Soziologie der Gelbwesten

von François Bousquet
PDF der Druckfassung aus Sezession 89/April 2019

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Sind die Gelb­wes­ten die neu­en Prü­gel­kna­ben, die ploucs émis­saires, wie es der uner­setz­li­che Phil­ip­pe Muray aus­drück­te? Man gewinnt fast die­sen Ein­druck. Auf jeden Fall bringt nichts die Vor­stel­lung bes­ser auf den Punkt, die sich die Eli­ten und der Macron­sche Macht­ap­pa­rat von ihnen machen – oder zumin­dest bis auf den Tag mach­ten, an dem dank ihnen die Stim­me des fran­zö­si­schen Vol­kes ver­nehm­bar wur­de. Wer sind die­se »Papu­as«, die die Ver­kehrs­krei­sel im Sturm nahmen?


Die Gelb­wes­ten – das ist die Theo­rie des Schwar­zen Schwans in ihrer Feld­rat­ten­ver­si­on. Wenn Sie die­se Theo­rie nicht ken­nen soll­ten, müs­sen Sie unbe­dingt das Buch von Nas­sim Nicho­las Tal­eb lesen, einem füh­ren­den Kopf des Risikomanagements.

Der Schwar­ze Schwan bezeich­net ein Ereig­nis, des­sen Wahr­schein­lich­keit gegen Null ten­diert, ein Ereig­nis, das nur mit einer äußerst gerin­gen Chan­ce ein­tritt, das aber, wenn es dann plötz­lich doch da ist, Fol­gen zei­tigt, die eine Sekun­de vor­her gänz­lich unvor­stell­bar gewe­sen wären … und eine Sekun­de danach auch. Die Gelb­wes­ten eben!

Nie­mals hät­te sie sich dies träu­men las­sen, die in die glo­ba­li­sier­te urbs ein­ge­logg­te Stadt­rat­te. Für sie ist es eine Art Alp­traum, der jeden Tag wie­der­kehrt, um sie in Form von Stra­ßen­sper­ren und popu­lis­ti­schen Slo­gans heim­zu­su­chen. Der gal­li­sche Hahn, der in der letz­ten Zeit eher an ein altes räu­di­ges Huhn erin­ner­te, gerupft und zer­zupft wie ein Abge­ord­ne­ter der Répu­bli­que en mar­che, ist plötz­lich erwacht.

Um die Wahr­heit zu sagen, gehofft hat das nie­mand mehr, die­ses Erwa­chen des emble­ma­ti­schen Feder­viehs, das laut Ety­mo­lo­gie sogar zwei­mal gal­lisch ist, zum einen als Gal­lus mit Majus­kel (der »Gal­li­er«), zum ande­ren als gal­lus mit Minus­kel, als der latei­ni­sche »Hahn«.

All­mäh­lich hat­te man sich sogar damit abge­fun­den, sei­ne Stumm­heit für Resi­li­enz zu hal­ten und sei­ne Resi­li­enz für Resi­gna­ti­on, so daß man bei­na­he über­rascht war, als sein Kike­ri­ki fast über­all auf dem Gebiet des alten Gal­li­en plötz­lich wie­der erschallte.

Ein Gal­li­en ohne oppi­dum zwar, aber über­sät mit Ver­kehrs­krei­seln, drei­ßig- bis vier­zig­tau­send. Sie sind eine fran­zö­si­sche Aus­nah­me­erschei­nung wie die Tas­ta­tur AZERTY, der Roh­milch­kä­se und die Enar­chen. Kno­ten­punk­te des Fran­ce péri­phé­ri­que.

Gleich­sam das Sym­bol sei­nes Kreis­laufs – man dreht sich im Kreis, des­sen Umfang zwi­schen drei­ßig und fünf­zig Kilo­me­tern beträgt, inner­halb des­sen alles dicht gemacht hat: Geis­ter­dör­fer, unmensch­li­che Wohn­sied­lun­gen und Ver­kehrs­ron­del­le, kahl oder über­frach­tet, die meis­ten durch blu­men­be­stan­de­ne Erd­hü­gel her­vor­ge­ho­ben dank jenes Hee­res von Urba­nis­ten und Ädi­len, die in ihrer Bedeu­tungs­lo­sig­keit nicht mehr wis­sen, wie sie ein­an­der an Geschmack­lo­sig­keit über­bie­ten sollen.

Im Netz ist übri­gens ein Wett­be­werb aus­ge­schrie­ben: Wem gebührt der Preis für den abscheu­lichs­ten Ver­kehrs­krei­sel, die kit­schigs­te the­ma­ti­sche Instal­la­ti­on, die däm­lichs­te Skulp­tur? Die von Châ­tel­ler­ault, die Gel­be Hand mit den drü­ber­ge­häng­ten Autos, gehör­te regel­mä­ßig zu den Favo­ri­ten, bevor dann ein Gelb­west­ler, im Klinsch mit der zeit­ge­nös­si­schen Rohr­kunst, die gute Idee hat­te, sie in Brand zu setzen.

Innen­mi­nis­ter Chris­to­phe Cas­ta­ner erin­ner­te sofort an die Bud­dhas von Bami­y­an, die von den Talib­ans weg­sprengt wur­den. Der arme Kerl!


Das unsicht­ba­re Frankreich

Zu die­sen Ver­kehrs­krei­seln also ström­te das peri­phe­re Frank­reich. Da gab es der Geschich­te ein Stell­dich­ein. Wohin hät­te es auch sonst gehen sol­len? Die Dorf­plät­ze sind gespens­tisch leer, die Bis­tros eben­so (90 Pro­zent wur­den seit 1960 geschlossen).

