24. April 2020

Gesellschaft mit beschränkter Verantwortung

Gastbeitrag / 51 Kommentare

von Bernard Udau - Manchmal kann ein einfacher Name erhellend sein.

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  • Sezession

Frankreich adaptierte in den 1920er Jahren die Unternehmensform der „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ (GmbH) und bezeichnete sie als „Société à responsabilité limitée“ (SARL). „Responsabilité“ kann auch mit „Haftung“ übersetzt werden, hat aber hauptsächlich die Bedeutung von „Verantwortung“. Die Franzosen nennen ihre Version der GmbH also „Gesellschaft mit beschränkter Verantwortung“.

Wenn man diese Bezeichnung auf unser Wirtschaftssystem überträgt, ist damit alles gesagt. Wir leben in einer Gesellschaft mit beschränkter Verantwortung. Wenn es in der Wirtschafts- und Sozialpolitik irgendetwas gibt, das die verschiedenen Strömungen innerhalb des rechten Lagers im allgemeinen und der AfD im speziellen einigen könnte, dann ist es der Kampf gegen eine Beschränkung der Verantwortung oder, positiv gewendet, für eine Gesellschaftsordnung, in der es weitgehend unmöglich ist, Verantwortung auf andere abzuwälzen.

Unter diesem Banner ließen sich sowohl diejenigen versammeln, die sich für eine Liberalisierung der Sozialsysteme und eine Stärkung der Marktwirtschaft einsetzen, als auch diejenigen, die sich für einen solidarischen Patriotismus stark machen, für eine ausgeweitete Sozialpolitik im Interesse von Deutschen und Familien. Nötig wäre hierzu allerdings, daß beide Seiten nach Mt 7,5 zuerst den Balken aus ihrem eigenen Auge ziehen, ehe sie daran gehen, den Splitter aus ihres Bruders Auge zu entfernen.

Beide Seiten haben nämlich insofern einen Balken in den Augen, als sie die Verantwortungslosigkeit nur in einem abgegrenzten Bereich unserer Gesellschaft bekämpfen wollen, jedoch blind sind für andere Bereiche, in denen die Verantwortungslosigkeit ebenfalls grassiert. Momentan stehen sich die Lager unversöhnlich gegenüber und werfen sich gegenseitig vor, Unverantwortlichkeit zu fördern. Eigentlich haben sie damit auch beide Recht.

Da sind zunächst die Liberalen. Sie sehen den Splitter im Auge des sozialen Flügels nur zu genau. Es ist eine Illusion zu glauben, Solidarität zwischen den Deutschen ließe sich par ordre du mufti wiederherstellen. Die Ausweitung der Ansprüche auf Sozialhilfe, Kindergeld und Altersrente mögen gut gemeint sein und Stimmen bringen, aber sie werden weder das Gemeinschaftsgefühl noch den Patriotismus stärken.

Im Gegenteil. Vielmehr wird sich die Klasse derjenigen, die ganz oder teilweise vom Staat abhängig sind, durch diese Maßnahmen vergrößern. Das Verantwortungsgefühl für die eigene Gemeinde, die eigene Familie und letztlich auch für die eigene Person nimmt ab, wenn der Staat die Verantwortung für die Wohlfahrt seiner Bürger übernimmt. Wenn Bürger einklagbare Rechte auf höhere Sozialleistungen erhalten, haben sie selber und alle Personen und Institutionen in ihrer Umgebung automatisch weniger Verantwortung zu tragen, übrigens auch die Arbeitgeber für ihre Arbeitnehmer.

Mit der Ausweitung des Sozialstaats wird die Proletarisierung der Gesellschaft vorangetrieben, und es ist richtig und wichtig, daß liberale Strömungen auf dieses Problem hinweisen und vor den negativen Folgen der Sozialpolitik warnen, insbesondere vor der Aufzehrung der Selbständigkeit und des Verantwortungsgefühls der unteren Schichten.

Den Balken in ihrem eigenen Auge sehen die Liberalen jedoch nicht. Daß unser Wirtschaftssystem nämlich auf der anderen Seite den Reichen und Mächtigen die Verantwortung im großen Stil abnimmt, scheinen sie zu vergessen. Nicht umsonst habe ich diesen Artikel mit dem Hinweis auf die französische Rechtsform der „Gesellschaft mit beschränkter Verantwortung“ eröffnet. Unsere Finanzmärkte leben geradezu davon, daß es die Unternehmensformen der Aktiengesellschaft, der GmbH, der Limited usw. gibt, daß Investoren also die Möglichkeit haben, ihre Verantwortung zu beschränken.

Die vielbeschworene Effizienz der internationalen Kapitalmärkte beruht darauf, daß es in unserer Marktwirtschaft die Möglichkeit gibt, Unternehmen zu gründen, die das Risiko und die Verantwortung, die ihre „Eigentümer“ zu tragen haben, auf ein Minimum reduzieren. Müßten Anleger mit ihrem Privatvermögen für die Schulden der Unternehmen haften, in die sie investiert haben – so wie das jeder Einzelunternehmer machen muß – würden die anonymen, weltweiten Kapitalströme wenn nicht versiegen, so doch deutlich an Dynamik verlieren. Nur durch die Eliminierung der Verantwortung ist es möglich, heute hier und morgen dort zu investieren, ohne sich über mehr Gedanken zu machen als Eigenkapitalrendite und „Shareholder Value“.

In den letzten Jahren kam verschlimmernd hinzu, daß die Verantwortung der Akteure des Finanzsystems zusätzlich dadurch beschränkt wurde, daß die großen Unternehmen und Banken im Falle eines allgemeinen Zusammenbruchs durch massive Interventionen der Zentralbanken und der Staaten vor den Folgen ihrer verantwortungslosen Investitionspolitik gerettet werden. Kurz: Die Institutionen der realexistierenden Marktwirtschaft sind so beschaffen, daß die Gewinne privatisiert, die Verluste hingegen sozialisiert werden.

Der soziale Flügel hat recht, wenn er die liberal argumentierenden Konservativen dafür kritisiert, auf diesen realexistierenden Markt zu bauen und ihn sogar stärken zu wollen. Der liberale Flügel täte gut daran, sich die Warnungen der intellektuellen Väter des deutschen Wirtschaftswunders zu Gemüte zu führen. Alexander Rüstow, Wilhelm Röpke, Walter Eucken, Franz Böhm, Leonhard Miksch – alle warnten sie eindringlich davor, die Möglichkeit der Haftungsbeschränkung allgemein zugänglich zu machen und in den Dienst des Profitinteresses zu stellen. Denn eine Marktwirtschaft, in der die Verantwortung vom Eigentum getrennt ist, ist eben keine funktionierende Marktwirtschaft. Sie wird pervertieren, sie wird zu Monopolen, Kartellen und Trusts führen und die Spaltung der Gesellschaft in Reiche und Arme, Mächtige und Ohnmächtige vertiefen.

Wenn in der gegebenen Situation vom liberalen Flügel der AfD zum Beispiel der Vorschlag gemacht wird, die Alterssicherung der Deutschen zu privatisieren und den internationalen Kapitalmärkten anheimzustellen, ist das absolut widersinnig und im Grunde genommen illiberal. Die Folge wäre ein Transfer der Ersparnisse der Deutschen auf einen im wahrsten Sinne des Wortes verantwortungslosen Markt.

Sowohl die soziale als auch die liberale Seite der Debatte innerhalb des rechten Lagers wäre gut beraten, sich mit dem blinden Fleck ihrer jeweiligen Ideologie auseinanderzusetzen. Beide Seiten haben dabei durchaus Recht mit der Kritik am jeweils anderen. Die Liberalen vertrauen zu sehr auf einen Markt, der in der Realität schon längst nicht mehr dem ihrer Theorie entspricht, und die solidarischen Patrioten wollen mit dem Staat den Bock zum Gärtner machen. Beide arbeiten dabei unbewußt an einer Verringerung der Verantwortung in der Gesellschaft, obwohl sie doch eigentlich das Gegenteil bezwecken.

Bei der Frage, wie man vorzugehen habe, wenn man die Verantwortungslosigkeit in unserer Gesellschaft bekämpfen möchte, scheint es mir unbedingt erforderlich zu sein, daß sich erst die Liberalen bewegen müssen. Es geht nicht an, von den kleinen Leuten zu verlangen, daß sie Verantwortung übernehmen, solange wir in einer Welt leben, in der die dicken Fische ihre Verluste systematisch auf die Allgemeinheit abwälzen können. Das ist zunächst und hauptsächlich ein Gebot der Gerechtigkeit, dann aber auch eine rein taktische Erwägung. Eine liberale Bewegung wird niemals zu demokratischen Mehrheiten gelangen, wenn sie von der Mehrheit der Bürger Opfer fordert, die sie einer reichen Minderheit nicht abverlangt.

Die liberalen Elemente innerhalb des rechten Lagers sollten daran gehen, ihre liberalen Forderungen für mehr Privateigentum und Verantwortung zunächst einmal auf dem Finanzmarkt, d.h. für die Mächtigen und Reichen durchzusetzen. Der dornige Weg der Reform unseres Geldwesens und des Gesellschaftsrechts muß durchschritten werden, ehe man dem kleinen Mann auf der Straße mehr Verantwortung abverlangen kann.

Es wäre ein großer Fehler, sich der Illusion hinzugeben, daß dies eine leichte Aufgabe ist. An unserem Geldsystem rackert sich der Liberalismus seit Jahrzehnten vergeblich ab, und was das Gesellschaftsrecht betrifft, ist den Liberalen noch nicht einmal ansatzweise klar, wie eine verantwortungsvolle Ausgestaltung der Unternehmensformen und des Finanzmarktes aussehen könnte. Hier hat der Liberalismus, der sich so viel auf seine Theorie einbildet, leider auf ganzer Linie versagt. Gerade deswegen ist es wichtig, daß wenigstens die Liberalen innerhalb des konservativen Lagers der Versuchung widerstehen, den wirklich drängenden und schwierigen Problemen auszuweichen.

In jedem Falle muß der Weg des geringeren Widerstandes vermieden werden. Entweder man traut sich an die entscheidenden Reformen heran – dann wird sich auch der einfache Bürger bereit zeigen, sein Scherflein beizutragen und Verantwortung für sich und seine Nächsten zu übernehmen; oder man traut sich nicht heran, aber dann hat man auch den kleinen Mann mit Liberalisierungsforderungen zu verschonen.


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Kommentare (51)

qvc1753

24. April 2020 12:34

Sehr schön aufgedröselt.
Hierzu ein paar Gedanken;
Der gute alte "meene Koopman" der durch die Köpfe Vieler noch geistert, sei es als Firmenpatriarch, sei es als erfolgreicher Tycoon, der ist nur bedingt für die kapitalistische Wirtschaft tauglich.

Bestimmte Unternehmen haben einen riesigen Kapitalbedarf - so war der Eisenbahnbau nur durch Aktiengesellschaften überhaupt realisierbar. Was wiederum Spekulation förderte, die wiederum diverse Crashs.
Ergo wurden alleine durch die Aktiengesellschaften Risiken so zu sagen bereits damals von der breiten Schicht der Aktienbesitzer getragen. Ging es gut, dann gab es satt Renditen, lief es schlecht, dann hatte man sein Geld verloren. Insgesamt hat es aber gigantische Investitionen gemacht, die ein einzelner Unternehmer gar nicht persönlich haftend aufbringen kann.

Dieses System ist heute aber ein sich unfassbar schnell drehendes Karussell von Transaktionen geworden, die den Börsenwert von bestimmten Firmen in unfassbare Höhen treiben. Und einen Bill Gates oder Bezos zu einem Krösus.
Dies vor allem dadurch, das institutionelle Marktteilnehmer immer mehr das Geschehen bestimmen und über ihre Fonds auch Einfluss ausüben.

Auf der anderen Seite haben wir dann den mittelständischen Unternehmer, dem entweder die Rechtsform der GmbH nicht möglich ist (Anwalt, Arzt, Apotheker,) oder der aus anderen Gründen als Einzelkaufmann agiert.
Will man letztere stärken, dann muss man den Mittelstand stärken. Und dem ist es - wirtschaftlich gesehen - vollkommen egal wie "patriotisch" die Sozialpolitik aufgestellt ist. Der ist lokal eingebunden wie auch global und über alle Ländergrenzen hinweg. Man unterschätze nicht die vielen deutschen Firmen, die als "stille Champions" sehr spezifische Marktnischen besetzen und weltweit operieren. Und dennoch im Münsterland oder in Schwaben ihre Zentrale haben.
Warum soll eine Firma Wanzl (Weltmarktführer für Einkaufswagen) bspw. nicht international agieren ? Und dennoch nicht lokal verwurzelt sein?
Diese gilt es zu stärken, denn die sind überwiegend in ihren Heimatregionen geblieben. Wer aber lokal verwurzelt ist, der ist normalerweise anders unterwegs als Amazon oder Apple.

Der Liberalismus versagt an dieser Stelle nach meiner Ansicht nicht, er setzt falsche Prioritäten. Nicht Amazon muss gestärkt werden, sondern der Mittelstand.
Gerade jetzt in der Coronakrise zeigt sich nämlich, das die Unternehmen, die lokal verankert sind, im Besitz von Einzelkaufleuten oder persönlich haftenden Geschäftsführern eben auch diejenigen sind, die verantwortlich gegenüber ihren Mitarbeiter agieren.

Irgendwelche vaterländischen Appelle sind da nicht das Kriterium. Wer Kaufmann ist oder kaufmännisch rechnen muss, der blickt zunächst auf seine Zahlen: es muss sich erst einmal alles rechnen.
Umgekehrt kann ich aber mit einer solchen Wirtschaftspolitik auch nur einen Teil des Wohlstandes erwirtschaften. Internationale Großkonzerne wird es daher weiter noch brauchen.
Warum aber bspw. Amazon lieber von Luxembourg als von Deutschland aus seine Rechnungen verschickt, das weist darauf hin, das eine vertiefte europäische Integration und Harmonisierung von Steuern durchaus Sinn macht. Dann kann nämlich der international agierende die rein national agierenden nicht mehr gegeneinander ausspielen.

micfra

24. April 2020 14:10

Ich als kleiner Mann finde diesen Text sehr gut. Ich stehe einem sozialen Patriotismus näher, als einem marktliberalen Ansatz. Sehe aber auch als DDR-geborener, dass es Marktwirtschaft braucht. Wie aber beides zusammenbringen? Dieser Beitrag hat das jetzt etwas für mich aufgedröselt.

