Krieg als »Element der sozialen Kooperation« und seine Funktionen im Zivilisationsprozeß

von Dag Krienen
PDF der Druckfassung aus Sezession 90/Juni 2019

 Gastbeitrag

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Die Stu­die Krieg und Zivi­li­sa­ti­on aus dem Nach­laß von Rolf Peter Sie­fer­le stellt zwei­fel­los nicht nur auf­grund sei­nes Umfan­ges ein über­wäl­ti­gen­des Werk dar. Das Buch schlägt einen wei­ten his­to­ri­schen Bogen, von den prä­his­to­ri­schen Anfän­gen des Krie­ges bis zu den denk­ba­ren Gestal­ten zukünf­ti­ger Krie­ge, mit dem Schwer­punkt auf der Geschich­te des Krie­ges in Euro­pa und ein­ge­bet­tet in einer fun­dier­ten Kennt­nis der Wirt­schafts- und Gesellschaftsgeschichte.

Arbei­ten mit dem Anspruch, eine uni­ver­sa­le Geschich­te des Krie­ges zu schrei­ben, haben auch ande­re Autoren vor­ge­legt, bei­spiels­wei­se Mar­tin van Creveld, John Kee­gan und Jere­my Black. Doch nimmt Sie­fer­les Werk einen beson­de­ren Rang ein. Geschrie­ben in einem durch­aus wis­sen­schaft­li­chen, aber zugleich all­ge­mein­ver­ständ­li­chen Deutsch, wer­den in die­sem »Mega­Es­say« die Din­ge ohne alle Rück­sich­ten auf poli­ti­sche Kor­rekt­hei­ten und frei von allen Illu­sio­nen in einem lako­ni­schen Stil beim Namen genannt.

Auf nahe­zu jeder Sei­te fin­den sich expli­zi­te und impli­zi­te Wider­le­gun­gen zeit­ge­nös­si­scher wis­sen­schaft­li­chen und mora­li­schen Urtei­le, die sich in selbst­re­fe­ren­ti­el­len Schlei­fen ver­fan­gen haben, zuguns­ten einer unvor­ein­ge­nom­me­nen, »kal­ten« Betrach­tungs­wei­se, und das nicht nur zum The­ma Krieg.

Das Buch stellt einen Augen­öff­ner dar, eine »Red Pill«, die die ver­wir­ren­den Schlei­er moder­ner Wis­sen­schafts­spra­che und Volks­päd­ago­gik ein­fach zur Sei­te fegt. Aller­dings betont schon der Ver­lags­pro­spekt, daß Sie­fer­le mit sei­nem Buch »nicht zu einem Mili­tär­his­to­ri­ker im enge­ren Sin­ne« wird, son­dern »eine Geschich­te des Krie­ges als ein Phä­no­men der kul­tu­rel­len Evo­lu­ti­on, als ein Stra­te­gem in Grup­pen­kon­kur­ren­zen neben ande­ren« vorlegt.

Sie­fer­le selbst schreibt in sei­nem Vor­wort, daß er zwar eine »Geschich­te des Krie­ges« schrei­ben will, aber kei­ne »der ope­ra­ti­ven Krieg­füh­rung«, son­dern eine »Struk­tur­ge­schich­te des Krie­ges, bei der auch tech­ni­sche und poli­ti­sche Fak­to­ren zur Spra­che kommen«.

Daß Sie­fer­le kein Mili­tär­spe­zia­list war, merkt man gele­gent­lich, wenn er etwa die deut­schen Kampf­pan­zer des Zwei­ten Welt­kriegs mit den nur im angel­säch­si­schen Sprach­raum übli­chen Bezeich­nun­gen wie »Mark III« und ähn­li­chen versieht.

Auch man­ches sei­ner Urtei­le über mili­tä­ri­sche Ein­zel­er­eig­nis­se und Sach­ver­hal­te ist gele­gent­lich etwas schief, weil er sich auf ange­le­se­ne, aber nicht selbst erar­bei­te­te Erkennt­nis­se stützt. Tat­säch­lich kann aller­dings nie­mand mehr eine uni­ver­sa­le Geschich­te des Krie­ges auf der Basis umfas­sen­der eige­ner Detail­for­schung schreiben.

Sie­fer­le hat dafür aber die Sekun­där­li­te­ra­tur in gro­ßer Brei­te und auch auf abge­le­gen Gebie­ten rezi­piert und in umfas­sen­der Wei­se ver­wer­tet, um so eine genia­le Gesamt­schau zu erstel­len. Sie­fer­le ist kein neu­er Clau­se­witz, der das Wesen und das Gesetz des Krie­ges bis auf den tiefs­ten Grund aus­leuch­ten will.

