18. April 2020

Netzfundstücke (49) – Natiokratie, Hölderlin, Compact

Jonas Schick / 65 Kommentare

»Der ukrainische Weg in das 21. Jahrhundert – er wird steinig, widersprüchlich, konfliktreich.«

Der »Euromaidan« zwischen 2013 und 2014 stellt einen essentiellen politischen Wendepunkt für die Ukraine dar. Die gewalttätigen Proteste, die aufgrund des ausbleibende Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union ins Rollen kamen und das Land in einen immer noch anhaltenden bewaffneten Konflikt in der Ostukraine stürzte, werden in der europäischen Rechten indes zwiespältig betrachtet.

Die einen sehen in den Vorgängen eine Revolution, die anderen erblicken darin einen »Regime change«. Wie auch immer man die Lage in der Ukraine beurteilt, was nicht von der Hand zu weisen ist: zahlreiche ukrainische Nationalisten und ihre vielfältigen Organisationen haben es verstanden, die Phase der politischen Neuordnung für sich zu nutzen – und ihre Position innerhalb der Gesellschaft zu stärken. Die politische Rechte ist in der Ukraine zum eminent wichtigen Akteur aufgestiegen.

Einer der zentralen Denker, auf den sie sich neben Stepan Bandera beruft und dessen Konzept der »Natiokratie« sie hochhält, ist der ukrainische Veteran und politische Aktivist Mykola Sziborskyj. Sein gleichlautendes Werk Natiokratie aus dem Jahr 1935 hat der Dresdener Jungeuropaverlag um den Kopf Philip Stein nun übersetzt und erstmalig für den deutschsprachigen Raum als fünftes Buch seiner Theoriereihe aufgelegt.

Der offensichtlichste Grund für die Veröffentlichung des 191 Seiten umfassenden Bändchens: Sziborskyjs Werk ist der Schlüssel, um verstehen zu können, was sich in den Köpfen der Ukrainer dieser Tage abspielt, welche Ziele sie verfolgen. Außerdem klärt die Schrift über die Historie der ukrainischen Rechten auf, wobei dazu die Lektüre der Einleitung von Dr. Mykola Krawtschenko unerläßlich ist. Darüber hinaus ist Natiokratie für den »Konservative Revolution«-Interessierten ein Pflichtkauf; es steht exemplarisch für diese Geistesströmung in der Ukraine und ist ein elementares Zeugnis ihres Ausgreifens auf ganz Europa.

Einen weiteren Aufschluß über die KR in Europa gibt zudem der 3. Band der Berliner Schriften zur Ideologiekunde des Instituts für Staatspolitik Die Konservative Revolution in Europa (hier erhältlich). Der von Karlheinz Weißmann herausgegebene Band enthält informative Beiträge zur KR in Italien, Frankreich, England, Flandern und den Niederlanden.

Abschließend ist Natiokratie auch für denjenigen zu empfehlen, der ganz generell an politischer Staatstheorie interessiert ist. Sziborskyj analysiert akribisch verschiedenste Staatssysteme und unterzieht sie einer kritischen Betrachtung. Zweifelsohne ist die erste Buchveröffentlichung des Jungeuropaverlag für 2020 wieder einmal ein großer Wurf und bis zum nächsten ist es nicht mehr weit: Im Mai erscheint die SciFi-Novelle Ein Tag im Leben des Dimitri Leonidowitsch Oblomow – Eine Chronik aus dem Zeitalter des Archäofuturismus des unlängst verstorbenen Denkers der Nouvelle Droite Guillaume Faye.

Natiokratie kann hier, bei Antaios, bestellt werden


Wie das Titelblatt andeutet, steht die neuste und 95. Ausgabe der Sezession ganz im Zeichen des bedeutenden deutschen Dichters Friedrich Hölderlin. Entlang der Frage »Was wollen wir noch mit Hölderlin?“ entfaltet sich im Heft ein Briefwechsel zwischen Sezession-Chefredakteur Götz Kubitschek und dem Gymnasiallehrer Ivor Claire über einen Dichter, der spätestens heute aus der Zeit gefallen ist. Einen Autor, den »außer uns beiden (Claire und Kubitschek, Anm. d. Verf.) und noch ein paar anderen überspannt Ältergewordenen« kaum noch jemand kennt.

In ähnlicher Weise urteilt Kubitschek über das gesamte freie, 95. Heft der Sezession, als in den verdichteten Krisenzeiten dieser Tage aus der Zeit gefallen. Mit Sezession-Redakteur Benedikt Kaiser hat er sich wieder einmal zusammengesetzt, um es en détail vorzustellen:


Um einiges mehr in der Zeit steht hingegen die neuste Sonderausgabe der Compact, in der sich alles um Corona dreht.  Unter dem Titel »Corona – Was der Staat uns verschweigt« nimmt das Magazin eine pointiert alternative Sicht der Dinge ein.

Es läßt Virologen zu Wort kommen, die in der derzeitigen Berichterstattung und den Kontaktsperren eine überzogene Panikmache ausmachen. Ferner wird dargelegt, warum unter dem derzeitigen Wirtschaftsstopp insbesondere der Mittelstand leidet und die Interessen der Pharmaindustrie an der Produktion eines Impfstoffs werden ausgeleuchtet.

Aus explizit politischen Gründen aus den meisten Kioskauslagen verbannt, ist es bei uns natürlich noch hier bestell- und lieferbar.

 

 



Kommentare (65)

Maiordomus

18. April 2020 15:48

@Kaiser. Ein gutes Heft. Ihr eigener Essay über die Ostdeutschen urteilt aber falsch und ungerecht über jene Westdeutschen, mit denen ich (durchwegs aus dem konservativen Lager) in den 60-er, 70-er und 80er Jahren nun mal in enger Kommunikation war, unterdessen weggestorben sind und keineswegs als dümmlich Umerzogene einzuschätzen waren, auch diejenigen nicht, die damals durchaus amerikafreundlich eingestellt waren. Ich gehe ferner davon aus, dass sie etwa die Memoiren von Konrad Adenauer und von Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg eher nicht als wichtige Quelle konsultiert haben, wohl noch weniger Werke wie "Die Grenzen des Wunders" von William S. Schlamm, eines der wichtigsten Bücher aus jener Zeit, nicht zu vergessen, aus Anlass der Wahl Kennedys, das Antikennedy-Buch von William S. Schlamm "Die jungen Herren der alten Erde". Auch den Rheinischen Merkur aus den 50er und 60 Jahren, noch 70er Jahren muss man durchgesehen haben, um objektiv zu urteilen. Da waren Sie nun mal aber noch nicht auf der Welt.

Das mit den Umerzogenen meint zumal die Jüngeren, welche um und nach 1968 die Gymnasien besuchten.

Auch wenn man zur Zeit des Kalten Krieges stark auf Amerika setzte, ausserdem wie Adenauer, noch stärker auf die deutsch-französische Versöhnung, so heisst das noch lange nicht, dass es damals nicht einen echten deutschen Patriotismus gegeben hätte. Ich erinnere mich auch noch sehr gut, wie vor 50 Jahren der Bombardierung Dresdens in Westdeutschland gedacht wurde. Das war noch eine total andere Mentalität als z.B. die heutigen Grünen u. Co. !

Gracchus

18. April 2020 20:44

Der Hölderlin-Schwerpunkt ist natürlich zu loben. Ich kenne nicht wenige, die in ihrer späten Jugend eine enthusiastische Hölderlin-Phase durchmachten, nachher aber nicht mehr zurück- oder hineinfanden in sein Werk. Geht es mir ähnlich? Nach Ansehen des Videos wieder ein paar Gedichte gelesen: "Der Gang auf das Land", "Abendphantasie", "Hälfte des Lebens" und einige mehr. Und zweifellos gehören einige von seinen Gedichten zu den klangschönsten Gebilden deutscher Sprache. Damit lese ich Hölderlin nicht "ästhetizistisch", denn - in Anlehnung an mittelalterliche Philosophen - ist schön für mich, was zugleich auch wahr und wirklich ist, also Substanz hat. Aber was Hölderlins Remythologisierungen angeht? Das empfinde ich eher als Ballast, wobei die orakelhaften Fügungen ihre Frische bewahrt haben. Ganz bei sich finde ich die Gedichte eher, wo sie "beschreiben" oder in eine so plastische wie klare Bildlichkeit finden. Den Rückgriff auf "Griechenland" sehe ich fruchtbar eher in der Anverwandlung der Oden-Formen, ansonsten, was die Götterwelt angeht, als Umweg, notwendig vielleicht, um eine Sprache für das Neue zu finden, das Hölderlin anbrechen sah.

Aber sein Reich war wohl nicht von dieser Welt. Das gilt wohl ähnlich von Rolf Schilling, mit dem ich mich lange schon intensiver befassen möchte. Einige Gedichte haben Eindruck hinterlassen. Derselbe Zwiespalt: Schillings Mythos lebt nicht in dieser Welt, sondern in der reinen Imagination. Das sagt er selbst. Womöglich wollte sich Hölderlin aber gerade nicht abfinden und ist an der Vergeblichkeit dieser Aufgabe verzweifelt. Man könnte das auch von George sagen, dem wir auch einige der schönsten Gedichte der deutschen Sprache verdanken. Man kann noch einen Bogen zu einem amerikanischen Lyriker schlagen, nämlich Wallace Stevens, der die Kunst an die Stelle der Religion setzen wollte, aber ohne den Rückgriff auf alte Mythen ("the world imagined is the ultimate good") und ohne die Grenzziehung.

Kurzum: Ich sehe Hölderlin, George, Schilling einsam auf ihren Höhen wandeln, aber ohne Verbindung zu den Tälern (nach Wittgenstein: den grünenden Tälern der Dummheit). Die irdische, profane Wirklichkeit scheint da eher die imaginierten Dichter-Reiche zu beflecken. Damit kann der Mythos oder Geist auch nicht irdische Realität werden - was auch gefährlich sein kann, wie man am NS sieht. Und das scheint mir ein Symptom deutschen Geisteslebens zu sein: "Gedankenvoll und tatenarm". Es verbindet sich nicht mit Fleisch und Blut. Anders im Christlichen: Und das Wort ist Fleisch geworden.

links ist wo der daumen rechts ist

19. April 2020 00:34

Es gibt Gedichte Hölderlins, die einem in Fleisch und Blut übergehen.
Man spricht sie manchmal unvermutet vor sich hin, als wären es eigene Gedanken oder Erinnerungen an längst Vergangenes.

Mein Lieblingsbeispiel ist dieses Gedicht:

Der Winkel von Hahrdt

Hinunter sinket der Wald,
Und Knospen ähnlich, hängen
Einwärts die Blätter, denen
Blüht unten auf ein Grund,
Nicht gar unmündig.
Da nemlich ist Ulrich
Gegangen; oft sinnt, über den Fußtritt,
Ein groß Schicksaal
Bereit, an übrigem Orte.

Was dieses Gedicht (als Beispiel für viele) so souverän macht, ist dieser Grundzug einer selbstzurücknehmenden Stärke. In einem religiösen Kontext könnte es eine Art Heiligenlegende sein, aber hier findet ein weltlicher Herrscher Zuflucht, was ihn hilflos (i.e. auf fremde Hilfe angewiesen) erscheinen läßt, und von seiner weltlichen Macht bleibt als souveräne Geste seines Verschwindens ein im Fels ahnbarer Fußabdruck.
Das Beglückende an Gedichten wie diesen ist in ihrem Eingedenken eines vergangenen Ereignisses die erzählende Mittlerposition zwischen der „langen Dauer“ eines Johann Peter Hebel und dem jähen Umschlag eines Heinrich von Kleist.
Da spielt es gar keine Rolle, daß ich das erste Mal in Adornos „Ästhetischer Theorie“ auf das Gedicht stieß und damit der Begriff einer „Naturgeschichte“ erklärt werden sollte.
Und natürlich kann auch mein Interpretationsgestammel diesem Gedicht nichts anhaben.
Merkwürdig aber auch, wie drei meiner Lieblingstexte der drei genannten Dichter jeweils vorübergehende Zufluchtsorte beschreiben…

Und natürlich ist diese Geste einer selbstzurücknehmenden Souveränität wesentlich, wenn über das Deutsche nachgedacht wird; Hölderlin ist da einer unserer ersten Dichter.
Frank Böckelmann hat in seinem Bändchen „Deutsche Einfalt“ diesen Gedanken ein Kapitel gewidmet (darin findet sich auch einer der wagemutigsten Sätze, der jemals über die Abgründigkeiten des NS geschrieben wurde).

Und immer dort, wo sich eine „Urgewalt“ offenbart, folgt die „Beschämung“ buchstäblich auf dem Fuße.

Dazu drei Beispiele:

Gedicht „Germanien“, Strophe 6:

O trinke Morgenlüfte,
Bis daß du offen bist,
Und nenne, was vor Augen dir ist,
Nicht länger darf Geheimnis mehr
Das Ungesprochene bleiben,
Nachdem es lange verhüllt ist;
Denn Sterblichen geziemet die Scham,
Und so zu reden die meiste Zeit,
Ist weise auch, von Göttern.
Wo aber überflüssiger, denn lautere Quellen,
Das Gold und ernst geworden ist der Zorn an dem Himmel,
Muß zwischen Tag und Nacht
Einsmals ein Wahres erscheinen.
Dreifach umschreibe du es,
Doch ungesprochen auch, wie es da ist,
Unschuldige, muß es bleiben.

Ode „Blödigkeit“, Strophe 1:

Sind denn dir nicht bekannt viele Lebendigen?
Geht auf Wahrem dein Fuß nicht, wie auf Teppichen?
Drum, mein Genius! tritt nur
Bar ins Leben, und sorge nicht!

Ode „An die Deutschen“, Strophe 7 und 8:

Schöpferischer, o wann, Genius unsers Volks,
Wann erscheinest du ganz, Seele des Vaterlands,
Daß ich tiefer mich beuge,
Daß die leiseste Saite selbst

Mir verstumme vor dir, daß ich beschämt
Eine Blume der Nacht, himmlischer Tag, vor dir
Enden möge mit Freuden,
[…]

Die schönste musikalische Entsprechung dieses unumgänglichen Schwankens zwischen Schicksal/Fremdbestimmung und Befreitheit/Einfalt findet sich für mich hier (2. Satz ab 9:35):

