1. Februar 2019

Ethnizität und Exterritorialität

Benedikt Kaiser

PDF der Druckfassung aus Sezession 88/Februar 2019

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Volk, Narod, Ethnos oder selbst Demos – konstituierende Gemeinschaften für ein Staatswesen scheinen der individualistischen Tendenz des im atlantischen Raum hausenden Weltgeistes nichts mehr zu bedeuten. Völker, gleich wie man sie an dieser Stelle definiert, gelten als nicht existent, als bloße Konstrukte, als Relikte vergangener, voraufklärerischer Epochen und Erdteile.

Und dort, wo sie in relevanten Anteilen noch Lebenswillen zeigen, sich regen, ja sich als politisches Subjekt begreifen und ausdrücken, entspricht es der herrschenden Auffassung, man müßte sie »in einer egalitären rainbow coalition der zehntausend Hautfarben und Lebensarten« aufheben. Frank Böckelmann verwies in diesem Kontext auf die weltweite Vorbildrolle der Globalisierungsnation USA: »Amerika, sagt man, bestimme den Kurs des Raumschiffs Erde. Es sei der Restwelt stets um zehn bis zwanzig Jahre voraus.«

Doch heute erleben wir eine bisweilen militante Zersplitterung der Bevölkerung gerade innerhalb der Vereinigten Staaten entlang genuin ethnischer (nicht nur sozialer) Bruchlinien; die Zentrifugalkräfte der Gesellschaft werden stärker, und verschiedene Communities – jenseits der exterritorialisierten, liberal-urbanen Eliten – leben mehr denn je neben- oder gar gegeneinander ihre spezifische Lebensweise; analoge Vorgänge erleben wir zunehmend auch in Staaten der Europäischen Union. Die Wucht, mit der neue oder wiederkehrende Erscheinungs- und Artikulationsformen von »Ethnizität« heute und künftig in die Sphäre US-amerikanischer und westeuropäischer Politik einschlagen, zumal in einer Situation, die von zyklischer Krisenverschärfung und -austarierung bei einer sich tiefer grabenden globalen Vernetzung geprägt ist, verblüfft nur jene, die den derzeitigen gesellschaftspolitischen Kurs für richtig halten oder ihn sogar bewußt vertreten.

Die Rückkehr neuer Probleme der Ethnizität irritiert und verunsichert mithin also jene als »Eliten« bezeichnete soziale Gruppen von Journalisten, Wissenschaftlern, Politikern und Wirtschaftsakteuren, die a priori davon ausgingen, daß deren eigene, einseitig als moralische und ideologische Norm deklarierte »ethnokulturelle« Selbstauflösung nicht etwa als eine westlerische Besonderheit im globalen Maßstab anzusehen ist. Es handelt sich dabei um Personengruppen, die tatsächlich der Überzeugung sind, daß diese Auflösung aller Dinge die Befreiung des Menschen von seinen Ketten darstelle, universell gelte und sukzessive von der Anhäufung aller Individuen dieser Erde vollzogen würde.

Man geht in jenen Kreisen davon aus, daß die Globalisierung aller Lebenswelten und -bereiche – d. h., die »Tendenz zur Vereinheitlichung der Erde« (Alain de Benoist) – etwaige »ethnische Fragen« qua Totalemanzipation obsolet werden ließe. Guillaume Faye hat demgegenüber frühzeitig skizziert, wie gerade ethnische Fragestellungen im Zeitalter der Globalisierung ihr Comeback feiern müßten, daß politischen Termini wie dem Volk geradezu »futuristische« Dimensionen innewohnten. Dies konstatiert er, weil die kosmopolitische Lehre von der »Einen Welt« durchfortschreitende Prozesse der Globalisierung (Migration, Handel, Kommunikation und anderen) nicht an Glaubwürdigkeit gewinnt, sondern, aufgrund ihrer Beschränkung auf die sogenannte westliche Welt, von den Menschen und Völkern jenseits ebendieser Gegenden – und das ist global gesehen eine gewaltige Mehrheit – widerlegt wird.