Den­noch bil­det des­sen immer noch grund­le­gen­de Theo­rie des Krie­ges den Hin­ter­grund sei­ner Argu­men­ta­ti­on, auch wenn er die Anleh­nung an den Gene­ral nie wirk­lich expli­zit macht. Vor allem die von Sie­fer­le als »sehr all­ge­mein« bezeich­ne­te Defi­ni­ti­on von Krieg als der »koope­ra­ti­ven gewalt­sa­men Aus­tra­gung von Kon­flik­ten zwi­schen poli­tisch selb­stän­di­gen Men­schen­grup­pen« läßt dies erkennen.

Die Defi­ni­ti­on geht davon aus, daß sich die Men­schen in vie­len unter­schied­li­chen, sich von­ein­an­der abgren­zen­den Koope­ra­ti­ons­ver­bän­den orga­ni­sie­ren, die eine mehr oder min­der umfas­sen­de Daseins- und Über­le­bens­vor­sor­ge betrei­ben oder betrei­ben wollen.

Dabei kann es sich um moder­ne Natio­nal­staa­ten han­deln, aber auch poli­ti­sche Herr­schafts­ge­bil­de und Gemein­schaf­ten aller Art: Häupt­lings- und Stam­mes­fürs­ten­tü­mer, Stadt­staa­ten und anti­ke Impe­ri­en, Lehns­rei­che sowie poli­ti­sche Zusam­men­schlüs­se und Amal­ga­mie­run­gen aller Art, und letzt­lich auch um Grup­pen, die erst zu einem selb­stän­di­gen poli­ti­schen Ver­band wer­den wollen.

Solan­ge es aber meh­re­re unter­schied­li­che poli­ti­sche Ver­bän­de gibt, sind Kon­flik­te zwi­schen ihnen nicht aus­zu­schlie­ßen. Krieg ist dabei kei­nes­wegs die ein­zi­ge Art des Kon­flikt­aus­trags, wie Sie­fer­le feststellt:

Dem Krieg lie­gen Kon­flik­te zugrun­de, mit denen auf unter­schied­li­che Wei­se umge­gan­gen wer­den kann.

Wenn die­ser Umgang aber die Anwen­dung von »tötungs­be­rei­ter Gewalt« ein­schließt, »kann von Krieg gespro­chen werden«.

Der Krieg kom­bi­niert somit die Koope­ra­ti­on nach innen, unter den Ange­hö­ri­gen der einen Kriegs­par­tei, mit dem gewalt­sa­men Kon­flikt nach außen, gegen­über genau defi­nier­ten Fein­den, die bekämpft und getö­tet wer­den sol­len, um ihnen den eige­nen Wil­len aufzuzwingen.

Auch gemäß Clau­se­witz’ all­ge­mei­nem Begriff des Krie­ges stellt die­ser einen »Akt der Gewalt, um den Geg­ner zur Erfül­lung unse­res Wil­lens zu zwin­gen«, dar. Sie­fer­les »sehr all­ge­mei­ne Theo­rie« des Krie­ges paßt die­se simp­le, aber sehr prä­zi­se Defi­ni­ti­on nur an die moder­ne Ter­mi­no­lo­gie an.

Ähn­li­ches geschieht mit der Schluß­fol­ge­rung des preu­ßi­schen Gene­rals, daß der Krieg »nicht bloß ein poli­ti­scher Akt, son­dern ein wah­res poli­ti­sches Instru­ment, eine Fort­set­zung des poli­ti­schen Ver­kehrs, eine Durch­füh­rung des­sel­ben mit ande­ren Mit­teln« sei.

Für bei­de stellt Krieg kein eigen­stän­di­ges Phä­no­men, son­dern nur eine von meh­re­ren For­men der Kon­flikt­aus­tra­gung zwi­schen selb­stän­di­gen Grup­pen, des »poli­ti­schen Ver­kehrs«, dar, bei dem nur, wie es der Gene­ral for­mu­lier­te, die »Feder mit dem Degen« getauscht wird.

Der noch vom klas­si­schen Staats­be­griff aus­ge­hen­de Mili­tär Clau­se­witz, der unter »Poli­tik« das Akti­ons­feld einer ein­deu­tig defi­nier­ten klei­nen Staats­spit­ze ver­stand, wid­me­te sich in sei­nem Werk vor­nehm­lich der Eigen­lo­gik des poli­ti­schen Instru­ments Krieg, die die­sen vor­an­trei­ben und von sei­nem poli­ti­schen Zweck durch­aus ent­fer­nen kann.