So blieb den Leu­ten nichts ande­res übrig, als not­dürf­ti­ge Ver­schlä­ge auf den Ver­kehrs­in­seln und an den Kreu­zun­gen der Land­stra­ßen zu errich­ten, um daselbst impro­vi­sier­te, wil­de Ver­samm­lun­gen abzu­hal­ten. Die­ses Mal ist es nicht ein­fach die Stra­ße, die demons­triert, son­dern die Landstraße.

Die­ses Mal empört sich nicht die Stadt, son­dern das Hin­ter­land. Par­ti­zi­pa­ti­ve Demo­kra­tie 2.0 unter frei­em Him­mel. Vom sozia­len Netz­werk zum Stra­ßen­netz. Dies ist übri­gens auch die ein­zi­ge Gemein­sam­keit mit 1968: Der Nach­bar von neben­an ließ sich wie­der in ein Gespräch ein mit dem Nach­barn von neben­an, den er sonst nur noch nach Schul­schluß oder am Ein­gang des Ein­kaufs­zen­trums zu Gesicht bekam.

Para­do­xer­wei­se boten gera­de die­se Kreis­ver­keh­re, wo gewöhn­li­cher­wei­se kein ein­zi­ger Fuß­gän­ger auf­kreuzt, Gele­gen­heit, den arg ange­schla­ge­nen gesel­li­gen, das heißt gesell­schaft­li­chen Umgang einer peri­phe­ren Regi­on wie­der her­zu­stel­len, die nach Strich und Faden in die Unsicht­bar­keit abge­drängt wor­den war.

Denn von hier aus schwärm­ten vor zwei Mona­ten die­se Glüh­würm­chen in die Nacht aus, die fluo­res­zie­ren­den Gelb­wes­ten. Drei­ßig Jah­re, wirk­lich, drei­ßig Jah­re ist es schon her, daß man die­ses Frank­reich leben­dig begrub und in die äußers­te Fins­ter­nis verstieß.

In ein schwar­zes Loch. In sei­nem Meis­ter­werk Der unsicht­ba­re Mann (1952), hat­te der Schrift­stel­ler Ralph Elli­son gezeigt, daß die Schwar­zen zur Zeit der Segre­ga­ti­on unsicht­bar waren. Gesell­schaft­lich hat­ten sie einen Geis­ter­sta­tus inne: Moch­te man sie auch auf der Stra­ße antref­fen, man sah sie nicht.

Die­sem Pro­zeß der gesell­schaft­li­chen und medi­en­be­wirk­ten Ver­sen­kung in der Unsicht­bar­keit fiel das peri­phe­re Frank­reich zum Opfer. Der Begriff der Segre­ga­ti­on bringt sei­nen Sta­tus de secon­de zone – also: zwei­ter Klas­se – gut auf den Punkt.

Das Frank­reich der Wohn­sied­lun­gen wur­de von den Medi­en in den Orkus ver­bannt. Weg mit die­sem gal­li­schen Urein­woh­ner! Nur noch die Rol­le des Trot­tels im glo­ba­len Dorf kam ihm zu. Fort­an soll­te er, der kei­ner vom Sys­tem mit dem Güte­sie­gel ver­se­he­nen Min­der­heit ange­hör­te, die Vor­ur­tei­le mit geball­ter Kraft abbekommen.

Kei­ne Opfer der Homo­pho­bie noch der Ras­sen­zu­schrei­bung und noch viel weni­ger der Trans­pho­bie, son­dern aus­schließ­lich sol­che der Plou­co­pho­bie, der »Angst vor dem Unge­ho­bel­ten«, sind hier aus­zu­ma­chen – des ein­zi­gen auto­ri­sier­ten Rassismus.

So also funk­tio­niert die­se modi­sche Phi­lo­so­phie der Alteri­tät in den Pari­ser Redak­ti­ons­stu­ben: Sie führ­te zu einer Alteri­tät des Urteils bei den Eli­ten, die ange­sichts der »Flücht­lings­rou­ten«, der »Flucht­sta­tio­nen« und den Men­schen­rech­ten ent­zückt auf­jap­sen – vor­aus­ge­setzt, der in Rede ste­hen­de Mensch ist Mali­er in Mon­treuil, Kamel­trei­ber in Goutte‑d’Or oder Mara­bout in Château‑d’Eau.

Es ist qua­si unmög­lich, einen Pari­ser Bahn­hof zu durch­que­ren, ohne daß einem die 17 Arti­kel der Men­schen­rechts­er­klä­rung auf­ge­drängt wer­den – wen aber schert’s, daß inzwi­schen die Bahn­hö­fe des Regio­nal­net­zes einer nach dem ande­ren geschlos­sen werden?

Da gibt es kei­nen ein­zi­gen Per­so­nal­chef, der nicht von Inklu­si­on und Behin­der­ten mit ein­ge­schränk­ter Mobi­li­tät redet, aber auf die Idee, daß zur ein­ge­schränk­ten Mobi­li­tät eben auch das peri­phe­re Frank­reichs gehört, kommt er nicht. Da gibt es kei­nen ein­zi­gen Medi­zin­stu­den­ten, der nicht von einer Zukunft als French Doc­tor (Ärz­te ohne Gren­zen) träumt, aber man suche mal nach einem Zahn­arzt in den Ardennen!

Tja, man geht halt nicht mehr zum Zahn­arzt: viel zu teu­er, zu lang die War­te­zei­ten. Über die­se Any­whe­res hat Rous­se­au schon das Nötigs­te gesagt:

Nehmt euch vor die­sen Kos­mo­po­li­ten in acht, die in ihren Schrif­ten aus wei­ter Fer­ne Pflich­ten her­ho­len, deren Erfül­lung sie in bezug auf ihre eige­ne Umge­bung ver­ächt­lich zurück­wei­sen. Ein sol­cher Phi­lo­soph liebt die Tata­ren, um des­sen über­ho­ben zu sein, sei­ne Nach­barn zu lieben.


