Die unpolitischen Prämissen des deutschen Niedergangs

von Hans-Dietrich Sander
PDF der Druckfassung aus Sezession 88/Februar 2019

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Der ers­te Ein­druck, den der Schwei­zer His­to­ri­ker und Kom­men­ta­tor Jakob von Salis nach dem Zusam­men­bruch 1945 von den Deut­schen hat­te, war der von ver­stör­ten Hau­fen. Das war nicht nur der Aus­druck der tota­len Nie­der­la­ge, der Erobe­rung jeden Qua­drat­me­ters deut­schen Bodens durch die Sie­ger­mäch­te, son­dern mehr noch der Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit, in der das Drit­te Reich an sei­nem ver­ant­wor­tungs­lo­sen Ende das deut­sche Volk hin­ter­las­sen hatte.

Ein ande­rer Schwei­zer, der jüdi­sche Natio­nal­öko­nom Edgar Salin, sag­te mir in den 1960er Jah­ren in Basel, das Haupt­merk­mal der Deut­schen nach 1945 sei für ihn ihr vor­be­halts­lo­ser Oppor­tu­nis­mus gewe­sen und geblie­ben. Er war die Fol­ge jener Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit und er rich­te­te sich am Wil­len und den Vor­stel­lun­gen der jewei­li­gen Besat­zungs­macht aus.

So setz­ten sie der metho­di­schen Aus­trei­bung des deut­schen Volks­geis­tes durch die Umer­zie­hung kei­nen ernst­haf­ten Wider­stand ent­ge­gen. Viel­leicht war es nur die noch inkar­nier­te deut­sche Art, an der zunächst man­ches abprall­te. Soll­te es in den besat­zungs­li­zen­zier­ten poli­ti­schen Klas­sen eine Kon­zep­ti­on gege­ben haben, die auf den Tag X nach dem Ende der Fremd­herr­schaft gerich­tet war, so konn­te sie nur in Ansät­zen und in eini­gen Köp­fen vor­han­den gewe­sen sein.

Die Ver­ant­wort­li­chen hät­ten sich um eine ent­spre­chen­de Nach­wuchs­för­de­rung küm­mern müs­sen. Von einer sol­chen Stra­te­gie konn­te aller­dings kei­ne Rede sein. Ich gehö­re jeden­falls zu der Genera­ti­on, die in sol­chem Sin­ne sub­ku­tan hät­te ein­ge­setzt wer­den müs­sen. Ich habe am eige­nen Lei­be in der DDR wie in der BRD nur immer das Gegen­teil erfahren.

Trotz­dem erleb­te ich in den 1980er Jah­ren ver­blüfft, wie nach einem Vor­trag von mir vor dem Enns­ta­ler Kreis in Bad Aus­see der Ver­tre­ter der Ade­nau­er-Stif­tung in Wien auf­stand und sagte:

Ich habe hier zu mei­nem Unbe­ha­gen wie­der ein­mal das Wort Umer­zie­hung hören müs­sen. Ich möch­te hier mit allem Nach­druck unter­strei­chen, daß die­ses Wort unsin­nig ist. Die Deut­schen sind nach 1945 zum ers­ten Mal in der Geschich­te rich­tig erzo­gen wor­den. Ich habe auch eine sol­che Erzie­hung genos­sen und ich bin stolz darauf.

Ich hielt den Mann für ein Uni­kat, ohne mir dar­über klar zu sein, daß er einen Typus ver­kör­per­te, der schon die ers­te Etap­pe der Macht­über­nah­me hin­ter sich hat­te. Heu­te bestimmt die­ser Typus in unse­rem Land unbe­schränkt, was geschieht – unbe­küm­mert um den Wil­len des Vol­kes, unbe­sorgt um den Scha­den, den er ihm zufügt.

Die Alli­ier­ten hat­ten sich viel Zeit gelas­sen, um das alles in Sze­ne zu set­zen. Im Besitz unan­tast­ba­rer Ver­fü­gungs­ge­walt über die Deut­schen, trieb sie nichts zur Eile. Um so gründ­li­cher voll­zog sich der natio­na­le Niedergang.

