1. Oktober 2018

Rod Dreher: Die Benedikt-Option

Ellen Kositza

Rod Dreher: Die Benedikt-Option. Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft, Kisslegg: fe-Verlag 2018. 400 S., 19.95 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kann man sich vorstellen, daß ein Buch mit diesem Titel in deutschen Buchhandlungen als Stapelware ausliegt? Sich einreiht in jene Sachbücher von höchstem Interesse, zur Zeit: Die geheime Sprache der Katzen, Viva la Vagina, Am Arsch vorbei geht auch ein Weg? In den USA war Die Benedikt-Option im vergangenen Jahr ein Bestseller. Sogar The New Yorker griff zu Superlativen und sprach vom »meistdiskutierten und wichtigsten religiösen Buch des Jahrzehnts«.

Nun ist die Situation der Christen hierzulande schwer mit der Lage in den USA zu vergleichen. Wer je im Ausland als Christ mit Christen ins Gespräch kam, kennt den spontanen Ausspruch: Oh, aus Deutschland – du Ärmster! Dreher zitiert einen Journalisten, der vor Jahren ernüchtert von einer Europareise zurückkehrte: In Deutschland stellte der fest, »dass dort selbst die Erinnerung daran, einmal christlich gewesen zu sein, im Schwinden begriffen war. Schlimm genug, daß antichristliche Säkularisten daran arbeiteten, den Glauben aus dem öffentlichen Leben zu drängen; noch schlimmer war, dass Christen ihre Ausrottung selbst unterstützten und begünstigten.« Daß »irgendwas mit Christus« auch bei uns passabel läuft: Keine Frage mit Blick auf Katholikentage und ähnliche Events.

Rod Dreher, Jahrgang 1967, lebt mit seiner Familie in Louisiana, er ist Kolumnist und Schriftsteller. Als junger Mann konvertierte er zum Katholizismus, rund zwanzig Jahre später bekannte er sich zur orthodoxen Kirche. Das mögen gewichtige Schritte gewesen sein, hier nun spielen diese Feldpostnummern keine Rolle. Dreher ist sicher nicht der Typ, der auf unbedingtes Miteinander der christlichen Konfessionen aus ist – doch in gewissen Fragen, so findet er, muß es einen »ökumenischen Schützengraben« geben als Verteidigungslinie gegen den Zeitgeist. Defensive also? Mitnichten! Zumal die antichristliche Linke »kein Interesse an einem Verständigungsfrieden« zeige. Man müsse durchaus angreifen, und zwar in der allerbesten Absicht: um Gottes Königreich zu vergrößern. Wer unter den heutigen Bedingungen nicht stand- und gegenhält, verdamme seine Kinder und Kindeskinder zur Assimilation an den Mainstream. Dabei sei wichtig, daß die Kinder begriffen: Wir sind anders. Gut, wenn man ihnen eine lebendige Gegenkultur bieten kann! Dreher geht davon aus, daß Christen, die ihren Glauben ernstnehmen, in Zukunft vor ernsten Schwierigkeiten stünden. Beispiele: Jener bekannte Konditor, der sich aus Glaubensgründen weigerte, eine Hochzeitstorte für ein schwules Ehepaar zu kreieren. Der Apotheker, der die »Pille danach« nicht feilbieten will, der Arzt, der Abtreibungen und Euthanasie verweigert, der Lehrer, der gewisse Genderinhalte nicht mittragen will, jene Absolventen einer christlichen Hochschule, denen die Ausübung des Berufs verboten werden soll, weil die Hochschule in LGBT-Angelegenheiten nicht progressiv sei.

Aber kann man sich »si etiam omnes – ego non« (auch wenn es alle tun – ich nicht) denn leisten? Dreher bescheidet klug: Alles sei eine Frage der Prioritäten. Nicht jede Auseinandersetzung sei »ein Hügel, auf dem sich zu sterben lohnt«. Manchmal sei Schweigen ein Zeichen der Besonnenheit. Andererseits gelte es, wagemutig zu sein und sich nicht vereinnahmen zu lassen für die falsche Seite: »Besser ein Klempner mit reinem Gewissen als ein moralisch kompromittierter Firmenanwalt.« Es ist ein schmaler Grat, auf dem wir uns bewegen. Dreher rät davon ab, sich auf den Wegen konventioneller Politik zu verausgaben. Wer Drehers »Benedikt-Option« folgt, hat einen hervorragenden Wegweiser.

Keine Zeile hier ist überspannt, larmoyant oder banal – man mag dies von einem US-amerikanischen Autoren kaum erwarten! Als Leitschnur gilt, vortrefflich ausgelegt, die Regel des Hl. Benedikt von Nursia, deren Eckpfeiler (Ordnung, Gebet, Askese, Beständigkeit, Gemeinschaft etc.) hier als Pfeiler des Widerstands gelten. Dreher hat die Mönche in Nursia / Norcia besucht. Diesen Gottesmännern wird oft entgegenhalten, sie versuchten doch nur, »die Uhr zurückzudrehen« – wie reaktionär! Pater Martins Antwort: »Wenn man etwas im Hier und Jetzt tut, dann heißt das, es geschieht im Hier und Jetzt. Es ist neu, und es ist lebendig! Davon geht eine große Kraft aus.« Drehers Buch ist auch für Deutsche eminent lesenswert und sogar für Nichtchristen – geht es hier doch auch um ein Standhalten und um Gewissensfragen in einem übergeordneten Sinne.

Die zehn Kapitel (etwa »Die Wurzeln der Krise«; als Zeitmarken gelten hier Ockhams nominalistische Wende, Reformation, Aufklärung und »das verhängnisvolle« 19. Jahrhundert) sind klar gegliedert, die Sprache so anspruchsvoll wie klar verständlich, die Übersetzung bravourös. Natürlich, schreibt Dreher, wollen wir alle das behalten, was wir haben. Aber dies sei der »Weg zum geistlichen Tod«. Er gibt ein Beispiel: »Als der römische Prokonsul dem Hl. Polykarp androhte, ihn auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen, wenn er nicht den Kaiser anbete, erwiderte der Bischof, der Prokonsul könne nur mit dem zeitlichen Feuer drohen, und das sei nichts im Vergleich zu dem ewigen Feuer, das die Gottlosen erwarte.«
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Die Benedikt-Option von Rod Dreher kann man hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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