Der Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Sie­fer­le setzt hin­ge­gen nicht bei der Poli­tik von Ent­schei­dungs­eli­ten, son­dern bei den gesell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Grund­vor­aus­set­zun­gen ihres Agie­rens an, anders aus­ge­drückt: bei der im his­to­ri­schen Pro­zeß jeweils ent­wi­ckel­ten Form von »Zivi­li­sa­ti­on«.

Das ist unter der »Struk­tur­ge­schich­te des Krie­ges, bei der auch tech­ni­sche und poli­ti­sche Fak­to­ren zur Spra­che kom­men«, zu ver­ste­hen. Daß Sie­fer­le auf Clau­se­witz kaum ein­geht, dürf­te – sei­ne weni­gen bei­läu­fi­gen Erwäh­nun­gen des Gene­rals las­sen dies jeden­falls ver­mu­ten – damit zu tun haben, daß er ihn, aller­dings nicht ganz kor­rekt, als Theo­re­ti­ker des Krie­ges in der Zeit der klas­si­schen Staat­lich­keit versteht.

Fak­tisch steht sein Ver­ständ­nis von Krieg aber auf dem Boden von des­sen theo­re­ti­schen Grund­an­nah­men. Sie­fer­le hebt als ein wich­ti­ges Merk­mal des Krie­ges »die Koope­ra­ti­on zwi­schen Indi­vi­du­en« her­vor, »die eben nicht nur zu fried­li­chen Zwek­ken, son­dern auch zur Gewalt­an­wen­dung bei der Jagd auf Tie­re, aber auch beim Krieg gegen ande­re Men­schen statt­fin­den kann.«

Er muß sich des­halb die Fra­ge stel­len, »ob Krieg (oder gene­rell ›Aggres­si­on‹) in der Natur des Men­schen liegt, oder ob es sich hier­bei um kul­tu­rel­le ›Kon­struk­te‹ han­delt, die nur unter bestimm­ten Bedin­gun­gen ent­ste­hen«. Die Fra­ge nach den Ursprün­gen des Krie­ges las­sen sich auf jene zwei kon­tro­ver­sen Posi­tio­nen zurück­füh­ren, die die Phi­lo­so­phen Tho­mas Hob­bes (1588 – 1679) (Krieg als Natur­zu­stand) und Jean-Jac­ques Rous­se­au (1712 – 1778) (der von Natur gute, durch gesell­schaft­li­che Ver­hält­nis­se aber defor­mier­te Mensch) vertraten.

Sie präg­ten in wan­deln­der Form seit dem 18. Jahr­hun­dert die Dis­kus­si­on und prä­sen­tie­ren sich heu­te, wie Sie­fer­le fest­stellt, als »para­dig­ma­ti­scher Gegen­satz zwi­schen einer eher rous­se­auis­ti­schen Kul­tur­anthro­po­lo­gie und einer hob­bes­sia­ni­schen Soziobiologie«.

Sie­fer­le beginnt mit den schon bei Schim­pan­sen zu beob­ach­ten­den For­men rudi­men­tä­rer Krieg­füh­rung. Daß der Krieg der Men­schen »ein phy­lo­ge­ne­ti­sches Erbe der Pri­ma­ten« sei, hält er indes für unwahr­schein­lich. Plau­si­bler sei es, ihn als Ergeb­nis einer in der mensch­li­chen Evo­lu­ti­on her­aus­ge­bil­de­ten »spe­zi­fi­schen Koope­ra­ti­ons­stra­te­gie der Spe­zi­es Homo Sapi­ens« zu sehen.

Der Mensch ist aus evo­lu­ti­ons­bio­lo­gi­scher Sicht nicht nur ein zur inner­art­li­chen Aggres­si­on, son­dern auch ein, ver­gli­chen mit ande­ren Pri­ma­ten, ver­gleichs­wei­se sozia­les, zur Koope­ra­ti­on mit sei­nes­glei­chen hoch­gra­dig befä­hig­tes Lebewesen.

Evo­lu­tio­när erfolg­reich kann eine auf teil­wei­se selbst­lo­ser Koope­ra­ti­on Nicht-Ver­wand­ter beru­hen­de Stra­te­gie indes nur sein, wenn Außen­sei­ter und Tritt­brett­fah­rer effek­tiv vom Genuß der koope­ra­tiv erlang­ten Res­sour­cen aus­ge­schlos­sen werden.

Die­ses »Aus­schlie­ßen« von sich nicht an die Regeln hal­ten­den sowie nicht durch­füt­ter­ba­ren Ande­ren muß, vor allem wenn es sich dabei um grö­ße­re Grup­pen von Indi­vi­du­en han­delt, die ihrer­seits aggres­siv auf Teil­ha­be oder gar Beu­te drän­gen, wie­der­um koope­ra­tiv orga­ni­siert werden.