Auch wer heu­te noch an eine deut­sche Zukunft glaubt, muß zuge­ben: die Deut­schen haben sich in den Jahr­zehn­ten nach 1945 alles neh­men las­sen, was sie zu ihrer Repro­duk­ti­on als Volk nötig gehabt hät­ten: die ange­bo­re­nen und erwor­be­nen Tugen­den, ihren Stolz, ihre Ehre, das eige­ne Rechts­emp­fin­den, ihre Wirt­schafts­art, den Wil­len zur natio­na­len Ein­heit und Unab­hän­gig­keit, den Anspruch auf den geraub­ten deut­schen Osten, das Recht auf eine eige­ne Sich­tung ihrer Geschichte.

Man hat sie eine Wei­le zu beträcht­li­chem Wohl­stand kom­men las­sen, damit sie sich in die Fremd­be­stim­mung fügen. Seit es nicht mehr für nötig gehal­ten wird, steht auch das, was sie nach 1945 wirk­lich geleis­tet haben, zur Dis­po­si­ti­on. Als mit dem Unter­gang des Kom­mu­nis­mus die deut­sche Ein­heit nicht mehr zu ver­hin­dern war, füg­ten sich die Deut­schen in die anschlie­ßend auf­er­leg­te Preis­ga­be ihrer Iden­ti­tät und ihrer Währung.

Sie las­sen es heu­te eben­so gros­so modo gesche­hen, daß Deutsch­land zu einem mul­ti­eth­ni­schen Ein­wan­de­rungs­land umfunk­tio­niert wird, damit es unter sich nicht mehr zu sich selbst kom­men kann. So wie die Deut­schen nach 1945 kon­struk­tiv an ihrer Ein­bin­dung mit­ar­bei­te­ten, betrei­ben sie – trotz eini­ger auf­fla­ckern­der Wider­stän­de – destruk­tiv ihre Aus­lö­schung. Und die Poli­ti­ker, die das alles beden­ken­los voll­stre­cken, wer­den auch noch mehr­heit­lich gewählt.

Anfang der 1990er Jah­re ging ich in lan­gen abend­li­chen Dis­pu­ten mit Hans-Joa­chim Arndt in sei­nem Haus auf einem Hügel bei Hei­del­berg der Fra­ge nach, wann, nach wel­cher Zäsur in der Bun­des­re­pu­blik die­ser Nie­der­gang begon­nen hat: als die FDP in der Mit­te der 1950er Jah­re ihre natio­na­len Eier­scha­len ableg­te, nach­dem Ade­nau­er abge­tre­ten war oder erst um 1968, als Hei­deg­ger sag­te: »Nur noch ein Gott kann uns retten.«

Heu­te bin ich zu der Über­zeu­gung gelangt: es hat kei­ne Zäsur gege­ben. Der Nie­der­gang erscheint mir auch allein poli­tisch nicht mehr erklär­bar. Es muß ele­men­tare­re Ein­brü­che gege­ben haben. Die alli­ier­ten Rech­nun­gen wären sonst nicht alle so rest­los aufgegangen.

Ich möch­te hier­zu eine spe­zi­el­le und eine all­ge­mei­ne Prä­mis­se vor­stel­len. Zunächst die spe­zi­el­le: Die Deut­schen haben in drei schwe­ren Krie­gen in einem Zeit­raum von sieb­zig Jah­ren zu viel Volks­sub­stanz ver­lo­ren: 1870/71, 1914–1918, 1939–1945.

Jedes Volk ver­fügt nur über ein begrenz­tes eli­te­fä­hi­ges Poten­ti­al. Da es unse­rem Volks­cha­rak­ter nicht liegt, daß sich die füh­ren­den Kräf­te hin­ten­hal­ten, haben in jedem Krieg, in dem ein deut­sches Land ver­wi­ckelt war, die deut­schen Arme­en mehr Offi­zie­re ver­lo­ren als ihre Gegner.

