1. Oktober 2018

Alessandro Baricco: Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur.

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Eine Rezension von Frank Lisson

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Alessandro Baricco: Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki, Hamburg: Hoffmann & Campe 2018. 224 S., 20 €

In diesem Buch soll jene kulturrevolutionäre Verwandlung, wie sie sich derzeit in Europa vollzieht, beobachtet und zu verstehen gelehrt werden. Das gelingt dem Autor jedoch nur unzureichend, da er den Bock zum Gärtner machen will und, anstatt die hochdiffizile Thematik ernsthaft und tiefer zu beleuchten, reichlich Komödie spielt. Es beginnt schon damit, daß die Leser in einem witzigseinwollenden Plauderton geduzt und oberlehrerhaft wie dumme Kinder behandelt werden. Fast auf jeder Seite finden sich blasierte Füllsätze wie: »Ich möchte, dass ihr versucht, es euch so zu denken«, oder: »Aber ich bitte euch, eure Intelligenz zu gebrauchen«, oder: »Schwer zu erklären, aber ich werde es versuchen«. Es folgen Trivialitäten. Erst ab Seite 157 kommt Baricco langsam zur Sache, wenn er den Wesenskern des Barbarentums als »Spektakularität« beschreibt und ein paar treffende Bemerkungen zur Demokratie, Authentizität, Differenz oder Bildung macht: Disneyland und modernes Kino sind aufgrund ihrer »komplexen Sequenzen« einfach aufregender als Flaubert, weil sie buchstäblich mehr »Bewegung« erzeugen. In dieser allgemeinen Verflachung werden die Dinge aber »entwertet« und indifferent, verlieren »ihre Seele«. Nun gut. Doch den Typus des Barbaren, den Baricco skizziert, hat es freilich immer gegeben: Es ist der Konsument rascher Bedürfnisbefriedigung, der das Tiefe scheut, weil seine Interessen einfach nicht so weit reichen. Leider bedient der Autor, trotz einigem biederen Bildungsdünkel eines alternden, italienischen Kulturbürgers, selber eben diese Klientel, indem er sich bemüht, ja niemanden zu überfordern – schon gar nicht mit mutig-unkonventionellen Gedanken. Das macht die Lektüre so anstrengend. Hier schreibt Kulturindustrie über und für Kulturindustrie, der Betrieb über und für den Betrieb, – ohne es zu merken, oder schlimmer: ohne sich als Teil oder gar als Mitbegründer des Symptoms zu erkennen. Also darf er auf das übliche, pflichtgemäße Echo rechnen. Wichtig ist immer und überall, daß du einer von uns bist; denn wer will schon etwas lesen, das den eigenen Konditionierungen widerspricht? Inhalte sind dann sekundär; lobst du mich, lobe ich dich. – Gewiß, man kann da mitspielen, wenn man seiner Natur nach ein gewiefter Mitspieler ist, und das »intelligente Schwimmen im Strom«, wozu der Autor rät, als die richtige Weise erkannt hat, um dem Leben unter mutierten Barbaren, zu denen wir im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit sämtlicher Dinge, alle gehören, seine besten Seiten abzugewinnen.
So liefert Baricco, der Bestsellerautor, studierte Musikwissenschaftler und Philosoph, eine in Popmanier gehaltene, an Walter Benjamin geschulte Kritik kultureller Gewichtsverschiebungen bei der Suche, in der Welt »Erfahrungen zu machen«, »dem Sinn zu begegnen«, und zugleich ein Musterbeispiel cleverer, selbstverliebter Geschwätzigkeit, von der man mehr über das Wesen unserer Zeit lernen kann als aus dem Text selber. Denn wenn man’s nicht schon längst wüßte, würde man spätestens anhand solcher Bücher bemerken müssen, wie der ganze Kulturapparat innerlich funktioniert – und daß er die Unbedarftheit und Naivität der Leser solcher Bücher sowie eben jene Barbarei nötig hat, um zu funktionieren.

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Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur. von Alessandro Baricco kann man hier bestellen.


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