1. Februar 2019

Populismus und Demokratie

Gastbeitrag

von Alexander Gauland
PDF der Druckfassung aus Sezession 88/Februar 2019

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

Der Begriff Populismus hat etwas Amöbenhaftes, und was er beschreibt, ist uralt. In der späten römischen Republik kämpften bekanntlich die Popularen gegen die Optimaten; die ersten Populisten waren demzufolge die Gracchen und der Feldherr Gaius Marius.

Damals standen, grob gesagt, die Popularen eher auf Seiten der einfachen Leute und gegen das Establishment, obwohl ihre Führer aus dem Establishment stammten. Allerdings waren sämtliche Führer von Volks aufständen und Volksbewegungen der Geschichte Populisten.

Und viele Gegenbewegungen mußten zwangsläufig zu populistischen Mitteln greifen. Wer den Begriff historisch zu fassen sucht, wird schnell zu dem Ergebnis kommen, daß der Populist meistens ein Demagoge ist, der dem Volk einfache Wahrheiten verkauft, um seine politischen Ziele zu erreichen.

Bis heute bedeutet »populistisch«, daß jemand auf komplexe Probleme simple Antworten gibt, um die Massen zu beeinflussen. Damit wird das Attribut »populistisch« allerdings ein Modus, eine Art und Weise, die keiner speziellen politischen Richtung vorbehalten ist.

Jeder kann Populist sein. Auch ein Autokrat kann populistisch auftreten. Um in die Gegenwart zu wechseln: Der Atomausstieg von Frau Merkel war eine rein populistische Tat. »Yes we can!« und »Wir schaffen das!« sind populistische Parolen.

Demokratie funktioniert nicht ohne einen kräftigen Schuß Populismus. Das ist allerdings nicht unser Thema. Ich muß also präzisieren. Ich werde zu Ihnen nicht über einen politischen Stil reden, sondern über eine konkrete politische Strömung unserer Zeit, der man den Namen Populismus gegeben hat.

Wenn Sie mich fragen: mit Recht. Aber der Reihe nach. Vor zehn Jahren kam der Begriff Populismus in den politischen Debatten kaum vor. Heute ist er allgegenwärtig. Es handelt sich also um einen bekannten Begriff, der ein neues Phänomen beschreiben soll.

Was ist gemeint, wenn jemand als Populist bezeichnet wird? Um ein Kompliment handelt es sich offenbar nicht. Wer Populist genannt wird, soll diskreditiert werden. In der gesamten politisch-medialen Sphäre ist der Begriff fast ausschließlich für die politische Rechte reserviert.

Der Erste unter den Populisten ist bekanntlich Donald Trump, und das populistischste Ereignis in der jüngeren europäischen Geschichte war der Brexit. Hier finden wir übrigens auch die nicht unwichtige Konnotation von Populismus und Plebiszit.

Im Begriff Populist steckt das Volk, populus – eine, wie jeder weiß, inzwischen als fragwürdig, ja als konstruiert geltende Größe. Das Volk, der demos, ist etwas Exklusives. Was exklusiv ist, schließt ein bzw. aus. Offenbar ist genau das eine zentrale Absicht der heutigen Populisten.

Und ebenso offenkundig muß eine Gegenpartei existieren, die genau das nicht will, sonst wäre der Populismus ja nicht entstanden. Um den Populismus zu verstehen, muß man also untersuchen, warum er entstanden ist und worauf er reagiert.

Das Magazin New Statesman schrieb im März 2017, die Abstimmung über den Brexit sei »die größte demokratische Rebellion in der modernen britischen Geschichte« gewesen. Der Brexit, heißt es weiter, sei zugleich die »größte Niederlage für die hyperliberalen, ins Ausland blickenden ›kognitiven Eliten‹« – also die besser gebildeten Leute –, »die seit den 1960er Jahren die Politik beherrschen«.

Hier werden zwei Parteien gegenübergestellt: ein rebellierender Demos und eine von diesem auf irgendeine Weise abgekoppelte Elite. Der »Demos« rebelliert gegen die »Elite«. Allerdings fiel die Abstimmung denkbar knapp aus – wie ja auch die Wahl Donald Trumps denkbar knapp ausging.

