Mehr wissen – zwei neue Bausteine

PDF der Druckfassung aus Sezession 91/August 2019

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Die feh­len­de Grenz­schlie­ßung im Jah­re 2015 und die Kri­se in Per­ma­nenz des Estab­lish­ments haben die Reso­nanz­räu­me der poli­ti­schen Rech­ten erwei­tert. Das Aus­grei­fen einer grund­sätz­li­chen und alter­na­ti­ven poli­ti­schen Strö­mung ist jedoch vor­erst quan­ti­ta­ti­ver Natur. Das zah­len­mä­ßi­ge Wachs­tum der »Mosa­ik-Rech­ten« beinhal­te­te oft­mals kei­ne qua­li­ta­ti­ve Entwicklung.

Der »Koope­ra­ti­ons­ver­bund kri­ti­scher Kräf­te« (Hans-Jörg Urban), der als arbeits­tei­li­ges, hei­mat ori­en­tier­tes Mosa­ik aus Peri­odi­ka, Par­tei und Außer­par­la­men­ta­ri­ern per­so­nel­len Zuwachs erfuhr, blieb zu oft eben dies: eine Ansamm­lung kri­ti­scher Kräf­te, doch ohne Ambi­tio­nen, über die Ableh­nung der Mer­kel-Ära hinauszudenken.

Selbst der migra­ti­ons­kri­ti­sche Grund­kon­sens, der unter­schied­lichs­te welt­an­schau­li­che Akteu­re tem­po­rär zusam­men­fü­gen konn­te und einst­wei­len, bei Fort­dau­ern des nicht­eu­ro­päi­schen Andrangs auf bun­des­deut­sches Ter­ri­to­ri­um, noch kann, wur­de wie­der­keh­rend als »islam­kri­ti­scher« Grund­kon­sens fehl­ge­deu­tet, wobei noch nichts über ande­re Dif­fe­ren­zen gesagt wäre. Das liegt nicht zuletzt am Pri­mat der Empö­rung gegen­über nach­hal­ti­ger inhalt­li­cher Arbeit.

Nicht ohne iro­ni­sche Note ist zu kon­sta­tie­ren, daß Rolf Peter Sie­fer­le (1949–2016) es eben­je­nem Pri­mat der Empö­rung ver­dankt, eine Auf­merk­sam­keit zu erhal­ten, die er zu Leb­zei­ten – unver­dien­ter­ma­ßen – nicht kann­te. Sei­ne Noti­zen Finis Ger­ma­nia wur­den 40.000 Mal ver­kauft, vie­le wur­den anhand die­ses Best­sel­lers erst­mals auf poli­ti­sche Refle­xi­on von rechts auf­merk­sam, fan­den sich frei­lich gleich auf ver­min­tem Gelän­de wieder.

Sie­fer­le aber ist auf die­se Wei­se (wie­der) ins Spiel gekom­men, und es liegt an der Lek­tü­re- und Denk­be­reit­schaft der Rech­ten, die tra­gen­de Rol­le des Den­kers frucht­bar wer­den zu las­sen. Hier­bei hilft die vom Landt­ver­lag ver­ant­wor­te­te Werk­aus­ga­be. In ihr sind nun, nach den Wäl­zern Epo­chen­wech­sel sowie Krieg und Zivi­li­sa­ti­on, die Bän­de 3 und 4 erschie­nen. Band 3 ist eine Neu­auf­la­ge der 1995 erst­mals erschie­ne­nen Mono­gra­phie Die Kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on. Fünf bio­gra­phi­sche Skiz­zen (382 S., geb., 36 €).

Dar­in beschreibt Sie­fer­le die dezi­diert sozia­le Tra­di­ti­ons­li­nie der seit Armin Moh­ler als »KR« bekann­ten viel­schich­ti­gen Denk­fa­mi­lie der Rech­ten in der Wei­ma­rer Repu­blik. Er lie­fert eine dich­te Ein­füh­rung in ihren Kos­mos und por­trä­tiert fünf Köp­fe, die für die sozia­le Fra­ge eben­so bürg­ten wie für den rech­ten Selbst­läu­fer der natio­na­len Selbst­be­haup­tung. Es ent­stand nach dem ver­zwei­feln­den Kriegs­aus­gang 1918 eine »revo­lu­tio­nä­re Rech­te«, die sich gegen das indi­vi­dua­lis­ti­sche libe­ra­le Prin­zip, gegen den Mar­xis­mus, aber auch gegen die Anhän­ger eines reak­tio­nä­ren Sta­tus quo ante zu stel­len versuchte.

Die grund­le­gen­de Her­an­ge­hens­wei­se die­ser kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­tio­nä­re negier­te die Mög­lich­keit, »vom Kapi­ta­lis­mus bedroh­te Bestän­de zu ret­ten, ohne die Wirk­lich­keit selbst einer radi­ka­len Ver­än­de­rung zu unter­zie­hen« (Sie­fer­le). Daher dräng­te man nach vorn, brach mit der »Bour­geois­ge­sell­schaft« und such­te den neu­en Weg, die »deut­sche Syn­the­se« (Wer­ner Som­bart) in einer zu beja­hen­den Moderne.

