Der vergessene Weltkrieg

PDF der Druckfassung aus Sezession 90/April 2019

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Wenn der geschichts­po­li­ti­sche Blick in die­sem Jahr nach Wes­ten, nach Ver­sailles, gerich­tet ist, so setzt sich damit etwas fort, was die Erin­ne­rung an den Ers­ten Welt­krieg schon seit lan­gem domi­niert. Das Kriegs­ge­sche­hen im Osten steht völ­lig im Schat­ten der Ereig­nis­se am west­li­chen Kriegsschauplatz.

Die Ursa­chen dafür lie­gen auf den ers­ten Blick auf der Hand: Die ver­lust­rei­chen Mate­ri­al­schlach­ten, die zum Sym­bol des Ers­ten Welt­kriegs wur­den, fan­den an der West­front statt, der Waf­fen­still­stand wur­de im Wes­ten unter­zeich­net, und der Wes­ten domi­nier­te das Ver­sail­ler Diktat.

Dem­ge­gen­über trat die Tat­sa­che, daß Deutsch­land zum Zeit­punkt des Waf­fen­still­stands rie­si­ge Gebie­te im Osten beherrsch­te und dort anschlie­ßend die größ­ten Gebiets­ver­lus­te erlitt, völ­lig in den Hin­ter­grund. Die­ses schie­fe Bild ist vor allem eine Fol­ge des Zwei­ten Welt­krie­ges und der Vergangenheitsbewältigung.

Die West­bin­dung der Bun­des­re­pu­blik führ­te zu einer ritu­el­len Über­hö­hung des deutsch-fran­zö­si­schen Ver­hält­nis­ses – und die Geschichts- und Erin­ne­rungs­po­li­tik sorg­te dafür, daß die­ser Abschnitt der Geschich­te nur noch aus dem Blick­win­kel des spät­ge­bo­re­nen Mora­lis­ten betrach­tet wurde.

Das Ver­dienst, den öst­li­chen Kriegs­schau­platz in Deutsch­land wie­der in Erin­ne­rung geru­fen zu haben, gebührt Jörg Fried­richs 14/18. Der Weg nach Ver­sailles (2014) (hier bestel­len). Was Fried­rich damals im Rah­men einer Groß­erzäh­lung des Welt­krie­ges zum The­ma mach­te, steht aus­drück­lich im Mit­tel­punkt einer umfang­rei­chen Neu­erschei­nung, die sich unter dem Titel Der ver­ges­se­ne Welt­krieg dem Gesche­hen in Ost­eu­ro­pa zuwen­det und dabei weit über die enge­ren zeit­li­chen Gren­zen des Krie­ges hinausgeht.

Der behan­del­te Zeit­raum reicht von 1912, den Bal­kan­krie­gen, bis 1923, dem Ver­trag von Lau­sanne, in dem die letz­ten Nach­kriegs­re­ge­lun­gen für den Bal­kan getrof­fen wur­den. Die Autoren sind zwei pol­ni­sche His­to­ri­ker, von denen der älte­re, Wlod­zi­mierz Borod­ziej (* 1956), an der Uni­ver­si­tät War­schau lehrt und sich vor eini­gen Jah­ren gegen Vor­wür­fe zu weh­ren hat­te, daß sei­ne Kar­rie­re vor 1990 vom pol­ni­schen Geheim­dienst beför­dert wor­den sei.

Daß die­se Angrif­fe von rechts kamen, erklärt viel­leicht auch, daß Borod­ziej eine für pol­ni­sche Ver­hält­nis­se libe­ra­le Posi­ti­on ein­nimmt und sich mit pol­ni­schem Chau­vi­nis­mus wohl­tu­end zurück­hält. Der zwei­te Autor, der 1976 gebo­re­ne Maciej Gór­ny, lehrt als außer­or­dent­li­cher Pro­fes­sor am His­to­ri­schen Insti­tut der Pol­ni­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten Warschau.

Den Hin­ter­grund für das Buch bil­de­te die in den ost­eu­ro­päi­schen Staa­ten vor­han­de­ne Igno­ranz gegen­über dem Ers­ten Welt­krieg, der im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis der Natio­nen kaum eine Rol­le spielt und eher als eine Vor­ge­schich­te zur eige­nen Natio­nal­staats­wer­dung begrif­fen wird.

