1. Juni 2019

Christentum in Sachsen – und darüber hinaus

Gastbeitrag

von Thomas Wawerka
PDF der Druckfassung aus Sezession 90/Juni 2019

 Gastbeitrag

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Für drei bis vier Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts war Sachsen, speziell Wittenberg mit seiner Universität, eines der wichtigsten Zentren der Christenheit. Die Impulse, die von hier ausgingen, hatten eminente Folgen für Deutschland. Die Reformation leistete den abschließenden Beitrag zur Ethnogenese der Deutschen.

Die Übersetzung, Kommentierung und Verbreitung der Biblia deutsch vereinheitlichte die frühneuhochdeutsche Schriftsprache, hob die Volkssprache auf das Niveau theologischer und philosophischer Reflexion und prägte als Beispiel für die Sprache von Predigten auch das alltägliche Sprechen.

Warum die Zeit der Wittenberger Reformation neben der höfischen Dichtung des Hochmittelalters und Weimar nicht als dritte (chronologisch zweite) Epoche der deutschen Klassik gilt, ist mir ein Rätsel. Auch die Übersetzung von liturgischen Gesängen und Gebeten aus dem Lateinischen war weit mehr als ein kommunikationstechnischer Akt: In Verbindung mit der reformatorischen Theologie wurde das Christentum damit germanisiert und etablierte sich als eigenständige Auslegung gegenüber der griechischen, der römischen und der slawischen Tradition.

Luther war nicht der Auslöser dieses antirömischen Affekts, aber sein Vollstrecker. Bewußt wandte er sich an den »christlichen Adel deutscher Nation«, bewußt sprach er die Deutschen als Deutsche an: »Für meine Deutschen bin ich geboren, ihnen möchte ich auch dienen«.

Daß Luther eine Auslegung des Christentums schuf, die der germanischen Kultur entsprach, zeigt auch die Verbreitung der Reformation: Nur wenig konnte sie im lateinisch geprägten Süden Fuß fassen, nur wenig auch im slawischen Osten. Der deutsche und der skandinavische Raum waren die Hauptverbreitungsgebiete.

Die Reformation schuf eine geistige Verbindung zwischen dem Christentum und der Kultur, wie sie in dieser Tiefe sonst nur in Byzanz, in Rom oder in Rußland erreicht wurde. Sie sorgte für ein reiches und tiefes Glaubensleben, durchdrang die deutsche Kultur bis in die feinsten Äderchen und bildete eine Symbiose mit ihr, die über 400 Jahre lang Bestand hatte.

Heute tut sich die Kirchenleitung, von der Höhe des EKD-Ratsvorsitzenden bis hinunter zum Landpfarrer, mehr als schwer mit Luther. Tatsächlich hat die Christenheit, die sich »lutherisch« nennt, die Lehre Luthers in ihr Gegenteil verkehrt – zumindest in Deutschland, und hier zumindest zum weit überwiegenden Teil.

Die »Werkgerechtigkeit«, deren Herrschaft die Reformation einst beendete, also die Unterscheidung der »Guten« und »Bösen« nach einem moralischen (oder politischen) Prinzip, ist von den Nachfolgern der Reformation wieder auf den Thron gehoben worden.

Die Kirche ist zur Partei geworden und auch noch stolz darauf. »Weißte«, sagte mir einer (ein Kollege), als wir über »schwierige« Gemeindeglieder sprachen (vor allem »Rechte« und »Fundamentalisten«), »bei manchen ist es besser, die gehen. Die willste gar nicht in der Gemeinde haben.«

»Ich war bei meinem Pfarrer«, sagte ein anderer (kein Kollege) – es brannte ihm unter den Nägeln. »Ich hab ihm mal alles gesagt, und daß ich mit dem Kurs nicht einverstanden bin. Er hat geantwortet, ich könne mir ja ne andere Gemeinde suchen.«