Daß Fayes Gedanken darauf aufbauend in einem verabsolutierten ethnischen Blockdenken aufgingen und sich deshalb nicht mehr auf soziale Fragen innerhalb wie außerhalb europäischer Staaten bezogen, bedarf einer kritischen Revision, aber ändert nichts an der zentralen Diagnose einer Rückkehr des Volks- und Ethnizitäts-Sujets; eine Rückkehr, die ausdrücklich (und entgegen liberal-universalistischer Vorstellungen) in Zeiten neu erreichter Grade der Globalisierung erfolgt und die nicht nur von Faye, sondern auch von linken Denkern wie dem britischen Soziologen Stuart Hall als die bestimmende politische Frage unserer Zeit bewertet wird.

Ethnizität ist hierbei kein bloßer soziologischer Ausweichbegriff, der kontaminierte altbewährte Begriffsbildungen ersetzen soll. Der Gehalt der Ethnizität – »als Bezeichnung für kulturelle Differenzen zwischen Gruppen« (Stuart Hall) – entwickelte sich im Gegensatz zu Einheiten wie Nation oder Volk erst mit der Herausbildung moderner, komplexer und zunehmend mobiler Gesellschaften ab dem 19. Jahrhundert.

Max Weber beschrieb Ethnizität 1921 als Konstituierung »ethnischer Gruppen«, die dann begründet seien, wenn eine gewisse Anzahl von Menschen »einen subjektiven Glauben an eine Abstammungsgemeinschaft hegen, derart, daß diese für die Propagierung von Vergemeinschaftungen wichtig wird, (…) ganz einerlei, ob eine Blutsgemeinschaft vorliegt oder nicht«. In diesem Sinne spielt nicht nur die bloße Abstammung an sich eine Rolle, mitentscheidend ist der Wille zur Herausbildung einer eigenen Ethnizität, eines eigenen Bewußtseins – im Sinne Webers mit oder ohne vorhergehende identische Herkunft.

Heute tätige Ethnologen wie Hans Peter Hahn bestätigten Webers Definition, nicht ohne sie zu ergänzen. Es läge, so der Frankfurter Forscher, »nicht in der Entscheidungsmacht einer einzelnen Person oder einzelnen Gruppe, spontan eine ethnische Gruppe zu bilden«. Ethnische Gruppen (Ethnizität) sind (ist) ein Ergebnis historischer Prozesse, die über mehrere Generationen andauern oder andauern können. Ethnizität heute meint daran anschließend und zugleich darüber hinausgehend (nach der Definition des Kultur- und Sozialanthropologen Andre Gingrich) das dynamisch-relationale zeitgenössische Verhältnis zwischen mindestens zwei Gruppen, die davon überzeugt sind, daß sie sich insbesondere in bedeutenden Fragen kulturell und verhaltensspezifisch unterscheiden und differente – wie wir sagen würden: ethnokulturelle – Identitäten herausbilden.

Das kann gänzlich unabhängig von der Zugehörigkeit zu einem Nationalstaat geschehen. Und während eine »Nation« meist eine gewachsene politische Gemeinschaft in einer staatlichen Organisation darstellt (deren Ethnizität durchaus heterogen sein kann), ist Ethnizität insbesondere in Zeiten der Multikulturalisierung halber Kontinente nicht an eine nationale Gliederung, an Staatlichkeit oder auch nur an eine einzige Organisationsform gebunden, sondern zeigt sich – trotz aller heutigen Durchlässigkeit – an Grundbedingungen geknüpft, deren ethnische Fundamente freilich ganz unterschiedlich gewichtet werden.