Der »Demos« müßte doch normalerweise der »Elite« zahlenmäßig weit überlegen sein. Freilich gehört auch die »Elite« – gemäß der Formel one man, one vote – zum Demos. Ich bemerke das deshalb, weil in der Populismus-Debatte immer von interessierter Seite die Behauptung verbreitet wird, die Populisten nähmen für sich in Anspruch, im Namen des Volkes, also des Demos zu sprechen.

Das tun sie nicht, das können sie gar nicht tun, dafür sind moderne Gesellschaften viel zu ausdifferenziert. Man muß also besser von einer Spaltung der britischen und der amerikanischen Gesellschaft in zwei Lager sprechen. Die westlichen Gesellschaften sind gespalten, und wenn Sie die Zeitungen lesen, erfahren Sie, daß die Populisten daran schuld sind.

Woraus Sie zuerst einmal entnehmen dürfen, daß die meisten Journalisten und vor allem deren Arbeitgeber nicht zu ihnen gehören. Jedenfalls stehen auf der einen Seite die Populisten und diejenigen, die sie wählen. Wer steht auf der anderen?

Hier fiel der Begriff Elite, sogar im Plural – »kognitive Eliten« –, und wo Elite ist, muß es auch gemeines Volk geben. Marxistisch gesprochen: Basis und Überbau. Diese Konstellation hat es immer und in allen seßhaften Gesellschaften gegeben, und wie gierig, kriegerisch und machthungrig manche Eliten gewesen sein mögen, sie mußten immer darauf achten, daß möglichst große Schnittmengen ihrer Interessen mit denen der Basis existierten.

Das ergab sich aus dem Territorialprinzip der Staaten. Das Reich, später die Nation und der Nationalstaat bildeten die Grundlage. Auch die Eliten waren seßhaft. Heute sind sie es nicht mehr. Das ist der große Unterschied.

Der Kommentar im Magazin New Statesman nahm Bezug auf ein Buch des Londoner Journalisten David Goodhart, der lange für die Financial Times arbeitete und schließlich sein eigenes Magazin Prospect gründete, dessen Herausgeber er heute ist. Sein Buch The Road to Somewhere: The Populist Revolt and the Future of Politics erschien 2017.

Darin definiert Goodhart zwei neue gesellschaftliche Gruppen oder Klassen, die »Anywheres« und »Somewheres«. Begriffe, die übrigens Theresa May aufgegriffen hat in der Debatte um den Brexit. Das läßt sich nicht hundertprozentig ins Deutsche übersetzen, beide Worte bedeuten »irgendwo«, aber das eine ist ein abstraktes, das andere ein konkreteres Irgendwo.

Beschrieben wird ein Gegensatz zwischen Seßhaften und Nomaden. Schauen wir uns die Nomaden genauer an. Die Gruppe der »Anywheres« besteht, Goodhart zufolge, aus denjenigen, die beruflich mobil sind, die Welt von überall aus sehen und die heute unsere Kultur und Gesellschaft dominieren.

Solche Menschen haben »tragbare Identitäten«, die auf ihrem Bildungs- und Karriereerfolg beruhen. Sie verkörpern das liberale, EU-freundliche und globalistische Establishment. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die eher in ihrer geographischen Identität verwurzelt sind – der schottische Landwirt, der Arbeiter aus dem mittelenglischen Industriegebiet, die Hausfrau aus Cornwall –, die von den schnellen Veränderungen der modernen Welt verunsichert und bedroht sind. Sie sind oft älter und weniger gebildet als die »Anywheres«.

Sie haben sowohl wirtschaftlich durch den Rückgang gutbezahlter Arbeitsplätze für Menschen ohne höhere Qualifikation als auch kulturell verloren, mit dem Verschwinden einer ausgeprägten Arbeiterkultur und der Marginalisierung ihrer Ansichten im öffentlichen Gespräch.

Goodhart hält diese neue Unterscheidung für wichtiger als die alte in rechts und links. Goodhart zufolge hat speziell die englische Tradition der Internatsuniversitäten immer mehr junge Menschen von ihren Eltern und ihren Herkunfts-Soziotopen getrennt.

