Peter Singer: Linke, hört die Signale!

Peter Singer: Linke, hört die Signale! Vorschläge zu einem notwendigen Umdenken, Ditzingen: Reclam 2018. 95 S., 6 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Chan­tal Mouf­fe: Für einen lin­ken Popu­lis­mus, Ber­lin: Suhr­kamp 2018. 112 S., 14 €

Die Flücht­lings­pro­ble­ma­tik ver­an­schau­licht, daß es dem rot-rot-grü­nen Milieu ers­tens an kon­kre­ter Lage­ana­ly­se, zwei­tens an Rea­lis­mus man­gelt. Nils Heis­ter­ha­gen, Grund­satz­re­fe­rent einer SPD-Land­tags­frak­ti­on, for­dert bei­de Bau­stei­ne für eine erneu­er­te Lin­ke. Ihm sprin­gen zwei aktu­el­le Publi­ka­tio­nen bei, die nach Bernd Ste­ge­manns Gespenst des Popu­lis­mus (Ber­lin 2017) als Weg­wei­ser für Sah­ra Wagen­knechts »Auf­ste­hen« inter­pre­tiert wer­den können.

Peter Sin­gers Streit­schrift Lin­ke, hört die Signa­le! erreicht den deut­schen Leser dabei mit fast 20 Jah­ren Ver­spä­tung. Ein Umstand, der nicht ins Gewicht fällt, denn die The­sen des aus­tra­li­schen Phi­lo­so­phen blei­ben für die lin­ke Mise­re frap­pie­rend aktu­ell. Sin­gers Aus­gangs­punkt ist die Bean­stan­dung eines Marx­schen Grund­feh­lers, wonach der Mensch als »das ensem­ble der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se« gel­te und man mit einer fun­da­men­ta­len Ände­rung der Gesell­schaft zugleich den Men­schen fun­da­men­tal ändern könne.

Sin­ger plä­diert ent­ge­gen­ge­setzt für ein Men­schen­bild, das evo­lu­tio­nä­re und ver­hal­tens­spe­zi­fi­sche Kon­ti­nui­tä­ten ein­be­zieht; er spricht von einer »dar­wi­nis­ti­schen Linken«.
Drei Aspek­te sind von beson­de­rem Inter­es­se: Ers­tens for­dert Sin­ger die Auf­ga­be des lin­ken Traums der »Ver­voll­komm­nung des Men­schen«: »Wer blind gegen­über den Tat­sa­chen über die mensch­li­che Natur ist, muss mit einer Plei­te rech­nen«. Zwei­tens erin­nert Sin­ger dar­an, daß unse­re Gesell­schaft, der die neo­li­be­ra­le Selb­st­op­ti­mie­rungs­idee zu Grun­de lie­ge, kei­ne Gesell­schaft sei, in der »Glück und Erfül­lung« für die gro­ße Mehr­heit zu fin­den sind. Sin­ger for­dert einen koope­ra­ti­ven Neu­be­ginn auf Basis rea­lis­ti­scher Ausgangsprämissen.

Drit­tens bezieht Sin­ger den Umstand ein, daß Altru­is­mus nicht die Regel ist. Daher müß­ten Struk­tu­ren ent­wi­ckelt wer­den, in denen der (natür­li­che) Wett­be­werb auf »sozi­al wün­schens­wer­te Zie­le« gelenkt wür­de. Weg­wei­send wäre es, »an den tra­di­tio­nel­len Wer­ten der Lin­ken« anzu­do­cken. Sascha Ben­ja­min Fink faßt Sin­gers Plä­doy­er in einem Nach­wort damit zusam­men, daß es dem Aus­tra­li­er »um die direk­te Soli­da­ri­tät der Star­ken mit den Schwa­chen einer Gesell­schaft« gehe. Sin­ger und Fink (und damit auch »Auf­ste­hen« und Co.) wer­den indes Pro­ble­me mit dem lin­ken Mehr­heits­la­ger bekom­men, wenn von mensch­li­cher »Evo­lu­ti­ons­ge­schich­te in Kleinst­grup­pen« gespro­chen wird, die dafür ursäch­lich sei, daß wir »nur in gerin­gem Maße zu Ferns­ten­lie­be in der Lage« sind.