Während für Alain de Benoist und andere dem »Primordialismus« (i. S. v. »vom Ursprung her«) nahestehende Denker die ursprüngliche, autochthone ethnische Sozialisation (letzten Endes: Abstammung) nicht ohne weiteres negiert werden kann, geben Gingrich und andere an, daß ethnische Grenzen für sie fluide und volatil erscheinen; ethnokulturelle Identität wird damit – nach Mehrheitsauffassung in der Ethnologie wie heruntergebrochen auf leichtere Formeln in der »Zivilgesellschaft« – zu einer Identität unter vielen weiteren denkbaren Identitäten herabgestuft.

Der Wandel der Ethnizität einer Person sieht sich dann gleichgestellt mit dem treulosen Fußballfan, der seinen Verein nach wiederholten Rückschlägen wechselt, mit dem Künstler, der einem Stil folgt und hernach einem neuen, mit dem Mann, der sich nach einer psychisch einschneidenden Lebenskrise nun als Frau fühlen mag, undsoweiter. Ein »neurechter« Standpunkt verweigert sich auch in der Causa Ethni zität dem binären Denken.

Man verschreibt sich weder dem Rassenbiologismus völkischer Dichotomie noch dem konstruktivistischen Postmodernismus und seinen verschiedenen Auswüchsen und bezieht einerseits ethnische Realitäten sowie anthropologische Konstanten ebenso ein, wie man sich andererseits mit allen Implikationen eingesteht, daß sich die Lebenswelten im 21. Jahrhundert fundamental wandeln.

Gleichwohl gilt auch in globalisierten Zeiten, daß es von Geburt an ein »SchonVorhandenes« gibt, »einen Hintergrund, der den Rahmen bildet für die Konstruktion des Selbst« (Alain de Benoist) – eben ein Volk nicht nur im Sinne von Demos als bürgerlichem Wahlvolk oder Bevölkerung, sondern auch, aber wiederum nicht ausschließlich, im Sinne von Ethnos als Gemeinschaft gleicher Sprache, Abstammung usf. Die Ethnizität in modernen Massengesellschaften, in welche hinein und aus welchen heraus Migration erfolgt, erscheint so von rechts gesehen durchaus prinzipiell änderbar, aber weder quantitativ noch qualitativ beliebig formbar.

Vereinfacht gesagt bedeutet das auch, daß die Integration von Einwanderern, die globalisierte Zeiten mit sich bringen und zumindest auch teilweise mit sich bringen müssen, nur in bestimmtem Maße, behutsam und unter Anerkennung der Hegemonie der aufnehmenden (Mehrheits-)Gemeinschaft erfolgen kann. Das ist ein »neurechter« Standpunkt, der nur in Deutschland (oder in anderen Teilen des Westens) so herausgestellt werden muß: In allen anderen Regionen der Welt ist das common sense weit über politische Milieus hinaus und bedarf keiner expliziten Rechtfertigung.

Die Anerkennung der Hoheit einer (religiös, politisch, gesellschaftlich usw.) richtungsweisenden Autorität gilt selbst für das spanische Mittelalter, das »Konvivialisten« (von »Zusammenleben«) überhastet als Ort des multikulturellen Miteinanders idealisieren und gar als Vorbild für das heutige Europa darstellen. Mit dem Soziologen Frank Adloff kann ein relativ prominenter Verfechter des zivilgesellschaftlich tonangebenden linksliberalen Milieus angeführt werden, der im alten und von Stellvertretern des Kalifen regierten Spanien Ansätze für heute zu finden meint, wenn er den kastilischen Begriff der convivencia aufgreift.

Adloff benennt diese Konvivialität zwar korrekt als das Zusammenleben von Juden, Muslimen und Christen auf der Iberischen Halbinsel während des Mittelalters; Konvivialität stelle »eine Form von minimaler Sozialität und einen Minimalkonsens dar, eine Kompetenz der kulturübergreifenden alltäglichen Aushandlung«. Verschwiegen wird aber freilich der entscheidende Einwand, nämlich daß die »alltägliche Aushandlung« insofern nicht stattfand, als daß die Herrschaft der unterschiedlichen Kalifendynastien nicht als solche zur Disposition stand.

