Kulturvolk

von Eberhard Straub
PDF der Druckfassung aus Sezession 88/Februar 2019

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Alles Leben­di­ge ist indi­vi­du­ell, kon­kret und unver­wech­sel­bar. Die­se Maxi­me deut­scher His­to­ri­ker for­mu­lier­te zuerst Johann Gott­fried von Her­der, der auf die »Stim­men der Völ­ker« ach­te­te. Die Mensch­heit und den Men­schen hielt er für unhis­to­ri­sche Abstraktionen.

Denn wie sein auf­merk­sams­ter Schü­ler, Johann Wolf­gang von Goe­the, in die­sem Sin­ne zu beden­ken gab:

Nur alle Men­schen machen die Mensch­heit aus, nur alle Kräf­te zusam­men­ge­nom­men die Welt.

Deut­sche His­to­ri­ker und Geschichts­phi­lo­so­phen in die­ser Wei­ma­rer Tra­di­ti­on fürch­te­ten sich nicht vor der Viel­falt. Sie hat­ten kei­ne Angst vor dem Leben, und damit vor den vie­len Völ­kern, die sich und ihren womög­lich bevor­zug­ten Platz unru­hig behaup­ten woll­ten, dazu her­aus­ge­for­dert von ande­ren mit deren Ehr­geiz, aus sich etwas zu machen.

Nicht nur Män­ner, die gro­ßen Ein­zel­nen, machen Geschich­te, son­dern auch Völ­ker, von denen wir wie von sehr bestimm­ten Per­sön­lich­kei­ten reden: die Grie­chen, die Römer, die Kar­tha­ger. Daß Völ­ker einen Cha­rak­ter haben, von einem ihnen eigen­tüm­li­chen Geist geprägt sind und ihm gemäß für sich ver­bind­li­che Lebens­for­men ent­wi­ckeln, war klas­si­schen Grie­chen seit Homer und Hero­dot eine längst ver­trau­te Idee.

Die heu­ti­gen euro­päi­schen Völ­ker ent­wi­ckel­ten sich all­mäh­lich wäh­rend des Zer­falls der anti­ken Welt und dem Auf­kom­men des Frän­ki­schen Groß­rei­ches. Um das Jahr 1000 sind sie als kol­lek­ti­ve Per­sön­lich­kei­ten gegen­wär­tig. Die Deut­schen unter­schie­den sich von allen übri­gen aller­dings wegen eines beson­de­ren Merk­mals: Sie nann­ten sich nicht nach einem Stamm oder Land, wie Eng­län­der, Fran­zo­sen, Ita­lie­ner oder Spanier.

Ein Deut­scher war, wer an den ihm ver­trau­ten Volks­spra­chen fest­hielt, also diu­tisc oder teo­dis­ce rede­te. Deut­sche waren eine Sprach- und dar­über eine geis­ti­ge Gemein­schaft. Aus Fran­ken, Ale­man­nen, Schwa­ben, Bai­ern und Sach­sen wur­de im Lau­fe der Jahr­hun­der­te nach Karl dem Gro­ßen ein Volk, das sich über die Spra­che zu einer beson­de­ren Ein­heit bildete.

Eine Ger­ma­nia als poli­ti­sche Gemein­schaft hat­te es frü­her nie gege­ben. Deut­sche streb­ten daher nicht wie Ita­lie­ner, Spa­ni­er oder Fran­zo­sen danach, eine ehe­ma­li­ge Ein­heit in der zu erneu­ern­den Ita­lia, His­pa­nia oder Gal­lia zurückzugewinnen.

Die Deut­schen kann­ten kei­nen sol­chen Auf­trag und Mythos. Ihnen fehl­te des­halb eine klar umris­se­ne Idee eines natio­na­len Rau­mes. Außer­dem gehör­te ihr regnum teu­to­ni­cum, ihr deut­sches König­reich, zum Römi­schen Reich, das meh­re­re König­rei­che und Herr­schaf­ten umfaßte.

