1. April 2019

Soziologie der Gelbwesten

Gastbeitrag

von François Bousquet
PDF der Druckfassung aus Sezession 89/April 2019

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

Sind die Gelbwesten die neuen Prügelknaben, die ploucs émissaires, wie es der unersetzliche Philippe Muray ausdrückte? Man gewinnt fast diesen Eindruck. Auf jeden Fall bringt nichts die Vorstellung besser auf den Punkt, die sich die Eliten und der Macronsche Machtapparat von ihnen machen – oder zumindest bis auf den Tag machten, an dem dank ihnen die Stimme des französischen Volkes vernehmbar wurde. Wer sind diese »Papuas«, die die Verkehrskreisel im Sturm nahmen?


Die Gelbwesten – das ist die Theorie des Schwarzen Schwans in ihrer Feldrattenversion. Wenn Sie diese Theorie nicht kennen sollten, müssen Sie unbedingt das Buch von Nassim Nicholas Taleb lesen, einem führenden Kopf des Risikomanagements.

Der Schwarze Schwan bezeichnet ein Ereignis, dessen Wahrscheinlichkeit gegen Null tendiert, ein Ereignis, das nur mit einer äußerst geringen Chance eintritt, das aber, wenn es dann plötzlich doch da ist, Folgen zeitigt, die eine Sekunde vorher gänzlich unvorstellbar gewesen wären … und eine Sekunde danach auch. Die Gelbwesten eben!

Niemals hätte sie sich dies träumen lassen, die in die globalisierte urbs eingeloggte Stadtratte. Für sie ist es eine Art Alptraum, der jeden Tag wiederkehrt, um sie in Form von Straßensperren und populistischen Slogans heimzusuchen. Der gallische Hahn, der in der letzten Zeit eher an ein altes räudiges Huhn erinnerte, gerupft und zerzupft wie ein Abgeordneter der République en marche, ist plötzlich erwacht.

Um die Wahrheit zu sagen, gehofft hat das niemand mehr, dieses Erwachen des emblematischen Federviehs, das laut Etymologie sogar zweimal gallisch ist, zum einen als Gallus mit Majuskel (der »Gallier«), zum anderen als gallus mit Minuskel, als der lateinische »Hahn«.

Allmählich hatte man sich sogar damit abgefunden, seine Stummheit für Resilienz zu halten und seine Resilienz für Resignation, so daß man beinahe überrascht war, als sein Kikeriki fast überall auf dem Gebiet des alten Gallien plötzlich wieder erschallte.

Ein Gallien ohne oppidum zwar, aber übersät mit Verkehrskreiseln, dreißig- bis vierzigtausend. Sie sind eine französische Ausnahmeerscheinung wie die Tastatur AZERTY, der Rohmilchkäse und die Enarchen. Knotenpunkte des France périphérique.

Gleichsam das Symbol seines Kreislaufs – man dreht sich im Kreis, dessen Umfang zwischen dreißig und fünfzig Kilometern beträgt, innerhalb dessen alles dicht gemacht hat: Geisterdörfer, unmenschliche Wohnsiedlungen und Verkehrsrondelle, kahl oder überfrachtet, die meisten durch blumenbestandene Erdhügel hervorgehoben dank jenes Heeres von Urbanisten und Ädilen, die in ihrer Bedeutungslosigkeit nicht mehr wissen, wie sie einander an Geschmacklosigkeit überbieten sollen.

Im Netz ist übrigens ein Wettbewerb ausgeschrieben: Wem gebührt der Preis für den abscheulichsten Verkehrskreisel, die kitschigste thematische Installation, die dämlichste Skulptur? Die von Châtellerault, die Gelbe Hand mit den drübergehängten Autos, gehörte regelmäßig zu den Favoriten, bevor dann ein Gelbwestler, im Klinsch mit der zeitgenössischen Rohrkunst, die gute Idee hatte, sie in Brand zu setzen.

Innenminister Christophe Castaner erinnerte sofort an die Buddhas von Bamiyan, die von den Talibans wegsprengt wurden. Der arme Kerl!


Das unsichtbare Frankreich

Zu diesen Verkehrskreiseln also strömte das periphere Frankreich. Da gab es der Geschichte ein Stelldichein. Wohin hätte es auch sonst gehen sollen? Die Dorfplätze sind gespenstisch leer, die Bistros ebenso (90 Prozent wurden seit 1960 geschlossen).