Und sie muß unter Umstän­den aggres­siv, gewalt­sam erfol­gen. Die evo­lu­tio­när stark ent­wi­ckel­ten koope­ra­ti­ven Fähig­kei­ten beim Men­schen bedeu­ten also nicht, daß er auf umfas­sen­de Koope­ra­ti­on mit allen Mit­glie­dern sei­ner Art ange­legt ist.

Sie ver­set­zen ihn viel­mehr in die Lage, sei­ne Aggres­si­ons­fä­hig­keit durch inten­si­ve Zusam­men­ar­beit mit ande­ren Mit­glie­dern sei­ner Grup­pe zur Abwehr oder zum Angriff auf ande­re Grup­pen zu nut­zen. »Mensch­li­che Kriegs­füh­rung« hat sich gera­de »als Ele­ment der sozia­len Koope­ra­ti­on« evo­lu­tio­när ent­wi­ckelt und stellt nicht nur eine Erwei­te­rung des Aggres­si­ons­trie­bes dar.

»Aggres­si­on und Kampf­be­reit­schaft« sind für Sie­fer­le somit evo­lu­tio­när her­aus­ge­bil­de­te »Tak­ti­ken des Über­le­bens«, aller­dings sol­che, zu denen es »auch Alter­na­tiv­tak­ti­ken« geben kann wie Aus­wei­chen, Flucht oder Unter­wer­fung. In den meis­ten his­to­ri­schen Fäl­len las­se sich des­halb ein situa­ti­ons­ge­bun­de­ner Mix von Tau­ben- und Fal­ken­tak­ti­ken fest­stel­len (Neben­her erklärt Sie­fer­le so auch auf apar­te Wei­se den Geschlech­ter­un­ter­schied in der Gewaltbereitschaft).

Wir müs­sen also davon aus­ge­hen, daß das Auf­tre­ten des Phä­no­mens Krieg von den jewei­li­gen kon­kre­ten Situa­tio­nen abhängt und his­to­risch immer wie­der Schwan­kun­gen in der Form und Häu­fig­keit unter­wor­fen ist. Sie­fer­le schließt sich zwar jenen For­schern an, die das Poten­ti­al zum aggres­si­ven Ver­hal­ten im Men­schen als tief ver­an­kert und leicht zu aktua­li­sie­ren anse­hen, nicht aber der bei­spiels­wei­se von Mar­tin van Creveld ver­tre­te­nen The­se, daß es die Lust jun­ger Män­ner auf gefahr­vol­le Bewäh­rung sei, die unse­re Spe­zi­es immer wie­der zum Krieg treibt.

Er ver­neint expli­zit die Mög­lich­keit eines Aggres­si­ons­staus oder des Freud­schen Todes­trie­bes, der irgend­wann zur krie­ge­ri­schen Ent­la­dung trei­be. Ein lan­ger Frie­de ist dem­nach, jeden­falls auf der affek­ti­ven Sei­te der mensch­li­chen Natur, nichts Unerträgliches.

Sie­fer­les Erklä­rungs­mo­dell bean­sprucht, sowohl den »Fal­len des kul­tu­rel­len Kon­struk­ti­vis­mus (›alles erlernt‹)« wie auch des »bio­lo­gi­schen Deter­mi­nis­mus (›alles ange­bo­ren‹)« zu ent­ge­hen. Krieg kann nicht als bloß kul­tu­rell erlern­te und genau so wie­der abschaff­ba­re »Erfin­dung« betrach­tet wer­den, auch wenn er jeweils »kul­tu­rell« gepräg­te Dimen­sio­nen hat.

Krieg stellt auf der ande­ren Sei­te auch kein unab­wend­ba­res Schick­sal dar, zu dem sei­ne Bio­lo­gie den Men­schen über kurz oder lang unwei­ger­lich zwingt. Wenn man dies denn für nötig hält, könn­te man Sie­fer­les Posi­ti­on am bes­ten als gemä­ßig­ten Hob­be­sia­nis­mus klas­si­fi­zie­ren: Krieg ist eine mensch­li­che Mög­lich­keit, mit der immer gerech­net wer­den und auf den man sich des­halb vor­be­rei­ten muß.

