1. Februar 2019

Kulturvolk

Gastbeitrag

von Eberhard Straub
PDF der Druckfassung aus Sezession 88/Februar 2019

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

Alles Lebendige ist individuell, konkret und unverwechselbar. Diese Maxime deutscher Historiker formulierte zuerst Johann Gottfried von Herder, der auf die »Stimmen der Völker« achtete. Die Menschheit und den Menschen hielt er für unhistorische Abstraktionen. Denn wie sein aufmerksamster Schüler, Johann Wolfgang von Goethe, in diesem Sinne zu bedenken gab: »Nur alle Menschen machen die Menschheit aus, nur alle Kräfte zusammengenommen die Welt«.

Deutsche Historiker und Geschichtsphilosophen in dieser Weimarer Tradition fürchteten sich nicht vor der Vielfalt. Sie hatten keine Angst vor dem Leben, und damit vor den vielen Völkern, die sich und ihren womöglich bevorzugten Platz unruhig behaupten wollten, dazu herausgefordert von anderen mit deren Ehrgeiz, aus sich etwas zu machen. Nicht nur Männer, die großen Einzelnen, machen Geschichte, sondern auch Völker, von denen wir wie von sehr bestimmten Persönlichkeiten reden: die Griechen, die Römer, die Karthager.

Daß Völker einen Charakter haben, von einem ihnen eigentümlichen Geist geprägt sind und ihm gemäß für sich verbindliche Lebensformen entwickeln, war klassischen Griechen seit Homer und Herodot eine längst vertraute Idee. Die heutigen europäischen Völker entwickelten sich allmählich während des Zerfalls der antiken Welt und dem Aufkommen des Fränkischen Großreiches. Um das Jahr 1000 sind sie als kollektive Persönlichkeiten gegenwärtig.

Die Deutschen unterschieden sich von allen übrigen allerdings wegen eines besonderen Merkmals: Sie nannten sich nicht nach einem Stamm oder Land, wie Engländer, Franzosen, Italiener oder Spanier. Ein Deutscher war, wer an den ihm vertrauten Volkssprachen festhielt, also diutisc oder teodisce redete. Deutsche waren eine Sprach- und darüber eine geistige Gemeinschaft. Aus Franken, Alemannen, Schwaben, Baiern und Sachsen wurde im Laufe der Jahrhunderte nach Karl dem Großen ein Volk, das sich über die Sprache zu einer besonderen Einheit bildete. Eine Germania als politische Gemeinschaft hatte es früher nie gegeben. Deutsche strebten daher nicht wie Italiener, Spanier oder Franzosen danach, eine ehemalige Einheit in der zu erneuernden Italia, Hispania oder Gallia zurückzugewinnen. Die Deutschen kannten keinen solchen Auftrag und Mythos. Ihnen fehlte deshalb eine klar umrissene Idee eines nationalen Raumes.

Außerdem gehörte ihr regnum teutonicum, ihr deutsches Königreich, zum Römischen Reich, das mehrere Königreiche und Herrschaften umfaßte. Der deutsche König war der Römische König, dazu bestimmt, zum Römischen Kaiser gekrönt zu werden. Der Übergang des Römischen Reiches auf die Franken und dann auf die Deutschen verlieh ihnen aber als führendem Reichsvolk eine sie vor allen anderen auszeichnende Vergangenheit und Herkunft, die kaiserlich-römische bis hinab zu den Trojanern. Deutsche standen also von Anfang an mitten in Europa in ungewöhnlich weiten geographischen, mythischen und historischen Zusammenhängen. Diese hinderten sie nicht daran, sich dennoch ihrer Eigenart als Sprachgemeinschaft und als Volk sehr bewußt zu werden.