https://www.youtube.com/watch?v=TsRJ5w1QJFA

Lotta Vorbeck

19. April 2020 01:21

@Maiordomus - 18. April 2020 - 03:48 PM

@Kaiser. Ein gutes Heft. Ihr eigener Essay über die Ostdeutschen urteilt aber falsch und ungerecht über jene Westdeutschen, mit denen ich (durchwegs aus dem konservativen Lager) in den 60-er, 70-er und 80er Jahren nun mal in enger Kommunikation war, unterdessen weggestorben sind und keineswegs als dümmlich Umerzogene einzuschätzen waren ...

~~~~~~~~~~~~

Einspruch, Euer Ehren!

Keine Ahnung mit wem Sie @Maiordomus in den 60-er, 70-er und 80er Jahren kommunizierten.

Was da aus dem damals schon längst nicht mehr goldenen Westen mit Wolfslächeln und der Intention Mitteldeutschland zu kolonisieren aka zum Karrieremachen, Plündern und Umerziehen in Goldgräberstimmung ab Ende 1989 wie eine unersättliche Heuschreckenplage über uns kam, wird von Benedikt Kaiser exactamente beschrieben.

Maiordomus

19. April 2020 07:25

@Gracchus. "Und das Wort ist Fleisch geworden", diese Errungenschaft kann die christliche Literatur Deutschlands, deren bedeutendster Repräsentant wohl Novalis bleibt (von Luther natürlich abgesehen) leider auch nicht als ihre nachvollzogene Errungenschaft für sich beanspruchen, blieb es doch eine Dichtung voller Todessehnsucht, zumal Novalis nach dem Tod seiner geliebten Sophie, welche er zu Lebzeiten immerhin noch echte, vielleicht selber gefangene Lerchen geschickt hatte, was man bei einem romantischen Dichter vielleicht nicht ohne weiteres gedacht hätte. Auch die Droste, die grösste christliche Schriftstellerin Deutschlands, repräsentierte als gläubige Frau Lyrik auf allerhöchstem Format, aber doch auf der Basis von "Krankheit als dem christlichen Zustand" (Pascal), vgl. ihre Meisterelegie "Die ächzende Kreatur", als Schauplatz übrigens der Garten des Fürstenhäusles von Meersburg. "Brod und Wein" sowie "Wie wenn am Feiertage" bleiben, von Hölderlin, Texte von geradezu liturgischem Rang. Ihre Einschränkung @Gracchus, enthält aber doch etwas Richtiges, und ich selber habe, wiewohl lebenslanger Hölderlinleser und Hölderlinliebhaber, an Goethes Kritik immer mehr als nur einen Rest Wahres gesehen. Dabei aber während 33 Jahren von meinen Schülern als fast einziges Gedicht "Hälfte des Lebens" auswendig lernen lassen, die zweite Strophe wurde jeweils im Schnee vorgetragen, wobei Schülerinnen und Schüler einen im Laufschritt beweglichen Kreis bildeten. Das haben wir schon praktiziert, längst bevor es den Film "Club der toten Dichter" gab. Meines Erachtens hat keiner meiner Schüler dieses "schönste Gedicht in deutscher Sprache" wohl vergessen. Die erste Strophe war jeweils Auftakt für Bodenseewochen. Höchst besuchenswert ist das Schlösschen von Hauptwil, von Hölderlin nach der Jahrhundertwende als Lehrer dreier Fabrikantentöchter wirkte und von wo aus er den Säntis bewunderte, 1943 wurde dort eine Gedenktafel mit Gesängen der Schuljugend eingeweiht. Von dem allem hatte der deutsche Germanist, welcher vor 2 Wochen in der Weltwoche einen Hölderlin-Gedenkartikel schrieb, keine Ahnung.

Umso stärker der Beitrag von @Kubitschek und einem Deutschlehrer in einem Privatgymnasium namens Ivor Claire in Form eines Briefwechsels zum Thema Hölderlin, wo regelmässig von "Hölderle" und "Hölder" die Rede ist (es müsste "Holder" heissen), wobei das Thema Heidegger vielleicht klugerweise ausgespart wurde. Nicht ausgelassen jedoch die propagandistische Verwendung der Hymne "Tod fürs Vaterland" im 2. Weltkrieg. Beim Vergleich der nationalsozialistischen "Revolution" mit der französischen wäre da wohl freilich hinzuzufügen, dass Reinhold Schneider 1943 im Alsatia-Verlag Elsass, von Joseph Rossé geleitet, sich am Beispiel gerade jener Revolution im Buch "Stimme des Abendlandes" über den "satanischen Charakter" (Joseph de Maistre) der Revolution ausgelassen hat, und dabei gerade zwar den französischen Sack geschlagen, aber den deutschen Esel gemeint hat.

Dabei war und ist der Briefwechsel "Götz" - "Ivor" der sprachlich schönste und zumal tiefsinnigste echt besinnliche Beitrag im neuen Heft. Eines aber scheint mir sicher: auch ein noch so politisierter Hölderlin hätte sich als Pegida-Redner nicht geeignet, und es bleibt dabei, dass Hölderlins Gedichte ein für allemal nicht kompatibel für politische Sprechchöre sind. Letzteres gilt auch für George, so wenig man sich einen "Täter" (vgl. Gedicht von George) wie Stauffenberg an einer politischen Massendemonstration vorstellen mag, sofern dieser in früheren Jahren nicht doch an einer solchen teilgenommen hat, und zwar allerdings an einer nationalsozialistischen.

Rolf Schilling würde ich bei allem Respekt nicht in einem Atemzug mit Hölderlin und George nennen, eher schon mit dem ehemaligen Staiger-Schüler und Lyriker Arthur Häny "Im Meer der Stille", der sich durchaus an Hölderlin orientierte, im Vorjahr in hohem Alter als vergessenes Genie verstorben, zuletzt noch sich durch besinnliche unpolitische Kolumnen in Schlüers "Schweizerzeit" bemerkbar machend.

@Gracchus. "Und das Wort ist Fleisch geworden." Dee pietistische Denker Oetinger hat es so formuliert: "Leiblichkeit ist das Ende (gemeint: Ziel MD) alles Wege Gottes." Dies wurde jedoch von den christlich sein wollenden Dichtern deutscher Sprache kaum umgesetzt, wiewohl Eichendorff und zumal Brentano nahe rangekommen sind.

PS. Ich komme nicht umhin, den oben vorgestellten Begriff der "Natiokratie" als ein widerwärtiges Unwort zu bezeichnen, passt wirklich nicht zur Diktion eines Hölderlin. Wunderbar die Zitate im gedruckten Heft im Briefwechsel Ivor Claire - Götz Kubitschek, etwa "Nordost":

Der Nordost wehet
Der liebste unter den Winden
Mir, weil er feurigen Geist
Und gute Fahrt verheisset den Schiffern

Möge es so bleiben, dass bei Sezession in diesem Hölderlinschen Sinn "gepfleget werde/der feste Buchstab und Bestehendes gut/Gedeutet".

Am eindrucksvollsten im gedruckten Heft ausserdem der Aufsatz von Kositza über 1945. Es scheint mir völlig unstatthaft, die sogenannte Corona-Krise auch nur annähernd mit jenen Verhältnissen zu vergleichen.

Brettenbacher

19. April 2020 09:07

...Einfälle morgendlich

...seine Zeilen: blitzende Schollen
... der Lichtbogen, der die Silben verbindende..

(ein gewaltiger Pflüger, das ist er)

t.gygax

19. April 2020 10:35

Zur Morgenandacht ein erfrischendes Zitat von Hölderlin:
"Tief im Herzen haß ich den Troß der Despoten und Pfaffen,
Aber mehr noch das Genie, macht es sich gemein damit"

KlausD.

19. April 2020 11:05

Vor nunmehr ziemlich genau 6 Jahren wurde die Ukraine durch die USA, mit Unterstützung der EU und Deutschlands, aus der Einflußsphäre Rußlands herausgeputscht. Im Windschatten der weiteren Entwicklung der Ukraine zu einer US-amerikanischen Kolonie (und damit zu einem Vorposten der Einkreisung Rußlands durch die USA) erfolgte der Aufstieg der ukrainischen Nationalisten als Gegengewicht im initiierten Bürgerkrieg. Wer sich nun diesen Kräften zuwendet, wendet sich, bewußt oder unbewußt, gegen Rußland. Die Frage, ob dieses Vorgehen, das auf eine Konfrontation mit Rußland hinausläuft, geopolitisch im ureigensten Interesse Deutschlands und der EU insgesamt liegt, kann sich wohl jeder leicht selbst beantworten.

Thomas Martini

19. April 2020 16:15

"Das mit den Umerzogenen meint zumal die Jüngeren, welche um und nach 1968 die Gymnasien besuchten." - Maiordomus, 18. April 2020, 15:48

Die Umerziehung in Deutschland war direkte Folge einer Politik, die der Statthalter der amerikanischen Besatzer auf den Weg brachte: Konrad Adenauer. Handverlesen auserwählt durch seine guten Kontakte zu amerikanischen Bankiers, wurde Adenauer deshalb installiert, weil er bereit war, als Bundeskanzler bedingungslos die amerikanischen Interessen durchzusetzen. Unter anderem arbeitete Adenauer für die CIA. Halten wir uns an den heutigen Stand der Forschung – und nicht an rührselige Erinnerungen amerikafreundlicher Propaganda der 1960er oder 1970er Jahre – steht zweifelsfrei fest: Adenauer tat als Bundeskanzler nur das, was von den amerikanischen Besatzern vorgegeben oder genehmigt wurde. Das betrifft besonders die deutsch-französische Aussöhnung. Dabei befolgte Adenauer den Rat seines Dienstherren John Jay McCloy. Die europäische Einigung, und Adenauers Werbeauftritte, finanzierte das „American Committee on United Europe“ (Quelle: SPIEGEL, „Die CIA zahlte“, 11.08.1997). Hätten die Amerikaner es für nötig befunden, dass die BRD sich mit Russland versöhnt, um gegen Frankreich einen Block zu errichten, wäre Adenauer eben dieser Richtlinie gefolgt. An seiner Politik gab es nichts Originelles. Adenauer war als Bundeskanzler in erster Linie das: Ein Anwalt amerikanischer Interessen. Vor 60, 50, oder 40 Jahren konnte man das noch nicht unbedingt wissen, aber heute kann sich im Internet jeder anhand unzähliger Quellen ein präzises Bild davon machen. Von der Mainstreampresse über alternative Medien, überall finden sich unwiderlegbare Beweise dafür, in wessen Auftrag „der Alte“ handelte.

Adenauer war einer von 1500 Personen, die von amerikanischen Vertretern als würdig empfunden wurden, das Deutsche Volk gemäß dem Re-Education-Programm im „amerikanischen Geiste“ umzuerziehen. Leute wie er mussten also nicht extra umerzogen werden, sie waren es schon. Am 25. September 1949 unterbrach Kurt Schumacher den Bundeskanzler mit folgendem Zwischenruf: „Sie sind der Bundeskanzler der Alliierten!“.

All das kann man gut finden oder nicht, die proamerikanische Vasallenhaltung als richtig erachten oder falsch, das ist mir mittlerweile mehr oder minder gleichgültig. In der Hinsicht ist für die Deutschen sowieso der Zug abgefahren. Dass freiwillige Kollaboration mit den Besatzern zu allen Zeiten das Entehrendste für einen Patrioten war: Wen interessiert das noch? Was sollte es mich also kümmern.
Was mir allerdings gelinde gesagt die Hutschnur platzen lässt, ist, wenn intellektuelle Muskelprotze im Jahre 2020 noch immer die Geschichten aus den Memoiren Konrad Adenauers auftischen, als ob die Deutschen diesem Quisling irgendetwas danken hätten.

Gustav Grambauer

19. April 2020 16:54

In Buchhandelskreisen ist seit Jahrzehnten bekannt, daß sich Lyrik "nicht rechnet". Aber es kamen zuerst Poetry Slam und daraufhin immer zahlreicher, immer anspruchsvoller und immer beliebter werdende Youtube-Lyrik-Kanäle. Seit einigen Wochen baut Steimle auf seinem Kanal ausdrücklich die Brücke vom Deklamieren zum Bewußtsein des Deutschtums. Mir geht das Herz auf, und wenn ich die vielen dortigen Kommentare lese, dann sehe ich, daß ich nicht der Einzige bin!

- G. G.

RMH

19. April 2020 17:25

Ja, der Briefwechsel zwischen G.K. und I.C. ist wohl ein Höhepunkt in dieser Ausgabe (habe bislang aber auch noch nicht arg viel mehr aus dieser Ausgabe lesen können). Überhaupt scheint der Jahrgang 2020 der Sezession bislang ein starker Jahrgang zu werden.

Die Eingangskritik von G.K. an Safranskis Buch zu Hölderlin teile ich jedoch nicht. Das ist kein Abhandeln und Abverpacken Hölderlins zur Ablage in irgendeiner Museumsschublade, kein in den Griff bekommen, fertig werden. Safranski macht bislang in fast allen seinen biografischen Werken das gerade nicht, sondern regt zum echten inhaltlichen Nachdenken an. Beim Hölderlin Buch von Safranski ist es hilfreich, wenn man eine Münchener Ausgabe der Werke Hölderlins, herausgegeben von Michael Knaupp, zur Hand hat, denn nach dieser Ausgabe zitiert Safranski am meisten und man kann dann recht schnell das komplette Gedicht, den Brief etc. finden, aus dem zitiert wurde und selber weiterlesen. Ich habe anhand des Buches von Safranski im Zusammenspiel mit der mir gleichfalls vorliegenden Münchner Ausgabe so viel Hölderlin gelesen, wie in den letzten 20 Jahren nicht mehr. Möchte zu Hölderlin aber kein Urteil, keine Meinung hier schreiben.

Nur soviel, der Richtung, in die der Dokumentarfilm (?) "Hölderlin - Dichter sein. Unbedingt!" (gesendet u.a. vom SWR3 - findet man in einigen Mediatheken) Hölderlin schiebt und dreht, kann ich nicht folgen bzw. diese dort vertretene Linie kann ich nicht teilen. Dieser Film ist viel eher der von G.K. kritisierte Versuch eines Fertigwerdens im Sinne der heutigen musealen Auffassung, dass selbst ein Museum eine "Haltung" (siehe auch "Haltungsjournalismus) zu haben hat und museums-"pädagogisch" die gewünschten Inhalte vermitteln muss, als das Buch von Safranski. Safranski regt nach wie vor zum Nachdenken an, auch wenn er mittlerweile sein Handwerk sehr routiniert beherrscht. "Fertig" bin ich jedenfalls nur nach/wegen der Lektüre von Safranskis Hölderlin mit Hölderlin noch lange nicht ...

Niekisch

19. April 2020 17:55

@ Maiordomus 18.4. 15:48: William S. Schlamm hörte ich 1968(?) im "Saalbau", einer Gaststätte meines Studienortes Gießen. Da ich zwar - Abi 1967- Umerziehungsversuchen ausgesetzt war, aber relativ erfolglos, durchschaute ich Schlamms transatlantisches Gewäsch leicht. Dass er die deutschen Zuhörer quasi als US-amerikanische Verfügungsmasse einfangen wollte, löste bei mir heftige Abwehrreaktionen aus. Sie steigerten sich bei seinen reaktionären Äußerungen zur Innenpolitik, einer Mischung von Hausfrauenromantik und Prügelpädagogik. Der schmuddelige, kleine, dickliche Herr mit seinem stechenden Blick, belehrend an den Brillengläsern vorbei, war für mich von fremdländischer Physiognomie und beleidigender Intransingenz.

Für uns junge Nationalisten waren er und die Franz Josef Straußs, Guttenbergs usw. nie Vorbild, wir hatten Anwandlungen von Westlertum längst überwunden, suchten einen unabhängigen deutschen Standpunkt zwischen rechts und links, außenpolitisch zwischen Ost und West. Wir vermuteten zumindest schon, warum John F. Kennedy ermordet wurde: weil er sich vom Federal- Reserve-System der Privatbanken verabschieden wollte.

Es gab damals nicht nur Konservative und Altrechte, sondern eine echte "Neue Rechte" mit linken Elementen, wenn vielleicht auch als Fehlgeburt. Das "Junge Forum" und ähnliche Publikationen schmücken bis heute meine Bücherschränke.

Was heute weitgehend fehlt: wir lasen, lasen, lasen und dann raus ins Getümmel zwischen SDS und RCDS, von beiden Seiten gehasst.

Niekisch

19. April 2020 18:19

"Kurzum: Ich sehe Hölderlin, George, Schilling einsam auf ihren Höhen wandeln, aber ohne Verbindung zu den Tälern (nach Wittgenstein: den grünenden Tälern der Dummheit). Die irdische, profane Wirklichkeit scheint da eher die imaginierten Dichter-Reiche zu beflecken. Damit kann der Mythos oder Geist auch nicht irdische Realität werden - was auch gefährlich sein kann, wie man am NS sieht. Und das scheint mir ein Symptom deutschen Geisteslebens zu sein: "Gedankenvoll und tatenarm". Es verbindet sich nicht mit Fleisch und Blut. Anders im Christlichen: Und das Wort ist Fleisch geworden."

@ Gracchus 18.4. 20:44: Ein Gegenbeispiel zu George gefällig?:

"Einer stand auf der scharf wie blitz und stahl
Die klüfte aufriss und die Lager schied
Ein Drüben schuf durch umkehr eures Hier...
Der euren Wahnsinn solang in euch schrie
Mit solcher wucht dass ihm die kehle barst.
Und ihr? ob dumpf ob klug ob falsch ob echt
Vernahmt und saht als wäre nichts geschehn..
Ihr handelt weiter sprecht und lacht und heckt.
Der warner ging...dem rad das niederrollt
Zur leere greift kein arm mehr in die speiche.

Da sind Wort und Prophetie nicht nur Fleisch geworden, sondern auch Leich...Ein Warner trug gebeugt das Kreuz und hing an demselben bis in den Tod. Ein anderer warnte, ging den Salzmarsch, später durch die Kugel in den Tod. Ein Dritter griff dem deutschen Schicksalswagen in die Speichen, errichtete sein auch von Stefan George- wenn auch anders- ersehntes Neues Reich, richtete sich selber im Untergang des aus sonnenbeglänzten, aber auch aus Mordsäulen errichteten Braunen Hauses.

Mythos oder Geist nicht auch irdische Realität?

Laurenz

19. April 2020 18:41

@KlausD.

so pauschal, wie Sie hier das darstellen, ist das auch nicht besser als der Medien-Stuß. Als ob irgendwo in Ost-Europa (oder auf dem Rest-Planeten) kein Nationalismus herrschen würde.
Nur im Westen leben Holzköpfe, wir an erster Stelle, die das anders leben.

