»Schaut auf dieses Land« – 100 Jahre Weimar und Versailles

von Stefan Scheil
PDF der Druckfassung aus Sezession 89/April 2019

 Gastbeitrag

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»Vor hun­dert Jah­ren sah die Welt nach Deutsch­land!« Die­se Mel­dung lief Anfang Febru­ar 2019 durch die Medi­en, als sich das offi­zi­el­le Bun­des­deutsch­land bis hin­auf zum Bun­des­prä­si­den­ten zur Fei­er der hun­dert­jäh­ri­gen Eröff­nung der Wei­ma­rer Natio­nal­ver­samm­lung zusam­men­fand. All­ge­mein wur­de bei die­ser Ver­an­stal­tung der Ein­druck erweckt (viel­leicht glaub­te man das wirk­lich!), die­ses Land sei damals sozu­sa­gen das Zen­trum der Welt­po­li­tik gewesen.

Nun, vor hun­dert Jah­ren sah natür­lich kaum jemand auf die deut­sche Repu­blik. Das Deut­sche Reich und sei­ne Ver­bün­de­ten hat­ten damals gera­de den bis dahin gewal­tigs­ten Krieg aller Zei­ten ver­lo­ren und wür­den die­se Nie­der­la­ge aus­ba­den müs­sen. Was das genau bedeu­te­te, war noch nicht klar.

Die Welt sah des­halb nicht nach Wei­mar, son­dern nach Paris. Dort tra­fen vor hun­dert Jah­ren Tau­sen­de von Regie­rungs­mit­glie­dern, Dele­gier­ten und Funk­tio­nä­ren zusam­men. Auf den größ­ten Krieg soll­te eine bis dahin nie gese­he­ne Frie­dens­kon­fe­renz fol­gen – aller­dings ohne die Deut­schen: Die hat­te nie­mand eingeladen.

Vie­les an der Frie­dens­kon­fe­renz war neu. Noch nie zuvor etwa hat­te ein amtie­ren­der ame­ri­ka­ni­scher Prä­si­dent euro­päi­schen Boden betre­ten. Woo­d­row Wil­son tat dies nun, und er kam nicht als beschei­de­ner Neu­ling, son­dern mit dem Anspruch, dem Rest der ver­sam­mel­ten Welt den Weg vorzugeben.

Über­haupt wur­de noch nie zuvor eine Frie­dens­kon­fe­renz so von dem laut pro­kla­mier­ten Bedürf­nis nach neu­en Wegen in der inter­na­tio­na­len Poli­tik über­la­gert. Die alten soll­ten falsch gewe­sen sein, und man leg­te sich schon im vor­aus auf die Behaup­tung fest, die­se fal­schen sei­en aus­schließ­lich die deut­schen Wege gewesen.

Von die­ser Vor­aus­set­zung aus­ge­hend, brü­te­ten nun Aus­schüs­se und Gre­mi­en über dem Vor­ha­ben, die Welt und Euro­pa neu auf­zu­tei­len. Jah­re­lan­ge Pres­se­zen­sur, Falsch­mel­dun­gen und Greu­el­pro­pa­gan­da hat­ten die Öffent­lich­keit in den west­li­chen Län­dern rest­los von der Kriegs­ver­ant­wor­tung des deut­schen Kai­ser­reichs überzeugt.

In Paris herrsch­te der Haß. »Wir waren beein­träch­tigt durch die Atmo­sphä­re von Paris, wo die deut­sche Schuld als bewie­se­ne Tat­sa­che galt. Jeder­mann hat­te Angst, für deutsch­freund­lich erklärt zu wer­den,« erin­ner­te sich Charles Sey­mour, His­to­ri­ker und US-Dele­ga­ti­ons­mit­glied, später.

Natür­lich konn­te man es in den Füh­rungs­ebe­nen bes­ser wis­sen – wenn man es wis­sen woll­te. Vie­le der unmit­tel­bar für den Krieg auf alli­ier­ter Sei­te Ver­ant­wort­li­chen amtier­ten wäh­rend der Ver­sail­ler Kon­fe­renz noch, allen vor­an der fran­zö­si­sche Staats­prä­si­dent, Ray­mond Poin­ca­ré, der sich sicher gut erin­ner­te, wie er im Juli 1914 in St. Peters­burg mit dem Zaren die letz­ten Schrit­te in den Krieg hin­ein bespro­chen hatte.