Die Universitäten seien der wichtigste Humus für »Anywhere«-Identitäten: Einer von ihm zitierten großen Umfrage zufolge stimmten bei den letzten britischen Parlamentswahlen unter den Wissenschaftlern nur elf Prozent für die Tories, aber 90 Prozent für den Verbleib in der EU.

Die »Anywheres« stellen nach Goodhart ungefähr 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung, die »Somewheres« ungefähr 50 Prozent – der Rest oszilliert dazwischen. Die relative Kleinheit der neuen Klasse steht in einem erheblichen Widerspruch zu ihrer Bedeutung.

Ich komme noch auf diesen Punkt zu sprechen. Goodhart war nicht der erste, der auf diese Neuformatierung der westlichen Gesellschaften hinwies. In einem Interviewband namens Die Krisen der Demokratie, der 2003 erschienen ist, konstatierte Lord Ralf Dahrendorf die Entstehung einer »neue(n) soziale(n) Klasse, die zu Geld kam und die drei ›C‹ – concepts, competence und connections –, in Macht ummünzte«.

Dahrendorf beschrieb typische Vertreter der neuen Klasse so:

Diese Leute reisen viel, überqueren ständig Grenzen, auch wenn sie in der Business Lounge eines Flughafens festsitzen und unaufhörlich per Handy telefonieren: ›Wo bist? In Honolulu? Du Glücklicher, ich sitze in Frankfurt fest. Aber der Vertrag ist abgeschlossen …‹ Diese Klasse ist zwar zahlenmäßig klein, aber das besagt nicht viel.

Auf die Frage des Interviewers, inwieweit eine solche Klasse eine Gefahr für die Demokratie darstelle, antwortet Dahrendorf:

In dem Sinn, daß sie die natürliche Tendenz haben, sich den traditionellen Institutionen der Demokratie zu entziehen. Bereits die Möglichkeit, sich in der Welt schrankenlos zu bewegen, ist eine tagtägliche Bestätigung sämtlicher Vorteile, die sich aus dem Überschreiten aller von demokratischer nationaler Politik gesetzten Grenzen ergeben.

Soweit Dahrendorf.

Ich habe noch einmal bei mir selber, in meinem Konservativismus-Buch nachgeschaut, ich habe selber 2002 darauf hingewiesen, daß die industrialisierten Eliten – die Wirtschaft überhaupt – heute geradezu links ist, indem sie Nation, Heimat, Herkunft ablehnen.

Alles, was »global« ist, erscheine dieser Klasse als gut, führt Dahrendorf weiter aus. Was sie entschieden ablehne, sei die nationale Dimension. Nationale Regierungen, deren Gesetze und demokratischen Institutionen empfinde sie als anachronistische Behinderung.

Über die dort getroffenen Entscheidungen müsse man sich hinwegsetzen oder sie einfach ignorieren. Dahrendorf räumt ein, daß die Schaffung neuer Ungleichheiten ein Charakteristikum jeder kapitalistischen Entwicklung sei. Dasselbe sei in den Anfängen der Industriegesellschaft geschehen, freilich mit einem Unterschied: Damals seien die Armen von den Kapitalisten als Arbeitskräfte gebraucht worden.

Die Armen von heute dagegen würden von der globalen Klasse nicht mehr gebraucht. »Was die globale Klasse auf der Ebene der nationalen Politik tatsächlich erreichen möchte, sind der Abbau von Reglementierungen und die Senkung von Steuern«, faßt Lord Dahrendorf zusammen.

»Allein die Zugehörigkeit zu einem Land wird als lästig empfunden.« Meine Damen und Herren, Sie alle kennen Menschen, die aus einem solchen Milieu stammen und so empfinden. Es sind seit dieser Diagnosestellung immer mehr geworden.

Die von Dahrendorf beschriebene Entwicklung hat Fahrt aufgenommen, und in Gestalt von Barack Obama, Angela Merkel, Emmanuel Macron oder Jean-Claude Juncker hat sie auch politische Macht erlangt. Diese Politiker sind Agenten der Globalisierung, deren Devise lautet: Freier Fluß von Waren, Informationen und Menschen, und zwar möglichst auf dem gesamten Planeten!