Aus die­sem Grund wider­spricht Sie­fer­le main­stream­loya­len Deu­tun­gen, wonach die KR als »Kon­ter­re­vo­lu­ti­on«, also als Reak­ti­on auf mar­xis­ti­sche bzw. links­ra­di­ka­le »Revo­lu­ti­on« zu betrach­ten sei. Viel­mehr hand­le »es sich um zwei genui­ne revo­lu­tio­nä­re Pro­gram­me, um Par­al­lel-Revo­lu­tio­nen gegen den glei­chen Geg­ner«, den Sie­fer­le für die KR bereits im Epo­chen­wech­sel als den Libe­ra­lis­mus und sein öko­no­mi­sches Deri­vat Kapi­ta­lis­mus beschrieb.

Die­sem »Haupt­geg­ner« woll­te man eine Ver­schmel­zung eines nicht­mar­xis­ti­schen Sozia­lis­mus und eines nicht­re­ak­tio­nä­ren Natio­na­lis­mus ent­ge­gen­stel­len. Liegt der Vor­wurf nahe, auch der Hit­ler­sche Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­such­te sich an die­ser ideel­len Fusi­on, ver­weist Sie­fer­le kon­se­quent dar­auf, daß der »Natio­nal­so­zia­lis­mus« der Hit­ler-Fron­de wenig zu tun hat­te mit dem, was in KR-Krei­sen, ver­schie­dent­lich auf­ge­la­den, unter »natio­na­ler Sozia­lis­mus« firmierte.

Die ent­schei­den­de Trenn­li­nie sei die urei­ge­ne NS-Depra­va­ti­on in Form einer »mate­ria­lis­ti­schen Grund­hal­tung der Ras­sen­theo­rie« gewe­sen; füh­ren­de KR-Ver­tre­ter – von Speng­ler und Moel­ler van den Bruck über Schmitt und Jün­ger bis zu Stras­ser und Nie­kisch – lehn­ten die­se unheil­schwan­ge­ren Vul­gär­bio­lo­gis­men ab, wes­halb letz­te­re als Abgren­zungs­kri­te­ri­en gegen­über den diver­sen KR-Stand­punk­ten gel­ten können.

Nach­dem Sie­fer­le der­lei ter­mi­no­lo­gi­sche Hür­den genom­men hat, schrei­tet er zu sei­nen fünf bio­gra­phi­schen Skiz­zen. Den Anfang macht, the­ma­tisch kon­se­quent, Paul Lensch, der von der Sozi­al­de­mo­kra­tie zur KR stieß. Als preu­ßi­scher Sozia­ler stand er in der Tra­di­ti­on des »Staats­idea­lis­mus«, der mit Namen wie Adolph Wag­ner und Gus­tav Schmol­ler ver­bun­den ist. Als Patri­ot lehn­te Lensch die »anti­na­tio­na­le Tra­di­ti­on« wei­ter Tei­le der deut­schen Lin­ken ab; er sah sei­ne Auf­ga­be dar­in, mit Weg­ge­fähr­ten wie August Win­nig und Johann Ple­nge eine »Natio­na­li­sie­rung der Arbei­ter­klas­se« einzuleiten.

Über­ge­ord­ne­tes Ziel war die Gemein­wohl­ori­en­tie­rung der Wirt­schaft, die Orga­ni­sa­ti­on und Erzie­hung der ver­ein­zel­ten Indi­vi­du­en in einem sozia­len und auto­ri­ta­ti­ven Staats­ver­band. Hier kann Sie­fer­le direkt zu Por­trät zwei über­lei­ten, zu Wer­ner Som­bart, den er als »Schlüs­sel­fi­gur des Zeit­geis­tes« ein­führt. Som­bart stand als Schü­ler Schmol­lers wie auch als Nach­fol­ger Wag­ners an der Ber­li­ner Uni­ver­si­tät eben­falls in der Kon­ti­nui­tät eines kon­ser­va­ti­ven »preu­ßi­schen Sozia­lis­mus«, was nicht bedeu­tet, daß es kei­ne Schwan­kun­gen in den Denk­be­we­gun­gen des Natio­nal­öko­no­men gege­ben hätte.

Sein grund­sätz­li­ches Ziel war indes der »Durch­bruch zu einer neu­en poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Wirk­lich­keit«. Eine kon­ser­va­ti­ve Plan­wirt­schaft soll­te pri­vat­wirt­schaft­li­che Ele­men­te mit sozia­lis­ti­schen ver­ei­nen und dazu bei­tra­gen, das »öko­no­mi­sche Zeit­al­ter« mit sei­nen Pfei­lern Gewinn- und Ren­ta­bi­li­täts­prin­zip zu überwinden.

