Hauptgegner – Nebengegner

PDF der Druckfassung aus Sezession 89/April 2019

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

In den ver­gan­ge­nen Wochen hat Die­ter Stein (Jun­ge Frei­heit) erneut einen Ver­such unter­nom­men, der AfD die Ent­mach­tung oder sogar Ent­fer­nung des Höcke-Flü­gels als Erfolgs­re­zept zu ver­kau­fen. Nach zwei miß­lun­ge­nen Atta­cken (Stein setz­te auf Lucke, dann auf Petry) rät er also zum drit­ten Mal zu einer Säu­be­rung der Par­tei von den­je­ni­gen, die er nicht dabei­ha­ben will.

Stein schätzt zwei Fak­to­ren falsch ein: Zum einen kann man Höcke nicht ein­fach los­wer­den oder in sei­ner Par­tei iso­lie­ren – min­des­tens ein Drit­tel der Mit­glie­der unter­stützt sei­nen grund­sätz­li­chen Weg, und ein Par­tei­aus­schluß­ver­fah­ren, das gegen ihn lief und noch aus der Petry-Zeit stamm­te, ist vom Bun­des­vor­stand been­det worden.

Zum ande­ren aner­ken­nen selbst par­tei­in­ter­ne Geg­ner, daß Höcke dazu­ge­lernt hat, sich an Abspra­chen hält und kon­se­quent han­del­te, als es um die Fra­ge ging, ob sein Weg­ge­fähr­te André Pog­gen­burg in sei­ner Hybris noch zu hal­ten sei. (War er nicht, und nun wird er mit sei­ner Aus­grün­dung eben­so­we­nig eine poli­ti­sche Rol­le spie­len kön­nen wie Luckes oder Petrys Abspaltungen.)

Der Zeit­punkt, den Stein für sei­nen Vor­stoß gewählt hat, ist selbst den­je­ni­gen ein Rät­sel, die sei­ne Moti­ve für nach­voll­zieh­bar hal­ten. Im lau­fen­den Jahr wird in Sach­sen, Thü­rin­gen und Bran­den­burg gewählt – alle drei Bun­des­län­der sind Höcke-Land, und bis nach Ber­lin soll­te sich her­um­ge­spro­chen haben, daß es sich mit der Ost-AfD min­des­tens eben­so ver­hält wie mit der CSU: Der Wahl­kampf muß in Ton und Aus­rich­tung zuge­schnit­ten wer­den auf ein Wahl­volk, das es so in den ande­ren Bun­des­län­dern nicht gibt.

Daß man Höcke auch par­tei- und milieu­in­tern kri­ti­sie­ren kön­nen muß, ist eine eben­so selbst­ver­ständ­li­che wie bana­le Aus­sa­ge. Ein inter­nes Streit­ge­spräch mit Höcke wäre etwas ganz ande­res gewe­sen als der Ver­such einer Schlach­tung vor Publi­kum, der natür­lich sofort medi­al auf­ge­grif­fen wurde.

Und nicht nur das: Stein berich­te­te einem FAZ-Redak­teur dar­über hin­aus von einer Aus­ein­an­der­set­zung, die er mit mir gehabt habe: 2007 sei es über den rich­ti­gen Umgang mit der NPD und der Geschichts­po­li­tik der BRD zu einem Streit gekommen.

Ich sah in der NPD damals tat­säch­lich kei­nen Geg­ner. Für mich waren das Unbe­lehr­ba­re, deren Macht­ba­sis über zwei Land­tags­frak­tio­nen nie hin­aus­rei­chen wür­de. Stein jedoch griff das von Karl­heinz Weiß­mann und mir geführ­te und reprä­sen­tier­te Insti­tut für Staats­po­li­tik öffent­lich an und for­der­te eine Klar­stel­lung unse­rer Positionen.

Es war damals und ist heu­te wie­der not­wen­dig, die Fra­ge nach den Beweg­grün­den Steins für sei­ne mit Unter­stüt­zung des poli­ti­schen und publi­zis­ti­schen Geg­ners vor­ge­tra­ge­nen Angrif­fe zu stel­len. Ich pack­te das sei­ner­zeit in das Bild von jeman­dem, der mit einem Sprung ein ande­res Boot errei­chen wol­le und sich dabei von den­je­ni­gen absto­ße, die bis­her mit ihm geru­dert seien.

Aber auch Karl­heinz Weiß­mann schrieb damals einen Brief an Stein, denn er muß­te sich als wis­sen­schaft­li­cher Lei­ter des Insti­tuts eben­so von des­sen Hygie­ne­for­de­run­gen ange­grif­fen sehen wie als His­to­ri­ker. Sein dama­li­ges Schrei­ben liegt in einer der grau­en Brief­map­pen vor mir, die das Herz­stück mei­nes Archivs bilden.

Darf man das auf den Tisch legen? Darf man dem eigent­li­chen Geg­ner, dem »Haupt­geg­ner«, wie Weiß­mann in sei­nem Brief schreibt, wei­te­res Mate­ri­al an die Hand geben? Nur soviel: Weiß­mann beschrieb Steins Ver­hal­ten als ein »mora­li­sches«, das er nach­voll­zie­hen kön­ne, das aber in unse­rer Lage nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le spie­len dürfe.

Er sprach ihm die poli­ti­sche Unter­schei­dungs­fä­hig­keit von Haupt- und Neben­geg­ner ab. Hier­in waren wir uns stets einig: Man hat es mit den­je­ni­gen zu tun, die objek­tiv die Abwick­lung unse­res Vol­kes betrei­ben und das tun, was man in der Wei­ma­rer Ver­fas­sung »Volks- und Staats­ver­rat« nannte.

Die­se Grup­pe besitzt bis heu­te sehr gro­ße Macht, wäh­rend die »Unbe­lehr­ba­ren« inner­halb der natio­na­len Oppo­si­ti­on nie wirk­lich über Macht ver­füg­ten. Weiß­mann ging es stets dar­um, den »Haupt­geg­ner« als sol­chen wahr­zu­neh­men, ihm die Genug­tu­ung zu ver­wei­gern, daß es da inter­ne Kon­flik­te gebe, sowie den Ein­druck zu ver­mei­den, als ob man sich am all­ge­mei­nen Fascho-Bas­hing beteiligte.

In Rich­tung Stein äußer­te Weiß­mann, es sei ihm »ganz unver­ständ­lich«, wie man sich mit bestimm­ten For­mu­lie­run­gen so sehr in die Nähe des Haupt­geg­ners bege­ben kön­ne. Ja, so war das. Map­pe zu.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

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