Der Hund liegt in der Schwäche der Ukraine begraben, der Unfähigkeit, ein geordnetes Staatswesen zu schaffen. Die Ukraine ist locker auf ein ganzes Jahrhundert verloren, egal wie viele Milliarden da irgendwer reinpumpt. Die besten Köpfe sind bereits in Polen oder unter der russischen Fuchtel. Oder glauben Sie tatsächlich, ein jüdischer Kabarettist als Präsident macht die Sache besser?
Als ich 2003 das erste Mal auf der Krim war, besuchte ich so eine Art Wochenmarkt, nur Einheimische. Die einzigen Nudeln, die man da kaufen konnte, waren aus Deutschland importiert, und das im größten Agrar-Staat Europas.
Die Ukrainer können eben, wie die Russen, nur Rohstoffe abbauen und Waffen (vor allem Flugzeuge) herstellen. Im ganzen eurasischen Raum ist keiner in der Lage, einen Toaster zu bauen, ein schweres Erbe Stalins.
Die EU und vordergründig unsere Staatsratsvorsitzende, mit den Regime-Change-Spezialisten der Konrad-Adenauer-Stiftung am Abzug, wollten rein politischen Einfluß dort gewinnen. Was meinen Sie denn, KlausD., was das für ein Hallo in ganz Europa gegeben hätte, wenn einer auf die Idee gekommen wäre, die Ukraine als Vollmitglied in der EU aufzunehmen. Das war nie beabsichtigt. Da hätten alle aktuellen Profiteure, in erster Linie alles ost-europäischen Staaten dagegen gestimmt. Denn die wissen haargenau, wie es den Portugiesen, Spaniern etc. gegangen ist, als sie selbst durch Schröder/Fischer aufgenommen wurden. Selbst die Serben wollen gerne am deutschen Tropf hängen, solange da noch was raus tröpfelt, ein Wunder, meinen Sie nícht?

Die wenigen klugen US Amerikaner haben längst verstanden, daß die Gier auf russische Rohstoffe einen Nebenkriegsschauplatz darstellt. Der Hauptgegner ist China und jede Nebensache schwächte bloß den Westen.

Der_Juergen

19. April 2020 22:42

Die neue Sezession ist wiederum hervorragend. Neben dem Briefwechsel Kubitschek/Claire hat mich besonders der Beitrag von Lichtmesz beeindruckt. Wer nach seiner Lektüre immer noch nicht begriffen hat, dass in der Gegenwart ein Krieg bis aufs Messer gegen die weisse Menschheit geführt wird, ist zu bedauern.

@Klaus D.
Ich betrachte den ukrainische Nationalismus als negatives Phänomen, weil er sich im Grunde nur aus ahistorischen antirussischen Affekten speist, obgleich das ukrainische Volk unleugbar ein Zweig des russischen Volkes ist. Dieser künstlich gezüchtete antirussische Chauvinismus hat dem ukrainischen Volk nichts Gutes gebracht und wird ihm auch künftig nichts Gutes bringen.

Der schwerste Vorwurf, den die ukrainischen Nationalisten gegen Russland erheben, ist der Holodomor, die künstlich herbeigeführte Hungersnot zu Beginn der dreissiger Jahre, der Millionen zum Opfer fielen - allerdings nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Russland selbst und in Kasachstan. Von einem ethnischen Völkermord konnte also nicht die Rede sein. Organisiert wurde der Hunger-Terror von dem Georgier Stalin und dem Juden Kaganowitsch. Also nicht von Russen...

Dennoch ist es völlig legitim, die Geschichte dieser Bewegung zu studieren und ihre Vertreter möglich objektiv zu beurteilen. Auch wenn ihre Ideologie in unfruchtbarer Erde wurzelte, hatten viele ihrer Verfechter unbedingt subjektiv achtenswerte Motive. Die Übersetzung von "Natiokratie" ins Deutsche ist also bestimmt kein Fehler gewesen.

Ratwolf

20. April 2020 00:37

Der erstgenannte Artikel von Kaiser ist mir in Erinnerung auch besonders aufgefallen. Er beschreibt etwas (im kollektiven Bewusstsein?) und macht dieses unwiderruflich Gespeicherte wieder sichtbar. Nicht langweilig, nicht trivial. Was er beschreibt bestimmt das Denken der Menschen und deren Nachfahren, die das direkt oder indirekt erlebt haben. Sehr gewichtig. Der Artikel ist ein Impuls und ausgezeichnet zusammengefasst. Man muss ihn nicht wiederholen oder vertiefen, sondern einfach nur nochmal genau so war nehmen, wie es geschrieben steht.

Die Konklusion ist schwieriger dann. Was tun, mit dem was man hier fühlt? Meine Sicht ist eine andere, als diejenige, in der sich die Sezession derzeit offenensichtlich (siehe Ukraine) entwickelt. Mein Tuen steht auf einem anderen Blatt. Man ist in Zwängen gebunden. Das „ja“ von Kaiser wirkt an der Stellte „…die es der Westen nicht kennt“ auch eher wie eines an einer Autorität orientiert, als eines an seiner eigenen Einsichtskette entlang orientierten Sicht. Ist ok. Ohne Wertung. Ich teile grundsätzlich die derzeitige Einstellung von Kaiser über die Einordnung des eigenen Landes in seinen Verbund. Es ist logisch, was er woanders schon angedeutet hat. Wenn man „der Westen selber ist“ oder wenn den Westen quasi aus der Vogelperspektive mit sich selber nun darin als Teilchen sieht, das macht einen Unterschied. Innen drin sieht es ohnehin immer anders aus, als das was man darstellt.

„Es kämpft nur eine Seite…“ Sehe ich auch so. Wie im Artikel von Herrn Alt.

Mit Hölderlin (wie auch mit Büchner später) kann ich bis jetzt nicht warm werden. Es war wohl eine schlimme Zeit in Deutschland. Produktiv waren andere aus meiner Sicht.

Seine Griechenlandsucht teile ich als Griechenlandliebe. Vieles von dort ist einfach absolut elementar dargestellt, aufgrund der Entstehungsumstände. Die Weisheit der damaligen Schriften ist ungeheuerlich. Aber schwer und mühevoll erfassbar, durch den vernebelnden und blockierenden Tunnel des Christen- und Judentums dazwischen in den aktuellen Köpfen.

Die Biografie Hölderlins: Torquato Tasso lässt Grüßen. Wie kann man als Schreiber sein Brot verdienen? Heute ist es wie bei den Rockstars. Man braucht einen Gönner und man muss irgendwie in die Öffentlichkeit.

Hölderlin ist hermetisch. Man kann ihn lesen, wie man will. Sehe ich auch so. Das sehen alle so, die ich kenne. Anders wie Nietzsche oder Jünger. Beide haben irgendwie ihre formierten Anhängerschaften, obwohl sie auch ähnlich „rätselhaft“ zu schreiben scheinen. Ich sehen H noch nicht als einen der eine Richtung vertritt.

Die Nummer 95 ist eine schöne Schrift. Lesenswert, kontrovers und sie regt zum weiterdenken an. Anfänger müssen anfänglichen Mühen überwinden, werden dann aber mit nachhaltigen Gedanken für später bereichert. Der Preis ist absolut angemessen. Autoren und Verlag haben ganz offensichtlich viel Arbeit investiert, von dem der Leser sicher profitiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Hefte nach anfänglicher Überwindung an jemandem (welcher Richtung auch immer) unbeeindruckt vorbeigeht.

zeitschnur

20. April 2020 10:03

Zur Heftvorstellung/Film:

Aspekt wirtschaftliche Stabilität/Spekulation BKs über langfristig größere Krisenfestigkeit der kleinen, nachbarschaftlichen und zu mehr Selbständigkeit tendierenden Struktur im Osten:

Auch wenn der Einwand GKs berechtigt ist und der Lockdown in Ost und West schwerste Schäden an kleinen Unternehmern und Selbständigen anrichtet, zeigt dieser kurze Wortwechsel doch auf, dass wir an einem Scheideweg stehen, der entweder in den Ruin all dieser kleinen Strukturen führen könnte oder aber sie eben nach einer Phase der Depression und des Schocks doch wieder stärken könnte.

Als absolut freiheitsorientierter, politisch am ehesten libertäranarchistischer Mensch würde ich die letztere Situation am Schopfe packen, wenn ich es irgend könnte, trotzdem. Bevor mich der Staat ausbeutet, beute ich mich lieber selber aus und bin frei bzw freier. All jene, die so dumm sind, nach Deutschland zu "flüchten", um sich dort in eine perverse Abhängigkeit von diesem Staat zu begeben, sind aus mS einfach nur zu bedauern. Die Corona-Aktion der Bundesregierung war und ist faktisch ein Tritt in die totale Staatsabhängigkeit weiter Teile der Bevölkerung. So als wolle man das "Füchtlingsmodell" nun auch auf die Einheimischen übertragen.
Allerdings werden je nach Bundesland auch Krisengelder immer noch ausgezahlt, die jeder Berechtigte in Anspruch nehmen könnte, wenn sie nicht zurückgezahlt werden müssen, um so die Nixlos-Monate zu überbrücken. Falls die Politik üble Pläne verfolgt (und man kann den berechtigten Verdacht angesichts ihrer dreisten Sturheit trotz hochkarätigen, inzwischen geradezu massenhaften Widerspruchs von berufenen und kompetenten Fachleuten durchaus haben) hätte der Osten so die Gelegenheit, den gegen uns stehenden Staat (oder besser: die gegen uns stehenden Eliten) in asiatischer Kampftechnik an der Wucht seiner Aggressivität zu packen und mit seinen verfassungsdubiosen Aktionen, unsererseits gedeckt durch Art 20 GG aus dem Felde zu schlagen. Das hieße: jetzt gerade erst recht regionale wirtschaftliche Struktur, die Ächtung elitenkapitalistischer Versuche Fuß zu fassen durch Solidarität am Ort, die auch nicht durch Unterwanderungsversuche geknackt werden kann. Es ist eine alte Erfahrung, dass gekonnter Widerstand den Teufel vertreibt. Immer.
Mir ging daher trotz dieser berechtigen Einwände Gks dennoch das Herz auf bei BKs Worten zu diesem Gesprächspunkt.

KlausD.

20. April 2020 10:10

@ Laurenz 19. April 2020 18:41

Danke für Ihre Antwort, in der Sie jedoch leider nicht auf das Thema meines Kommentars eingehen. Sie fertigen meine Aussagen pauschal als Stuß ab und erzählen mir lang und breit, daß die Menschen in der Ukraine keine Toaster herstellen können.
Nochmal, ich hatte zu verstehen gegeben, daß ich es in der gegenwärtigen Situation für politisch unklug halte, sich den ukrainischen Nationalisten verständnisvoll und unterstützend zuzuwenden.
Neben dem bereits gesagten stehen genau diese Nationalisten in vorderster Front im Krieg gegen ihre russische Mitbürger, in dem seit 2014 über 13000 Tote, davon mehr als 3000 Zivilisten, zu beklagen sind (abgesehen von über 9000 Verwundeten und 1,3 Millionen Flüchtlingen).
In einem stimmen wir allerdings überein, wir waren beide schon einmal auf der Krim, bei mir war es 1977 in Jalta, und ich war (neben des Besuches eines Wochenmarktes) begeistert von den Sehenswürdigkeiten inmitten einer grandiosen Naturkulisse ...

Franz Bettinger

20. April 2020 10:46

@Compakt-Heft / Corona / Bosselmann-Strang. Eine Antwort und eine Frage an den @Tormann:

Könnten Sie mir bitte den Link (den ich im Internet nicht fand) zukommen lassen: "Die Choleradiskussion und ihre Teilnehmer, von G. Reschke?" Sie beziehen sich auf diese Doktorarbeit, in der Reschke auf S. 58f, 99ff geschrieben haben soll: "Aus Pettenkofers Tagebuch soll hervorgehen, dass er sich bereits früh eine Cholerainfektion zugezogen hatte und deshalb vor dem Selbstversuch eine Immunität besaß." Soll hervorgehen? Hat Reschke also das Tagebuch nicht selbst gelesen? Dann bleibe ich bei der Behauptung, es handele sich um Hörensagen.

Danke dennoch für die nähere Beschreibung des Max von Pettenkofer-Experiments (via G. Reschke). Es kursieren darüber offenbar mehrere Versionen. Aber egal. Wenn Pettenkofer damals schon gewusst haben sollte (was de Duve erst 1974 wusste) dass es nämlich eine unspezifische Resistenz gibt (die mit Antikörpern aus Plasmozyten nichts zu tun hat) wie etwa der Haut-Ph, Spucke, Rotz, Cerumen, Tränen-Flüssigkeit und eben Magensaft, und diese Hürde gekonnt durch Schwall-Trinken überwand - umso besser! Das ist Wasser auf meine Mühle. Denn dann wäre dieser Selbstversuch aussagekräftig; vor allem, wenn Dutzende seiner ihn anhimmelnden Studenten den Versuch an sich wiederholt hätten (was ich irgendwo gelesen habe; weiß aber nicht mehr wo). Er hätte damit 'gezeigt', dass man sich (jedenfalls auf diese klassische Weise) nicht durch 'Cholera verseuchtes Wasser' anstecken kann. G. Reschke fantasiert aber bzw. argumentiert im Kreis (zirkulär) bei der Behauptung, es sei anzunehmen, dass Pettenkofer sich während seiner Forschungsarbeiten selbst infiziert habe. Reschke "nimmt eine Annahme an", weil nicht sein kann, was nicht sein darf, nämlich dass Pettenkofer (das Dritte Postulat testend) den Cholera-Erreger als nicht infektiös entlarvte und damit Robert Koch widerlegt hatte. Haben Sie nicht zugegeben, @Tormann, dass für Cholera (ganz unabhängig von Pettenkofers Falsifizierungs-Bemühung) das 3. Postulat bis heute nicht erfüllt ist? Der Wahrheit die Ehre: Es ist schon richtig, dass es wie bei allen Infektion-Erkrankungen (und auch bei Corona) so auch bei Cholera durch den frühen Kontakt mit dem Erreger, also meistens im Kindesalter, eine „stille Feiung“ gibt (eine unbemerkte spezifische Resistenzbildung aka Immunität). Das alles zu berücksichtigen, ist Aufgabe von Epidemiologen (nicht von Virologen oder sog. 'Ärzten an der Front'), und diese armen Säue (siehe das total unterfinanzierte Cochrane Institut in Freiburg) sollte man endlich monetär päppeln und von der Leine lassen. Denn dort endet der Regenbogen, dort findet man Gold!

tearjerker

20. April 2020 11:53

„Was da aus dem damals schon längst nicht mehr goldenen Westen mit Wolfslächeln und der Intention Mitteldeutschland zu kolonisieren aka zum Karrieremachen, Plündern und Umerziehen in Goldgräberstimmung ab Ende 1989 wie eine unersättliche Heuschreckenplage über uns kam, wird von Benedikt Kaiser exactamente beschrieben.“
Der mit dem Plündern ist immer für einen Lacher gut.

Maiordomus

20. April 2020 11:55

@Die Beschimpfungen hier oben des schlitzohrigen und in vielem amerikaskeptischen und allerdings auch preussenkritischen Adenauer sind frei von differenzierten Quellenkenntnissen. Nach heute in seiner Partei herrschenden Kriterien war Adenauer ausserdem ein Antisemit, auch wenn dies selbstverständlich kein objektives Urteil wäre. Dabei galt Adenauer selbst noch aus der Sicht des Gröfaz als fähigster Politiker aus der Zeit der Weimarer Republik, wiewohl der Rheinländer gesagt haben soll: "Gegen Hitler helfen nur blaue Bohnen". Einiges davon kann man u.a. den Memoiren und Tagebüchern von Speer entnehmen. Und die politisch Unerfahrenen auf diesen Kolonnen haben nun mal auch wohl auch die leidenschaftlichen Diskussionen um die Ostverträge nicht direkt verfolgt, wo es aus den Reihen der Opposition fürwahr bis heute eindrückliche höchst bekenntnisfreudige deutschpatriotische Voten gab: zu jener Zeit, da der Adenauerkritiker Erich Mende wegen der aus seiner Sicht landesverräterischen Politik einer linksliberal gewendeten FDP zur Union übertrat. Die damalige deutsche Opposition wurde europaweit als nationalistisch, chauvinistisch, von den Linken auch als revanchistisch und faschistisch beschimpft. Es war indes auch eine Zeit, da die NPD nahe an der 5-Prozent-Hürde war, deren knappe Verfehlung übrigens Willy Brandt 1969 zur Macht verhalf. In jener Zeit sympathisierten deutschnationale Jungrechte wie Bernhard Wintzek und Heinrich Meier ihrerseits noch mit der NPD. Andererseits wurde sogar in der Neuen Zürcher Zeitung die CSU als "nationalistisch" beschimpft, Strauss bei einem Gastvortrag an der Zürcher Börse von linken Stördemonstranten als "Faschistensau" beschimpft. Wer als Akademiker meiner Generation offen für die deutsche Einigung eintrat, wurde in den 70-er und 80-er Jahren als rechtsextrem diffamiert.

@Lotta Vorbeck. Im Gegensatz zu Ihnen habe ich vor etwa 50 Jahren am politischen Aschermittwoch in Bayern teilgenommen, mit der Deutschlandstiftung Kontakt gehabt, als der baltendeutsche Patriot Edzard Schaper den Konrad Adenauer-Preis erhielt (später Gerd-Klaus Kaltenbrunner), ich kannte in der damaligen Zeit auch diverse Landtagspräsidenten, Ministerpräsidenten und Bundestagsabgeordnete, auch Vertriebenenpolitiker und christliche Oppositionelle in der DDR, Polen und in der Tschechoslowakei. Aber freilich herrschte in kulturkonservativen Vereinigungen, mit denen ich Kontakt pflegte, gerade zur Zeit der Ostverträge eine enorme Polarisierung. Ich schliesse eher aus, @Frau Vorbeck, dass Sie in Sachen damalige Kontakte und erfahrungsbezogener konkreter Kenntnisse Expertenniveau beanspruchen können.

Lotta Vorbeck

20. April 2020 12:15

@Maiordomus - 20. April 2020 - 11:55 AM

Im Gegensatz zu Ihnen @Maiordomus hab' ich in der aktuellen Realität ganz objektiv das eigene Überleben zu organisieren.

Inwiefern ich dabei aus "habe ich vor etwa 50 Jahren am politischen Aschermittwoch in Bayern teilgenommen, mit der Deutschlandstiftung Kontakt gehabt" und blasierten Elfenbeintürmerprahlereien auf Schwätzperten-Niveau Honig saugen können sollte, erschließt sich mir nicht.