Sie­fer­le ent­wi­ckelt in sei­nem Buch plau­si­ble Hypo­the­sen (wie er sie beschei­den nennt) zur Koevo­lu­ti­on von Krieg und Zivi­li­sa­ti­on. Zum einen geht er davon aus, daß es bei krie­ge­ri­schen Akten in der Regel um die Aneig­nung oder Ver­tei­di­gung von Res­sour­cen geht, wor­un­ter nicht nur mate­ri­el­le Güter, son­dern etwa auch Ver­meh­rungs­chan­cen (Zugang zu Frau­en) und Raum­be­herr­schung ver­stan­den wer­den können.

Dane­ben kön­ne, wie er ein­räumt, das Stre­ben nach Ruhm und sozia­lem Rang auf moti­va­tio­nel­ler Ebe­ne einen gewis­sen selb­stän­di­gen Wert erlan­gen, auch wenn die­ses objek­tiv dem bes­se­ren Zugang zu Res­sour­cen dient. Ins­be­son­de­re auf der Zivi­li­sa­ti­ons­stu­fe der Jäger und Samm­ler spie­le das Ruhm-Motiv eine gewis­se Rol­le, aller­dings auch der Kampf um Jagd­grün­de als hand­fes­te­res Kriegsmotiv.

Da indes die Besied­lungs­dich­te noch gering ist, Aus­weich­mög­lich­kei­ten bestehen und nie­mand vie­le mate­ri­el­le Güter ange­häuft hat, die als Beu­te loh­nens­wert erschei­nen, bleibt es auf die­ser Stu­fe bei meist wenig inten­si­ven, aller­dings auf Dau­er unter Umstän­den doch recht ver­lust­rei­chen krie­ge­ri­schen Auseinandersetzungen.

Dies ändert sich mit der neo­li­thi­schen Revo­lu­ti­on, also dem Über­gang zu Acker­bau und Vieh­zucht und der dadurch beding­ten Ver­grö­ße­rung sozia­ler Ver­bän­de. Der Erwerb und die Ver­tei­di­gung von Res­sour­cen bil­den seit­her ein­deu­tig die Haupt­zie­le des Krieges.

In ein­fa­chen »tri­ba­len Agrar­ge­sell­schaf­ten«, in der klei­ne, sozi­al noch weit­ge­hend ega­li­tär orga­ni­sier­te Dör­fer die wich­tigs­ten Koope­ra­ti­ons­ver­bän­de bil­de­ten, war Grund und Boden die wich­tigs­te Res­sour­ce. Um sie wur­de scho­nungs­los gekämpft, gut 30 Pro­zent aller Män­ner kamen durch Krieg ums Leben.

Unter­le­ge­ne konn­ten dem Tod nur durch Flucht ent­ge­hen. (Die im Buche Josua beschrie­be­ne Inbe­sitz­nah­me des Gelob­ten Lan­des, die unter dem von Gott gege­be­nen und meist exe­ku­tier­ten Mot­to »Rot­tet aus« stand, scheint inso­weit eine ange­mes­se­ne Beschrei­bung der dama­li­gen Krieg­füh­rung gewe­sen zu sein).

Der »Krieg zwi­schen den Dör­fern« ist nach Sie­fer­les Über­zeu­gung die »wohl ver­lust­reichs­te Epo­che der Mensch­heits­ge­schich­te gewe­sen, jeden­falls in Rela­ti­on zur Bevöl­ke­rungs­zahl«. Mit der Aus­bil­dung der grö­ße­ren »kom­ple­xen, staat­lich orga­ni­sier­ten Agrar­ge­sell­schaf­ten« in his­to­ri­scher Zeit änder­te sich das Beu­te­sche­ma und damit Funk­ti­on und Art der Kriegführung.

Es han­delt sich nun­mehr um zwar öko­no­misch immer noch von der Land­wirt­schaft stark abhän­gi­ge, aber »stra­ti­fi­zier­te«, also sozi­al geschich­te­te, von gro­ßen sozia­len Rang­un­ter­schie­den gepräg­te Ver­bän­de. Für die selbst nicht mehr auf dem Feld arbei­ten­den Ober­schich­ten bil­de­te die Kon­trol­le über Acker­land wei­ter­hin ein loh­nen­des Ziel, nun kam aber die Kon­trol­le über des­sen Bebau­er hin­zu, um die­sen ein Sur­plus abneh­men zu kön­nen, von dem die Her­ren mög­lichst »herr­lich« leben konnten.

Die Kon­trol­le über Boden und Men­schen zu behaup­ten oder zu erobern war nun das Ziel krie­ge­ri­scher Akti­vi­tä­ten. Die von einem sich sozi­al aus­dif­fe­ren­zie­ren­den pro­fes­sio­nel­len Krie­ger­stand geüb­te Krieg­füh­rung wur­de ten­den­zi­ell ratio­na­ler und weni­ger zer­stö­re­risch, die poten­ti­el­len Arbeits­kräf­te unter den Fein­den gal­ten als wert­vol­le Beu­te, sei es als neue Unter­ta­nen oder als Skla­ven, ihr Leben soll­te mög­lichst geschont werden.

