Autorenporträt Uwe Tellkamp

von Adolph Przybyszewski
PDF der Druckfassung aus Sezession 90/Juni 2019

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Ein »wich­ti­ger Hei­mat­au­tor« sei der Dresd­ner »Epi­ker« Uwe Tell­kamp, dekre­tier­te der aus Elb­flo­renz stam­men­de Lyri­ker Durs Grün­bein in einem Inter­view, das er im Früh­jahr 2018 der ZEIT gab. Aus einer ver­meint­lich welt­li­te­ra­ri­schen Posi­ti­on her­aus scheint sich hier ein ver­gif­te­tes Lob zu arti­ku­lie­ren, wird doch der Begriff Hei­mat im Zusam­men­hang mit Lite­ra­tur hier­zu­lan­de immer noch gern als Eti­kett für Pro­vin­zia­li­tät, Kitsch oder gar Deutsch­tü­me­lei gebraucht.

Betref­fen­des Inter­view (»Was wir von Tell­kamp hören, ken­nen wir von Pegi­da«) war ein Nach-Taro­cken des pro­mi­nen­ten Lyri­kers, der sich in Dres­den mit sei­nem Kol­le­gen kurz zuvor ein auf­se­hen­er­re­gen­des öffent­li­ches Streit­ge­spräch über die Frei­heit zur Mei­nungs­äu­ße­rung in der gegen­wär­ti­gen Repu­blik gelie­fert hatte.

Anlaß war die Unter­schrift des nicht weni­ger pro­mi­nen­ten Schrift­stel­lers Tell­kamp unter einer Char­ta zur Bewah­rung die­ser Mei­nungs­frei­heit gewe­sen, im Okto­ber 2017 initi­iert von der Dresd­ner Buch­händ­le­rin Susan­ne Dagen auf­grund der sei­ner­zeit mas­si­ven Agi­ta­ti­on und phy­si­schen Angrif­fe gegen poli­tisch unlieb­sa­me Ver­la­ge und Zeit­schrif­ten auf der Frank­fur­ter Buchmesse.

Schon 2015 hat­te Grün­bein ange­sichts der Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen tau­sen­der Bür­ger ein »Mons­ter« just in dem Dresd­ner Volk ent­deckt, dem er sich 1989 noch selbst zuzu­rech­nen schien – seit­her zeigt er sich von sei­ner Her­kunft so be- wie ent­frem­det. Die­sem Mons­ter-Volk schreibt der Lyri­ker offen­bar auch sei­nen Debat­ten­geg­ner zu.

Frei­lich ver­rät all dies mehr und ande­res, als die gesetz­te Rede es will. Im Hin­blick auf den öko­no­mi­schen Erfolg und die enor­me Reso­nanz von Tell­kamps bekann­tes­tem Roman Der Turm (2008) wäre es wohl­feil, nur mali­ziö­sen Neid des einen Soh­nes sei­ner Stadt dem ande­ren gegen­über zu konstatieren.

Tell­kamps lieu essen­ti­el ist zwei­fel­los Dres­den, aus dem und um das er ver­sucht, eine klei­ne comé­die humai­ne zu ent­wi­ckeln. Damit kann man ihn auch mit Recht als einen Hei­mat­au­toren bezeich­nen, und zwar in dem Sin­ne, wie es der Preu­ße Theo­dor Fon­ta­ne war, oder der Sach­se Hei­ner Mül­ler: Fon­ta­nes Werk kreist um Bran­den­burg, sei­ne im Sog modern glo­ba­ler Reichs­po­li­tik gefähr­de­te Hei­mat, und Mül­lers Tex­te grün­den fest in der päd­ago­gi­schen Pro­vinz der DDR – bei­de fas­sen jedoch immer auch die gan­ze deut­sche Befind­lich­keit im Mahl­strom der Moder­ne ins Auge, durch das Brenn­glas des­sen, was ihnen Hei­mat war oder ist.