Der deut­sche König war der Römi­sche König, dazu bestimmt, zum Römi­schen Kai­ser gekrönt zu wer­den. Der Über­gang des Römi­schen Rei­ches auf die Fran­ken und dann auf die Deut­schen ver­lieh ihnen aber als füh­ren­dem Reichs­volk eine sie vor allen ande­ren aus­zeich­nen­de Ver­gan­gen­heit und Her­kunft, die kai­ser­lich-römi­sche bis hin­ab zu den Trojanern.

Deut­sche stan­den also von Anfang an mit­ten in Euro­pa in unge­wöhn­lich wei­ten geo­gra­phi­schen, mythi­schen und his­to­ri­schen Zusam­men­hän­gen. Die­se hin­der­ten sie nicht dar­an, sich den­noch ihrer Eigen­art als Sprach­ge­mein­schaft und als Volk sehr bewußt zu werden.

Um 1200 meint bei Walt­her von der Vogel­wei­de tiuschiu zun­ge, deut­sche Zun­ge oder Spra­che, eben das deut­sche Volk, um des­sen poli­ti­sche Ord­nung er sich sorg­te. Für ihn ist tiuschiu lant schon »unser Land« von der Ost­see bis an die unga­ri­sche Grenze.

Deut­sche Män­ner und Frau­en erwei­sen sich dort wegen ihrer Anmut als voll­ende­te Rit­ter und Damen und sind mit ihrem vor­neh­men Wesen und wegen ihrer lie­bens­wür­di­gen For­men allen ande­ren überlegen.

»Übel möge es mir gesche­hen, / brin­ge ich je mein Herz dahin, / daß ihm frem­des Wesen / wohl­ge­fal­len sol­le«. Walt­her von der Vogel­wei­de wehr­te sich mit sei­nem Preis­lied auf die Leu­te deut­scher Zun­ge gegen die üble Nach­re­de von Pro­venza­len, Deut­sche hät­ten kei­ne Manie­ren und Eleganz.

Er gewann aber sein deut­sches Selbst­be­wußt­sein vor allem aus der Wür­de der Kai­ser­kro­ne, die alle Kro­nen über­strahl­te. Neben der Kai­serherr­lich­keit wirk­ten die übri­gen Köni­ge auf ihn wie Zaun­kö­ni­ge, arm­se­lig und unschein­bar. Sol­cher Stolz ver­letz­te Fran­zo­sen und Eng­län­der, die gar nicht geneigt waren, eine bevor­zug­te poli­ti­sche, eine hege­mo­nia­le Stel­lung der Deut­schen in Euro­pa anzuerkennen.

Die wech­sel­sei­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zung über Rang und Ehre der Dynas­tien und Völ­ker führ­te schon damals zu einem leb­haf­ten Wett­streit über die Vor­zü­ge und Män­gel von Nach­barn, die dem eige­nen Ehr­geiz im Wege stan­den. Wie Walt­her von der Vogel­wei­de konn­te Gott­fried Wil­helm Leib­niz 1683 die Spra­che als das Mit­tel ver­ste­hen, das zusam­men mit den Sit­ten und dem gemein­sa­men Namen eine Art von Ver­wandt­schaft stif­tet und eine Nati­on schafft.

Es ist die Haupt- und Hel­den­spra­che der Deut­schen, die hof­fent­lich zu neu­er Ehre gebracht, undeutsch gesinn­te Deut­sche end­lich dazu ver­an­las­sen soll­te, wie­der deutsch, statt Fran­zö­sisch zu reden und zu schrei­ben, was für ihn auch heißt, deutsch zu den­ken, klar, kon­kret und anschau­lich, wie frü­her die Fürs­ten und Stän­de­ver­tre­ter im Reichs­tag, wie immer noch die Hand­wer­ker und Inge­nieu­re oder wie Luther, der die Hei­li­ge Schrift so wun­der­bar den Deut­schen dol­metsch­te, wie es in kei­ner ande­ren Spra­che mög­lich sei.

Leib­niz, der Uni­ver­sal­ge­lehr­te, beach­te­te den Zusam­men­hang von Spra­che und poli­ti­scher Macht, daß näm­lich gemei­nig­lich die Nati­on und Spra­che zugleich geblüht haben. Des­we­gen warb er dafür, in Aka­de­mien und deutsch­ge­sinn­ten Gesell­schaf­ten danach zu trach­ten, den deut­schen Ruhm zu erhal­ten oder wie­der aufzurichten.