Des­halb haben die Autoren den Zeit­raum in zwei Abschnit­te ein­ge­teilt. Im ers­ten Teil, der von 1912 bis 1916 reicht, bestim­men die Impe­ri­en das Gesche­hen. Das sind für Euro­pas Osten das Deut­sche Reich, das Rus­si­sche Reich und die Doppelmonarchie.

Das Osma­ni­sche Reich kommt nur am Ran­de vor, vor allem, wenn es um die Vor­ge­schich­te des Welt­kriegs auf dem Bal­kan geht. Von den drei Rei­chen konn­te nur das deut­sche eine über­wie­gend homo­ge­ne Bevöl­ke­rung auf­wei­sen, wäh­rend die ande­ren bei­den Viel­völ­ker­staa­ten waren, die von Rus­sen und Deutsch-Öster­rei­chern domi­niert wurden.

Aus der Erb­mas­se die­ser bei­den Staa­ten ent­wi­ckel­ten sich zwi­schen 1917 und 1923 zahl­rei­che Natio­nal­staa­ten, die es vor­her ent­we­der nie oder nur in fer­ner Ver­gan­gen­heit ein­mal gege­ben hatte.

Eini­ge von ihnen über­leb­ten kaum das Kriegs­en­de (Ukrai­ne), ande­re ver­lo­ren ihre Unab­hän­gig­keit im Zuge des Zwei­ten Welt­kriegs wie­der (die bal­ti­schen Staa­ten) und wie­der­um ande­re konn­ten ihre staat­li­che Selb­stän­dig­keit wenigs­tens in ver­schie­de­nen Bünd­nis­sys­te­men wah­ren (Ungarn).

Für alle gilt, daß ihre Völ­ker in den Arme­en der drei Rei­che Dienst taten, was für das Ent­ste­hen einer eige­nen Iden­ti­tät nicht unpro­ble­ma­tisch war und des­halb aus­ge­klam­mert wur­de. Die Ver­hee­run­gen des Zwei­ten Welt­kriegs und die Ideo­lo­gi­sie­rung der Geschichts­schrei­bung nach 1945 taten ein Übri­ges, um den Ers­ten Welt­krieg in Ver­ges­sen­heit gera­ten zu lassen.

Da die Autoren mit ihrem Buch kei­nen rein wis­sen­schaft­li­chen Zweck ver­fol­gen, son­dern vor allem für eine geschichts­po­li­ti­sche Ver­an­ke­rung der Erin­ne­rung an den Welt­krieg sor­gen wol­len, steht die Erleb­nis­per­spek­ti­ve im Vordergrund.

Die­se durch­bre­chen die Autoren im Grun­de nur in den jewei­li­gen Ein­lei­tun­gen, wo sie völ­lig unge­prüft die übli­che Lita­nei über den kriegs­lüs­ter­nen deut­schen Kai­ser, dem es in »28 Jah­ren sei­ner Herr­schaft gelun­gen« war, »alles zu rui­nie­ren, was er nur anfaß­te«, wiederholen.

Glück­li­cher­wei­se bil­den die­se Aus­flü­ge in die Groß­deu­tung eine Aus­nah­me (neben die noch die über­set­ze­ri­sche Wun­der­lich­keit tritt, daß das kai­ser­li­che Deut­sche Heer oft als Wehr­macht bezeich­net wird). Die meis­ten der zahl­rei­chen Zita­te sind Zeug­nis­se von Zeit­ge­nos­sen, die ent­we­der Erleb­tes schil­dern oder rück­bli­ckend eine Ein­schät­zung abgeben.

Der Vor­teil die­ser Her­an­ge­hens­wei­se besteht in der pral­len Wirk­lich­keit, die dem Leser die dama­li­ge Situa­ti­on unmit­tel­bar vor Augen stellt. Der Nach­teil besteht dar­in, daß die Bewer­tung die­ser Quel­len oft­mals sehr vage bleibt, auch wenn sich die Autoren durch­aus an einer Quel­len­kri­tik versuchen.

