Jean Raspail: Die Axt aus der Steppe

Jean Raspail: Die Axt aus der Steppe, Wien: Karolinger 2019. 245 S., 24 €

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die Axt aus der Step­pe erschien erst­ma­lig 1974, ein Jahr nach dem apo­ka­lyp­ti­schen Alp­traum Das Heer­la­ger der Hei­li­gen, ein Werk, das den damals 48jährigen Jean Ras­pail im Lau­fe von »fünf­zehn Mona­ten schöp­fe­ri­scher Erre­gung« an die Gren­zen sei­ner Kräf­te gebracht hat­te. Die Axt aus der Step­pe ist gewis­ser­ma­ßen das Resul­tat einer Gene­sung und einer Rück­be­sin­nung des Autors auf die Quel­len sei­ner Inspi­ra­ti­on, wenn nicht auf »das Wesent­li­che« des Lebens selbst: »Das Fort­le­ben des Men­schen, wenn er dafür ein Bewußt­sein hat, so erbärm­lich und in gro­tes­ker Wei­se nutz­los er sich selbst in Stun­den der Mut­lo­sig­keit vor­kom­men kann.«

Für Ras­pail schöpft der Mensch »die Kraft, fort­zu­be­stehen« aus dem Bewußt­sein, leben­di­ges Glied einer Ket­te von Ahnen und Trä­ger einer Tra­di­ti­on zu sein. Wah­re Men­schen exis­tie­ren nur dort, wo der Faden nicht abge­ris­sen und die Ket­te nicht zer­bro­chen ist; und den­noch ist die Geschich­te eine »Lei­chen­kam­mer« vol­ler Ris­se und Brü­che, vol­ler Auf- und Unter­gän­ge von Völ­kern, Natio­nen, Spra­chen und Ras­sen. Als mythi­sches Sym­bol die­ser Ahnen­ket­te gilt dem Autor ein Fami­li­en­erb­stück, das er wie einen Kult­ge­gen­stand ehr­fürch­tig auf sei­nem Schreib­tisch auf­be­wahrt: Eine anti­ke Axt aus schwar­zem Stein, »den vor drei­tau­send Jah­ren jemand poliert hat, der mir womög­lich ähnelte.« 

Die­se Axt wird zum Aus­gangs­punkt einer melan­cho­lisch-roman­ti­schen Rei­se, in der sich Dich­tung und Wahr­heit auf sehr per­sön­li­che Wei­se ver­mi­schen. Das gro­ße The­ma sind die »ver­lo­re­nen Völ­ker«, »ver­ges­se­nen Min­der­hei­ten« oder »Zeu­gen-Völ­ker«, denen Ras­pail im Lau­fe sei­nes Lebens begeg­net ist und von deren »unschätz­ba­rem Wei­ter­le­ben bis in unse­re Tage« er berich­ten will. Sei­ne Rei­sen füh­ren ihn in die Kari­bik, zur »Halb­göt­ter­däm­me­rung« der Urus in den Anden, nach Ruß­land zu den Nach­kom­men der napo­leo­ni­schen Trup­pen, nach Japan zu den Res­ten der Ainu, die das Land beherrsch­ten, »als Cäsar noch nicht gebo­ren war«, und den Kata­kom­ben-Katho­li­ken, die Jahr­hun­der­ten grau­sa­mer Ver­fol­gung stand­hiel­ten, auf die Kata­l­au­ni­schen Fel­der, wo sich einst Römer, Hun­nen und West­go­ten schlu­gen, in das Langue­doc, Hei­mat sei­ner Fami­lie, und natür­lich in sein gelieb­tes Pata­go­ni­en. Wie man­che Maler immer das­sel­be Motiv in unend­li­chen Varia­tio­nen malen, so hat Ras­pail im Grun­de immer wie­der das­sel­be Buch geschrieben. 