So blieb den Leuten nichts anderes übrig, als notdürftige Verschläge auf den Verkehrsinseln und an den Kreuzungen der Landstraßen zu errichten, um daselbst improvisierte, wilde Versammlungen abzuhalten. Dieses Mal ist es nicht einfach die Straße, die demonstriert, sondern die Landstraße.

Dieses Mal empört sich nicht die Stadt, sondern das Hinterland. Partizipative Demokratie 2.0 unter freiem Himmel. Vom sozialen Netzwerk zum Straßennetz. Dies ist übrigens auch die einzige Gemeinsamkeit mit 1968: Der Nachbar von nebenan ließ sich wieder in ein Gespräch ein mit dem Nachbarn von nebenan, den er sonst nur noch nach Schulschluß oder am Eingang des Einkaufszentrums zu Gesicht bekam.

Paradoxerweise boten gerade diese Kreisverkehre, wo gewöhnlicherweise kein einziger Fußgänger aufkreuzt, Gelegenheit, den arg angeschlagenen geselligen, das heißt gesellschaftlichen Umgang einer peripheren Region wieder herzustellen, die nach Strich und Faden in die Unsichtbarkeit abgedrängt worden war.

Denn von hier aus schwärmten vor zwei Monaten diese Glühwürmchen in die Nacht aus, die fluoreszierenden Gelbwesten. Dreißig Jahre, wirklich, dreißig Jahre ist es schon her, daß man dieses Frankreich lebendig begrub und in die äußerste Finsternis verstieß.

In ein schwarzes Loch. In seinem Meisterwerk Der unsichtbare Mann (1952), hatte der Schriftsteller Ralph Ellison gezeigt, daß die Schwarzen zur Zeit der Segregation unsichtbar waren. Gesellschaftlich hatten sie einen Geisterstatus inne: Mochte man sie auch auf der Straße antreffen, man sah sie nicht.

Diesem Prozeß der gesellschaftlichen und medienbewirkten Versenkung in der Unsichtbarkeit fiel das periphere Frankreich zum Opfer. Der Begriff der Segregation bringt seinen Status de seconde zone – also: zweiter Klasse – gut auf den Punkt.

Das Frankreich der Wohnsiedlungen wurde von den Medien in den Orkus verbannt. Weg mit diesem gallischen Ureinwohner! Nur noch die Rolle des Trottels im globalen Dorf kam ihm zu. Fortan sollte er, der keiner vom System mit dem Gütesiegel versehenen Minderheit angehörte, die Vorurteile mit geballter Kraft abbekommen.

Keine Opfer der Homophobie noch der Rassenzuschreibung und noch viel weniger der Transphobie, sondern ausschließlich solche der Ploucophobie, der »Angst vor dem Ungehobelten«, sind hier auszumachen – des einzigen autorisierten Rassismus.

So also funktioniert diese modische Philosophie der Alterität in den Pariser Redaktionsstuben: Sie führte zu einer Alterität des Urteils bei den Eliten, die angesichts der »Flüchtlingsrouten«, der »Fluchtstationen« und den Menschenrechten entzückt aufjapsen – vorausgesetzt, der in Rede stehende Mensch ist Malier in Montreuil, Kameltreiber in Goutte-d’Or oder Marabout in Château-d’Eau.

Es ist quasi unmöglich, einen Pariser Bahnhof zu durchqueren, ohne daß einem die 17 Artikel der Menschenrechtserklärung aufgedrängt werden – wen aber schert’s, daß inzwischen die Bahnhöfe des Regionalnetzes einer nach dem anderen geschlossen werden?

Da gibt es keinen einzigen Personalchef, der nicht von Inklusion und Behinderten mit eingeschränkter Mobilität redet, aber auf die Idee, daß zur eingeschränkten Mobilität eben auch das periphere Frankreichs gehört, kommt er nicht. Da gibt es keinen einzigen Medizinstudenten, der nicht von einer Zukunft als French Doctor (Ärzte ohne Grenzen) träumt, aber man suche mal nach einem Zahnarzt in den Ardennen!