In sei­ner Eröff­nungs­re­de zur Kon­fe­renz beschwor Poin­ca­ré Frank­reichs »in unge­heu­re Schlacht­fel­der ver­wan­del­te Pro­vin­zen«. Das Land habe »dem Tod den höchs­ten Tri­but gezollt.« Nicht zuletzt er selbst hat­te den Tod über das eige­ne Land gebracht und ret­te­te sich in vol­lem Bewußt­sein die­ser Tat­sa­che in die aben­teu­er­li­che Behaup­tung, es sei­en »alle Mäch­te, deren Abord­nun­gen hier ver­tre­ten sind, frei­zu­spre­chen von irgend­ei­nem Schuldanteil«.

Das behag­te auch den Her­ren des fran­zö­si­schen Gene­ral­stabs, die in den Jah­ren vor dem Krieg mit den rus­si­schen Kol­le­gen sys­te­ma­tisch einen geheim­ver­trag­lich fest­ge­schrie­be­nen Angriffs­krieg im Detail abge­spro­chen hat­ten. Und es behag­te auch den Finanz­ma­gna­ten der west­li­chen Bör­sen- und Ban­ken­welt, die den Groß­teil der rus­si­schen Vor­be­rei­tun­gen auf Kre­dit finan­ziert hat­ten und nun empört fest­stel­len muß­ten, daß die inzwi­schen in Mos­kau regie­ren­den Links­re­vo­lu­tio­nä­re nichts davon als Schul­den aner­ken­nen und nichts zurück­zah­len würden.

Man könn­te eine ähn­li­che Auf­lis­tung auch für Groß­bri­tan­ni­en oder Ruß­land anfer­ti­gen und ganz sicher für Ita­li­en, den ursprüng­li­chen Ver­bün­de­ten Deutsch­lands. Ita­li­en wür­de auf der Ver­sail­ler Kon­fe­renz fest­stel­len müs­sen, daß die 1915 gege­be­nen Ver­spre­chen, für die es gegen Deutsch­land in den Krieg ein­ge­tre­ten war, nur dort gehal­ten wür­den, wo damit Deutsch­land und Öster­reich geschä­digt wer­den konnten.

Als in gewis­ser Wei­se noch am glaub­wür­digs­ten kann der US-Prä­si­dent gel­ten. Zwar hat­te auch er schon 1914 in den ers­ten Kriegs­ta­gen erklärt, einen deut­schen Sieg nie­mals zulas­sen zu wol­len. Seit­dem agier­ten die USA als ver­deck­te Kriegs­par­tei, und der Prä­si­dent erzähl­te der Öffent­lich­keit das Gegenteil.

Von den gan­zen Geheim­ab­kom­men der euro­päi­schen Ver­bün­de­ten, die den Krieg wesent­lich ver­ur­sacht haben, war der US-Dele­ga­ti­on im Ver­sailles des Früh­jahrs 1919 aber noch wenig oder nichts bekannt. Erst vier Jah­re spä­ter wür­de ein Bericht des US-Senats direkt Frank­reich und Ruß­land als Ver­ant­wort­li­che für den Kon­flikt von 1914 benennen.

Noch ein­mal zehn Jah­re spä­ter wür­de ein Kon­greß­aus­schuß dann den US-Kriegs­ein­tritt von 1917 als Fol­ge von Machen­schaf­ten der Rüs­tungs­in­dus­trie im Ver­ein mit der bri­ti­schen Regie­rung brand­mar­ken. Zukunfts­mu­sik. Noch hält die inter­ne Front.

Wer den Krieg gemacht und gewon­nen hat, scheut sich jetzt nicht davor zurück, ihn über sein Ende hin­aus wei­ter­hin den Deut­schen anzu­las­ten. Abweich­ler wer­den rigo­ros ver­folgt. Es trifft unter ande­rem Joseph Cail­laux, in den Jah­ren 1911 und 1912 fran­zö­si­scher Premierminister.