Um 1200 meint bei Walther von der Vogelweide tiuschiu zunge, deutsche Zunge oder Sprache, eben das deutsche Volk, um dessen politische Ordnung er sich sorgte. Für ihn ist tiuschiu lant schon »unser Land« von der Ostsee bis an die ungarische Grenze. Deutsche Männer und Frauen erweisen sich dort wegen ihrer Anmut als vollendete Ritter und Damen und sind mit ihrem vornehmen Wesen und wegen ihrer liebenswürdigen Formen allen anderen überlegen. »Übel möge es mir geschehen, / bringe ich je mein Herz dahin, / daß ihm fremdes Wesen / wohlgefallen solle«. Walther von der Vogelweide wehrte sich mit seinem Preislied auf die Leute deutscher Zunge gegen die üble Nachrede von Provenzalen, Deutsche hätten keine Manieren und Eleganz.

Er gewann aber sein deutsches Selbstbewußtsein vor allem aus der Würde der Kaiserkrone, die alle Kronen überstrahlte. Neben der Kaiserherrlichkeit wirkten die übrigen Könige auf ihn wie Zaunkönige, armselig und unscheinbar. Solcher Stolz verletzte Franzosen und Engländer, die gar nicht geneigt waren, eine bevorzugte politische, eine hegemoniale Stellung der Deutschen in Europa anzuerkennen. Die wechselseitige Auseinandersetzung über Rang und Ehre der Dynastien und Völker führte schon damals zu einem lebhaften Wettstreit über die Vorzüge und Mängel von Nachbarn, die dem eigenen Ehrgeiz im Wege standen.

Wie Walther von der Vogelweide konnte Gottfried Wilhelm Leibniz 1683 die Sprache als das Mittel verstehen, das zusammen mit den Sitten und dem gemeinsamen Namen eine Art von Verwandtschaft stiftet und eine Nation schafft. Es ist die Haupt- und Heldensprache der Deutschen, die hoffentlich zu neuer Ehre gebracht, undeutsch gesinnte Deutsche endlich dazu veranlassen sollte, wieder deutsch, statt Französisch zu reden und zu schreiben, was für ihn auch heißt, deutsch zu denken, klar, konkret und anschaulich, wie früher die Fürsten und Ständevertreter im Reichstag, wie immer noch die Handwerker und Ingenieure oder wie Luther, der die Heilige Schrift so wunderbar den Deutschen dolmetschte, wie es in keiner anderen Sprache möglich sei.

Leibniz, der Universalgelehrte, beachtete den Zusammenhang von Sprache und politischer Macht, daß nämlich gemeiniglich die Nation und Sprache zugleich geblüht haben. Deswegen warb er dafür, in Akademien und deutschgesinnten Gesellschaften danach zu trachten, den deutschen Ruhm zu erhalten oder wieder aufzurichten. Die Wohlfahrt deutscher Nation und die Aufmunterung des deutschen Mutes hingen für ihn von annehmlichen Kernschriften in deutscher Sprache ab, die der französisierenden Barbarei Einhalt gebieten und den Gemütern gleichsam ein neues Leben eingießen könnten.

Dabei dachte er vor allem an die trostlose Redeweise in Regierungssachen und allerhand bürgerlichen Lebens- und Staatsgeschäften, an die leeren Worte, »wo nichts hinter, und gleichsam nur ein leichter Schaum müßiger«, also untüchtiger Gedanken sei. Seine Ermahnungen blieben nicht unerhört. Die Römischen Kaiser im achtzehnten Jahrhundert – Joseph I. und Karl VI. – waren Reichs- und Sprachpatrioten. Die Siege des edlen Ritters, des Prinzen Eugen, über Frankreich und gegen die Türken ermöglichten eine letzte Kaiser- und Reichsherrlichkeit, die bis heute in den Kaisersälen der Reichsklöster, aber auch in der Würzburger Residenz, dafür empfängliche Gemüter zu überwältigen vermag.
Sie bereitete den deutschen literarischen Aufbruch späterer Jahrzehnte vor. »In Wien müßten wir alle sein« – darauf hofften Leibniz, später Lessing und Wieland und viele andere. Kaiser Joseph II. wollte mit einem Nationaltheater – das Burgtheater war es für sämtliche Deutsche bis weit ins 20. Jahrhundert – dem Reich neben der Krone einen geistig-geselligen Mittelpunkt geben und sämtliche Deutschen dazu auffordern, von der Bühne nicht nur Unterhaltung zu erwarten, sondern Unterricht in vaterländischer Geschichte. Darüber könnten sie, von allen Partikularismen, auch von den sprachlichen, den Dialekten, befreit und so ins Weite versetzt, zu wirklichen, tätigen Reichsdeutschen werden.