Hier kann man kurz einfügen, warum uns das früher nicht so stark aufgefallen ist. Als die Welt noch geteilt war und der Kommunismus eine echte Gefahr darstellte, brauchten diese Kräfte zur Sicherung ihres kapitalistischen Überlebens das was sie heute nicht mehr brauchen: Nation, Herkunft, Tradition, Familie.

Jetzt stören diese Dinge gegenüber dem gemeinsamen Markt. Damals brauchte man sie als Verbündete gegen die kommunistische Herausforderung. Das ist der Unterschied zu der geteilten Welt wie wird sie bis 1989 hatten. Die neue urbane Elite, die sich im Zuge der Globalisierung und nach dem Ende des Ost-West-Konflikts gebildet hat, ist soziologisch nicht genau definiert, aber sie besitzt einen enormen Einfluß.

Zu ihr gehören Menschen aus der Wirtschaft, der Politik, dem Unterhaltungs- und Kulturbetrieb – und vor allem die neue Spezies der digitalen Informationsarbeiter. Sie sitzen in den international agierenden Unternehmen, in Organisationen wie der UNO, in den Medien, Start-ups, Universitäten, NGOs, Stiftungen, in den Parteien und ihren Apparaten, und weil diese Leute die Informationen kontrollieren, geben sie kulturell und politisch den Ton an.

Die Mitglieder dieser neuen Klasse – bleiben wir ruhig bei dem Begriff – leben fast ausschließlich in Großstädten, sprechen flüssig Englisch und wohnen unter ihresgleichen. Für sie sind die globalisierte Welt oder »Europa« kein abstraktes Etwas, sondern gelebte Realität, etwa wenn sie zum Jobwechsel von Berlin nach London, Zürich oder Singapur ziehen.

Überall finden sie ein ähnliches Umfeld: Die Appartements, Häuser, Restaurants, Klubs, Geschäfte und Privatschulen, alles gleicht einander. Dieses Milieu ist sozial nahezu abgeschottet, aber kulturell sehr offen. Es schickt seine Kinder in Internationale Schulen, wo Amerikaner, Deutsche, Inder, Koreaner und Araber gemeinsam unterrichtet werden.

In ihrem Milieu bringt das kaum Probleme. In eine öffentliche Schule mit ähnlich bunter Besetzung würden sie ihre Kinder aber nie schicken. Diese neue Klasse entstammt zwar meist dem Bürgertum, hat sich aber von dessen Traditionen losgesagt.

Ihr Weltbild ist progressistisch, also links. Ihre Angehörigen empfinden sich als gesellschaftliche Avantgarde. Ihre Religion ist der Humanitarismus. Alle Ethnien und Kulturen sind für sie gleich. Ihr natürlicher Verbündeter ist das global agierende Kapital.

Mancher mag diese Allianz aus globalistischer Linker und globalem Kapital bizarr finden, doch ich erinnere daran, daß Arnold Gehlen schon 1969 orakelt hat, der Humanitarismus sei »für großimperiale Ambitionen bis zu einem gewissen Grade bündnisfähig«.

Und wenn Sie sich die Stellungnahmen mancher Spitzenfunktionäre aus der Wirtschaft von Herrn Kaeser über Herrn Zetsche zur Migrationspolitik erinnern, dann ist das zuvor Gesagte völlig richtig. Denn sie haben überall der Merkelschen Flüchtlingspolitik zugestimmt.

Sie haben behauptet, dadurch würden sie Arbeitskräfte bekommen und die brauchten sie und dieser wirtschaftliche Erfolg sei sehr viel wichtiger. Daß natürlich nicht Arbeitskräfte kommen, die man brauchen kann, das hat diese Menschen nicht interessiert.

Aber insofern ist das eine völlig neue Entwicklung, die es eben zu Zeiten Adenauers und de Gaulles und Helmut Kohls noch nicht gab. Die Bindung dieser neuen Elite an ihr jeweiliges Heimatland indes ist schwach. In einer abgehobenen Parallelgesellschaft fühlen sich ihre Angehörigen als Weltbürger.

