Transrational oder: Theater ist, wenn die anderen lachen

PDF der Druckfassung aus Sezession 89/April 2019

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Frau Dr. Mül­ler, Herr Schul­ze und Frau Schmidt: Wir machen hier eine Umfra­ge für ein Markt­for­schungs­un­ter­neh­men und täten gern wis­sen: Die­se drei Leu­te hier, die alle­samt auf Brust­hö­he etwas in den Hän­den hal­ten – ken­nen Sie die­se Men­schen? Wie wür­den Sie sie ein­ord­nen? Wir wol­len wis­sen: Was asso­zi­ie­ren, was ver­bin­den sie mit Gesich­tern und Ges­tus die­ser Per­so­nen? Wie wür­den Sie sie beschrei­ben? Wie wirkt das gesam­te Set­ting auf Sie?

Frau Dr. Müller:

Also klar ist mal: eine Frau, zwei Män­ner, wenn man das so sagen darf. Ich bin eine auf­merk­sa­me Zei­tungs­le­se­rin und gucke auch viel Fern­se­hen, aber die ken­ne ich alle drei nicht. Dann … scheint mir das Gan­ze eine Ver­eins­gast­stät­te zu sein. Oder ein Gemein­de­raum? Irgend­was Bie­de­res. Auf jeden Fall freu­en die sich alle sehr. Der Herr links etwas weni­ger, der hat even­tu­ell Pri­vat­sor­gen. Oder er hat Ein­wän­de gegen die­se Urkun­de, die die da alle hoch­hal­ten? Tja, was könn­te das sein …? Eine Bro­schü­re, wie man jun­ge Leu­te für den Glau­ben begeis­tern will? Der Mann links ist der Pfar­rer? Nein? Oder irgend­was – mit Wein? Wein­kö­ni­gin? Die hüb­sche Dame in der Mitte?

Herr Schul­ze:

Ich darf? Frei von der Leber weg, ja? Ers­tens, nein. Das Per­so­nal sagt mir nichts. Kenn ich nicht. Obwohl, die in der Mit­te ist viel­leicht eine Minis­te­rin? Die Klöck­ner ist es nicht, oder? Und der älte­re Herr links … irgend­was mit Kir­che, Lai­en­or­ga­ni­sa­ti­on? Oder  … quatsch. Das hier ist ein Klein­gar­ten­ver­ein! Es gab irgend­ei­nen Wett­be­werb. Viel­leicht Der schöns­te Gar­ten. Die Frau in der Mit­te hat gewon­nen. Aber hey, wie­viel Ohr­lö­cher hat die denn? Na. Viel­leicht ist sie eine Städ­te­rin, die das Klein­gärt­nern erfolg­reich für sich ent­deckt hat, als Aus­gleich oder so. Der mit dem brei­ten Lächeln rechts freut sich über den zwei­ten Platz. Der ande­re Mann, also der Kir­chen­typ, freut sich auch, denkt aber, daß die Jury irgend­was mit Frau­en­quo­te im Hin­ter­kopf hat­te. Oder so.

Frau Schmidt:

Die wir­ken ja alle ganz sym­pa­thisch. Jeden­falls zufrie­den mit sich selbst. Vor allem die Frau. Obwohl – die Män­ner auch. So gemüt­lich. Als hät­ten die … ein Pro­jekt voll­endet! Was für ein Pro­jekt? Ehren­amt, bestimmt. Das ist so die­ser Typ Mensch. Sie krie­gen eine Urkun­de, weil sie sich ein­ge­setzt haben, für die All­ge­mein­heit. Als Trai­ner viel­leicht. Ob ich die ken­ne, die drei? Nee, ganz bestimmt nicht!

Drei­mal knapp daneben!

Auf die­sem Pho­to posie­ren Ulrich Khuon (*1951), Dra­ma­turg, Inten­dant und Prä­si­dent des Deut­schen Büh­nen­ver­eins, Bian­ca Klo­se (*1973), »Pro­jekt­lei­te­rin« und Grün­de­rin der Mobi­len Bera­tung gegen Rechts­ex­tre­mis­mus Ber­lin (MBR) sowie Klaus Lede­rer (*1974), Die Lin­ke, Kul­tur­se­na­tor von Berlin.

