Nation oder Kompetenzfestung?

PDF der Druckfassung aus Sezession 88/Februar 2019

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Kom­pe­tenz­fes­tun­gen nennt Gun­nar Hein­sohn jene Län­der, deren Ein­wan­de­rungs­po­li­tik strikt leis­tungs­ori­en­tiert ist, die »Päs­se nur an Asse« ver­ge­ben. Die Her­kunft der Leis­tungs­trä­ger ist dabei gleich­gül­tig. Das Kon­zept hat in Hein­sohns Den­ken unver­kenn­bar nor­ma­ti­ve Ober­tö­ne, als eine an sich nicht frem­den­feind­li­che Ant­wort auf die Bevöl­ke­rungs­ex­plo­si­on des glo­ba­len Südens.

Die­se Ober­tö­ne kön­nen jedoch nicht die deskrip­ti­ve Beschrei­bung eines Umgan­ges mit den demo­gra­phi­schen Rea­li­tä­ten des 21. Jahr­hun­derts über­tö­nen, der nicht nur auf poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen beruht, son­dern star­ke gesell­schaft­li­che Eigen­dy­na­mi­ken auf sei­ner Sei­te hat: Grund genug sich damit zu befassen.

Ten­den­zen, die bei­des auf sich ver­ei­nen, haben her­aus­ra­gen­de Durch­set­zungs­kraft und gute Aus­sich­ten, die Zukunft zu bestim­men. Die welt­wei­te Migra­ti­on besteht nicht nur aus den unqua­li­fi­zier­ba­ren Mas­sen der Drit­ten Welt. Auch die Bes­ten sind mobi­ler gewor­den. Feh­len ihnen in einem Land die Per­spek­ti­ven, dann wan­dern sie ab.

Nach Anga­ben des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes ver­lie­ßen im Jahr 2017 249 000 Deut­sche die Bun­des­re­pu­blik. Im glei­chen Jahr kehr­ten jedoch nur 167 000 Deut­sche (inklu­si­ve Spät­aus­sied­ler) in die Hei­mat zurück. Das bedeu­tet einen Ver­lust von 82 000 Deut­schen. Vie­le von ihnen sind hochqualifiziert.

Daß die Ein­wan­de­rung Unqua­li­fi­zier­ter die Aus­wan­de­rung Qua­li­fi­zier­ter ver­stärkt, ist längst kein Geheim­nis mehr. Nicht nur die direk­te Steu­er­last zur Finan­zie­rung der Ein­wan­de­rung in die Sozi­al­sys­te­me ver­grault die Leis­tungs­trä­ger. Daß Län­der, die hohe Anfor­de­run­gen an Ein­wan­de­rer stel­len und Unbrauch­ba­re fern­hal­ten, als Magnet für wei­te­re Hoch­qua­li­fi­zier­te aus aller Welt wir­ken, wäh­rend Län­der, die ihre Gren­zen allem und jedem öff­nen, ihre Bes­ten ver­lie­ren, ist längst kei­ne Hypo­the­se Hein­sohns mehr, son­dern empi­risch belegt.

Am dras­tischs­ten zeigt sich die­se Dyna­mik im Wan­der­dungs­ver­hält­nis zwi­schen dem mos­lem­über­spül­ten Bri­tan­ni­en und sei­nen ehe­ma­li­gen Kron­ko­lo­nien Aus­tra­li­en, Kana­da und Neu­see­land. Die­se drei Län­der sind, neben Sin­ga­pur, Hein­sohns Para­de­bei­spie­le für Kom­pe­tenz­fes­tun­gen: Im Jahr 2015 leb­ten 2,3 Mil­lio­nen Men­schen aus dem alten Mut­ter­land dort.

Von die­sen Dyna­mi­ken gestützt, ist die Kom­pe­tenz­fes­tung ein Kon­kur­renz­mo­dell zur Nati­on, und zwar als eine Form, in der sich die glo­ba­le demo­gra­phi­sche Kata­stro­phe über­dau­ern läßt. Sie muß den Huma­ni­ta­ris­mus und den Glo­ba­lis­mus nicht fron­tal ange­hen, son­dern kana­li­siert sei­ne Grenzenlosigkeit.