Für sei­ne Ver­su­che, im Jahr 1917 einen Kom­pro­miß­frie­den mit Deutsch­land zu errei­chen, wird er 1920 wegen »Kor­re­spon­denz mit dem Feind« zu drei Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Tap­fe­re Beam­te wie Geor­ges Demar­ti­al durch­bre­chen end­lich die Zen­sur der Kriegs­zeit und publi­zie­ren unbe­que­me Wahr­hei­ten über den fran­zö­si­schen Teil am Kriegsausbruch.

Beson­ders Demar­ti­al weist dem offi­zi­el­len fran­zö­si­schen Recht­fer­ti­gungs­buch immer mehr Doku­men­ten­fäl­schun­gen nach. Auch das zieht beruf­li­che Nach­tei­le und Aberken­nung von Ehren­ti­teln nach sich. His­to­ri­ker und Staats­recht­ler publi­zier­ten spä­ter viel über die Fra­ge, ob die Kon­fe­renz von Ver­sailles der Beginn der »Ver­recht­li­chung« der Inter­na­tio­na­len Poli­tik gewe­sen sei.

Auch ist eine Rei­he von Stu­di­en die­ses Tenors erschie­nen. Das mag in gewis­ser Wei­se sogar stim­men, aber lei­der vor­wie­gend in einer zyni­schen: »Recht« und »Gerech­tig­keit« hegen tra­di­tio­nell eine span­nungs­rei­che Bezie­hung, die schon am Zaun des Grund­stücks­nach­barn unlös­ba­ren Ärger ver­ur­sa­chen kann.

Das »Recht« von Ver­sailles kann­te kei­ne ande­re Grund­la­ge als die der dop­pel­ten Macht: sowohl die Macht, es gegen die Unter­le­ge­nen jeder­zeit aus­nut­zen zu kön­nen, als auch die Macht und den offe­nen Anspruch der Sie­ger, sich jeder­zeit dar­über hin­weg­set­zen zu kön­nen – ein Modell, das die Welt­po­li­tik seit­dem in ste­ter Per­fek­ti­on wei­ter­ent­wi­ckelt hat.

Die immer noch ver­brei­te­te Ver­wun­de­rung dar­über, war­um Prä­si­dent Wil­son den Grund­satz des Selbst­be­stim­mungs­rechts der Völ­ker in Ver­sailles ohne viel Feder­le­sens über Bord warf, als er zunächst der Ein­glie­de­rung Süd­ti­rols in Ita­li­en zustimm­te, dann die Auf­tei­lung Ost­eu­ro­pas ohne gro­ße Rück­sicht auf eth­ni­sche Gege­ben­hei­ten zuließ und schließ­lich die Ent­ko­lo­nia­li­sie­rung von der Tages­ord­nung strich, fin­det so eine logi­sche Auflösung.

Es ging ihm nicht »um Bekeh­rung statt Geo­po­li­tik« (Hen­ry Kis­sin­ger). Er trieb in Wahr­heit Geo­po­li­tik reins­ten Was­sers, wenn auch im US-ame­ri­ka­ni­schen Stil. Es lag alle­mal im ame­ri­ka­ni­schen Inter­es­se, nach dem uralten Prin­zip des Tei­lens eine klei­ne Staa­ten­welt in Euro­pa zu eta­blie­ren und so das alte Sys­tem des Gleich­ge­wichts unter ame­ri­ka­ni­sche Auf­sicht zu stellen.

De fac­to ent­stand so eine ame­ri­ka­ni­sche Hege­mo­nie über den Kon­ti­nent, deren Instru­ment in ers­ter Linie die finan­zi­el­le Abhän­gig­keit aller euro­päi­schen Staa­ten von den USA wer­den wür­de. Eine sub­stan­ti­el­le Bedro­hung der Ver­sail­ler Frie­dens­ord­nung durch eine euro­päi­sche Macht war unter die­sen Umstän­den vor­erst aus­ge­schlos­sen, um so mehr, wenn sich nach der Eta­blie­rung des Völ­ker­bunds zur finan­zi­el­len auch die insti­tu­tio­nel­le Gän­ge­lung jedes Stö­ren­frieds gesel­len würde.

Die­se poli­ti­schen Mög­lich­kei­ten im Schul­den­ver­hält­nis Euro­pas zu den USA hat­te Wil­son ja schon 1917 freu­dig ver­merkt. So hät­te es gesche­hen kön­nen – wenn das Ver­sail­ler Ver­trags­sys­tem jemals in Kraft getre­ten wäre. Aber das geschah nicht, weil mit Ruß­land und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten zwei der wich­tigs­ten Pfei­ler der neu­en Ord­nung dem Ver­trags­werk letzt­lich nicht beitraten.