Hier ist vor allem der sel­te­ne Bezug auf Archiv­ma­te­ri­al pro­ble­ma­tisch, da sich auf die­sem Wege ver­mut­lich man­che Unsi­cher­heit auf­klä­ren lie­ße. Um des Mate­ri­als Herr zu wer­den und die Unzahl von ver­schie­de­nen Stim­men zwi­schen zwei Buch­de­ckel zu bekom­men, machen die Autoren inner­halb der Chro­no­lo­gie the­ma­ti­sche Längs­schnit­te (unter­bro­chen von inter­es­san­ten Exkursen).

Dabei bün­delt der jewei­li­ge Band The­men, die dann an mög­lichst vie­len Schau­plät­zen unter­sucht wer­den. So wer­den z. B. unter dem Stich­wort »Die Besat­zung« die ers­te Situa­ti­on nach der Besat­zung, die neu errich­te­ten Ord­nun­gen und die ideo­lo­gi­schen Kon­zep­te dahin­ter an ver­schie­de­nen Bei­spie­len erläutert.

Der zwei­te Band, der mit der Febru­ar­re­vo­lu­ti­on in Ruß­land beginnt, erzählt von dort aus­ge­hend den völ­li­gen Umsturz der bis dahin gewohn­ten Struk­tu­ren. Hier kom­men die Din­ge in Fahrt, die schließ­lich zu den zahl­rei­chen neu­en Natio­nal­staats­wer­dun­gen führen.

Den Beginn macht die sich radi­ka­li­sie­ren­de Eth­ni­sie­rung der Arme­en der bei­den mul­ti­na­tio­na­len Groß­rei­che. Die Tat­sa­che, daß Polen und Ukrai­ner auf bei­den Sei­ten kämpf­ten, wird durch die Selbst­be­wußt­wer­dung der eige­nen Natio­na­li­tät zu einem Pro­blem, das den klas­si­schen Krieg unmög­lich macht.

In der Fol­ge ent­wi­ckelt sich ein unüber­sicht­li­ches Neben­ein­an­der von Kriegs­par­tei­en, die alle mög­lichst ihren eige­nen Staat haben wol­len, die wil­des­ten ter­ri­to­ria­len For­de­run­gen stel­len und die Zivil­be­völ­ke­rung erbar­mungs­los dezimieren.

Daß es schließ­lich zum Ent­ste­hen der Natio­nal­staa­ten kommt, hat aber letzt­lich weni­ger mit dem Ver­hal­ten der ein­zel­nen Völ­ker und ihrer Reprä­sen­tan­ten zu tun, son­dern vor allem damit, daß man die Kriegs­ver­lie­rer Deutsch­land und Öster­reich bestra­fen wollte.

Man pro­fi­tier­te von einem Zufall, der schnell als Wun­der oder Resul­tat des eige­nen Kamp­fes gedeu­tet wur­de. Eine Pro­ble­ma­tik, die im Buch immer wie­der vor­kommt, sind die Kon­flik­te zwi­schen den Natio­na­li­tä­ten und die Behand­lung von Min­der­hei­ten im eige­nen Machtbereich.

Durch Grenz­zie­hun­gen zwi­schen den neu­en Staa­ten war in vie­len Gebie­ten auf­grund der Ver­mi­schung von ver­schie­de­nen Völ­ker­schaf­ten nicht viel zu errei­chen. Vor dem spä­ter prak­ti­zier­ten Umsie­deln gan­zer Völ­ker schreck­te man damals noch zurück, mit der Kon­se­quenz, daß die­se Kon­flik­te wei­ter schwel­ten, um sich schließ­lich ein zwei­tes Mal zu entladen.

Auch wenn es die Autoren nicht aus­drück­lich erwäh­nen, so ist mit ihrer Doku­men­ta­ti­on doch impli­ziert, daß ein homo­ge­ner Staat die Sicher­heit sei­ner Bür­ger deut­lich leich­ter garan­tie­ren kann als ein mul­ti­eth­ni­scher, der unter demo­kra­ti­schen Bedin­gun­gen nir­gends lan­ge funk­tio­niert hat.

Auch die­se Ein­sicht dürf­te erklä­ren, war­um der Blick hier­zu­lan­de lie­ber nach Wes­ten geht.
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Der ver­ges­se­ne Welt­krieg kann man hier bestel­len.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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