Die Wohl­fahrt deut­scher Nati­on und die Auf­mun­te­rung des deut­schen Mutes hin­gen für ihn von annehm­li­chen Kern­schrif­ten in deut­scher Spra­che ab, die der fran­zö­si­sie­ren­den Bar­ba­rei Ein­halt gebie­ten und den Gemü­tern gleich­sam ein neu­es Leben ein­gie­ßen könnten.

Dabei dach­te er vor allem an die trost­lo­se Rede­wei­se in Regie­rungs­sa­chen und aller­hand bür­ger­li­chen Lebens- und Staats­ge­schäf­ten, an die lee­ren Wor­te, »wo nichts hin­ter, und gleich­sam nur ein leich­ter Schaum müßi­ger«, also untüch­ti­ger Gedan­ken sei.

Sei­ne Ermah­nun­gen blie­ben nicht uner­hört. Die Römi­schen Kai­ser im acht­zehn­ten Jahr­hun­dert – Joseph I. und Karl VI. – waren Reichs- und Sprach­pa­trio­ten. Die Sie­ge des edlen Rit­ters, des Prin­zen Eugen, über Frank­reich und gegen die Tür­ken ermög­lich­ten eine letz­te Kai­ser- und Reichs­herr­lich­keit, die bis heu­te in den Kai­ser­sä­len der Reichs­klös­ter, aber auch in der Würz­bur­ger Resi­denz, dafür emp­fäng­li­che Gemü­ter zu über­wäl­ti­gen vermag.

Sie berei­te­te den deut­schen lite­ra­ri­schen Auf­bruch spä­te­rer Jahr­zehn­te vor. »In Wien müß­ten wir alle sein« – dar­auf hoff­ten Leib­niz, spä­ter Les­sing und Wie­land und vie­le ande­re. Kai­ser Joseph II. woll­te mit einem Natio­nal­thea­ter – das Burg­thea­ter war es für sämt­li­che Deut­sche bis weit ins 20. Jahr­hun­dert – dem Reich neben der Kro­ne einen geis­tig-gesel­li­gen Mit­tel­punkt geben und sämt­li­che Deut­schen dazu auf­for­dern, von der Büh­ne nicht nur Unter­hal­tung zu erwar­ten, son­dern Unter­richt in vater­län­di­scher Geschichte.

Dar­über könn­ten sie, von allen Par­ti­ku­la­ris­men, auch von den sprach­li­chen, den Dia­lek­ten, befreit und so ins Wei­te ver­setzt, zu wirk­li­chen, täti­gen Reichs­deut­schen wer­den. Der jun­ge Goe­the fühl­te frei­lich erst ein­mal ganz »frit­zisch« – was frei­lich kei­nes­wegs preu­ßisch bedeu­te­te – im kai­ser­lich geson­nen Frank­furt, neben Wien die wei­te­re ehr­wür­di­ge Reichsstadt.

Der gro­ße König als stür­mi­sches Indi­vi­du­um und gekrön­ter Geni­us wies Goe­the und sei­ner Genera­ti­on in ihrem dunk­len Sturm und Drang eine kla­re Rich­tung. Des­sen Taten begeis­ter­ten, gaben Mut und Selbst­ver­trau­en, nicht zuletzt, um sich vom­fei­gen, umständ­li­chen Deutsch der Beam­ten, Jour­na­lis­ten und Poli­ti­ker zu lösen.

Die jun­gen Kraft­deut­schen rede­ten saf­tig, ker­nig und deut­lich, also deutsch, wie zur Zeit des Hans Sachs. Sie mahn­ten ihre guten Deut­schen: Wacht auf! im Geis­te Walt­hers von der Vogel­wei­de, des­sen Wor­te der Meis­ter­sin­ger Hans Sachs auf­griff, an den Goe­the erin­ner­te und die in sei­ner Tra­di­ti­on Richard Wag­ner zum Wacht-auf-Cho­ral der Nürn­ber­ger als Reprä­sen­tan­ten des deut­schen Vol­kes inspi­rier­te, ja nicht einen anbre­chen­den neu­en Welt­en­tag in beque­mer Rou­ti­ne zu verschlafen.

