Der mit dem Feuer spielt

PDF der Druckfassung aus Sezession 91/August 2019

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ich war Anfang zwan­zig und mit­ten im Stu­di­um, als der Hype um Ramm­stein begann. Mei­ne jün­ge­re Schwes­ter war damals im Tee­nie-Alter. Ich hat­te gro­ße Freu­de, an ihr rum­zu­er­zie­hen: »Sitz gera­de! Mach mal was Anstän­di­ges in dei­ner Frei­zeit! Das Leben ist nicht nur Party!«

Sie hör­te damals Musik der »Neu­en deut­schen Här­te« und hing mit Leu­ten ab, die sich als Strai­ght edge bezeich­ne­ten – also mus­ku­lö­se Typen, die min­des­tens vege­ta­risch leb­ten und kei­nen Alko­hol kon­su­mier­ten. Mir war gleich klar, daß das unau­then­tisch war. Die Mus­keln rühr­ten ja nicht von schwe­rer Arbeit her, son­dern kamen aus der Dose und dem »Gym«, und das Aske­ten­tum war ein Fake. Die­se Typen waren in Wahr­heit domes­ti­zier­te Heulsusen.

Mit fünf­zehn besuch­te mei­ne Schwes­ter ihr ers­tes Ramm­stein-Kon­zert, da tra­ten sie als Vor­band der Ramo­nes auf. Sie war enthu­si­as­miert und spiel­te mir Lie­der vor. Ich hin­ge­gen wuß­te, daß »RAMMSTEIN« die­ser Schrift­zug war, den Haupt­schü­ler auf ihrer Heck­schei­be spa­zie­ren­fuh­ren. Ich senk­te den Dau­men und schüt­tel­te mit­lei­dig den Kopf. Etwas spä­ter, um 1997, hat­te ich einen erbärm­lich schwa­chen Nachhilfeschüler.

Auf des­sen Rech­ner fand sich fol­gen­der Bild­schirm­scho­ner; ein lodern­der Schrift­zug »WOLLT IHR DAS BETT IN FLAMMEN SEHEN?« Ein Ramm­stein-Titel. Der Kna­be war drei­zehn – alles klar. Musik für prä­po­ten­te Ger­ne­gro­ße! Mar­tia­li­sches Gegrö­le, möch­te-gern-gedan­ken­schwer und schick­sals­be­la­den. Mit­ge­nom­men hat­te ich, daß die­se Trup­pe mit Fascho-Charme lieb­äu­gel­te, um sich zugleich davon zu distan­zie­ren. Wie billig!

Unser­eins kann­te und schätz­te recht ähn­li­che Musik, die sich »Indus­tri­al« oder EBM (Elec­tro­nic Body Music) nann­te, die aber ohne Schwulst, ohne Pyro­tech­nik und weit­aus arka­ner auf­trat. Eine der popu­lä­re­ren Num­mern war Lai­bach, die slo­we­ni­sche Rät­sel­trup­pe, die ungleich sub­ti­ler mit ramm­stein­ähn­li­chen Ver­satz­stü­cken spiel­te. Unser­eins besuch­te Lai­bach-Kon­zer­te: War es nicht herr­lich und tief­grün­dig, wie die­se Män­ner in dunk­len Män­teln, unan­greif­bar zwi­schen Pathos und Iro­nie, mit der deut­schen, mit der Welt­ge­schich­te hantierten?

Lai­bach, so schien mir, war für Stu­den­ten, Ramm­stein hin­ge­gen eher für Schul­ab­bre­cher mit Pro­vo­ka­ti­ons­be­darf. Schon die Musik: mar­sch­ähn­li­cher Tech­no­sound, Gitar­ren­riffs, schlag­zeug­las­tig, Wahn­sinns­büh­nen­show, über­all Feu­er, Lich­ter und Explo­sio­nen. Ramm­stein hat­ten 2016 sowohl in Bar­ce­lo­na als auch in Tal­linn gan­ze Stadt­tei­le von der Strom­ver­sor­gung abge­schnit­ten, weil die Show der­ma­ßen … kli­ma­un­freund­lich war.

Die Tex­te? Ein­mal in die gro­ße Kis­te aus dem andeu­tungs­vol­len Schat­ten­reich gegrif­fen, dane­ben dann eini­ge kon­tra­dik­to­ri­sche Ein­spreng­sel und eine mar­ki­ge Teu­to­nen­stim­me mit rol­len­dem r. Hil­fe! Till Lin­de­mann, die Haupt­fi­gur, wir sehen ihn hier im Bild, Jahr­gang 1963, erschien mir als aus­ge­buff­te Businessfigur.

Wenn ich gele­gent­lich in Ärz­te­war­te­zim­mern Illus­trier­te lesen muß­te, erfuhr ich von sei­nem Lie­bes­le­ben und davon, daß er Gedich­te schreibt. Ich las eini­ge davon. Sie waren effekt­ha­sche­risch, aber ganz in Ord­nung. Schwar­ze Roman­tik. Lin­de­mann, gebür­ti­ger Leip­zi­ger (die Band besteht aus­schließ­lich aus ost­deut­schen Män­nern), olym­pi­sche Schwimm-Hoff­nung zu DDR-Zei­ten, gelern­ter Bau­tisch­ler, dane­ben Korb­ma­cher, Zim­mer­mann, Pyro­tech­ni­ker und über Jah­re allein­er­zie­hen­der Vater, ruft in sei­nen Ver­sen, sei­nen Lied­tex­ten und in sei­ner Büh­nen­show Bil­der einer kol­lek­ti­ven Zer­ris­sen­heit auf.