Maiordomus

20. April 2020 12:44

PS. Ich kenne niemanden aus der heutigen AfD, der sich in Sachen "rechts" so stark entlang der Zumutungsgrenze bewegte wie der damalige Geschäftsführer der Konrad-Adenauer-Stiftung, Kurt Ziesel, dessen Romane aber dank Buchclubs sechsstellige Auflagen erreichten. Für den Laudator von Edzard Schaper, Max Wehrli (Germanist und Rektor der Universität Zürich, an Germanistenvollversammlungen von Linken seinerseits als "Schwein" bezeichnet), war Ziesel, wie Wehrli sich mir gegenüber äusserte, schlicht ein "Sudetennazi", ein Ausdruck, den ich damals (1969) zum ersten mal gehört habe.

Maiordomus

20. April 2020 14:10

@Niekisch. In einem Punkt muss ich Ihnen recht geben. Schlamm war im persönlichen Umgang oft ein unmöglicher Kerl, schnell beleidigt und an Arroganz kaum zu toppen. Und in Sachen "antisowjetischer Propaganda" als Weltuntergangswarnung hat er, weil man es einfach nicht hören wollte, mehr als einmal über die Schnur gehauen, glücklicherweise konnte man sich aber dann nach den in der Sache kundigeren Amalrik, Solschenizyn und Sacharov orientieren.

Aber ein besseres Buch über den Totalitarismus wie sein Meisterwerk "Die Diktatur der Lüge", eine Totalabrechnung mit Stalin als Hauptgegner sowie zugleich vernichtender Kritik an Hitler und Mussolini konnte man im Jahre 1937 wohl kaum ausmachen. Das Buch wurde in der Schweiz gedruckt. Der späte Schlamm der Siebzigerjahre orientierte sich aber zu Zeiten von Nixon und Kissinger längst nicht mehr an den USA, wo er einst mit Buckley in der National Review ein höheres Niveau demonstriert hatte als die heutige amerikanische Rechte. Im Vordergrund stand die Zusammenarbeit mit Otto von Habsburg, der Mitherausgeber von Schlamms in 10 000 Exemplaren verkauften Zeitbühne wurde. Schlamm hatte wie Elias Canetti noch dem ebenfalls eklig brillanten, ihm literarisch jedoch überlegenen Karl Kraus zu Füssen gesessen und ausserdem während Jahren mit Ossietzky und Tucholsky zusammen publiziert. Vor mir liegt ausserdem antiquarische die Nr. 1 der von Heinrich Mann gegründeten Zeitschrift "Europäische Hefte" mit Datum vom 7. Juni 1934, wo man im Leitartikel von Mann bereits von amerikanisch-sowjetischer Zusammenarbeit lesen kann. Es gab in jenem Heft aber auch schon, ganz im Geist von Schlamm, antisowjetische Polemik betr. Verrat am Sozialismus. Schlamms Artikel aber im besagten Heft, kurz vor dem sog. Röhmputsch, trug den Titel "Das Saargebiet und die Zuversicht" mit radikaler Kritik an der deutsch-französischen Saarland Übereinkunft vom 1. Juni 1934, der Mutter zahlreicher Illusionen betreffend Hitler, zumal letzterer sich damals gerade anschickte, angeblich mit den Extremisten im eigenen Lager aufzuräumen. Was in "Mein Kampf" stand war angeblich Makulatur, was Schlamm indes entschieden in Abrede stellte, gerade mit einem wichtigen Zitat ausgerechnet im Juni 1934!
Schlamm konstatierte in jenen Tagen einen grassierenden prohitlerischen Optimismus, der sich damals sogar in den Kreisen von Emigrierten breitmachte: "Die unvermeidliche Enttäuschung wird in tiefe Depression umschlagen. In der Bewegungsfreiheit des Emigrierten aber, den das zunächst gerettete Leben zur Neuaufrüstung verpflichtet, ist selbstbetrügerischer Optimismus im besten Fall eine typische Emigrationskrankheit und im häufigsten Fall der strafwürdige Versuch, den Wunschtraum als Realität auszugeben." Das Saarabkommen leite "eine Phase neuerlicher Verstärkung des fascistischen Regimes und wahrscheinlich eine mehrjährige Epoche des Friedens zwischen dem fascisistischen Deutschland und dem noch nicht faschistischen Frankreich ein. (…) Die unabschätzbar teuer erkaufte Pause vor dem Krieg...."

Schlamm war in der Tat 1934, wie später gegen die Sowjetunion, ein Kriegshetzer mit der Meinung, es gelte zuzuschlagen, solange Deutschland noch schwach sei. Als ehemaliger Kommunist hielt er sich an die auch bei den Emigrierten gängige Sprachregelung "fascistisch", mit Mahnung an die Gesinnungsgenossen: "Diese junge sozialistische Generation wird genau das an Verwirklichung ernten, was sie an Kühnheit, Leidenschaft und eigenwilliger Erkenntnis einsetzt", womit der sowohl metapolitische als auch politische Impuls des antitotalitären Lagers angesprochen war. I)n "Diktatur der Lüge" war es Schlamm, wie vor ihm schon Ignazio Silone, nicht entgangen, wie stark Stalin, Hitler und Mussolini einander bei allen Interessengegensätzen gegenseitig bewunderten, nämlich gemäss einer als bei Schlamm als Motto zu seinem Artikel zitierten Losung aus "Mein Kampf": "Allein und in der ewigen Anwendung von Gewalt liegt die erste Voraussetzung zum Erfolg."

Dieses Hitler-Zitat in den "Europäischen Heften", der in Prag erscheinenden "Wochenschrift für Politik, Kultur und Wirtschaft", als Einleitung zu einem prophetischen und bedingungslos intelligenten und in allen Voraussagen zutreffenden Artikel von "Willi Schlamm", wie der Autor sich damals nannte, wurde schon drei Wochen nach Erscheinen jenes Heftes in die Tat umgesetzt, erst recht dann auch noch mit der friedlichen Saar-Abstimmung vom 13. Januar 1935, aus Sicht von Schlamm ein bereits verantwortungsloses Zugeständnis gegenüber dem Diktator; mit solchen Zugeständnissen würde ein noch viel schlimmerer Krieg bloss um einige Jahre verschoben! Karl Popper sah dies übrigens in London genau gleich, wurde aber von seinen pazifistischen linken Freunden deswegen als Kriegshetzer beschimpft.

Wie auch immer, @Niekisch, "Abiturkommilitone" von 1967, Schlamm mag in vielem zwar ein Widerling gewesen sein, verkrachte sich mit zahlreichen Freunden und Gesinnungsgenossen, aber seine Analysen trafen nun mal regelmässig ins Schwarze. Auch vom langfristigen Untergang der Sowjetunion war er, wie Amalrik, überzeugt, schloss jedoch gerade deswegen die Gefahr eines 3. Weltkrieges nicht aus, in welchem Punkt er sich aber glücklicherweise getäuscht hat. Kämpfte Schlamm in der Dreissigerjahren noch ähnlich wie Orwell "gegen den Termitenstaat" (Stalinismus, Faschismus, Nationalsozialismus), jedoch noch, wie Heinrich Mann, auf sozialistischer Basis, wandelte er sich später mehr und mehr zum Reaktionär-Konservativen, womit er sich teilweise mit Otto von Habsburg (dieser war aber klar besonnenener) traf. Wie Habsburg und Grillparzer gehörte indes zu seiner Überzeugung: Die moderne Politik seit der Französischen Revolution führt "von der Humanität zur Nationalität bis zur Bestialität" (Grillparzer). In einem Punkt haben Sie wohl recht: Willi Schlamm war als österreichischer "Kultur"-Jude wie Stefan Zweig ein Repräsentant der Welt von gestern. In seiner "Zeitbühne" publizierten indes nebst Erik von Kuehnelt-Leddihn auch Gerd-Klaus Kaltenbrunner und der von mir besonders geschätzte Antipode von Marcel Reich-Ranicki als Literaturkritiker, nämlich Herbert Eisenreich, der vernichtende Kritiker von Thomas Bernhard et hoc genus omne, 1968 mit einem der bedeutendsten je geschriebenen Buch über Adalbert Stifter hervorgetreten. In diese Tradition gehört heute unter den besten Autoren in deutscher Sprache meines Erachtens Arnold Stadlers, "Mein Stifter" (2006). Jenseits von nationalen Ideologemen mahnt Stadler, womit er von Tag zu Tag mehr recht bekommt: "Heimat wird immer weniger."

Valjean72

20. April 2020 14:56

Vielen Dank für die Literaturempfehlung in Bezug auf «Natiokratie», als ein Schlüssel um den ukrainischen Nationalismus und Patriotismus verstehen zu können.

Der von westlichen Kräften vorangetriebene Regierungsumsturz in der Ukraine Anfang 2014 war für mich der letzte Impuls, mich endgültig von der Deutungshoheit der etablierten, allesamt transatlantisch ausgerichteten Medien zu lösen, die in diesem Zusammenhang das Vorgehen Russlands holzschnittartig darstellten, mithin verzerrten.

Gleichwohl, und dieser Gedanke kam mir erst einige Zeit später, ist es eben auch wichtig, sich mit den Beweggründen ukrainischer Patrioten (Nationalisten) zu beschäftigen, überhaupt diese erst einmal zur Kenntnis zu nehmen, jenseits vom Zerrbild des «faschistischen, gärigen Haufens», wie es auch von alternativen, einseitig russlandfreundlichen Medien bedient wird.

«Der_Juergen» hatte den Holodomor thematisiert. Diese von den Sowjets herbeigeführte Hungersnot resultierte – gem. Wikipedia - im Tod von 3 bis 14 Millionen Ukrainern. Was für ein Wahnsinn und wie wenig ist im «Westen» hierüber bekannt!

Zur aktuellen Ausgabe der Sezession:

Als ich Ellen Kositzas starken Eröffnungsbeitrag «Heute wie damals?» las, musste ich das Heft erst einmal zur Seite legen, da es mein Innerstes sehr aufgewühlt hatte.

Bisher konnte ich die neue Ausgabe noch nicht komplett lesen aber die Artikel von Bernd Kaiser, Martin Lichtmesz sowie von Dušan Dostanić las ich ebenfalls mit Gewinn.

Zitat von Der_Juergen:

… hat mich besonders der Beitrag von Lichtmesz beeindruckt. Wer nach seiner Lektüre immer noch nicht begriffen hat, dass in der Gegenwart ein Krieg bis aufs Messer gegen die weisse Menschheit geführt wird, ist zu bedauern.

Die «gemäßigten Patrioten» werden sich wohl eher an David Goodhart halten, der ebenfalls in der aktuellen Ausgabe der Sezession zu Wort kam.

Meiner Ansicht nach sollte man den Spieß jetzt nicht umdrehen und eine Hegemonie der Somewehres anstreben. Dennoch müssen kurzfristig Zugeständnisse von den Anywheres kommen, vornehmlich in Form bescheidenerer Immigrationskontingente, einer Neuauflage des nationalen Gesellschaftsvertrages, einer Entschleunigung des gesellschaftlichen Wandels

(Quelle: Sezession Nr.95, April 2020, S. 32)

Anhand dieser Äußerungen sehe ich Herrn Goodhart als linksliberalen Wolf im konservativen Schafspelz.

Wahrheitssucher

20. April 2020 15:44

@ Thomas Martini

Kann es sein, dass Adenauer von dieser von Ihnen beschriebenen Rolle gewusst hat, sich darüber im Klaren war und versucht hat, das Beste daraus zu machen?

Und zum Thema Frankreich: Standen denn da nicht zeitweise die Gaullisten gegen die Atlantiker, eben gerade gegen die Führungsmacht? Oder alles nur Blendwerk?

Niekisch

20. April 2020 18:05

@ Der_Juergen 19.4. 22:42: Nur zur Ergänzung: Unter dem bolschewistischen Terror hatte die Ukraine bereits zuvor unter Be`la Kun zu leiden, aber auch nach dem Einmarsch der Wehrmacht am 22.Juni 1941 in die Sowjetunion. Im Verlauf dieses Krieges sind unzählige Schreckenstaten der Politruks, politischer Kommissare, bekannt geworden. "1800 Zivilisten, die Naltschik im Eisenbahnzug verließen, wurden auf Befehl der Kommissare mit Benzin übergossen und verbrannt, damit sie nicht in die Hände der Deutschen gerieten, weil die Strecke verstopft war. Ein besonderes Dokument der Grausamkeit weist der Korrespondent der Madrider Zeitung "Ya" nach, anlässlich des Besuches der "Höhle" des Kommissars nach dem Fall von Sewastopol (Krim, niekisch). "Diese im Inkerman-Tal gelegene Höhle," so heißt es in dem erschütternden Bericht des spanischen Journalisten, "ist wohl die grösste von allen. 1500 Frauen, Greise und Kinder fanden in ihr Unterschlupf, aber gleichzeitig diente die Höhle als Pulvermagazin. Als der bolschewistische Kommissar, unterdessen Schutz diese unschuldigen Menschen gestellt worden waren, erkannte, dass die Deutschen immer weiter vorrückten, jagte er den ganzen Berg in die Luft. Ein entsetzlicher Anblick...Über eine Million Kubikmeter Felsmassen sind in wenigen Sekunden gesprengt worden. .Ein Verbrecher, aller seiner Sinne beraubt, schuf auf diese Weise das Grab von 1500 verängstigten und unschuldigen Opfern" ( Marjay, Dr. Friedrich, Europa oder Chaos, Ein Ungar über den Bolschewismus, o. J.,Verlag F. Willmy, Nürnberg, S. 143, 144)
Die Bolschewisten ließen sich wohl von Lenins Parole inspirieren: "Der Bolschewismus ist kein Mädchenpensionat. Unsere Kinder müssen bei den Hinrichtungen der Feinde des Proletariats anwesend sein und sich über ihre Vernichtung freuen" (ebenda, S. 144).

Gracchus

20. April 2020 21:48

Ich habe nicht behauptet, dass die Verse Hölderlins nicht in Fleisch und Blut gehen und Verse Georges nicht Fleisch und Blut verhandeln. Das Gedicht, das Sie @links dankenswerterweise zitieren ("Der Winkel am Harhdt") ist mir bei meiner vorgestrigen Lektüre ebenfalls aufgefallen, als sehr geglückt aufgefallen.

Was sich mir bei Hölderlin nicht ganz erschließt, ist der Rückgriff auf die griechische Götterwelt - das ist bei Hölderlin mehr als ein Bildungstopos. Andererseits: Hat er wirklich die Wiederkehr der griechischen Götter erwartet? M. E. spielt sich das rein in der Imagination des Dichters ab, und das Entscheidende scheint mir eher der Blick ins Offene, was auch in "Brot und Wein", das ichthematsiert wird, verbunden mit der Suche nach dem Eigenen.

Die Reihe Hölderlin - George - Schilling sollte @Maiordomus keine Qualitätslinie bezeugen, sondern: was die genannten vereint, ist die Rolle des Dichter-Sehers. Seher und Künder wovon? Nun meine These: von ihrer eigenen dichterischen Imagination, ihre Privatmythologie. Was ist denn Georges Maximin?

Schilling hat sich dazu dezidiert in einem (auf youtube abrufbaren) Interview bekannt. Deshalb gelten die folgenden Überlegungen v. a. ihm. Sein Mythos ist reiner Mythos und tritt nie in die geschichtliche Zeit oder die irdische Wirklichkeit ein (allenfalls eben durch das dichterische Sprechen). Die Deutschen des Mythos, so sagt er sinngemäß, haben nichts, aber auch gar nichts mit den real existierenden Deutschen zu tun. Dagegen: Der christliche Mythos hat sich durch die Inkarnation Christi in der geschichtlichen Zeit abgespielt und ist historisch zu verorten. Für einen gläubigen Christen ist damit eine beständige Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Zeit und Ewigkeit gestiftet - auch wenn das Reich Gottes, das Christus angekündigt hat, "nicht von dieser Welt" ist und einstweilen imaginär bleibt (man denke an das paulinische Als ob). Schilling kreidet das - dass der christliche Mythos in die Zeit eingetreten ist - so origineller- wie konseqenterweise als Zeichen seiner Minderwertigkeit an. Mir ist Schillings Haltung poetologisch fragwürdig, da ich in Gedichten auch etwas Existentielles suche.Die wenigen Gedichte, die ich von Schilling gelesen habe, konnte ich wegen ihres Form- und Sprachbewusstseins genießen, und ich habe mir noch kein abschließendes Urteil gebildet und kann nicht sagen, wie und ob diese Haltung dabei zu Buche schlägt.

Zufall oder nicht, dass sich der Todestag Paul Celans heute jährt, für mich einer der bedeutendsten Nachkriegslyriker, und seine Poetologie, wie er sie in seiner Meridian-Rede entfaltet, scheint der von Schilling diametral entgegen, indem sie Gedichte unter dem Neigungswinkel der eigenen Kreatürlichkeit einfordert. Und eine Linie lässt sich zu Hölderlin ziehen ("Tübingen, Jänner"), aber auch zu Heidegger ("Todtnauberg"), den Celan stark rezipiert hat und mehrfach getroffen hat. Wie ich erst die Tage erfahren habe, haben sich Jünger und Mohler für die Publikation von Celans erstem Gedichtband eingesetzt.

P. S @Maiordomus: Der bis dato unbekannte Begriff "Natiokratie" klingt in meinen Ohren ebenfalls gruselig.

RMH

20. April 2020 22:09

"Kann es sein, dass Adenauer von dieser von Ihnen beschriebenen Rolle gewusst hat, sich darüber im Klaren war und versucht hat, das Beste daraus zu machen?"

@Wahrheitssucher,

So sieht es aus.
Aber politische Kräfte, die nicht gleich auf Krieg und im Zweifel pseudo-heroischen Untergang setzen und aus einer Lage pragmatisch versuchen, dass Beste für Deutschland zu machen, wurden schon vor 33 als sog. "Erfüllungspolitiker" verunglimpft und manche davon sogar liquidiert. Die gleiche Debatte kommt dann in anderem Gewand nach 45 wieder, nur dass die jetzigen Pöbler keine echte Potenz, außer verbaler Querulanz, mehr entwickeln können - im Westen also mal wieder nichts Neues.

Die Debatten dazu sind hier auf SiN schon seit Jahren ausgefochten und wiederholen sich.

Lotta Vorbeck

21. April 2020 00:17

@tearjerker - 20. April 2020 - 11:53 AM

Der mit dem Plündern ist immer für einen Lacher gut.