Der neue Welt­en­tag wird der Tag der Deut­schen, nicht der Fran­zo­sen sein. Dar­über waren sich alle Den­ker und Dich­ter um 1800 einig, begeis­tert von der deut­schen Spra­che, die als ein­zi­ge nicht dem Zwang gesell­schaft­li­cher Kon­ven­tio­nen und den Regeln des soge­nann­ten guten Geschma­ckes unter­wor­fen, das Unaus­sprech­li­che, wie sonst nur die Musik, zum Klin­gen brin­gen kann und für die geheim­nis­volls­ten Schwin­gun­gen des Geis­tes Wor­te fin­det, wie es höchs­tens den gro­ßen Phi­lo­so­phen und Dich­tern im klas­si­schen Athen gelang.

Euro­pas Geist erlosch unter dem unfrucht­ba­ren Ein­fluß unduld­sa­mer Ver­nünf­te­lei fran­zö­si­scher Auf­klä­rer, wie die bei­den Schle­gel und deren Freun­de ver­kün­de­ten. In Deutsch­land hin­ge­gen flie­ße der Quell des neu­en Lebens und fri­schen geis­ti­gen Wagemutes.

Goe­the wahr­te Napo­le­on, dem Ori­gi­nal­ge­nie, immer als »sei­nem Kai­ser« die Treue. Die­ses Stau­nen vor dem geheim­nis­vol­len Dai­mo­ni­on ließ ihn aber gar nicht dar­an zwei­feln, daß »der Deut­schen Schick­sal« noch nicht erfüllt sei und noch aller­lei von ihnen zu erwar­ten wäre.

Fried­rich von Schil­ler faß­te in sei­nem Frag­ment geblie­be­nen Gedicht »Deut­sche Grö­ße« 1801 die Stim­mun­gen und fro­hen Erwar­tun­gen zusam­men, die es sei­nen Zeit­ge­nos­sen erlaub­ten, trotz des von den Fran­zo­sen beschleu­nig­ten Zusam­men­bruchs des Rei­ches vol­ler Zuver­sicht zu bleiben.

Die Majes­tät des Deut­schen hat nichts mit dem Impe­ri­um zu tun. Deren Wür­de ist eine sitt­li­che Grö­ße, sie wohnt in der Kul­tur und in dem Cha­rak­ter der Nati­on. »Indem das poli­ti­sche Reich wankt, hat sich das geis­ti­ge immer fes­ter und voll­kom­me­ner gebil­det. Dem, der den Geist bil­det, beherrscht, muß zuletzt die Herr­schaft werden«.

Die Deut­schen ver­fü­gen über ein köst­li­ches Gut, ihre ein­zig­ar­ti­ge Spra­che, »die alles aus­drückt, das Tiefs­te und das Flüch­tigs­te, den Geist, die See­le, die vol­ler Sinn ist. Unse­re Spra­che wird die Welt beherr­schen«. Denn Deut­sche allein kön­nen sich in ihrer Spra­che jung und natür­lich bewe­gen, wie einst die gar nicht alten klas­si­schen Grie­chen, und zugleich dem gedan­ken­rei­chen Ideel­len der Moder­nen unbe­schwert genügen.

In sol­chen Über­le­gun­gen Schil­lers äußerst sich kein poli­ti­scher, impe­ria­ler Anspruch wie ihn Bri­ten und Fran­zo­sen erho­ben, denen er vor­warf, in einer trost­lo­sen Phi­lo­so­phie des Eigen­nut­zes und in einem trau­ri­gen Mate­ria­lis­mus befan­gen zu sein.

Deut­sche Grö­ße zei­ge sich viel­mehr dar­in, in das Geis­ter­reich zu drin­gen und Vor­ur­tei­le zu besie­gen. Auf die­se Wei­se erfech­ten beson­ne­ne Deut­sche im Gegen­satz zu den auf­ge­reg­ten Fran­zo­sen der Ver­nunft ihr wirk­lich frei­es Reich und leis­ten damit allen Völ­kern einen Dienst.