Klar, daß das heu­te, im Glo­bal­zeit­al­ter, ankommt, gera­de bei den sub-eli­tä­ren Schich­ten. Zuletzt ging es heiß her um Ramm­stein: Das im Früh­jahr 2019 ver­öf­fent­lich­te Video »Deutsch­land« wur­de bis ins Feuil­le­ton dis­ku­tiert. An »Schnell­ro­da« stell­ten Jour­na­lis­ten bren­nen­de Fra­gen. »Ist das Ihre Ästhe­tik? Hal­ten Sie Ramm­stein für eine Grup­pe Ihres Milieus? Wie gefällt Ihnen das Video? War­um singt Lin­de­mann: Deutsch­land – mei­ne Lie­be kann ich dir nicht geben?« Wie lächer­lich! Die­se pop­pi­gen Nie­de­run­gen – und wir?!

Nun, im Juli 2019, schwärm­te mei­ne Schwes­ter in höchs­ten Tönen vom Ramm­stein­kon­zert in Frank­furt. Sie war froh, ein Ticket ergat­tert zu haben. Und auch für das Tour­nee­jahr 2020 waren sämt­li­che Kon­zert­kar­ten (rund 500 000) bin­nen weni­ger Stun­den aus­ver­kauft. Die Schwes­ter: Man kön­ne sich das nicht vor­stel­len! Ein rei­ner Rausch! »Wet­ten, Ellen: Du guckst Dir mal ein paar Vide­os an. Du wirst schon sehen, was ich meine.«

Was soll ich sagen – sie hat­te recht. Ich pfle­ge You­Tube-Absti­nenz. Nur wegen der Wet­te habe ich mir zwei Ramm­stein-Vide­os ange­schaut. Dann noch zwei. Und noch zwei. Weil’s so schön war, noch … Mei­ne Schwes­ter hat gewon­nen. Die »Ger­ma­nia« in jenem berüch­tig­ten Deutsch­land-Video ist eine Frau of colour. Die Ramm­stein­leu­te wei­den ihren Kör­per aus – zugleich tritt die­se schwar­ze Impe­ra­to­rin als Domi­na auf.

Letzt­lich als eine schwar­ze, weib­li­che, behin­der­te (Roll­stuhl!) Domi­na­trix. Lie­be Güte, wer kann so was in Sze­ne set­zen, ohne sich pein­lich zu machen? Ramm­stein. Die Ramm­steins selbst tra­gen in die­sem Video gele­gent­lich Häft­lings­klei­dung, Strick um den Hals: Wir sind die Verfolgten!

Till Lin­de­mann trägt, wie so oft, ein cha­rak­te­ris­ti­sches Ober­lip­pen­bärt­chen und Sei­ten­schei­tel. Nicht zu ver­ges­sen, der »Nasen­ring« (Armin Moh­ler)! Oder das Video zu Ohne Dich. Oder, von der Prüf­stel­le auf den Index genom­men, das rie­fen­stahl­las­ti­ge Video zu Strip­ped. Sind die nun rechts? Seit über zwan­zig Jah­ren wird im Feuil­le­ton dar­über gestritten.

Band­mit­glie­der ver­nei­nen, sie sei­en viel­mehr klar links. Nur: Sie tra­ten (anders als die eben­falls übel beleu­mun­de­ten Kol­le­gen von Frei­wild) auf kei­nem ein­zi­gen Gegen-Rechts-Fes­ti­vals auf. Kom­men­ta­re zu ihren auf You­Tube prä­sen­tier­ten Vide­os sind deak­ti­viert; eine schö­ne Arroganz.

Es gibt ein Lied, das als kla­res Bekennt­nis zur guten Gesin­nung gewer­tet wird: Links, 2,3,4:

»Sie wol­len mein Herz am rech­ten Fleck
Doch sehe ich dann nach unten weg
Da schlägt es links
Links«

Doch, ohweh, am Lie­den­de schlägt die Dia­lek­tik weit­hin unbe­ach­tet zurück:

»Sie wol­len mein Herz am rech­ten Fleck
Doch sehe ich dann nach unten weg
Da schlägt es in der lin­ken Brust
Der Neider …«

In der FAZ vom 15. Juli 2019 hat der Schrift­stel­ler Andre­as Mai­er geni­al und gül­tig die Ramm­stein-Per­for­mance beschrie­ben: »Bei Hele­ne Fischer gibt es Sex und Lie­be, Sau­ber­keit und Sport, hier dage­gen Deutsch­lands tiefs­tes Wesen und Deutsch­lands tiefs­te Bil­der. Nur eben als Pop und Show.

Unei­gent­lich. Als unei­gent­lich haben vie­le auch immer die Poli­tik Mer­kels gese­hen. Den­noch hat sich das Land kol­lek­tiv für eine gan­ze Epo­che unter ihren schüt­zen­den Mut­ter­man­tel bege­ben. Die Jungs aus dem Osten bie­ten uns etwas sehr Ähn­li­ches an. Jetzt las­sen sie ihr Fan-Volk sogar Deutsch­land schreien (…).

Nicht zuletzt dar­in sind Mer­kel und Ramm­stein ein­an­der ver­wandt: Bei­de arbei­ten sich päd­ago­gisch an die­sem Land ab. Bei­de erklä­ren nicht, war­um sie tun, was sie tun. Gut so, nur so kann es funk­tio­nie­ren. Das haben bei­de begriffen.«

Ja. So ist es. Dann bin ich jetzt halt Ramm­stein-Fan. Das T‑Shirt mit dem Auf­druck »Man­che füh­ren« (Vor­der­sei­te), »Man­che fol­gen« (Rück­sei­te) ist im Ramm­stein­shop der­zeit nur in Über­grö­ßen erhält­lich. Wie­der so ein Quatsch.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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