Die furio­sen Drei hal­ten ein Heft­chen hoch, das heu­te längst ein­ge­stampft ist. Es trug und trägt (also auch in der zwei­ten, gül­ti­gen Auf­la­ge) den Titel: Alles nur Thea­ter? Zum Umgang mit dem Kul­tur­kampf gegen rechts. Es geht dar­in unter ande­rem dar­um, Begrif­fe und Phra­sen wie »offen, demo­kra­tisch, bunt, inklu­siv, trans­na­tio­nal etc.« genau zu bestim­men und letzt­lich in der thea­tra­len Pra­xis durchzuexerzieren.

Heißt: Was tun ange­sichts der »Ver­ant­wor­tung für die Shoa und die Ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus« mit »Besucher_innengruppen der AfD«? Vor­ge­schla­gen wird eine spe­zi­el­le »Ein­lass­po­li­tik. Es emp­fiehlt sich, die Ein­gangs­tür stets ver­schlos­sen zu hal­ten, um Besucher_innen nach ihrem Anlie­gen zu fragen.«

Die ers­te Auf­la­ge die­ses Angst­lap­pens muß­te geschred­dert wer­den, weil dar­in behaup­tet wur­de, daß Zeit-Autor Ulrich Grei­ner (Hei­mat­los. Bekennt­nis­se eines Kon­ser­va­ti­ven, 2017) die migra­ti­ons­skep­ti­sche »Erklä­rung 2018« unter­schrie­ben habe.

Hat er nicht. Die Thea­tra­li­ker haben nun also die berei­nig­te Ver­si­on ihres schril­len Warn­rufs unter’s Volk, par­don: unter die Bevöl­ke­rung gebracht. Feder­füh­rend war die MBR. Sie »benutzt« in der 38seitigen »Publi­ka­ti­on »den Gender_Gap, um alle Geschlech­ter und Geschlechts­iden­ti­tä­ten dar­zu­stel­len. Der Unter­strich stellt den Zwi­schen­raum für alle Men­schen dar, die sich in der Zwei-Geschlech­ter­ord­nung nicht wiederfinden.«

Das erscheint gerecht und tole­rant. Die­se Eigen­schaf­ten feh­len jedoch ansons­ten, sie­he Ulrich Grei­ner, der sich in der Rechts­links­bi­na­ri­tät eben nicht wie­der­fin­det. Über­haupt kom­men die­se Kul­tur­thea­ter­men­schen inhalt­lich recht ein­äu­gig daher: Es geht um »Her­aus­for­de­run­gen für den demo­kra­ti­schen Kul­tur­be­trieb«, so, als sei der sub­ven­tio­nier­te »Kul­tur­be­trieb« heu­te ein bun­tes Vie­ler­lei aus dut­zen­den Facet­ten des poli­ti­schen Spektrums.

Die Bro­schü­re ist illus­triert mit Sze­nen­bil­dern aus Fear, dem pro­mi­nent und gerichts­no­to­risch gewor­de­nen Thea­ter­stück. Dar­in ließ Regis­seur Falk Rich­ter »rech­te« Frau­en wie Bea­trix von Storch und Gabrie­le Kuby als »Zom­bies« auf­tre­ten und ihren Mas­ken die Augen ausstechen.

Das ist auch in der Neu­auf­la­ge der Auf­klä­rungs­bro­schü­re der Fall. Es hat vor Jah­ren mal drei, vier Ver­su­che Iden­ti­tä­rer oder ande­rer behar­ren­der Kräf­te gege­ben, sol­che Ver­an­stal­tun­gen per Wort­er­grei­fungs­stra­te­gie auf offe­ner Büh­ne zu irritieren.

Man mar­schier­te mit Spruch­bän­dern auf die Büh­ne, mehr nicht. Kei­ne Gewalt. Die Thea­tra­li­ker reagie­ren so ver­spä­tet wie panisch. Eine Über­schrift der Bro­schü­re lau­tet ängst­lich: »Nicht das Wort neh­men las­sen – Vor­be­rei­tung für die stö­rungs­freie Durch­füh­rung von Ver­an­stal­tun­gen«: Gut wäre es, »rechts­ex­tre­me Stö­rer durch einen ›Aus­schluß­satz‹ bereits in der Ein­la­dung von der Ver­an­stal­tung auszuschließen.