»Das einzige, was mich wundert, ist, daß du dich noch wunderst«, wieder ein anderer (kein Kollege, kein Christ). »Ich meine, grad ihr Pfaffen seid doch dazu da, die großen politischen Entscheidungen vor Ort in kleine Münze umzusetzen und christlich zu rechtfertigen. Ist doch klar, daß die Kirchenfürsten allergisch reagieren, wenn da einer aus der Reihe tanzt.«

Dreißig Jahre zuvor: Wende in Mitteldeutschland. Die Kirchen sind rappelvoll. Die Leute sammeln sich hier, weil die Kirche noch etwas einlöst. Ein letzter gedeckter Scheck ist noch da, ein letztes lebendiges Erbe der Reformation: das freie Wort. Auffällig ist, daß die kirchliche Opposition kaum kirchlich war.

Die Leute hatten wenig Interesse an einer Erneuerung oder Stärkung des christlichen Glaubens, sie waren politisch und gehörten hauptsächlich zum linksliberalen Milieu: Friedensgruppen, Umweltgruppen, »Schwerter zu Pflugscharen«. Sie hatten sich in den siebziger und achtziger Jahren zunehmend vernetzt und waren anschlußfähig für Oppositionelle von außerhalb, für den normalen Bürger.

Das Bewußtsein, in der Gewährung des freien, öffentlichen Worts ein reformatorisches Erbe anzutreten, war ausgeprägt. Nicht von ungefähr begann die Wende in Sachsen: Es ist das Echo der Reformation, das noch nachhallt. Für etwa ein Jahr schwappte die Politik mit Macht in die Kirchen hinein, dann zog sich die Flut wieder zurück und ließ einen enttäuschten Pfarrer mit den üblichen fünf Omas und drei Konfirmanden zurück.

Nichts war hängengeblieben, Politik fand nun anderswo statt. Der tendenziell linksliberale Pfarrer, der der Opposition das freie Wort gewährt, hatte einen unverhofften Bedeutungsaufschwung erfahren. Davon zehren sie noch heute. Das erzählen sie einander noch heute.

Das war ihre große Zeit. Man war gesellschaftlich relevant. Und jetzt ist man es wieder – allerdings zu dem Preis, daß man nun nicht einmal mehr das freie Wort gewähren kann. Man muß jetzt, anders als damals, linientreu sein, gegen PEGIDA läuten, gegen die AfD predigen. Man kann sich das zurechtreden.

Das ist kein Problem, allzumal nicht für Theologen. Aber es ist kein gedeckter Scheck mehr. Es ist ein Anspruch, der nur noch künstlich aufrechterhalten wird, so lange die Kirchensteuereinnahmen sprudeln. Die politisch korrekte und linientreue Kirche hat eine größere gesellschaftliche Relevanz als je zuvor, sie ist nun ein unverzichtbarer Partner des Staats bei der Islamisierung und beim Abbau der Meinungsfreiheit (also im »interreligiösen Dialog« und im »Kampf gegen rechts«).

Dennoch: der Mitgliederschwund ist nicht aufzuhalten. Das hängt zwar mit der allgemeinen demographischen Entwicklung zusammen, aber nicht allein: Die Leute fragen sich, wozu sie eigentlich Kirchensteuer bezahlen, und im Grunde gibt es darauf keine richtige Antwort.

Was die Kirche an Bedeutung gewonnen hat, hat sie an Profil verloren. Sie ist eine Art NGO geworden und kaum noch von den anderen zu unterscheiden. Spenden für einen guten Zweck: ja, sicher, kann man mal machen, aber Mitglied sein? Wozu? Ein Bewußtsein für das Heilige, Unbedingte ist im Volk und auch in der Kirche kaum noch vorhanden.

Die Frucht von vierzig Jahren brachialsozialistischen Antichristentums vereint sich mit der Frucht von hundert Jahren liberaler »Emanzipation« und »Aufklärung«. Beides hat dazu geführt, daß Mitteldeutschland eines der religionslosesten, atheistischsten Gebiete der Welt geworden ist.