Das Reich kann zusam­men­bre­chen, deut­sche Grö­ße aber bleibt bestehen. Sie ist als geis­ti­ge Kraft der Kern gebil­de­ter, all­ge­mei­ner Mensch­lich­keit. Die­se voll­endet sich am schöns­ten bei Deut­schen, vom Welt­geist dazu bestimmt, alles auf­zu­neh­men und in einem Kranz zu ver­ei­nen, was bei ande­ren Völ­kern blüh­te. »Jedes Volk hat sei­nen Tag in der Geschich­te, doch der Tag des Deut­schen ist die Ern­te der gan­zen Zeit«.

Die­ses Frag­ment wur­de erst 1871 ver­öf­fent­licht. Des­sen Gedan­ken waren jedoch All­ge­mein­gut. Auf der Fest­wie­se beteu­ern Richard Wag­ners Nürn­ber­ger im Sin­ne Schil­lers: »zer­ging in Dunst / das heil’ge röm­sche Reich, / uns blie­be gleich / die heil’ge Deut­sche Kunst« – sie dau­ert, wäh­rend das Hei­li­ge Reich zersplittert.

Denn im Unter­schied zu den poli­ti­schen Machen­schaf­ten und ihren vor­über­ge­hen­den For­men heilt die Kunst, vom Geist des ewig Schö­nen in beson­de­rer, in deut­scher Gestalt erfüllt, von allen Übeln, weil der Macht des Zeit­li­chen in die­ser Welt als Geschich­te nicht unterworfen.

Die deut­sche Kul­tur­na­ti­on, auf die sich die so oft besieg­ten Deut­schen seit 1800 lei­den­schaft­lich berie­fen, hat nichts mit einer Flucht in die Inner­lich­keit und einem Ver­sa­gen vor den poli­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen durch das aggres­si­ve Frank­reich zu tun. Deut­sche kamen sich den Revo­lu­tio­nä­ren und ihrem Sol­da­ten­kai­ser weit über­le­gen vor.

Fran­zo­sen sei­en ihren eige­nen poli­ti­schen Ent­wür­fen gar nicht gewach­sen gewe­sen und hät­ten, statt einer neu­en Zeit mit neu­em Geist sieg­reich die Bahn zu bre­chen, nur all­ge­mei­ne Unord­nung und gedank­li­che Ver­wir­rung bewirkt. Sobald Deut­sche vom Volk spra­chen, dach­ten sie nicht an den Demos und das ruhe­lo­se Trei­ben der Athe­ner oder die Agi­ta­ti­on römi­scher Volks­tri­bu­nen und Par­tei­füh­rer auf dem Forum, son­dern an geis­ti­ges Leben und den beseel­ten Cha­rak­ter einer kol­lek­ti­ven Gestalt.

Die wah­re Auf­ga­be der Zeit – durch­aus in Über­ein­stim­mung mit klas­si­schen Athe­ner Phi­lo­so­phen – sahen sie in dem anspruchs­vol­len Pro­gramm, das dem Frei­herrn Achim von Arnim am Her­zen lag, das Volk von drü­cken­den Beschrän­kun­gen zu befrei­en, es zu ver­edeln und dar­über den Adel der Frei­en all­ge­mein zu machen.

Das setz­te Volks­bil­dung vor­aus, um in jedem das ihn befrei­en­de Volks­tum zu ent­wi­ckeln, von dem Spra­che, Glau­be und Recht kün­de­ten, jene schöp­fe­ri­sche Drei­ei­nig­keit, die dau­ernd den Volks­geist und die von ihm Erweck­ten mit Leben erfüllten.

Der heu­te so leicht­sin­nig als irra­tio­nal cha­rak­te­ri­sier­te Volks­sinn, die Sub­stanz eines kon­kre­ten Volks­tums für Joseph Gör­res, wur­de gera­de unter dem Ein­druck einer irra­tio­na­len und bis zum Ter­ror hem­mungs­lo­sen Pöbel­haf­tig­keit wehr­haf­ter Demo­kra­ten beschworen.