Der junge Goethe fühlte freilich erst einmal ganz »fritzisch« – was freilich keineswegs preußisch bedeutete – im kaiserlich gesonnen Frankfurt, neben Wien die weitere ehrwürdige Reichsstadt. Der große König als stürmisches Individuum und gekrönter Genius wies Goethe und seiner Generation in ihrem dunklen Sturm und Drang eine klare Richtung. Dessen Taten begeisterten, gaben Mut und Selbstvertrauen, nicht zuletzt, um sich vomfeigen, umständlichen Deutsch der Beamten, Journalisten und Politiker zu lösen. Die jungen Kraftdeutschen redeten saftig, kernig und deutlich, also deutsch, wie zur Zeit des Hans Sachs.

Sie mahnten ihre guten Deutschen: Wacht auf! im Geiste Walthers von der Vogelweide, dessen Worte der Meistersinger Hans Sachs aufgriff, an den Goethe erinnerte und die in seiner Tradition Richard Wagner zum Wacht-auf-Choral der Nürnberger als Repräsentanten des deutschen Volkes inspirierte, ja nicht einen anbrechenden neuen Weltentag in bequemer Routine zu verschlafen. Der neue Weltentag wird der Tag der Deutschen, nicht der Franzosen sein. Darüber waren sich alle Denker und Dichter um 1800 einig, begeistert von der deutschen Sprache, die als einzige nicht dem Zwang gesellschaftlicher Konventionen und den Regeln des sogenannten guten Geschmackes unterworfen, das Unaussprechliche, wie sonst nur die Musik, zum Klingen bringen kann und für die geheimnisvollsten Schwingungen des Geistes Worte findet, wie es höchstens den großen Philosophen und Dichtern im klassischen Athen gelang.

Europas Geist erlosch unter dem unfruchtbaren Einfluß unduldsamer Vernünftelei französischer Aufklärer, wie die beiden Schlegel und deren Freunde verkündeten. In Deutschland hingegen fließe der Quell des neuen Lebens und frischen geistigen Wagemutes. Goethe wahrte Napoleon, dem Originalgenie, immer als »seinem Kaiser« die Treue. Dieses Staunen vor dem geheimnisvollen Daimonion ließ ihn aber gar nicht daran zweifeln, daß »der Deutschen Schicksal« noch nicht erfüllt sei und noch allerlei von ihnen zu erwarten wäre. Friedrich von Schiller faßte in seinem Fragment gebliebenen Gedicht »Deutsche Größe« 1801 die Stimmungen und frohen Erwartungen zusammen, die es seinen Zeitgenossen erlaubten, trotz des von den Franzosen beschleunigten Zusammenbruchs des Reiches voller Zuversicht zu bleiben.

Die Majestät des Deutschen hat nichts mit dem Imperium zu tun. Deren Würde ist eine sittliche Größe, sie wohnt in der Kultur und in dem Charakter der Nation. »Indem das politische Reich wankt, hat sich das geistige immer fester und vollkommener gebildet. Dem, der den Geist bildet, beherrscht, muß zuletzt die Herrschaft werden«.

Die Deutschen verfügen über ein köstliches Gut, ihre einzigartige Sprache, »die alles ausdrückt, das Tiefste und das Flüchtigste, den Geist, die Seele, die voller Sinn ist. Unsere Sprache wird die Welt beherrschen«. Denn Deutsche allein können sich in ihrer Sprache jung und natürlich bewegen, wie einst die gar nicht alten klassischen Griechen, und zugleich dem gedankenreichen Ideellen der Modernen unbeschwert genügen. In solchen Überlegungen Schillers äußerst sich kein politischer, imperialer Anspruch wie ihn Briten und Franzosen erhoben, denen er vorwarf, in einer trostlosen Philosophie des Eigennutzes und in einem traurigen Materialismus befangen zu sein. Deutsche Größe zeige sich vielmehr darin, in das Geisterreich zu dringen und Vorurteile zu besiegen. Auf diese Weise erfechten besonnene Deutsche im Gegensatz zu den aufgeregten Franzosen der Vernunft ihr wirklich freies Reich und leisten damit allen Völkern einen Dienst.

