Fachkräftemangel und Wachstumsverzicht

PDF der Druckfassung aus Sezession 88/Februar 2019

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

In Zei­ten des demo­gra­phi­schen Nie­der­gangs stellt sich die Fra­ge, wie der Sozi­al­staat lang­fris­tig über­le­ben soll. Die eta­blier­te Poli­tik neigt dazu, der Wirt­schaft durch Mas­sen­ein­wan­de­rung neue Arbeits­kräf­te zu ver­schaf­fen. Die Welt titel­te im April 2018: »Wir brau­chen Ren­te mit 70 – oder 500 000 Zuwan­de­rer im Jahr«.

Für letz­te­re Opti­on hat sich die Bun­des­re­gie­rung mit ihrem neu­ent­wor­fe­nen Fach­kräf­te­zu­wan­de­rungs­ge­setz ent­schie­den. Es sieht vor, jeden nach Deutsch­land ein­rei­sen zu las­sen, der ein hal­bes Jahr auf Arbeits­su­che gehen will. Vor­aus­set­zung ist, daß man zumin­dest eine »ange­hen­de« Fach­kraft ist.

Eine Beschrän­kung auf Man­gel­be­ru­fe ist aber nicht fest­ge­schrie­ben. Zudem bleibt unklar, was mit jenen Per­so­nen pas­siert, die kei­ne fes­te Anstel­lung ergat­tern konn­ten. Wer­den sie im Zwei­fels­fall kon­se­quent abge­scho­ben, gehen sie von selbst? Deutsch­land öff­net damit nach dem UN-Migra­ti­ons­pakt das nächs­te Tor.

Die feder­füh­ren­den Öko­no­men hin­ter dem Fach­kräf­te­ge­setz erhof­fen sich 15 Mil­lio­nen zusätz­li­che nicht­eu­ro­päi­sche Arbeits­kräf­te bis 2050, die den Rück­gang der deut­schen Bevöl­ke­rung in die­sem Zeit­raum aus­glei­chen sol­len. Das Kip­pen der Mehr­heits­ver­hält­nis­se wäre besiegelt.

Mit der IfS-Stu­die zur Fach­kräf­te­si­che­rung liegt eine Arbeits­grund­la­ge für die Lösung der Alte­rungs- und Fach­kräf­te­man­gel­pro­ble­ma­tik vor: Sie soll rea­lis­ti­sche Maß­nah­men für die Volks­wirt­schaft ins­ge­samt und für die Ebe­ne der Unter­neh­men erschließen.

Im Fol­gen­den eini­ge Punkte:

  1. In unse­ren Zei­tun­gen ist gele­gent­lich die Schät­zung zu lesen, der Fach­kräf­te­man­gel kos­te Deutsch­land bis 2030 über 500 Mil­li­ar­den Euro. Die­se Sum­me wirkt aller­dings nur auf den ers­ten Blick furcht­ein­flö­ßend. Pro Jahr kämen wir bei Rich­tig­keit der Zahl auf Ver­lus­te von 40 bis 50 Mil­li­ar­den Euro.
    Das Markt- und Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut Gal­lup hat dage­gen aus­ge­rech­net, daß »inne­re Kün­di­gun­gen« einen jähr­li­chen Scha­den von 112 bis 138 Mil­li­ar­den Euro für unse­re Volks­wirt­schaft anrich­ten. Mit stär­ker moti­vier­ten und gesün­de­ren Mit­ar­bei­tern lie­ße sich folg­lich der nega­ti­ve Effekt des Fach­kräf­te­man­gels um mehr als das Dop­pel­te kompensieren.
  2. Volks­wa­gen expan­diert in afri­ka­ni­schen Staa­ten wie Ruan­da und Kenia. Als posi­ti­ver Effekt ist zu ver­bu­chen, daß fort­an Arbeits­plät­ze für Afri­ka­ner in Afri­ka ent­ste­hen. Lie­fe die Glo­ba­li­sie­rung in die­sem Bereich zuneh­mend in der Form den Migra­ti­ons­druck ver­rin­gern­der Ent­wick­lun­gen statt, müß­te sich Deutsch­land lang­fris­tig ledig­lich auf wis­sens- und kapi­tal­in­ten­si­ve Tätig­kei­ten kon­zen­trie­ren, die ange­mes­sen bezahlt sind.
  3. In Fra­ge kommt in Ergän­zung dazu der japa­ni­sche Weg mit gro­ßen Anstren­gun­gen zur Auto­ma­ti­sie­rung der Wirt­schaft. Robo­ter und künst­li­che Intel­li­genz gefähr­den den düs­ters­ten Pro­gno­sen zufol­ge fast jeden zwei­ten Arbeits­platz. Für über­al­ter­te Gesell­schaf­ten läßt sich die­se Befürch­tung jedoch posi­tiv lesen.
    Sie könn­ten so Arbeit durch Kapi­tal erset­zen, ohne Mas­sen­ent­las­sun­gen vor­neh­men zu müssen.Auch wenn weni­ger Stel­len weg­fal­len soll­ten, da neue Tätig­keits­fel­der ent­ste­hen, wäre es eine über­stürz­te Schluß­fol­ge­rung, Über-Voll­be­schäf­ti­gung durch Arbeits­mi­gra­ti­on anzu­stre­ben. Deutsch­land erfuhr mit die­ser Fehl­ein­schät­zung nach dem »Wirt­schafts­wun­der« schon ein­mal in den 1970er und 80er Jah­ren einen Rück­schlag, als sich her­aus­stell­te, daß die Gast­ar­bei­ter objek­tiv »über­flüs­sig« wur­den und die Arbeits­lo­sig­keit von 0,7 Pro­zent (1970) auf 9,3 Pro­zent (1985) anstieg.
  4. Um die Wirt­schaft auf gewohn­tem Niveau zu hal­ten, müs­sen in Deutsch­land nach über­ein­stim­men­den Schät­zun­gen rund 15 Mil­lio­nen gut aus­ge­bil­de­te Arbeits­kräf­te tätig sein. Die­se wer­den auch 2050 noch ver­füg­bar sein.
    Für die Anhän­ger des japa­ni­schen Weges dürf­te die ent­schei­den­de Fra­ge daher lau­ten, ob es gelingt, das Bil­dungs­ni­veau ent­spre­chend zu stei­gern, um tech­no­lo­gisch Anschluß an die Welt­spit­ze zu halten.
  5. Japan ist aus einem wei­te­ren Grund ambi­va­lent zu betrach­ten: Neben der Auto­ma­ti­sie­rung begeg­net das Land der Über­al­te­rung mit einer schlei­chen­den Ent­eig­nung des Vol­kes über eine jahr­zehn­te­lan­ge Null­zins­po­li­tik.
    Dies setzt eine gro­ße Lei­dens­fä­hig­keit des Vol­kes vor­aus, so der Öko­nom Dani­el Stel­ter. Er ist des­halb skep­tisch, ob eine Über­trag­bar­keit auf Deutsch­land ohne wei­te­res mög­lich, geschwei­ge denn wün­schens­wert ist.
  6. Eine grund­le­gen­de Alter­na­ti­ve wäre, über einen Abschied vom Wachs­tums­pa­ra­dig­ma nach­zu­den­ken. Gemeint ist hier­bei mit­nich­ten, weni­ger »leis­ten« zu wol­len. Viel­mehr bedeu­tet dies, nach dem Sinn der Arbeit zu fra­gen, sich auf das wirk­lich Wich­ti­ge zu kon­zen­trie­ren und den infor­mel­len Sek­tor (Nach­bar­schafts­in­itia­ti­ven, Ver­ei­ne, Haus­halt usf.) zu stär­ken, statt eine Öko­no­mi­sie­rung im Sin­ne einer Kom­mo­di­fi­zie­rung aller Lebens­be­rei­che zu betreiben.