~~~~~~~~~~~~

Lachen sei gesund, heißt es.

Lachen Sie @tearjerker also, solange Ihnen danach zumute ist.

Wenn Sie sich dann wieder beruhigt haben, erinnern Sie sich vielleicht noch dunkel an Detlev Rohwedder?

Der Mord an Detlev Rohwedder am 1. April 1991 ist bis heute genausowenig aufgeklärt, wie der Mord an Siegfried Buback am 7. April 1977.

Detlev Rohwedder starb als Präsident der Treuhandanstalt.

Nach der Ermordung Rohwedders nahm Birgit Breuel dessen Platz ein.

Unter Breuel wechselten sämtliche von dieser Anstalt eigentlich treuhänderisch zu verwaltenden Vermögenswerte flugs den Besitzer.

Der Allgemeinheit hinterließ Madame Breuel einen gigantischen Trümmer- und Schuldenberg, der auch im Jahre 2020 noch nicht vollständig wieder abgetragen ist.

Mit Literatur über das dubiose Gebaren dieser euphemistisch Treuhand genannten Bundesanstalt zum Schaden von Volk und Land dürften sich mittlerweile mehrere Regalmeter füllen lassen.

Maiordomus

21. April 2020 09:29

@Lotta und @Laurenz. Dort, wo Sie was davon verstehen, siehe sog. Treuhand und Ihre Reiseerfahrungen in der Ukraine und auf der Krim, anerkenne ich gerne Ihre Gesprächskompetenz.

Selber darf ich ja mit Vorliebe auf jahrzehntelange Leseerfahrungen pochen, und was das Persönliche betrifft, nun mal bessere Bekanntschaft mit westdeutschen Rechtskonservativen vor 35, 40, 50 und 55 Jahren. Diese sollten Sie nun mal auf keinen Fall mit denjenigen verwechseln, die heute in den Unionsparteien den Ton angeben. Die Bedeutendsten von ihnen standen klar rechts von den Nationalen, könnten, in einem durchaus nicht denunzierenden Sinn als rechts-"radikal", auf die Wurzeln bezogen, bezeichnet werden. Wiederholt habe ich in diesem Zusammenhang auf Leopold Ziegler und Erik von Kuehnelt-Leddihn aufmerksam gemacht. Dieser Typus des Rechten wurde zum Beispiel im Horst-Wessel-Lied ausdrücklich als Feind bezeichnet, im Prinzip (und nicht nur im Prinzip) zur Erschiessung freigegeben. Zahlreiche aus diesem Lager mussten es denn auch mit dem Leben bezahlen! Unter den späten, wirklich freiheitlichen Rechtskonservativen war noch vor wenigen Jahren der bayrische Strauss-Kritiker Franz Handlos in einem Nachruf zu würdigen. Bei FJS bleibt es natürlich dabei, dass er, unbeschadet seiner politischen Intelligenz, für einen gewissen Grad von Korruption ("amigos") anfällig war. Insofern war es reiner Chauvinismus, ihn im vergangenen Jahr in der Regensburger Ausstellung "1000 Jahre Bayern" als sozusagen den Höhepunkt der modernen bayerischen Geschichte zu würdigen. Letzteres diente ohnehin nur noch der Systempropaganda pro CSU.

Maiordomus

21. April 2020 10:13

@Gracchus. Einmal mehr ein für den Literaturbegeisterten kostbarer Beitrag von Ihnen. Gerade überschätzen würde ich Celan nicht, dessen Plagiate selbst noch in seinem berühmtesten Gedicht "Die Todesfuge" wirklich mühsam sind, wiewohl er qualitativ und in der Übertragung auf einen je ganz eigenen unvergesslichen Ton die jeweils Plagiierten übertroffen hat. Noch beeindruckend, dass die Habilitationsschrift von Hermann Burger und die germanistische Dissertation (er schrieb noch eine theologische) von Arnold Stadler Celan gewidmet waren. Ein noch eindrückliches Gedicht des in der Seine freiwillig Ertrunkenen variierten das Hölderlinsche Geheimwort "Pallaksch" oder ähnlich, es klingt esoterisch-genial.

Laurenz

21. April 2020 10:30

@Maiordomus ..... meine Kritik an Ihnen und Ihren damaligen konservativen Kontakten erschien der Redaktion als nicht opportun zur Veröffentlichung.
Auch die deutsche FDP der 50er Jahre stand zumindest zum Teil rechts der heutigen FP Österreichs. Aber spätestens mit dem Eindengeln Herrn Möllemanns ist dieser Flügel der FDP tot. Die FDP hatte ihre Chance eine Alternative für Deutschland zu sein, vertan.

Auch auf die Gefahr hin, daß mein Beitrag wieder nicht veröffentlicht wird. Es sind Ihre damaligen konservativen Korrespondenten, die an der Macht waren, und mein Land, nicht Ihres, verraten haben, indem sie es den Alt68ern überließen. An Ihrer Stelle, würde ich mich keine Sekunde auf diese Leute berufen.

Der_Juergen

21. April 2020 10:30

@Thomas Martini

Natürlich war Adenauer der Mann der Amerikaner, da haben Sie recht. Aber gab es für die BRD damals eine realistische Alternative zur Einbettung in die Nato und dem "Bündnis" mit den USA? Ich glaube nicht. Eine Verständigung mit der UdSSR und Wiedervereinigung mit der DDR als Gegenleistung für die Neutralisierung Gesamtdeutschlands wäre theoretisch sehr wünschenswert gewesen, war praktisch jedoch ausgeschlossen. Zunächst einmal hätte die US-Besatzungsmacht (von den Briten zu reden lohnt sich kaum, da diese längst keine eigenständige Aussenpolitik mehr betrieben) das nicht geduldet. Auch wäre die grosse Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung nicht gewillt gewesen, diesen Schritt ins Unbekannte zu tun. Man misstraute den Sowjets, wofür es natürlich triftige Gründe gab. Zu guter Letzt war Adenauer zweifellos populär, vor allem aufgrund des Wirtschaftswunders.

Aus diesen Gründen ist es nicht angebracht, ein rein negatives Urteil über ihn zu fällen, auch wenn er ein Statthalter Washingtons war. Mutandis mutatis lässt sich seine Rolle mit der Marschall Petains in Frankreich vergleichen, der ehrlich bemüht war, nach einer katastrophalen Niederlage seines Landes unter einer fremden Besatzung das Beste für Nation und Volk herauszuholen.

@valjean 1972

David Goodhart ist, wie aus seinem Interview mit "Elements" hervorgeht, in der Tat ein Cuck. Seine Devise lautet offenbar: Muslimische und farbige Immigration ja, aber bitte nicht so rasch. "In meinen Augen sind die meisten populistischen Parteien - so auch das Rassemblement National - vollkommen salonfähig", sagt er. "Salonfähig" in wessen Augen? In den Augen des volksmordenden Systems und seiner Elite? Solche Duckmäuser können nicht unsere Verbündeten sein. Sie mögen viel Richtiges sagen, schaden aber dennoch mehr, als sie nützen.

Maiordomus

21. April 2020 10:48

PS. @Gracchus.

Noch zu Rolf Schilling, den Sie meines Erachtens mutmasslich überschätzen. Das scheint mir nun mal nicht gerade Liga Hölderlin - Nietzsche - George - Ezra Pound. Ein Beispiel aus einem 2017 publizierten Gedichtband:

„Kein Hauch von Busch und Tann –

Sein Auge nur in Trauer

Löscht, was dir Traum und Schauer

Und was die Parze spann –

Der Waldkauz schaut dich an"

Ungefähr solche Gedichte schrieb ich zum Privatgebrauch mit 17 Jahren im Nachklang an die damalige Goethe-Lektüre: "Busch und Tann" statt "füllest wieder Busch und Tal". Ja, dass sich "Trauer" auf "Schauer" reimt, überdies das georgisierende "Und die Parze spann". Unfreiwillig komisch der Waldkauz, von dem der Lyriker sich angeschaut fühlt.

Das Problem liegt in der mangelnden Begabung in Verbindung mit einem nicht ausreichenden kritischen Lektorat. Empfehle noch das Buch "Zirkelschlag der Lyrik" von Erwin Jaeckle (1908 - 1997), der im Vergleich zu Schilling schon noch, z.B. mit den "Eineckgedichten" nach ebenfalls einer langen und mühsamen Phase von georgeschem Raunen Einmaliges zustandebrachte, so wie ich unter den Lyrikerinnen Elisabeth Borchers nicht unterschätzten würde, wiewohl sie im Alterswerk nicht mehr an ihre frühen Anklänge anzuschliessen vermochte.

Ehrlich gesagt gilt für heute, was Reinhold Schneider für die deutsche Lyrik konstatierte, mit Datum vom 16. April 1938, dem Tag des heiligen Joseph Benedict Labre:

"Verkehrt sind alle Zeichen, stumm die Dichter
Es bannt das Wort nicht mehr die Todesmächte,
Die deine Seele, Volk, in Fesseln schlagen"

Das war nicht Schillings glotzender, die Stimmung verstärkender Waldkauz, sondern die Wahrheit, vergeblich in die Zeit hinein gesprochen. Unter den geheimen Botschaften, die sich an unsere Zeit richten, zähle ich den neuen Prosatext "Das Riesenrad" von Volker Mohr, gestern in Schaffhausen vor etwa 400 Videohörern präsentiert. Von den verbliebenen Poeten in der Masse derer, die jetzt noch Entschädigung dafür fordern, dass sie nichts zu sagen haben. Volker Mohr, einer der nicht fordert, sondern gibt. Der Verzicht nimmt nicht, der Verzicht gibt. Wer hat das eigentlich schon wieder gesagt?

DieAngstDesTormanns

21. April 2020 11:51

Sie finden die Arbeit als pdf auf den Suchmaschinen unter:
Die Choleratheorie Max von Pettenkofers im Kreuzfeuer der Kritik – Die Choleradiskussion und ihre Teilnehmer
von Gregor Reschke.

Ich werde mich vorerst aus dem Forum verabschieden und zu den Lesenden (der letzten Druckversionen) übertreten.

Erlauben Sie mir noch ein Augenzwinkern zu Pettenkofer: Eine n-Zahl von 1 (Pettenkofer selbst) desavouiert das Experiment. Er hätte genügend Schüler gehabt! Warum hat er nicht 50 oder 100 seiner Schüler antreten lassen?

Gustav Grambauer

21. April 2020 12:36

RMH

"Die Debatten dazu (Adenauer, - G. G.) sind hier auf SiN schon seit Jahren ausgefochten und wiederholen sich."

Offenbar sind sie noch lange nicht ausgefochten.

Das Problem bei der historischen Beurteilung Adenauers sitzt psychologisch so tief, wie es, soweit ich mich erinnern kann, noch von niemandem hier ausgelotet wurde.

Zufall, daß die Rede gerade so sehr auf ihn kommt nachdem es bei Herrn Schick um die Ukraine ging?

Der Lieber-das-halbe-Deutschland-ganz-als-das-ganze-Deutschland-halb-Adenauer wollte also, wie ich jetzt wieder mal hier lesen muß, "das Beste für Deutschland aus der gegebenen Situation machen". Soso...

Die Debatte über diesen ultramontanen Spaltpilz führen wir noch mal, nachdem Putin in Mitteleuropa Nägel mit Köpfen gemacht hat. Von der Legendenpflege ist mit dem Niedergang der Vatikan-NATO-Schiene schon heute kaum noch etwas übriggeblieben, je rasanter dieser Niedergang weiterverläuft, desto schneller wird sich diese Sicht auf ihn

https://www.youtube.com/watch?v=IsLQO5xCMw8

durchsetzen, warten wir es ab.

Der Arroganz der sich als ganz besondere "Kulturmenschen" (???) dünkenden (in Wahrheit vor Dekadenz schon faulenden) Westintegrations-Strategen und derer Ideologen, vor allem aus den Weinprovinzen hinter dem einstigen Limes der Römer gegenüber dem "slawischen Untermenschentum" (wobei die Ideologen selbstverständlich nie vergessen, einzelne Ostdissidenten lobend herauszuheben) liegt, falls ihr jemals eine zugrunde lag, längst keine Substanz mehr zugrunde. Eine Saga des Versagens!

Habe während des Kalten Krieges, der ein beidseitiger war - worüber von westlicher Seite immer gern hinwegemotionalisiert / hinwegideologisiert wird -, nie verstanden, warum sich so viele vom unter der Maske des "Antitotalitarismus" daherkommenden britisch-inspirierten (Popper ...) Totalitarismus, bis hin zum korporativen Faschismus als dessen Kern, konnten blenden lassen.

Nicht nur daß über Adenauer hinaus auch die Deutschen insgesamt unter alliierter Egide kaum Neigung hatten, wenigstens als Deutsche (!) das Beste aus den Verhältnissen zu machen bzw. für sich herauszuholen und vielmehr wie der Zug der Lemminge auf die Farce des Kalten Krieges eingestigen sind - im Osten wie im Westen. Nein, es gibt sogar bis heute noch Leute, die sich in ihren Zwang zur Betätigung im Kalten Krieg (als Phantom des damaligen oder z. B. heute in der Ukraine metamorphosiert) festgebissen haben wie der schaumtriefende Pitbull in den Gummiball.

Was mich an diesem Phänomen schon immer am meisten verblüfft und ich räume ein auch mit einem insgeheimen Interesse an der Untersuchung des Bösen fasziniert hat: die Janusköpfigkeit der Kältesten der Kalten Krieger in der ganzen Tiefe ihrer humanistischen Bildung. Altgräzisten-Romanisten von den ehrwürdigsten Gymnasien und Universitäten, die bei etwas Antriggerung ihres Antikommunismus-Reflexes ohne mit der Wimper zu zucken im Kalten Krieg die atomare Auslöschung, sagen wir, Dresdens begrüßt hätten! Schon sehr schräg, oder?!

Hans-Joachim Müller vom Neuen Forum Leipzig war 1989 der Einzige, der daraufhingewirkt hat, die Macht ohne große Umstände zwischen SED und Opposition zu aufzuteilen. Reiner Pragmatismus: ob man die SED gemocht hat oder nicht, damit wäre aus Mitteldeutschland eine unbezwingbare Bastion geworden. Aber die gerade aus England zurückgekommene Bohley wollte ja lieber "Runder-Tisch"-Schwatzrunden à la Tavistock während z. B. das Voksvermögen bereits hintenrum ausgeplündert wird. Bringe dieses Beispiel zur Illustration des Folgenden: jeder kann für sich selbst entscheiden, ob er Kalter Krieger / "antitotalitärer" Bessermensch / ideologisierter Schwarmgeist (im doppelten Wortsinne) oder Pragmatiker sein will. (Immerhin war Strauß beides.)

- G. G.

Niekisch

21. April 2020 17:01

"Dieser Typus des Rechten wurde zum Beispiel im Horst-Wessel-Lied ausdrücklich als Feind bezeichnet, im Prinzip (und nicht nur im Prinzip) zur Erschiessung freigegeben."

@ Maiordomus 21.4.9:29: Da können Sie nur den Refrain der 1.Strophe meinen: " Kam`raden, die Rotfront und Reaktion erschossen, marschier`n im Geist in unsern Reihen mit"

Da geht es allerdings nicht um das Erschiessen von Menschen anderer Gesinnung, sondern um die "Blutzeugen" der SA, d.h. deren Tote.

Kositza: Oh bitte, lesen Sie alle den "armen Epstein" von Heinz Knobloch, da geht es speziell um dieses Zitat. https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Heinz-Knobloch+Der-arme-Epstein-Wie-der-Tod-zu-Horst-Wessel-kam/id/A02f92U801ZZR
Ist grad bei uns Familienlektüre. Sehr witzig.

Maiordomus

21. April 2020 17:28

Hier hört man, nicht zuletzt im ressentimentgeladenen Rückblick auf die Geschichte der Bundesrepublik vor 1980, viel unsinniges Zeug, mit dem man sich meines Erachtens als Oppositioneller in Deutschland wohl kaum als politikfähig qualifizieren würde. "Dresden mit einem Atompilz zusätzlich kaputtmachen wollen", das ist gegenüber keineswegs dummen oder gar verantwortungslosen Politikern jener Tage gegenüber eher eine Psycho-Einschätzung als eine politische Analyse und beruht keinesfalls auf Quellenlektüre oder wenigstens auf dem Studium etwa der Debatte über die Ostverträge und der damaligen militärstrategischen Literatur.

Die NATO-Strategie der "massiven Vergeltung" war damals schon längst begraben, wobei man es aber auch bei der letzteren nicht auf das Äusserste ankommen lassen wollte. Man vergesse nicht, dass selbst auch für den Kalten Krieger Schlamm unter den amerikanischen Präsidenten Kennedy ein nach Phrasen orientierter spektakulärer Versager war (siehe die abenteuerliche Kuba-Politik), und dass auch Adenauer nach seinem Rücktritt als Kanzler sogar die amerikanische Vietnampolitik als unvernünftig kritisiert hat, ein Mann nun mal von unvergleichlich höherer politischer Intelligenz und Weitsicht als jeder hier, mag auch längst nicht gerade jede seiner Entscheidungen sich als langfristig richtig erwiesen haben. Auch bei dem einst umstrittenen Atomsperrvertrag ging es beileibe nicht um Atomkriegsphantasien. Dazu müsste man sich aber gründlich mit der Sicherheitspolitik jener Zeit befasst habe, was ich bei @Ihnen, Grambauer, jetzt nicht gleich annehme. Auch in der Schweiz war der Atomsperrvertrag mit achtbaren Gründen umstritten, nicht aus Freude am atomaren Holocaust, sondern wegen, so weit es ging, Ablehnung von Fremdbestimmung. Damit hat sich, u.a. auch mit dem Studium von Sicherheitspapieren aus der Bundesrepublik, in Zürich das Institut für politologische Zeitfragen befasst. Es stimmt aber wohl, dass diese Fragen schon damals nicht gerade biertischkompatibel waren. Als Teilnehmer an sicherheitspolitischen Tagungen in Deutschland und in der Schweiz habe, schon weil ein paar Jahre älter, diese Zeit nun mal in präziserer Erinnerung als Sie, und in keiner Weise war man in Deutschland etwa bereit, eine Politik im Sinne der später teilweise an die Macht gelangten 68er einzuleiten. Es brauchte allerdings Mut, zu dieser Haltung zu stehen, zumal die Nazi-Keule aus der Sicht der Gegner damals schon längst zum Einsatz kam.