Man konnte als Christ und Jude im Kalifat leben, aber man hütete sich vor der offenen Infragestellung der herrschenden Klasse oder auch nur ihrer Werte, Lebens- und Denkweisen, weshalb ein Vergleich mit dem Westeuropa der Jetztzeit im höflichsten Falle als eigenwillig einzustufen ist. Das Gros der zeitgenössischen bundesdeutschen Linken hängt Standpunkten an, wonach Ethnizität, Volk und Nation samt jeweils zugehöriger Werte, Lebens- und Denkweisen wandelbar, frei zu gestalten, letztlich Konstrukte, also frei »erfunden« seien.

Dies wird, als reichte dies nicht bereits als Herausforderung zum Widerspruch, wiederkehrend mit dem lapidaren Verweis auf den Titel der grundlegenden Studie des Nationen- und Nationalismusforschers Benedict Anderson verknüpft. Die Crux ist, daß Andersons Imaginated Communities (1983) mit dem von Verlag und Übersetzer frei gewählten Titel Die Erfindung der Nation in deutscher Übersetzung erschien (1988). Freilich war bei Anderson nur gelegentlich die Rede von »Erfindung«, sehr häufig indessen von »vorgestellt«.

Es handelt sich im Verständnis von Anderson bei jeder Form von Gemeinschaften, »die größer sind als die dörflichen mit ihren Face-to-Face-Kontakten« um »vorgestellte Gemeinschaften«, weil ein Mensch andere, entfernte Menschen, die gleich ihm zu einer Nation, einem Volk oder einem Staat gehören, im Regelfall nicht persönlich kennen kann. Aber über gemeinsame Merkmale (etwa Muttersprache, Tradition, Lebensart, kontingente Konstellationen usw.) stellt man sich vor, in einem meist geschichtlich verstandenen, integralen Zusammenhang einer souveränen (Verhältnisse werden selbst geregelt) und begrenzten (wer gehört dazu?) Gemeinschaft zu stehen.

Die Theorien Andersons zur Genese der Nationen und des Nationalismus über den mindestens zwei Jahrhunderte andauernden historischen Wandel von kapitalistischer Produktionsweise und seiner Produkte, Dynastien, Klassen, Rassismus, patriotischer Imagination sind diskutierbar, und gerade von rechts öffnet sich ausreichend Raum zur Kritik. Doch die Schlagwortpolitik deutschsprachiger Linker jeder Couleur, die, sich vermeintlich akademischer Autoritäten sicher fühlend, dort von »Erfindung« im Sinne künstlicher Konstruktion sprechen, wo es um »Vorstellung« als Bildung einer Assoziationskette geht, ist nicht nur verkürztes Denken, sondern ausdrücklich verfälschend: Anderson kritisierte etwa den radikalkonstruktivistischen populären Nationalismus-Forscher Ernest Gellner explizit für dessen Theorie, wonach (meist bürgerlich-intellektuelle) Nationalisten sich ihre Nation erst von oben herab schufen, mithin die Nation »erfanden«, also »ausdachten«. (Gespiegelt findet sich diese Argumentation übrigens auch bei Alexander Dugin, für den Nation und Nationalismus modernistische Erscheinungen sind, die durch die anvisierte Umsetzung von materiellen und immateriellen Eigeninteressen der jeweils herrschenden Bourgeoisie hervorgerufen wurden.)

Just dies ist nach Anderson, der ein »demokratisches« Verständnis einer Nationsgeburt durch die medial verbreitete Imagination der Vielen hatte, immerhin Ausdruck eines verkehrten Bewußtseins, das heute, im kosmopolitischen liberalen und linken Milieu, durchaus als hegemonial anzusehen ist. Dieser Exkurs zur Nationalismus-Theorie ist aus zwei Gründen wichtig: Einerseits wird verständlicher, mit welcher Leichtigkeit heute tonangebende linke und liberale Kreise gemeinschaftsstiftende Kategorien wie Nation, Volk oder Ethnizität verwerfen können, weil sie meinen, bei einer verkürzenden Anzitierung einiger akademischer Thesen die »Erfindung« ebenjener Kategorien »bewiesen« zu haben.