Ent­spre­chen­de Paro­len auf Ein­tritts­kar­ten »oder auch auf einem gro­ßen Ban­ner im Ein­gangs­be­reich« könn­ten der arti­gen »Posi­tio­nie­rung nach außen« die­nen. Des wei­te­ren die bereits erwähn­te »Ein­lass­po­li­tik«. Das klingt nach – Diktatur?

Oh ja! Wie weit muß es gekom­men sein mit der Büh­nen­sze­ne, wenn selbst der Bezahl­funk dazu meint: »Pro­ble­ma­tisch wird es, wenn sich eine Bro­schü­re der­art ver­steigt, dass sie auch voll­kom­men legi­ti­me kon­ser­va­ti­ve Ansich­ten und Welt­bil­der unter Rechts­ver­dacht [!was wäre das? EK] stellt und damit Denk- und Tole­ranz­räu­me in der offe­nen Gesell­schaft einschränkt.«

Auch in der kei­nes­wegs rechts­ver­däch­ti­gen Zeit geht man ins Gericht mit den lin­ken »Hand­rei­chern«. Die Rede ist von einer »ideo­lo­gi­schen Kampf­schrift«, von »Lager­den­ken alter Schu­le« und einem »grob­schro­ti­gen Begriff von ›rechts‹, der kei­nen Unter­schied mache zwi­schen »kon­ser­va­ti­ven« und »rechts­ex­tre­men« Posi­tio­nenIn einem wei­te­ren Bei­trag von deutschlandfunkkultur.de heißt es:

Auf den letz­ten Sei­ten der Bro­schü­re wird zwar vom Gespräch mit Rech­ten nicht gene­rell abge­ra­ten, doch zuvor wird mit einem geschlos­se­nen, uni­for­men Welt­bild der poli­ti­sche Lager­kampf unter­mau­ert. Wer Fra­gen stellt, ist ver­däch­tig, den ›Kul­tur­kampf von rechts‹ zu unterstützen.

Wenn sogar ein staats­na­her Sen­der zu unken beginnt – was heißt das? »Ob Haus­herr und Kul­tur­se­na­tor die Publi­ka­ti­on über­haupt gele­sen haben, bevor sie sie öffent­lich­keits­wirk­sam prä­sen­tier­ten? Womög­lich hat sich jeder drauf ver­las­sen, die ›Mobi­le Bera­tung‹, vom Jus­tiz­se­nat und vom Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um jähr­lich mit über 800.000 € geför­dert, wer­de schon wis­sen, was sie tue.

Anders ist die­se Fahr­läs­sig­keit kaum zu erklä­ren.« Chris­ti­ne Lem­ke-Matw­ey, als Zeit-Autorin rech­ter Umtrie­be unver­däch­tig, fragt sich, ob die­se Thea­ter­leu­te nicht ein »bedenk­lich geschlos­se­nes Welt­bild« auf­wie­sen – und wo denn der «Rechts­ruck« über­haupt begin­ne? »Gleich rechts von der Anti­fa?« Nun, was sagen unse­re Meßdiener_innen hier im Bil­de, dazu?

Ulrich Khuon weist im Gespräch mit dem Deutsch­land­funk­kul­tur »jede Ver­ant­wor­tung zurück«. Er sei nur »Gast­ge­ber« bei der Prä­sen­ta­ti­on der »Hand­rei­chung« gewe­sen. Er (»Auf die Fra­ge an DT-Chef Khuon, ob er zehn Kar­ten an Götz Kubit­schek ver­kau­fen wür­de, reagier­te Khuon zöger­lich«; morgenpost.de) sehe gewis­se »Dif­fe­ren­zen« zu der Broschüre.

»Auch Klaus Lede­rer«, so ver­mel­det der Bezahl­funk, »zieht sich aus der Affä­re. Er sei schlicht gefragt wor­den, ein paar Wor­te bei der Prä­sen­ta­ti­on zu sagen – das habe er getan, da ihm die Ver­tei­di­gung der Kunst­frei­heit ein zen­tra­les Anlie­gen sei.«

Alles schwam­mig, alles hohl. Lächeln die drei Bro­schü­ren­über­mitt­ler eigent­lich wirk­lich? Oder ist es ein Grinsen?

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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