Hört ihr auf den Feldern

Wenn der Geo­graph Chris­toph Guil­luy und eini­ge ande­re die ploucs émis­saires nicht aus­ge­gra­ben hät­ten, wüß­ten wir gar nicht, daß es sie gibt. Die­ses Frank­reich von »Ker­len, die Kip­pen rau­chen und mit Die­sel fah­ren« laut unse­rem unver­gleich­li­chen Ben­ja­min Gri­veaux, dem Pres­se­spre­cher einer Regie­rung, die zu ver­ges­sen scheint, daß das Auto für eine erdrü­cken­de Mehr­heit der Fran­zo­sen das ein­zi­ge Fort­be­we­gungs­mit­tel ist (zwei Drit­tel der Pari­ser benut­zen öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel, um zu ihrer Arbeits­stel­le zu gelan­gen, aber nur sie­ben Pro­zent im Rest des Landes).

Wie? Die empö­ren sich, die­se Lum­pen­pro­le­ta­ri­er? Das ist ja die Höhe! Wenn sie kei­ne Autos haben, mögen sie sich doch auf Tret­rol­lern fort­be­we­gen! Unlängst noch Kenn­zei­chen des Reich­tums, wur­de so das Auto zum Ver­kehrs­mit­tel der Fran­zo­sen, die aus beschei­de­nen Ver­hält­nis­sen stammen.

Hier wie andern­orts erleb­te man eine Umkeh­rung der sozia­len Reprä­sen­ta­tio­nen. Die Ent­wick­lung des Sym­bol­ge­halts des Dicken ist auch so eine Geschich­te. Die Wohl­be­leibt­heit, die einst dem Prud­hom­me­schen Bour­geois des 19. Jahr­hun­derts zum Vor­teil gereich­te, ist heu­te ein Vor­recht der unte­ren Volksschichten.

Und die Mobi­li­tät, einst inhä­rent der gefähr­li­chen Unter­klas­se, wur­de von den neu­en noma­di­sie­ren­den Eli­ten zur Reli­gi­on erhoben.

Woher auch soll­ten sie die­ses par­al­le­le Frank­reich ken­nen? Es hat eine eige­ne Kohä­renz, eige­ne Codes, eine eige­ne Kul­tur. Es ist bei wei­tem endo­ga­mer als der natio­na­le Durch­schnitt, viel homo­ge­ner als das, wo rauf die Jour­na­lis­ten es lie­bend gern her­ab­stut­zen wür­den, auf ein Sam­mel­su­ri­um aus dis­pa­ra­ten Unzu­frie­den­heits­be­kun­dun­gen, die an jenen bereits 150 Jah­re alten Spruch von Hen­ri Roche­fort erin­nern sollen:

Frank­reich hat unzäh­li­ge Mil­lio­nen sujets (Unter­ta­nen), die sujets der Unzu­frie­den­heit gar nicht mitgerechnet.

Klar, alle Arbeits­pro­fi­le sind hier ver­tre­ten, alle Beru­fe, so daß man den Ein­druck hat, im Gewer­be­ver­zeich­nis der Arbeits­agen­tur Pôle Emploi zu blät­tern, die­sem Wäl­zer mit sei­nen 10 000 Metiers! Paa­re, allein­er­zie­hen­de Müt­ter, Malo­cher im Blau­mann – alles kun­ter­bunt durcheinander.

Land­be­woh­ner und Ban­lieue­be­woh­ner. Das Frank­reich von ges­tern und das von heu­te, des Kirch­spren­gels und des Selbst­be­die­nungs­la­dens. Die Gelb­wes­ten der Woche und jene des Wochen­en­des. Die einen: Rent­ner, Arbeits­lo­se oder Leih­ar­bei­ter; die ande­ren: Ange­stell­te oder Selbständige.

Sol­che, die in den sozia­len Netz­wer­ken auf­fal­len, und sol­che, die sich auf dem Gelän­de durch­set­zen. Aber gemein­sam ist allen, abge­se­hen von den glei­chen Wes­ten, die sie tra­gen, und abge­se­hen von der Mar­seil­lai­se, die sie in der Ton­la­ge der Sans­cu­lot­te­rie anstim­men, daß sie am Monats­en­de mit den­sel­ben Schwie­rig­kei­ten zu kämp­fen haben, daß sie Zah­lungs­ver­zü­ge der Fami­li­en­kas­se hin­neh­men müs­sen, Strei­tig­kei­ten mit der Sozi­al­ver­si­che­rung, die­sel­be Pre­ka­ri­tät, die glei­chen unbe­zahl­ten Unter­halts­bei­trä­ge, den­sel­ben Wucher, daß sie vor den­sel­ben Ent­schei­dun­gen ste­hen, ob man hei­zen oder doch lie­ber zum Arzt gehen sollte.

Das Frank­reich der Mit­tel­schicht, aber einer unte­ren Mit­tel­schicht, die sich um oder viel­mehr unter dem mitt­le­ren Monats­ein­kom­men ansie­delt, das heißt unter 1700 Euro nach Abzug der Steu­ern (Jérô­me Sain­te-Marie). Die­ses Frank­reich, das bereits am 20. oder 25. des Monats plei­te ist, das nie zum Schi­lau­fen fährt, nie ins Aus­land kommt, weder von der Abschaf­fung der ISF (Soli­da­ri­täts­steu­er auf Ver­mö­gen) pro­fi­tiert, noch zu Sozi­al­hil­fe­leis­tun­gen berech­tigt ist, erweckt weder Eupho­rie wie die Super­rei­chen, noch Mit­leid wie das gro­ße Elend.