Der Rest der Agitation ist dann moralistisches Zubrot, das weiterführende Diskussionen ethisch verwerflich erscheinen läßt. Andererseits nahm Anderson vorweg, daß Bezugnahmen auf Nation und Zusammengehörigkeitsbewußtsein (vulgo: Ethnizität) in Zeiten der Globalisierung keineswegs unabwendbar obsolet werden müssen, wie beispielsweise ein weiterer Nationalismus-Forscher, Eric Hobsbawm, meinte. Denn daß Menschen migrieren, ihr Land verlassen und in neuen, ethnokulturell anders verwurzelten Gesellschaften aufgenommen werden, ist, durchaus mit Anderson gedacht, gerade kein Beleg für die Überwindung der bisherigen Gemeinschaften.

Auswanderer-Parallelgesellschaften und die Rückbesinnung auf die ethnische oder nationale Herkunft, auch wenn die Nation qua Globalisierungsergebnis der Migration in geographische Ferne geraten ist, zeigen heute vielmehr, daß auch in globalisierten Zeiten nationalistische und ethnopolitische Standpunkte zunehmen – speziell an Orten fern der eigenen Herkunftsregion. Mancher Türke oder Kurde knüpft erst im Ausland eine besonders innige Verbindung zu seiner ethnokulturellen Herkunft (anders als beispielsweise Deutsche oder Niederländer in den USA oder anderswo, die sich zügig assimilierten).

Mit Verweis auf den liberalen britischen Historiker Lord Acton proklamiert Benedict Anderson: »Das Exil ist die Pflanzschule des Nationalismus.« Heutzutage, da der geschichtliche Fortschritt weiter vorangerückt ist als im späten 19. Jahrhundert Actons oder im späten 20. Jahrhundert Andersons, muß man dieses Diktum in bezug auf den Nationalismus um Ethnizität, ethnokulturelles Bewußtsein etc. erweitern – sie alle nehmen gerade auch im örtlichen Exil an Bedeutung zu, nicht trotz, sondern aufgrund der Globalisierung, der Auswanderung und von ihr hervorgerufenen Fremdheitserfahrungen sowie den Verwerfungen der Migrationsprozesse.

Durchlässige Grenzen und Mobilitätsschübe werden dabei von unterschiedlichsten ideologischen Interessensgruppen im transatlantischen Westen positiv taxiert. So befürworten liberale Kosmopoliten beispielsweise offene Grenzen und Gesellschaften, weil es – scheinbar – ihr Ideal eines Weltbürgertums oder der Einen Welt begünstigt. Und auch libertäre Säulenheilige wie F. A. von Hayek können als Gewährsleute für eine solche borderless world herangezogen werden. Hayek, darauf weist Frank A. Meyer aktuell im Cicero hin, träumte von einem Untergang der Grenzlinien als unvermeidlichem Schritt zur »Hegemonie der Marktgerechtigkeit über soziale Gerechtigkeit«. Selbst »die Regulierung der Arbeitszeit« werde dann »den Einzelstaaten schwerfallen«.

Wenn, so schwärmte der heute auch rechts oftmals gewürdigte Vordenker der libertär grundierten neoliberalen Spielart, »erst einmal die Grenzen geöffnet sind und Bewegungsfreiheit gesichert ist«, verlören alle dezidiert nationalen Organisationen und Hüllen ihre Stellungen. Meyer spitzt Hayeks Agenda zu: »Im Klartext: Schluss mit der Nation gleich Schluss mit dem Sozialstaat«. Globale Grenzenlosigkeit, exterritoriale und offene Märkte, Überwindung von Gemeinschaftsdenken, das auf Volk, Nation, Ethnizität fußt: Hier treffen sich libertäre Reaktion und postmoderne Linke.