Nicht anders Die Axt aus der Step­pe: Man begeg­net hier der Quint­essenz des Stof­fes, aus dem der Autor sein Lebens­werk geschöpft hat. Ob sich die Sze­ne wirk­lich abge­spielt hat oder von Ras­pail nur erträumt oder zumin­dest beträcht­lich aus­ge­schmückt wur­de – in sei­ner Hul­di­gungs­re­de an den mit kurz­är­me­li­gem Hemd, geflick­ter Hose und impro­vi­sier­ter Kom­man­deur­schär­pe beklei­de­ten Kari­ben­kö­nig der antil­li­schen Insel Domi­ni­ca, die groß­teils von rie­sen­haf­ten schwar­zen Skla­ven­ab­kömm­lin­gen bevöl­kert ist, erkennt man unschwer die Köni­ge ohne Reich und Tra­di­tio­na­lis­ten auf ver­lo­re­nem Pos­ten wie­der, die sein Werk bevöl­kern: »Über­all wer­den Sie besiegt. Außer auf Domi­ni­ca, wo eini­ge blut­über­ström­te Über­le­ben­de es schaf­fen, sich zum letz­ten Gefecht zu ver­sam­meln. Und da, Sire, haben Sie zum ers­ten Mal die Gele­gen­heit, Ihr Volk zu zäh­len. Kaum Tau­send an der Zahl! Ein Schat­ten­volk. Aber die­se Schat­ten sind noch immer furcht­ein­flö­ßend, und das ist das Wun­der, das Sie ret­ten wird.«

Unwei­ger­lich endet das Buch bei den erschüt­tern­den Ursze­nen, deren Anblick den jun­gen Welt­rei­sen­den für immer geprägt hat: Im pata­go­ni­schen Sturm­wet­ter erblick­te Ras­pail die letz­ten »Ala­kaluf-Phan­to­me«, die ster­ben­den See­noma­den, Män­ner, Frau­en und Kin­der, von denen ihn »eine Kluft von zehn­tau­send Jah­ren« zu tren­nen scheint. Am Ende sei­ner Schil­de­run­gen beschleicht den Autor der Ver­dacht, die schwar­ze Axt sei viel­leicht doch nicht das Sym­bol der unun­ter­bro­che­nen Ket­te, son­dern ein »Unglücks­bo­te«, der »all jene mit dem Sie­gel des Todes zeich­net, die dem Lauf der Jahr­hun­der­te getrotzt haben«. Wird auch »der letz­te Fran­zo­se« eines Tages in die ewi­ge Nacht gehen, die schon die Ala­kalufs, die Urus, die Kari­ben ver­schlun­gen hat? Trotz des düs­te­ren Aus­blicks erfüllt das Buch ein eben­so hei­te­rer wie tra­gi­scher, iro­ni­scher wie erns­ter Glanz, der ähn­lich ver­an­lag­te See­len eher erhe­ben als betrü­ben wird. Zugleich ist es eine Kla­ge über den Ver­lust der Viel­falt und des Ver­bor­ge­nen, Unent­deck­ten, Sel­te­nen, Wun­der­ba­ren, ein Lob­ge­sang auf Unter­schie­de und Gren­zen, in einer Welt, in der jeder Fleck des Erd­balls aus­ge­leuch­tet wor­den ist und die Müh­len der Moder­ne uner­bitt­lich ihr nivel­lie­ren­des Werk vollziehen. 

»Ich bin ein glü­hen­der Ver­fech­ter von Gren­zen, solan­ge man die­se ohne unnö­ti­ge Schi­ka­nen pas­sie­ren kann. Aber ich wünsch­te, man wür­de jeden Rei­sen­den mit einem Detek­tor durch­leuch­ten las­sen, der Dumm­heit und Vul­ga­ri­tät unbarm­her­zig zurück­weist und nur weni­ge pas­sie­ren läßt, damit sie die Unter­schie­de genie­ßen und sich dar­an satt trin­ken kön­nen. Ich seh­ne von gan­zem Her­zen eine Ver­viel­fa­chung der Gren­zen ad infi­ni­tum her­bei, in deren Schutz die so kost­ba­ren Unter­schie­de auf­hö­ren könn­ten, zu schwin­den und sich bis zu einer neu­en Blü­te sogar eif­rig wei­ter ent­wi­ckeln wür­den.« Mit ande­ren Wor­ten: Wer die »roman­ti­sche« Vari­an­te des eth­nop­lu­ra­lis­ti­schen Füh­lens und Den­kens erfas­sen will, ver­sen­ke sich in die­ses herr­li­che Buch. Pflicht­lek­tü­re für jeden Ras­pail-Fan, makel­los und flüs­sig über­setzt von Kon­rad Weiß!
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Die Axt aus der Step­pe von Jean Ras­pail kann man hier bestel­len

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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