die Zart­heit der Beschrei­bung der Depres­si­on gewürdigt.

Oh ja – und nun, ange­sichts der Ver­öf­fent­li­chung des neu­en Romans Sero­to­nin wie­der ein­mal! Von der FAZ nicht zu reden – selbst die Kri­ti­ker der taz und der Frank­fur­ter Rund­schau zei­gen sich lite­ra­risch hoch­be­glückt. Kapie­ren sie nicht, daß Hou­el­le­becqs Schrei­be kei­ne Rol­len­pro­sa ist? Daß es ihm reich­lich ernst ist mit sei­ner Islam­kri­tik, sei­nem Frauenhaß?

Mensch! Heu­te blei­ben Roma­ne unge­druckt, weil Ver­lags­chefs fin­den, es dür­fe nicht sein, daß inner­halb der Hand­lung eine jun­ge Euro­päe­rin einem Mos­lem­mäd­chen zur Sei­te springt – denn dies wei­se Mus­li­men eine Rol­le als hilfs­be­dürf­ti­ge Opfer zu.

Wer­bung wird vom Netz genom­men, weil man ein Tüp­fel­chen Sexis­mus zu erken­nen meint, »Kli­ma­wan­del­skep­ti­ker« wer­den gebrand­markt, weil sie gegen ein wei­te­res Gebot der poli­ti­schen Kor­rekt­heit ver­sto­ßen. Und Houl­le­becq hin­ge­gen, der hier – erneut, und stets iro­nie­frei – »Mösen« nach ihrer Fal­tig­keit beur­teilt und Mün­der danach, wie gut sie sich auf Fel­la­tio ver­ste­hen, wird mit Meri­ten über­schüt­tet, als stün­de er unan­greif­bar in einer Rei­he mit Homer, Shake­speare, Goe­the und … Mosebach.

Es ist mehr als ulkig, wie die Kli­en­tel, die als Scharf­rich­ter über die Gren­zen der Mei­nungs­äu­ße­rungs­frei­heit ent­schei­det und dabei lie­bend gern mit dem Fall­beil spielt, die­se kaput­ten, fäkal­rech­ten Grenz­über­schrei­tun­gen gou­tiert. Soboc­zyn­ski hat recht:

Hou­el­le­becq ist kein Spie­ler, kein Pro­vo­ka­teur, kein Clown. Er schreibt, was er denkt. Und er sagt, was er meint. Und was geschieht, wenn man ihn, gewiß zu sei­nem Ver­gnü­gen, aus Oppor­tu­nis­mus gegen den Strich liest, ist lei­der sehr sim­pel, und man traut es sich wegen der Flos­kel­haf­tig­keit kaum aus­zu­spre­chen: Man macht rech­tes, anti­li­be­ra­les Gedan­ken­gut salonfähig.

Ja. Nur: Das ist nicht unser Ver­ständ­nis von »rechts«, nicht unser Anti­li­be­ra­lis­mus. Es ist des­sen Per­ver­si­on. Wie dich­te­te die auf­müp­fi­ge, kur­hes­si­sche Spitz­fe­der Franz von Din­gel­stedt (1814–1881) bezüg­lich des damals schon sprich­wört­li­chen »Deut­schen Michels« in sei­nen Lie­dern eines kos­mo­po­li­ti­schen Nachtwächters?

Herr Michel und der Vogel Strauß
Sind leib­li­che Geschwister:
Aus die­sem guckt’s Kamel heraus,
Aus jenem der Philister.

Sie flö­gen gern und könnten’s auch,
Die Schwin­gen sind gegeben,
Doch blei­ben sie nach altem Brauch
Fein an der Erde kleben.

Der eine birgt den Kopf im Sand
Und läßt den Steiß sich blasen,
Der and­re wühlt sich mit Verstand
In Bücher ein und Phrasen. (…)

Ihr, Fran­zo­sen, habt Euren Michel. Wir unse­ren. Wirk­lich gut dran ist der­zeit kei­ner von uns.


Michel Hou­el­le­becqs neus­ten Roman Sero­to­nin kön­nen Sie hier, bei Antai­os, bestellen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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