Lotta Vorbeck

24. April 2020 15:31

@micfra - 24. April 2020 - 02:10 PM

Wie aber beides zusammenbringen?

~~~~~~~~~~~

Kennen Sie den "Plan B"?

Ist auch als MP3-Datei verfügbar.

zeitschnur

24. April 2020 19:04

"Wenn es in der Wirtschafts- und Sozialpolitik irgendetwas gibt, das die verschiedenen Strömungen (...) einigen könnte, dann ist es der Kampf gegen eine Beschränkung der Verantwortung oder, positiv gewendet, für eine Gesellschaftsordnung, in der es weitgehend unmöglich ist, Verantwortung auf andere abzuwälzen.

Unter diesem Banner ließen sich sowohl diejenigen versammeln, die sich für eine Liberalisierung der Sozialsysteme und eine Stärkung der Marktwirtschaft einsetzen, als auch diejenigen, die sich für einen solidarischen Patriotismus stark machen, für eine ausgeweitete Sozialpolitik im Interesse von Deutschen und Familien."
_____________

Es liegt hier nicht an Balken in den eigenen oder fremden Augen, weder hüben noch drüben, sondern daran, dass man echte und freie Selbstverantwortung und Staatlichkeit nun mal nicht zusammenbringt.
Der Staat hat nur dann Sinn, wenn er mir vorgaukelt, einige Verantwortung für mich als Gemeinschaftspartikel zu übernehmen, wofür ich ihm wenigstens einen Teil meiner Souveränität abtreten und Gewalt mir gegenüber einräumen muss. Damit ist echte Selbstverantwortung von vornherein beschädigt, und zwar im Sinne einer Todeswunde. man darf Staatswesen nicht mit freien Zusammenschlüssen freier Menschen verwechseln! Diese Verwechslung ist ebenfalls eines der Hauptprobleme und Gebärerin ständiger Missverständnisse.

Am Widersinn zwischen Staat und freiem Individuum scheitern letztendlich alle Ansätze, egal wie sie aufgebaut sind. Die allermeisten Europäer klammern sich jedoch am Staat bzw einer Staatlichkeit fest, als sei der ein Fetischpüppchen. Sie glauben über alle Parteigrenzen weg, es entstünde dann ein Hohlraum, innerhalb dessen Mord und Totschlag ausbrächen. Ich frage: Wer so wenig Vertrauen in die Menschen hat und kleinere Gemeinschaften - was fordert ein solcher dann unbeschränkte Haftung des einzelnen?
Es gibt ab und an in der Geschichte Phasen, in denen Staaten vergleichsweise gute Gleichgewichte mit den Freiheiten des einzelnen finden, das funktioniert aber in Zeiten des Globalismus ganz sicher nicht mehr. Staatlichkeit wird da immer mehr ins Totalitäre kippen oder sich eben ganz aufheben und dem Fraß irgendwelcher Staatsmonopolisten von somewhere zum Opfer fallen.
In einer Welt, in der zerfallende Staatlichkeit bewusst als hybride Kriegsführung inszeniert und nicht ehrlich erkannt ("failed states") und im Sinkflug ausgesprochen und rechtzeitig abgefangen wird, um entweder eine freie libertäre Gesellschaft oder einen neuen Staat zu bilden, ist jede einigermaßen selbstverantwortete Gesellschaft den Geiern des Elitenkapitalismus ausgeliefert, die in einer derart verwucherten Symbiose mit dem Staat unterwegs sind, dass vor einer Bereinigung dieser Umschlingungs- und Fleddererverhältnisse leider nichts zu erwirken sein wird. Die Welt ist in gewissem Sinne wirklich am Ende.

Das erste, was man abschaffen müsste, wäre zu große urbane Konzentration, indem menschen freiwillig sich über die so vielen leeren Räume auf der Welt verteilten und dort autark wirtschaften. Ich brauche nicht weiter auszuführen, dass alleine das schon so viele Pferdefüße hat, dass das kaum funktionieren kann - von freien "Aussteigern" mal abgesehen.

eike

24. April 2020 19:33

"...die Alterssicherung der Deutschen zu privatisieren und den internationalen Kapitalmärkten anheimzustellen, ist das absolut widersinnig ...ein Transfer der Ersparnisse der Deutschen auf einen im wahrsten Sinne des Wortes verantwortungslosen Markt."

Nein ist es nicht.

Widersinnig und verantwortungslos ist, die Beiträge zu meiner Alterente nicht anzulegen, sondern an andere auszuzahlen und zu hoffen, daß, wenn ich soweit bin, genug Einzahler existieren, um mir einen Teil zurückzugeben. Das nennt man ein "Schneeballsystem" und seine Initiatoren wären normalerweise längst hinter Schloß und Riegel.

Private Rentenversicherer ("der verantwortungslose Markt") hätten meine Beiträge in Immobilien oder sonstwie werthaltig angelegt und mit dem Mehrwert meine alten Tage vergoldet, anstatt verzweifelt Millionen aus der Dritten Welt zu importieren in der irren Hoffnung, im neuen Arbeitslosenproletariat genug neue Einzahler zu finden.

Der mit sozialer Rhetorik versüßte "Generationenvertrag" ist die Mutter des Einwanderungswahnsinns.

bb

24. April 2020 21:09

Ein sehr guter Text, der ein oder das Kernproblem jeder Gemeinschaft behandelt. Einige Anmerkungen hätte ich jedoch:

Sollte im Fall einer Unternehmenspleite wirklich Lieschen Müller für die Schulden haften? Lieschen Müller hat bereits mit ihrem Vermögen gehaftet und ggf. nicht die Zeit oder Kenntnisse, bei jedem Aktienkauf die jeweilige Gesellschaft umfangreich zu überprüfen. Realistischer ist meines Erachtens, dass die Geldgeber für die Kredite, sowie die Geschäftspartner des Unternehmens seine wirtschaftliche Lage und damit die Zahlungsfähigkeit bewerten. Sie und ihre Aktionäre sollten also die Verantwortung tragen und genau schauen, mit wem sie Geschäfte machen (was in der Regel bereits stattfindet, wenn auch nicht in dem Maß). Nach diesem Prinzip kann dann auch niemand mehr als das verlieren, was er bereits besitzt und keiner gerät in eine durch den Staat erzwungene Schuldknechtschaft

Völlig utopisch ist eine Reform des Geldsystems. Realistischer und zeitgemäßer wäre es, Parallelwährungen zuzulassen und den Marktteilnehmern zu überlassen, für welches Geld sie sich entscheiden. Dies ist im Sinne des klassischen Liberalismus und ließe sich rechtlich einfacher und auch ohne unsere „Partner“ und „Freunde“ im Ausland bewerkstelligen. Diese hätten bei der politischen Erklärung ihrer Ablehnung auch große Schwierigkeiten, da sie vorgeblich für die Freiheit der Menschen eintreten.

Nun gibt es da noch diese lästige Eigenheit jedes Staates, immer mehr Ressourcen zu binden und sie so ineffizient und korrupt wie irgend möglich zu verwenden. Auch hier halte ich es für völlig utopisch und auch ungerecht, Einzelpersonen für ihr Versagen haftbar zu machen. Entscheidungen auf dieser Ebene halte ich für schlicht zu komplex, um die resultierenden Konsequenzen abschließend beurteilen zu können. Weiterhin bliebe da noch das Problem der Korruption. Vielmehr sollte hier jeder Bürger das Recht haben, die Zahlung von Steuern einzustellen, wenn er mit deren Verwendung nicht einverstanden ist. Dies würde einerseits zu weniger Umverteilung (also mehr Eigenverantwortung) führen, als auch dazu, dass sinnvoller mit den Steuereinnahmen umgegangen wird und Entscheidungen besser und transparenter erklärt werden. Schließlich hat man als Politiker ein Eigeninteresse daran, das Steueraufkommen und damit den eigenen Gestaltungsspielraum zu maximieren.

Vorstellbar wäre eine Bewegung, die sich dafür einsetzt, dass nur derjenige ein Wahlrecht erhält, der Steuern zahlt. Im Gegenzug erhält jeder das Recht die Steuerzahlung einzustellen. Eine entsprechende Programmpartei mit zufällig ausgewählten Mitgliedern der Bewegung stellt sich zur Bundestagswahl und versucht, dieses Ziel durchzusetzen. Ich denke, dass eine solche Partei unter Dissidenten jeder Couleur, Wutbürgern, Aussteigern und Nichtwählern sehr beliebt wäre und hohe Stimmenanteile binden könnte.

Nordlicht

24. April 2020 21:23

Das Problem sind AG-Unternehmen mit bezahlten Managern.

heinrichbrueck

24. April 2020 21:44

@ zeitschnur
Die meisten Menschen denken sich Volkswirtschaften in betriebswirtschaftlicher Ausführung. So funktionieren Volkswirtschaften aber nicht. Der Staat betätigt sich in dieser Form, auch wenn die Vorstellungen andere sind, als Räuberbande der mächtigen Banken. Systemkritik muß in erster Linie das System verstehen; eventuell ein anderes System denken können, was noch nie getan wurde. Autarke Höfe wären regelmäßigen Plünderungen ausgesetzt, nicht anders im Bereich der Volkswirtschaften. Echte Kritik setzt ein neues System voraus. Wirkt jede Kritik in unserem Systemrahmen, bildet sie das Gegengift bis zum nächsten Schlangenbiß. Ein Teufelskreis bietet keine Ausweichmöglichkeiten, jedenfalls langfristig nicht. In der Weltwirtschaft wird betrogen. Es müßte uns darum gehen, unser Volk zu schützen, und sonst weniger Worte zu verschwenden.

DirkAhlbrecht

24. April 2020 21:45

So ist es, eike! Und wo wir bei Verantwortung sind: Niemand wird doch gezwungen sein Geld den "verantwortungslosen" Kapitalmärkten anheimzustellen. Wer es überschaubarer mag, der kauft sich ein Haus oder eine Wohnung. Aber auch dazu braucht es ein entsprechendes Netto-Einkommen, dass einem nicht vorher durch den Parteienstaat auf ein Minimum herunterversteuert wird.

Und was dem kleinen Mann auf der Straße wohl am allermeisten helfen würde, wäre ein kompletter Stop der weit überwiegend stattfindenden prekären Zuwanderung - und dem damit natürlicherweise direkt im Zusammenhang stehenden sehr geringen Lohnniveau in eben diesen prekären Beschäftigungsbereichen. Denn eines gilt immer und zu allen Zeiten: Angebot und Nachfrage ist keine Erfindung von bösen Kapitalisten, sondern ein Naturgesetz.

Grobschlosser

25. April 2020 04:47

re eike : stimmt .

meine Rente soll ( so die fromme sozialdemokratische Theorie ) von zwei Drehern und einem Bohrwerker erwirtschaftet werden - nun wurde der "Gesellschaftsvertrag" von Leuten gekündigt die sich "gegen weiße deutsche Männer" und gegen den deutschen Maschinenbau entschieden haben ( "was wir tun ist völlig legal und gesellschaftspolitisch weitgehend akzeptiert - wir kontrollieren die Schulen und Hochschulen , die Presse , wir nehmen dir deine Verfahrenstechnik weg und lassen sie vom Asiaten reproduzieren ; unsere höheren Töchter besuchen private Hochschulen und unser Jakob ist bereits Geselle im Herrenclub /Weidenmoor zu den drei goldenen Talern - Danke - es geht uns gut ".

der Jakob hat viele Väter und der Jakob hat Reichweite , gute Anwälte und inzwischen einen Bodyguard und einen Safespace denn der Jakob ist ein Lügner - und Lügner sind irgendwann nicht mehr willkommen .Das ganze Leben ein einziger Leistungskurs Geschi/ Politik II .

ruft mich einer an :"Herr Schlosser, Ihr Hydrauliksystem für den xy-Flieger könnten wir auch in den usa herstellen lassen ".

"ja Herr Schlümpf-Voleur , das ist grundsätzlich möglich - aber nicht erwünscht ".

(Schweigen in der Leitung ) .

"Herr Schlümpf-Voleur ...meine Anlage gehört mir - wenn ich das Teil in einem E441 GEO entdecke setze ich mich in den Flieger , besuche sie und ihre hochbegabte Familie in Toulouse - wir werden dann sehen wer die besseren Nerven hat "

"wollen sie mir drohen Herr Schlosser ? "

"sie schneiden doch jedes Telefonat mit - rufen sie ihren Anwalt an - informieren sie ihren Herrenclub , schreiben sie eine Rede , gehen sie mal wieder ins Freibad " .

"und lassen sie in China keine Zeichnungen mehr liegen Herr Schlümpf ".

"was unterstellen sie mir denn da ?"

"gehen sie ins Freibad Herr Schlümpf" .

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eike

25. April 2020 05:06

Auch wenn "sezession" i.W. ein Treffpunkt politisch interessierter Philosophen ist, und nicht von Volks- und Betriebswirten wimmelt, sollte man doch bei Ausgriffen auf benachbarte Fakultäten die Kirche im Dorf lassen.

Eine GmbH ist kein Konstrukt zur Vermeidung von Haftung oder gar Verantwortung, sondern die höchst notwendige Beschränkung der unvermeidbaren Risiken einer wirtschaftlichen Aktivität auf überschaubare Summen, eben die Einlagen der Gesellschafter.

Der Autor würde vermutlich auch den Abschluß einer Autoversicherung geißeln, da dessen Absicht klarerweise ist, die Haftung einer risikoreichen Tätigkeit zu limitieren.

Maiordomus

25. April 2020 08:08

@zeitschnur. Zu Ihren wertvollsten Bemerkungen in letzter Zeit gehörte der Hinweis, dass ein geistig Oppositioneller wie Reinhold Schneider sehr wohl, im 3. Reich wie auch später in der von ihm als "Restdeutschland" abqualifizierten Adenauerschen Bundesrepublik ("Fall Reinhold Schneider") in gewissem Sinn und vor allem metapolitisch zum Widerstand gezählt werden kann. Er war aber entschieden gegen Attentate und überhaupt gegen putschmässigen und gewaltbereiten Widerstand, mit welchem geistigen Einfluss etwa auf Karl Ludwig von und zu Guttenberg, den Kreisauer Kreis und andere er im Rahmen des konservativen deutschen Widerstandes im 3. Reich er objektiv wohl ein retardierendes Element geworden sein dürfte. Eine langfristige Wirkung bleibt aber nicht zu unterschätzen, die Adenauerkritik und Kritik an "Euromarkt" und "Euratom" (vgl. "Winter in Wien", 1958) inbegriffen. Diesen geistigen Widerstand wird es immer geben, so wie Reinhold Schneider 1930 ein Manuskript verfasste, das er mit dem Titel "Geistiger Nationalismus" versah. Eine Haltung. von der er allerdings auch wieder Abstand gewann.

zeitschnur

25. April 2020 11:33

@ Maiordomus

Auch wenn Ihre an mich gerichtete Antwort in diesem Thread etwas themenfern ist und eine bereits geschlossene Debatte fortsetzt, möchte ich Ihnen hier gerne antworten, wenn die Moderation erlaubt.