Die sozia­len Klas­sen in der Abwärtsspirale

Ein Land, das gefan­gen ist in dem, was Lou­is Chau­vel, einer der weni­gen Sozio­lo­gen, die den jetzt ein­ge­tre­te­nen all­ge­mei­nen Auf­ruhr kom­men sahen, die »Abwärts­spi­ra­le der Gesell­schafts­klas­sen« genannt hat­te – ein Essay, des­sen Lek­tü­re man jedem nur wärms­tens emp­feh­len kann (La spi­ra­le du déclas­se­ment, Seuil, 2016).

Die­ses sozia­le Abrut­schen ist die sozia­le Tat­sa­che der letz­ten drei­ßig Jah­re. Nen­nen wir es das Ver­schwin­den der Mit­tel­schicht in unse­ren Gesell­schaf­ten. Ob es unse­rem Ego paßt oder nicht, es gibt ein Gesetz der »Ver­mit­tel­mä­ßi­gung«.

In der Theo­rie der Sta­tis­tik heißt es zudem Nor­mal­ver­tei­lung mit Mit­tel­wert Null. Auf die Gesell­schaft ange­wandt besagt es, daß die Abwei­chun­gen zwi­schen den Men­schen uner­heb­lich sind. Die Klei­der- und Schuh­grö­ßen, die Abitur­no­ten, die Anzahl der Stun­den, die wir mit Schla­fen ver­brin­gen, die Lebens­er­war­tung – all das gleicht sich mehr oder min­der aus. Män­ner sind mehr oder min­der 1,75 Meter groß, Frau­en 1,65 Meter, der Intel­li­genz­quo­ti­ent eines Durch­schnitts­fran­zo­sen liegt unge­fähr bei 100, usw.

Sobald man aber jene Fra­gen angeht, die wirk­lich zäh­len, Macht und Wohl­stand, erlaubt die­ses Gesetz des Mit­tel­ma­ßes exor­bi­tan­te Abwei­chun­gen. Ver­gleicht man die Ärms­ten mit den Reichs­ten, über­ra­gen letz­te­re als Gul­li­vers zehn‑, zwanzig‑, tau­send­mal den Amei­sen­hau­fen der Liliputaner.

So funk­tio­niert auch das Pare­to­prin­zip, die 80-zu-20-Regel: 80 Pro­zent der Reich­tü­mer kon­trol­liert von 20 Pro­zent der Men­schen, bei­spiels­wei­se. Die­ses eher­ne Gesetz wur­de wäh­rend der Tren­te Glo­ri­eu­ses (1945–1973), als die mit­tel­stän­di­schen Krei­se auf­rück­ten, ein­ge­klam­mert – eine kurz­zei­ti­ge Aus­nah­me von der Regel also, die in den 1980er Jah­ren ihr Ende fand, als der sozia­le Auf­stieg der unte­ren Mit­tel­ständ­ler (das ist die obe­re Schicht der gelern­ten Arbei­ter und Ange­stell­ten) par­al­lel zum Pro­zeß der Repa­tri­mo­nia­li­sie­rung der reichs­ten unter ihnen abbrach.

Die­ses Aus­ein­an­der­drif­ten – das Weg­bre­chen gan­zer Tei­le des Mit­tel­stan­des – voll­zog sich sozu­sa­gen unbe­merkt von der Welt, weil der »Tat­ort« an die Rän­der des fran­zö­si­schen Hexa­gons ver­drängt wor­den war: beim Volk näm­lich, das, weg­re­tu­schiert, von den Radar­bild­schir­men der Medi­en ver­schwun­den war.

War­um? Weil man etwas geschaf­fen hat­te, was Guil­luy eine »medi­en­wirk­sa­me Sozi­al­geo­gra­phie« nennt, in der die Idee eines von eth­ni­scher Apart­heid struk­tu­rier­ten Hexa­gons gebo­ren wur­de. Die­se Idee, obschon weit­ab von den rea­len Ver­hält­nis­sen, wur­de dank der unab­läs­si­gen Wie­der­ho­lung zur »Bezugs­grö­ße in der Sozi­al­land­schaft«, der zufol­ge, woll­te man ihr glau­ben, die Bevöl­ke­run­gen außer­eu­ro­päi­scher Her­kunft in den Ban­lieues von der Admi­nis­tra­ti­on auf­ge­ge­ben wor­den waren – wäh­rend man ihnen doch, im Gegen­teil, jede nur erdenk­li­che Sozi­al­für­sor­ge ange­dei­hen läßt.

Auf Schritt und Tritt wird uns also, hin­ge­schmiert im Sozio­lo­gen­jar­gon eines Pierre Bour­dieu, eine neue exo­ti­sche Ver­si­on von Hugos Mise­ra­blen auf­ge­tischt. Eine Rap-Schu­le, die geöff­net wird: das ist – in die­ser Spra­che – ein Gefäng­nis, das end­lich geschlos­sen wur­de; ein defek­ter Fahr­stuhl in La Cour­neuve (als Gemein­de mit dem höchs­ten Ein­wan­de­rer­an­teil in Frank­reich): das ist der »Sozia­le Fahr­stuhl«, der ste­cken­bleibt, usw. Aber nichts über das Frank­reich da unten, rein gar nichts über das Land von nebenan.