Maiordomus

21. April 2020 17:33

@Gracchus. "Der Verzicht nimmt nicht. Der Verzicht gibt." Ein Satz von Heidegger aus einem seiner schönsten Texte, "Der Feldweg".

RMH

21. April 2020 19:45

@G.G.,

bei so einer vertieften Diskussion - die es hier aber auch schon häufiger gab, zieht sich ja wie ein roter Faden durch die Debatten - sollte meiner Meinung nach auch berücksichtigt werden, dass die sog. Nazis eine mehrschichtige Propaganda verfolgten. Während der eigentliche, ideologische NS keine echte Breitenwirkung erzielte (mit Breitenwirkung meine ich schon eine überwiegende Mehrheit) konnte man mit dem Antikommunismus und Antibolschewismus eine echte Mehrheit hinter sich versammeln und auch zur Kriegführung maßgeblich motivieren. Dies auch, weil diese antikommunistische Saat ja bereits nach den (maßgeblich von Roten verursachten) Unruhen am Ende des WK I erfolgreich gesät wurde. Die Nazis selber werden teilweise aus dem Abwehrkampf gegen den Bolschewismus heraus erklärt (Nolte bspw.).

Insofern - und das ist keine Propaganda - fühlten sich viele, die am Ende des WK II eben im nicht von den kommunistischen Russen besetzten Teil landeten, automatisch schon ein bisschen auf der "besseren Seite", ohne dass es dazu große Anstrengungen seitens der Westalliierten bedurfte. Die grundsätzliche, schon seit mindestens 25 Jahren verinnerlichte antikommunistische Einstellung erledigte viel von alleine, was das Thema "Westintegration" betrifft.

Auf der anderen Seite, also auf dem Gebiet der DDR - das werden Sie besser beurteilen können als ich - könnte der Sozialismus wiederum die kleineren Kreise in der Bevölkerung, die sich zuvor mit dem NS, der ja auch antiliberal und antiamerikanisch war, ideologisch ein bisschen vertiefter als der Durchschnitt beschäftigte, angesprochen haben. Insofern konnten beide Seiten gut von der zuvor im NS-Staat erfolgten Propaganda und Erziehung profitieren, in der Bundesrepublik natürlich deutlich besser, als in der DDR, da der Antikommunismus eben verbreiteter war und schlagkräftig gezogen hat.

Adenauer wiederum war ein cleverer Bürgermeister und regierte entsprechend dann die neue Bundesrepublik. Er war es immer gewöhnt, dass jemand darüber stand (so ist ja die Lage eines Bürgermeisters) und wie man daraus - ja, es ist so - das eben in der Situation "Beste" für seine Leute macht. Ob das nun die Bürger von Köln oder die ganze BRD waren, macht da keinen großen Unterschied. Mit nem Royal Flush in der Hand kann jeder ein Pokerspiel gewinnen - mit anderen Karten sieht es eben anders aus. Und mit schlechten Karten spielen, dass konnte der Adenauer meiner Meinung nach schon.

Man sollte Adenauer mithin weder auf einen Schild heben, noch verteufeln. Die Tendenz, aus einer Besatzungssituation oder unter Vorgaben aus dem Ausland immer noch möglichst viel für Deutschland heraus zu holen, war bei der CDU/ CSU recht lange verinnerlicht. Einer der letzten dieser "Erfüllungspolitiker" der zweiten Generation war Theo Waigel. Der brachte zwar den durch die Wiedervereinigung von Frankreich geforderten Euro auf die Spur, verhandelte aber gleichzeitig Regeln zur starken Einhegung wie bspw. die Maastricht-Kriterien. Wenn man sich daran nur gehalten hätte ...

Hätte, hätte ...

Gracchus

21. April 2020 20:24

@Maiordomus
Die Verse Schneiders könnten über dem Werk Celans stehen. Darum geht es in der Meridian-Rede wie auch in dem Werk, vor allem dem Spätwerk Celans. Botho Strauß schreibt in einem Beitrag für die ZEIT: "Ein Celan verdunkelt die Eich, Lehmann, von der Vring, Brobrowski und Lavant. Die wir sonst stets die liberale Vielfalt preisen, anerkennen unbeirrt den Monarchen, den Ersten und Einen, die führende Größe, die die schwach Lesenden zusammenhält und ihnen Orientierung bietet."

Ich teile die Auffassung von Strauß nicht. M. E. ist das sogar ausserordentlich dummes Geschwätz. Celan ist kein "Monarch" und stellt z. B. Bobrowski nicht in den Schatten. Aber zu Celan greife ich seit nunmehr 20 Jahren (wie auch zu Bobrowski).

Der oben zitierte Beitrag von Strauß befasst sich übrigens mit Konrad Weiß, der durchaus beachtliche und völlige eigenständige Gedichte verfasst hat; er war mit Carl Schmitt befreundet.

Über Rolf Schilling habe ich mir noch kein Urteil gebildet, dazu kenne ich sein Werk zu wenig. Steht das von Ihnen zitierte Beispiel exemplarisch für das gesamte Werk? Schlechte Gedichte finden sich in jedem Werk. Auf dem TUMULT-Blog finden sich drei Kostproben aus dem jüngsten Band, die in der Tat auch sehr dürftig scheinen. Meine Vorbehalte gegenüber seinem An- und Einsatz habe ich bereits geäussert. Es scheint, als seien alle ästhetischen Ansätze und Debatten seit der Romantik nahezu spurlos an ihm vorübergegangen. Dennoch: Das muss noch nichts heißen. Vielleicht mag sich ja ein Verteidiger Schillings zu Wort melden und die Vorzüge seines Ansatzes und ein gelungenes Beispiel aufzeigen!

Ein Beispiel, wie es gehen kann, liefert m. E. Inger Christensen mit ihrem "Schmetterlingstal", einem klassischen Sonettenkranz. Darin kommt nichts vor, was zur modernen Lebenswelt gehört; auch ist die Leitmetapher Schmettlering = Seele absolut konventionell. Und dennoch!

Nun, dass ein Verteidiger Schillings sich hier auf dem Blog noch nicht zu Wort gemeldet hat, das mag daran liegen, dass Lyrik eine Angelegenheit für eine absolute Minderheit ist. Dennoch könnte davon eine Debatte darüber ausgehen, was eine "rechte Ästhetik" sein könnte.

Maiordomus

21. April 2020 23:37

@Gracchus. Das oben zitierte Schrottgedicht von Schilling wurde im bisher umfangreichsten Zeitungsporträt des Autors, in der Jungen Freiheit, im Ernst als Beispiel für seine "Qualität" zitiert. Auch die entsprechenden Zitate in Sezession sind in Konfrontation mit dem 250. Geburtstag von Hölderlin nichts als beschämend peinlich. Auf eine solche "rechte" Ästhetik kann fürwahr verzichtet werden. Der bei weitem begabteste "rechte" moderne Lyriker, wenn Sie ihn so nehmen wollen, war Paul Ernst mit seinem unglaublichen, der Zeit um Jahrzehnte vorauseilenden Band "Polymeter" (1898), um den sich der Germanist Ralph Gnosa in einer hochqualifizierten Ausgabe noch mit Erfolg bemüht hat. Demgegenüber ist es Paul Ernst freilich nicht gelungen, sich als Dramatiker seinem Ehrgeiz entsprechend durchzusetzen.

Wenn Sie hervorragendste moderne Lyrik in deutscher Sprache lesen wollen, dann nehmen Sie sich die Ezra-Pound-Übersetzungen von Eva Hesse vor (sie ist vor gut Monatsfrist verstorben), ergänzend mit der genialischen Südtiroler Übertragung des berühmtesten aller Cantos, "Usura", durch Siegfried Walter von Strachewiltz, den Enkel von Pound, zugleich der beste, weil am reichhaltigsten dokumentierende Südtiroler Volkskundler der vergangenen Jahrzehnte. Unter diese Ansprüche, z.B. Paul Ernst, Hugo von Hofmannsthal oder Georg Trakl zu gehen, würde bedeuten, sich der Nullepoche der gegenwärtigen deutschsprachigen Staatssubventionslyrik anzuschliessen.

Zur Prosa: "Das abenteuerliche Herz", 2. Fassung, zum Beispiel "Das Entsetzen", "Das Rotschwänzchen" usw. setzte fürwahr Massstäbe.

PS zur Politik: Adenauer war kein "Erfüllungspolitiker". Er dachte einfach anders als diejenigen da oben, meines Erachtens durchaus zugunsten Deutschlands, erst noch freiheitlicher, als es Bismarck nachgesagt werden kann. Zur politischen Zurechnungsfähigkeit in Deutschland würde es gehören, mit einigen zwar unvermeidlichen Einschränkungen, die historisch-politischen Leistungen Adenauers anzuerkennen. Man konfrontiere dessen Lebensleistung mal mit den Vorstellungen von 1945, etwa auch von Cassirer, Adorno u. Co, die sich in ihren Rachephantasien eine deutsche Zukunft auf dem Niveau eines entwaffneten spätsteinzeitlichen Agrarlandes vorstellten. Mit Ausnahme von John Foster Dulles, mit dem er es freilich allzu gut konnte, schätzte Adenauer so gut wie alle amerikanischen Politiker als im Metier mässig begabte Naivlinge ein. Er brauchte fürwahr keinen Chef, und brachte es fertig, mit einem Wortschatz von wenig mehr als 1000 Wörtern eine klare Linie durchzuziehen. Und im Sinne von Machiavelli unterschied er drei Wahrheiten: a) die volle Wahrheit b) die reine Wahrheit c) nichts als die Wahrheit. In Abgrenzung zu Aristoteles handelte es sich dabei um drei ganz verschiedene Versionen. Noch zu seiner Einschätzung des katholischen Klerus: "Warum sind Sie dem Kennedy gegenüber so skeptisch, der ist doch wie Sie katholisch?" - Darauf der Bundeskanzler: "Der Frings (Erzbischof) ist ooch katholisch." Und weil Adenauer 13 1/4 Jahre älter als Hitler war, gab es für ihn auch, über "Rücksichten auf eine gewisse in den Vereinigten Staaten einflussreiche Volksgruppe" hinaus, auch keine Vergangenheit zu bewältigen, da in Sachen Hitler nun mal frei von Illusionen, eher aus Gründen der politischen Intelligenz als wegen der Gehlenschen "Hypermoral", die nie seine Losung war. Keine Illusionen machte sich Adenauer ferner über die Unfähigkeit Erhards betreffend das Kanzleramt. Auch für diese Einschätzung bedurfte es der Erfahrung in Verbindung mit politischer Intelligenz.

Wahrheitssucher

22. April 2020 00:45

@ Gustav Grambauer

Sie sprechen von einer „Farce des Kalten Krieges“.
Erklären Sie das bitte! War das eine irreale Schein-Veranstaltung? Gab es eine aggressive, auf Expansion angelegte sowjetische Außenpolitik oder gab es die nicht? Ich persönlich habe unter der Prämisse des Ersteren den Wehrdienst seinerzeit nicht verweigert. Noch heute kann ich mich von der Vorstellung nicht lösen, da gänzlich falsch gelegen zu haben.

Maiordomus

22. April 2020 08:08

Betrifft: Rechte und Rechtskonservative in der alten Bundesrepublik

Die Meinung, es habe in der alten Bundesrepublik bei den Unionsparteien und nicht auch schon einen klar rechtspatriotischen Flügel mit echtem Einfluss gegeben, beruht in der heutigen Partei auf Verdrängung und bei politisch schwach informierten rechtsnationalen Ultras in dieser Kolonne schlicht auf Verdrängung. Dabei bleibt es aber richtig, dass spätestens mit Helmuth Kohl in jener Partei eine Generation von Opportunisten, nicht Grundsatzpolitikern, an die Macht kam, was sich mit Barzel und Kohl schon bei der Debatte um die Ostverträge 1972 abzeichnete. Ein Grundsatzpolitiker alter Schule, keineswegs ein Aussenseiter, dabei allerdings wie der alte Guttenberg ein sogenannter Atlantiker, war der Bundestagsabgeordnete und Justizminister (sogar noch unter Erhard) Richard Jäger, bis 1990 auch noch einer der wichtigsten rechtskonservativen Europapolitiker. Prophetisch sein zorniger Protest 1972 gegen die erste Frau mit Hosenanzug im deutschen Bundestag, was absolut gegen seine Vorstellungen von der Würde des Parlaments war. (Selber finde ich es trotzdem dagegen, wenn etwa Gärtner in seinem neuesten Blog Merkel wieder als den bundesdeutschen Hosenanzug bezeichnet, so trägt man dann doch nicht zum Ernstgenommenwerden bei.)

Wie auch immer, Richard Jäger war ein katholisch sozialisierter Grundsatzpolitiker, der 1933 zusammen mit seinem Kollegen Ernst Ferber Abitur machte, letzterer 1973 bis 1975 oberster Nato-General in Europa mit Erfahrung als Truppenführer bei der Besetzung Polens und an der Ostfront, was symbolpolitisch damals keine Kleinigkeit war. Jäger liess sich auf der Grundlage des klassischen Naturrechtes auch nach dem 2. Weltkrieg nicht von seinen Grundsätzen abbringen, weswegen er dei Todesstrafe für schwerste Delikte, nicht zuletzt Landesverrat im absoluten Ernstfall, nicht ausschloss, selbstverständlich auch entgegen zum Beispiel der Linie der Nazi-Hebamme Nanna Conti immer Gegner der Abtreibung war. Die Nürnberger Urteile waren für den Juristen Jäger wie auch für seinen Kollegen Ferber klar reine Siegerjustiz, Jäger wandte sich noch 1951 gegen solche Todesurteile. Bei der Debatte um die Ostverträge hielt er, wie der nicht minder eindrückliche Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg fürwahr historische im besten Sinn protokollfähige Ansprachen. Zugleich präsidierte er als Sicherheitspolitiker die heute noch existierende Interessengruppe der Atlantiker, an deren Spitze heute der bayrische Politiker Schmidt steht, der sich einerseits für Gift in der Landwirtschaft verwendet, andererseits Präsident Trump Schlafwandlerpolitik vorwirft, im übrigen eine merkeltreue Ostpolitik vertritt. Demgegenüber haben sich Jäger und Guttenberg, auch aus strategischen Gründen, stets als Anwälte von Franco-Spanien und Salazar-Portugal verwendet, vermochten sie das Verhalten jener beiden Länder im 2. Weltkrieg durchaus richtig einzuschätzen. Was wiederum aber nicht mit Sympathien für die Falange zu verwechseln war, wenn schon, dann eher Opus Dei. Ich schreibe dies nicht, um diese Politiker für alles, was sie damals vertraten, schlechthin zu loben; aber ein grösserer Gegensatz zu den 68ern und natürlich auch zur heutigen Merkel-Linie ist kaum denkbar; auch nicht, dass sie zum Beispiel die Entscheidung Chruschtschews, die Krim der Ukraine zu verschenken, je als Ausdruck des zwingenden Völkerrechts hätten interpretieren können. Dies umso weniger, als sie, jenseits von deutschnationalem Rechtsradikalismus, ja ihre eigene weltanschauliche Grundlagen hatte, welche mit dem politisch-korrekten Menschenrechtsdenken der heutigen internationalen und europäischen Gerichtshöfe bestenfalls einige Schnittmengen gemeinsam hatten. Natürlich waren Jäger und Guttenberg (letzterer in durchaus konstruktivem Austausch mit Herbert Wehner) für ihre Parteien nie wirklich repräsentativ, verfügten aber zum Beispiel bei Adenauer höchste Wertschätzung. Und aus weltanschaulichen Gründen waren sie nun mal gegenüber Nationalsozialismus und Faschismus immun, hielten seinerzeit auch wenig bis nichts von dem als "Dummkopf" (Eric von Kuehnelt-Leddihn) eingeschätzten Franz von Papen, der von Adenauer auch schon sehr früh als unfähiger Politiker eingeschätzt wurde, was indes Reinhold Schneider und Leopold Ziegler nicht hinderte, bei den letzten deutschen Wahlen vor Vollzug des Ermächtigungsgesetzes allerdings die "Papen-Partei" zu wählen, vgl. Reinhold Schneiders Tagebuch aus jener Zeit.

Was indes Richard Jäger betrifft, so neigte er als Europapolitiker noch vor 40 und zumal vor 60 Jahren dazu, der Europäischen Gemeinschaft, wiewohl damals primär eine Wirtschaftsgemeinschaft, ein "abendländisches" Profil zu unterstellen. Diese Einschätzung erwies sich als ein nachhaltiger Irrtum. Hingegen glaube ich nicht, dass Jäger den neuesten CDU-Vorstoss für die internationale Ächtung der Todesstrafe mitunterstützen würde. Dies würde in der Praxis wohl nur dazu führen, dass nach der Methode von Israel und Frankreich bei der Jagd nach Terroristen und wirklichen Staatsfeinden nach Möglichkeit gleich mit dem gezielten Einzelschuss Rechtstatsachen gesetzt würden. Dabei finde ich es trotzdem richtig, dass Länder wie Deutschland, Oesterreich und die Schweiz nach langen historischen verfassungspolitischen Auseinandersetzungen mit seriösen Erwägungen des Für und Wider auf das Instrument der Todesstrafe verzichten. Aber rein rechtstheoretisch bleibt die allfällige Möglichkeit der Todesstrafe in einer Verfassung aus naturrechtlicher Sicht nicht "unmenschlicher" als zum Beispiel die Erlaubnis zur straffreien Abtreibung.