Das war nicht das Ende des Ver­sail­ler Ver­trags, schon über­haupt nicht in Bezug auf den Aus­beu­tungs­wert deut­scher Kriegs­schuld, wohl aber das Ende des Ver­sail­ler Ver­tragssys­tems. Zwi­schen bei­den muß unter­schie­den wer­den. Sehen wir uns das Ver­trags­werk unter die­sem Aspekt noch ein­mal kurz an.

Es ist zurecht gesagt wor­den, der Ver­trag sei für Deutsch­land so schlecht gar nicht gewe­sen. Immer­hin erhielt er die Ein­heit und weit­ge­hend auch die Grö­ße des Staats und mach­te ihn damit wei­ter­hin zu einer respek­ta­blen euro­päi­schen Macht.

Deutsch­lands Ver­bün­de­ten wie dem Osma­ni­schen Reich und Öster­reich-Ungarn wur­de dem­ge­gen­über gleich die wei­te­re staat­li­che Exis­tenz ver­wehrt. Die­ses Schick­sal stand auch der deut­schen Dele­ga­ti­on als Mah­nung vor Augen und trug neben der fort­dau­ern­den Erpres­sung durch alli­ier­te Lebens­mit­tel­blo­cka­den dazu bei, die Bereit­schaft zur Ver­trags­un­ter­zeich­nung zu fördern.

Die­ser Aspekt wird jedoch von einer ande­ren Eigen­schaft des Ver­trags über­la­gert: Er war ganz und gar kein Abschluß des Krie­ges. Das fing schon bei den Grenz­re­ge­lun­gen an, die der Ver­trag viel­fach einem Sam­mel­su­ri­um an spä­te­ren Volks­ab­stim­mun­gen und Völ­ker­bund­ent­schei­dun­gen über­ließ, anstatt sie ein­deu­tig festzulegen.

Der Ver­trags­text garan­tier­te auch sonst durch sei­ne schwam­mi­gen Rege­lun­gen jahr­zehn­te­lan­ge Auf­re­gung. Die Unter­schrift bescher­te Deutsch­land z. B. von vorn­her­ein fünf­zehn Jah­re Unsi­cher­heit dar­über, ob das Saar­ge­biet nun zur Repu­blik gehö­ren wür­de oder nicht.

Dar­über hat­te der Völ­ker­bund zu ent­schei­den, »unter Berück­sich­ti­gung des durch die Volks­ab­stim­mung aus­ge­drück­ten Wun­sches« wie es in § 35 hieß. Eine Auto­ma­tik für die Rück­kehr zu Deutsch­land war das nicht, wie eine ver­gleich­ba­re Abstim­mung in Ober­schle­si­en bald zeig­te, das mehr­heit­lich für Deutsch­land stimm­te – und doch geteilt wurde.

Die Sie­ger hat­ten sich die Grenz­re­ge­lun­gen eben vor­be­hal­ten. Das führ­te nicht immer zu so spek­ta­ku­lä­rer Will­kür wie in Ober­schle­si­en. Es gab auch die klei­nen Gemein­hei­ten wie beim ver­trag­lich ver­spro­che­nen frei­en Zugang Ost­preu­ßens zur Weich­sel (Arti­kel 97), der am Schluß noch die Brei­te eines Feld­wegs hatte.

Des­sen Ende ver­schloß ein Schlag­baum, des­sen Schlüs­sel am ande­ren Ufer zu holen war. In jedem Fall sicher­te der Ver­trag den Sie­ger­mäch­ten die letz­te, und damit auf Jah­re hin­aus unsi­che­re Ent­schei­dung zu. Wo schon die Fest­le­gung und Durch­set­zung der wich­tigs­ten Grenz­re­ge­lun­gen im Nach­kriegs­eu­ro­pa also für mehr­jäh­ri­ge Auf­re­gung sorg­te, setz­te die Unzahl der wirt­schaft­li­chen und finan­zi­el­len Ein­zel­re­ge­lun­gen des Papiers die­se Linie kon­se­quent fort.