John­ny, der alte Diplo­do­cus des Rock Die­se Zurück­drän­gung des peri­phe­ren Frank­reich in nihi­lum ist so tief­grei­fend, daß die Leit­ar­tik­ler, zunächst fas­sungs­los (das heißt, bevor sie zu ihren gewohn­heits­mä­ßi­gen Klas­sen­re­fle­xen zurück­fan­den), das Gefühl ver­mit­tel­ten, es aus einer qua­si-eth­no­lo­gi­schen, um nicht zu sagen: zoo­lo­gi­schen Per­spek­ti­ve unter die Lupe zu neh­men, als wären sie gera­de dabei, eine Art ende­mi­schen Neben­zweig der mensch­li­chen Gat­tung zu ent­de­cken, irgend­wo zwi­schen Homo peri­phe­ri­cus und Homo syl­ves­tris, her­vor­ge­gan­gen aus einem rück­stän­di­gen 19. Jahrhundert.

Denn Paris ist heu­te vom fran­zö­si­schen Hin­ter­land wei­ter ent­fernt als von Lon­don oder Brüs­sel (Guil­luy). Der letz­te Ort, an dem die »Welt­end­ler« (öko­frea­kisch, pop­kul­tu­rell und groß­städ­tisch) den »Monats­end­lern« noch hät­ten begeg­nen kön­nen, wäre der Wehr­dienst gewesen.

Aber seit­dem auch der abge­schafft wur­de, herrscht dank einer Poli­tik der getrenn­ten Ent­wick­lung, wie man (selbst­ver­ständ­lich im Namen des Anti­ras­sis­mus) in der guten alten Zeit der Apart­heid zu sagen pfleg­te, der ter­ri­to­ria­le Sepa­ra­tis­mus vor.

Ergeb­nis: die abge­rutsch­te Mehr­heit muß sich den Durch­bruch in die Aktua­li­tät erzwin­gen, muß mit Don­ner und Glo­ria in den wol­ken­lo­sen Him­mel der Eli­te vor­drin­gen: mit dem Maas­tricht-Refe­ren­dum etwa, mit dem ers­ten Durch­gang bei der letz­ten Prä­si­dent­schafts­wahl, mit der Beer­di­gung von John­ny. Ah, John­ny! So, jetzt ist der Name raus.

Die Gelb­wes­ten – das ist natür­lich sein Frank­reich (bis hin zur Sozio­lo­gie der Vor­na­men). In sei­nem bil­li­gen Cow­boy-Look war er ihr Bot­schaf­ter, mass-cus­to­mi­zed, aus­se­hend wie einer sei­ner eige­nen Fans, die, hin­ge­lüm­melt auf die Couch, sich die Kon­zer­te des Idols ihrer Jugend rein­zie­hen, ihr Coro­na-Bier schlür­fen und dar­über alt gewor­den sind.

Sei­ne Kon­zer­te? Eine Art John­ny­land, bevöl­kert von Klo­nen und Abbil­dern des Stars. Ein Auf­zug von Banda­nas, behaar­ten Bikern, täto­wier­ten Unter­ar­men, geschwol­le­nen Bizep­sen und ergrau­ten Schmalz­lo­cken. Wie bei einem Wrest­ling-Match betrat John­ny die Büh­ne in einem Halo aus Kunst­ne­bel und Laser­strah­len, ritt­lings auf sei­ner Har­ley, um den Hals eine Biker­ket­te mit ver­chrom­tem Stahlkreuz.

Dann riß er die Gitar­re wie ein Staub­sauger­rohr in die Höhe, und sei­ne Stim­me, ein Schiffs­horn, mach­te sich über das Reper­toire her. Zwi­schen zwei Songs wisch­te er sich den Schweiß von der Stirn und hol­te sei­nen Kamm her­vor wie wei­land James Dean in … denn sie wis­sen nicht, was sie tun.

Da flamm­ten die Feu­er­zeu­ge auf und »Jojo­jo« erschall­te es aus aber­tau­send Keh­len. Das peri­phe­re Frank­reich fei­er­te sei­nen altern­den Gott und johl­te mit ihm »l’amurrr tuju­rs«. Die­ses Frank­reich hat ihn so sehr geliebt, weil er – wie es selbst – ein aus­ge­setz­tes Wai­sen­kind war, nicht mehr und nicht weni­ger, das in den Pari­ser Salons immer aneckte.

Moch­te er noch so fas­zi­niert sein von den »Sta­tes«, er hat nie auf­ge­hört ein Fran­zo­se zu sein. Das Frank­reich der Fern­fah­rer, der gaul­do-Rau­cher, der Möbel­pa­cker ist ihm dafür dank­bar. Er ist einer von ihnen geblie­ben, inmit­ten von Kitsch lebend wie irgend­ein Sozi­al­hil­fe­emp­fän­ger, der beim Lot­to gewon­nen hat, auch wenn die­ser alte Diplo­do­cus des Rock, mit der See­le vol­ler Nar­ben und ver­folgt vom Fis­kus, sein Ver­mö­gen in die Schweiz rettete.


Weder Marx noch Jesus

Von wei­tem hört man schon die Kri­ti­ker aus dem Schwar­me Bour­dieus und Orwells, die, aus jeweils unter­schied­li­chen Grün­den, die Unter­klas­se in vor­ge­fer­tig­te Inter­pre­ta­ti­ons­ras­ter pres­sen: ent­we­der han­delt es sich um einen in die Jah­re gekom­me­nen Mar­xis­mus, der nichts von der neu­en Wohn­geo­gra­phie weiß, in der die sozia­len Klas­sen umstruk­tu­riert wur­den (45 Pro­zent der Arbei­ter sind heu­te Eigen­tü­mer ihrer Häu­ser); oder um com­mon decen­cy (»gewöhn­li­chen Anstand«) der, immer wie­der her­auf­be­schwo­ren, schließ­lich unan­stän­dig wird.