Die primären Gegner neurechter Politik in diesem Feld sind jedoch nicht libertäre Altmeister und marktradikale Phantasten auf der einen Seite und ebensowenig polit-esoterische Verfechter linksliberaler Entwürfe sowie postmodernistisch-identitätspolitische Antifa-Akteure in ihren Wahrnehmungsblasen auf der anderen Seite. Das sind nur die metapolitisch vernehmbaren, aber letztlich lunatic-fringe-artigen Pressure groups, bewußt oder unbewußt der verlängerte ideologische Arm der globalen Elite, dieses so viel wirkmächtigeren Gegners.

Es handelt sich dabei – ob mit Alexander Gauland oder Sahra Wagenknecht, ob mit Alain de Benoist oder Slavoj Žižek argumentiert – um eine neue Klasse in zahlreichen Ländern der Welt ökonomisch und politisch Herrschender. Diese neue Klasse ist kulturell entwurzelt, in der Welt, also überall und zugleich nirgends, zu Hause, und bringt, wie Peter J. Brenner in der Zeitschrift Tumult resümierte, das Ideal einer globalisierten, moralgesättigten Weltgesellschaft mit sich, »ohne Grenzen, ohne Identitäten und ohne Konflikte«.

Ethnizität, einerlei ob mit Willen zu ihr (manifestiert in ethnokulturellem Bewußtsein) oder »nur« qua Abstammung, spielt so wie die Zugehörigkeit zu nationalen Kulturen keine Rolle mehr; selbst die Diskussionen darob sind bereits überflüssig. Zygmunt Baumann hat in seiner Betrachtung Gemeinschaft mit Recht darauf verwiesen, daß die Welt der neuen globalen Eliten keine Anschrift mehr kennt »außer der E-Mail-Adresse und der Handynummer«. Man denkt, fühlt, lebt »exterritorial«, denn nur die selbst gewählte »Exterritorialität allein garantiert einen gemeinschaftsfreien Bereich«, sichert also die erfolgte und in Gated communities materialisierte »Flucht vor der Gemeinschaft«.

Die globale Wirtschafts- und Kulturindustrie verbringt so die Großzeit ihres Lebens in einer selbstgeschaffenen Blase, beansprucht aber Gestaltungsmacht über ganze Gesellschaften, deren Alltag sie zur Gänze fremd gegenübertreten muß. Ihre wirtschaftspolitischen (manche Libertäre) und kulturpolitischen (diverse linke Milieus) Ausläufer und Leugner jeder Ethnizität sind faktisch irrelevant für diese Entwicklung. Ob Kwame Anthony Appiah (Der Kosmopolit, München 2007), der durchaus begierig eine Kosmopolitisierung des Lebens auf Erden prophezeit, oder François Jullien (Es gibt keine kulturelle Identität, Berlin 2017) der – gleich Aydan Özoguz (Integrationsbeauftragte der Bundesregierung) in Deutschland – die spezifische Dimension einer bestimmten Kultur leugnet: Sie liefern zum Prozeß der Weltvereinheitlichung durch die ursprünglich westlerisch sozialisierten globalen Eliten lediglich den passenden Soundtrack.

Das Ringen um Ethnizität (um Identität, Migration, Selbstbehauptung) und die Bedeutung der Exterritorialität (für Märkte, für die neue Elite, für ethnonationale Minderheitenpolitik, für Parallelgesellschaften) in globalisierten Zeiten sind Geschwister; man kann sie nur schwerlich trennen vom gemeinsamen Stammbaum der globalen Spätmoderne.