In Grün­bein und Tell­kamp gerie­ten, aus unter­schied­li­chen Posi­tio­nen zu sol­cher Hei­mat her­aus, zwei Dich­ter anein­an­der, die deut­scher kaum sein könn­ten, und kaum zufäl­lig kom­men sie bei­de aus dem »Inne­ren Ostrom« der hie­si­gen Hemi­sphä­re: Es sind kei­ne enga­gier­ten Lite­ra­ten, die in Dres­den mit­ein­an­der dis­ku­tier­ten, urba­ne Bürsch­chen etwa der Art, daß sie sich fern der Tat für Anti­fa­schis­mus als Hand­ar­beit begeis­tern oder klamm­heim­li­che Freu­de über vor­geb­lich revo­lu­tio­nä­ren Akti­vis­mus ver­kün­den wür­den; es sind viel­mehr ernst­zu­neh­men­de Män­ner des Wor­tes, im Grun­de einig mit Gott­fried Benn dar­in, daß es nicht Auf­ga­be der Dich­ter sein kön­ne, die Welt zu ändern.

Und doch wer­den sie allent­hal­ben als poli­tisch wahr­ge­nom­men: Dem einen rech­net man es posi­tiv an, daß er auf Distanz geht zu einer sich außer­halb der kon­trol­lier­ten Kanä­le Bahn bre­chen­den vox popu­li – eine Reak­ti­on ganz im Rah­men des Erwart­ba­ren. Tell­kamp, jener ande­re, irri­tiert wie­der­um durch sein Unter­lau­fen und Ver­wei­gern sol­cher Ritua­le, zumal er eini­ge Jah­re vor­her schon man­chen Kri­ti­ker ver­stört hat­te durch einen Roman, der miß­ver­stan­den wer­den konn­te als eine im Ges­tus mili­tan­te Apo­theo­se einer Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on im neu­en Deutschland.

Der Eis­vo­gel (hier bestel­len) ließ 2005 jun­ge Rechts­in­tel­lek­tu­el­le aus der bun­des­deut­schen Ober­schicht in Ber­lin an ihrer Gegen­wart lei­den, einer Vor­höl­le des Kon­sums, der Ich-Ver­pan­ze­rung und Sinn­lo­sig­keit, und dies in eine elo­quent Kri­tik ummün­zen – der Roman spitzt dies dra­ma­tisch schließ­lich so zu, daß die Prot­ago­nis­ten als Geheim­bund, unter­stützt aus dem Estab­lish­ment, Anschlä­ge vor­be­rei­ten, um die genuß­süch­tig-nihi­lis­ti­sche Gesell­schaft in einen Ernst­fall und dadurch zu einer mora­li­schen Erneue­rung zu zwin­gen. Trei­ben­de Kraft die­ser Radi­ka­li­sie­rung ist die Figur des Mau­ritz Kalt­meis­ter, der sich der pro­mo­vier­te und beruf­lich geschei­ter­te Phi­lo­soph Wig­go Rit­ter anschließt.

Sprach­lich her­aus­ra­gend ver­faßt, schien die­ser Roman eine radi­ka­le Zivi­li­sa­ti­ons­kri­tik von rechts lite­ra­tur- und damit hof­fä­hig zu machen: Da sich die Erzäh­lung »in Form eines Patch­works aus Gesprächs­pro­to­kol­len« ent­fal­tet und dabei kein »all­wis­sen­der Erzäh­ler« den Leser bei der Hand nimmt, um ihm zu sagen, »was gut, was ver­werf­lich ist« (Gun­ther Nickel), waren eini­ge Rezen­sen­ten offen­sicht­lich über­for­dert und glaub­ten in der Figu­ren­re­de die Mei­nung des Autors iden­ti­fi­zie­ren zu können.

Der Text läßt jedoch nicht nur jene eli­tä­re Zivi­li­sa­ti­ons­kri­tik von rechts plau­si­bel erschei­nen, son­dern dekon­stru­iert dies sogleich wie­der, indem er das Gesche­hen durch das Pris­ma diver­ser Erzähl­stim­men per­spek­ti­visch bricht und das kläg­li­che Schei­tern rechts­in­tel­lek­tu­el­ler Sek­tie­rer ein­drück­lich vor Augen führt – die Revol­te scheint im Roman unmög­lich, weni­ger durch die gesell­schaft­li­chen Wider­stän­de als viel­mehr auf­grund der defi­zi­tä­ren Per­sön­lich­kei­ten derer, die sich beru­fen füh­len, die Welt gewalt­sam zum ver­meint­lich Bes­se­ren zu verändern.