Der Regen, der in ihren Heimatländern fällt, macht sie nicht naß. Sie träumen von der one world und der Weltrepublik. Ihre Macht zeigte sich während der Finanzkrise. In Amerika und Europa haben die staatstragenden Parteien die Krise zu Lasten der Steuerzahler bekämpft, aber die Verursacher mit wenigen Ausnahmen verschont.

Die nationalen Regierungen bestätigten damit, daß es eine internationale, illoyale, über dem Gesetz stehende Wirtschaftselite gibt. Damals begann die Karriere des Begriffes »alternativlos«. Ein ähnlicher Vorgang wiederholte sich in der sogenannten Flüchtlingskrise.

Die Allianz aus internationalistischer Linker und internationalen Unternehmen zeigt sich vor allem in der Förderung der Migration und der Aufweichung nationaler Strukturen. Im Gegensatz zur Bankenrettung ist der Nutznießerkreis der neuen Völkerwanderung ungleich größer.

Teile der Industrie, die Kirchen, Gewerkschaften, NGOs und insbesondere der medizinisch-industrielle Komplex profitieren enorm davon, weil die Migranten für sie einen neuen Kundenkreis bilden, dessen Unterhaltaus Steuermitteln bezahlt wird.

Deutsche Intellektuelle haben noch nie in Geldströmen denken können, auch aus Faulheit, aber die Offenlegung von Geldströmen wird ein wichtiges Thema der Zukunft sein. Zum Zeitpunkt der großen Einwanderungs welle im Herbst 2015 war die demokratische Debatte in Deutschland längst erstickt.

Frau Merkel hatte ihre Politik in eine quasireligiöse Sphäre erhoben. Sie gehorcht entweder der harten technokratischen Notwenigkeit, gegen die nur Dummköpfe opponieren können – Stichwort: Eurorettung und Weltklimarettung –, oder sie folgt einer höheren Weltmoral, deren Gegner automatisch als Verworfene dastehen.

Und wenn es das halbe eigene Volk wäre. Merkels Politik war »alternativlos«. Die neue globalistische Klasse – in allen Ländern – applaudierte ihr. Dieser Klasse gegenüber steht eine Allianz der nationalen Arbeiterschaft und des nationalen Bürgertums.

Das sind diejenigen, denen Heimat etwas bedeutet, weil sie dort ihr Haus oder ihr Unternehmen haben und dieses nicht einfach verlagern können, weil ihre Familie und ihre Freunde dort leben, weil dort die Kirche steht, in der sie getauft wurden oder geheiratet haben, weil dort der Friedhof ist, auf dem ihre Vorfahren liegen, weil dort ihre Sprache gesprochen wird und ihre Traditionen gepflegt werden, weil sie dort einfach gut und gerne leben wollen.

Dieser Wunsch hat nichts zu tun mit vermeintlicher Abschottung oder mit Fremdenhaß. Niemand will sich abschotten. Niemand außer einer Handvoll Flachköpfe haßt Fremde, die sich in eine Gesellschaft einfügen und ihre Rechnungen selber bezahlen wollen.

Aber ein Mann wie Donald Trump ist gewählt worden, weil er versprochen hat, daß er seine Landsleute vor dem internationalen Lohndumping ebenso schützen wird wie vor der illegalen Masseneinwanderung. Die Globalisierung sieht im Penthouse sehr viel freundlicher aus als in der Sozialwohnung.

Meine Damen und Herren, die AfD, als deren Vorsitzender ich zu Ihnen spreche, ist im Grunde eine Sammlungsbewegung aus zwei Parteien. Zum einen ist es die bürgerliche Mittelschicht, zu der auch der wirtschaftliche Mittelstand gehört, das ökonomische Rückgrat unseres Landes, der nicht einfach sein Unternehmen nach Indien verlagern kann, um dort besonders billig zu produzieren.

Auf der anderen Seite sind es viele sogenannte einfache Menschen, deren Jobs entweder miserabel bezahlt werden oder nicht mehr existieren, die ein Leben lang den Buckel krumm gemacht haben und heute von einer schäbigen Rente leben müssen.