Dieses Maß an Glaubenslosigkeit gab es noch nie, nirgends. Natürlich findet das vielfältigen Ersatz, aber die modernen Substitute sind dennoch von anderer Art als das Verlorene – das Heilige bringen sie nicht zurück, auch nicht das Gefühl für die Grenze zum Heiligen und für die Haltung, die man einnehmen muß, wenn man sich dieser Grenze nähert.

Die Kirche hat darauf keine Antwort, weil sie diese Grenze selbst nicht mehr kennt. Sie reagiert mit technischen Mitteln. Verwaltungsstrukturen werden mit gewaltigem Arbeitsaufwand verändert, Gemeinden in neue Organisationsformen überführt, Stellen gekürzt und gleichzeitig spezialisiert.

Man übernimmt die Instrumente der Wirtschaft und der PR, man versucht Predigt und Seelsorge mit unaufhörlicher Mühe zu professionalisieren. Aber es nützt nichts, und das liegt daran, daß es alles kosmetische Maßnahmen bleiben, solange man das Eigene nicht wiederfindet bzw. nicht wieder anerkennt, nicht wieder ins Recht setzt.

Zum Mitgliederschwund und der Technisierung kommt die bereits erwähnte Politisierung, die es mit sich bringt, dass sich ein Teil des Kirchenvolks von der offiziellen Kirchenleitung nicht mehr vertreten sieht, ja nicht einmal mehr anerkannt fühlt. Gerade auf dem Lande lebt man noch in einem anderen Rhythmus.

Das Traditionale, das Gewachsene hat ein stärkeres Beharrungsvermögen. Man ist nicht unbedingt politisch rechts, aber man fühlt und lebt doch eher konservativ und ist irritiert, daß dies nun schon wieder außer Kraft gesetzt werden soll. Ländliche Kirchgemeinden sind keine Orte aktiven Widerstands, sie sind Orte prinzipieller Distanz – zur Ideologie, die gerade en vogue ist, ebenso wie zum Kampf gegen diese Ideologie.

Man darf die Verzögerungskraft dieser zähfließenden Strukturen nicht mißachten. Damit ändert man nichts, aber auch kein anderer ändert damit eben viel. Hinter der Distanz, die habituell ist, schwelt außerdem mehr, als man auf den ersten Blick sieht.

Haben die Leute einen einmal ins Vertrauen gezogen, kommt es zu Gesprächen und Situationen, in denen man staunt. Es kam vor, daß ich das Gefühl hatte, die Leute seien viel rechter, viel konsequenter als ich. Aber sie sind es nicht aufgrund politischer Erwägung und eigenen Entschlusses, sondern aufgrund ihres Eingebundenseins in eine Geschichte, die eine gemeinsame Geschichte ist und gegenwärtiger, greifbarer als in Städten, auf Universitäten oder in Parteien.

Es sind oft auch nicht mal besonders gläubige Leute, aber sie halten zur Kirche, weil die Kirche schon immer Teil ihres Lebens und ihrer Geschichte war. Die Verbindung zwischen Kirchenleitung und Kirchenvolk, die durchs klassische Pfarramt gewährleistet war, mit seiner Schleifung aber zunehmend verloren geht, kann nicht wieder hergestellt werden.

Ein Kirchvorsteher sagte mir mal: »Es wird Zeit, daß wir selber überlegen, wie es weitergehen soll, und zur Not geht es auch ohne das Landeskirchenamt.« So lange die klerikale Elite staatlich gestützt und gedeckt wird, wird sie fortfahren, sich im Sinne des Staates zu äußern und zu handeln.

Sie hat ihr Erstgeburtsrecht des freien Wortes fürs Linsengericht des gesellschaftspolitischen Ansehens verkauft und ist vollkommen ins System eingepaßt worden. Eine Ahnung, wie sehr es an der Basis rumort, ist vielleicht noch da, wird aber durch wohlfeiles Pädagogisieren übertüncht.

Die real existierende Kirche mag fallen, aber darüber hinaus gibt es ermutigende und zukunftsträchtige Zeichen für das Christentum in Sachsen und darüber hinaus. Da wäre das schon erwähnte traditionelle Landmilieu, für das die Kirche immer noch die Mitte des Dorfs bildet.