Des­we­gen wirk­ten sich die drei letz­ten Krie­ge auch so ver­hee­rend aus, vor allem der letz­te, der in einer sol­chen Aus­sichts­lo­sig­keit ende­te, daß es nicht nur mehr Gefal­le­ne gab, als zu ver­ant­wor­ten gewe­sen wäre. Es haben sich auch zahl­lo­se tap­fe­re jun­ge Män­ner selbst den Schluß­punkt vor die Stirn gesetzt.

Das war per­sön­lich ver­ständ­lich, wenn auch poli­tisch ver­blen­det. Jeder ein­zel­ne von ihnen hat­te mehr Cha­rak­ter als die davon­ge­kom­me­nen Kame­ra­den, die sich den Besat­zern andien­ten. Sie waren uner­setz­lich. So hat­ten die Deut­schen nach 1945 ganz ein­fach kei­ne intak­ten Eli­ten mehr.

Eine Neu­bil­dung war aus­ge­schlos­sen: unter Besat­zungs­re­gi­men wach­sen nur Och­lok­ra­tien her­an, die aus urei­gens­tem Inter­es­se den Auf­stieg von Per­so­nen abblo­cken, die dem hoch­ge­kom­me­nen Schrott geis­tig und mora­lisch über­le­gen sind. Bei der aus­ge­blu­te­ten Sub­stanz war ein Kon­zept, die Besat­zungs­po­li­tik zu unter­lau­fen und im geeig­ne­ten Moment aus­zu­he­beln, nicht durchzuhalten.

Bei ihrer schwer beschä­dig­ten Volks­sub­stanz konn­ten die Deut­schen nach 1945 auch der Ver­mas­sung durch Ver­meh­rung, die bis heu­te ein glo­ba­les Phä­no­men dar­stellt, kei­ne Gren­zen set­zen, wie man es noch auf sei­ne Art im Drit­ten Reich ver­such­te, das ihr aber auch letzt­lich erlag.

Heu­te ent­zie­hen sich die Mas­sen jeg­li­cher Form­bar­keit. Hier ver­bin­det sich die beson­de­re mit der all­ge­mei­nen Prä­mis­se. Die Haupt­merk­ma­le der Ver­mas­sung sind der Absturz der Bil­dung und die Auf­lö­sung der Gemein­schaft in die, von David Ries­man so bezeich­ne­te, »ein­sa­me Mas­se« ver­ein­zel­ter wie nivel­lier­ter Indi­vi­du­en, denen jeg­li­cher Antrieb zur Per­sön­lich­keits­bil­dung abhan­den­ge­kom­men ist.

Lan­ge vor dem letz­ten Welt­krieg hat sich Orte­ga y Gas­set in sei­nem berühm­ten Auf­stand der Mas­sen mit die­sem Phä­no­men fun­da­men­tal befaßt, nach 1945, weni­ger bekannt, aber nicht weni­ger erschöp­fend: Hen­drik de Man in Ver­mas­sung und Kul­tur­ver­fall (1951) und Eck­art Knaul in Das bio­lo­gi­sche Mas­sen­wir­kungs­ge­setz (1985).

Von die­sem Phä­no­men voll erfaßt, betrach­te­ten die meis­ten Deut­schen nach 1945 alles, was sich um sie her­um tat, unter dem Gesichts­punkt des per­sön­li­chen Nut­zens. Sie wähn­ten dabei, in ein Zeit­al­ter end­lo­ser Mas­sen­be­dürf­nis­be­frie­di­gung ein­ge­tre­ten zu sein.

Das Wis­sen, das nötig war, um war­nen­de Ver­glei­che zu zie­hen, war ihnen ver­lo­ren gegan­gen. Das Erbärm­li­che an die­ser Exis­ten­zwei­se emp­fand der »ein­di­men­sio­na­le Mensch«, wie Her­bert Mar­cu­se ihn rich­tig bezeich­ne­te, nicht mehr. Daß die schö­nen Tage von Aran­ju­ez begrenzt sind, erfährt der Ein­sa­me in der Mas­se nur, wenn sie für ihn selbst zu Ende gehen, und zwar fol­gen­los zu Ende gehen.