Som­bart such­te für sei­ne poli­ti­sche wie wirt­schaft­li­che kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on nach Voll­stre­ckern; daß er sie vor­über­ge­hend – 1933/34 – im Natio­nal­so­zia­lis­mus zu fin­den glaub­te, wird ihm bis heu­te nicht ver­zie­hen, wor­an auch die dama­li­ge Ableh­nung durch NS-Stel­len auf­grund Som­barts Beur­tei­lung des Ras­sen­wahns nichts ändern kann. Die­se tem­po­rä­re Ambi­va­lenz in bezug auf die Zäsur von 1933 ist auch bei Oswald Speng­ler, dem drit­ten Por­trä­tier­ten, greifbar.

Wie bei Lensch und Som­bart betont Sie­fer­le die »Syn­the­se von Preu­ßen­tum und Sozia­lis­mus, von Orga­ni­sa­ti­on und Gemein­schaft, von Pflicht­ethos und Dienst am Gan­zen«. Auch Speng­lers Natio­na­li­sie­rung der sozia­len Fra­ge nach außen – Gemein­schafts­ori­en­tie­rung (etwa der Deut­schen) vs. Indi­vi­du­al­prin­zip (etwa der Bri­ten) – wird dar­ge­stellt. Erst bei Ernst Jün­ger sieht Sie­fer­le die­se Denk­wei­sen abge­wor­fen; Jün­gers Suche nach Iden­ti­tät und Mis­si­on Deutsch­lands mün­de­te in der The­se, »daß es sich beim Natio­na­lis­mus um eine über­hol­te Fra­ge­stel­lung handelte«.

Der wei­te Weg Jün­gers von der Nati­on zu einem »glo­ba­len Uni­ver­sal­staat« mit den Zwi­schen­stu­fen der »Gepäck­er­leich­te­rung« mit­tels Abschied von Tra­di­tio­nen einer­seits und dem natio­nal­bol­sche­wis­ti­schen »Arbei­ter« ande­rer­seits ist wohl nir­gends so kon­zi­se unter­sucht wor­den wie von Sie­fer­le, der den Abschluß sei­ner Mono­gra­phie dem Sozio­lo­gen Hans Frey­er vor­be­hält. Die­ser kann heu­te als Meta­va­ter des »Eth­nop­lu­ra­lis­mus« bezeich­net wer­den, war er es doch, der zu Zei­ten der KR, also 1918 bis 1932, die »rea­le Bunt­heit« der Mensch­heit in der Plu­ra­li­tät kul­tu­rell inte­grier­ter Völ­ker als Gegen­stück zur Viel­falt eman­zi­pier­ter und ato­mi­sier­ter Indi­vi­du­en erhal­ten sehen wollte.

Einer, der die­se Viel­falt der Völ­ker und Natio­nen nicht gou­tier­te, weil es der Uni­ver­sa­li­tät sei­nes Kon­zep­tes wider­sprach, wur­de in der KR, auch in ihrem sozia­len Flü­gel, ver­schie­dent­lich rezi­piert, ins­ge­samt aber natur­ge­mäß kri­tisch bewer­tet: Karl Marx. Ihm ist Band 4 der Werk­aus­ga­be gewid­met, in der zwei kom­pa­ti­ble Sie­fer­le-Stu­di­en abge­druckt sind: Marx zur Ein­füh­rung und Die Revo­lu­ti­on in der Theo­rie von Karl Marx (628 S., geb., 54 €).

Teil 1 ist die wohl bes­te und zugäng­lichs­te Marx-Ein­füh­rung neben den Kapi­tal-Vor­le­sun­gen von Wolf­gang Fritz Haug und erschien erst­mals 2007; Teil 2 ent­hält Sie­fer­les umfas­sen­de wie klu­ge Betrach­tung der Marx­schen Geschichts­phi­lo­so­phie und ihrer revo­lu­tio­nä­ren Impli­ka­tio­nen, die bereits 1979 im Ori­gi­nal vorlag.

War Marx von rechts (Dres­den 2018) der Ver­such eini­ger Autoren, poli­ti­schen Ertrag aus ein­zel­nen Marx-The­sen zu erzie­len, so ist Sie­fer­les Dop­pel­band ein for­mi­da­bles Grund­la­gen­werk zur Marx­schen Theo­rie­bil­dung, das in sei­ner Wis­sen­schaft­lich­keit eben­so beein­druckt wie in sei­ner tief­schür­fen­den Durch­drin­gung kom­ple­xer Gegen­stän­de. »Vie­les von dem«, mahnt Sie­fer­le kon­klu­die­rend, »was heu­te unter Mar­xis­mus gehan­delt wird, hat mit dem his­to­ri­schen Marx wenig zu tun.«

Wer Sie­fer­le liest, weiß bes­ser als jeder lin­ke Marx­le­se­kreis, war­um und wes­halb die­se Annah­me zutref­fend ist. Wenn Armin Moh­ler der »Ahn­herr« einer Neu­en Rech­ten ist, dann ver­kör­pert Rolf Peter Sie­fer­le ihren Lehr­meis­ter. Man muß hof­fen, daß nicht zuletzt vie­le der 2015 Dazu­ge­sto­ße­nen die­se Maxi­me beher­zi­gen und sich die von Sie­fer­le erar­bei­te­te Sub­stanz aneignen.

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Alle genann­ten Wer­ke kön­nen hier bestellt werden.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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