Ich glaube, was mich an vielen Rechtskonservativen (bei vielen Linken aber ebenso) etwas stört ist ein Denken, das nach Perfektion strebt: Man geht der Tatsache der ständigen Transformation aus dem Wege, reagiert teilweise (Sie aber nicht) fast phobisch auf die Möglichkeit, die unabwendbare Realität, dass die Dinge sich verändern, dass nichts bleibt, wie es einmal war und auch alles auf ein natürliches Ende zustrebt bzw (so sieht man es als Christ) auf eine Verwandlung ins Königtum Gottes hinein. Ich halte diese Denkstruktur für gefährlich und kontraproduktiv. Und gerade weil ich an diesem einen Punkt stets widerspreche und für eine andere Sicht werbe, gibt es an ihm auch die meisten Reibungen mit mir.

Dass also Schneider nicht in Stein gemeißelt war, sondern wie jeder lebendige und vitale, verwandlungsbereite und -fähige Mensch (und letztlich sind auch nur solche wirklich "politikfähig", um Ihren Ausdruck vom anderen Strang aufzugreifen) einen Weg beständiger Transformation ging, sollte man eben nicht beargwöhnen oder irgendwie als "Manko" auffassen. Wir alle werden von den Wandlungen der Dinge überrascht, mehr oder weniger jedenfalls, manches ist auch lange absehbar, und es ist auch hier nicht möglich, sofort mit einer ausgereiften Antwort auf solche Überraschungen aufzuwarten. Vieles durchdenken wir überhaupt erst, wenn eine Situation uns zeigt, dass hier etwas zu durchdenken ist. Vorher haben wir es nicht in Betracht gezogen. So formt sich im besten Fall ein minimalistisch fließendes Mosaik, dessen Steinchen sich als individuelle Gesamtentwicklung im Verbund mit der eigenen Gestalt, in die natürlich die Herkunft und Prägung, vor allem die Sprache, wesentliche Vorbedinungen schafft, verflechten und durchwirken. In diesem Sinne spricht Petrus etwa von den "lebendigen Steinen", aus denen der neue Tempel Gottes gebaut wird: Hier ist außer dem Grundstein, Jesus, nichts starr erbaut, sondern es fließt, lebt, webt, ist in höchstem Maße vital.

Jeder, der mich etwas kennt, weiß, dass ich das Politische ebenso wie alles Staatliche mit äußerster Skepsis betrachte. Beides will den Gang am Rand der großen Tiefe, des Abgrundes, der real lauert, durch starre Verwerkung des Lebendigen erhalten. Wir erleben die Unaufhaltsamkeit der Transformation als "Tod" und meutern in Gestalt des Politischen und des Staates dagegen. Wie Esau verkaufen wir unser ureigenes Recht an diese trügerische Hoffnung auf Unsterblichkeit und viele, viele, rechts wie links, haben das niemals verstanden, empfinden es aber als "Ungerechtigkeit" oder "Bedrohung ihrer Identität" und reagieren darauf mit der Perfektionierung des Staatlichen und Politischen anhand von Begriffen, die sie als stabile und gute Träger einer "festen" politischen Formation ansehen. Wir haben im 20. Jh gesehen, dass dieser politische Pefektionswahn seine tödliche Fratze offenbart hat. Aber noch immer begreifen wir es nicht und beten dieses Tier an. Die Anbetung dieses Tieres löscht alles Persönliche und Eigene aus - auch in "rechten" Konzepten. Auch dort. Denn ein postmoderner Staat erreicht keinerlei Sinn mehr, wenn er es nicht tut.

Was wäre also gewonnen, wenn man "putscht" oder "Attentate" macht? Man würde der Hydra einen Kopf abschlagen, und es wüchsen zwei nach. Mit jedem solchen "Widerstandsakt" würde man das, was bekämpft, nur verstärken. Jesus sagt vor Pilatus auf dessen Frage, ob er als angezeigter "Aufrührer" ein "König sei", seine "basileia" (Reich) sei nicht von diesem "kosmos" (meint im alten Griechisch "(politisches) System"). Pilatus ist von dieser Antwort offenbar verwirrt, denn er fragt noch einmal: "Also bist du doch ein König?" Und Jesus antwortet: "Du sagst es!"
Ich habe über diesen merkwürdigen Dialog so viele Jahre nachgedacht und tue es immer wieder.
"Widerstand" kann aber für einen Christen nur von diesem Dialog her gedacht werden.
Und: Christliche Hoffnung hat keine Angst vor den Veränderungen, Verwandlungen, Transformationen. Sie glaubt, dass diese geheimnisvolle Gestalt der "ergebenen" und „fließenden“ Stabilität die Welt jetzt mit Licht versieht und am Ende dieses Weltzeitalter auch alleine überleben wird. Alle Gewalttäter und Machtwilligen, die nichts als Großmäuligkeit, Starrheit und Sturheit erzeugen, werden in ihm begraben werden. Einen Schneider etwa wird ihr Zugriff niemals erreichen, egal was sie anstellen. Aber seine Leuchtkraft bleibt bestehen. Finsternis hat nur Macht, wenn sie finster ist. Sobald sie beleuchtet wird, ist sie einfach nur noch nichtig.

Laurenz

25. April 2020 12:03

Der Artikel und die Ahnungslosigkeit der Debatte sind unselig. SiN tut sich hier keinen Gefallen, Brücken schlagen zu wollen, wo keine Flüsse sind, sondern waffenstarrende Mauern.

Die ganzen @eikes und ihre Debatte hier sind symptomatisch unterirdisch.

Zitat-Widersinnig und verantwortungslos ist, die Beiträge zu meiner Altersrente nicht anzulegen, sondern an andere auszuzahlen und zu hoffen, daß, wenn ich soweit bin, genug Einzahler existieren, um mir einen Teil zurückzugeben.-Zitatende

Das ist doch der wesentliche Inhalt liberaler Nachkriegs-Politik. Das, was Sie, @eike, beschreiben, gilt nur für die Masse der Deppen. Die liberale Minderheit in diesem Land ist überhaupt nicht an diesem Prozeß beteiligt, ob Beamte, Anwälte, Freiberufler, Selbständige etc.pp., alle haben sich in allererster Stunde davon verabschiedet.
Und die mangelnde historische Bildung zeigt sich hier quer durch das Kommentariat.

Einer meiner Urgroßväter war Reichsbahner zu Düsseldorf. Während der Besetzung des Ruhrgebiets durch die Franzmänner gingen die Reichsbahner große persönliche Risiken ein. Sie hingen an die Kohle-Züge, welche als Reparationen dienen sollten, 2 Loks, ein am Anfang und eine am Ende des Zugs. Der größere Teil der Züge wurde dann heimlich getrennt und sie fuhren nächtens heimlich ins Reich.
Dieser mein Ur-Großvater, wie Seine Kollegen, zahlten Ihre private Renten-Versicherung in Goldmark. Aber alles Gold, war mehrmals im letzten Jahrhundert weg. (Heute ist es wieder ein großer Teil weg, von den US Amerikanern versilbert).
Besagte Reichsbahner bekamen wertlose Papier-Reichsmark als Rente, ein persönliche Katastrophe.
Daß sich die Liberalen (Berufe) aus der Solidar-Gemeinschaft hinaus gestohlen haben, ist der übliche Verrat am Deutschen Volke, der sich bis heute hinzieht. Und die Politik griff schon vor Willy Brandt in die Sozial-Kassen. Willy Brandt tat dies als erster im großen Maßstab und verriet seine Wähler, "Wer hat uns verraten, die Spezial-Demokraten". Diese Bundes-Republikanische Tradition eines Klassen-Raubzugs schlägt bis Merkel den Boden aus. Und daß hier auf SiN, dasselbe passiert, tut tatsächlich richtig weh.
Mit meinem treuen guten Freund, @Franz Bettinger, führe ich dieselbe Debatte. Und daher weiß ich, es ist schwer für Privilegierte auf ein Privileg zu verzichten.

Exakt hier liegt die heute seltene Größe Björn Höckes, etwas, das ein Meuthen mitnichten besitzt. Und exakt hier sind keine Kompromisse in der Debatte angesagt, weil sich jegliche Debatte weg von der Alternative wieder in den Verrat, weg vom Grundgesetz bewegt.

zeitschnur

25. April 2020 12:38

@ heinrichbrueck

Sie schreiben

"Autarke Höfe wären regelmäßigen Plünderungen ausgesetzt, nicht anders im Bereich der Volkswirtschaften. Echte Kritik setzt ein neues System voraus. Wirkt jede Kritik in unserem Systemrahmen, bildet sie das Gegengift bis zum nächsten Schlangenbiß."

Ich muss da noch mal nachfragen, weil ich es nicht ganz klar verstehe, was Sie meinen:

Sie meinen, wenn man innert des bestehenden Systems das durchziehen wollte, was mir vorschwebt, würde es ständig durch die Ausgeburten des Systems bedroht? Und man müsste daher erst das ganze System wandeln, damit mit dem, was mir vorschwebt, Stabilität erreicht würde?

Wenn Sie das so gemeint haben sollten, was ich einmal voraussetze, würde ich sagen:
Sicherlich würden autarke Höfe Plünderungen ausgesetzt sein. Aber Hand aufs Herz: Der Staat plündert uns auch aus, und das gnadenlos schlimmer als es ein Plünderer je könnte. Beides ist natürlich nicht wünschenswert. Der Staat kommt informellen Plünderern durch seinen Anspruch lediglich zuvor. Der Staat verhielt sich in Deutschland in der Lebenszeit der meisten von uns "zahm" und täuscht damit über sein wahres Gesicht als potentieller Mörder, Gewalttäter, Betrüger, Dieb und Sklavenhalter hinweg.
Man kann in einer privatrechtlichen Ordnung sehr wohl freie Sicherheitsdienste aufbauen - es braucht dazu keinen Staat, falls jetzt wieder das Mord- und Totschlag-Argument von jemandem kommt. Alles, was wir dem Staat als Ordnungsmacht positiv zuordnen, kann auch außerhalb der Staatlichkeit gewährleistet werden, falls überhaupt nötig.

Maiordomus

25. April 2020 12:46

@Zeitschnur. Als Beitrag zum tieferen und gewiss respektvollen Verständnis eines christlich-abendländischen Pazifismus gehen Ihre Ausführungen in der Tat in die Tiefe. Dies schliesst aber die Gegenfrage nicht aus, weit ein solcher Pazifismus, über das persönliche Zeugnis hinaus, "politikfähig" sein kann. Siehe die bekannte, nicht nur von Max Weber dargestellte Spannung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Es scheint mir aber doch auch klar, dass Positionen wie die von Ihnen beschriebenen nicht mit herkömmlicher ideologischer Unbelehrbarkeit zu verwechseln sind, umso weniger, als diese bei den bedeutendsten Vertretern oftmals mit einem existentiellen Zeugnis, gewiss nicht mit Tugendterrorismus zu verwechseln, als Passion bezeugt werden. Die Passion ist aber niemals Bestandteil eines politischen Programms, und darum bleiben solche Leute im praktischen Sinn nun mal eher nicht "politikfähig". Dessen war sich nicht nur Papst Coelestin V. bei seiner Abdankung bewusst.

Franz Bettinger

25. April 2020 13:02

@Laurenz: Ich muss dir widersprechen. Beamte, Anwälte, Freiberufler und andere Selbständige haben sich nicht aus der Solidar-Gemeinschaft verabschiedet. Bei den Beamten magst du recht haben; bei den anderen Genannten nicht. Die Solidar-Gemeinschaft ist bei diesen Berufsgruppen nur eine andere. Wir Ärzte haben eigene 'Versorgungs-Werke' (VWs), in die wir kräftig einbezahlen MÜSSEN. Ich hätte es lieber nicht getan, denn es war abzusehen, dass diese VWs schlecht wirtschaften würden. Und so war’s auch. Auch in diesen privaten VWs (aka Rentenkassen) gilt das Umlage-Prinzip, um die „alte Last“ zu tragen. Damit ist die Kriegs-Generation gemeint, die nie eingezahlt hat - außer mit ihrem Kriegseinsatz, ihrem Leben, ihren seelischen und körperlichen Verletzungen und den zerbombten Häusern. Den Menschen zuliebe, die Deutschland wiederaufgebaut haben, wurde das Umlage-Prinzip erfunden. Ich kann gut damit leben. Weniger gut leben kann ich mit den Deppen darin, die nicht haushalten können, aber sei's drum.

Ich habe's schon mal erwähnt, aber offenbar niemanden damit beeindruckt: Es gibt viele Länder, die es viel besser machen als wir. In Neuseeland werden sowohl die Kosten für die Einheitsrente (ca.1000€ / Monat) als auch für das Gesundheitswesen aus dem Steuertopf bezahlt. Das ist einfach, billiger und fairer als die unglücklichen deutschen Versuche. Wer mehr haben will, muss halt sparen, wie das die Natur so vorsieht.

Laurenz

25. April 2020 16:32

@Franz Bettinger .... Du antwortest hier auf einen Kommentar, der gar nicht veröffentlicht wurde, sondern den die SiN-Redaktion, Du und @Lotta Vorbeck erhalten hatten.

Dein Widerspruch fällt ins Leere.

https://de.wikipedia.org/wiki/Versicherungsfremde_Leistungen

Wenn Willy Brandt, Helmut Kohl Projekte aus der Sozial-/Rentenversicherung finanzierten, dann griffen sie gewiß nicht in Deine Versorgungs-Kasse, auch nicht in die der Rechtsanwälte oder Techniker etc..

Ich zB bin privat krankenversichert (ca. 13% in Deutschland sind privat versichert) und zahle daher nichts für die Krankenversorgung unserer Goldstücke. Aber Dank Renate Schmidt (2009) komme ich da auch nicht raus, selbst dann nicht, wenn ich wollte. Der Bund zahlt für die Krankenversorgung der Zugereisten 90 Euro im Monat an die Pflichtkassen. Die Kosten liegen aber bei über 300 Euro. Die Differenz tragen die Pflichtversicherten.

Hier eine Plattform, die in dieser Frage agiert. Und wenn Du die Korrespondenz durchklickst, liest Du nur Schwachsinn von zuständigen Mandats-Trägern der Alt-Parteien. Und hier hat nur Herr Höcke, als aktiver Politiker, bisher eine akzeptable Alternative aufgezeigt.

https://www.rentenreform-alternative.de/versifr_antw.htm

Um Dir vollends die Augen zu öffnen, bringe ich Dir Zahlen. Die Zahlen wurden von einem Verein veröffentlicht, der von ehemaligen Siemens-Mitarbeitern gegründet wurde.

Wenn Du Dir die Tabelle anschaust, wird klar, warum die Rentenkasse kein Geld hat. Die Versicherten der Deutschen Rentenkasse wurden von allen Bundesregierungen eklatant beraubt. Die Tabelle startet 1957.

https://www.adg-ev.de/index.php/publikationen/publikationen-altersvorsorge/1387-versicherungsfremde-leistungen-2015?showall=1

Frag doch bei Deiner Ärztekasse nach. Da gibt es keine Fremdleistungen.