  7. In Fol­ge der fort­ge­schrit­te­nen Auto­ma­ti­sie­rung neh­me das »Betreu­ungs­ele­ment der Arbeit« stän­dig zu, behaup­tet der anar­chis­ti­sche Anthro­po­lo­ge David Gra­eber. Ame­ri­ka­ni­sche Arbeit­neh­mer ver­brin­gen nur noch ca. 40 Pro­zent ihrer Arbeits­zeit mit ihrer eigent­li­chen Haupt­tä­tig­keit.
    Dadurch ent­stün­den einer­seits unzäh­li­ge »Bull­shit-Jobs«, die ins­be­son­de­re auf der mitt­le­ren Ver­wal­tungs­ebe­ne zu fin­den sei­en. Ein Über­maß an Büro­kra­tie (unnö­ti­ge Bespre­chun­gen, E‑Mails, …) erdrü­cke bei ihnen jede pro­duk­ti­ve Beschäf­ti­gung. Ande­rer­seits sorgt die Domi­nanz des Dienst­leis­tungs­sek­tors dafür, daß vie­le die­ser Tätig­kei­ten in Zei­ten des Fach­kräf­te­man­gels sehr ein­fach durch unbe­zahl­te Eigen­ar­beit im Haus­halt sub­sti­tu­ier­bar wären.
    Wenn ein gas­tro­no­mi­scher Lie­fer­dienst auf­grund von Per­so­nal­man­gel schließt, heißt dies für den Kon­su­men­ten im schlimms­ten Fall, den Gang in die eige­ne Küche antre­ten zu müssen.
  8. 74,5 Pro­zent der Erwerbs­tä­ti­gen in Deutsch­land arbei­ten im Dienst­leis­tungs­sek­tor. In etwa die Hälf­te davon sind aus­schließ­lich für bin­nen­wirt­schaft­li­che Zwe­cke ange­stellt. Ste­hen hier­für weni­ger Arbeits­kräf­te zur Ver­fü­gung, wirkt sich dies unter Umstän­den nega­tiv auf die Lebens­qua­li­tät aus, nicht aber auf die inter­na­tio­na­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit.
    Müs­sen Land­gast­hö­fe, Bäcke­rei­en oder Flei­scher gera­de im länd­li­chen Raum auf­ge­ben, weil sie kei­ne Nach­fol­ger fin­den, ist dies bedau­er­lich und ver­ur­sacht womög­lich län­ge­re Wege und höhe­re Kos­ten für die Kon­su­men­ten. Unser mate­ri­el­ler Wohl­stand ist dadurch jedoch genau­so wenig gefähr­det wie durch das knap­pe Betreu­ungs­per­so­nal für Klein­kin­der und Senio­ren. All die­se Eng­päs­se könn­ten unter­des­sen zu einer Renais­sance der Fami­lie und Auf­wer­tung loka­ler Hilfs­struk­tu­ren bei­tra­gen, wenn etwa die Pfle­ge größ­ten­teils nur im häus­li­chen Rah­men mög­lich sein sollte.
  9. Die Opti­on »Wachs­tums­ver­zicht« wür­de also bedeu­ten, als Volk enger zusam­men­zu­rü­cken, in Unter­neh­men zu ent­rüm­peln und als Begleit­erschei­nung des demo­gra­phi­schen Nie­der­gangs gering­fü­gi­ge Ver­lus­te an Lebens­qua­li­tät zu akzep­tie­ren.
    Die Öko­no­men hin­ter dem Fach­kräf­te­zu­wan­de­rungs­ge­setz schlie­ßen die­se Vari­an­te kate­go­risch aus, da sie nicht mehr­heits­fä­hig sei. Sie dürf­ten damit sogar recht haben, weil das Volk jahr­zehn­te­lang von der Ver­ga­be­men­ta­li­tät des Staa­tes geprägt wurde.
  10. Alfred Mül­ler-Arm­ack, einer der Väter der sozia­len Markt­wirt­schaft, kon­sta­tier­te 1949, daß wir einen »Abbau jener sozia­len Sub­stanz, die aus der Ver­gan­gen­heit her als fes­ti­gen­des Ele­ment im Gesell­schafts­bau her­über­rag­te«, erleb­ten. Zugleich nei­ge unse­re Zeit dazu, »sich vom Sozia­len her zu cha­rak­te­ri­sie­ren«, was er der Mas­sen­kul­tur zuschrieb.
    Als Lösung die­ses Dilem­mas schlug er eine Sozi­al­po­li­tik vor, die »wie­der mensch­li­cher, kon­kre­ter, gebun­de­ner, fami­liä­rer, über­schau­ba­rer, natur­ver­bun­de­ner und viel­fäl­ti­ger« sein soll­te. Mül­ler-Arm­ack war sich stets bewußt, daß nur durch ein »dia­lek­ti­sches Ver­fah­ren« die unter­schied­li­chen Idea­le einer Gesell­schaft (Frei­heit, Gerech­tig­keit, …) ver­eint wer­den können.

Die auch in der IfS-Stu­die skiz­zier­ten Mög­lich­kei­ten der Fach­kräf­te­si­che­rung sind in die­sem Kon­text zu betrach­ten. Sie sol­len hel­fen, das Gestrüpp aus Wachs­tum, Geschenke­po­li­tik und Mas­sen­de­mo­kra­tie ver­las­sen zu kön­nen, um eine zukunfts­ge­wand­te Debat­te zu eröffnen.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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