Tja, man geht halt nicht mehr zum Zahnarzt: viel zu teuer, zu lang die Wartezeiten. Über diese Anywheres hat Rousseau schon das Nötigste gesagt:

Nehmt euch vor diesen Kosmopoliten in acht, die in ihren Schriften aus weiter Ferne Pflichten herholen, deren Erfüllung sie in bezug auf ihre eigene Umgebung verächtlich zurückweisen. Ein solcher Philosoph liebt die Tataren, um dessen überhoben zu sein, seine Nachbarn zu lieben.


Hört ihr auf den Feldern

Wenn der Geograph Christoph Guilluy und einige andere die ploucs émissaires nicht ausgegraben hätten, wüßten wir gar nicht, daß es sie gibt. Dieses Frankreich von »Kerlen, die Kippen rauchen und mit Diesel fahren« laut unserem unvergleichlichen Benjamin Griveaux, dem Pressesprecher einer Regierung, die zu vergessen scheint, daß das Auto für eine erdrückende Mehrheit der Franzosen das einzige Fortbewegungsmittel ist (zwei Drittel der Pariser benutzen öffentliche Verkehrsmittel, um zu ihrer Arbeitsstelle zu gelangen, aber nur sieben Prozent im Rest des Landes).

Wie? Die empören sich, diese Lumpenproletarier? Das ist ja die Höhe! Wenn sie keine Autos haben, mögen sie sich doch auf Tretrollern fortbewegen! Unlängst noch Kennzeichen des Reichtums, wurde so das Auto zum Verkehrsmittel der Franzosen, die aus bescheidenen Verhältnissen stammen.

Hier wie andernorts erlebte man eine Umkehrung der sozialen Repräsentationen. Die Entwicklung des Symbolgehalts des Dicken ist auch so eine Geschichte. Die Wohlbeleibtheit, die einst dem Prudhommeschen Bourgeois des 19. Jahrhunderts zum Vorteil gereichte, ist heute ein Vorrecht der unteren Volksschichten.

Und die Mobilität, einst inhärent der gefährlichen Unterklasse, wurde von den neuen nomadisierenden Eliten zur Religion erhoben.

Woher auch sollten sie dieses parallele Frankreich kennen? Es hat eine eigene Kohärenz, eigene Codes, eine eigene Kultur. Es ist bei weitem endogamer als der nationale Durchschnitt, viel homogener als das, wo rauf die Journalisten es liebend gern herabstutzen würden, auf ein Sammelsurium aus disparaten Unzufriedenheitsbekundungen, die an jenen bereits 150 Jahre alten Spruch von Henri Rochefort erinnern sollen:

Frankreich hat unzählige Millionen sujets (Untertanen), die sujets der Unzufriedenheit gar nicht mitgerechnet.

Klar, alle Arbeitsprofile sind hier vertreten, alle Berufe, so daß man den Eindruck hat, im Gewerbeverzeichnis der Arbeitsagentur Pôle Emploi zu blättern, diesem Wälzer mit seinen 10 000 Metiers! Paare, alleinerziehende Mütter, Malocher im Blaumann – alles kunterbunt durcheinander.

Landbewohner und Banlieuebewohner. Das Frankreich von gestern und das von heute, des Kirchsprengels und des Selbstbedienungsladens. Die Gelbwesten der Woche und jene des Wochenendes. Die einen: Rentner, Arbeitslose oder Leiharbeiter; die anderen: Angestellte oder Selbständige.

Solche, die in den sozialen Netzwerken auffallen, und solche, die sich auf dem Gelände durchsetzen. Aber gemeinsam ist allen, abgesehen von den gleichen Westen, die sie tragen, und abgesehen von der Marseillaise, die sie in der Tonlage der Sansculotterie anstimmen, daß sie am Monatsende mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen haben, daß sie Zahlungsverzüge der Familienkasse hinnehmen müssen, Streitigkeiten mit der Sozialversicherung, dieselbe Prekarität, die gleichen unbezahlten Unterhaltsbeiträge, denselben Wucher, daß sie vor denselben Entscheidungen stehen, ob man heizen oder doch lieber zum Arzt gehen sollte.

Das Frankreich der Mittelschicht, aber einer unteren Mittelschicht, die sich um oder vielmehr unter dem mittleren Monatseinkommen ansiedelt, das heißt unter 1700 Euro nach Abzug der Steuern (Jérôme Sainte-Marie). Dieses Frankreich, das bereits am 20. oder 25. des Monats pleite ist, das nie zum Schilaufen fährt, nie ins Ausland kommt, weder von der Abschaffung der ISF (Solidaritätssteuer auf Vermögen) profitiert, noch zu Sozialhilfeleistungen berechtigt ist, erweckt weder Euphorie wie die Superreichen, noch Mitleid wie das große Elend.