Dasselbe, gilt für die Arbeitslosenkasse und die Krankenversicherungen.
Die ABM-Maßnahmen in den Neuen Ländern der Nach-Wende-Zeit wurden weitestgehend aus der Arbeitslosenkasse finanziert. Da zahlen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ein. Du persönlich, Franz, hast dazu nichts beigetragen, wenn, dann als Arbeitgeber. Noch Fragen?

Gracchus

25. April 2020 18:13

Lose Blätter. Fragen. The answer my friend is blowing in the wind.

Die conclusio des Beitrags mutet seltsam an: Wäre der Bürger nicht besser beraten, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen - anstatt auf irgendwelche Reformen zu warten oder bis der Liberalismus sein theoretisches Modell geupdatet hat? Das läge doch in seinem ureigensten Interesse.

Wenn man einmal annähme, dass Verantwortung aus Freiheit resultiert und diese voraussetzt, dann wird fraglich, ob sich das mit politischem-rechtlichem Zwang durchsetzen liesse; was implementiert wird, ist dann eher ein Haftungs- oder Sündenbock-Regime, wo jeder darauf aus ist, den schwarzen Peter von sich zu schieben.

Die Zeiten ideologischer Naivitäten sollte vorbei sein. Mein Eindruck ist, dass die ideologischen Diskussionen der Wirklichkeit hoffnungslos hinterher hinken. Naiv erscheint mir die liberale Vorstellung, es bedürfe nur eines gesetzlichen Ordnungsrahmens, und dann läuft alles von allein. Es ist ja ein eigenartiges Phänomen, dass ihrem Selbstverständnis nach liberale Gesellschaften eine solche Gesetzesflut hervorbringen. Woher dieser ungebrochene Glaube, dass sich durch abstrakte Gesetze eine stabile Ordnung garantieren liesse? Ein Glaube zudem, der sich durch ständige Reformen selbst widerlegt.

Ich teile @zeitschnurs Skepsis, was den Staat angeht. Seinen Schatten, das organisierte Verbrechen, kann er einfach nicht abschütteln. Ein Fragezeichen würde ich nur hinter Ihre Vorstellung setzen, dass der Einzelne bei seinem "Eintritt" in den Staat Souveränität abgebe. Das scheint mir eine theoretische Figur. Denn die Geschichte hat immer schon begonnen, und der Einzelne wird in soziale Verhältnisse hineingeboren, in denen er alles andere souverän ist.

quarz

25. April 2020 18:15

Es gibt einen bemerkenswerten Zusammenhang zwischen zwei Arten, den Ausdruck "Gesellschaft mit beschränkter Verantwortung" zu lesen. In des Autors Lesart bezieht sich die Beschränkung auf das Ausmaß der Verantwortung, die ein politisches Gemeinwesen für die Menschen wahrnimmt, für die es sich verantwortlich sieht. In einem anderen, aber ursächlich fundamentaleren Sinn kann man darunter aber auch den Kreis der Betroffenen meinen. Für WEN, so stellt sich dann die Frage, sieht sich das Gemeinwesen verantwortlich? Wo zieht es die Grenzen für den Kreis derer, für die es Verantwortung trägt?

Der Kern des aktuellen epochalen Unheils liegt im Umstand begraben, dass die politischen Machthaber in Deutschland und in vielen anderen Ländern der westlichen Zivilisation sich für das Wohl und Wehe der ganzen Welt verantwortlich fühlen und insofern keine Beschränkung für ihre Verantwortung anerkennt. Politiker vom Merkel-Typ sind bereit, jedermann in den Kreis ihres Verantwortungsradius einzubeziehen, sofern er die Zone betritt, in der unschöne Bilder entstehen könnten. Die Kanzlerin pfeift auf ihren Verfassungseid, der ihr auferlegt, die Interessen des deutschen Volkes privilegiert zu vertreten.

Und nun kommt die Empirie ins Spiel. Eine kausale Folge der unbeschränkten Verantwortung im zweiten Wortsinn ist - nolens volens - eine Beschränkung der Verantwortung im ersten Wortsinn. Denn die von der vermeintlichen Verantwortung für die ganze Welt motivierte Massenimmigrationspolitik führt zur ethnischen Zersplitterung des Landes. Und diese bewirkt (wie jeder weiß, der seinen Kopf nicht vor der einschlägigen Wissenschaft in den Sand steckt) ein Nachlassen der gesellschaftlichen Solidarität. Und dieses Nachlassen manifestiert sich dann (zumindest mittelfristig) in nachlassender Bereitschaft, Parteien zu wählen, die sich für Solidarität stark machen. Es kommt also zu einer Gesellschaft mit beschränkter Verantwortung im Sinne des Autors.

Fazit: Je weniger wir den Kreis derer beschränken, für die wir uns verantwortlich fühlen, umso mehr wird das Ausmaß beschränkt, in dem Verantwortung wahrgenommen und umgesetzt wird.

heinrichbrueck

25. April 2020 18:53

@ zeitschnur
Zu kleine Schuhe anzuziehen, nach jedem Spaziergang die Blasen zu bejammern, so verläuft der Kritikweg im System. Die Leute werkeln einfach herum, anstatt andere Schuhe in Betracht zu ziehen. Und die Akademikergehälter sind so schlecht nicht, um die ein oder andere Lüge nicht schlucken zu können.
Ein Staat sollte elitär aufgestellt sein, verwalten und schützen, und zwar das Volk. Solche Staaten müssen wehrhaft sein, unangreifbar, wollen sie nicht zermalmt werden. Es gibt weltweit keine solchen tributfreien Staaten, die außerhalb der globalen Geldordnung, volkswirtschaftlich eine eigene Führung aus dem Hut zaubern könnten, ohne das System grundlegend ersetzen zu müssen.
Unser Volk hatte immer eine starke Währung, wurden keine Spielchen angeleiert; als große Bedeutung eine Tatsache von enormen Fleißkapazitäten und nie welkenden Erfindungsreichtümern, was die Zuwanderungsmasche auch aus feindlicher Sicht erklärt. Lediglich die passenden Schuhe wurden verhindert, damit die alten Schlappen weiterhin ihren Tribut zollen können. Mit verschiedenen Programmen wurde dafür gesorgt, innerhalb des Systems keine Lösung finden zu lassen. Europa satt zu machen, es wäre schaffbar. Aber nicht in den feindlichen Schlappen, wie die Intelligenz immer wieder beweist.

RMH

25. April 2020 19:36

@F.B.,

"Den Menschen zuliebe, die Deutschland wiederaufgebaut haben, wurde das Umlage-Prinzip erfunden. "

Zuliebe von Menschen wurde erst einmal gar nichts von Politikern erfunden (die verfolgen Interessen) - eingeführt wurde die Umlage-Rente in Deutschland von Bismarck und dem wird immer unterstellt, er habe das ja nur gemacht, um die bösen Sozialisten ein Stück weit klein zu halten (ich persönlich denke eher, dass war ein positiver Nebeneffekt, der gerne mitgenommen wurde - den Leuten aber ein gewissen Ziel im Arbeitsleben zu geben, hat sich als sehr effektiv erwiesen).

Das Umlage-Prinzip hatte immer den Vorteil, dass man nichts groß auf die hohe Kante legen musste, was durch Krieg, Inflation etc. zerstört werden konnte. Es ist ein Versicherungsprinzip, in dem viele aktiv arbeitende Einzahler die Leistungen an wenige passive Nehmer zahlen. Grundsätzlich eigentlich gut gedacht.

Mit dem demografischen Verschlanken bis Kippen der Alterspyramide funktioniert es eben nicht mehr gescheit bzw. kommt in starke Schwierigkeiten. Renteneintrittsalter bei der Einführung 1889 war das 70te Lebensjahr, was zudem nur die wenigsten erlebten. Heute führt man zur Beruhigung der die etablierten Parteien am meisten wählenden Bevölkerungsschichten (neben anderen die Rente belastenden Maßnahmen) die Rente mit 63 ein, denkt dabei, die Leute würden ja gerne arbeiten und so viele werden das Angebot nicht nutzen und gibt sich überrascht, wenn auf einmal ein run auf die Rente mit 63 einsetzt. Ich würde es wohl auch machen, aber das wird vermutlich das erste sein, was nach der nächsten Wahl wieder abgeschafft werden wird, wie so manches "Geschenk" der letzten Jahre wieder einkassiert werden wird, wenn die Corona-Rechnung präsentiert wird.

Wie auch immer, die Stärkung der sog. "Eigenverantwortung" ist eine kleine Utopie. Denn das setzt voraus, dass man Entscheidungen ernsthaft überlegen kann und dann die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit richtige Entscheidungen trifft. Diese Entscheidungen sollten im Leben zumindest überwiegend so getroffen werden und bei den wirklich wichtigen, wie bspw. Beruf, Partnerwahl etc. auch noch halbwegs passen.

Und jetzt mal Hand aufs Herz: Wer kann das von sich sagen?

Tappt man nicht vielfach im halben Blindflug des trial an errors durchs Leben?

Das meiste geht zum Glück gut ... der "Eigenverantwortliche", der offenbar gemeint ist, ist doch eher der, der es schafft, Fehler zu korrigieren und Niederlagen zu überwinden.

Und das ist eine Einstellungs- und Charakterfrage, die man nur in gewissen Grenzen über monetäre Zuwendungen oder den Sozialstaat steuern kann - ggf. über eine Änderung der Bildungsinhalte.

Zu diesem Punkt im Artikel:

"Mit der Ausweitung des Sozialstaats wird die Proletarisierung der Gesellschaft vorangetrieben,"

ist anzumerken, dass damit vor allem die Zuwanderung, die Mulitkulturalisierung massiv vorangetrieben wird.

Der große Denkfehler vieler rechter Sozialstaats-Denker ist der, man könne irgendetwas bspw. auf Deutsche beschränken. Das ist unter allen verfassungsgemäß derzeit denkbaren Rahmenbedingungen nicht möglich oder wenn, dann nur in völlig redundanten Bereichen. Ein Beschneidung des Sozialstaates außerhalb der aktuellen Rentenbezieher wird deutlich mehr Menschen mit Migrationshintergrund, als Menschen ohne treffen.

Übrigens:
Echter Liberalismus kennt eigentlich nur eine echte Ordnungsfunktion:
Die der Wettbewerbs- und Fusionskontrolle. Nach Corona muss zwingend dafür gesorgt werden, dass gewisse Profiteure stark auf die Finger geklopft bekommen.

Stefan Hofmeister

25. April 2020 23:02

Es hat nichts mit dem Thema zu tun und normalerweise lese ich hier auch nur (gerne) mit, ich selbst empfinde mich als libertär und habe Deutschland in weiser Voraussicht schon vor Jahren verlassen - damals war es nur eine Ahnung, aber sie hat sich bestätigt. Und insofern möchte ich hier und heute und unter meinem vollen Namen ein Zeichen setzen:

Dieser Verfassungsschutz schützt nicht die Verfassung (bzw. das Grundgesetz) sondern ist zu einem Büttel verkommen, das der Staatssicherheit gleicht. Jeder Mitarbeiter dort, der nicht sofort kündigt, sollte sich in Grund und Boden schämen.

Meine Kinder, Enkel und Urenkel sollen dereinst wissen, dass ich nicht dabei und einverstanden war, ja noch nicht mal diese Bagage gewählt habe.

Stefan Hofmeister

Franz Bettinger

26. April 2020 00:25

@Laurenz fragt mich rhetorisch: „Noch Fragen?“ - Viele, mein Lieber, aber nicht hier auf SiN. Denn ganz allgemein: Sich in dieser Zeit des Untergangs mit Renten- und Sozial-Politik zu beschäftigen entspricht in etwa dem Problem: „Was ziehe ich nur zur Beerdigung an?“ Aber das wissen Lotta und du ja selbst. - Und doch: Andere pflanzen am Grab noch ein Apfelbäumchen.

zeitschnur

26. April 2020 01:29

@ Maiordomus

Eine Frage dann: War Jesus "politikfähig"? In dem von Ihnen skizzierten Sinne sicherlich: nein!
Schauen Sie aber welche Wirkung er hatte!
Da kommt keiner der zeitgebundenen Herrscher und Strippenzieher und Taktierer mit.
Über niemanden wurde soviel nachgedacht wie über ihn. Niemand nahm indirekt soviel Einfluss ins Weltgeschehen als ... er.
Ich fürchte, Ihr Politikbegriff endet dann halt doch am Tellerrand. Ich meine das keineswegs abwertend, sondern als Anstoß zur Reflexion, auch meiner eigenen.
Vielleicht ist das der Grenzstein zwischen der Basileia und der "Politik des Äons".
Es ist Ihnen klar, auf welcher Seite ich stehen möchte ... möchte, ich Arme, aber ich denke, dort steht auch Schneider.
Sie werden an Nicola denken, ich vermag es nicht. An ihm rieb ich mich immer: wie geht das zusammen? Ich kannte eine alte Schweizerische Benediktinerin, die Maria Nicola hieß, und sie repräsentierte diesen Widerspruch für mich, ich werde sie, diese herzensreine Schwester, immer lieben, aber wie kommen Sie über den Widerspruch weg, der hier schlummert?

Ratwolf

26. April 2020 15:48

Wenn die dicken Fische ihre Verluste systematisch auf die Allgemeinheit abwälzen, wie es jetzt mal wieder mit Hilfe des Vorwandes der "Corona-Krise" geschieht, ist das kein Liberalismus.

Die Rettungspakete aus Staats/Steuergeldern sind nicht liberal, dennoch werden gerade die sogenannten "Liberale" diese Transfers von Geldern aus den Taschen der einfachen Leute (Steuern) an die "Großen Fische" befürworten.

Das Geld für die Rettungspakete müsste, wie die Grün/Linke richtig feststellt, von den Profiteuren des „Shareholder Value“ getragen werden. Wer jetzt lacht, den kann ich absolut verstehen...

Die Rente ist ein gutes Beispiel. Erster Impuls als Kompromiss: 1/3 Staat, 1/3 Betrieb, 1/3 Anlangen.

Aber in Deutschland ist es komplizierter.
Es gab die deutsche Einheit. Die Ossis hatten keine Chance, in die Rentenkasse einzuzahlen. Auf der anderen Seite haben die Menschen viel Geld in die Rentenkasse des Westens eingezahlt, was sie nicht für ihre Rente ausbezahlt bekommen werden? Das wird zu recht als Diebstahl empfunden.

Gut, dann kommt das Argument des Generationenvertrages... Aber welche Chance hatten die Männer, wenn die Frauen keine Kinder wollten und diese sich lieber "selber verwirklichen" wollten? Der Bundestag ist voll, von solchen verantwortungslosen Weibsbildern.

Die eingezahlten Rentenbeiträge sind durch SPD und den anderen linken Parteien zur populistischen Wählerstimmenakquise freigegeben worden. Und die Union macht das mit. Dann darf sie sich nicht beschweren, wenn es ihr an den Kragen geht.