Eine besonders ausgeprägte Volksfrömmigkeit mit reichem Brauchtum und tief empfundenem Glauben findet sich bei den Sorben, es gibt katholische und evangelische. Übers Erzgebirge und das Vogtland erstreckt sich der sogenannte sächsische »Bible belt«, wegen seiner rechtskonservativen Grundhaltung und seines evangelikalen »Fundamentalismus« immer wieder ein Stein des Anstoßes für das linksliberale Milieu.

Im Januar 2012 wurde aus diesen Kreisen heraus die »Sächsische Bekenntnis-Initiative« gegründet. Der Kandidat der Bekenntnis-Initiative für das Bischofsamt gewann 2015 die Wahl. Die sächsische Landeskirche hat nun also einen betont konservativen Theologen als Bischof.

Das konservative Milieu hat sich organisiert und setzt auf Verfestigung und Vertiefung, und es sind außerordentlich brauchbare Leute dabei. Vom vermehrten Einschwenken der Kirche auf den totalitären Kurs der Regierung Merkel profitieren SELK und ELFK, altlutherische Freikirchen, deren konservatives Profil sich auf lange Sicht bewährt, weil es etwas bietet.

Sie wollen es nicht jedem recht machen, sie sind angreifbar, aber sie stehen für etwas. Das trifft auch auf eine Bewegung zu, die unter der Wahrnehmungsschwelle an Bedeutung gewinnt: die hochkirchliche Bewegung. Sie ist geprägt vom liturgischen Bewußtsein des Katholizismus und sucht aus diesem eine Erneuerung der evangelischen Theologie und des evangelischen Glaubenslebens.

Nicht alle sind zugleich politisch konservativ, es gibt auch Liberale, die derlei Impulse aus einer ästhetischen Neigung heraus aufnehmen. Es gibt aber auch die anderen, in und außerhalb der Staatskirche, die die Sezession lesen und Antaios-Bücher im Regal stehen haben.

Ein Pfarrer sagte mir, als ich ihn besuchte, er schließe die Familie Kubitschek in sein tägliches Gebet ein. Von Schnellroda gehen subkutane Wirkströme aus, von denen im Landeskirchenamt niemand eine Ahnung hat. Zuletzt noch ein Phänomen, das ich »Katakombenchristentum« nenne.

Es ist meistens gar nicht organisiert, sondern beruht auf persönlichen Beziehungen und konspirativen Treffen: wenn ich etwa mit einem Bekannten im Leipziger Auenwald spazierengehe, und wir Stunde um Stunde reden, und er abrupt innehält, mich anschaut und sagt: »Ein militantes Christentum ist die einzige Rettung. Ohne de ecclesia militans gibt es keine ecclesia triumphans.

Wenn der Geist deinem Blick das Böse enttarnt hat, weißt du, daß wir kämpfen müssen.« Und mit einem versichernden Griff nach meinem Arm: »Das Böse nicht nur als philosophische Idee, verstehst du?«; oder wenn ich mit Bekannten in der Gemeinschaft der Mönche eine Andacht in der Krypta eines Klosters erlebe, und die Mönche plötzlich anheben, einen Choral zu singen, ein Gebet für das »heilige Deutschland«, von so verzehrender Intensität und Schönheit, daß es einem die Kehle zuschnürt.

Oder wenn ich mit Freunden in einer abendlichen Bibliothek sitze und wir uns den Kopf zerbrechen, wie sich das Christentum – das abendländische Christentum, das wehrhafte Christentum – wenigstens literarisch verteidigen ließe, während es dunkler und dunkler wird und der Hausherr eine Kerze anzündet, und gleichzeitig (was wir zu diesem Zeitpunkt nicht wissen) brennt in Paris Notre-Dame.

Die Kathedrale brennt, in den Katakomben wird gearbeitet. Ich kann nicht anders, als dieses Zusammentreffen symbolisch zu verstehen. Das Christentum ist nicht tot, weder in Sachsen noch darüber hinaus, und es stirbt auch nicht.


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