Die sozialen Klassen in der Abwärtsspirale

Ein Land, das gefangen ist in dem, was Louis Chauvel, einer der wenigen Soziologen, die den jetzt eingetretenen allgemeinen Aufruhr kommen sahen, die »Abwärtsspirale der Gesellschaftsklassen« genannt hatte – ein Essay, dessen Lektüre man jedem nur wärmstens empfehlen kann (La spirale du déclassement, Seuil, 2016).

Dieses soziale Abrutschen ist die soziale Tatsache der letzten dreißig Jahre. Nennen wir es das Verschwinden der Mittelschicht in unseren Gesellschaften. Ob es unserem Ego paßt oder nicht, es gibt ein Gesetz der »Vermittelmäßigung«.

In der Theorie der Statistik heißt es zudem Normalverteilung mit Mittelwert Null. Auf die Gesellschaft angewandt besagt es, daß die Abweichungen zwischen den Menschen unerheblich sind. Die Kleider- und Schuhgrößen, die Abiturnoten, die Anzahl der Stunden, die wir mit Schlafen verbringen, die Lebenserwartung – all das gleicht sich mehr oder minder aus. Männer sind mehr oder minder 1,75 Meter groß, Frauen 1,65 Meter, der Intelligenzquotient eines Durchschnittsfranzosen liegt ungefähr bei 100, usw.

Sobald man aber jene Fragen angeht, die wirklich zählen, Macht und Wohlstand, erlaubt dieses Gesetz des Mittelmaßes exorbitante Abweichungen. Vergleicht man die Ärmsten mit den Reichsten, überragen letztere als Gullivers zehn-, zwanzig-, tausendmal den Ameisenhaufen der Liliputaner.

So funktioniert auch das Paretoprinzip, die 80-zu-20-Regel: 80 Prozent der Reichtümer kontrolliert von 20 Prozent der Menschen, beispielsweise. Dieses eherne Gesetz wurde während der Trente Glorieuses (1945-1973), als die mittelständischen Kreise aufrückten, eingeklammert – eine kurzzeitige Ausnahme von der Regel also, die in den 1980er Jahren ihr Ende fand, als der soziale Aufstieg der unteren Mittelständler (das ist die obere Schicht der gelernten Arbeiter und Angestellten) parallel zum Prozeß der Repatrimonialisierung der reichsten unter ihnen abbrach.

Dieses Auseinanderdriften – das Wegbrechen ganzer Teile des Mittelstandes – vollzog sich sozusagen unbemerkt von der Welt, weil der »Tatort« an die Ränder des französischen Hexagons verdrängt worden war: beim Volk nämlich, das, wegretuschiert, von den Radarbildschirmen der Medien verschwunden war.

Warum? Weil man etwas geschaffen hatte, was Guilluy eine »medienwirksame Sozialgeographie« nennt, in der die Idee eines von ethnischer Apartheid strukturierten Hexagons geboren wurde. Diese Idee, obschon weitab von den realen Verhältnissen, wurde dank der unablässigen Wiederholung zur »Bezugsgröße in der Soziallandschaft«, der zufolge, wollte man ihr glauben, die Bevölkerungen außereuropäischer Herkunft in den Banlieues von der Administration aufgegeben worden waren – während man ihnen doch, im Gegenteil, jede nur erdenkliche Sozialfürsorge angedeihen läßt.

Auf Schritt und Tritt wird uns also, hingeschmiert im Soziologenjargon eines Pierre Bourdieu, eine neue exotische Version von Hugos Miserablen aufgetischt. Eine Rap-Schule, die geöffnet wird: das ist – in dieser Sprache – ein Gefängnis, das endlich geschlossen wurde; ein defekter Fahrstuhl in La Courneuve (als Gemeinde mit dem höchsten Einwandereranteil in Frankreich): das ist der »Soziale Fahrstuhl«, der steckenbleibt, usw. Aber nichts über das Frankreich da unten, rein gar nichts über das Land von nebenan.