Das Reich kann zusammenbrechen, deutsche Größe aber bleibt bestehen. Sie ist als geistige Kraft der Kern gebildeter, allgemeiner Menschlichkeit. Diese vollendet sich am schönsten bei Deutschen, vom Weltgeist dazu bestimmt, alles aufzunehmen und in einem Kranz zu vereinen, was bei anderen Völkern blühte. »Jedes Volk hat seinen Tag in der Geschichte, doch der Tag des Deutschen ist die Ernte der ganzen Zeit«.

Dieses Fragment wurde erst 1871 veröffentlicht. Dessen Gedanken waren jedoch Allgemeingut. Auf der Festwiese beteuern Richard Wagners Nürnberger im Sinne Schillers: »zerging in Dunst / das heil’ge römsche Reich, / uns bliebe gleich / die heil’ge Deutsche Kunst« – sie dauert, während das Heilige Reich zersplittert. Denn im Unterschied zu den politischen Machenschaften und ihren vorübergehenden Formen heilt die Kunst, vom Geist des ewig Schönen in besonderer, in deutscher Gestalt erfüllt, von allen Übeln, weil der Macht des Zeitlichen in dieser Welt als Geschichte nicht unterworfen.

Die deutsche Kulturnation, auf die sich die so oft besiegten Deutschen seit 1800 leidenschaftlich beriefen, hat nichts mit einer Flucht in die Innerlichkeit und einem Versagen vor den politischen Herausforderungen durch das aggressive Frankreich zu tun. Deutsche kamen sich den Revolutionären und ihrem Soldatenkaiser weit überlegen vor.

Franzosen seien ihren eigenen politischen Entwürfen gar nicht gewachsen gewesen und hätten, statt einer neuen Zeit mit neuem Geist siegreich die Bahn zu brechen, nur allgemeine Unordnung und gedankliche Verwirrung bewirkt. Sobald Deutsche vom Volk sprachen, dachten sie nicht an den Demos und das ruhelose Treiben der Athener oder die Agitation römischer Volkstribunen und Parteiführer auf dem Forum, sondern an geistiges Leben und den beseelten Charakter einer kollektiven Gestalt.

Die wahre Aufgabe der Zeit – durchaus in Übereinstimmung mit klassischen Athener Philosophen – sahen sie in dem anspruchsvollen Programm, das dem Freiherrn Achim von Arnim am Herzen lag, das Volk von drückenden Beschränkungen zu befreien, es zu veredeln und darüber den Adel der Freien allgemein zu machen. Das setzte Volksbildung voraus, um in jedem das ihn befreiende Volkstum zu entwickeln, von dem Sprache, Glaube und Recht kündeten, jene schöpferische Dreieinigkeit, die dauernd den Volksgeist und die von ihm Erweckten mit Leben erfüllten.

Der heute so leichtsinnig als irrational charakterisierte Volkssinn, die Substanz eines konkreten Volkstums für Joseph Görres, wurde gerade unter dem Eindruck einer irrationalen und bis zum Terror hemmungslosen Pöbelhaftigkeit wehrhafter Demokraten beschworen. Die wütenden Revolutionäre in Paris hatten für Deutsche jeden wahren Volksgeist verloren, sie waren in einem mechanischen Staat, der nur Funktionstüchtigkeit verlangte, längst von sich und ihrer Geschichte entfremdet, zur bloßen Masse geworden. Den anfänglich von der Revolution begeisterter Kulturphilosophen enttäuschten daher die ganz dem Augenblick verfallenen unvernünftigen Revolutionäre, die dauernd neue Kitzel brauchten, um ihren erregten Elan nicht zu schwächen.