Im ver­sier­ten, kunst­vol­len Stil die­ses Romans, im Pathos der Figu­ren­re­de und in deren Fixie­rung auf die vor­ma­li­ge deut­sche Hoch­kul­tur ist gewiß auch der Autor, sei­ne poe­to­lo­gi­sche Aus­rich­tung selbst zu erken­nen: Die ers­ten poe­ti­schen Schrit­te in die Öffent­lich­keit hat­te der 1968 in Dres­den gebo­re­ne Tell­kamp, zunächst als Arzt tätig, auf lyri­schem Gebiet gewagt, sieht man von einer sati­ri­schen Fin­ger­übung für den Eulen­spie­gel 1987 ab, und sie nah­men gleich ein epi­sches Maß und Aus­maß an.

Nau­ti­lus, ein lyri­sches Pro­jekt aus frühs­ten Tagen, wuchert seit­her gleich­sam rhi­zo­ma­tisch unter der Ober­flä­che, die bis­lang nur durch gele­gent­li­che Publi­ka­tio­nen durch­bro­chen wur­de: Die­ser epi­sche Gesang von noch nicht öffent­lich defi­nier­tem Umfang will »ein Modell von Geschich­te gewor­de­ner Wirk­lich­keit und Wirk­lich­keits­er­fah­rung« ent­wer­fen, »ein Sinn­bild, kein Abbild«, das sei­ne Ori­en­tie­rung an Grö­ßen wie Höl­der­lin und Ezra Pound nicht ver­leug­net: »dei­ne spra­che wird eine musik sein / die nie­mand mehr spielt, der jahr­hun­der­te / buch, nie­mand mehr wen­det die sei­ten. dein haus / wird auf dem mee­res­grund ruhn, dei­ne stim­me / fremd sein, in gelie­he­nen wor­ten / wirst du woh­nen, nie mehr in wärme.«

Ein unter das Signum des Barons von Münch­hau­sen gestell­ter Gedicht­zy­klus Rei­se zur blau­en Stadt (2009) hin­ge­gen schlägt einen hei­te­ren Ton an und ent­wirft die sur­re­al-unschar­fen Kon­tu­ren einer Stadt durch ihre skur­ril-mär­chen­haf­ten Bewoh­ner, neben ande­ren einen »Souf­fleur des Sera­pi­ons­thea­ters« eben­so wie »Libus­sa Feder­spiel, Leh­re­rin an der Nau­ti­schen Aka­de­mie«, die dem Besu­cher mit­teilt, als der Kaf­fee durch ist: »Ich ken­ne Dres­den. Das ist auch eine / von unse­ren Städ­ten am Meer.«

Tat­säch­lich waren es wohl sei­ne diver­sen lyri­schen Publi­ka­tio­nen, die Tell­kamp den Weg bahn­ten zu sei­nem Durch­bruch bei den Tagen der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur 2004 in Kla­gen­furt, wo er einen Aus­zug aus einem Roman­pro­jekt unter dem Arbeits­ti­tel Der Schlaf in den Uhren vor­trug und den renom­mier­ten Inge­borg-Bach­mann-Preis gewann, der den Auf­takt einer Rei­he hoch­ge­ach­te­ter Aus­zeich­nun­gen bildete.

Die­ser Text steht in sei­ner Mischung aus inne­rem Mono­log und Bewußt­s­eins­strom, der geho­be­nen Ton­la­ge und den Schlüs­sel­be­grif­fen bei­spiel­haft für die lyri­sche Auf­la­dung von Tell­kamps Pro­sa­wer­ken, die sich mit einer Fixie­rung auf die The­ma­tik von Nie­der­gang und Selbst­be­haup­tungs­ver­such, Ver­lust und schö­nem Augen­blick, Ver­ges­sen und Erin­ne­rung ver­bin­den – und dabei auch bewußt Anschluß an die Tra­di­ti­on der visio­när-pro­phe­ti­schen Dich­ter­re­de suchen.