Die wüten­den Revo­lu­tio­nä­re in Paris hat­ten für Deut­sche jeden wah­ren Volks­geist ver­lo­ren, sie waren in einem mecha­ni­schen Staat, der nur Funk­ti­ons­tüch­tig­keit ver­lang­te, längst von sich und ihrer Geschich­te ent­frem­det, zur blo­ßen Mas­se geworden.

Den anfäng­lich von der Revo­lu­ti­on begeis­ter­ter Kul­tur­phi­lo­so­phen ent­täusch­ten daher die ganz dem Augen­blick ver­fal­le­nen unver­nünf­ti­gen Revo­lu­tio­nä­re, die dau­ernd neue Kit­zel brauch­ten, um ihren erreg­ten Elan nicht zu schwächen.

Wer die Grö­ße und Eigen­tüm­lich­kei­ten der Natio­nal­ge­schich­te miß­ver­steht und die Ehr­furcht vor dem leben­di­gen Wachs­tum ver­lo­ren hat, der ist nicht mehr in sei­nem eige­nen Volk fest ver­wur­zelt und von des­sen beson­de­rer Bestim­mung erleuch­tet, die ihn doch erst dazu befä­higt, sich auf den eigen­tüm­li­chen Beruf ande­rer Völ­ker ver­ständ­nis­voll einzulassen.

Nur wer sich kennt, sein Her­kom­men und sein Erbe, kann sich am ande­ren freu­en und am Frem­den. Unter dem Ein­druck der Revo­lu­ti­on und ihrer Fol­gen rief der ent­setz­te Joseph Görres:

Wehe also uns, wenn unse­re neue Gestalt so neu wür­de, daß sie nur aus den Bedürf­nis­sen der Gegen­wart ihr Dasein schöpfte.

Sich in das eige­ne Volks­tum zu ver­sen­ken und sich damit zu beschäf­ti­gen, wie es sich in der Geschich­te ent­fal­te­te, bedeu­te­te gera­de nicht, sich der Welt trot­zig zu ver­wei­gern. »Deutsch­heit ist Kos­mo­po­li­tis­mus mit der kräf­tigs­ten Indi­vi­dua­li­tät gemischt«, wie Fried­rich von Har­den­berg jedem unsi­che­ren Welt­bür­ger versicherte.

Denn die natio­na­le Auf­ga­be der Deut­schen, in das Geis­ter­reich zu drin­gen und für geis­ti­ge Frei­heit zu sor­gen, war ja zugleich eine uni­ver­sa­le, alle Men­schen betref­fen­de. Achim von Arnim warn­te jedoch und beschrieb zugleich in Die Kron­wäch­ter:

Nur das Geis­ti­ge kön­nen wir ganz ver­ste­hen und wo es sich ver­kör­pert, da ver­dun­kelt es sich auch. Wäre dem Geist die Schu­le der Erde über­flüs­sig, war­um wäre er ihr ver­kör­pert, wäre aber das Geis­ti­ge je ganz irdisch gewor­den, wer könn­te ohne Ver­zweif­lung von der Erde schei­den? Dies sei unse­rer Zeit ernst­lich gesagt, die ihr Zeit­li­ches über­hei­li­gen möch­te mit voll­ende­ter, ewi­ger Bestim­mung, mit hei­li­gen Krie­gen, Frie­den und Weltuntergang.

Die Deut­schen, die mit ihrem Volks­geist gründ­lich ver­traut sein woll­ten, Volks­lie­der und Volks­bü­cher sam­mel­ten, Volks­ge­schich­te als Kul­tur­ge­schich­te trie­ben, muß­ten unwei­ger­lich auch auf ihre Nach­barn schau­en und deren Vergangenheiten.

Deut­sche His­to­ri­ker und Phi­lo­lo­gen erschlos­sen als­bald den übri­gen Euro­pä­ern deren Sprach- und Rechts­ge­schich­te. Die­se began­nen nun ihrer­seits damit, ins Volk zu gehen, nach längst ver­ges­se­ner Volks­kunst zu suchen und Rechts­al­ter­tü­mer aufzuspüren.