Mit diesem Stammbaum verknüpft sind zwei zentrale Fragen, die wieder mannigfaltig untergliedert werden können. Erstens erleben wir eine massive Rückkehr der sozialen Frage auf nationaler wie internationaler Ebene: Zahlreiche verschiedene Verteilungsfragen des globalisierten Kapitals und seiner neuen herrschenden Klassen werden sich zuspitzen, die Raumnahme der Digitalisierung und des »Überwachungskapitalismus« (Shoshana Zuboff) begleiten und verschärfen diese Entwicklungsgänge.
Zweitens ist die Rückkehr der Bedeutung von Ethnizität evident: Innerhalb der Nationen Europas wird sich zeigen, ob ein ethnokulturelles Bewußtsein der Autochthonen in anhaltenden Krisensituationen aktiviert werden kann oder ob sich die Auflösung aller Dinge im Westen als ein unaufhaltsamer Prozeß erweist. Die Rückkehr der Ethnizität der Migranten in Form von ortsuntypischen Erscheinungen eines neu-alten Tribalismus und einer Wiederbesinnung auf die Herkunftsregion- und / oder Herkunftsreligion wird davon unabhängig weitergehen.

Aus beiden großen Fragen – der kulturell-politischen (Stichwort Ethnizität) und der sozioökonomischen (Stichwort Exterritorialität) – und ihren Ausdifferenzierungen ergibt sich die Notwendigkeit einer doppelten Frontstellung: Zunächst gegen die Aufgabe der ethnokulturellen Identität, danach sowohl gegen das Aufgehen der Völker (ob in melting pots oder im Status eines Nebeneinanders isolierter Parallelgesellschaften) als auch gegen die abstrakte Macht des Kapitals und seiner konkreten Satrapen in den Zivilgesellschaften dieser Welt.

Zugespitzt ausgedrückt: gegen die kosmopolitischen »Wohlmeinenden und Wohlhabenden« (Bernd Stegemann). Wenn man nun die allerorts auftretenden Formen des neuen »Populismus« im Sinne des Politikwissenschaftlers Philip Manow als »Protestartikulation gegen Globalisierung« interpretiert, »und zwar gegenüber zwei ihrer hauptsächlichen Erscheinungsformen: dem internationalen Handel und der Migration, also der grenzüberschreitenden Bewegung von Geld und Gütern einerseits und von Personen andererseits«, dann ist die theoretische wie praktische Affirmation des Populismus der erste Schritt in einer rechten Gegenbewegung zur herrschenden Tendenz unserer Zeit. (Vgl. dazu Alexander Gaulands Aufsatz in diesem Heft.)

Es geht in diesem Kontext, d. h. im Sinne eines authentischen, aus der Zeit heraus notwendig gewordenen »Populismus«, selbsterklärend nicht um einen Kampf zwischen den Völkern und ihren Formen, Ethnizität zu denken und zu leben, sondern um »ein Bündnis aller starken kollektiven Identitäten, aller Kulturen, die sich nicht damit abfinden, unter der Dampfwalze der Globalisierung zu verschwinden« (Alain de Benoist). Diese Dampfwalze rollt auf breiter Front, weil »die von der weltweiten Zirkulation von Kapital und Information verkörperte Macht« ein »exterritoriales Phänomen« ist (Zygmunt Baumann).

Sie wirkt aber zugleich territorial, weil sie alle Länder in ihren Einflußbereich bringt; das Netz der Abhängigkeit wird global aufgespannt, während die Migrationsursachen und -folgen ganz konkrete Gebiete der Welt treffen. Es bleibt indessen die unvergängliche Schwäche politischer (Gegen-) Ansätze, daß internationaler Widerstand an den auf so vielen Ebenen porös gewordenen Grenzen Halt macht: Der Gegner, der mit diesem Faktum grenzüberschreitend arbeitet, ist einstweilen so den entscheidenden Schritt voraus. Die notwendige Reaktivierung eines selbstbewußten Umgangs mit Ethnizität in Deutschland und Westeuropa müßte daher mit einer Aktivierung eines politischen wie wirtschaftlichen Sensoriums für die neu aufgeworfenen Widersprüche der Exterritorialität einhergehen. Dies umreißt die schwerste Herausforderung für 2019 ff.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


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