In der Hin­sicht ist es nicht ver­kehrt, an die spit­ze Bemer­kung zu erin­nern, die Richard Hog­gart in sei­ner meis­ter­li­chen Gesell­schafts­stu­die The Uses of Liter­acy: Aspects of Working Class Life (1957) gegen Geor­ge Orwell rich­te­te, der, wie Hog­gart schreibt, »sich nie von sei­ner Manie befrei­en konn­te, die Leu­te aus dem Volk durch den anhei­meln­den Dunst eines Café-con­cert der Bel­le Épo­que zu betrachten«.

Also, wie sieht sie nun aus, die­se Sozio­lo­gie des Fran­ce péri­phé­ri­que? Tja, schau­en Sie sich doch mal so eine Rea­li­ty-Show im Fern­se­hen an (wir legen Ihnen vor allem die ergrei­fen­den Fol­gen von Super Nan­ny ans Herz) und Sie wer­den nach­her viel schlau­er sein, als wenn Sie in den Wäl­zern eines Pierre Bour­dieu oder Jean-Clau­de Pas­se­ron schmö­kern. (Die Bour­dieu-Anhän­ger ken­nen die wei­ße Unter­klas­se so schlecht, weil ihnen nur das Meis­ter­werk von Richard Hog­gart zur Ver­fü­gung steht, das 1957 erschien und die eng­li­sche working class zwi­schen den bei­den Welt­krie­gen beschreibt. Auf gut deutsch: ein Museumsstück.)

Ver­fol­gen Sie die Talk­shows von Jean-Jac­ques Bour­din, hören Sie Les Gran­des Gueu­les (sinn­ge­mäß Die Dampf­plau­de­rer) auf Radio Mon­te-Car­lo und lesen Sie die Lokal­zei­tung. Das Frank­reich der Spiel­shows und eines Patrick Sébas­tien ist das, eine Welt, in der immer der Fern­se­her läuft, eine Dau­er­be­schal­lung, die blo­ße Nähe in ein akus­tisch zuge­si­cher­tes Mit­ein­an­der verwandelt.

Die­ses Frank­reich erei­fert sich für die Gré­go­ry-Affä­re (1984), die wech­sel­vol­len Schick­sa­le der gekrön­ten Häup­ter, die Pech­sträh­nen der Pro­mis, das Horo­skop, Ver­misch­tes aus der Lokal­pres­se, die pädo­phi­len Ver­bre­chen (»Wer wird end­lich genug A… in der Hose haben, um für die­se Drecksker­le die Todes­stra­fe wie­der einzuführen!«).

Poli­tik kommt dabei kaum vor, weil man die­sem Frank­reich die Sou­ve­rä­ni­tät ent­wen­det hat. Des­halb ver­sucht es sie sich jetzt – end­lich! – so ver­bis­sen zurück­zu­ho­len. Fer­ner ist es unschlag­bar in sei­nem Wis­sen um die Sprit­prei­se, den Wet­ter­be­richt und die Herstellermarken.

Nichts ist ihm so ein Greu­el wie Moral­pre­dig­ten, die poli­ti­cal cor­rect­ness und die beschwich­ti­gen­den Reden der »Pro­gres­sis­ten«, die dar­über stau­nen, daß auch die Bäl­ger der ploucs Flach­bild­schir­me und Flat­rates haben kön­nen. Aber natürlich!

Auch hier gibt es ja das prah­le­ri­sche Mit-dem-Geld­um-sich-Wer­fen, auch hier spielt der Nar­ziß­mus der klei­nen Unter­schie­de eine Rol­le. Aber man kauft halt Fes­ti­na-Arm­band­uh­ren bei Easy­Cash und kei­ne Rolex auf der Place Vendôme!

Wie erklärt man nur der links­ra­di­ka­len Bour­geoi­sie, die die Migran­ten unter ihre Fit­ti­che nahm, daß die For­men der Gesel­lig­keit, die Auf­fas­sung von Unter­hal­tung und Muße, die Moden im Kon­sum­ver­hal­ten zwi­schen einem »gen­tri­fi­zier­ten« Pari­ser Arron­dis­se­ment und einer Wohn­sied­lung vom sozia­len Stand­punkt aus unver­ein­bar sind?

Dort bevor­zugt man Bin­dungs­lo­sig­keit und Diver­si­ty (die uner­war­te­ten Begeg­nun­gen); hier setzt man fast aus­schließ­lich auf star­ke, ritua­li­sier­te (Familien-)Bande. Dort ist die Frei­zeit­be­schäf­ti­gung krea­tiv und intel­lek­tu­ell (Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen); hier ist sie hand­werk­lich und pro­duk­tiv (beim Bas­teln und Schrau­ben ist man ein Tau­send­sas­sa, man hegt und pflegt sein Auto).

Dort geht man auf Rei­sen; hier reist man nicht, es sei denn, um die Fami­lie in Alli­er oder Hau­te-Vien­ne zu besu­chen. Dort hat man ein kul­tu­rel­les Kapi­tal; hier ein Kapi­tal der Auto­chtho­nie (die Jagd, das Sain­te-Bar­be-Fest der Feu­er­wehr, den Drei­kö­nigs­ku­chen galet­te des rois, den Kalbs­kopf).

Dort – zumin­dest in Paris – sind die Kir­chen über­lau­fen; hier macht man sich nicht ein­mal mehr die Mühe, sie auf­zu­schlie­ßen. Dort betet man für die Migran­ten; hier pflegt man noch immer einen Mari­en­kult, aber die neue Madon­na ist Lady Diana.

