Reyhan Şahin aka Dr. Bitch Ray: Yalla, Feminismus

Reyhan Şahin aka Dr. Bitch Ray: Yalla, Feminismus, Stuttgart: Tropen 2019. 316 S., 20 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Muß man der­ar­ti­ges … beach­ten? Sagen wir so: Vor einem guten Jahr­zehnt war Frau Şahin eine gewis­se Num­mer. Eine Mus­li­ma / Ale­vi­tin, die den Deutschrap präg­te. Die schock­te. Ihre expli­zi­ten Tex­te »nicht jugend­frei« zu nen­nen, wäre unter­trie­ben. Daß sie sich als Toch­ter tür­ki­scher Ein­wan­de­rer (*1980) bereits in Kin­der­jah­ren selbst »Bitch« (dt. Schlam­pe) titu­lier­te, sagt viel. In den Nuller­jah­ren war Lady Bitch Ray (LBR) ein Phä­no­men. Sie war hübsch, rapp­te ihren »Vagi­na Style« vol­ler expli­zi­ter, kras­ser Wen­dun­gen – und war zugleich Dok­to­ran­din und Dozen­tin im Fach Linguistik. 

Das Gan­ze ließ sich ganz gut unter den Eti­ket­ten Selbst­er­mäch­ti­gung, Non­kon­for­mis­mus, Eman­zi­pa­ti­on und »Neue Deut­sche« ver­kau­fen. Öffent­lich­keits­wirk­sam goß sie ein Glas über »Talk­teil­neh­mer« Ulf Pos­ch­ardt aus (sie fand ihn zu »schwul«) und über­reich­te in einer ande­ren Fern­seh­sen­dung Oli­ver Pocher ein Dös­chen mit eige­nem Vagi­nal­se­kret. Eine Skan­dal­nu­del also.

Kaum jemand inter­es­siert sich heu­te noch für die­se Frau. Ich schon, und es mischt sich ein wenig Scha­den­freu­de hin­ein. Die­se bezieht sich nicht auf die (es mag her­ab­las­send klin­gen, ist aber ernst­ge­meint) eher bemit­lei­dens­wer­te Per­son LBR, son­dern auf das The­ma, das sie hier zu Tode rei­tet. Fas­zi­nie­rend näm­lich, dem Femi­nis­mus hier bei sei­ner Implo­si­on zuzu­se­hen! Immer­hin hat ein Ver­lag mit echt »gro­ßem Rükken« (wie man in der Rap-Sze­ne soli­de, aller­dings dort meist kri­mi­nel­le Struk­tu­ren nennt) die­ses Buch publi­ziert. Dies ist erstaunlich. 

Das fast zeit­gleich bei der Kon­kur­renz erschie­ne­ne Buch von Lady Bitch Rays delin­quen­ter, etwas jün­ge­rer Kon­kur­ren­tin Schwesta Ewa (»Das Leben fickt am här­tes­ten«) ver­kauft sich selbst aus dem Knast her­aus deut­lich bes­ser. Schwesta Ewa lie­fert Unter­hal­tung für sen­sa­ti­ons­lüs­ter­ne Kaputt­nicks. LBR bean­sprucht hin­ge­gen gesell­schaft­li­che Rele­vanz und femi­nis­ti­sche Deutungshoheit.

Was will uns Dr. Bitch Ray ein Jahr­zehnt nach Abklin­gen ihrer Pro­mi­nenz sagen? Vor allem, daß sie unter Inter­sek­tio­na­li­tät lei­det. Das ist einer der zahl­rei­chen Mode­be­grif­fe aus LBRs Vik­ti­mo­lo­gie (wie auch »Sluts­ha­ming«, »Toke­nis­mus«, »White­wa­shing«; es gibt einen lesens­wer­ten Erklär­ap­pa­rat): Inter­sek­tio­nell lei­det der / die­je­ni­ge, der / die mehr­fach dis­kri­mi­niert wird. Der Klas­si­ker hier­zu wäre die »Les­bi­sche schwar­ze Behin­der­te« (Fun­ny van Dan­nen). Gera­de über die­se drei Kate­go­rien mag man im Fall von LBR strei­ten. Sie selbst sieht sich benach­tei­ligt min­des­tens via Geschlecht, Reli­gi­on, Haut­far­be und Sozialstatus. 

Sie betrach­tet sich – sie­he Cover!- als WoC, als Woman of Color, als Far­bi­ge, was hier syn­onym mit »Schwar­ze« ver­wen­det wird. Ein gewis­ser Knick in der Optik deu­tet sich an. LBR ärgert sich, daß nie­mand ihr Talk­show­ge­spräch mit der Schau­spie­le­rin Michae­la May (2007) als Mei­len­stein des Femi­nis­mus begrif­fen hat­te. Damals hat­te sie gera­de ihre Lie­der »Fick mich« und »Deut­sche Schwän­ze« ver­öf­fent­licht. Alle sei­en immer fies zu ihr gewe­sen: Sie redu­zier­ten näm­lich die­se Wun­der­frau »auf das Sexu­el­le«. Der »vagi­na­len Göt­tin der Gerech­tig­keit sei dank« (die­se Wen­dung wie­der­holt sich) folg­ten aller­dings bis heu­te alle maß­geb­li­chen femi­nis­ti­schen Strei­te­rin­nen LBR – selbst, wenn nie­mand es wahr­ha­ben wolle. 

Ihre »queer­fe­mi­nis­ti­schen Kunst­ab­sich­ten« hät­ten die meis­ten Kri­ti­ker miß­ver­stan­den, näm­lich: das »Schwanz­sys­tem von innen her­aus zu dekon­stru­ie­ren«. Nur des­halb habe sie den Begriff der Bitch posi­tiv umge­deu­tet und ihn »wie einen Tam­pon in den Deutschrap ein­ge­führt«. Daß LBR kurz­zei­tig als pro­mo­vier­te Lehr­be­auf­trag­te uni­ver­si­tär reüs­sie­ren konn­te, hält sie für hel­den­haft. Denn nor­ma­ler­wei­se brauch­ten sich Per­so­nen »mit einer links­po­li­ti­schen Ein­stel­lung in der Fucka­de­mie gar nicht erst sehen zu las­sen.« Soso! Der Ver­lag, der das druckt, ver­brei­tet und pro­mo­tet, hat auch Bücher von Simon Strauß, Jona­than Lethem, Lui­sa Neu­bau­er und Alex­an­der Wendt im aktu­el­len Porte­feuille. Was heißt das nun?
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Yal­la, Femi­nis­mus von Rey­han Şahin kann man hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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