Etwas unter­be­lich­tet bleibt bei Sie­fer­le, daß dies lan­ge Zeit oft mehr Anspruch als Wirk­lich­keit war. Erst durch die Her­aus­bil­dung eines zen­tra­li­sier­ten und büro­kra­ti­schen Staats­we­sens im 18. Jahr­hun­dert konn­te die »Hegung« und inso­weit »Huma­ni­sie­rung« des Krie­ges (kla­re Unter­schei­dung von Kom­bat­tan­ten und Nicht­kom­bat­tan­ten sowie von Krieg und Frie­den, Her­aus­bil­dung eines aus­dif­fe­ren­zier­ten Kriegs­völ­ker­rechts) »brei­ten­wirk­sam« werden.

Einer­seits erlaub­te erst jetzt das Vor­han­den­sein eines moder­nen Staats­we­sens eine fes­te Kon­trol­le und Dis­zi­pli­nie­rung der Trup­pe und die effek­ti­ve Unter­bin­dung von Aus­schrei­tun­gen gegen die Zivil­be­völ­ke­rung. Ande­rer­seits hat­te der mon­ar­chi­sche Cha­rak­ter die­ser Staa­ten zur Fol­ge, daß der Krieg wei­ter­hin als Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Köni­gen auf­ge­faßt wer­den konn­te, die dafür ein­ge­schwo­re­ne treue Die­ner und gegen Sold ange­heu­er­te Hilfs­kräf­te ver­wen­de­ten, aber die Mas­se der Unter­ta­nen nicht (oder nur als Steu­er­zah­ler) in Anspruch nahmen.

Mit der Her­aus­bil­dung der moder­nen Indus­trie ab dem 19. Jahr­hun­dert wird Krieg­füh­ren zuneh­mend »öko­no­misch dys­funk­tio­nal«, zumin­dest zwi­schen ent­wi­ckel­ten Industriestaaten.

Die kom­ple­xen wirt­schaft­li­chen Struk­tu­ren, auf denen ihr Funk­tio­nie­ren beruht, kön­nen nach der Über­zeu­gung Sie­fer­les nicht ein­fach in Besitz genom­men, son­dern nur zer­stört wer­den, was dem Sie­ger in Rela­ti­on zum eige­nen Auf­wand kei­nen nen­nens­wer­ten Nut­zen ver­schafft (Man mag dage­gen ein­wen­den, daß die Aus­schal­tung eines Kon­kur­ren­ten durch sei­ne Zer­stö­rung als Indus­trie­land immer­hin ein wirk­sa­mes Motiv sein kann. Aller­dings bedeu­tet dies in der Regel auch sei­ne Aus­schal­tung als kauf­kräf­ti­ger Kunde).

Der Ver­lust ihres öko­no­mi­schen Nut­zens führ­te dazu, daß im 19. und 20. Jahr­hun­dert Krie­ge zwi­schen Indus­trie­staa­ten tat­säch­lich weni­ger häu­fig waren als in den Jahr­hun­der­ten davor zwi­schen Agrar­staa­ten. Die Krie­ge zwi­schen indus­tri­ell ent­wi­ckel­ten Staa­ten, die den­noch geführt wur­den, ins­be­son­de­re die bei­den Welt­krie­ge in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts, waren dafür um so zer­stö­re­ri­scher und verlustreicher.

Als eine wich­ti­ge Ursa­che benennt Sie­fer­les die »Retri­ba­li­sie­rung«. Die neu­en moder­nen zen­tra­li­sier­ten Staa­ten wur­den seit dem Ende des 18. Jahr­hun­derts schritt­wei­se demo­kra­ti­siert. In der Kon­se­quenz, bil­de­te sich der Staat, wie Sie­fer­le fest­stellt, »als pseu­do­tri­ba­ler Staat aus, d. h. er okku­piert eine Rei­he von Merk­ma­len, die sich sonst nur in Tri­bal­ge­sell­schaf­ten finden.«

Als Natio­nal­staat ver­stand er sich wie die frü­hen tri­ba­len Gesell­schaf­ten als unver­brüch­li­cher Loya­li­täts­ver­band. Durch die all­ge­mei­ne Wehr­pflicht wur­den wie­der alle gesun­den Män­ner zu sei­nen poten­ti­el­len Krie­gern. Indem das »Volk« in die Stel­lung des Sou­ve­räns ein­rück­te, wur­de es auch zum Trä­ger jenes »Wil­lens«, des­sen Bre­chung im Kriegs­fall das zen­tra­le Ziel der krieg­füh­ren­den Par­tei­en darstellte.