Johnny, der alte Diplodocus des Rock Diese Zurückdrängung des peripheren Frankreich in nihilum ist so tiefgreifend, daß die Leitartikler, zunächst fassungslos (das heißt, bevor sie zu ihren gewohnheitsmäßigen Klassenreflexen zurückfanden), das Gefühl vermittelten, es aus einer quasi-ethnologischen, um nicht zu sagen: zoologischen Perspektive unter die Lupe zu nehmen, als wären sie gerade dabei, eine Art endemischen Nebenzweig der menschlichen Gattung zu entdecken, irgendwo zwischen Homo periphericus und Homo sylvestris, hervorgegangen aus einem rückständigen 19. Jahrhundert.

Denn Paris ist heute vom französischen Hinterland weiter entfernt als von London oder Brüssel (Guilluy). Der letzte Ort, an dem die »Weltendler« (ökofreakisch, popkulturell und großstädtisch) den »Monatsendlern« noch hätten begegnen können, wäre der Wehrdienst gewesen.

Aber seitdem auch der abgeschafft wurde, herrscht dank einer Politik der getrennten Entwicklung, wie man (selbstverständlich im Namen des Antirassismus) in der guten alten Zeit der Apartheid zu sagen pflegte, der territoriale Separatismus vor.

Ergebnis: die abgerutschte Mehrheit muß sich den Durchbruch in die Aktualität erzwingen, muß mit Donner und Gloria in den wolkenlosen Himmel der Elite vordringen: mit dem Maastricht-Referendum etwa, mit dem ersten Durchgang bei der letzten Präsidentschaftswahl, mit der Beerdigung von Johnny. Ah, Johnny! So, jetzt ist der Name raus.

Die Gelbwesten – das ist natürlich sein Frankreich (bis hin zur Soziologie der Vornamen). In seinem billigen Cowboy-Look war er ihr Botschafter, mass-customized, aussehend wie einer seiner eigenen Fans, die, hingelümmelt auf die Couch, sich die Konzerte des Idols ihrer Jugend reinziehen, ihr Corona-Bier schlürfen und darüber alt geworden sind.

Seine Konzerte? Eine Art Johnnyland, bevölkert von Klonen und Abbildern des Stars. Ein Aufzug von Bandanas, behaarten Bikern, tätowierten Unterarmen, geschwollenen Bizepsen und ergrauten Schmalzlocken. Wie bei einem Wrestling-Match betrat Johnny die Bühne in einem Halo aus Kunstnebel und Laserstrahlen, rittlings auf seiner Harley, um den Hals eine Bikerkette mit verchromtem Stahlkreuz.

Dann riß er die Gitarre wie ein Staubsaugerrohr in die Höhe, und seine Stimme, ein Schiffshorn, machte sich über das Repertoire her. Zwischen zwei Songs wischte er sich den Schweiß von der Stirn und holte seinen Kamm hervor wie weiland James Dean in … denn sie wissen nicht, was sie tun.

Da flammten die Feuerzeuge auf und »Jojojo« erschallte es aus abertausend Kehlen. Das periphere Frankreich feierte seinen alternden Gott und johlte mit ihm »l’amurrr tujurs«. Dieses Frankreich hat ihn so sehr geliebt, weil er – wie es selbst – ein ausgesetztes Waisenkind war, nicht mehr und nicht weniger, das in den Pariser Salons immer aneckte.

Mochte er noch so fasziniert sein von den »States«, er hat nie aufgehört ein Franzose zu sein. Das Frankreich der Fernfahrer, der gauldo-Raucher, der Möbelpacker ist ihm dafür dankbar. Er ist einer von ihnen geblieben, inmitten von Kitsch lebend wie irgendein Sozialhilfeempfänger, der beim Lotto gewonnen hat, auch wenn dieser alte Diplodocus des Rock, mit der Seele voller Narben und verfolgt vom Fiskus, sein Vermögen in die Schweiz rettete.


Weder Marx noch Jesus

Von weitem hört man schon die Kritiker aus dem Schwarme Bourdieus und Orwells, die, aus jeweils unterschiedlichen Gründen, die Unterklasse in vorgefertigte Interpretationsraster pressen: entweder handelt es sich um einen in die Jahre gekommenen Marxismus, der nichts von der neuen Wohngeographie weiß, in der die sozialen Klassen umstrukturiert wurden (45 Prozent der Arbeiter sind heute Eigentümer ihrer Häuser); oder um common decency (»gewöhnlichen Anstand«) der, immer wieder heraufbeschworen, schließlich unanständig wird.