Wenn die Reli­gi­on der Selig­prei­sun­gen in die­sen Gegen­den jeden kalt läßt, so des­halb, weil sie zum Geschäft der Rei­chen und Gebil­de­ten gewor­den ist, die alle­samt von Gesell­schafts­the­men (Rechts­stel­lung des Embry­os, Ehe für alle, Leih­mut­ter­schaft und künst­li­che Befruch­tung) beses­sen sind.

Sie hat der weit­ge­hend heid­ni­schen Volks­re­li­gi­on den Rücken gekehrt unter dem Vor­wand, daß deren Glau­bens­qua­li­tät recht mit­tel­mä­ßig sei. Das Frank­reich der Wohn­sied­lun­gen Viel hat man über die Anwe­sen­heit der Frau­en an den Ver­kehrs­krei­seln gespro­chen – was aber sagt man zum Schick­sal des ver­ein­sam­ten Man­nes auf dem Lande?

Kein Buch von Hou­el­le­becq kann dar­über Rechen­schaft able­gen. Zu den feh­len­den Berufs­aus­sich­ten tre­ten die feh­len­den Hei­rats­aus­sich­ten hin­zu. In sei­nem Buch Die Ker­le von neben­an. Stu­die einer Land­ju­gend (vgl. Pas­cal Eysse­ric: »Les oubliés. Clas­se popu­lai­re, nou­vel­le clas­se dan­ge­reu­se«, in: Élé­ments 147, April / Juni 2013) hob Nico­las Rena­hy das Auf­kom­men des Jung­ge­sel­len­tums bei den Arbei­tern im länd­li­chen Raum her­vor, ver­gleich­bar dem Jung­ge­sel­len­tum der Land­wir­te in den Jah­ren 1950 bis 1960.

Unse­re pari­tä­ti­sche Gesell­schaft pfeift dar­auf. Wer weiß denn schon, daß bei den jun­gen Arbei­tern auf dem Lan­de (ein Drit­tel der Erwerbs­tä­ti­gen im länd­li­chen Raum sind Arbei­ter und einer von drei Fran­zo­sen zwi­schen 15 und 24 Jah­ren lebt auf dem Lan­de) die Zahl der Ver­kehrs­to­ten am höchs­ten ist (80 Pro­zent der Ver­kehrs­un­fäl­le mit Todes­fol­ge gesche­hen auf dem Lande)?

Das Auto, das am Sams­tag­abend gegen die Pla­ta­ne kracht, ist die bru­ta­le End­sta­ti­on für die Illu­sio­nen (und die Des­il­lu­sio­nie­rung) der Land­ju­gend! Aber es ist das Frank­reich im Umland der Städ­te, das uns den genau­es­ten Ein­blick in das Phä­no­men der Gelb­wes­ten gewährt.

Allein da kon­zen­trie­ren sich 15 Mil­lio­nen Ein­woh­ner, von denen 90 Pro­zent in Ein­fa­mi­li­en­häu­sern leben. Die­ses Frank­reich ist teil­wei­se deckungs­gleich mit den Gebie­ten, in denen der Front Natio­nal gewählt wird. Seit 25 Jah­ren betreibt hier Jérô­me Four­quet Wahlanalyse.

30 Kilo­me­ter vom Zen­trum der Groß­städ­te fuhr Mari­ne Le Pen die bes­ten Ergeb­nis­se ein (für Jean-Marie Le Pen betrug die Ent­fer­nung noch 20 Kilo­me­ter). Die Pari­ser haben kei­ne Autos mehr, hier aber gibt es (wenn die Frau auch arbei­tet) zwei pro Haushalt.

Die­se Sied­lungs­stra­te­gie erlaub­te es der Unter- und nied­ri­gen Mit­tel­klas­se, sich zwei Kate­go­rien vom Lei­be zu hal­ten, von denen sie sich um jeden Preis abhe­ben wol­len: die Ein­wan­de­rer aus den Ban­lieues und die »Assis« in den Sozialwohnungen.

Um den Platz zu defi­nie­ren, den die Unter­klas­se in der Gesell­schaft zwi­schen »wir« und »sie« (Rei­che, Ein­wan­de­rer, »Assis«) ein­neh­men, spre­chen die Bevöl­ke­rungs­wis­sen­schaft­ler von einer sozia­len Drei­ecks­po­si­ti­on. Nie­mals wird die Fra­ge nach der Ableh­nung der sozia­len Durch­mi­schung aufgeworfen.

Pst! Das ist das gro­ße Tabu des urba­nen Umlands. Wovor flie­hen sie bloß, all die­se Unter­schichts­fran­zo­sen? Vor der Ver­teue­rung der Immo­bi­li­en, natür­lich! Aber jen­seits der hohen Immo­bi­li­en­prei­se? Sie flie­hen vor der außer­eu­ro­päi­schen Immi­gra­ti­on, Herr­gott noch mal!

Die sozia­le Durch­mi­schung (ein Euphe­mis­mus für die eth­ni­sche Durch­mi­schung) ist der Clash of Civi­liz­a­ti­ons vor der eige­nen Haus­tür. Die CSP + ent­zie­hen sich ihr durch die Qua­drat­me­ter­prei­se; die CSP – durch die White flight aus den Ban­lieues der Immigranten.

So ist es nicht wei­ter erstaun­lich, im har­ten Kern der Bewe­gung, bestehend aus 20 Pro­zent jener Fran­zo­sen, die sich offen als Gelb­wes­ten defi­nie­ren, eine Über­re­prä­sen­ta­ti­on des Fran­ce péri­phé­ri­que zu fin­den (mehr als die Hälf­te kommt aus länd­li­chen Gegen­den oder aus Städ­ten mit 2000 bis 20 000 Ein­woh­nern) und eine Über­re­prä­sen­ta­ti­on der Mari­ne Le Pen-Wäh­ler in der ers­ten Run­de der Prä­si­dent­schafts­wahl (42 Pro­zent nach einer Umfra­ge von Ende Novem­ber 2018).