Die his­to­risch ver­tief­ten Ideen von Volk und Nati­on führ­ten zu einer ganz ande­ren Welt­erobe­rung, dem Auf­de­cken ver­schüt­te­ten und ver­ges­se­nen Lebens, das zu einer das Volks­le­ben ver­än­dern­den Macht wer­den konn­te. Was wären die euro­päi­schen Völ­ker seit­dem ohne ihr Mit­tel­al­ter, ohne die sie kul­ti­vie­ren­de Kolo­ni­sie­rung durch die Römer, aber auch ohne ihre bar­ba­ri­schen Vor­zei­ten, die gar nicht so bar­ba­risch, eben nur anders waren?

Die Deut­schen wür­dig­ten auf ein­mal im Nibe­lun­gen­lied ihr natio­na­les Epos und gin­gen zurück auf alt­ger­ma­ni­sche Vor­la­gen. Die Men­ta­li­tät der Ger­ma­nen wur­de in die kul­tu­rel­le Deutsch­heit ein­be­zo­gen. Den ger­ma­ni­schen Mythos uni­ver­sa­li­sier­te Richard Wag­ner mit sei­nem Ring des Nibe­lun­gen zu einem tra­gi­schen Mythos der Moderne.

Das Enge und das Wei­te gehö­ren wie Ein- und Aus­at­men zuein­an­der. Ohne die vie­len Son­der­for­men gäbe es über­haupt kei­ne über­zeu­gen­de Idee von der Geschich­te des Men­schen und der Völ­ker. Der Tag der Deut­schen, den Schil­ler erwar­te­te, brach schon zu sei­nen Leb­zei­ten an.

Als His­to­ri­ker und Geschichts­dra­ma­ti­ker in ganz Euro­pa beach­tet, spä­ter vor allem über Ver­di popu­la­ri­siert, wies er ein­dring­lich dar­auf hin, daß das All­ge­mein-Mensch­li­che nur über den Ein­zel­fall, die Mensch­heit nur über Men­schen als jewei­lig beding­te in ihrer jeweils ein­ma­li­gen und unver­wech­sel­ba­ren Zeit begrif­fen wer­den könnten.

Die­ser Reichs- und Kul­tur­pa­tri­ot schweif­te mit sei­ner Räu­me und Zei­ten sou­ve­rän umgrei­fen­den Phan­ta­sie hin­über nach Ita­li­en, Frank­reich, Eng­land und Ruß­land, um sich der Lebens­fül­le einer unein­heit­li­chen, viel­fäl­ti­gen Mensch­heit anzunähern.

Mit dem Schwei­zer Wil­helm Tell und den Schwei­zern schil­der­te er, wie ein Volk, einig in sich selbst, bedäch­tig und umsich­tig, eine Repu­blik grün­det, die gera­de des­halb Bestand hat, weil sie nicht die Aus­ge­burt der Theo­rien ner­vö­ser Lite­ra­ten ist, wie jüngst in Frank­reich, son­dern das Ergeb­nis ganz eige­ner Tra­di­tio­nen, die hel­fen, das Leben als Zusam­men­le­ben zu ver­än­dern, ohne des­sen Grund­la­gen zu erschüttern.

Der Phi­lo­soph Schil­ler wehr­te sich als Dich­ter und poli­ti­scher Kopf, als Deut­scher und Welt­bür­ger, gegen gelehr­te Fik­tio­nen und tote Buch­sta­ben, die den leben­di­gen Ver­stand in sei­ner Beweg­lich­keit hem­men, »damit das Abs­tract des Gan­zen sein dürf­ti­ges Dasein friste«.

Er war davon über­zeugt, daß jede Rechts­ord­nung ihren je eige­nen Ort braucht, geprägt von einem Her­kom­men, das in wech­seln­den Zei­ten wech­seln­den Rechts­for­men Halt gewährt. Die­ses bil­dungs­bür­ger­li­che Kul­tur- und Natio­nal­be­wußt­sein der Wei­ma­rer Klas­sik und der Jena­er Roman­tik wider­setz­te sich den fran­zö­si­schen Ideen von 1789 und dem soge­nann­ten Westen.