Im Sinne eines deutschen Volkes könnte man noch einverstanden sein, wenn die Renten der Ossis nach der Wende durch Staatsmittel ergänzt werden. Hier greift die völkische Komponente. Aber wenn Externe nach ein paar Monaten Arbeit in Deutschland lebenslang an der vollen Sozialstaatsperformance in Deutschland teilnehmen können, ist das eine himmelschreiende Ungerechtigkeit aus Sicht derer "... die hier schon länger leben"

Die Begriffe „Haftung“ und/oder „Verantwortung“ hier konnte man zunächst als Metaphorisch gemeint vermuten, dann nach weiteren Lesen im Sinne einer Abbildung oder eines Transfers. Dann aber wurde deutlich, dass es Konkret gemeint war. Das ist aber weder Mikro- noch Makroökonomisch realistisch.

Bei der auch weiterhin global (oder zumindest später vielleicht westlich) vernetzten Weltwirtschaft, erscheint ein lokal gedachtes Handeln wie ein Rückschritt in die Zeiten der Roten Khmer. Es kommt aber vielleicht auch auf das Maß der de-Globalisierung an. Intel Prozessoren werden in den USA und Israel entwickelt, und in Malaysia produziert. Weil hier die Optimum liegt. So etwas kann man nicht ändern. Wenn jemand das reguliert, geht Intel woanders hin. Meiner Ansicht nach gibt es nur eine Chance. Man muss die Chance der Globalisierung ergreifen, und sich dieser Stellen sowie besser sein als Chinesen, Japaner oder Koreaner. Das wäre gerecht.

RMH

26. April 2020 20:53

Bitte mal genau mein Gequatsche durchlesen und dabei feststellen, dass das nicht im großen Widerspruch zu Ihren Ausführungen steht.

Nachdem der Euro gekillt wird und nichts mehr groß da sein wird, wird eine "neue" Altersversorgung, die bei Kassenlage "Ebbe" anfangen muss, fast nichts anders machen, als bei irgendeiner Umlage wieder anzufangen + Steuerzuschüsse (so ähnlich läuft´s ja heute auch schon). An die Beamten geht leider keiner - da deren Pensionen eine Art von Stillhaltegeld sind, mit denen man sich systemübergreifend die Loyalität dieser Berufsgruppe zu Lasten aller Anderen kauft.

Die jahrzehntelange Politikerlüge war es doch, dass man irgendwie entsprechend seiner Einzahlungen auch eine Rente bekommen würde.

Im Übrigen ist mir der alte Politiker-Taschenspielertrick des Griffs in die Sozialkassen gut bekannt. Habe ich ja vor kurzem an Hand der vollmundigen "Corona"-Hilfe dargestellt. Da wird ja auch was nur möglich ist, auf die Kurzarbeit und damit ALG-Kasse geschoben.

Maiordomus

27. April 2020 13:49

@Zeitschnur. Es bleibt meine tiefste Überzeugung, dass Jesus nicht im Sinne unserer modernen Vorstellungen politikfähig war, was denken Sie? Auch Mutter Teresa war nicht politikfähig. Wohl auf keinen Fall wäre sie als Direktorin einer bundesdeutschen Krankenpflegeschule geeignet gewesen. Ein wiedergeborener Jesus als Bundeskanzler oder auch nur als Integrationsbeauftragter der Bundesregierung wäre die politische Perversion schlechthin, der "Anti-Christ", so wie Reinhold Schneider am Beispiel von Adolf Hitler die Vorstellung des politischen Erlösertums als die bisher grösste geschichtliche Perversion angesehen hat; dies hätte auch gegolten, wenn Adolf Hitler es so gut gemeint hätte wie Charlie Chaplin in seiner Schlussrede des Films "Der grosse Diktator". Es gehört zu elementarer politischer Aufklärung, jede Art von "politischer Theologie" als verhängnisvollen Irrtum zu denunzieren. Aus diesem Grund war nicht nur die politische Theologie, wie sie Carl Schmitt 1922 beschrieben hat, abzulehnen, sondern gemäss Ratzinger zum Beispiel auch die "Befreiungstheologie". Als politisches Programm zwar nicht unbedingt falsch, jedoch nicht mit einer "Politik Jesu Christi" zu verwechseln, von letzterer grundsätzlicher Wahnvorstellung sollten wir unbedingt wegkommen. So verstand ich denn auch immer den Satz von Karl Popper, in Zürich 1986 bei einer Debatte vernommen: "Die Theologie ist ein Fehler." Diesen Fehler sollten wir in Zukunft nicht mehr machen.

Wäre Jesus indes wirklich politikfähig gewesen, die Juden hätten ihn mutmasslich, bei seinem unbestreitbarem Kolossalformat und Charisma, als Massiah anerkannt. Es gibt im Evangelium keine eins zu eins in ein modernes Verfassungsrecht übernehmbare Anweisungen für eine politische Ordnung, selbst noch der Satz "Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist" war bloss eine situationsbezogene schlagfertige Antwort auf eine Fangfrage, letztlich ist aber Gott zu geben, was Gottes ist, ganz unabhängig vom politischen System. Es gibt entsprechend aus dem Evangelium keinerlei Verpflîchtung, ein Demokrat zu sein, was auch Karl Barth, fürwahr ein Demokrat, erst noch ein linker, betonte. Für unsere politischen Irrtümer, ob demokratisch oder anders begründet, müssen wir selber gerade stehen. Nur Wahnsinnige, Psychopathen und Totalitäre können sich zur Wahnvorstellung versteigen, dass Gott "hinter" ihrem politischen Programm stehe. Vgl. noch die Abhandlung des bedeutendsten protestantischen Theologen des 19. Jahrhunderts, Sören Kierkegaard, das "Erbauliche, das im Gedanken besteht, dass wir gegen Gott immer Unrecht haben". Letzteres galt nicht nur für die Kreuzzügler und die Waffensegner der Weltkriege, es galt sogar auch für die Widerstandskämpfer gegen Nationalsozialismus, Kommunismus und es galt auch für die schweizerischen Freiheitskämpfer vor der Schlacht bei Sempach: das Gebet mit zertanen Armen vor der Schlacht war eine Vorbereitung auf den Tod, keineswegs ein Beleg, dass man im Kampf gegen den weitgehend legitimen Landesherrn Recht hatte. Juristisch und völkerrechtlich stand die gerechte Sache vielfach auf der Seite des heldenhaften Herzog Leopold III., der bei den Seinen und um die Seinen ums Leben kam, im Bewusstsein, von seinen Luzerner Gefolgsleuten, darunter Bürgermeister Peter von Gundoldingen, schmählich verraten worden zu sein. Auch Winkelried, dessen Name zwar erst Jahrzehnte nach der Schlacht aufscheint, entstammte einer habsburgfreundlichen Familie, seine Tat, falls sie den stattgefunden hat, widersprach seinen Gefolgschaftverpflichtungen als mutmasslich einst für Habsburg tätig gewesener Militärunternehmer. Dabei wäre es aber trotzdem falsch, anzunehmen, Christus sei in der Schlacht bei Sempach auf irgendeiner Seite gestanden, nicht mal die Verteidigung Wiens war die Sache Christi, es war aber die Sache der Wiener Christen, sie hatten gute Gründe, sich gegen die drohende Islamisierung zu wehren. Das Martyrium, das Sich-Nichtwehren, kann nur eine individuelle Entscheidung sein, als politische Entscheidung wäre es total verantwortungslos.

Selbstverständlich wäre es ein totales Missverstehen des christlichen Glaubens, würde man annehmen, Jesus habe zum Beispiel ein Attentat auf Hitler befohlen. Das waren auch nicht die Gewissensfragen der zum Teil christgläubigen Verschwörer. Eines ihrer Hauptprobleme bei der Gewissensfrage war der Eid, worüber sich einige sogar bei mit ihren Beichtvätern unterhalten haben. Einige von letzteren wollen übrigens von Blutrichter Roland Freisler festgenommen worden sein. Dass übrigens Helmut Schmidt bei einem oder gar mehreren dieser Prozesse gegen mutmassliche Verschwörer als mehr oder weniger befohlener Zuhörer dabei war, wird ihn langfristig, wenn mal alle überlebenden Zeugen, die sich die Situation des Krieges noch existentiell vorstellen können, gestorben sein werden, nicht von der Besudelung seines Andenkens durch "Antifaschisten" verschonen können. Die letzten Gewissensfragen sind aber etwas ganz anderes. In diesem Sinn kann Jesus Christus für den Gläubigen als Weltenrichter verstanden werden, aber keinesfalls als politischer Platzanweiser. Gottseidank nicht!

Aus dem Evangelium gibt es auch nicht die geringste Verpflichtung, sagen wir mal Eroberungswillige mit dem T-Shirt "1453" weder aufzunehmen noch unbedingt abzuweisen. Hingegen bleibt es zum Beispiel Kardinal Wölki unbenommen, abgewiesene nicht ausschaffungswillige Kriminelle in seinen Palast aufzunehmen, auch mit dem Risiko, sich von ihnen plündern und allenfalls widerstandslos totschlagen zu lassen. Nur müsste es im Sinne der Nachfolge Christi seine eigene Passion sein, die er auf keinen Fall an die Mitbürger und Steuerzahler delegieren kann. Letzteres wäre meines Erachtens eine schlicht perverse Interpretation des christlichen Glaubens, die Umkehrung einer allerhöchsten Berufung (zum Martyrium) in ihr satanisches Gegenteil.

Noch Fragen? (Die Passion bzw. das Martyrium sollte allerdings auch nicht vorsätzlich gesucht werden, das wäre ein Symptom religiöser Pathologie, weshalb Beichtväter solche religiösen Fanatiker immer wieder ermahnen mussten, solche Risiken nicht vorsätzlich einzugehen.

PS. Die lehrreichste nachbiblische Jesuslegende der Weltliteratur, bezogen auf die Frage nach dem politischen Jesus, scheint mir noch immer die "Legende vom Grossinquisitor" von Dostojewskij zu sein, aus den Brüdern Karamasov. Die Knacknuss dabei bleibt freilich, dass man dem Grossinquisitor, im Argumentationsniveau weit aufgeklärter als alle historischen Grossinquisitoren (etwa Torquemada), die Politikfähigkeit keineswegs absprechen kann. Es ist freilich eine autoritäre fortschrittliche Reformpolitik für Unmündige, eben eine "moderne Politik". Dieselbe wurde von Dostojewskij durchaus kritisiert, ohne dass sein Jesus über das Nein zu dieser Politik hinaus eine Alternative angeboten hätte. Eine solche Alternative kann bestenfalls im Gewissen des Einzelnen in Form eines Einspruchs stattfinden. Oder manchmal auch nur in Form von Schweigen und Nichtmitmachen, was bei Thomas Morus für Heinrich VIII. schon der Anlass war, ihn hinrichten zu lassen. Vgl. Meisternovelle "Der Traum des Heiligen" von Reinhold Schneider. Eine Geschichte durchaus von Dostojewskij-Format.

Maiordomus

27. April 2020 18:52

Korr. Betr. Roland Freisler: Einige Priester aus dem Umfeld der Verschwörer vom 20. Juli 1944 s o l l e n (nicht wollen) von Blutrichter Roland Freisler festgenommen worden sein, von wegen Nichtanzeige von Verschwörern aufgrund des Beichtgeheimnisses. Wie weit dies wahr ist, kann ich auf menem derzeitigen Wissensstand nicht sagen.
Im Gedicht "Der Antichrist" nach einem Gemälde von Luca Signorelli von Reinhold Schneider, illegal veröffentlicht 1943, wollen viele Adolf Hitler erkannt haben. Auf jeden Fall ging es um den Gedanken der politischen Erlösung. Dieser Gedanke lässt sich auch von "Guten", zum Beispiel Anhängern der Befreiungstheologie, als angeblich christliche Politik nicht realisieren. Es bleibt dabei: Siehe oben - es gibt in den Evangelien keine eins zu eins in ein modernes Verfassungsrecht übernehmbaren Weisungen. Vom Alten Testament wären wohl auch die zehn Gebote, abgsehen von den rein religiösen Anweisungen, in ihrer biblischen Form nicht verfassungstauglich, z.B. das 9. Gebot, wo die Ehefrau zusammen mit dem Grundeigentum, Sklaven und Sklavinnen sowie Vieh als unantastbarer Besitz des Mannes festgestellt ist. Dies würde zum Beispiel dem Absatz 2 von Artikel 3 des Grundgesetzes widersprechen. Insofern sind also nicht nur Sätze aus dem Koran, sondern auch zentrale Aussagen aus der Bibel im heutigen Sinn nicht mehr "politiktauglich".

PS. Den Verschwörern des 20. Juli sind auch im Zusammenhang einer so gemeinten Ehrenrettung eines geheimen Deutschland zumal von Theologen und christlichen Autoren sittlich hochstehende Motive nachgesagt worden. Dies würde ich persönlich schon seit der Lektüre des Buches "Widerstand und Erneuerung" von Otto Kopp (Seewald Verlag 1965) nicht bestreiten. Aus Sicht der Theologie etwa Kierkegaards und Karl Barths handelte es sich jedoch in jedem einzelnen Fall um eine persönliche Gewissensentscheidung, aber gewiss nicht um einen "göttlichen Befehl" oder eine bedingungslose Nachfolge Christi. Es war ein politischer Entscheid, und politische Entscheide haben immer die Eigenschaft, dass sie sich unter Umständen auch als falsch erweisen könnten.

zeitschnur

27. April 2020 23:34

@ Maiordomus

Vielen Dank für Ihre ausführliche und reflektierte Antwort. Sie gehen das Thema von einer sehr grundsätzlichen Seite an. Ich meinte meine Frage vielleicht etwas pointierter und im Bezug auf eine unbestreitbare Wirkung Jesu auf die "Welt" (also den griechischen "kosmos"/das "System"), aber nicht als Politiker, sondern einfach als Mensch, daher in meiner Auffassung auch DER "Menschensohn". In ihm stellt Gott uns den Menschen vor Augen, wier eigentlich ist bzw sein könnte, wenn er sich erlösen und reinigen lässt. Das ist durch die folgende trinitarische Debatte total vernebelt worden. Befreiungstheologie, alte Wahnvorstellungen vom HRR als einer religiös-politischen Einheit oder gar der sichtbaren Kirche als dem bereits manifesten "Königreich Gottes" (der griechischen "basileia") habe ja gerade ich noch niemals - jedenfalls nicht in der letzten Zeit - verteidigt, war aber in jüngern Jahren davon auch manipuliert und dachte, das wäre richtig so, wie all jene eben, die meinen oder befürchten, mit dem "christlichen" Abendland gehe die Nachfolge Christi unter. Auch Bonhoeffer setzte sich damit auseinander, v.a. am Ende, als er im Gefängnis war ("religionsloses Christentum"). Carl Schmitt halte ich für einen hochintelligenten Wirrkopf. Seine politische Theologie lehne ich strikt ab, in dem Zusammenhang auch all die Überlegungen zum "Katechon". Man hat den Katechon stets als eine Art politische Institution aufgefasst (das röm. Reich, das Papsttum, die Kirche im Ganzen etc.), war sich aber über die Paradoxie dieser Gestalt auch immer klar: der, "qui tenet", der "Halter" oder "Aufhalter", verhindert das zweite Kommen Jesu ebenso wie das des Antichristen und zwingt uns in ewige Schwebe. Der Katechon stand so als Verhinderer des Königtums Gottes in diesem Denken stets dem Antichristen näher als dem Christus. Bei Schmitt erhielt aber nur durch diesen so verstandenen Katechon die Geschichte aus christlicher Sicht einen Sinn. Wie alle, die den Katechon politisch verstanden, endete das in einem total schizophrenen Denken, das eben doch eine religiöse "Politikfähigkeit" begründete.
