Juan Moreno: Tausend Zeilen Lüge

Juan Moreno: Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus, Berlin: Rowohlt 2019. 285 S., 18 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Es ist womög­lich das lieb­lo­ses­te Rowohlt-Cover seit je, aber den­noch eines der for­mi­da­bels­ten Bücher des Herbs­tes 2019. Ein Sach­buch, das zugleich ein Kri­mi ist: Voi­là! Der freie SPIEGEL-Autor Juan More­no schreibt einen minu­tiö­sen Bericht dar­über, wie er den fest­an­ge­stell­ten SPIEGEL-Repor­ter Claas Relo­ti­us als Lügen­bold ent­tarn­te. Das ist enorm unter­halt­sam, es ist unge­mein span­nend, aber es ist kein Trash. 

Kei­ne Neid­ge­schich­te. Die SPIEGEL-Chefs woll­ten More­nos Hin­wei­se lan­ge, viel zu lan­ge Zeit, aber genau­so deu­ten: Eine Krä­he will der ande­ren ein Auge aus­ha­cken – das war völ­lig unmög­lich, das ging gar nicht! Sämt­li­che – höf­lich for­mu­lier­te – Hin­wei­se sei­tens More­no, daß hier offen­kun­dig gefaked wer­de, igno­rier­ten die SPIE­GEL­män­ner. Sie lei­te­ten die skep­ti­schen Mails More­nos zwecks Klä­rung schlicht an den Hoch­stap­ler wei­ter. Erin­nern wir uns an die Cau­sa Relo­ti­us, Dezem­ber 2018? Ein media­ler Fäl­schungs­skan­dal flog auf, gegen den die Stern-Lügen­ge­schich­te mit den angeb­li­chen »Hit­ler­ta­ge­bü­chern« (1983) gera­de­zu als kunst­vol­ler Slap­stick-Quik­kie verblaßte. 

Mit Relo­ti­us war es so: Die­ser Kerl war nicht irgend­ein Typ, der irgend­wel­che Pro­mi-Inter­views gefälscht hat wie Tom Kum­mer. Sowas hat­te es gele­gent­lich gege­ben. Kuri­os, aber ver­nach­läs­sig­bar. Claas Relo­ti­us hin­ge­gen war die gro­ße Hoff­nung im Repor­ta­ge­be­trieb. Im SPIEGEL war der rot­blon­de Han­se­at (*1985) für höhe­re Wei­hen vor­ge­se­hen. Er lie­fer­te Wahn­sinns­tex­te. Er sprach mit Leu­ten, die für Jour­na­lis­ten eigent­lich uner­reich­bar waren. Er war ein Wun­der. Und er war so ein­fühl­sam! Er schrieb sol­che Tex­te, die den Lesern die Trä­nen in die Augen trie­ben. Dicht dran. Authen­tisch. Kraß Relo­ti­us erhielt dut­zen­de Prei­se. Unter ande­ren vier­mal in fünf Jah­ren den deut­schen Reporterpreis. 

Das hat­te noch kei­ner geschafft. Relo­ti­us war eine Art Gott. Er hät­te bei­zei­ten noch wei­ter auf­stei­gen kön­nen (die SPIEGEL-Crew umwarb ihn heiß), aber er war so beschei­den und gut. Sei­ne jün­ge­re Schwes­ter, heiß­ge­liebt, litt an Krebs, und er brauch­te ein­fach die Zeit für ihre Pfle­ge. 2018 wur­de der freie, häu­fig für den SPIEGEL täti­ge Repor­ter Juan More­no beauf­tragt, über die Grenz­si­tua­ti­on zwi­schen Mexi­ko und den USA zu berich­ten. More­no soll­te einen Flücht­lings­treck beglei­ten, Relo­ti­us soll­te eine wei­ße Bür­ger­wehr gegen die Ein­wan­de­rer »infil­trie­ren«. Sol­che Trup­pen waren schwer zugäng­lich. Wun­der­kind Relo­ti­us schaff­te es. 

Es ent­stand ein blu­mi­ger Bericht über kras­se Typen ohne Lade­hem­mung. Am Ende des Stü­ckes drückt einer der Grenz­wäch­ter wirk­lich ab. More­no fand dar­an, am Bericht sei­nes hoch­ge­lob­ten Co-Autoren, eini­ges frag­wür­dig. Vie­les! Er bat sei­ne Vor­ge­setz­ten um Hil­fe. Er wies Lücken in der Relo­ti­us-Reche­re­che auf. Mehr­mals. Mehr­mals ohne Erfolg. Ihm wur­de von den SPIEGEL-Bos­sen Ruf­mord vor­ge­wor­fen. More­no, vier­fa­cher Fami­li­en­va­ter, kämpf­te nicht nur um sei­ne Ehre, son­dern letzt­lich um sei­ne Stel­le, sein Brot! More­no, der­art von der Redak­ti­on abge­wie­sen, hef­te­te sich letzt­lich nahe­zu beses­sen an Relo­ti­us’ Spu­ren. Er kam ihm auf die Schli­che – und zwar dut­zen­de- nein hun­der­te­mal. Nicht nur das Tref­fen mit der ras­sis­ti­schen Bür­ger­wehr war ein Fake. 

In unge­zähl­ten ande­ren Arti­keln hat­te die ver­göt­ter­te Nach­wuchs­hoff­nung Relo­ti­us sich nach­weis­bar bei ihrer eige­nen Phan­ta­sie bedient: Nur ein Bei­spiel: Trau­te Laf­renz, letz­te Über­le­ben­de der »Wei­ßen Rose«, die eigent­lich jedes Inter­view ver­wei­gert, zitiert er so: »Deut­sche, die stre­cken auf offe­ner Stra­ße den rech­ten Arm zum Hit­ler­gruß, wie früher.« 

Laf­renz hat­te das in Wahr­heit nie gesagt. Auf sei­ner schwin­del­erre­gen­den und auf­wen­di­gen Recher­che stößt More­no auf unge­zähl­te aus­ge­dach­te Sze­ne­rien, Sät­ze, Bio­gra­phien. Relo­ti­us, neben­bei, hat auch kei­ne Schwes­ter. Das alles ist einer Zeit­schrift durch­ge­gan­gen, die sich für ihre ein­zig­ar­ti­ge »Fak­ten­check-Abtei­lung« rühmt! More­no: »Natür­lich war Relo­ti­us ein ten­den­zi­ell links­li­be­ra­ler Hal­tungs­jour­na­list, der Tex­te schrieb, bei denen er davon aus­ging, dass sie beim SPIEGEL gut ankom­men.« More­no (dem bis dato vom SPIEGEL kei­ne Fest­an­stel­lung ange­bo­ten wur­de) schreibt selbst­kri­tisch, ernst, ehr­lich. Es ist eine eige­ne Kunst, einen der­art unglaub­li­chen und ver­rück­ten Fall so auf­zu­ar­bei­ten, daß es nicht rei­ße­risch daher­kommt. Das ver­steht man unter exzel­len­tem Jour­na­lis­mus. Ein Musterstück! 

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Tau­send Zei­len Lüge von Juan More­no kann man hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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