Hauptgegner – Nebengegner

PDF der Druckfassung aus Sezession 89/April 2019

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

In den ver­gan­ge­nen Wochen hat Die­ter Stein (Jun­ge Frei­heit) erneut einen Ver­such unter­nom­men, der AfD die Ent­mach­tung oder sogar Ent­fer­nung des Höcke-Flü­gels als Erfolgs­re­zept zu ver­kau­fen. Nach zwei miß­lun­ge­nen Atta­cken (Stein setz­te auf Lucke, dann auf Petry) rät er also zum drit­ten Mal zu einer Säu­be­rung der Par­tei von den­je­ni­gen, die er nicht dabei­ha­ben will.

Stein schätzt zwei Fak­to­ren falsch ein: Zum einen kann man Höcke nicht ein­fach los­wer­den oder in sei­ner Par­tei iso­lie­ren – min­des­tens ein Drit­tel der Mit­glie­der unter­stützt sei­nen grund­sätz­li­chen Weg, und ein Par­tei­aus­schluß­ver­fah­ren, das gegen ihn lief und noch aus der Petry-Zeit stamm­te, ist vom Bun­des­vor­stand been­det worden.

Zum ande­ren aner­ken­nen selbst par­tei­in­ter­ne Geg­ner, daß Höcke dazu­ge­lernt hat, sich an Abspra­chen hält und kon­se­quent han­del­te, als es um die Fra­ge ging, ob sein Weg­ge­fähr­te André Pog­gen­burg in sei­ner Hybris noch zu hal­ten sei. (War er nicht, und nun wird er mit sei­ner Aus­grün­dung eben­so­we­nig eine poli­ti­sche Rol­le spie­len kön­nen wie Luckes oder Petrys Abspaltungen.)

Der Zeit­punkt, den Stein für sei­nen Vor­stoß gewählt hat, ist selbst den­je­ni­gen ein Rät­sel, die sei­ne Moti­ve für nach­voll­zieh­bar hal­ten. Im lau­fen­den Jahr wird in Sach­sen, Thü­rin­gen und Bran­den­burg gewählt – alle drei Bun­des­län­der sind Höcke-Land, und bis nach Ber­lin soll­te sich her­um­ge­spro­chen haben, daß es sich mit der Ost-AfD min­des­tens eben­so ver­hält wie mit der CSU: Der Wahl­kampf muß in Ton und Aus­rich­tung zuge­schnit­ten wer­den auf ein Wahl­volk, das es so in den ande­ren Bun­des­län­dern nicht gibt.

Daß man Höcke auch par­tei- und milieu­in­tern kri­ti­sie­ren kön­nen muß, ist eine eben­so selbst­ver­ständ­li­che wie bana­le Aus­sa­ge. Ein inter­nes Streit­ge­spräch mit Höcke wäre etwas ganz ande­res gewe­sen als der Ver­such einer Schlach­tung vor Publi­kum, der natür­lich sofort medi­al auf­ge­grif­fen wurde.

Und nicht nur das: Stein berich­te­te einem FAZ-Redak­teur dar­über hin­aus von einer Aus­ein­an­der­set­zung, die er mit mir gehabt habe: 2007 sei es über den rich­ti­gen Umgang mit der NPD und der Geschichts­po­li­tik der BRD zu einem Streit gekommen.

Ich sah in der NPD damals tat­säch­lich kei­nen Geg­ner. Für mich waren das Unbe­lehr­ba­re, deren Macht­ba­sis über zwei Land­tags­frak­tio­nen nie hin­aus­rei­chen wür­de. Stein jedoch griff das von Karl­heinz Weiß­mann und mir geführ­te und reprä­sen­tier­te Insti­tut für Staats­po­li­tik öffent­lich an und for­der­te eine Klar­stel­lung unse­rer Positionen.

Es war damals und ist heu­te wie­der not­wen­dig, die Fra­ge nach den Beweg­grün­den Steins für sei­ne mit Unter­stüt­zung des poli­ti­schen und publi­zis­ti­schen Geg­ners vor­ge­tra­ge­nen Angrif­fe zu stel­len. Ich pack­te das sei­ner­zeit in das Bild von jeman­dem, der mit einem Sprung ein ande­res Boot errei­chen wol­le und sich dabei von den­je­ni­gen absto­ße, die bis­her mit ihm geru­dert seien.

Aber auch Karl­heinz Weiß­mann schrieb damals einen Brief an Stein, denn er muß­te sich als wis­sen­schaft­li­cher Lei­ter des Insti­tuts eben­so von des­sen Hygie­ne­for­de­run­gen ange­grif­fen sehen wie als His­to­ri­ker. Sein dama­li­ges Schrei­ben liegt in einer der grau­en Brief­map­pen vor mir, die das Herz­stück mei­nes Archivs bilden.

Darf man das auf den Tisch legen? Darf man dem eigent­li­chen Geg­ner, dem »Haupt­geg­ner«, wie Weiß­mann in sei­nem Brief schreibt, wei­te­res Mate­ri­al an die Hand geben? Nur soviel: Weiß­mann beschrieb Steins Ver­hal­ten als ein »mora­li­sches«, das er nach­voll­zie­hen kön­ne, das aber in unse­rer Lage nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le spie­len dürfe.

Er sprach ihm die poli­ti­sche Unter­schei­dungs­fä­hig­keit von Haupt- und Neben­geg­ner ab. Hier­in waren wir uns stets einig: Man hat es mit den­je­ni­gen zu tun, die objek­tiv die Abwick­lung unse­res Vol­kes betrei­ben und das tun, was man in der Wei­ma­rer Ver­fas­sung »Volks- und Staats­ver­rat« nannte.

Die­se Grup­pe besitzt bis heu­te sehr gro­ße Macht, wäh­rend die »Unbe­lehr­ba­ren« inner­halb der natio­na­len Oppo­si­ti­on nie wirk­lich über Macht ver­füg­ten. Weiß­mann ging es stets dar­um, den »Haupt­geg­ner« als sol­chen wahr­zu­neh­men, ihm die Genug­tu­ung zu ver­wei­gern, daß es da inter­ne Kon­flik­te gebe, sowie den Ein­druck zu ver­mei­den, als ob man sich am all­ge­mei­nen Fascho-Bashing beteiligte.

In Rich­tung Stein äußer­te Weiß­mann, es sei ihm »ganz unver­ständ­lich«, wie man sich mit bestimm­ten For­mu­lie­run­gen so sehr in die Nähe des Haupt­geg­ners bege­ben kön­ne. Ja, so war das. Map­pe zu.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)