Tell­kamps erzäh­le­ri­sches Debüt, 2000 unter dem Titel Der Hecht, die Träu­me und das Por­tu­gie­si­sche Café (hier bestel­len) erschie­nen, erfuhr noch wenig Beach­tung, genüg­te mit sei­nem poe­ti­schen Über­schwang wohl auch nicht den Ansprü­chen des Autors, wes­we­gen er sich – erfolg­los – gegen eine zwei­te Auf­la­ge gestellt haben soll. Die­ser Roman erst­ling und sein in Kla­gen­furt vor­ge­tra­ge­ner Text kön­nen indes­sen als Vor­stu­fen, Tei­le oder Aspek­te eines lang­jäh­ri­gen, um Dres­den zen­trier­ten Erzähl­pro­jekts ange­se­hen wer­den, das im Turm eine monu­men­ta­le, poe­to­lo­gisch und inhalt­lich durch­ge­form­te Gestalt gewon­nen hat.

An sei­nen danach unter dem Titel Die Schwe­be­bahn (2010) publi­zier­ten Dresd­ner Erkun­dun­gen und der Erzäh­lung Die Carus-Sachen (2017) ist zu sehen, daß sich die­ses Pro­jekt offen­sicht­lich wei­ter fort­schreibt. Sein kurz nach dem Kla­gen­fur­ter Preis erschie­ne­ner Roman Eis­vo­gel hat­te die Ent­schei­dung der Jury in Kla­gen­furt auf eine, wie zu sehen war, in der Wir­kung ambi­va­len­te, qua­li­ta­tiv indes­sen ein­deu­ti­ge Wei­se bestätigt.

Tell­kamps drei Jah­re spä­ter publi­zier­ter Erfolgs­ro­man Der Turm. Geschich­te aus einem ver­sun­ke­nen Land (hier bestel­len), der knapp 1000 Sei­ten umfaßt, wur­de von der Kri­tik dann fast ein­hel­lig in den höchs­ten Tönen gefei­ert, stieß in Dres­den selbst aber kei­nes­wegs auf unge­teil­te Begeis­te­rung. Im Dresd­ner Mikro­kos­mos ent­wirft er um die weit­ver­zweig­te Fami­lie der Haupt­fi­gur Chris­ti­an Hoff­mann, des Soh­nes eines Chir­ur­gen und einer Kran­ken­schwes­ter, ein Bild der letz­ten sie­ben Jah­re der DDR bis zu ihrem Kol­laps am 9. Novem­ber 1989.

Das Gesche­hen ent­wi­ckelt sich aus fünf Häu­sern auf dem »Wei­ßen Hirsch« her­aus, einem Vil­len­vier­tel an den Dresd­ner Elb­hän­gen, umgreift aber bald das Gesche­hen nicht nur im real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus auf eine bis­wei­len sur­rea­le Wei­se, son­dern ver­ge­gen­wär­tigt auch his­to­risch tie­fer lie­gen­de Schich­ten. Ein bil­dungs­bür­ger­li­cher, im Musi­schen auf­ge­ho­be­ner Bezirk ent­steht so inmit­ten der mono­chro­men sozia­lis­ti­schen Braun­koh­le­welt: »Neu­en raum in den raum« scheint die­ses Milieu zu schaf­fen, ganz so, wie es in Geor­ges Gehei­mem Deutsch­land als Mög­lich­keit der inne­ren Emi­gra­ti­on ent­wor­fen wurde.

Tell­kamps Roman arbei­tet wie schon der vor­an­ge­gan­ge­ne mit diver­sen Mit­teln der Per­spek­ti­vie­rung, der Mon­ta­ge: Ein fik­ti­ves Tage­buch des Onkels Meno Roh­de ist als pro­mi­nen­te Sicht­wei­se erzäh­le­risch par­al­lel­ge­führt, Brie­fe, Zei­tungs­aus­schnit­te, Ton­band­pro­to­kol­le und ähn­li­ches sind ein­ge­streut, wenn­gleich die­ses Mal aus aukt­o­ria­ler Posi­ti­on im Hin­ter­grund die gesam­te Erzäh­lung sanft auf das Ende des sozia­lis­ti­schen Sys­tems und im Grun­de auch den Zer­fall der bis dahin auf­recht­erhal­te­nen fami­li­är-bür­ger­li­chen Gegen­idyl­le hin orga­ni­siert wird.