Und sie muß kei­ne völ­ki­sche Abson­de­rung pre­di­gen, um den Leis­tungs­stan­dard auf­recht­zu­er­hal­ten. Die Kom­pe­tenz­fes­tung ist Teil des Glo­ba­lis­mus. Sie pickt sich jedoch die Rosi­nen her­aus. Bis zu einem gewis­sen Grad kann sie den funk­tio­nie­ren­den Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus leben und ist dadurch hoch­at­trak­tiv für die mobi­le, glo­ba­lis­ti­sche Ober­schicht, die auf Natio­na­lis­mus als Kom­pen­sa­ti­ons­hal­tung für Ver­sa­ger herabblickt.

Daß mit Jus­tin Tru­deau eine kari­ka­tur­haf­te Ver­kör­pe­rung des »Glo­bo-Bobo« Pre­mier­mi­nis­ter der Kom­pe­tenz­fes­tung Kana­da ist, paßt wie die Faust aufs Auge. Der ers­te Ein­wand gegen die Kom­pe­tenz­fes­tung ist klar: Was soll die­sen Hau­fen blo­ßer Leis­tungs­trä­ger denn zusammenhalten?

Der stets auf die Zur­schau­stel­lung sei­nes Nicht­chau­vi­nis­mus bedach­te Hein­sohn spricht die­ses Pro­blem kaum an. Wo doch, da setzt er für den Zusam­men­halt allein auf den Stand­ort­er­folg. Die Kom­pe­tenz­fes­tung soll ein­fach ein Ort sein, an dem es sich gut leben und Geld ver­die­nen läßt.

Es wäre aber auch ein ande­rer Weg denk­bar: die Eth­no­ge­ne­se und damit das Ent­ste­hen einer neu­en Volks­iden­ti­tät. Das ist eine sehr rea­le Mög­lich­keit. Der­ar­ti­ge Vor­gän­ge haben in den letz­ten drei Jahr­hun­der­ten die Völ­ker der Ame­ri­ka­ner, Kana­di­er, Aus­tra­li­er, Neu­see­län­der und Buren ins Leben gerufen.

Die unter Euro­pä­ern weit­ver­brei­te­te Vor­stel­lung, daß ein Volk nur wirk­lich sei, wenn sei­ne Her­kunft sich im Dun­kel der Über­lie­fe­rung ver­liert, ist nicht rich­tig. Das Wort »Volk« wird extrem unprä­zi­se ver­wen­det, es bezeich­net zu vie­le ver­schie­de­ne Dinge.

Von einer Grup­pe aus eini­gen hun­dert Ama­zo­nas­in­dia­nern, über Kul­tur­ge­mein­schaf­ten wie den Hel­le­nen, bis hin zu den heu­ti­gen Chi­ne­sen, die sich tra­di­tio­nell als die – nicht eine (!) – Zivi­li­sa­ti­on auf­fas­sen, in den letz­ten andert­halb Jahr­hun­der­ten aber auch Ele­men­te des euro­päi­schen Natio­na­lis­mus über­nom­men haben und zudem über ein aus­ge­präg­tes Ras­sen­be­wußt­sein ver­fü­gen, wird alles Mög­li­che als Volk bezeichnet.

Aus einer Rei­he von Grün­den stim­men Völ­ker meist mit ras­si­schen und sprach­li­chen Grup­pen über­ein, doch der Sache nach ist ein Volk weder das eine noch das ande­re. Ein Volk ent­steht, indem eine Grup­pe Men­schen sich als poli­ti­sches Wir begreift. Es ist kei­nes­wegs aus­ge­schlos­sen, daß die Bewoh­ner einer Kom­pe­tenz­fes­tung ein Gemein­schafts­ge­fühl ent­wi­ckeln, das zumin­dest aus­reicht, um die poli­ti­sche Funk­tio­na­li­tät zu gewährleisten.

So ent­ste­hen­de Völ­ker wer­den viel­leicht nicht die­sel­be Fes­tig­keit auf­wei­sen, wie sie den ein Jahr­tau­send alten euro­päi­schen Natio­nen eigen war. Doch für einen funk­tio­nie­ren­den poli­ti­schen Pro­zeß und eine beschränk­te Kri­sen­fes­tig­keit dürf­te es alle­mal reichen.