Was den CDU-Vorstoss betrifft zur internationalen Ächtung der Todesstrafe, vermute ich in diesem Fall weniger "Erfolgsorientierung" als politisch-moralische Abrechnung und Distanzierung von eigenen früheren Haltungen. Die naturrechtliche Rechtsphilosophie hat mutmasslich abgedankt.

Der_Juergen

22. April 2020 08:51

@Gustav Grambauer

Ich schätze Sie als klugen und kenntnisreichen Mann und möchte Ihre Kommentare auf diesem Forum nicht missen, aber Ihre apodiktischen Formulierungen bereiten mir manchmal Kopfzerbrechen.

Vielleicht wäre bisweilen ein wenig mehr Bescheidenheit angebracht, besonders nachdem nichts, aber auch gar nichts von dem eingetroffen ist, was Sie zu Beginn der Corona-Debatte auf diesem Forum für die Osterzeit so selbstsicher angekündigt hatten?

Nochmals zu Adenauer. Ich habe an diesem enorm viel zu kritisieren; die ganze Westbindung ist mir im Prinzip zuwider, und der Mann hat zweifellos Konzessionen gemacht, die mit einem Minimum an Beharrlichkeit zu vermeiden gewesen wären. Ich denke etwa an den im Überleitungsvertrag festgeschriebenen Verzicht auf eine Überprüfung der alliierten Gerichtsurteile, welcher der BRD für alle Zukunft verhängnisvolle Fesseln anlegte, oder an die ärgerlich kriecherische Politik gegenüber Israel.

Dennoch, was gab es damals für eine greifbare Alternative zur Westbindung? Wie ich in meiner letzten Wortmeldung festhielt, war das - z. B. von Remers Sozialistischer Reichspartei vertretene - Konzept einer Wiedervereinigung als Gegenleistung gegen Neutralisierung, wiewohl theoretisch begrüssenswert, einfach nicht zu realisieren. Und der rasche wirtschaftliche Aufschwung sowie das abschreckende Beispiel der sowjetischen Panzer in Berlin und Budapest sorgten ohnehin dafür, dass die grosse Mehrheit der Bundesdeutschen für solche Alternativen nicht zu gewinnen war.

Ja, die Deutschen waren damals in einem grossen goldenen Käfig mit viel Bewegungsfreiheit eingesperrt. Mit Sicherheit war von Anfang an geplant gewesen, diese Bewegungsfreiheit stufenweise zu verringern, und golden ist der Käfig schon längst nicht mehr. Aber es ist im nachhinein furchtbar leicht, alles und jenes zu kritisieren. Eine wirklich perverse Politik wie z. B. Merkel hat Adenauer bei all seinen Schwächen nicht betrieben.

Gustav Grambauer

22. April 2020 09:38

Maiordomus

"Hier hört man, nicht zuletzt im ressentimentgeladenen Rückblick auf die Geschichte der Bundesrepublik vor 1980, viel unsinniges Zeug, mit dem man sich meines Erachtens als Oppositioneller in Deutschland wohl kaum als politikfähig qualifizieren würde. "Dresden mit einem Atompilz zusätzlich kaputtmachen wollen", das ist gegenüber keineswegs dummen oder gar verantwortungslosen Politikern jener Tage gegenüber eher eine Psycho-Einschätzung als eine politische Analyse und beruht keinesfalls auf Quellenlektüre oder wenigstens auf dem Studium etwa der Debatte über die Ostverträge und der damaligen militärstrategischen Literatur."

Bevor Sie mir Ressentiments, Unsinn, Unqualifiziertheit, "Psycho-Einschätzungen" sowie Mangel an Analytik und Quellenstudium vorwerfen sollten Sie wenigstens das von mir verknüpfte Interview mit Prof. Prokop angehört haben. Dort (bei 40:29) kommen die Memoiren von FJS zur Sprache, in denen er das geheime atomare Erstschlagsultimatum der NATO an den Warschauer Vertrages vom Juni / Juli 1961 aufdeckt. Diese atomare Bedrohung / Nötigung wurde für den Fall ausgesprochen, daß es die UdSSR a) nochmals wagen sollte, Deutschland einen Friedensvertrag anzubieten und sich b) für die favorisierte sogenannte Luftlösung, d. h. für die Widmung des Flughafens Schönefeld zum Zentralflughafen für ganz Berlin zu entscheiden (womit die sogenannte Landlösung, d. h. der Bau der Berliner Mauer, obsolet gewesen wäre).

Prokop: "Das ist schwarz auf weiß gedruckt in einer Riesenauflage, das ist ein Geheimnis des Westens, das sich Strauß gestattet hatte zu lüften - und man nimnmt es nicht zur Kenntnis.".

Habe das Buch hier vor mir liegen: Franz Josef Strauß, "Die Erinnerungen", Berlin 1989, Seite 388.

Mannomannomann, Sie haben sich über die Jahrzehnte ganz schön über die weltherrschaftsbesessene Aggressivität der "westlichen Wertegemeinschaft" und dabei auch über deren Hintertriebenheit einlullen lassen.

Auch in anderer Hinsicht dürfte das Interview interessant für Sie sein, denn dort bekommen Sie als Röpkeianer Ihren Röpke einmal aus einem völlig anderen Blickwinkel vorgestellt.

Gruss!

- G. G.

Brettenbacher

22. April 2020 10:04

:"a) die volle Wahrheit b) die reine Wahrheit c) nichts als die Wahrheit. In Abgrenzung zu Aristoteles handelte es sich..."
Das
@Maiordomus
hatten wir schon mal. Das geht so: "Es gibt die Wahrheit, die reine Wahrheit und die lautere Wahrheit. Von mir hören se jetzt die Wahrheit."
So hat es Klang und Sinn.

Franz Bettinger

22. April 2020 10:54

@Tormann: In der Doktorarbeit von Gregor Reschke steht: "Die Auswirkungen von Pettenkofer’s Selbstversuch waren harmlos, weil P 40 Jahre zuvor schon einmal mit Cholera infiziert, und also immun geworden war." Wodurch ist die Behauptung belegt? In P’s Tagebuch findet sich logischer Weise nicht der Satz: „Ich bin an Cholera erkrankt“. Koch selbst hat diesen Einwand auch nie als Argument gegen P eingesetzt. Es handelt sich hier bloß um eine Vermutung heutiger medizinischer Mainstreamer, die eine Lösung bzw. Ausrede suchen. - "P's Schüler Carl Emmerich habe einen ähnlichen Selbstversuch nur knapp überlebt." Wo wird das beschrieben? An was war CE erkrankt? Muss es Cholera gewesen sein? Ich kann all dies in der Doktorarbeit nicht finden. - Wie unsicher man sich offenbar auch heute noch ist, dass das Komma-Bakterium Cholera auslöst, sieht man in der Therapie, die primär kein Antibiotikum vorsieht. Bei einer potentiell letalen bakteriellen Erkrankung? Sehr seltsam!

@Alle: Warum reden der Tormann und ich überhaupt über Cholera (statt Corona)? Weil es um die 3 Henle-Kochschen Forderungen (eines Infektions-Nachweises) geht, die einst allgemein Anerkennung fanden, heute skandalöser Weise aber völlig ignoriert werden. Es spricht für den @Tormann und sein Bemühen um Wissenschaftlichkeit, dass er sich auf eine Debatte überhaupt einlässt. In Zeiten, wo (wie in der Klima-Debatte) ein Konsens reicht, um das Volk (und auch die Ärtze) zu übertölpeln, wird auf eine stringende Beweisführung leider gern verzichtet.

Gustav Grambauer

22. April 2020 11:55

"Gab es eine aggressive, auf Expansion angelegte sowjetische Außenpolitik oder gab es die nicht?" (Wahrheitssucher)

Es gab - nie vergessen: als Lehre aus 1941 - die Militärdoktrin des Warschauer Vertrages, wonach im Fall einer erneuten Aggression der Krieg so tief wie möglich auf das Gebiet des Aggressors zurückgeworfen werden sollte. (Deshalb, klar, gab es auch sowjetische Pläne bis hin zur Besetzung der Atlantikküste.)

Zugleich RMH antwortend, der schrieb: "Die Nazis selber werden teilweise aus dem Abwehrkampf gegen den Bolschewismus heraus erklärt (Nolte bspw.).":

Ja, sicher, aber dem lag, wie schon bei den Nazis selbst sofern sie keine Hasardeure waren, eine immense analytische Fehlleistung zugrunde. Denn Stalin und seine Nachfolger hatten nichts mit den Welteroberungsplänen der KOMINTERN zu tun. Stalin hatte bereits 1936 die KOMINTERN als Organisatorin des spanischen Bürgerkriegs im Stich gelassen gehabt, die UdSSR war nicht wie geplant als Kriegspartei in diesen Krieg eingetreten, mit dem die KOMINTERN sogar möglichst die ganze Welt hatte in Brand hatte stecken wollen.

Und daß man 1945 vom Verlierer zum Sieger werden konnte indem man schwups zum Sieger überlief, ist eine Binsenweisheit. Im Osten haben sie ja schon `49 die Frechheit besessen, schon wieder pathetisch vom "Ruhm unsrer Siege" zu singen.

https://www.youtube.com/watch?v=1WnKrr4jTi4

Aber das Schicksal läßt sich nicht austricksen, die Selbstbeschädigung durch diese Lebenslüge müssen dann eben nachfolgende Generationen heilen, also wir.

---

Der_Jürgen, Wahrheitssucher

"War das (der Kalte Krieg, - G. G.) eine irreale Schein-Veranstaltung?"

"Dennoch, was gab es damals für eine greifbare Alternative zur Westbindung?"

Keine. Das System von Jalta war installiert. Aber die Älteren hier haben alle noch Adenauers passiv-aggressives "Zoff-jetzone" und Ulbrichts Geplärre von den "Punnur Ultrus" ("Bonner Ultras") im Ohr. Kein Deutscher hätte sich, wie gesagt, dem anschließen und sich wie der schaumtriefende Pittbull in den Gummiball in die gegenseitige und übrigens nicht sehr ritterliche Verhetzung verbeißen müssen. Was wäre Deutschland ohne dies erspart geblieben! Denn Karma is a Bitch, "1968" für die Typ-Ekel-Alfred-West-Hetzer und "1989" für Karl-Eduards Ost-Hetzer waren nur die Quittungen für jahrzehntelangen Tunnelblick und jahrzehntelange Verbissenheit.

Lieber_Jürgen, Sie schreiben "aber es ist im nachhinein furchtbar leicht, alles und jenes zu kritisieren". Sie glauben vielleicht nicht, wie mir schon als kleines Kind diese - von Deutschen West wie Ost selbst geschaffene - drückende, aggressionsbelastete Atmosphäre, gerade auch in ihrer zunächst instiktiv erfaßten Verlogenheit gestunken hat.

---

Der_Jürgen

"Und der rasche wirtschaftliche Aufschwung sowie das abschreckende Beispiel der sowjetischen Panzer in Berlin und Budapest ..."

Da haben Sie in einem Halbsatz das Problem auf den Punkt gebracht: wer infolge von weltweiten Raubzügen (der hier beschriebene

https://www.kopp-verlag.de/Unternehmen-Patentenraub-1945.htm?websale8=kopp-verlag&pi=A1280696

war noch einer der kleineren) wirtschaftlich in der Lage ist, zum Erhalt seiner Macht ein Schaufenster des Kapitalismus einzurichten, kann sich häßliche Fernsehbilder von Panzern ersparen. Sie kennen ja Pjakin, schauen Sie sich an, was er zu Berlin 1953, Budapest 1956 und Prag 1968 als westliche "Tests" für die Russen zu sagen hat. (Und in Vietnam waren die USA offenbar nicht in der Lage, sich häßliche Fernsehbilder zu ersparen.)

Verweise nochmals auf obiges Interview mit Prof. Prokop, in dem Stalins Fehleinschätzung des Patriotismus der Westdeutschen contra Grotewohls Einwand,

"daß die Spaltung im Westen von der Hauptmasse des Volkes akzeptiert wird, mit allmählich im Gang kommendem Wirtschaftswunder" (bei 26:00)

zur Sprache kommt. Stalin wurde von Grotewohl, der als Braunschweiger die Mentlität westlich der Elbe besser kannte und auch näher am Puls des Geschehens dran war, über den westdeutschen Patriotismus eines Besseren belehrt, hat aber die Belehrung nicht angenommen.

- G. G.

Maiordomus

22. April 2020 11:58

PS. Bei der Gegenüberstellung Todesstrafe/Abtreibung aus naturrechtlicher Sicht wurde nicht ausreichend differenziert. Zum rechtstheoretischen Unterschied zwischen Abtreibung und Todesstrafe: Die Todesstrafe ist juristisch eine (nach rechtsgenügendem Prozess entschiedene) offiziell im Rahmen der höchstrichterlichen Kompetenzen des Staates nach komplexen Regeln vorgenommene allenfalls begnadigungsfähige Tötung einer Person, wohingegen es sich bei der Abtreibung "nur" um die Tötung eines menschlichen Wesens handelt (keineswegs mit dem Wurmfortsatz der Mutter zu verwechseln), eines Menschen also, jedoch noch nicht um eine von der Rechtsgemeinschaft registrierte bzw. anerkannte Person. In diesem Sinn wäre - aus naturrechtlicher Sicht - Kindstötung nach der Geburt (auch ohne amtliche Registrierung) zumindest vorsätzliche Tötung, wenn nicht sogar Mord, welch letztere Einschätzung zu den berüchtigten zum Beispiel von Goethe kritisierten historischen Kindsmörderinnen-Prozessen mit Todesurteilen gegen die Mütter führte. Für heutige Debatten bemerkenswert bleiben die umstrittenen Thesen des australischen Ethikers Singer, der für legale Tötung von gesundheitlich schwer beschädigten Neugeborenen eintritt. Wer für die Fristenlösung bzw. für noch straflose Spätabtreibungen eintritt, hat es eigentlich schwer, argumentativ gegen Singer anzukommen. Bei den rechtsethischen und rechtsphilosophischen Fragen fehlen heute jedoch vielfach Grundlagenkenntnisse. Ausserdem dominieren bei den einschlägigen Lehrstühlen die zivilreligiösen Positionen von Gender, Feminismus und politischer Korrektheit, ohne dass die selben klar als distanzierungsfähige Glaubensbekenntnisse gekennzeichnet sind.

Noch zum Begriff des Naturrechts: dasselbe hatte nach dem 2. Weltkrieg nicht zuletzt unter Protektion der Unionsparteien eine vorübergehende Blüte, vgl. Prof. Oswald von Nell-Breunig. Für die nichtkatholische Tradition in Deutschland wäre, wenn schon, an Samuel von Pufendorf anzuschliessen, dessen einschlägiges Standardwerk übrigens auch für Rousseau sehr wichtig wurde. Aus marxistischer Perspektive versuchte auch ein Ernst Bloch das naturrechtliche Denken zu erneuern. Aus heutiger Sicht vermögen alle diese Konzepte wohl weder zu überzeugen noch zu befriedigenden. Ohne vertiefte philosophische, rechtsphilosophische und metapolitische Grundlagenarbeit wird jedoch dann völlig unreflektiert und rein rechtspositivistisch von Menschenrechten gesprochen, bei deren Interpretation sich immer mehr die Konsensobjektivität der politischen Korrektheit breitmacht. Auf rechtsgeschichtlichem und rechtsphilosophischem Gebiet sind heute die Mehrheit der Jurastudenten und auch ganze Generationen von Juristen mit abgeschlossenem Studium in dem Sinne unbedarft, dass im Zweifelsfall ein zeitgeisthöriger Rechtspositivismus als dominante Rechtsideologie praktiziert wird. Im Sinne von Platon herrscht die Sophistik, wobei letztere nach Karl Popper rein historisch etwas besser war als ihr Ruf. Rückbezüglich auf die deutsche Aufklärung lohnt sich indes heute noch die Lektüre von Kants Schrift "Der Streit der Fakultäten". Das Studium dieses bedeutenden Textes der Aufklärung ermöglicht als Metakritik noch heute eine gesunde Distanz vom Wissenschaftsfetischismus. Dieser stellt eine umso grössere Gefahr dar, als etwa die Befähigung zu wissenschaftlichem Denken mit Sicherheit nur bei einer Minderheit von Abiturienten vorausgesetzt werden darf. Eine Folge davon ist das Breitmachen der sog. Geschwätzwissenschaften. Diese dringen leider, wie nur die die sogenannte Klimadebatte zeigt, ausser in die Rechtswissenschaft vermehrt auch in die Gesprächspraxis von eigentlich naturwissenschaftlichen Debatten ein.