Der »Krieg zwi­schen den Staa­ten« konn­te wie­der zum »Volks­krieg« wer­den, der »rasch tota­len Cha­rak­ter annimmt und in sei­ner Ver­nich­tungs­wut wie­der dem tri­ba­len Krieg ähnelt«. Sie­fer­les Wahl der Begrif­fe »Retri­ba­li­sie­rung« und »Pseu­do­tri­ba­li­sie­rung« für eine wich­ti­ge Ten­denz in der Ent­wick­lung von Krieg und staat­lich ver­faß­ter Gesell­schaft im 19. und 20. Jahr­hun­dert ist nicht ganz glücklich.

Die »pseu­do­tri­ba­len« Natio­nal­staa­ten waren wei­ter­hin zen­tra­li­sier­te und büro­kra­ti­sche poli­ti­sche Ein­hei­ten. Die­se Staa­ten orga­ni­sier­ten ihre Krie­ge wei­ter­hin als ratio­na­le und inso­weit auch »geheg­te« Ver­an­stal­tung. Doch konn­ten sie und ihre extrem ver­grö­ßer­ten Gewalt­in­stru­men­te nun von poli­ti­schen Eli­ten zu »pseu­do­tri­ba­len« Zwe­cken bis hin zum Völ­ker­mord instru­men­ta­li­siert werden.

Die auf ein hohes Niveau stei­gen­den Ver­lust­zah­len in den Welt­krie­gen ver­dank­ten sich aller­dings weni­ger einer wie­der beson­ders grau­sam gewor­de­nen, weil »retri­ba­li­sier­ten« Form der Krieg­füh­rung, son­dern vor allem der umfas­sen­den Indienst­nah­me der von einem gigan­ti­schen indus­tri­el­len Appa­rat bereit­ge­stell­ten Ver­nich­tungs­mit­tel, der Krie­ge zu einer jeweils lang­dau­ern­den Serie von Abnut­zungs­kämp­fen wer­den ließ.

Die Sol­da­ten selbst ver­wan­del­ten sich in der Regel nicht in blut­gie­ri­ge, skalp­ja­gen­de Stam­mes­krie­ger. Das mas­sen­haf­te Töten von Zivi­lis­ten erfolg­te eher weni­ger im Zuge mili­tä­ri­scher Ope­ra­tio­nen und dann meist in einer abs­trak­ten Form bei­spiels­wei­se durch Flächenbombardements.

Die Mor­de wur­den zum gro­ßen Teil von nicht in die mili­tä­ri­schen Kämp­fe ein­ge­bun­de­nen geson­der­ten For­ma­tio­nen, und oft in anony­mi­sier­ter, »indus­tria­li­sier­ter« Form durch­ge­führt. Sie­fer­les War­nung, daß der »pseu­do­tri­ba­le« Natio­na­lis­mus, der im Rah­men der Aus­bil­dung der Natio­nal­staa­ten unwei­ger­lich ent­stand, völ­ker­mör­de­ri­sche Ener­gien ent­fes­seln kann, ist daher zwar nicht unbe­rech­tigt, aber es war nicht die Kriegs­ge­walt, son­dern die in ihrem Schat­ten ope­rie­ren­de Gewalt der Scher­gen, die die­ses Poten­ti­al realisierte.

Die Mög­lich­kei­ten einer nuklea­ren Krieg­füh­rung mit »garan­tier­ter wech­sel­sei­ti­ger Zer­stö­rung« führ­ten ab 1945 Krie­ge zwi­schen ent­spre­chend gerüs­te­ten Indus­trie­mäch­ten end­gül­tig ad absur­dum. Sol­che Krie­ge konn­ten ange­sichts ihrer immensen Kos­ten kein ratio­na­les Mit­tel zur Erobe­rung frem­der Res­sour­cen mehr sein.

In den Indus­trie­staa­ten des Wes­tens ver­lor der bel­li­zis­tisch kon­no­tier­te »Pseu­do­tri­ba­lis­mus« mas­siv an Plau­si­bi­li­tät. Statt­des­sen gewann eine »post­he­roi­sche Men­ta­li­tät« an Boden, die nach dem Ende des Kal­ten Krie­ges end­gül­tig dominiert.

Das Mili­tär wur­de nun wie­der zu einem klei­nen pro­fes­sio­nel­len Seg­ment der Bevöl­ke­rung, auch, wie man ergän­zen muß, weil das kom­ple­xer wer­den­de tech­ni­sche Instru­men­ta­ri­um der Krieg­füh­rung nur noch von gut aus­ge­bil­de­ten Fach­leu­ten gehand­habt wer­den kann.