Von des­sen Pathos zehr­ten noch die Ideen von 1914 wäh­rend des gro­ßen Kul­tur kamp­fes, der der Ers­te Welt­krieg auch war. Für Deut­sche ging es unab­hän­gig von ihren natio­na­len Inter­es­sen vor allem um die Ver­tei­di­gung des viel­ge­stal­ti­gen Lebens über­haupt, also um man­nig­fa­che geis­ti­ge und poli­ti­sche Son­der­for­men der Völ­ker und Staa­ten, in der Abwehr aus­ge­dach­ter All­ge­mein­hei­ten »des Wes­tens«, denen sich alle zum Woh­le des Welt­han­dels und der mit ihm beschäf­tig­ten Mensch­heit als Welt­ge­mein­schaft der Händ­ler anpas­sen sollten.

Im Gro­ßen Krieg gerie­ten mit der Nie­der­la­ge der deut­schen Ideen die Vor­stel­lun­gen von Volk und Nati­on über­haupt in die Kri­se. Obschon das Selbst­be­stim­mungs­recht der Völ­ker von den Sie­gern pro­kla­miert wur­de, bot es den Völ­kern und Natio­nen gar kei­ne Sicherheit.

Der Völ­ker­bund, domi­niert von den Sie­gern, woll­te die Rol­le des Vor­mun­des über­neh­men. Ande­re hoff­ten auf eine über­na­tio­na­le Zusam­men­fas­sung der durch den Krieg geschwäch­ten Völ­ker in einem Euro­pa der Völ­ker und Vater­län­der. Dies Euro­pa soll­te von den unter­schied­li­chen Tem­pe­ra­men­ten, Spra­chen und geis­ti­gen Kräf­ten sei­ne Lebens­kraft empfangen.

Doch in Orga­ni­sa­tio­nen und Appa­ra­ten dräng­ten bald phan­ta­sie­lo­se Funk­tio­nä­re dar­auf, glei­che Lebens­ver­hält­nis­se zu errei­chen und die Men­ta­li­tä­ten wie Rechts­ge­wohn­hei­ten ein­an­der anzu­pas­sen, wovor sich einst Schil­ler und in sei­ner Nach­fol­ge deut­sche Dich­ter und Den­ker ent­setz­ten. Die deut­sche Kul­tur­na­ti­on hat sich mitt­ler­wei­le aufgelöst.

Aber ihre Ideen leben wei­ter. Den Deut­schen wird oft vor­ge­wor­fen, sich dau­ernd dem Wes­ten ver­wei­gert zu haben, Deut­sche woll­ten lan­ge nicht in einem Wes­ten auf­ge­hen, der – wie sie fürch­te­ten – das kon­kre­te Leben nor­mie­ren und ver­til­gen wolle.

Des­halb beschäf­ti­gen sich unun­ter­bro­chen welt­weit For­scher mit die­sem zähen deut­schen Wider­stand und sei­nen man­nig­fach vari­ier­ten Alter­na­ti­ven zum Pro­gramm einer Typi­sie­rung der Euro­pä­er und ihrer Lebens­welt – von Schil­ler über Hegel, Goe­the und Wag­ner zu Marx bis hin zu Hei­deg­ger, Benn, Jün­ger oder Brecht.

Es sind tote Deut­sche, die wei­ter­hin beun­ru­hi­gen oder all jenen, die ihr Eigen­tum nicht auf­ge­ben möch­ten, dar­un­ter auch Völ­kern, Mut machen, wei­ter­hin fest auf ihrem Boden zu ste­hen und auf ihrem Recht zu behar­ren, auch als Euro­pä­er im Ein­klang mit ihrem Her­kom­men zu blei­ben und das Eige­ne zu pflegen.

Das Eigen­tum ist schließ­lich hei­lig. Inso­fern haben die Deut­schen, wie Goe­the ver­mu­te­te, doch noch eine gro­ße Zukunft.


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