Ähn­li­ches mag man für Chan­tal Mouf­fes Auf­ruf Für einen lin­ken Popu­lis­mus kon­sta­tie­ren. Die bel­gi­sche Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin arbei­tet seit 1985 (bis 2014 mit Ernes­to Laclau) an einer popu­la­ren Wen­de des lin­ken Milieus; nun for­dert sie offe­ner denn je »Links­po­pu­lis­mus« als Ant­wort auf die Kri­se der libe­ra­len Hege­mo­nie und der tech­no­kra­ti­schen »Post­po­li­tik« in West­eu­ro­pa. Lin­ken Popu­lis­mus ver­steht Mouf­fe als »dis­kur­si­ve Stra­te­gie«, wel­che auf eine Beto­nung der Dicho­to­mie Volk – Oli­gar-chie abziele.

Rechts­po­pu­lis­mus sei der zen­tra­le Gegen­spie­ler, denn »die zen­tra­le Ach­se der poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung« der kom­men­den Jah­re ver­lau­fe zwi­schen bei­den Popu­lis­men. Mouf­fe sieht den ent­schei­den­den Unter­schied eher in der fina­len Stoß­rich­tung, nicht in der Lage­ana­ly­se. Man könn­te Mouf­fes Kri­tik des »Besitz­in­di­vi­dua­lis­mus« der libe­ra­len Gesell­schaft samt ihrer markt­gläu­bi­gen und kon­su­mis­ti­schen Ideo­lo­gie als mate­ria­lis­ti­sche Libe­ra­lis­mus­kri­tik deu­ten, die Berüh­rungs­punk­te mit rech­ter Libe­ra­lis­mus­kri­tik auf­weist. Doch die Schei­de­li­nie ver­läuft nach Mouf­fe dort, wo der lin­ke Popu­lis­mus Gleich­heit und Volks­sou­ve­rä­ni­tät ver­tie­fen wol­le, wäh­rend sein rech­ter Wider­sa­cher bei aller Beto­nung der Sou­ve­rä­ni­tät eines Vol­kes die ega­li­tä­re Dimen­si­on negiere. 

Anschlie­ßend wird die (in der 85. Sezes­si­on ana­ly­sier­te) »Lücke« im Den­ken der Links­po­pu­lis­ten offen­kun­dig: Die per­ma­nen­te Bezug­nah­me auf ein »Volk« und des­sen demo­kra­ti­sche Sou­ve­rä­ni­tät ver­schlei­ert kaum, daß Mouf­fe nicht erklä­ren kann, was ein »Volk« aus­ma­che. Ihr Gere­de über eine zu kon­stru­ie­ren­de »Äqui­va­lenz­ket­te« zwi­schen Arbei­tern, Ein­wan­de­rern und der »LGBT-Gemein­de« bleibt intel­lek­tua­lis­tisch und irre­al. Auf­schluß­rei­cher sind Mouf­fes Über­le­gun­gen zur Umfor­mung des Bestehen­den. Ihre Wort­schöp­fung »radi­ka­ler«, weil grund­le­gen­der »Refor­mis­mus« als Mit­tel­weg zwi­schen »rei­nem Refor­mis­mus« und dem »tota­len Bruch« erin­nert an die Dia­lek­tik aus Nah- und Fern­ziel, an eine Poli­tik der klei­nen Schrit­te auf dem Weg zur gro­ßen Transformation.

Mouf­fes an Schmitt geschul­te Schei­dung zwi­schen Libe­ra­lis­mus und Demo­kra­tie soll­te auch rechts ernst­ge­nom­men wer­den. Jeden­falls sind Mouf­fes Aus­füh­run­gen hin­sicht­lich der zu kri­ti­sie­ren­den libe­ral­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ord­nung und der Wie­der­ein­set­zung wirk­lich demo­kra­ti­scher Ver­hält­nis­se für »rech­te Popu­lis­ten« anschluß­fä­hig. Das­sel­be gilt für Mouf­fes For­de­rung, die Men­schen dort abzu­ho­len, wo sie ste­hen und ihre Gefühls­la­ge zu berück­sich­ti­gen. Berufs­mä­ßi­ge Arro­ganz und eli­tis­ti­sche Bevor­mun­dungs­agen­da wer­den Mouf­fes Vor­ha­ben auf der Lin­ken wohl unmög­lich machen: zum Vor­teil einer popu­la­ren Rech­ten. Die näm­lich ver­mei­det libe­ra­le Denk­fal­len und ent­wen­det die von Mouf­fe (neu) bean­spruch­te sozia­le Fra­ge nicht nur stra­te­gisch der Lin­ken, son­dern ent­wi­ckelt mitt­ler­wei­le auch inhalt­lich kohä­ren­te Konzepte.

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Alle genann­ten Wer­ke kann man hier bestel­len.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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