Zwar zeigt das ame­ri­ka­ni­sche Bei­spiel auch, daß die eth­no­ge­ne­ti­schen Kräf­te spä­tes­tens bei Groß­ras­sen an ihre Gren­zen gera­ten, doch die Mehr­heit der poten­ti­el­len Ein­wan­de­rer in die Kom­pe­tenz­fes­tun­gen wären Wei­ße. Aus einem Asi­en, das auf zukunfts­träch­ti­gen Inno­va­ti­ons­fel­dern von der künst­li­chen Intel­li­genz über Finanz­in­for­ma­tik bis zur Human­ge­ne­tik füh­rend ist, dürf­ten nur weni­ge Men­schen aus­wan­dern wollen.

Ein deut­scher oder fran­zö­si­scher Aus­wan­de­rer hin­ge­gen fühlt sich aller Erfah­rung nach spä­tes­tens in der zwei­ten Genera­ti­on als Kana­di­er oder Aus­tra­li­er. Natio­nen abend­län­di­schen Zuschnitts ver­tra­gen kei­ne Mas­sen­wan­de­rung von Men­schen mehr. Kom­pe­tenz­fes­tun­gen nut­zen aber gera­de die­se Wan­de­run­gen, um sich zu verbessern.

Nichts wird das 21. Jahr­hun­dert so prä­gen, wie das mas­si­ve welt­wei­te Über­an­ge­bot an unqua­li­fi­zier­ter Arbeits­kraft und das gleich­zei­ti­ge eben­so mas­si­ve Unter­an­ge­bot an qua­li­fi­zier­ter Arbeits­kraft. Dafür ist die Bevöl­ke­rungs­ex­plo­si­on der Drit­ten Welt nicht allein ver­ant­wort­lich und die­se Ein­sicht geht oft unter.

Als Thi­lo Sar­ra­zin 2010 Deutsch­land schafft sich ab (hier bestel­len) ver­öf­fent­lich­te, kon­zen­trier­te sich der gan­ze Auf­ruhr dar­auf, daß er die Behaup­tung gewagt hat­te, ori­en­ta­li­sche Ein­wan­de­rer sei­en gene­tisch nicht gera­de für ein Stu­di­um der Bio­in­for­ma­tik prädestiniert.

Daß die Ein­wan­de­rungs­pro­ble­ma­tik für Sar­ra­zin nur einen beson­de­ren Fall der dys­ge­ni­schen Anreiz­struk­tur des Sozi­al­staa­tes dar­stell­te, die Deut­sche prin­zi­pi­ell genau­so betrifft, ging dabei unter. Der Sozi­al­staat ver­hilft der Unter­schicht zu einem Fort­pflan­zungs­vor­sprung gegen­über der Ober­schicht, den letz­te­re auch noch finan­zie­ren muß.

Durch die Dritt­welt­ein­wan­de­rung wird dies mas­siv ver­schärft, das Pro­blem bestün­de aber auch ohne sie. Kom­pe­tenz­fes­tun­gen lösen die­ses Pro­blem nun auch nicht. Trotz des selbst­be­wußt-mar­tia­li­schen Namens schaf­fen sie weder den Sozi­al­staat ab, noch bestehen sie nur aus ein­ge­wan­der­ten Fach- und Spitzenkräften.

Immer­hin lebt auf ihrem Boden ein Volk, das »schon etwas län­ger da ist«, und das bedeu­tet: Auch in einer Kom­pe­tenz­fes­tung gibt es vie­le Men­schen von nur gerin­ger bis mit­tel­mä­ßi­ger Kom­pe­tenz. Was die Fes­tung aber tut: Sie ver­bes­sert das Qua­li­täts­pro­fil ihres Human­ma­te­ri­als auf Kos­ten ande­rer Länder.