Das sind zugleich diejenigen, die als erste ihre Heimat verlieren, weil es ihr Milieu ist, in das die Einwanderer strömen. Sie können nicht einfach wegziehen und woanders Golf spielen. Diese Spaltung herrscht heute in allen Ländern der westlichen Welt.

Unter Präsident Obama hat sich der Riß, der sich durch die amerikanische Gesellschaft zieht, ungeheuer vertieft. Es war eine Konstellation, die förmlich nach einer Fundamentalopposition schrie. Diese Opposition konnte von rechts oder von links kommen, aber sie mußte notwendig populistisch sein.

Meine These lautet: Populismus entsteht, wenn ein Establishment den Gesellschaftsvertrag mit einem Volk mehr oder weniger aufkündigt. Also mit seinem Volk mehr oder weniger aufkündigt. Der moderne Populismus ist eine globale Bewegung gegen die Allmacht der Globalisierung.

Eine Bewegung der Seßhaften gegen die Mobilen, der Partikularisten gegen die Universalisten, von Demokraten gegen Autokraten. Auf welcher Seite die AfD steht, muß ich nicht erläutern. Moment, sagte ich gerade: Demokraten gegen Autokraten?

Dann würde ich ja doch behaupten, die Populisten sprächen im Namen des Volkes! Aber nein, nicht ich behaupte das – es sind Wortführer der Globalisten selber, die das sagen. Der Schriftsteller Robert Menasse, der mit wohlmeinenden Zitatfälschungen zugunsten eines noch weiteren Ausbaus der EU eine gewisse Bekanntheit über den Kreis seiner Leser erlangt hat, forderte in seinem 2012 erschienenen Buch Der Europäische Landbote – und jetzt spitzen Sie bitte die Ohren –, »die Demokratie erst einmal zu vergessen, ihre Institutionen abzuschaffen, soweit sie nationale Institutionen sind, und dieses Modell einer Demokratie, das uns so heilig und wertvoll erscheint, weil es uns vertraut ist, dem Untergang zu weihen. Wir müssen stoßen, was ohnehin fallen wird, wenn das europäische Projekt gelingt. Wir müssen dieses letzte Tabu der aufgeklärten Gesellschaften brechen, daß unsere Demokratie ein heiliges Gut ist.«

Wenn ich so etwas öffentlich vortrüge, würden die Medien geschlossen nach dem Verfassungsschutz rufen. Wenn ein linker Globalist das sagt, bekommt er einen Preis. Daran können Sie immerhin erkennen, welche Machtverhältnisse in der Öffentlichkeit herrschen.

Wie es mit dem Planeten weitergehen soll, wenn die nationalen Demokratien erst einmal abgeschafft sind, erklärt uns Menasse ungefähr so ausgiebig, wie Karl Marx uns die Details der kommunistischen Gesellschaft erklärt hat: mit keinem Wort.

Menasses publizistische Zwillingschwester Ulrike Guérot hat zwar auch keine Details, aber immerhin einen festen Termin für die, wie sie es nennt, »Dekonstruktion der Nationalstaaten« vorgesehen: Im Jahr 2045, wenn sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum hundertsten Mal jährt, soll die »Europäische Republik« errichtet werden.

Wir können jetzt einen weiten Bogen über autokratische Phantasien von Platon bis Udo Lindenberg schlagen, denen eines gemeinsam ist: Eine kleine Gruppe weiser Auserwählter soll über das unmündige, kindische und störrische Volk herrschen.

Bei Platon waren es die Philosophenkönige; die heutigen Gouvernanten denken globaler und träumen von einer »Weltregierung«. Die planetarischen Probleme seien viel zu komplex, als daß die Mehrheit sie verstehen, geschweige lösen könnte, erklären sie.

Dafür braucht es dann anscheinend Experten wie Frau Guérot, Herrn Menasse und womöglich Herrn Lindenberg, auch wenn nicht ganz klar ist, worin ihre Expertise besteht. Es geht um ein Sich-Vordrängeln unter Berufung auf höchste Auftraggeber, das Weltklima beispielsweise.

Die neue Elite soll in einem möglichst großen, supranationalen Rahmen herrschen und, ich zitiere wieder Herrn Menasse, eine »wirklich universale Klasse« bilden, »deren Engagement zu einem System eines universalen Rechtszustands in Freiheit für alle, in Nachhaltigkeit führen wird«.