Ich habe entdeckt, dass der Begriff des "Katechon" bereits in der LXX vorkommt, dort aber Gott als den meint, der über dem Erdkreis thront/sitzt und selbigen "hält", bzw zusammenhält. Hebräisch steht anstelle von Katechon "Hajoschev" (der Sitzende/Thronende).
Der, qui tenet, ist Gott selbst. Er muss aus seiner eigenen Schöpfung gerückt werden. Das wird zugleich ihren Untergang bedeuten, und es wird verständlich, warum uns vorhergesagt wird, dass alles, was fest geründet war, aus den Fugen geraten wird. Mit Jesus, dem von ihm gesandten wahren Menschen, wurde er bereits sichtlich beiseite gerückt. Aber durch die Auferweckung Jesu und seine Aufnahme in den Himmel und Platzierung auf dem Thron Gottes wurde der menschliche Katechon bereits "installiert". Sein Weg zum Vater ist wirksam und hält noch auf, und auch er muss beiseite gerückt werden. Er hat nie geherrscht wie Menschen meinen, dass geherrscht werden müsste. Es ist sehr schwer zu denken.
Wenn Sie meinen, es ginge mir irgendwie um angestrebtes Martyrium verstehen Sie mich miss. Aber dennoch hat Jesus jedes Taktieren verurteilt: Ja sei Ja, nein sei Nein - und so war er selbst auch. Taktieren ist immer antichristlich. Die meisten Konservativen denken das aber gerade andersherum. Sie sind mit diesem Irrtum schon im Umgang mit Hitler gescheitert und werden auch jetzt scheitern, denn das, was sich da über uns zusammenbraut, könnte um einige schlimmer werden als das, was vor 80 Jahren geschah. Die verwirrung ist größer, die Verdrehung der Begriffe noch mehr, und durch ständigen medialen Konsum und permanentes Manipuliertwerden erfahren Menschen eine Art magische Besessenheit durch Codewörter und massive und geschickt verpackte Diffamierung aller, die sich nicht von diesen Dämonen besetzen lassen. Ich bemerke das dieser Tage immer mehr, wie viele Menschen um mich herum förmlich verfinstern und völlig unzugänglich sind für eine kritische Debatte - leider auch hier im Forum. Sie schlagen um sich, sie werden persönlich, unterstellen es aber denen, die noch frei denken und sich frei äußern. Faschistoid tickende Menschen und dem Handeln nach autoritär-bevormundende, im Grunde rechtsradikale Politiker wie unsere Regierung kämpfen "gegen rechts", indem sie Liberale, Konservative und kritische Linke als solche verleumden. Es ist alles umgedreht, wer für das Grundgesetz eintritt, wird als Rechter verhetzt von Leuten, die selbst am ehesten als Faschisten zu bezeichnen wären und in jedem Fall ihre Macht missbrauchen. Aber das Volk ist zu großen Teilen völlig besessen, verblendet, begreift nichts, lässt sich missbrauchen und treiben bis zum bitteren Ende. Eltern opfern die Zukunft ihrer Kinder für einen Wahn und glauben, sie seien "solidarisch".
@ Maiordomus: Sie müssen sich als Christ irgendwie zu all dem verhalten. Vielleicht haben Sie ja selbst keine Kinder und verstehen das daher nicht aus persönlicher Betroffenheit, denn manchmal denke ich, das macht erhebliche Unterschiede, ob man ohne Nachkommen gehen wird oder mit.
Eine Mutter Theresa war übrigens ein eiskaltes Schlitzohr und sogar enorm politikfähig in Ihrem Wortsinn. Recherchieren Sie das nur mal selber. Von dieser Dame halte ich ebenfalls nicht viel.
Andererseits: Nachfolge Christi hört ja nicht an der Herzenstür auf, oder? Und wenn es stimmt, dass wir alle ein zoon politikon sind, muss das in politisches Handeln einfließen, wenn auch nicht auf der Ebene eines konzeptionellen Entwurfs - da würde ich Ihnen zustimmen.

Maiordomus

28. April 2020 06:48

@Zu meinen Ausführungen betr. 20. Juli 1944 als eine Gewissensfrage der oftmals christlich orientierten Verschwörer, nicht zu verwechseln mit dem, was zum Beispiel aus dem Evangelium geboten wäre: Offenbar gegenteiliger Meinung war der Basler reformierte Pfarrer Martin Dürr, auch mehrfacher Prediger im Schweizer Zwangsgebührenfernsehen, als er im April 2020 für Amerika im Rückblick auf die Attentate gegen Hitler zur Ermordung von Präsident Donald Trump aufrief. Natürlich ohne berufliche Konsequenzen für den geistlichen Extremisten, der übrigens dann in dieser Sache doch zurückgerudert ist. Es scheint mir aber keine Kleinigkeit, die Frage des gewaltsamen Widerstandes bibeltheologisch zu erörtern. Jesus war mutmasslich auch deswegen für die Juden bloss ein Sektenführer und kein Massiah, weil er für die Befreiung Israels keine politisch brauchbaren Vorschläge gemacht hat und an diesem Anliegen möglicherweise in der kurzen Episode seines öffentlichen Auftretens offenbar auch nicht interessiert war. Zumindest wird dies von Evangelisten nicht in dieser Richtung vermittelt. Als umsetzbares politisches Programm für ein Land scheint die Lehre des Predigers Jesus nicht auszureichen.

Melezy Przikap

28. April 2020 07:28

@majordomus

Jesus wurde nicht zur bekanntesten Persönlichkeit des Planeten, auf dessen angenommenen Geburtstag auch unsere Zeitrechnung basiert, weil er „charismatisch“ war oder aufgrund einer „Wirkung“, die irgendetwas mit Moral zu tun hatte.
Jesus von Nazareth WUSSTE etwas, von dem die Welt bis heute nicht die geringste Ahnung haben will. Und solange sie das nicht will, bleiben die Märchen und Kindergeschichten über Jesus lebendig. Hier, machen Sie sich mal schlau:
https://www.deweles.de/apokalypse.html?file=files/_theme/pdf/apokalypse.pdf

zeitschnur

28. April 2020 10:47

@ Maiordomus

Es geht mir um ein Handeln, das - wenn es wirklich "Salz der Erde" oder "Licht der Welt" oder gar "die Stadt auf dem Berge" ist - tatsächlich die "Herrlichkeit der Freiheit der Kinder Gottes" zwar nicht systematisch im Rahmen des "kosmos", aber als etwas, das "entschleiert", "offenbart" wird, spürbar macht.
Als ich jünger war, rieb ich mich sehr an dem Gedanken Kierkegaards von der Erbauung, die in der Einsicht liege, dass wir immer im Unrecht seien, Gott immer im Recht. Ich erfasste nicht, dass diese Einsicht uns zu dem göttlich durchwirkten und erhobenen Menschen erbaut, der dann aus der Sklaverei der verblendeten Selbstvernichtung befreit ist.
Das bedeutet aber folgerichtig, dass dieses "immer unrecht haben" auch jegliches politische Denken einschließt, am meisten und immer vor allem Systeme, die ja doch immer nur im "kosmos" dieses Äons gedacht sein können und darum eine Krankheit zum Tode sind.
Man kann als Christ allerdings schon, und muss es ja auch, überlegen, in welcher Art man mit den anderen Menschen zusammenleben will, denn müssen tut man es ja ohnehin, und wollen auch, einfach weil man Mensch ist unter Menschen, die eigentlich alle dieselbe Berufung haben, die man für sich selbst in Anspruch nimmt. Wenn also irgendetwas am ehesten dieser Freiheit ähnelt, von der ich denke, dass sie im Königtum Gottes dann realisiert wird, ist es eben auch ein libertär-anarchistischer Weg, der aber auf gegenseitigem Respekt und Liebe aufbauen muss, nicht Egoismus. Natürlich weiß ich, dass sich das nicht perfekt realisieren lassen wird, und gerade diesen Versuch hat man immer mit aller Gewalt verhindert, man sehe sich nur an, wie Marx gegen Bakunin stand, mehr als jeder Konservative. Es kommt ja nicht von Ungefähr, dass Ricarda Huch als eigentlich eher Konservative und am Rande auch der KR zugehörig, diesen Denkansatz nach dem unwiderbringlichen Untergang der älteren Modelle des Abendlandes absolut ernst nahm, aber natürlich nicht fanatisch oder gar gewalttätig kalkulierend. Ihr Argument war dies, dass nur im Anarchismus die persönliche Handlungsfreiheit gewahrt bleiben kann. In allen anderen modernen "Staatsformen" ist die Entpersönlichung im Vormarsch, ein politischer und damit kulturdestruktiver Desertifikationsprozess, der sich von selbst ergibt, der nicht geplant werden muss, sondern immanent ist. Er wird als Not zur Tugend erklärt (Dekonstruktivismus), nach dem Motto: wenn ich schon draufgehe, dann bring ich mich wenigstens selber um und gestalte es als Kunstprojekt.
Wir erleben ja derzeit wieder einmal, dass in einem modernen Leviathan die persönliche Freiheit IMMER und jederzeit mit fadenscheningsten Gründen vernichtet werden kann und das Volk, ganz iS Le Bons, dazu auch noch Hurra schreit und seine Selbsvernichtung und die seiner Kinder abfeiert.
Ein Martyrium durch Politikenthaltsamkeit ist uns aber allerdings auch nicht geboten. Daher ist ein christlicher Denkweg, wenn er nicht abdriftet in den christlichen Extremismus, wie Sie ihn anhand dieses Basler Pfaffen erwähnen, immer auch bemüht um eine gute Gestaltung des Gemeinwesens, die die Menschan als noch nicht aus diesem Äon Erlöste sieht, aber ihnen dennoch bereits das geben will, was aus der Perspektive des kommenden Reiches Gottes gegeben werden muss: Freiheit, Anerkennung, und das alles getragen von der Liebe. Was diese Begriffe bedeuten, weiß aber wieder nur der, der offen ist für das christliche Verständnis dafür. Ich meine: das, was Jesus selbst gelebt und verkündigt hat, nicht irgendeine fromme Perversion davon.
Zuletzt enthalten einige Sentenzen Jesu eine scharfe Herrschaftskritik und die Anerkennung politischer Realitäten, die aber im persönlichen Auftreten des Einzelnen auf den Kopf gestellt werden müssen, wenn sie wirklich aus der "basileia" stammen, etwas der Satz, dass die Ersten die Letzten sein werden und jeder, der meint, groß zu sein, der Diener aller sein müsse.

Niekisch

28. April 2020 11:05

"von Blutrichter Roland Freisler festgenommen"

@ Maiordomus 27.4. 18:52: Selbst im Nationalsozialismus galt die Strafprozessordnung mit der Folge, dass der Richter über die Zulassung der Anklage entschied und urteilte, nicht aber die Arbeit der Ermittlungsbehörden machte und verhaftete.

Bei Stauffenberg war es umgekehrt: er ermittelte ohne Legitimation die Blutschuld Hitlers, "verhaftete" ihn, verurteilte ihn im Schnellverfahren und versuchte die Hinrichtung durchzuführen, welche aber misslang.

Maiordomus

28. April 2020 11:55

@Niekisch. Ihr meines Erachtens wohl auch im Sinn von Höcke nicht politikfähiges Statement berücksichtigt nicht die absolut extreme historische Situation des Widerstands gegen die Staatsgewalt, worüber sich Will Erich Peuckert klandestin in einem 1943 veröffentlichten Buch über Sebastian Franck, zum Thema Tyrannenmord, ausgelassen hat. (Es ist erstaunlich, was alles zur Zeit des 3. Reiches unter "Zensur verfeinert den Stil" alles veröffentlicht wurde, nicht nur die Gedichte von Reinhold Schneider, welcher aus ganz anderen Gründen als Sie die Tat der Stauffenberge abgelehnt hat.) Natürlich gibt es den Widerstandsfall, und über diesen kann und soll auch, wenn er nicht gut genug begründet war, nachträglich gerichtet werden. Wobei natürlich "Der Mensch vor dem Gericht der Geschichte" (Buchtitel Reinhold Schneider 1946) nicht mit einem herkömmlichen Gerichtshof und auch nicht mit einem Gerichtshof à la Nürnberg zu verwechseln ist, welch letzterer zum Beispiel noch vom CSU-Bundesjustizminister Richard Jäger (freilich nicht in offizieller Funktion) in Frage gestellt wurde. Es handelt sich schlicht um die revolutionäre Situation, die jeweils eine Art rechtshistorischen Nullpunkt darstellt. Das ist hier nicht auszuführen, auch nicht mit Zitaten von Carl Schmitt, der sich 1934 eindeutig verrannt hat,wozu die damalige komplizierte Situation ihn verführte. So wurden nämlich neben konservativen Politikern und Intellektuellen sowie SA-Leuten doch auch schwerkriminelle SS-Schergen zur Strecke gebracht, nach Walther Hofer übrigens solche, die angeblich zu viel über den Reichstagsbrand wussten. Ein weites Feld. Ihre Gegenüberstellung Stauffenberg - Freisler halte ich angesichts von Freislers filmisch dokumentierter "Prozessführung" weder für politisch halbwegs klug analysiert noch für satisfaktionsfähig.

Carl Schmitt war kein Wirrkopf

@Zeitschnur. Carl Schmitt können Sie vieles vorwerfen, ausser dass er im Gegensatz etwa zu der in logischer Hinsicht problematischen Dialektik des historischen und dialektischen Materialismus sowie im Gegensatz zu den allermeisten, die heute philosophieren, nun mal k e i n Wirrkopf war. Carl Schmitt hat meines Erachtens als staatstheoretischer Autor das ABC der Politik in der Tradition von Machiavelli und Hobbes unter wesentlichen Perspektiven auf den Punkt gebracht.