In der Hinsicht ist es nicht verkehrt, an die spitze Bemerkung zu erinnern, die Richard Hoggart in seiner meisterlichen Gesellschaftsstudie The Uses of Literacy: Aspects of Working Class Life (1957) gegen George Orwell richtete, der, wie Hoggart schreibt, »sich nie von seiner Manie befreien konnte, die Leute aus dem Volk durch den anheimelnden Dunst eines Café-concert der Belle Époque zu betrachten«.

Also, wie sieht sie nun aus, diese Soziologie des France périphérique? Tja, schauen Sie sich doch mal so eine Reality-Show im Fernsehen an (wir legen Ihnen vor allem die ergreifenden Folgen von Super Nanny ans Herz) und Sie werden nachher viel schlauer sein, als wenn Sie in den Wälzern eines Pierre Bourdieu oder Jean-Claude Passeron schmökern. (Die Bourdieu-Anhänger kennen die weiße Unterklasse so schlecht, weil ihnen nur das Meisterwerk von Richard Hoggart zur Verfügung steht, das 1957 erschien und die englische working class zwischen den beiden Weltkriegen beschreibt. Auf gut deutsch: ein Museumsstück.)

Verfolgen Sie die Talkshows von Jean-Jacques Bourdin, hören Sie Les Grandes Gueules (sinngemäß Die Dampfplauderer) auf Radio Monte-Carlo und lesen Sie die Lokalzeitung. Das Frankreich der Spielshows und eines Patrick Sébastien ist das, eine Welt, in der immer der Fernseher läuft, eine Dauerbeschallung, die bloße Nähe in ein akustisch zugesichertes Miteinander verwandelt.

Dieses Frankreich ereifert sich für die Grégory-Affäre (1984), die wechselvollen Schicksale der gekrönten Häupter, die Pechsträhnen der Promis, das Horoskop, Vermischtes aus der Lokalpresse, die pädophilen Verbrechen (»Wer wird endlich genug A… in der Hose haben, um für diese Dreckskerle die Todesstrafe wieder einzuführen!«).

Politik kommt dabei kaum vor, weil man diesem Frankreich die Souveränität entwendet hat. Deshalb versucht es sie sich jetzt – endlich! – so verbissen zurückzuholen. Ferner ist es unschlagbar in seinem Wissen um die Spritpreise, den Wetterbericht und die Herstellermarken.

Nichts ist ihm so ein Greuel wie Moralpredigten, die political correctness und die beschwichtigenden Reden der »Progressisten«, die darüber staunen, daß auch die Bälger der ploucs Flachbildschirme und Flatrates haben können. Aber natürlich!

Auch hier gibt es ja das prahlerische Mit-dem-Geldum-sich-Werfen, auch hier spielt der Narzißmus der kleinen Unterschiede eine Rolle. Aber man kauft halt Festina-Armbanduhren bei EasyCash und keine Rolex auf der Place Vendôme!

Wie erklärt man nur der linksradikalen Bourgeoisie, die die Migranten unter ihre Fittiche nahm, daß die Formen der Geselligkeit, die Auffassung von Unterhaltung und Muße, die Moden im Konsumverhalten zwischen einem »gentrifizierten« Pariser Arrondissement und einer Wohnsiedlung vom sozialen Standpunkt aus unvereinbar sind?

Dort bevorzugt man Bindungslosigkeit und Diversity (die unerwarteten Begegnungen); hier setzt man fast ausschließlich auf starke, ritualisierte (Familien-)Bande. Dort ist die Freizeitbeschäftigung kreativ und intellektuell (Kulturveranstaltungen); hier ist sie handwerklich und produktiv (beim Basteln und Schrauben ist man ein Tausendsassa, man hegt und pflegt sein Auto).

Dort geht man auf Reisen; hier reist man nicht, es sei denn, um die Familie in Allier oder Haute-Vienne zu besuchen. Dort hat man ein kulturelles Kapital; hier ein Kapital der Autochthonie (die Jagd, das Sainte-Barbe-Fest der Feuerwehr, den Dreikönigskuchen galette des rois, den Kalbskopf).

Dort – zumindest in Paris – sind die Kirchen überlaufen; hier macht man sich nicht einmal mehr die Mühe, sie aufzuschließen. Dort betet man für die Migranten; hier pflegt man noch immer einen Marienkult, aber die neue Madonna ist Lady Diana.