Wich­ti­ge Gestal­ten der Lite­ra­tur­sze­ne der DDR, Wis­sen­schaft­ler und Poli­ti­ker tre­ten in ver­frem­de­ter und ver­schlüs­sel­ter Form auf, Peter Hacks etwa, einer der bedeu­ten­den deut­schen Autoren des 20. Jahr­hun­derts, ist in der Figur des zyni­schen Eschschlor­aque – respekt­voll – ver­ar­bei­tet, hoch­li­te­ra­ri­sche Struk­tur­mus­ter, von Goe­thes Wil­helm Meis­ter bis Tho­mas Manns Zau­ber­berg und ande­ren, und Zita­te durch­zie­hen den Roman, man­chem erschien er gera­de­zu über­frach­tet mit Bil­dungs­gut einer­seits, zu betont aus­ge­stell­tem DDR-Inven­tar andererseits.

Sol­ches ver­kennt indes­sen das Pro­gramm die­ses raf­fi­niert mit auto­bio­gra­phi­schen Ele­men­ten spie­len­den, auch für Leser ohne DDR-Insas­sen­er­fah­rung ange­leg­ten gro­ßen Zeit­ro­mans, der eine nach­ge­ra­de roman­ti­sche Inte­gra­ti­on der Gat­tun­gen, The­men und Moti­ve, von Kunst und Leben insze­niert. Dem ent­spricht Tell­kamps offen bekun­de­te Ableh­nung einer all­zu plat­ten, es sich ein­fach machen­den Iro­nie, nicht aber der Iro­nie an sich.

Sein vor­der­grün­dig antii­ro­ni­scher Ges­tus ent­behrt indes­sen selbst nicht der Iro­nie: Wie Peter Hamm in einer Bespre­chung von Mar­tin Walsers Poe­tik­vor­le­sung über Selbst­be­wußt­sein und Iro­nie 1982 bemerkt hat, gibt es für die­sen ande­ren bedeu­ten­den deut­schen Autoren der Gegen­wart »Iro­nie nur als Reak­ti­on auf Herr­schaft – mit­hin als Arbeit und nicht als Spiel«, eine Arbeit, die den Man­gel »erst als Man­gel fühl­bar« mache und »also Ver­lan­gen nach Ver­än­de­rung, nach Geschich­te« wecken kön­ne (Die Zeit, 26. März 1982).

Das lie­ße sich auch auf Tell­kamp anwen­den, des­sen Ver­such, den lyrisch-hohen Stil und das Pathos auch für die Gegen­warts­pro­sa zu bean­spru­chen. Gegen­über all den abge­klär­ten, rou­ti­nier­ten Iro­ni­kern, denen alles nur zu ent­lar­ven­de »Kon­struk­ti­on« ist, hin­ter der sie allein das Nichts zu erken­nen ver­mö­gen, wirkt Tell­kamps Ges­tus im Walser­schen Sin­ne hoch­gra­dig iro­nisch, da wer­den die Erzäh­lun­gen und Gedich­te eines Unpo­li­ti­schen hochpolitisch.

Daß sich Uwe Tell­kamp aber plötz­lich, seit sei­ner Unter­zei­chung der »Char­ta 2017«, mit­ten im Getüm­mel schein­bar tages­po­li­ti­scher Debat­ten wie­der­fin­det, ja sich gera­de­zu selbst hin­ein­warf, indem er sich einem öffent­li­chen Dis­put stell­te und danach sogleich noch die eben­falls umstrit­te­ne »Gemein­sa­me Erklä­rung 2018« zur Wie­der­her­stel­lung rechts­staat­li­cher Ver­hält­nis­se und gegen eine unkon­trol­lier­te ille­ga­le Mas­sen­ein­wan­de­rung an füh­ren­der Stel­le mit­trug, das hat mit sei­nem Werk nur wenig zu tun – er ist hier Citoy­en, der sich öffent­lich ein­mischt und sei­ner Pro­mi­nenz bedient, im Sti­le des Intel­lek­tu­el­len seit Zolas »J’accuse«, um sich als Bür­ger gegen den medi­o­po­li­ti­schen Kom­plex Gehör ver­schaf­fen zu können.