Wer die Größe und Eigentümlichkeiten der Nationalgeschichte mißversteht und die Ehrfurcht vor dem lebendigen Wachstum verloren hat, der ist nicht mehr in seinem eigenen Volk fest verwurzelt und von dessen besonderer Bestimmung erleuchtet, die ihn doch erst dazu befähigt, sich auf den eigentümlichen Beruf anderer Völker verständnisvoll einzulassen. Nur wer sich kennt, sein Herkommen und sein Erbe, kann sich am anderen freuen und am Fremden. Unter dem Eindruck der Revolution und ihrer Folgen rief der entsetzte Joseph Görres: »Wehe also uns, wenn unsere neue Gestalt so neu würde, daß sie nur aus den Bedürfnissen der Gegenwart ihr Dasein schöpfte«.

Sich in das eigene Volkstum zu versenken und sich damit zu beschäftigen, wie es sich in der Geschichte entfaltete, bedeutete gerade nicht, sich der Welt trotzig zu verweigern. »Deutschheit ist Kosmopolitismus mit der kräftigsten Individualität gemischt«, wie Friedrich von Hardenberg jedem unsicheren Weltbürger versicherte. Denn die nationale Aufgabe der Deutschen, in das Geisterreich zu dringen und für geistige Freiheit zu sorgen, war ja zugleich eine universale, alle Menschen betreffende.

Achim von Arnim warnte jedoch und beschrieb zugleich in Die Kronwächter: »Nur das Geistige können wir ganz verstehen und wo es sich verkörpert, da verdunkelt es sich auch. Wäre dem Geist die Schule der Erde überflüssig, warum wäre er ihr verkörpert, wäre aber das Geistige je ganz irdisch geworden, wer könnte ohne Verzweiflung von der Erde scheiden? Dies sei unserer Zeit ernstlich gesagt, die ihr Zeitliches überheiligen möchte mit vollendeter, ewiger Bestimmung, mit heiligen Kriegen, Frieden und Weltuntergang.« Die Deutschen, die mit ihrem Volksgeist gründlich vertraut sein wollten, Volkslieder und Volksbücher sammelten, Volksgeschichte als Kulturgeschichte trieben, mußten unweigerlich auch auf ihre Nachbarn schauen und deren Vergangenheiten. Deutsche Historiker und Philologen erschlossen alsbald den übrigen Europäern deren Sprach- und Rechtsgeschichte. Diese begannen nun ihrerseits damit, ins Volk zu gehen, nach längst vergessener Volkskunst zu suchen und Rechtsaltertümer aufzuspüren.

Die historisch vertieften Ideen von Volk und Nation führten zu einer ganz anderen Welteroberung, dem Aufdecken verschütteten und vergessenen Lebens, das zu einer das Volksleben verändernden Macht werden konnte. Was wären die europäischen Völker seitdem ohne ihr Mittelalter, ohne die sie kultivierende Kolonisierung durch die Römer, aber auch ohne ihre barbarischen Vorzeiten, die gar nicht so barbarisch, eben nur anders waren? Die Deutschen würdigten auf einmal im Nibelungenlied ihr nationales Epos und gingen zurück auf altgermanische Vorlagen. Die Mentalität der Germanen wurde in die kulturelle Deutschheit einbezogen.

Den germanischen Mythos universalisierte Richard Wagner mit seinem Ring des Nibelungen zu einem tragischen Mythos der Moderne. Das Enge und das Weite gehören wie Ein- und Ausatmen zueinander. Ohne die vielen Sonderformen gäbe es überhaupt keine überzeugende Idee von der Geschichte des Menschen und der Völker. Der Tag der Deutschen, den Schiller erwartete, brach schon zu seinen Lebzeiten an. Als Historiker und Geschichtsdramatiker in ganz Europa beachtet, später vor allem über Verdi popularisiert, wies er eindringlich darauf hin, daß das Allgemein-Menschliche nur über den Einzelfall, die Menschheit nur über Menschen als jeweilig bedingte in ihrer jeweils einmaligen und unverwechselbaren Zeit begriffen werden könnten.