Die länd­li­che Ver­si­on vom kli­ma­ti­sier­ten Alptraum

Die­ses Frank­reich des Wohn­sied­lung-Bio­tops pflegt man bei den Ame­ri­ka­nern Sub­ur­bia zu nen­nen. Ein Gebiet, das die letz­ten Hal­te­stel­len des Pari­ser S‑Bahnnetzes und die ers­ten des Regio­nal­ver­kehrs umfaßt, wo die Züge immer Ver­spä­tung haben, wo die Aus­gän­ge immer bei Mac­Do­nald enden und die Geburts­ta­ge bei Buf­fa­lo Grill.

In einer sol­chen end­lo­sen, die indi­vi­du­el­len Oasen ver­meh­ren­den Wohn­sied­lung ent­deckt man etwas von den Robin­so­na­den wie­der, die Marx einst sar­kas­tisch ver­spot­te­te. Über kurz oder lang schnap­pen die­se Ein­fa­mi­li­en­häu­ser über ihren Bewoh­nern wie aus­weg­lo­se Fal­len zu.

Es gibt da kei­ne Sta­chel­draht­zäu­ne, son­dern nur Thu­ja­he­cken, die einen auf­dring­li­chen Men­thol­ge­ruch ver­brei­ten, aber die ver­häng­ten Stra­fen sind dar­um nicht weni­ger schwer: sie äußern sich in den Lauf­zei­ten der Immo­bi­li­en­kre­di­te, die zwan­zig, drei­ßig Jah­re dauern.

Unmög­lich, die­se Häu­ser wie­der los­zu­wer­den: Wenn man sie ein­mal abbe­zahlt hat, sind sie wert­los, unver­käuf­lich. Hohl­block­stein und Gips­kar­ton, gelb­li­cher Ver­putz und Flach­dach­zie­geln. Ein »Para­dies für Haus­frau­en«, höhn­te Lou­is-Fer­di­nand Céli­ne – nicht ganz, da die Mehr­heit die­ser Frau­en sich schei­den läßt (mehr als 43 Pro­zent Allein­er­zie­hen­de in nur 20 Jahren).

Alle Nota­re bestä­ti­gen es: sie sehen die­se Paa­re zwei­mal, das ers­te Mal, wenn sie den Kauf­ver­trag für das Haus unter­zeich­nen, das zwei­te Mal, wenn sie die Schei­dung ein­rei­chen. Mikro­wel­len, lee­re Wän­de, an denen die immer­glei­chen New-York-City-Pos­ter hän­gen, die immer­glei­chen Teen­ager­zim­mer und dar­in Bett­be­zü­ge, beflockt in den immer­glei­chen Uni­on-Jack-Far­ben.

Man hat den Ein­druck, in einem Formule‑1-Hotel zu leben. Dies ist die länd­li­che Ver­si­on vom kli­ma­ti­sier­ten Alp­traum. Über­all Stil­le, manch­mal durch­schnit­ten von Hun­de­ge­kläff und dem Sur­ren der Rasen­mä­her. Nur noch die rus­si­sche Step­pe ver­mit­telt so einen Ein­druck von Mono­to­nie: eine Welt bevöl­kert von Toten See­len, wie in Gogols Roman.

Und da Céli­nes Name bereits gefal­len ist, wol­len wir ihm, der in Les beaux draps (sinn­ge­mäß Eine schö­ne Besche­rung) die her­vor­ra­gends­te Defi­ni­ti­on die­ser Welt gelie­fert hat, das Wort überlassen.

Gro­ßer Kom­mu­nis­mus ist unnö­tig, sie wür­den davon eh nichts ver­ste­hen, einen (Eugè­ne-) Labiche-Kom­mu­nis­mus braucht’s, einen Kom­mu­nis­mus der Klein­bür­ger, mit dem Ein­fa­mi­li­en­haus, das man sich gestat­tet, erb­lich und unver­äu­ßer­lich, auf jeden Fall unpfänd­bar, mit einem Gar­ten von fünf­hun­dert Quadratmetern!

Da hat Céli­ne etwas zu groß­zü­gig geschätzt: fünf­zig Qua­drat­me­ter Rasen­flä­che rei­chen voll­auf, um einen Grill drauf­zu­stel­len und ein Tram­po­lin für die Kids. Das Ein­fa­mi­li­en­haus war der Traum der Jah­re 1970 bis 1980, der dem der Plat­ten­bau­ten (1950 bis 1960) folgte.

Dies war, seit Gis­card, das von der Kero­sin-Eli­te für das Die­sel-Volk aus­ge­klü­gel­te Pro­jekt. Genau­so wie die Shop­ping­cen­ter, wie die indus­tri­el­len Lebens­mit­tel. Heu­te aber ist die­ses ener­gie­fres­sen­de Frank­reich – das Frank­reich des von Ber­nard Char­bon­ne­au ange­pran­ger­ten hom­m­au­to (Auto-Men­schen) – am Ende.

Das Modell einer Öko­no­mie mit Regio­nal­be­zug steht, öko­lo­gisch und öko­no­misch, vor dem Aus. Nicht aber poli­tisch. Und gera­de das ist das Gelb­wes­ten-Para­dox: Sie erwa­chen im sel­ben Augen­blick, in dem ihr beschau­li­cher Traum – Home, sweet home! – zusammenbricht.

 Gastbeitrag

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