Warum wohl unterhielten sich Helmut Schmidt und Mao wohl über Carl Schmitt? Warum stösst man bei fast jeder Tiefenanalyse des Verfassungsdenkens früher oder später auf Carl Schmitt? Es ist kaum möglich, sich mit politischen Tiefenstrukturen zu befassen ohne freiwillig oder - oftmals unfreiwillig - auf diesen "verdammtverfluchten" Carl Schmitt zu stossen. Letzteres ein Stoss-Seufzer aus einem staatsphilosophischen Seminar. Für mich war es aber lohnend, micht seit 48 Jahren mit Problemen zu befassen, zu deren Analyse Carl Schmitt in der Regel nutzbringend zitierbar ist. Dies hat sich auch im Institut für Staatspolitik, dem SiN direkt oder indirekt zugehört, mehr als nur herumgesprochen.

Der Meinung jedoch, dass ein guter Staatstheoretiker automatisch ein guter Politiker oder auch nur ein guter politischer Berater sein müsse, wurde mit guten Gründen von Georg Wilhelm Friedrich Hegel widersprochen.

@ Betreffend die Dreifaltigkeit und ihre zentrale eigentlich unentbehrliche Bedeutung für die linguistische Struktur des religiösen Diskurses in unserer Zivilisation, Zeitschnur, reden wir dann wieder, wenn Sie die deutschen und lateinischen Werke von Meister Eckhart fertig durchgearbeitet haben. Ohne das auch intellektuell zwar anspruchsvolle sogenannte Geheimnis der heiligen Dreifaltigkeit müssten man die deutsche Mystik von Eckhart bis Boehme schlicht auf Null abschreiben. Können Sie machen, bloss können Sie dabei den Anspruch erheben, sich halbwegs genügend mit dem Phänomen Religion im sogenannten Abendland auseinandergesetzt zu haben? Die Theorie der heiligen Dreifaltigkeit gilt unter anderem auch als Schlüssel zur europäischen Lehre von der Person und ausserdem zur spirituellen Alchemie, vgl. "Das Buch der heiligen Dreifaltigkeit" des Mönchs Ulmannus, notabene einem Hauptschlüssel zu Paracelsus und Jacob Boehme.

Wer sagt, dass jemand, der sich vom Christlichen her mindestens teilweise und zumal wesentlich sich orientieren lassen möchte, z.B. ich, sich nicht irgendwie gegenüber dem Evangelium in Sachen Verhalten in Pflicht nehmen lasse, unabhängig von Freuden und Sorgen um in erfreulicher Anzahl vorhandener Kinder und Enkel? Aber in keinem Fall würde ich den Anspruch erheben, mit diesem oder jenem, was ich mal politisch sogar erfolgreich beantragt und sogar geholfen habe durchzusetzen, quasi das Evangelium zu repäsentieren. Das wäre anmassende Wichtigtuerei und mit ein Grund, warum so viele Leute eher wie der religionstraumatisierte @Laurenz denken statt wie Sie, @Zeitschnur. Ausserdem habe ich, wohl kaum weil mir die Zukunft schnuppe ist, die letzten Tage etwas sieben Stunden lang eine Person aus meiner direkten Nachkommenschaft in einer universitären Angelegenheit kritisch beraten, in Richtung Analyse einer heute dominierenden Sekundärliteratur, von Gendersprache, blossen Schlagworten bis hin zu historischer Ignoranz. So weit möglich, suche ich mit Enkelkindern historische, literarische und spirituelle Schauplätze auf, auch Schauplätze von Verbrechen, meines Erachtens etwas ganz anderes als fernsehmässige manipulative "Tatort" Unterhaltung, womit gesamthaft gesehen weit mehr Lebenszeit vergeudet wird als man allenfalls durch Erkrankung am Corona-Virus verlieren könnte.

@Melezy Przikap. Ihre Vermutung "Jesus von Nazareth wusste etwas, von dem die Welt bis heute nicht die geringste Ahnung haben will", scheint mir sehr tiefsinnig. So sahen dies wohl auch Dostojewskij, Berdajew, Andrei Tarkowski ("Der Stalker") und andere Repräsentanten russischer intellektueller Spiritualität. Ich weiss aber nicht, wie Sie das mit den "Kindergeschichten über Jesus" verstehen. Diese würde ich zwar nicht unterschätzen, aber im Endeffekt, siehe das Gesamtwerk von Carsten Peter Thiede, handelt es sich nicht um Kindergeschichten, siehe auch Albert Schweitzers Standardwerk "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung". Hinter diese Errungenschaften sollte man nicht zurückfallen.

Mich "schlau machen" über die Apokalypse via Internet? Ich bevorzuge den griechischen Originaltext, nicht zu unterschätzen Newtons einschlägige Betrachtungen darüber. Der Text bleibt nichtsdestoweniger "frag-würdig", wie Heidegger sich ausdrücken würde, enthält wie die meisten prophetischen Texte wohl auch viel Wahnhaftes, was aber ohne gründlichstes Studium der antiken Religionsgeschichte, siehe Walter Burkert, nicht differenziert zu beurteilen ist. Aber, Przikap, Ihre Bemerkung über das, was wir alle von Jesus Christus vielleicht noch gar nicht verstanden haben, zielt unbeschadet dieser kritischen Bemerkungen mehr in die Tiefe als fast alles, was man über diese Ostertage vernehmen konnte.

zeitschnur

28. April 2020 13:52

@ Maiordomus

"Wirrkopf" - ich sprach nicht nur von einem solchen, sondern einem "hochintelligenten". Das war zugespitzt formuliert, meint aber vieleicht nicht einmal so Unähnliches, wie Sie es ja dann selbst ausführen.

"Dreifaltigkeit" - es ist eines der liebsten Kinder abendländischer Philosophie, an der sich nun tausende von Generationen abarbeiten und dabei eine nicht zu unterschätzenden Arroganz angeeignet haben, die ich auch aus Ihren Worten heraushöre. Sie liefern ja keinerlei Argumente in der Sache selbst, sondern betonen lediglich die angebliche Unerlässlichkeit diese Lehre ohne echten beweis. Es ist arrogant, mich damit aus dem Felde schlagen zu wollen mit der Unterstellung, ich hätte eben Meister Eckhart noch nicht ausreichend "durchgearbeitet". Und es ist verräterisch, denn kein Christ glaubt an das, was Eckhart sagt, er lässt sich davon höchstens inspirieren. Zum Verständnis der Hl. Schrift beim einzelnen Christen ist Eckhart absolut vernachlässigbar wie alles, was wir so meinen und dichten. Wenn Eckhart verloren gegangen wäre, bliebe doch die Tradition Jesu stehen und wäre verständlich und unverständlich zugleich.
Das Personenkonstrukt des Abendlandes, von dem Sie sprechen, erscheint mir nicht so sehr in Stein gemeißelt, wie Sie es darstellen. Und ich bezweifle, dass der Mainstream dieses Konstruktes direkt aus dem Trinitätskonstrukt stammt. Das ist mit Verlaub auch nur eine Hypothese, für die mehr oder weniger einiges spricht oder auch nicht.
Was ich meinte war: das "homoousios" hat die Rolle Jesu als wahrer Menschensohn beiseite gerückt, dabei ist das den Evangelientexten gemäß seine wahre und große Rolle. Menschsein im Bild und der Gestalt Gottes, wie es in Gen 1 heißt, kann nur von ihm her vestanden werden. Postmodern würde man vielleicht sagen, Gott mit ihm einen Reset mit dem "adam" (also dem Menschen) gemacht, und natürlich stammte auch der erste adam, dem wir natürlicherweise alle zugehören, direkt von und aus Gott, der zweite adam (zunächt die Frau und wie sie dann der Christus wiederum aus der Frau) dann ebenfalls, zugleich aber auch dem ersten adam. Aber er ist nach der Schrift vor allem anderen dieser ben adam und eine Aussage über Wesensgleichheit mit Gott ist in der Schrift a. so nicht vorhanden und b. falls man es herauslesen oder hineininterpretieren wollte, definitiv nachrangig erwähnt.
Es ist vielmehr eine spannendere Frage, was ein an der Schrift und ihrem Befund korrigiertes Jesusbild tatsächlich für ein ebenfalls korrigieres Menschenbild bedeuten würde. Das interessiert mich erheblich mehr als der krampfhafte Versuch, die Irrwege der Geschichte unbedingt stabilisieren zu wollen. "Das Gute behaltet", sagt der Apostel. das Gute. Und was das ist ist, muss geprüft werden. Stehen Sie nicht ein bisschen in der Gefahr, zu sehr festhalten zu wollen, was nur im Vergehen entfaltet werden kann? Man könnte sagen, diese Lehren der Spätantike sind zwar nachvollziehbar im Horizont der Spätantike, aber ihre Vergänglichkeit wurde doch offenbar und sollte nicht anstelle dessen gesetzt werden, was uns von Jesu tatsächlich durch die, die ihn gekannt haben, überliefert ist. Und sie alle kannten keine Trinität, was freilich nicht heißt, dass die göttliche Herkunft Jesu bestritten wird.

Maiordomus

28. April 2020 14:21

@Zeitschnur. Die Lehre von der heiligen Dreifaltigkeit hat als das Grundmodell der abendländischen Mystik gemäss Meister Eckhart, Jakob Boehme, Nikolaus von Flüe, Blaise Pascal und Annette von Droste-Hülshoff, deren letzte Worte der heiligen Dreifaltigkeit gewidmet waren, gar nichts mit der Spätantike zu tun, sondern mit der Denkbarkeit einerseits und der existentiellen Möglichkeit andererseits einer Kommunikation des Menschen mit Gott, oder wie es Angelus Silesius auf den Punkt gebracht hat:

"Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren
Und nicht in dir, du wärest doch verloren."

Hier geht es nun mal um die Antenne, ohne die, wenn sie nun mal nicht vorhanden ist, gemäss Kierkegaard "Gott seinen Himmel behalten kann". Ganz ehrlich: Kierkegaard verstand was von zwei Dingen: nämlich von Mozart und von Religion. Die Unterscheidung von ästhetischer und ethischer Existenz war meines Erachtens trotzdem eine mutmasslich falsche Alternative. @ Ihre Meinung zu Mutter Teresa ist mutmasslich zutreffend. Sie war letzten Endes wohl zu nichts zu gebrauchen, zumal praktisch nicht, als vielleicht für die Versenkung in Gottes Abgrund, was man ihren letzten posthum veröffentlichten Tagebüchern entnehmen kann.

Nach Meinung von Heinrich Seuse ist zwanzig Jahre nachdenken über diese Dinge so ziemlich das untere Minimum. Therese von Lisieux hat es in kürzerer Frist geschafft, die Ärztin Adrienne von Speyr benötigte dafür weit mehr als 20 Jahre.

Maiordomus

28. April 2020 15:03

"Verehrte sichre Grenzen, (...) ihr umschliesst mich" (Hölderlin)

@ Zeitschnur. Ohne Eckharts Grundfrage, was die Sache mit Gott das menschliche Ich angehe, bleibt die heilige Schrift Papierkorbfüllmaterial und insofern entbehrlich, siehe Armutsbegriff von Franz von Assisi, der gegen Ende seines Lebens die einzige Bibel aus seiner Gemeinschaft weggeben, losgelassen haben soll. Dass man an gar nichts festhalten kann, am wenigsten an Gott, scheint mir ja gerade die Grundaussage von Meister Eckhart. Schon die Frage der Scholastiker, der Leibnize und der Kant nach der Existenz Gottes scheint falsch gestellt, in der Regel nur für Leute von Belang, die von unterschiedlichen Wirklichkeitsebenen wie auch Religion nur so viel Ahnung haben wie eine Kuh vom Klettern. Meines Erachtens hat das vielleicht ein Atheist wie Ernst Bloch, trotz noch seiner Beeinflussung durch die spätantike Gnosis, gar nicht so schlecht verstanden. Ich spüre aber, dass Sie sich nicht mit Meister Eckhart befassen wollen, was insofern auch völlig überflüssig ist. Niemand muss etwas wissen wollen, wenn er nicht danach ruft. Letzteres sollte man sich zumal als pädagogischen Grundsatz verinnerlichen.

Von meinem Eindruck her müsste man hier, für geistige Impulse, wohl weder mit Meister Eckhart für den religiösen Bereich kommen noch viel weniger Carl Schmitt unbedingt propagieren für den zwar durchaus sinnvoll zu klärenden "Begriff des Politischen". Noch am erfreulichsten schien mir aber in letzter Zeit, wie bei SiN und zumal bei Kubitschek und den Seinen Hölderlin ankommt. Darum versöhne man sich vielleicht mit "Hölderle", wie er im gedrukten Heft auch genannt wurde. Etwa mit der Hymne "Die Heimat":.

DIE HEIMAT (Auszug)

Am Strome, wo ich gleiten die Schiffe sah,
Dort bin ich bald; euch traute Berge,
Die mich behüteten einst, die Heimat

V e r e h r t e s i c h r e G r e n z e n, der Mutter Haus
Und liebender Geschwister Umarmungen
B e g r ü s s' i c h b a l d und ihr umschliesst mich,
Dass, wie in Banden, das Herz mir heile,

Denn sie, die uns das himmliche Feuer leihn,
Die Götter schenken heiliges L e i d uns auch,
Drum bleibe dies. E i n S o h n d e r E r d e
Schein ich; zu l i e b e n gemacht, zu leiden.

Warnung vor Missverständnis schwäbischer Gemütlichkeit: "Am Strome", von wo aus der Dichter die Heimat gegrüsst in ihren "verehrten sicheren Grenzen" und der "Mutter Haus", ist anklangmässig der Lethestrom, die Schönheit der Heimat aus der Perspektive des Todes, selbst wenn der Dichter sich als "Sohn der Erde" bekennt, fast wollte er sagen wie Nietzsche: "Bleibt der Erde treu!"

RMH

28. April 2020 19:04

Es ist schon erstaunlich, dass manche hier für Regime, die für sich selbst den Anspruch hatten, dass eine Rechtsstaat nur so lange gilt, wie er nicht stört, bzw. bis man es anders für zweckmäßiger hält, bei Widerstandskämpfern dann auf einmal die genaue Einhaltung des Dienstweges fordern.

Ach ja, die StPO sah damals und auch bis heute nicht vor, dass man Angeklagten die Hosenträger zur mündlichen Verhandlung abschneidet und sie bei Bedarf so zusammenbrüllt, dass eben bereits nach dieser StPO der Tatbestand der Befangenheit recht eindeutig erfüllt ist.

Was Freisler angeht, dessen juristische Wirkung bis heute ein kleines Stück weit im Mord Paragraphen weiter lebt, kann man ausnahmsweise einmal sagen, dass eine Bombe nicht den Falschen getroffen hat.

Heutzutage eine Gesinnungsjustiz beklagen und für ein Regime, welches die Gesinnung zu einem tragenden Element seiner Politik und Rechtsprechung gemacht hat, auf die Geltung rechtstaatlicher Normen zu verweisen, ist nun wahrlich den Balken im eigenen Auge nicht zu sehen.

kommentar kubitschek:
ich unterschreibe diese wortmeldung voll und ganz.

zeitschnur

28. April 2020 22:13

@Maiordomus