Eine derart universale und weise Klasse kann unmöglich auf demokratischem Wege an die Macht gelangen, schon gar nicht, wenn die Wähler aus nationalstaatlicher Käfighaltung stammen. Herr Menasse und Frau Guérot träumen von einer zunächst europaweiten und später globalen Erziehungsdiktatur.

Zumindest eines kann man den beiden nicht vorwerfen: daß sie Populisten sind. Die globalistischen Eliten sind so überzeugt von sich selbst und ihrer Rolle als Geburtshelfer einer neuen, besseren Weltgesellschaft, daß sie jeder Widerspruch oder gar Widerstand in erbitterte Wut versetzt.

Unnachsichtig überziehen sie ihre Gegner, die in der Regel weniger eloquent, weniger telegen, weniger sexy sind, mit Hohn, Spott und Denunziationen. Ich habe erwähnt, daß diese neue Klasse die Medien, die digitalen Unternehmen und den Kulturbetrieb – also die gesamte Öffentlichkeit – dominiert, wodurch sie dem Publikum ungleich größer und mächtiger erscheint, als sie tatsächlich ist.

Das mag auch erklären, warum im Umfeld dieser neuen Klasse ein Milieu mit gleicher Gesinnung, aber ungleich bescheideneren Lebensumständen entstanden ist, das um jeden Preis dazugehören will, obwohl dessen Angehörige bei der Betrachtung ihrer Einkünfte, ihrer Wohnsituation und ihrer Jobchancen eigentlich in Opposition zu den Globalisten treten müßte.

Da die globale Elite den Zeitgeist bestimmt, entscheidet sie auch über Gut und Böse. Der Imagegewinn, der sich daraus ergibt, auf der richtigen Seite zu stehen, ist offenbar so groß, daß sich für viele damit ein Leben in eher prekären Umständen kompensieren läßt, namentlich in akademischen Berufen.

Wenn Teile der Elite heimlich antidemokratisch werden, ist es logisch, daß im Gegenzug Teile der Bevölkerung eine gewisse Elitenfeindschaft entwickeln. Der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller, der an der Princeton University lehrt und immer von den deutschen Medien herbeizitiert wird, wenn es um bzw. gegen den Populismus geht, ist der Ansicht, daß sich Populisten als »die einzigen wahren Volksvertreter« aufspielen, die einer als korrupt geschmähten Elite ein vermeintlich homogenes und unverdorbenes Volk entgegenstellen.

Ich würde Herrn Müller zur Hälfte zustimmen. Die kürzeste Definition des aktuellen Populismus lautet in der Tat: gegen das Establishment. Aber natürlich repräsentieren wir in der AfD nicht »das« Volk. Wir wollen allerdings, daß das Volk mehr direkten politischen Einfluß bekommt.

Deswegen sind wir für plebiszitäre Mitsprache, deswegen gehören Volksabstimmungen zu unseren zentralen Forderungen. Denn das immerhin unterscheidet die Populisten vom Establishment: Wir wollen nicht über die Köpfe des Volkes entscheiden.

Wir halten uns nicht für klüger als das Volk. Wir haben keine Angst vor dem Volk. Und wir wollen das Volk – und zwar keines – auch nicht abschaffen. Spätestens seit ein deutschstämmiger Harvard-Professor in den Tagesthemen ohne ein Nachhaken der Moderatorin verkünden durfte, das deutsche Volk werde durch eine »multiethnische Gesellschaft« ersetzt und dabei werde es zu »Verwerfungen« kommen – in den Lokalteilen der Zeitungen kann man unter »Vermischtes« Meldungen über solche »Verwerfungen« lesen –, spätestens seit diesem Tag wissen wir, daß der Populismus die letzte Verteidigungslinie unserer Art zu leben ist.

Wenn die Globalisten sich durchsetzen, werden viele Dinge verschwinden und niemals wiederkommen, die unser Land und unseren Erdteil lebenswert machen: der innere Frieden, der Rechtsstaat, die soziale Sicherheit, das Bargeld, die Gleichberechtigung der Frau, die Meinungs- und Religionsfreiheit, das Recht darauf, von Staat und Gesellschaft in Ruhe gelassen zu werden.