Wenn die Religion der Seligpreisungen in diesen Gegenden jeden kalt läßt, so deshalb, weil sie zum Geschäft der Reichen und Gebildeten geworden ist, die allesamt von Gesellschaftsthemen (Rechtsstellung des Embryos, Ehe für alle, Leihmutterschaft und künstliche Befruchtung) besessen sind.

Sie hat der weitgehend heidnischen Volksreligion den Rücken gekehrt unter dem Vorwand, daß deren Glaubensqualität recht mittelmäßig sei. Das Frankreich der Wohnsiedlungen Viel hat man über die Anwesenheit der Frauen an den Verkehrskreiseln gesprochen – was aber sagt man zum Schicksal des vereinsamten Mannes auf dem Lande?

Kein Buch von Houellebecq kann darüber Rechenschaft ablegen. Zu den fehlenden Berufsaussichten treten die fehlenden Heiratsaussichten hinzu. In seinem Buch Die Kerle von nebenan. Studie einer Landjugend (vgl. Pascal Eysseric: »Les oubliés. Classe populaire, nouvelle classe dangereuse«, in: Éléments 147, April / Juni 2013) hob Nicolas Renahy das Aufkommen des Junggesellentums bei den Arbeitern im ländlichen Raum hervor, vergleichbar dem Junggesellentum der Landwirte in den Jahren 1950 bis 1960.

Unsere paritätische Gesellschaft pfeift darauf. Wer weiß denn schon, daß bei den jungen Arbeitern auf dem Lande (ein Drittel der Erwerbstätigen im ländlichen Raum sind Arbeiter und einer von drei Franzosen zwischen 15 und 24 Jahren lebt auf dem Lande) die Zahl der Verkehrstoten am höchsten ist (80 Prozent der Verkehrsunfälle mit Todesfolge geschehen auf dem Lande)?

Das Auto, das am Samstagabend gegen die Platane kracht, ist die brutale Endstation für die Illusionen (und die Desillusionierung) der Landjugend! Aber es ist das Frankreich im Umland der Städte, das uns den genauesten Einblick in das Phänomen der Gelbwesten gewährt.

Allein da konzentrieren sich 15 Millionen Einwohner, von denen 90 Prozent in Einfamilienhäusern leben. Dieses Frankreich ist teilweise deckungsgleich mit den Gebieten, in denen der Front National gewählt wird. Seit 25 Jahren betreibt hier Jérôme Fourquet Wahlanalyse.

30 Kilometer vom Zentrum der Großstädte fuhr Marine Le Pen die besten Ergebnisse ein (für Jean-Marie Le Pen betrug die Entfernung noch 20 Kilometer). Die Pariser haben keine Autos mehr, hier aber gibt es (wenn die Frau auch arbeitet) zwei pro Haushalt.

Diese Siedlungsstrategie erlaubte es der Unter- und niedrigen Mittelklasse, sich zwei Kategorien vom Leibe zu halten, von denen sie sich um jeden Preis abheben wollen: die Einwanderer aus den Banlieues und die »Assis« in den Sozialwohnungen.

Um den Platz zu definieren, den die Unterklasse in der Gesellschaft zwischen »wir« und »sie« (Reiche, Einwanderer, »Assis«) einnehmen, sprechen die Bevölkerungswissenschaftler von einer sozialen Dreiecksposition. Niemals wird die Frage nach der Ablehnung der sozialen Durchmischung aufgeworfen.

Pst! Das ist das große Tabu des urbanen Umlands. Wovor fliehen sie bloß, all diese Unterschichtsfranzosen? Vor der Verteuerung der Immobilien, natürlich! Aber jenseits der hohen Immobilienpreise? Sie fliehen vor der außereuropäischen Immigration, Herrgott noch mal!

Die soziale Durchmischung (ein Euphemismus für die ethnische Durchmischung) ist der Clash of Civilizations vor der eigenen Haustür. Die CSP + entziehen sich ihr durch die Quadratmeterpreise; die CSP - durch die White flight aus den Banlieues der Immigranten.

