Klaus-Jürgen Liedtke: Nachkrieg und die Trümmer von Ostpreußen

Klaus-Jürgen Liedtke: Nachkrieg und die Trümmer von Ostpreußen. Ein Roman aus Dokumenten, Berlin: Die andere Bibliothek 2018. 413 S., 42 €

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Vor zehn Jah­ren ver­öf­fent­lich­te Klaus-Jür­gen Liedt­ke (geb. 1950), der bis dahin vor allem als Über­set­zer skan­di­na­vi­scher Lite­ra­tur her­vor­ge­tre­ten war, eine lite­ra­ri­sche Doku­men­ta­ti­on über das ost­preu­ßi­sche Dorf sei­ner Vor­fah­ren. Aus den münd­li­chen und schrift­li­chen Erin­ne­run­gen rekon­stru­ier­te er dar­in eine »ver­sun­ke­ne Welt« (so der Titel), bevor auch die­se letz­ten Bin­dun­gen ver­schwin­den und Ost­preu­ßen völ­lig fremd wird. Sein neu­es Buch schließt dar­an an, indem Liedt­ke dies­mal sei­nen eige­nen Pro­zeß der Aneig­nung der fami­liä­ren Ver­gan­gen­heit dokumentiert. 

Aus­gangs­punkt ist sei­ne Abstam­mung von Ver­trie­be­nen, die alles ver­lo­ren hat­ten und sich in der Bun­des­re­pu­blik müh­sam ein neu­es Leben auf­bau­en muß­ten. Die Erin­ne­rung an die Ver­gan­gen­heit war bei ihnen daher vor allem der Rück­blick auf eine hei­le Welt, die nun aus­ge­löscht war. Dar­in bestand der wesent­li­che Unter­schied zu den Erin­ne­run­gen der­je­ni­gen, die kein Ver­trei­bungs­schick­sal zu erlei­den hat­ten. Auch ihre Welt hat­te sich geän­dert, aber die­ser Wan­del voll­zog sich am sel­ben Ort und im Detail kei­nes­wegs so schlag­ar­tig, daß auf ein­mal alles in Fra­ge gestellt wor­den wäre. Bei den Ver­trie­be­nen sind die Orte ver­lo­ren, zer­stört, besetzt und exis­tie­ren nur in der Erin­ne­rung, in der es kei­nen Wan­del gibt. 

Liedt­ke bie­tet auch in sei­nem neu­en Buch eine Col­la­ge, die vor allem aus sei­nen eige­nen Erin­ne­run­gen und Auf­zeich­nun­gen besteht. Erin­ne­run­gen an die Kind­heit sind eben­so dar­un­ter, wie Tage­buch­ein­tra­gun­gen von Rei­sen nach Ost­preu­ßen und von Archiv­be­su­chen, Lebens­läu­fe von Ver­wand­ten, Gesprä­che mit Ver­wand­ten (die es bis nach Kana­da ver­schla­gen hat), Gedich­te, aber auch frem­de Tage­bü­cher (dar­un­ter ein Kriegs­ta­ge­buch) und Erin­ne­run­gen Drit­ter (an die Ver­trei­bung und die ers­ten Jah­re danach). Sie sind nicht chro­no­lo­gisch ange­ord­net, son­dern sprin­gen zwi­schen den Zei­ten hin- und her. Liedt­ke hebt damit gleich­sam die Ebe­ne der unre­flek­tier­ten Erin­ne­run­gen der Ver­sun­ke­nen Welt auf. 

Die Ebe­nen rei­chen von den kul­tu­rel­len Ein­bu­ßen, die mit dem Ver­lust Ost­preu­ßens ver­bun­den waren (aus­führ­lich wid­met sich Liedt­ke dem Schloß Klein Beyn­uh­nen und der dor­ti­gen Samm­lung von Abgüs­sen nach Anti­ken, die heu­te ver­schol­len sind) bis hin zu aktu­el­len Dis­kus­sio­nen über die Bewer­tung der Ver­trei­bun­gen. An die­sen Stel­len ver­läßt Liedt­ke den trau­rig-refle­xi­ven Duk­tus und wech­selt in einen pole­misch-zor­ni­gen. Er zitiert einen Arti­kel aus der Zeit, in dem es heißt, daß die Deut­schen sich mit Vor­lie­be ins eige­ne his­to­ri­sche Leid ver­sen­ken und das Geden­ken an Ausch­witz nur »nach­schie­ben« wür­den und fragt: »Sich zu ver­sen­ken? Eher ist es so, daß ich mich dahin­ein ver­bis­sen habe. Mein Erb­teil ist die Wut dar­auf, kei­nen Ort mehr zu haben … Das eige­ne Trau­ma beginnt nicht mit Ausch­witz, son­dern mit dem Kör­per und den Gerü­chen der Groß­mutter, den Erzäh­lun­gen des Groß­va­ters, mit ihrer Trau­er und Gebro­chen­heit … Und einem unter­drück­ten Schrei nach Wiedergutmachung.«

Liedt­ke gelingt es mit sei­nem enga­gier­ten Buch, eine Dimen­si­on der Ver­trei­bungs­ge­schich­te zu ihrem Recht kom­men zu las­sen, die bis­lang kaum in den Blick genom­men wur­de: die Geschich­te der­je­ni­gen, die als Kin­der von Ver­trie­be­nen auf­wuch­sen, die sich fun­da­men­tal von den­je­ni­gen unter­schei­det, die ihren Ort behal­ten konn­ten. War­um einen die­ses The­ma nie­mals los­läßt, war­um es jede Genera­ti­on neu erfährt, macht Liedt­kes Buch ver­ständ­lich. Gleich­zei­tig ver­sucht es, die Erin­ne­rung an Ost­preu­ßen wie­der von den Über­krus­tun­gen der Geschichts­po­li­tik zu befrei­en, indem es ihm ein eige­nes Recht jen­seits von nach­ge­reich­ten Kau­sa­li­tä­ten zugesteht.
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Nach­krieg und die Trüm­mer von Ost­preu­ßen von Klaus-Jür­gen Liedt­ke kann man hier bestel­len.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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