Wer Afrika und das Weltklima retten muß, kann auf Petitessen wie demokratische Legitimation und nationales Recht keine Zeit verwenden. »Zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens wird es Krieg geben«, hat der Dichter Botho Strauß 1993 in seinem berühmten Essay »Anschwellender Bocksgesang« prophezeit.

Genau das steht uns bevor – wobei wir alles dafür tun werden, daß der Konflikt friedlich ausgetragen wird. Da die Völker unwillig sind, den grauen Tod der Diversity zu sterben, haben die Globalisten den Migranten als neues revolutionäres Subjekt entdeckt.

Die ganze Panik um den angeblich menschengemachten Klimawandel ist bloß der Begleitlärm, ebenso wie die ständig frisch und eiternd gehaltene Schuld der weißen Männer im allgemeinen und der Deutschen im besonderen. Die Gretchenfrage unserer Epoche lautet deshalb: Wie hast du’s mit der Migration?

Hier scheiden sich die Geister. Und wenn Sie mich fragen: Hier entscheidet sich das Schicksal der europäischen Zivilisation.  Und in dieser Frage trennt sich auch die deutsche Parteienlandschaft am saubersten. Die beiden Parteien, die hier am homogensten agieren und am rigidesten die genau entgegengesetzte Position beziehen, sind die AfD und die Grünen.

Mit den Begriffen von Herrn Goodhart: die blauen »Somewheres« gegen die grünen »Anywheres«. Die Agonie der SPD hängt mit diesem Zwiespalt zusammen. Das traditionelle sozialdemokratische Wählermilieu besteht aus »Somewheres«, die schicken urbanen Eliten, die von den Sozis so herzzerreißend umworben werden, wählen mehrheitlich lieber die Grünen, und der gierige Blick der SPD-Führung auf die neue Klientel der vor allem muslimischen Migranten verschreckt traditionelle Wähler der SPD und treibt sie der AfD zu.

Die Merkel-CDU versucht, auf Merkelart beides zugleich zu sein, somewhere und anywhere, so lange Merkel regiert mit Bevorzugung letzerer, und das wird diese Partei zerreißen. Davon profitieren werden wiederum AfD und Grüne. Die Linken sind ein Sonderfall, den zu beschreiben ich mir heute schenke, ich will nur den Namen Sahra Wagenknecht erwähnen, die begriffen hat, wohin der Hase läuft.

Meine Damen und Herren, in nahezu jeder Rede während des Bundestagswahlkampfes habe ich den großen Philosophen und Freigeist Baruch Spinoza mit dem Satz zitiert, sich selbst im Sein zu erhalten sei das erste und einzige Prinzip der Individuation.

Das gilt für Personen wie für Völker. Das elementare Bedürfnis eines Volkes besteht darin, sich im Dasein zu erhalten. Das ist im Grunde unser Parteiprogramm in einem Satz. Es geht uns einzig um die Erhaltung unserer Art zu leben. Das zentrale politische Zukunftsthema lautet: Identität.

Das ist nicht im Sinne einer ethnischen Reinheit gemeint, die hat es nie gegeben. Völker sind nichts Statisches, sie nehmen Fremdes auf und verändern sich dadurch, und wenn dieser Prozeß der Einverleibung und wechselseitigen Prägung allmählich stattfindet, ist nichts dagegen zu sagen.

Wir sind nicht wahnsinnig und behaupten, daß wir die Globalisierung stoppen oder umkehren werden. Das läge auch nicht in unserem Interesse. Aber wir wollen diesen Prozeß nicht einfach achselzuckend, ohne Regeln und ohne auf die Folgen zu schauen hinnehmen.

Das, meine Damen und Herren, nennt man Populismus, und deshalb sind wir Populisten.


Alexander Gaulands kaplaken Nation, Populismus, Nachhaltigkeit können Sie hier, bei Antaios, bestellen.

Außerdem erhalten Sie David Goodhards The Road to Somewhere in deutscher Übersetzung hier, natürlich auch bei Antaios.


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