Maiordomus

22. April 2020 12:20

@_derjürgen. Gewiss sollten über die Adenauer-Zeit verschiedene Einschätzungen möglich sein. Es scheint mir aber offensichtlich so, dass hier noch im Verhältnis der ostdeutschen und westdeutschen Rechten echter Nachholbedarf in Richtung einer vernünftigen bzw. vorurteilslosen historischen Diskussion besteht. Nicht bloss für die Zeit zwischen 1933 und 1945, auch für die Zeit zwischen 1949 und 1989, bedarf es einer Geschichtsbetrachtung mit weniger Scheuklappen. Dazu gehört die deutsche Bildungsgeschichte vor und nach 1968. Zu den bedeutendsten Veränderungen nach 1968 gehört die Ersetzung eines einstigen (relativen) antitotalitären Konsens (mit Schlagseiten und ebenfalls Scheuklappen) durch den sog, Antifaschismus als Übernahme eines kulturmarxistischen und mit der Zeit multikulturell-genderistischen Glaubensbekenntnisses.

Wahrheitssucher

22. April 2020 14:07

@ Der_Jürgen

Zustimmung zu Ihren Ausführungen!

@ Gustav Grambauer et al

Eine Antwort Ihrerseits würde uns in der Beurteilung der Sachlage, die in ihrer Bedeutung wohl kaum überschätzt werden kann, auf jeden Fall weiterhelfen.

Insofern erlaube ich mir, vom Bademeister zu erbitten, uns noch eine Weile im Wasser planschen zu lassen.

Kann es sein, daß die unterschiedlichen Deutungen der sowjetischen und russischen (der Unterschied sei hier fundamental wichtig) außenpolitischen Zielsetzungen sich von damals zu heute geändert haben?
Putin ist eben nicht Lenin und schon gar nicht Stalin.
Wer heute mit guten und hoffnungsvollen Gründen Russland als zukünftigen Verbündeten sieht und sehen will,
die nach dem Fall des Kommunismus und der Auflösung der Sowjetunion völlig anders geartete Rolle dieses Landes wahrnimmt, muß doch nicht gleichzeitig diese positive Sicht im nachhinein auf die Zeit zuvor übertragen!
Ganz vereinfacht und zugespitzt ausgedrückt: Der Sowjetkommunismus hat uns (und nicht nur uns) mit seiner auf Expansion angelegten und offensiven, aggressiven Militärpolitik bedroht, während uns Putin die Hand hingestreckt hat.
Bitte um Aufklärung, wenn diese Sicht so falsch ist!

Niekisch

22. April 2020 16:18

"Oh bitte, lesen Sie alle den "armen Epstein" von Heinz Knobloch, da geht es speziell um dieses Zitat."

@ Ellen Kositza zu 21.4. 17:01: Verehrte Frau Kositza, verstehen Sie bitte, dass ich diesem Deserteur
https://en.wikipedia.org/wiki/Heinz_Knobloch - unter Army life- keine Minute meiner Lesewut gönnen möchte. Vielleicht helfen Sie mir? Was schreibt er denn explizit zum Zitat? Das Zitat ist m.E. doch völlig eindeutig. Erwähnt er als Mittäterin Elsa Kohn?

Niekisch

22. April 2020 16:22

"uns Putin die Hand hingestreckt hat."

@ Maiordomus 22.4. 12:20:

Haben wir eine solche eigene Hand außenpolitisch überhaupt? Gibt es ein "wir", also ein wir selbst?

Reeto

22. April 2020 16:27

Neben dem Briefwechsel Kubitschek/Claire hat mich besonders der Beitrag von Lichtmesz beeindruckt. Wer nach seiner Lektüre immer noch nicht begriffen hat, dass in der Gegenwart ein Krieg bis aufs Messer gegen die weisse Menschheit geführt wird, ist zu bedauern.

Vor allem braucht es eine Partei, die diesen Krieg gegen die weisse Menschenheit klar und deutlich formuliert und auch eine wirksame Politik vertritt, die diese Politik und seine Folge - die völlige Minderheitswerdung - noch verhindert. Beides ist bei der AfD nicht der Fall.

Nein, Teile der AfD vertreten eine Politik, die die Deutschen zur Minderheit im eigenen Land verdrängen würde.

Mit Entsetzen habe ich heute das Interview "zur Zeit" mit Roland Hartwig Chef der Arbeitsgruppe Verfassungsschutz gelesen. Herr Hartwig vertritt eine Politik, die die Deutschen mit mathematischer Gewissheit zur Minderheit machen würde, und möchte Sie verbindlich festsetzen.

Roland Hartwig hat beim IfS einen Vortrag zum Thema Verfassungsschutz gehalten, in dem er kritisierte:

Das Ziel, eine relative Homogenität des deutschen Volkes zu bewahren, wird als angeblich verfassungsfeindlich eingestuft. So prüft das Amt bei mehreren Parteifunktionären, ob sie etwa einen ethnisch-biologischen oder ethnisch-kulturellen Volksbegriff vertreten. Wird das bejaht, wird dann im nächsten Schritt die daraus abgeleitete Ablehnung des Multikulturalismus als Leitvorstellung oder die Ablehnung der Umwandlung eines weitgehend ethnisch-kulturell geprägten Nationalstaats in eine multikulturelle Gesellschaft als „völkisch“ und deshalb verfassungsfeindlich definiert. Dahinter kommt eine politisch linke Sichtweise zum Vorschein, dass man verfassungsrechtlich eine Einwanderung hinzunehmen habe, die zu multikulturellen Gesellschaftsstrukturen führt und am Ende bedeuten kann, dass die Deutschen im ethnisch-kulturellen Sinn in eine Minderheitsposition gedrängt werden.

Das ist genauso falsch wie ungeheuerlich!

https://sezession.de/61280/verfassungsschutz-roland-hartwig-trug-beim-ifs-vor

Tatsächlich aber vertritt Roland Hartwig selbst eine Politik, die die "Deutschen im ethnisch kulturellen Sinn" zur Minderheit verdrängen würde, und will sie in der AfD als verbindlich festsetzen.

Im Interview mit zur Zeit:

Auch Menschenwürde-Feindlichkeit ist ein weiteres ernstzunehmendes Kriterium, wenn z. B. Gruppen oder Einzelnen die Menschenwürde abgesprochen würde. Aber auch da muss man genau hinschauen, was in diesem Zusammenhang wirklich gesagt und gefordert wird. Schnell bekommt die AfD nämlich den Vorwurf präsentiert, sie sei fremdenfeindlich, weil wie die Grenzen schließen wollen. Das ist ein völliger Unfug, sondern eine legitime Forderung. Es wäre etwas anderes, wenn die Forderung erhoben würde, deutsche Staatsbürger muslimischen Glaubens, wieder des Landes zu verbringen. Das wäre verfassungsfeindlich. Aber von solchen Dingen reden wir in der AfD nicht, auch Höcje und Kalbitz nicht.

Wie kann ohne Ausbürgerungen die Minderheitswerdung der Deutschen denn noch verhindert werden? Wie kann man ohne Ausbürgerungen die Minderheitswerdung der Deutschen noch verhindern, wenn die die eingebürgerten Migranten und Muslime aufgrund ihrer höheren Geburtenraten immer weiter anwachsen?

Bereits heute leben laut offiziellen Angaben über 11 Millionen eingebürgerte Migranten in Deutschland. Diese Zahl ist wahrscheinlich selbst jetzt groß genug, um aufgrund ihrer hohen Geburtenraten ohne jedweden Zuzug immer weiter anwachsen und längerfristig zu Mehrheit zu werden.

Bis die AfD in Deutschland regiert, (sofern sie überhaupt jemals regiert), können noch Jahre oder sogar
Jahrzehnte ins Land zielen, in denen Merkel und ihre Nachfolger Millionen weiterer Migranten ins Land lassen und mit Staatsbürgerschaften austattaten werden.

Ohne Ausbürgerungen ist die Verdrängung der Deutschen zur Minderheit und die Umwandlung Deutschlands in eine muslimische Mehrheitsgesellschaft schon allein aus demografischen, mathematischen Gründen nicht mehr zu stoppen.

Man muss es ganz klar sagen: Wir stehen vor folgender Wahl: Ausbürgerungen oder Leben als Minderheit.

Wahrheitssucher

22. April 2020 17:14

@ Gustav Grambauer

Wenn Sie mir die Nachfrage zu meinen beiden Fragen gestatten:

1) „Gab es eine aggressive, auf Expansion angelegte sowjetische Außenpolitik oder gab es die nicht?"

Sie verweisen auf 1941. Wie steht das im Einklang mit der These von Barbarossa als Präventivkrieg?

Zu Spanien, einverstanden.

„ Und daß man 1945 vom Verlierer zum Sieger werden konnte...“

Mag für die DDR gegolten haben, aber was soll es in diesem Zusammenhang beweisen?

2) „War der Kalte Krieg eine irreale Schein-Veranstaltung?"

Eigentlich geben Sie keine Antwort, oder helfen Sie mir auf die Sprünge!

P.S. Noch zu den Strauß-Erinnerungen: Habe die Stelle recherchiert, Ausführungen stimmen, allerdings ist dort von einem zu verhindernden Angebot eines Friedensvertrages nirgendwo die Rede.
Was soll das Ganze also beweisen, mit Ausnahme der zu verurteilenden US-Kriegsmentalität, die ja gar nicht in Abrede zu stellen ist?

Wahrheitssucher

22. April 2020 17:31

@ Niekisch

„ uns Putin die Hand hingestreckt hat."

Sie hatten sich im Adressaten geirrt., war nicht der Maiordomus.

„ Haben wir eine solche eigene Hand außenpolitisch überhaupt? Gibt es ein "wir", also ein wir selbst?“

Stimme ihnen doch zu, natürlich haben wir das nicht, ist beides nicht gegeben.
Aber das spricht doch nicht gegen die Tatsache der Geste und ihrer Aussage. Vielleicht wollte er gerade das, was sie vermissen, uns zeigen?

Maiordomus

22. April 2020 17:52

@Grambauer. Erinnere mich durchaus an Atomkriegsmanöver aus den 60er und 70er Jahren und erst recht an das Pingpong der Ultimaten zur Zeit der Chruschtschew-Ära, was ihrerseits Chruschtschews parteiinternen Gegnern mit der Zeit zu bunt wurde; da überraschen Sie mich also nicht gerade. Und Röpke kannte ich als Mitglied der entsprechenden Gesellschaft und deren Tagungen mit hochprominenten Referenten (Louis Rougier, Karl Popper, Thomas Molnar, Kuehnelt-Leddihn, Hans Jenny) wie auch als Leser von Röpkes Büchern und Aufsätzen mutmasslich besser als Prof. Prokop. Mit dem Sekretär und Herausgeber Röpkes, Albert Hunold, stand ich in jahrelanger Verbindung. Andererseits kannte ich in der damaligen Zeit durchaus auch Leute, die (damals) ähnlich dachten wie Sie, teilweise 68er, teilweise Rechtsfundamentalisten. Insofern respektiere ich Ihre Perspektive, auch wenn ich sie nicht gerade teile. Ebenfalls Respekt hatte ich vor der Adenauer-Kritik des Pazifisten Reinhold Schneider. Strauss hat 1961/62 mehrfach über die Hutschnur gehauen. Für den Fall, dass wir uns wenigstens über einen der bedeutendsten Filme der 60er Jahre doch noch partiell treffen könnten, empfehle ich Ihnen Kubricks Dr. Strangelove or how I learned love the bomb von 1964. Das Denkwürdige an jenem Film hielt mich aber nicht davon ab, beim Wahlkampf jenes Jahres Barry Goldwater meine moralische Unterstützung zu verleihen, schon weil die damalige Mainstream-Presse über ihn ähnlich schrieb wie in den letzten Jahren über Trump. Angeblich hätte man mit Goldwater den Atomkrieg gewählt. Ich weiss seither noch konkreter, dass dies in keinem Moment stimmte, so wenig wie bei Reagan, der sogar mal "zum Spass" einen Grossangriff auf Moskau im Sinne einer Manöverübung oder ähnlich kommandierte. Goldwater hielt übrigens Nixon, welcher ihn zwar damals unterstützte, schlicht für einen Schuft, kritisierte später stark die fundamentalistischen Kreise im Umfeld der Bushs und weiterer unbedarfter Republikaner. Verwendete sich überdies für Homosexuelle in der US-Army und hielt nichts vom Schlagwort der "Moral Majority". Dass er indes 1964 die Befreiung der baltischen Länder forderte, auch Freiheit für Armenien, beeindruckte mich damals als Leser von Werner Bergengruen und Edzard Schaper. Noch eindrucksvoll für mich damals als jungrechten Studenten sein Statement: "Extremismus in der Verteidigung der Freiheit ist kein Laster, und Mässigung im Verfolg der Gerechtigkeit keine Tugend." Nachträglich finde ich dies indes für einen Präsidentschaftskandidaten von damals zwar in der Tat eine ungeheuer gewagte, wenngleich gesinnungsethisch eindrückliche Aussage. Als späterer Lehrer der Ethik habe ich diesen Satz dann durchaus kritisch analysieren lassen. Der damals 60jährige Josef Pieper hätte ihn in dieser Form wohl so nicht unterschrieben.

Gracchus

22. April 2020 18:25

@Maiordomus
Hofmannsthal und Trakl: immer gerne. Anscheinend habe ich ohnehin eine Vorliebe für K.u.K.-Autoren.

Ihr Paul Ernst: Pardauz! Die Kostproben im Internet sind nun aber auch nicht so doll.

Pound? Ich habe hier zwei Bände stehen: einmal "Pisaner Cantos" (da hab ich noch nicht reingefunden) und "Personae", das beachtliche Werk vor den Cantos. T. S. Eliot sollte dann nicht unerwähnt bleiben.

Maiordomus

22. April 2020 21:53

Gracchus. Paul Ernst ist als Autor in mehrfacher Hinsicht gescheitert. Die grösste Überraschung seines Schaffens ist aber meines Erachtens der Gedichtband "Polymeter" von 1898, das in vielem schon den Expressionismus aber auch lyrische Ideen von Christian Morgenstern vorwegnimmt, ist mit Kommentar von Ralf Gnosa im Buchhandel erhältlich. Auch kein Hölderlin, aber immerhin ein echter künstlerischer Geheimtipp von einem Autor, der sonst formal eher altmodisch einherkam, wiewohl er in der Regel Bemerkenswertes zu sagen und zu gestalten hatte. Gesamthaft leider aber auch kaum mehr geniessbar.

Maiordomus

22. April 2020 22:03

@Gracchus. Der Enkel von Ezra Pound heisst Siegfried Walter von Rachewiltz, geb. 1947, lebt hauptberuflich als volkskundlicher Konservator auf Schloss Brunnenburg bei Meran.

Valjean72

22. April 2020 22:04

@Gustav Grambauer @Wahrheitssucher, @RMH

Es gab - nie vergessen: als Lehre aus 1941 - die Militärdoktrin des Warschauer Vertrages, wonach im Fall einer erneuten Aggression der Krieg so tief wie möglich auf das Gebiet des Aggressors zurückgeworfen werden sollte …
Denn Stalin und seine Nachfolger hatten nichts mit den Welteroberungsplänen der KOMINTERN zu tun.

Nun denn - bei allem Respekt - mir scheint, Sie weisen ebenso wie Ihre geschmähten westdeutschen Kollegen ein Stockholmsyndrom in Bezug auf Ihre Besatzungsmacht auf.

Beim Verlag Antaios gibt es eine Reihe interessanter Bücher. In diesem Zusammenhang fallen mir auf Anhieb zwei Kaplaken-Bändchen ein:

Stefan Scheil – „Präventivkrieg Barbarossa. Fragen, Fakten, Antworten“ (hier)
Stefan Scheil – „Polen 1939. Kriegskalkül, Vorbereitung, Vollzug“ (hier)

RUSSIA INSIDER veröffentlichte im November 2019 folgenden Artikel:

“Germans Cut Through Red Army in 1941 Because Soviets Were Only Prepared to Attack” (hier)

Mehr möchte ich hier zu diesem Sachverhalt gar nicht äußern und auch keineswegs diese Thematik breittreten. An eine friedliebende Sowjetunion mit einer defensiven Roten Armee unter Väterchen Stalin glaube ich allerdings beim besten Willen nicht.

Maiordomus

22. April 2020 22:24

@Gracchus. Zu Pound ist der Zutritt in der Tat nicht einfach. Man höre sich aber auf YouTube die Stimme des Autors von Canto 45 "Usura" beginnend mit dem Vers: "With usura has no man a house of good stone", es folgt die Klage über die Verdinglichung alles Schönen durch dessen Vergeldlichung, oft mit Illustrationen aus der ganz grossen Kunst- und Kulturgeschichte, etwa der italienischen Renaissance. Die Klage gewinnt einen gewaltigen hymnischen Ton, auch noch in der nirgendwo abrufbaren genialischen Südtiroler Mundartübersetzung durch Enkel Rachewiltz. Dabei ist inhaltlich anzumerken, dass die von Pound angerufenen grossen Meister in der Regel keineswegs um Gotteslohn gearbeitet haben. Pound behält aber insofern recht, als das Geheimnis der künstlerischen Vollkommenheit mit dem Geldwert weder aufzuholen noch zu interpretieren ist. Wenn man nur schon bedenkt, dass es Werke von van Gogh gibt, für die der Künstler vielleicht umgerechnet 50 Euro erhielt, heute aber ruhen sie aufgekauft mit finanziellem Vielmillionenwert zum Beispiel in einem japanischen Safe. Das Werk als Kapitalanlage: das ist Usura, aber gewiss nicht der letzte Grund des genialischen künstlerischen Impulses, der zu seiner Entstehung führte.

In der Südtiroler Übersetzung steht für Usura "wuichr", normalhochdeutsch "Wucher". Das Gedicht enthält jedoch keine antisemitischen Anklänge.

Götz Kubitschek

23. April 2020 08:26

und feierabend

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.