Mais je vous ein prie: Selbstverständlich hat die Lehre von der Hl. Dreifaltigkeit sogar ganz wesentlich etwas mit der Spätantike zu tun! Dass sie zum Gegenstand ausgedehnter und langfristiger Spekulation wurde, widerspricht dem ja nicht, sagt uns aber etwas über einen Prägeweg unserer Kultur.
Lassen wir es so stehen - ich will Ihnen das, was Sie lieben, keinesfalls madig machen oder absprechen. Es war eine Selbstäußerung meinerseits. Meine Zweifel bleiben auch bestehen, aber da keiner von uns Gott je gesehen hat, wie der sicherlich sehr mystische Apoatel Johannes sagte, sollte man sich hier auf nichts versteifen, denn was immer wir uns zurechtlegen über Gott: er ist anders, und wir werden staunen. Die Tore, die wir uns selbst schaffen, sind vielleicht nicht richtig. Mit halbem Kopf und Herz also sollte man offen bleiben für das Unaussprechliche, das Paulus im 3. Himmel gehört hat, auch er ein wahrer Mystiker. Wem Gott welche Erkenntnisse in welcher Zeit gibt, wird er ganz gewiss nicht bei uns erfragen. Dem Seinen gibts der Herr uU eben auch im Schlaf. Was wissen wir denn?

zeitschnur

28. April 2020 22:27

@ Niekisch

Das Attentat vom 20. Juli verstand sich wohl kaum als so etwas wie ein "Gericht". In einer Situation, in der es Rechtsstaatlichkeit und ordentliche Gerichte nur noch rudimentär und auf den unteren Amtsebenen gab, Deutschland gerade gnadenlos durch einen politischen und militärischen Fehlentscheid nach dem anderen zugrunde gerichtet wurde, etwas, dass sich unter Merkel erneut wieder anbahnt, wenn auch in einem ganz anderen Setting - in einer solchen Situation geht es nicht um einen alternativen "Blutrichter", - Sie drehen den Spieß ja um! - sondern um so etwas wie Notwehr und eine Verzweiflungstat, um das Endgültige des Untergangs abzuwenden. Ich bin absolut kein Stauffenbergfan, aber ich finde, Sie argumentieren hier etwa so, als wolle man einem, der eine Tür einschlägt, um ein Kind aus einer brennenden Wohnung zu retten, das Kind nicht mehr retten kann und selbst mit verbrennt, hinterher vorwerfen, dass er keinen richterlichen Beschluss dabei hatte.
Ich finde das also reichlich zynisch, was Sie da schreiben.

links ist wo der daumen rechts ist

28. April 2020 22:54

Gesinnung und Pflichtbewußtsein

Und diese Debatte um Gesinnungsethik kann man noch eine Stufe weitertreiben.

In Joachim Fests Büchlein über den 20. Juli finden sich Passagen über den Schlagabtausch zwischen Helmuth James Graf von Moltke und Freisler. Beide fühlten sich vom jeweils anderen verstanden bzw. beinah respektiert. Moltke ging es eben nicht um detaillierte Ausführungen zu einem Staatsstreich (einen Tyrannenmord lehnte er ohnehin ab), sondern um die rein gesinnungsmäßige Gegnerschaft („Vivat Freisler!“), worauf Freisler konterte: „Sie haben den NS verstanden.“

Im Detail:
"Letzten Endes", schrieb Moltke, "entspricht diese Zuspitzung auf das kirchliche Gebiet dem inneren Sachverhalt und zeigt, daß Freisler eben doch ein guter politischer Richter ist. Das hat den ungeheuren Vorteil, daß wir nun für etwas umgebracht werden, was wir a) getan haben und was b) sich lohnt. Wir haben keine Gewalt anwenden wollen - ist festgestellt; wir haben keinen einzigen organisatorischen Schritt unternommen, mit keinem einzigen Mann über die Frage gesprochen, ob er einen Posten übernehmen wolle - ist festgestellt; in der Anklage stand es anders. Wir haben nur gedacht, und zwar eigentlich nur Delp, Gerstenmaier und ich. Und vor den Gedanken dieser drei einsamen Männer, den bloßen Gedanken, hat der NS eine solche Angst, daß er alles, was damit infiziert ist, ausrotten will. Wenn das nicht ein Kompliment ist. Wir sind nach dieser Verhandlung aus dem Goerdeler-Mist raus, wir sind aus jeder praktischen Handlung heraus, wir werden gehenkt, weil wir zusammen gedacht haben. Freisler hat recht, tausendmal recht; und wenn wir schon umkommen müssen, dann bin ich allerdings dafür, daß wir über dieses Thema fallen. Vivat Freisler!"

Auszüge aus dem Buch mit diesem Zitat finden sich hier:
https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13683199.html

Liest sich fast so bestürzend wie die Abschnitte über Goerdeler und Popitz, die im Gefängnis im Auftrag der Gestapo pflichtbewußt Denkschriften verfaßten zum Wiederaufbau Deutschlands nach dem Krieg...

zeitschnur

29. April 2020 00:56

Beim Thema "persönlicher Haftung" bzw "persönlicher Verantwortung" würde ich dafür plädieren, dass unsere Regierung für den schaden, den sie derzeit anrichtet, haftet: Merkel muss haften für all das, was sie uns angetan hat, ebenso Söder und Kretschmann.
Dieses Jahr wird nicht vergehen, ohne dass auch noch der letzte deutsche Idiot begriffen haben wird, dass seine Anhimmelei in Richtung Berlin im Prinzip das Todesurteil seiner Nachkommen war. Es sei denn, es geschieht endlich ein Wunder und die Leute wachen endlich auf.
Es kann nicht sein, dass das Verantwortungsthema immer nur bezgl. der Kleinen dikutiert wird.

Niekisch

29. April 2020 10:28

@ zeitschnur 28.4. 22:27: Ihre Wertung meiner Aussagen relativierte sich vielleicht etwas, wäre meine Antwort auf @ Maiordomus 28.4. 11:55 veröffentlicht worden. Darf ich Sie um Verständnis bitten, wenn ich dann jetzt gar nicht erst mit Argumenten reagiere, denn mein Kommentar wird sicher wieder nicht das Licht der Öffentlichkeit erblicken.

Laurenz

29. April 2020 10:30

@RMH .... ich möchte Ihnen nicht widersprechen. Festhalten möchte, daß keiner weiß, ob es unter einer anderen Reichsregierung anders gelaufen wäre. Ich denke, das ist unwahrscheinlich. Selbst unter einer kommunistischen Reichsregierung wären wohl wieder früher Versorgungsengpässe zu erwarten gewesen, (aber selbst die DDR hatte eine funktionierende Armee). Andere Reichsregierungen hätten frühzeitiger als die Nationalsozialisten auf Kriegs-Produktion umgestellt (1943). Von daher wissen wir auch nicht wirklich, ob sich die Justiz tatsächlich eklatant unterschieden hätte. Denn Freislers Karriere begann natürlich in Weimar.

zeitschnur

29. April 2020 10:35

@ Links daumen etc.

Die Sache um Moltke und Delp ist noch wesentlich doppelbödiger als auf den ersten Blick. Beide schreiben kurz vor ihrem Tod, sie stürben nur wegen Ignatius von Loyola. Bei Delp irgendwie nachvollziehbar (man hatte ihm die Freiheit für den Austritt aus der SJ angeboten), bei dem protestantischen Moltke dagegen in einer gewissen bitteren Ironie. Delp hatte große Probleme mit seinem Provinzial Rösch, der ihn überhaupt ursprünglich in den Kreisauer Kreis geschickt hatte. Delp war zu eigenständig und zu denkfreudig, was bei der SJ nie gut ankommt. Daher wurden seine letzten Gelübde immer wieder hinausgezögert - durch Rösch. Moltke beschreibt schon 1943, wie er Rösch gegenüber bewundernd gesagt habe, er finde es so gut, dass es bei den Jesuiten einen so "undisziplinierten" (er meinte offenen und denkabenteuerlichen) Bruder gebe, woraufhin Rösch sagte, dann würden die Gelübde noch weiter nach hinten verschoben. Delp durfte erst kurz vor seinen Hinrichtung diese Gelübde ablegen, allerdings hatte Rösch sich einer Verhaftung geschickt entzogen. Das Interesse der SJ am Widerstand liegt zweifelsfrei darin, nach dem Krieg die Hand entscheidend auf die Zukunft Deutschlands zu legen und alte Rechnungen aus der Reformationszeit zu begleichen. Wir wissen alle, dass es auch genauso gekommen ist. ich erinnere nur an ein Zitat Niemöllers. Der Privatsekretär Pius XII., Robert Leiber SJ, frohlockte darüber, dass mit der deutschen Teilung im Westen nun ein katholisch dominierter Staat aufgebaut werde. Warum man den den Osten nach der Wiedervereinigung einfach diesem westlichen Staat anschloss, anstatt nach § 146 GG eine neue gemeinsame Vefassung zu erarbeiten, hängt wesentlich mit diesem Konzept zusammen.
Zwischen Delp und Moltke hatte sich im Laufe der Zeit eine Freundschaft entwickelt. Freisler scheint davon ausgegangen zu sein, dass es eigentlich die SJ war, die über den Kreisauer Kreis versucht habe zu wirken und unterstellte Moltke, mit von der Partie gewesen zu sein. Das mehrfachbödige Spiel der SJ ist allerdings bis heute nicht aufgearbeitet, weil sie ihre Archive nicht öffnet. Rösch hatte direkte Connections zu Globke und Gehlen, sowohl vor dem Krieg als auch danach und sollte nach dem Krieg das katholische Establishment in Bayern ausspionieren für die Organisation gehlen, es spricht vieles dafür, dass er zugleich auch für einen englischen Geheimdienst arbeitete. Man muss dazu sagen, dass in diesen Jahren das Generalat der SJ vakant war - ein Umstand, den es noch niemals gegeben hatte in der Geschichte, die selbiges immer zügig neu besetzte, auch dann, wenn gerade Wirren waren. Hier ist also einiges extrem ungereimt und sehr merkwürdig. Delp insbesondere hatte eine Schrift verfasst über einen "dritten Weg" zwischen Elitenkapitalismus und Kommunismus, das leider verschollen ist und bis heute nicht aufgetaucht ist. Mich würde diese Schrift brennend interessieren.
Sie Nachweise für diese Zusammenschau findet sich in meinem Buch "Das Schillern der Dinge".

Gerald

29. April 2020 17:52

Zum Thema Moltke & Freisler

Laut Moltke war die Begegnung mit Freisler seine persönliche Vollendung; er beschreibt diese Stunde im Gericht rückblickend als Ziel, worauf die Ereignisse und Wendungen in seinem Leben hingewirkt haben. Alle möglichen Vorwürfe, die ihn hätten treffen können, waren ausgeräumt gewesen, bis auf einen: er stand vor Freisler nicht als Protestant, nicht als Großgrundbesitzer, nicht als Beteiligter am Attentat, nicht als Adeliger, nicht als Preuße, nicht als Deutscher, sondern "als Christ und gar nichts anderes". "Das Feigenblatt ist ab" sagte Freisler. Es war ein geistiger Dialog zwischen den beiden, den die Umstehenden wohl so nicht begriffen haben. (nicht umsonst bleibt der Spiegelartikel sehr vage bzgl. Moltkes Motive, er schwurbelt was von Gedanken, humanistischen womöglich, die unterdrückt werden sollten) Und nur bei Moltke wusste Freisler genau bzw. stand persönlich dafür ein, weswegen Moltke sterben muss. Denn nur in einem sind das Christentum und der NS gleich: beide fordern den ganzen Menschen.

links ist wo der daumen rechts ist

30. April 2020 00:49

@ Gerald

Warum gleich beim Wort „Spiegel“ so gereizt reagieren?

Das war bloß ein Auszug aus Fests Buch. Im Übrigen hat Fest im Buch anhand des Schlagabtauschs zwischen Moltke und Freisler genauso argumentiert wie Sie. Also wozu aufplustern?

 

@ zeitschnur

Danke für Ihre ergänzenden schillernden Ausführungen, aber: so genau wollte ich es gar nicht wissen.

Und sind Sie sicher, in den 80ern nicht mit Umberto Eco in Sachen kopernikanische Verschwörung der Wallstreet-Jesuiten korrespondiert zu haben, woraus dann ein Dan Brown die eine oder andere Idee für sich verwendet haben könnte?

zeitschnur

30. April 2020 19:17

@ links daumen

Pardon - erstens gibt es Verschwörungen, Komplotte, Seilschaften und Intrigen. Das sollte man eigentlich wissen. Wer das leugnet, ist jenseits von Gut und Böse. Und zweitens habe ich alles, was ich schreibe, tatsächlich recherchiert. Pardon. Und noch ein Tipp: Geheimdienste - gibt es wahrscheinlich auch nicht, weil "Verschwörungstheorie". Fragt sich dann nur, wieso das IfS nun beobachtet wird, wenn dies nicht im Rahmen von Seilschaften und Intrigen verstehen werden muss. Welcome to reality.

Laurenz

2. Mai 2020 12:09

@links ist wo der daumen rechts ist ... @zeitschnur

Möchte hier zeitschnur beipflichten. Wer entscheidet letztendlich die Schwärzung von Akten? Regierungen? In Rußland vielleicht. Aber bei uns oder auch in den USA gewiß nicht oder nur sehr bedingt. Bei uns werden sogar Politiker und Vorsitzende eines NSU-Untersuchungs-Ausschußes des Deutschen Bundestags ernst-röhmisiert.

Im für uns historisch entscheidenden Britannien hat es noch keine Regierung gewagt, geschwärzte Akten zu entschwärzen.

Gerald

2. Mai 2020 19:35

Wer bin ich denn, der sich aufplusterend eine Charaktergrösse wie Moltke kommentieren könnte. Deswegen sind meine Sätze nur abgewandelte Auszüge aus dessen letzten Brief an seine Frau. Und wenn Fest und dem Spiegel diese Briefe vorlagen, dann hätten beide diese „Gedanken“ konkretisieren müssen. Nicht politische Überlegungen, nicht Ideengeber für das Attentat, nicht Kirche, sondern Christ. Darauf zielt mein Beitrag ab. Die Konfrontation Freisler und Moltke beschreibt schlaglichtartig die Unvereinbarkeit des Nationalsozialismus mit dem Christsein.

 

Als zu Beginn des 3. Reiches die Ungerechtigkeit der Sieger gegenüber Deutschland ein grosses Stück beseitigt werden konnte und Millionen Deutsche wieder ein geregeltes Leben ermöglicht wurde, kann man aus dieser Sicht die Begeisterung der Mehrheit der deutschen Christen für die neue Regierung schlecht übelnehmen. Umso höher ist die Leistung der wenigen, wie dem evangelischen Pfarrer Paul Schneider, einzuordnen, welche in ihrer unbestechlichen Konsequenz schon relativ früh die Gegnerschaft der Ideologie des deutschen Nationalsozialismus zum Evangelium offen legten. Die Achtung der (kommunistischen) Mitgefangenen vor der Standhaftigkeit eines Paul Schneiders führte dazu, dass in einer atheistischen DDR eine Gedenktafel inkl Bibelspruch in dessen ehemaliger Zelle angebracht wurde.