Die Streit­kräf­te der Indus­trie­staa­ten die­nen nun fak­tisch nicht mehr dem Kampf gegen gro­ße, auf glei­cher Augen­hö­he ste­hen­de Geg­ner, son­dern nur noch gegen min­der­wer­ti­ge »Schur­ken­staa­ten«, Gue­ril­las und »Ter­ro­ris­ten«. Bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen mili­tä­ri­schen For­ma­tio­nen fin­den nur noch in der Form von »Neu­en Krie­gen« (Münk­ler) an der Peri­phe­rie statt.

Der tech­no­lo­gisch-mili­tä­ri­schen Domi­nanz der west­li­chen Arme­en stel­len ihre Geg­ner asym­me­tri­sche Kampf­for­men ent­ge­gen, vom Gue­ril­la-Krieg bis zu Ter­ror­an­schlä­gen, bei denen die Tren­nung von Zivil und Mili­tär sowie von Krieg und Frie­den zuneh­mend unter­lau­fen wird, und denen mit den her­kömm­li­chen mili­tä­ri­schen Mit­teln nur schwer bei­zu­kom­men ist.

Was Sie­fer­le indes noch mehr umtreibt, ist die Ent­ste­hung einer völ­lig neu­en Metho­de der Krieg­füh­rung, mit der eine mas­si­ve Ein­wir­kung auf den »Wil­len« eines Fein­des mög­lich wird, ohne daß her­kömm­li­che Waf­fen und Ver­nich­tungs­mit­tel zum Ein­satz kom­men müs­sen: der Cyberkrieg.

Die umfas­sen­de Ver­net­zung per Inter­net im 21. Jahr­hun­dert läßt es zu, daß von jedem Punkt auf der Erde aus in die Steue­rung bestehen­der tech­ni­scher Sys­te­me an jedem andern Punkt ein­ge­grif­fen wer­den kann. »Damit ste­hen aber letzt­lich die gesam­te Infra­struk­tur, die gesam­te Indus­trie sowie der größ­te Teil der zivi­len Haus­hal­te dem zer­stö­re­ri­schen Zugriff von außen offen«, sofern es den »Stö­rern« gelingt, die ent­spre­chen­den »Schutz­wäl­le« zu überwinden.

Die­se »Stö­rer« selbst sind hin­ge­gen meist kaum iden­ti­fi­zier­bar und noch schwe­rer angreif­bar. Mit dem in gewis­sem Umfang schon längst im Gang befind­li­chen Cyber­krieg sieht Sie­fer­le eine »neue Pha­se des tota­len Kriegs [auf­zie­hen], weni­ger, was die zu mobi­li­sie­ren­de Bevöl­ke­rung betrifft, son­dern eher, was die Objek­te des Angriffs angeht.«

Eine Epo­che der Zivi­li­sa­ti­on ent­steht, in der Krieg und Frie­den prak­tisch nicht mehr unter­scheid­bar sind. Sie­fer­le hegt star­ke Zwei­fel, ob die post­he­ro­isch gesinn­ten Mit­glie­der der west­li­chen Gesell­schaft den neu­en For­men der Krieg­füh­rung gewach­sen sind.

In asym­me­tri­schen Krie­gen und gegen­über ein­ge­wan­der­tem Ter­ro­ris­mus auf jede Hegung der eige­nen Krieg­füh­rung und alle rechts­staat­li­chen Maß­stä­be zu ver­zich­ten, um bei­spiels­wei­se zur Abschre­ckung mas­siv Ver­gel­tung an Zivi­lis­ten zu üben, sei undenk­bar geworden.

Da zudem die heu­ti­gen Gesell­schaf­ten in nai­vem Ver­trau­en auf die Unfehl­bar­keit der Com­pu­ter-Sys­te­me »phy­sisch auf einem Demen­ti des Aus­nah­me­zu­stan­des« (im Sin­ne einer Vor­hal­tung von Reser­ven und »Ersatz­sys­te­men« beim Aus­fal­len der zen­tra­len Groß­sys­te­me wie Elek­tri­zi­tät oder Was­ser­ver­sor­gung) beru­hen, kön­nen durch­schla­gen­de Cyber­an­grif­fe auf die zivi­le Infra­struk­tur »im Ernst­fall rasch zum Zusam­men­bruch« führen.

Die »kal­te« Logik Sie­fer­les mag erschre­cken, ent­zieht sich jedoch jeder Widerlegbarkeit.


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 Gastbeitrag

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