Alessandro Baricco: Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur.

Eine Rezension von Frank Lisson

 Gastbeitrag

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Ales­san­dro Baric­co: Die Bar­ba­ren. Über die Muta­ti­on der Kul­tur. Aus dem Ita­lie­ni­schen von Annet­te Kopetz­ki, Ham­burg: Hoff­mann & Cam­pe 2018. 224 S., 20 €

In die­sem Buch soll jene kul­tur­re­vo­lu­tio­nä­re Ver­wand­lung, wie sie sich der­zeit in Euro­pa voll­zieht, beob­ach­tet und zu ver­ste­hen gelehrt wer­den. Das gelingt dem Autor jedoch nur unzu­rei­chend, da er den Bock zum Gärt­ner machen will und, anstatt die hoch­dif­fi­zi­le The­ma­tik ernst­haft und tie­fer zu beleuch­ten, reich­lich Komö­die spielt. Es beginnt schon damit, daß die Leser in einem wit­zigs­ein­wol­len­den Plau­der­ton geduzt und ober­leh­rer­haft wie dum­me Kin­der behan­delt wer­den. Fast auf jeder Sei­te fin­den sich bla­sier­te Füll­sät­ze wie: »Ich möch­te, dass ihr ver­sucht, es euch so zu den­ken«, oder: »Aber ich bit­te euch, eure Intel­li­genz zu gebrau­chen«, oder: »Schwer zu erklä­ren, aber ich wer­de es ver­su­chen«. Es fol­gen Tri­via­li­tä­ten. Erst ab Sei­te 157 kommt Baric­co lang­sam zur Sache, wenn er den Wesens­kern des Bar­ba­ren­tums als »Spek­ta­ku­la­ri­tät« beschreibt und ein paar tref­fen­de Bemer­kun­gen zur Demo­kra­tie, Authen­ti­zi­tät, Dif­fe­renz oder Bil­dung macht: Dis­ney­land und moder­nes Kino sind auf­grund ihrer »kom­ple­xen Sequen­zen« ein­fach auf­re­gen­der als Flau­bert, weil sie buch­stäb­lich mehr »Bewe­gung« erzeu­gen. In die­ser all­ge­mei­nen Ver­fla­chung wer­den die Din­ge aber »ent­wer­tet« und indif­fe­rent, ver­lie­ren »ihre See­le«. Nun gut. Doch den Typus des Bar­ba­ren, den Baric­co skiz­ziert, hat es frei­lich immer gege­ben: Es ist der Kon­su­ment rascher Bedürf­nis­be­frie­di­gung, der das Tie­fe scheut, weil sei­ne Inter­es­sen ein­fach nicht so weit rei­chen. Lei­der bedient der Autor, trotz eini­gem bie­de­ren Bil­dungs­dün­kel eines altern­den, ita­lie­ni­schen Kul­tur­bür­gers, sel­ber eben die­se Kli­en­tel, indem er sich bemüht, ja nie­man­den zu über­for­dern – schon gar nicht mit mutig-unkon­ven­tio­nel­len Gedan­ken. Das macht die Lek­tü­re so anstren­gend. Hier schreibt Kul­tur­in­dus­trie über und für Kul­tur­in­dus­trie, der Betrieb über und für den Betrieb, – ohne es zu mer­ken, oder schlim­mer: ohne sich als Teil oder gar als Mit­be­grün­der des Sym­ptoms zu erken­nen. Also darf er auf das übli­che, pflicht­ge­mä­ße Echo rech­nen. Wich­tig ist immer und über­all, daß du einer von uns bist; denn wer will schon etwas lesen, das den eige­nen Kon­di­tio­nie­run­gen wider­spricht? Inhal­te sind dann sekun­där; lobst du mich, lobe ich dich. – Gewiß, man kann da mit­spie­len, wenn man sei­ner Natur nach ein gewief­ter Mit­spie­ler ist, und das »intel­li­gen­te Schwim­men im Strom«, wozu der Autor rät, als die rich­ti­ge Wei­se erkannt hat, um dem Leben unter mutier­ten Bar­ba­ren, zu denen wir im Zeit­al­ter der tech­ni­schen Repro­du­zier­bar­keit sämt­li­cher Din­ge, alle gehö­ren, sei­ne bes­ten Sei­ten abzugewinnen.
So lie­fert Baric­co, der Best­sel­ler­au­tor, stu­dier­te Musik­wis­sen­schaft­ler und Phi­lo­soph, eine in Pop­ma­nier gehal­te­ne, an Wal­ter Ben­ja­min geschul­te Kri­tik kul­tu­rel­ler Gewichts­ver­schie­bun­gen bei der Suche, in der Welt »Erfah­run­gen zu machen«, »dem Sinn zu begeg­nen«, und zugleich ein Mus­ter­bei­spiel cle­ve­rer, selbst­ver­lieb­ter Geschwät­zig­keit, von der man mehr über das Wesen unse­rer Zeit ler­nen kann als aus dem Text sel­ber. Denn wenn man’s nicht schon längst wüß­te, wür­de man spä­tes­tens anhand sol­cher Bücher bemer­ken müs­sen, wie der gan­ze Kul­tu­r­ap­pa­rat inner­lich funk­tio­niert – und daß er die Unbe­darft­heit und Nai­vi­tät der Leser sol­cher Bücher sowie eben jene Bar­ba­rei nötig hat, um zu funktionieren.

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Die Bar­ba­ren. Über die Muta­ti­on der Kul­tur. von Ales­san­dro Baric­co kann man hier bestel­len.

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