Die beson­de­re Unfä­hig­keit der moder­nen Staa­ten­welt, über­haupt noch Frie­den zu schlie­ßen, paar­te sich hier mit dem struk­tu­rel­len Cha­os einer Mam­mut­kon­fe­renz von zehn­tau­send Teil­neh­mern und hun­der­ten von Aus­schuß­sit­zun­gen. Da nun jedes Gre­mi­um sei­ne Exis­tenz­be­rech­ti­gung auch nach­zu­wei­sen such­te und die zu ver­tei­len­de Gesamt­sum­me prin­zi­pi­ell unbe­grenzt war, ent­hielt der letzt­end­lich ange­nom­me­ne Ver­trags­ent­wurf einen Wulst an Detail­be­stim­mun­gen zu allem und jedem.

Was nicht im Text stand, soll­te bei Bedarf ange­ord­net wer­den kön­nen. Dazu gehör­ten auch die alli­ier­ten Ent­schei­dun­gen in Sachen Wie­der­gut­ma­chungs­leis­tun­gen. Damit wur­de der Ver­sail­ler Ver­trag der teu­ers­te Blan­ko­scheck der Welt­ge­schich­te.  Sicher­heit über Deutsch­lands Zukunft brach­ten die Unter­zeich­ner des Ver­trags also nicht gera­de mit nach Hause.

Die bald ein­set­zen­den und nicht mehr enden­den Debat­ten um die rich­ti­ge »Inter­pre­ta­ti­on« der ein­zel­nen Arti­kel offen­bar­ten schnell, was John May­nard Keynes schon kurz nach der Unter­zeich­nung prä­zi­se erfaßt hat­te, als er den Ver­trag ein »Instru­ment« nann­te – ein »Instru­ment«, um Deutsch­land wei­ter­hin unten zu hal­ten, auf dem je nach Ver­hal­ten des Kriegs­geg­ners zu spie­len war oder das zur belie­bi­gen Mani­pu­la­ti­on durch die Sie­ger­mäch­te die­nen konnte.

In die­sem Sinn wer­de der Ver­trag sich schon bewäh­ren, wenn man nur dar­auf zu spie­len wis­se, lau­te­te Keynes Fazit. Das Vor­läu­fi­ge des Ver­trags wur­de auch andern­orts bemerkt und fand sei­nen meist zitier­ten Aus­druck in dem Satz, es hand­le sich um einen »Waf­fen­still­stand von zwan­zig Jahren«.

Die­ses Dik­tum von Mar­shall Foch faßt das gan­ze Unbe­ha­gen der Betei­lig­ten zusam­men. Prä­si­dent Wil­son konn­te den US-ame­ri­ka­ni­schen Kon­greß schließ­lich nicht über­zeu­gen, sich auf die­ses Instru­men­ta­ri­um ver­pflich­ten zu las­sen. Es ent­hielt auch zu vie­le Behin­de­run­gen ame­ri­ka­ni­scher Machtentfaltung.

Sobald Mit­glie­der des Völ­ker­bunds etwa selbst in Strei­tig­kei­ten ver­wikkelt wer­den soll­ten, wür­de ihr Stimm­recht in die­sen Ange­le­gen­hei­ten erlö­schen. Die eigent­lich vor­ge­schrie­be­ne Ein­stim­mig­keit der Völ­ker­bund­ent­schei­dun­gen (Arti­kel 5) wur­de dann außer Kraft gesetzt.

So besa­ßen die betei­lig­ten Mäch­te kein Veto-Recht in eige­ner Sache, wie es spä­ter bezeich­nen­der­wei­se für die Rats­mit­glie­der der Ver­ein­ten Natio­nen ein­ge­rich­tet wur­de. Erst die­ses Regel­werk schuf end­gül­tig die Zwei­klas­sen­ge­sell­schaft, in der die einen von außen danach beur­teilt wer­den, ob sie sich an das Völ­ker­recht hal­ten, wäh­rend die ande­ren selbst ent­schei­den kön­nen, ob sie das gera­de tun.

Der US-Kon­greß lehn­te also den Ver­sail­ler Ver­trag im März 1920 ab und schloß mit Deutsch­land, Öster­reich und Ungarn sepa­ra­te Frie­dens­ver­trä­ge. Kur­ze Zeit spä­ter zer­brach am Streit über die Beset­zung des Ruhr­ge­biets auch der bri­tisch-fran­zö­si­sche Konsens.