Das wenig beschei­de­ne Ziel besteht dar­in, in einer Welt, in der Intel­li­genz die knapps­te aller Res­sour­cen ist, Ein­wan­de­rer anzu­zie­hen, die qua­li­fi­zier­ter als der eige­ne Bevöl­ke­rungs­durch­schnitt sind. Sind sie damit ein­mal auf Kurs und ver­wei­gern sie wei­ter­hin die Auf­nah­me Unter­qua­li­fi­zier­ter, kommt eine Spi­ra­le in Gang: Die Dif­fe­renz im Lebens­stan­dard zwi­schen den Kom­pe­tenz­fes­tun­gen und den übri­gen Län­dern nimmt zu und lockt wei­te­re Kön­ner an. Damit ent­zie­hen sie den Natio­nen, die sich nicht zu Kom­pe­tenz­fes­tun­gen wan­deln, die drin­gend benö­tig­ten Spitzenkräfte.

Der Kampf um die Köp­fe einer glo­bal mobi­len Eli­te fin­det statt und läßt sich durch kei­ne Natio­nal­ro­man­tik aus der Welt schaf­fen. In die­sem Kampf um die bes­ten Köp­fe haben Kom­pe­tenz­fes­tun­gen sehr gute Kar­ten. 25 statt 50 Pro­zent Spit­zen­steu­er­satz sind allein ein durch­schla­gen­des Argu­ment und das Olym­pia-Prin­zip des glo­ba­len Wett­be­werbs wird es noch deut­lich verstärken.

Doch ande­ren Län­dern die Kön­ner abwer­ben anstatt das Gebur­ten­pro­fil zu ver­än­dern, ist Para­si­tis­mus, kein Weg zur demo­gra­phi­schen Nach­hal­tig­keit. Die Poli­tik der Kom­pe­tenz­fes­tun­gen führt weder zu einer andern Gebur­ten­po­li­tik, noch wirft sie den Men­schen­rechts­uni­ver­sa­lis­mus über Bord.

Anders als die Volks­re­pu­blik Chi­na, die kei­ne Kom­pe­tenz­fes­tung, son­dern der Staat der Chi­ne­sen ist, sind Län­der wie Kana­da oder Aus­tra­li­en zu grund­sätz­li­chen Maß­nah­men eben­so unfä­hig wie Deutsch­land oder Frank­reich. Sie neh­men nur weni­ger Migran­ten auf.

Als die chi­ne­si­sche Regie­rung Anfang der 80er fest­stell­te, daß die öko­lo­gi­sche Trag­fä­hig­keit des Lan­des um fast 100 Pro­zent über­schrit­ten war, setz­te sie die Ein-Kind-Poli­tik durch. Das war nicht immer schön, aber andern­falls wür­den heu­te zwei Mil­li­ar­den Chi­ne­sen in einer Wüs­te leben. Das ist die die not­wen­di­ge Ver­bin­dung aus Vor­aus­sicht und Handlungsbereitschaft.

Selbst wenn man auf Holz­ham­mer­me­tho­den ver­zich­te­te: Schon eine blo­ße Umstruk­tu­rie­rung der Sozi­al- und Ren­ten­sys­te­me in einer Wei­se, daß sich Kin­der für Leis­tungs­trä­ger loh­nen und nicht für Sozi­al­hil­fe­emp­fän­ger, gin­ge nicht ohne einen grund­sätz­li­chen Wan­del des Men­schen­bilds vonstatten.

Der Mut, sich über die Wider­stän­de hin­weg­zu­set­zen, die einer Lösung der demo­gra­phi­schen Fra­ge des 21. Jahr­hun­derts ent­ge­gen­ste­hen, wird nicht der Stand­ort­pfle­ge ent­sprin­gen. Die abend­län­di­schen Natio­nen sind des­halb unver­zicht­bar, weil sie als ein­zi­ge poli­ti­sche For­men unse­res Kul­tur­krei­ses Res­te eines Zukunfts­wil­lens ver­kör­pern, der stark genug sein kann, die­se Schwie­rig­kei­ten zu überwinden.

Kom­pe­tenz­fes­tun­gen kön­nen im 21. Jahr­hun­dert Inseln des Wohl­stan­des sein – unter chi­ne­si­scher Ägi­de, ver­steht sich. Doch das 22. Jahr­hun­dert gehört denen, die ihre demo­gra­phi­sche Trag­fä­hig­keit wie­der­her­stel­len, nicht denen, die sich auf der Tita­nic um das Ober­deck prügeln.

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