Hier wird der Dich­ter zum Intel­lek­tu­el­len, der sein ein­grei­fen­des Reden im übri­gen auch schon durch ein veri­ta­bles essay­is­ti­sches Werk, aller­dings ganz bezo­gen auf Lite­ra­tur und bil­den­de Kunst, ein­ge­übt hat; und hier gewinnt Tell­kamp nun­mehr auch eine ande­re wich­ti­ge Bedeu­tung, die sich in sei­ner Debat­te mit Grün­bein mani­fes­tier­te – wenn der poli­ti­sche Dis­kurs hier­zu­lan­de all­mäh­lich offe­ner wird, dann ist dies nicht zuletzt die­sem Autor und sei­nem Kon­tra­hen­ten zu verdanken.

Die undank­ba­re Rol­le eines Win­kel­ried hat­te frei­lich zuvor der in Rade­beul leben­de Roman­cier und Lyri­ker Jörg Ber­nig über­nom­men, zunächst im Dezem­ber 2015, aus gege­be­nem Anlaß, doch noch vor den mas­sen­haf­ten Sil­ves­ter­über­grif­fen gegen Frau­en auf der Köl­ner Dom­plat­te. Mit einem vor­sich­tig fra­gen­den Arti­kel in der Säch­si­schen Zei­tung unter dem Titel »Zorn allent­hal­ben«, sodann mit sei­ner Kamen­zer Rede am 7. Sep­tem­ber 2016 hat­te er als Autor essay­is­tisch aus­ge­spro­chen, was er an sich und ande­ren wahr­nahm: einen wach­sen­den Zorn dar­über, »dass uns, also dem, ganz pathe­tisch gespro­chen, Volk, Tag für Tag gesagt wird, wie wir zu den­ken haben«, Kri­tik an der Ein­wan­de­rungs­po­li­tik sei­tens einer mit gro­ßen Tei­len der Medi­en ver­bün­de­ten Obrig­keit sogleich als extre­mis­tisch denun­ziert werde.

Ein sol­cher wach­sen­der Zorn läßt sich nun an kei­nem bes­ser beob­ach­ten als an Uwe Tell­kamp, der bereits in sei­nem Dank für die Ver­lei­hung des Kul­tur­prei­ses der Deut­schen Frei­mau­rer in frei­er Rede sag­te, es wür­den heut­zu­ta­ge in vie­len Medi­en »Ver­bie­gun­gen, Mecha­nis­men, Talk­shows mit Ein- und Aus­la­dungs­po­li­ti­ken betrie­ben, die mich erschüt­tern«, Beob­ach­tun­gen und Erfah­run­gen, die er auch für eine lite­ra­ri­sche Figur ver­wen­de, an der er arbeite:

weil sie sie an die Zeit vor 30 Jah­ren erin­nern. Und die­se Figur fragt sich, ob man mitt­ler­wei­le in einer DDR 2.0 lebt – und wenn ja, war­um. Und wie das Inter­net, als ein Medi­um der Frei­heit, zu einem Medi­um des Has­ses gewor­den ist. Aber der Hass, der dar­in vor­kommt, wird unter­schied­lich defi­niert. Wer bestimmt dar­über, wer ver­folgt das? Eine Mit­ar­bei­te­rin der Staats­si­cher­heit zum Bei­spiel, in einer Stif­tung, deren Namen ich nicht nen­nen muss. Die­se Din­ge trei­ben mich um als Autor, als poli­ti­scher Mensch, der ich auch bin.

Ex ori­en­te lux – wir blei­ben gespannt, was uns der Dich­ter und der poli­ti­sche Mensch Tell­kamp noch stif­ten und sagen wird.

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