Aber es bleibt auch ohne Fol­gen, wenn es mas­sen­wei­se zum Ende geht. Die Men­schen haben kei­nen Begriff mehr von dem, was mit ihnen geschieht. Das wäre auch der Fall, wenn sie selbst, weil sie es nicht mehr ertrü­gen, alles über eine plötz­lich gro­ße Empö­rung noch zum Ein­sturz brächten.

Wie es wei­ter­gin­ge, wüß­ten sie dann nicht bes­ser als die Mit­tel­deut­schen nach der Besei­ti­gung der DDR. Die Wen­dung »ver­stör­te Hau­fen« wür­de nicht aus­rei­chen, die Rat­lo­sig­keit zu beschrei­ben, die sich epi­de­mie­ar­tig aus­brei­ten wird. Der Weg dahin ist schon von end­lo­sen Kolon­nen bestückt.

Die Höl­len­fahrt ist wohl nicht mehr ver­meid­bar. Der Schrott, der in unse­rem Land seit lan­gem die Macht ergrif­fen hat, ist nicht ein­mal fähig, die Höl­len­fahrt abzu­fe­dern. Es geht steil und mit vol­ler Wucht abwärts. Der Auf­prall wird um so fürch­ter­li­cher, als sich die ver­ei­nig­te BRDDR mit Unter­stüt­zung ihrer vier Gewal­ten und unter wohl­wol­len­den Bli­cken der Besat­zungs­mäch­te, denen der »Kreuz­zug für die Demo­kra­tie« weni­ger wich­tig war als die dau­er­haf­te Nie­der­hal­tung der Deut­schen, aus Grün­den der Macht­er­hal­tung suk­zes­si­ve in eine tota­li­tä­re Dik­ta­tur ver­wan­delt, die glei­ten­de Über­gän­ge in eine ande­re Ord­nung der Ver­hält­nis­se verwehrt.

Wir kön­nen sinn­voll nur noch nach der Kata­stro­phe anset­zen, die zahl­rei­che Impon­de­ra­bi­li­en ent­fes­seln wird. Für eine deut­sche Zukunft kommt alles dar­auf an, ob sich dann unter den Trüm­mern noch träch­ti­ge Kräf­te regen. Ich zweif­le nicht dar­an, daß es sie dann noch gibt.

Es ist nur unge­wiß, ob sie aus­rei­chen und ob es ihnen gelin­gen wird, die Regie­rungs­ru­der in die Hand zu neh­men. Wie das gesche­hen kann, muß dem Gang der Din­ge über­las­sen blei­ben, des­sen Phan­ta­sie alle Sze­na­ri­en über­steigt. Ein­grif­fe von außen sind bei einer sol­chen Neu­ord­nung nicht zu befürchten.

Der Nie­der­gang, der die Deut­schen aus ihrer Bahn warf, ist glo­bal. Es gibt kein Land auf die­ser Erde, das dann nicht mit ähn­li­chen Pro­ble­men zu kämp­fen hät­te. Wir könn­ten uns dann auch unge­stört einer neu­en Eli­te­bil­dung wid­men, denn einen Krieg – auch auf dem geheg­ten Boden eines neu­en Jus Publi­cum Euro­pae­um – kön­nen wir uns für ein gan­zes Jahr­hun­dert nicht mehr leisten.

Zu befürch­ten sind frei­lich Ein­grif­fe von innen. Lan­ge Peri­oden von Fremd­herr­schaft und bür­ger­kriegs­ar­ti­gen Zustän­den wir­ken sich uner­hört demo­ra­li­sie­rend aus, auch bei Fron­deu­ren. Es könn­ten sich leicht mör­de­ri­sche Affek­te wie­der­ho­len, denen auf der Schwel­le vom römi­schen Bür­ger­kriegs­jahr­hun­dert zum Impe­ri­um Roma­num Juli­us Cäsar oder nach der Zer­schla­gung der römi­schen Besat­zungs­streit­kräf­te Her­mann der Che­rus­ker zum Opfer fielen.


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