So ist es nicht weiter erstaunlich, im harten Kern der Bewegung, bestehend aus 20 Prozent jener Franzosen, die sich offen als Gelbwesten definieren, eine Überrepräsentation des France périphérique zu finden (mehr als die Hälfte kommt aus ländlichen Gegenden oder aus Städten mit 2000 bis 20 000 Einwohnern) und eine Überrepräsentation der Marine Le Pen-Wähler in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl (42 Prozent nach einer Umfrage von Ende November 2018).


Die ländliche Version vom klimatisierten Alptraum

Dieses Frankreich des Wohnsiedlung-Biotops pflegt man bei den Amerikanern Suburbia zu nennen. Ein Gebiet, das die letzten Haltestellen des Pariser S-Bahnnetzes und die ersten des Regionalverkehrs umfaßt, wo die Züge immer Verspätung haben, wo die Ausgänge immer bei MacDonald enden und die Geburtstage bei Buffalo Grill.

In einer solchen endlosen, die individuellen Oasen vermehrenden Wohnsiedlung entdeckt man etwas von den Robinsonaden wieder, die Marx einst sarkastisch verspottete. Über kurz oder lang schnappen diese Einfamilienhäuser über ihren Bewohnern wie ausweglose Fallen zu.

Es gibt da keine Stacheldrahtzäune, sondern nur Thujahecken, die einen aufdringlichen Mentholgeruch verbreiten, aber die verhängten Strafen sind darum nicht weniger schwer: sie äußern sich in den Laufzeiten der Immobilienkredite, die zwanzig, dreißig Jahre dauern.

Unmöglich, diese Häuser wieder loszuwerden: Wenn man sie einmal abbezahlt hat, sind sie wertlos, unverkäuflich. Hohlblockstein und Gipskarton, gelblicher Verputz und Flachdachziegeln. Ein »Paradies für Hausfrauen«, höhnte Louis-Ferdinand Céline – nicht ganz, da die Mehrheit dieser Frauen sich scheiden läßt (mehr als 43 Prozent Alleinerziehende in nur 20 Jahren).

Alle Notare bestätigen es: sie sehen diese Paare zweimal, das erste Mal, wenn sie den Kaufvertrag für das Haus unterzeichnen, das zweite Mal, wenn sie die Scheidung einreichen. Mikrowellen, leere Wände, an denen die immergleichen New-York-City-Poster hängen, die immergleichen Teenagerzimmer und darin Bettbezüge, beflockt in den immergleichen Union-Jack-Farben.

Man hat den Eindruck, in einem Formule-1-Hotel zu leben. Dies ist die ländliche Version vom klimatisierten Alptraum. Überall Stille, manchmal durchschnitten von Hundegekläff und dem Surren der Rasenmäher. Nur noch die russische Steppe vermittelt so einen Eindruck von Monotonie: eine Welt bevölkert von Toten Seelen, wie in Gogols Roman.

Und da Célines Name bereits gefallen ist, wollen wir ihm, der in Les beaux draps (sinngemäß Eine schöne Bescherung) die hervorragendste Definition dieser Welt geliefert hat, das Wort überlassen.

Großer Kommunismus ist unnötig, sie würden davon eh nichts verstehen, einen (Eugène-) Labiche-Kommunismus braucht’s, einen Kommunismus der Kleinbürger, mit dem Einfamilienhaus, das man sich gestattet, erblich und unveräußerlich, auf jeden Fall unpfändbar, mit einem Garten von fünfhundert Quadratmetern!

Da hat Céline etwas zu großzügig geschätzt: fünfzig Quadratmeter Rasenfläche reichen vollauf, um einen Grill draufzustellen und ein Trampolin für die Kids. Das Einfamilienhaus war der Traum der Jahre 1970 bis 1980, der dem der Plattenbauten (1950 bis 1960) folgte.

Dies war, seit Giscard, das von der Kerosin-Elite für das Diesel-Volk ausgeklügelte Projekt. Genauso wie die Shoppingcenter, wie die industriellen Lebensmittel. Heute aber ist dieses energiefressende Frankreich – das Frankreich des von Bernard Charbonneau angeprangerten hommauto (Auto-Menschen) – am Ende.

Das Modell einer Ökonomie mit Regionalbezug steht, ökologisch und ökonomisch, vor dem Aus. Nicht aber politisch. Und gerade das ist das Gelbwesten-Paradox: Sie erwachen im selben Augenblick, in dem ihr beschaulicher Traum – Home, sweet home! – zusammenbricht.


 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)