Dieser Reichs- und Kulturpatriot schweifte mit seiner Räume und Zeiten souverän umgreifenden Phantasie hinüber nach Italien, Frankreich, England und Rußland, um sich der Lebensfülle einer uneinheitlichen, vielfältigen Menschheit anzunähern. Mit dem Schweizer Wilhelm Tell und den Schweizern schilderte er, wie ein Volk, einig in sich selbst, bedächtig und umsichtig, eine Republik gründet, die gerade deshalb Bestand hat, weil sie nicht die Ausgeburt der Theorien nervöser Literaten ist, wie jüngst in Frankreich, sondern das Ergebnis ganz eigener Traditionen, die helfen, das Leben als Zusammenleben zu verändern, ohne dessen Grundlagen zu erschüttern.

Der Philosoph Schiller wehrte sich als Dichter und politischer Kopf, als Deutscher und Weltbürger, gegen gelehrte Fiktionen und tote Buchstaben, die den lebendigen Verstand in seiner Beweglichkeit hemmen, »damit das Abstract des Ganzen sein dürftiges Dasein friste«. Er war davon überzeugt, daß jede Rechtsordnung ihren je eigenen Ort braucht, geprägt von einem Herkommen, das in wechselnden Zeiten wechselnden Rechtsformen Halt gewährt. Dieses bildungsbürgerliche Kultur- und Nationalbewußtsein der Weimarer Klassik und der Jenaer Romantik widersetzte sich den französischen Ideen von 1789 und dem sogenannten Westen. Von dessen Pathos zehrten noch die Ideen von 1914 während des großen Kultur kampfes, der der Erste Weltkrieg auch war.

Für Deutsche ging es unabhängig von ihren nationalen Interessen vor allem um die Verteidigung des vielgestaltigen Lebens überhaupt, also um mannigfache geistige und politische Sonderformen der Völker und Staaten, in der Abwehr ausgedachter Allgemeinheiten »des Westens«, denen sich alle zum Wohle des Welthandels und der mit ihm beschäftigten Menschheit als Weltgemeinschaft der Händler anpassen sollten. Im Großen Krieg gerieten mit der Niederlage der deutschen Ideen die Vorstellungen von Volk und Nation überhaupt in die Krise.
Obschon das Selbstbestimmungsrecht der Völker von den Siegern proklamiert wurde, bot es den Völkern und Nationen gar keine Sicherheit. Der Völkerbund, dominiert von den Siegern, wollte die Rolle des Vormundes übernehmen. Andere hofften auf eine übernationale Zusammenfassung der durch den Krieg geschwächten Völker in einem Europa der Völker und Vaterländer. Dies Europa sollte von den unterschiedlichen Temperamenten, Sprachen und geistigen Kräften seine Lebenskraft empfangen.

Doch in Organisationen und Apparaten drängten bald phantasielose Funktionäre darauf, gleiche Lebensverhältnisse zu erreichen und die Mentalitäten wie Rechtsgewohnheiten einander anzupassen, wovor sich einst Schiller und in seiner Nachfolge deutsche Dichter und Denker entsetzten. Die deutsche Kulturnation hat sich mittlerweile aufgelöst. Aber ihre Ideen leben weiter. Den Deutschen wird oft vorgeworfen, sich dauernd dem Westen verweigert zu haben, Deutsche wollten lange nicht in einem Westen aufgehen, der – wie sie fürchteten – das konkrete Leben normieren und vertilgen wolle. Deshalb beschäftigen sich ununterbrochen weltweit Forscher mit diesem zähen deutschen Widerstand und seinen mannigfach variierten Alternativen zum Programm einer Typisierung der Europäer und ihrer Lebenswelt – von Schiller über Hegel, Goethe und Wagner zu Marx bis hin zu Heidegger, Benn, Jünger oder Brecht. Es sind tote Deutsche, die weiterhin beunruhigen oder all jenen, die ihr Eigentum nicht aufgeben möchten, darunter auch Völkern, Mut machen, weiterhin fest auf ihrem Boden zu stehen und auf ihrem Recht zu beharren, auch als Europäer im Einklang mit ihrem Herkommen zu bleiben und das Eigene zu pflegen. Das Eigentum ist schließlich heilig. Insofern haben die Deutschen, wie Goethe vermutete, doch noch eine große Zukunft.


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