Als Anlaß für den fran­zö­si­schen Ein­marsch hat­te ein deut­scher Lie­fer­ver­zug von höl­zer­nen Tele­gra­phen­stan­gen her­hal­ten müs­sen. Dies sei der hin­ter­häl­tigs­te Gebrauch von Holz seit dem Bau des tro­ja­ni­schen Pfer­des, ver­lau­te­te aus London.

Damit war bereits Anfang der zwan­zi­ger Jah­re die Basis des Ver­sail­ler Ver­trags weit­ge­hend zer­fal­len. Frank­reich allei­ne konn­te die­ses Instru­ment kaum bespie­len, dazu fehl­te ihm die Luft. Vie­ler­orts setz­te ein Umden­ken ein, der sich an ein­zel­nen Per­so­nen fest­ma­chen läßt.

Deut­sche Ein­wän­de gegen die Allein­kriegs­schuld hat­te man in Ver­sailles zum Bei­spiel durch Phil­ip Kerr zurück­wei­sen las­sen, den Pri­vat­se­kre­tär des bri­ti­schen Pre­miers. Sein kom­pro­miß­lo­ser Ent­wurf fand die Bil­li­gung aller Dele­ga­tio­nen. Zum Mar­quess of Lothi­an auf­ge­stie­gen, gehör­te Kerr in den 30er Jah­ren dann zu denen in Groß­bri­tan­ni­en, die ein wei­te­res Welt­kriegs­ge­met­zel ver­hin­dern woll­ten und Ver­ständ­nis für die deut­sche Situa­ti­on aufbrachten.

Als bri­ti­scher Bot­schaf­ter ver­han­del­te er noch im Som­mer 1940 in Washing­ton mit der Gegen­sei­te und fand das deut­sche Ange­bot »über­aus befrie­di­gend«. Man sol­le es anneh­men. Lon­don woll­te nicht. Im Som­mer 1919 kam nach dem Abschluß der inne­ral­li­ier­ten Ver­hand­lun­gen eine denk­wür­di­ge Kon­stel­la­ti­on zustande.

Der Gesamt­ent­wurf der Sie­ge­s­ord­nung samt der Grün­dung des Völ­ker­bunds konn­te nur in Kraft tre­ten, wenn Deutsch­land den Ver­sail­ler Ver­trag unter­zeich­ne­te, der als Grün­dungs­ur­kun­de mit­kon­zi­piert war. Kei­ne deut­sche Unter­schrift, kein Völ­ker­bund, in die­se Situa­ti­on hat­ten sich die Sie­ger gebracht.

Und noch mehr. In die­sen Ver­trag war schließ­lich eben­falls die berühmt-berüch­tig­te Behaup­tung des § 231 ein­ge­baut, die da lautete:

Die alli­ier­ten und asso­zi­ier­ten Regie­run­gen erklä­ren, und Deutsch­land erkennt an, daß Deutsch­land und sei­ne Ver­bün­de­ten als Urhe­ber für alle Ver­lus­te und Schä­den ver­ant­wort­lich sind, die die alli­ier­ten und asso­zi­ier­ten Regie­run­gen und ihre Staats­an­ge­hö­ri­gen infol­ge des ihnen durch den Angriff Deutsch­lands und sei­ner Ver­bün­de­ten auf­ge­zwun­ge­nen Krie­ges erlit­ten haben.

Es ist von Bedeu­tung, dies immer wie­der ein­mal aus­führ­lich zu zitie­ren und sich die gan­zen Kon­se­quen­zen vor Augen zu hal­ten. Jetzt, im Som­mer 1919, sah die Welt tat­säch­lich auf Deutsch­land und dar­auf, ob sich ein Deut­scher bereit fand, eine gan­ze neue Welt­ord­nung auf die schrift­li­che Aner­ken­nung einer offen­kun­di­gen Lüge zu stützen.

Es fand sich eine Mehr­heit in der deut­schen Natio­nal­ver­samm­lung, die jeman­den damit beauf­trag­te. Wenigs­tens schei­nen für die­sen Tag in Wei­mar nicht auch noch Fei­er­stun­den geplant zu sein.


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