1. Dezember 2018

Manfred Spitzer: Die Smartphone Epidemie

Ellen Kositza

Manfred Spitzer: Die Smartphone Epidemie. Gefahren für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft, Stuttgart, Klett-Cotta 2018. 368 S. 20 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Manfred Spitzer hat wieder geliefert. Nach Vorsicht Bildschirm! (2005), seinem Verkaufsschlager Digitale Demenz (2012; siehe Sezession 51 / 2012) und Cyberkrank (2015) hat Spitzer, Jahrgang 1958, erneut ein dickes Buch zu seinem Thema verfaßt. Die Essenz von Die Smartphone-Epidemie in Kürze: Smartphones machen dick, dumm, aggressiv. Kann man das so sagen? Angesichts der offenkundig vielen schlanken, schlauen, pazifistischen Smartphone-Nutzer? Nun – wo gehobelt wird, da fallen Späne.

Muß man hobeln, wo auch die feine Feile zur Verfügung stünde? Darüber könnte man streiten. Nur, stehen wir, steht Spitzer nicht in einem Wettbewerb, wo alle anderen ausschließlich den Hobel bedienen? Die Rede von den »Chancen und Potentialen« der digitalen Wende ertönt aus tausend Mündern. Nehmen wir nur Anja Karliczek (CDU), unsere Bildungsministerin. Sie steht hinter dem Digitalpakt, der fünf Milliarden Euro an Steuergeldern abwerfen wird, um unsere Kinder digital »zukunftsfähig« zu halten.

O-Ton Karliczek: »Ich habe mich immer geärgert, wie schwer es Geschichtslehrern fällt, Schüler für ihre Themen zu interessieren. Wenn ich mir moderne historische Dokumentationen mit nachgestellten Szenen anschaue, denke ich: Wow! Zum anderen kann die digitale Bildung das Lernen individualisieren: Ein Kind, das richtig gut ist, bekommt schwierigere Aufgaben als ein Klassenkamerad, der sich schwerer tut. (…) Wir werden Infrastruktur bezahlen: das Verkehrsministerium die Breitbandzugänge für die Schulen. WLAN, Smartboards oder stationäre Endgeräte übernimmt das Bildungsministerium. Aber wir wollen auch eine bundesweite Schulcloud einrichten, in die zum Beispiel Filme hochgeladen werden.« Ja, das klingt … cool. Frau Karliczek, die »intensive Lernerfahrungen durch digitale Bildung ermöglichen« will, ist gelernte Hotelfachfrau. Manfred Spitzer ist Hirnforscher und als Psychiater tätig, er ist sowohl in Medizin als auch in Philosophie promoviert. Daher stellt es eine Zusatzqualifikation dar, wenn sich ein derart Gelehrter auch an der Werkbank versteht, wie er es hier erneut vorführt.

Wir alle ahnen, daß die Lobhudeleien auf die smart new kids hanebüchen sind. Wie soll ein Kind durch das flimmernde Viereck Orientierung finden, wenn selbst die meisten Erwachsenen durch FakeNews und Ablenkungslinks gehirngewaschen sind? Daß sich die Suizidrate US-amerikanischer Mädchen seit Einführung des Smartphones verdoppelt hat; daß sich die schulischen Leistungen und Ergebnisse eines Landes ungefähr im selben Maße verschlechtert, gemessen daran, wieviel Geld das Land für den Ausbau seiner digitalen Infrastruktur ausgegeben hat; daß das Einstiegsalter der Smartphonenutzung sukzessive sinkt (manche Eltern finden es soo niedlich, wenn ihr Zweijähriges schon »wischen« kann!) und sich die Nutzungsdauer zugleich erhöht; daß Einkommenshöhe und Smartphonenutzung negativ korrelieren; daß die umfassende Computerisierung vor allem den schwächeren Schülern schadet: Spitzer behauptet dergleichen nicht nur, sein Buch ist ein Wegweiser durch Dutzende wissenschaftliche Studien. Digitale Medien schaden den Kindern auch, wenn nur die Eltern sie nutzen: Jeder kennt die Muttis, die den Kinderwagen schieben und dabei den kleinen Bildschirm vor Augen haben. Die Vatis, die am Sandkastenrand sitzen und tippen, statt zu bemerken, welch tollen Höhlengang der Kleine grad erschaffen hat. ADHS ist nur eine der Diagnosen, die solchen Kindern ins Haus steht, deren Eltern das Gerätchen interessanter schien als das lebendige kleine Wesen.

In einer Fußnote erwähnt Spitzer, daß Angela Merkel bei der Eröffnung der Gamescom, der Computerspielmesse, ernsthaft Schiller zitierte: »Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« Im Ernst? Hat Schiller damit Computerspiele antizipiert? Keine Mutter, kein Vater ist in Wahrheit froh, den Sohn oder die Tochter mit geneigtem Kopf (geneigt über eine Bildschirmoberfläche) zu sehen. Wir alle wünschen uns Kinder mit aufrechtem Gang, mit wachem Blick für die unmittelbare Umwelt. Niemand will Kinder, die permanent unter Strom stehen. Kurze Skepsis: Hat Dr. Dr. Spitzer denn Kinder? Oh ja: sechs. Um erneut Schiller zu zitieren, der bekanntlich nicht nur zu Computerspielen Bescheid wußte: »Liebe Freunde! Es gab schönre Zeiten / Als die unsern – das ist nicht zu streiten!« Den neuen und erneut kulturpessimistischen Spitzer sollte man lesen oder verschenken: An Leute mit Bedarf an Gegengift.

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Die Smartphone Epidemie von Manfred Spitzer kann man hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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