Douglas Murray: Wahnsinn der Massen

Eine Rezension von Konrad Gill

 Gastbeitrag

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Dou­glas Mur­ray: Wahn­sinn der Mas­sen. Wie Mei­nungs­ma­che und Hys­te­rie unse­re Gesell­schaft ver­gif­ten, Mün­chen: Finanz­buch Ver­lag 2019. 352 S., 24.99 €

Mur­rays neu­es Buch ist ein Augen­öff­ner für alle, die sich nicht täg­lich mit dem Geis­tes­zu­stand der Inter­net-Vul­gär­lin­ken befas­sen. Wel­cher Wahn­sinn sich der­zeit an Hoch­schu­len in den eng­lisch­spra­chi­gen Län­dern, in der Mas­sen­pres­se und in paraso­zia­len Netz­wer­ken aus­tobt, läßt sich hier gebün­delt nach­le­sen. Cam­pus-Ter­ror und psy­cho­pa­tho­lo­gi­sche Exzes­se im Namen von Femi­nis­mus, Anti­ras­sis­mus, Inter- und Homo­se­xua­li­tät haben inner­halb weni­ger Jah­re vor allem die USGe­sell­schaft im Sturm erobert.
Trotz »Anti­fa« sind die Ver­hält­nis­se in Euro­pa noch nicht annä­hernd so sur­re­al über­hitzt. Durch Anek­do­ten, Stim­men aus der Publi­zis­tik sowie eige­ne Erfah­rungs­be­rich­te erzählt Mur­ray von mas­si­ver Ein­schüch­te­rung, vom Pöbel erzwun­ge­ner De-fac­to-Abschaf­fung der Rede- und Wis­sen­schafts­frei­heit, vor­mo­der­nen Sprech­ta­bus, pro­le­ta­ri­sier­ten Hoch­schu­len und von der Ver­an­ke­rung »trans­se­xu­el­ler« Wahn­vor­stel­lun­gen bereits in (Klein-)Kinderhirnen.

Dem Leser tritt die Wal­pur­gis­nacht einer ster­ben­den Zivi­li­sa­ti­on vor Augen. Vor allem zeigt Mur­ray, wie die Über­trei­bun­gen radi­ka­ler Akti­vis­ten das Gegen­teil des­sen errei­chen, was sie oder zumin­dest ihre bür­ger­recht­li­chen Vor­gän­ger vor­geb­lich errei­chen woll­ten. Statt öffent­li­cher »Far­ben­blind­heit« ist die Ras­se wie­der ein wich­ti­ges Unter­schei­dungs- und Iden­ti­fi­ka­ti­ons­merk­mal. Eben noch frisch der Unter­drü­ckung ent­ron­ne­nen wei­ßen Frau­en wer­den Fra­gen nach ihren eige­nen Pri­vi­le­gi­en gestellt (»Inter­sek­tio­na­lis­mus«), und stol­ze Schwu­le sol­len Trans­ves­ti­ten und ande­re, immer skur­ri­le­re abnor­me Grup­pen als Gleich­ge­sinn­te aner­ken­nen, was sie aber kei­nes­falls wol­len. Lei­der sind Mur­rays Posi­tio­nen selbst all­zu beein­flußt von der Fort­schritts­idee: Eman­zi­pa­ti­on hält er für sehr wich­tig und unstrei­tig berech­tigt – nur jetzt wer­de der Bogen über­spannt. Aber wel­cher Maß­stab soll denn vor­ge­ben, ab wann die »sozia­le Befrei­ung« zu weit geht? Und das ist bei wei­tem nicht die ein­zi­ge Schwä­che des Buches. 

Tat­säch­lich erklärt Mur­ray nur, wie Hys­te­rie die Gesell­schaft ver­gif­tet, aber nicht, war­um. Der »Wahn­sinn« kommt plötz­lich über die Mas­sen, uner­klär­lich, rasend und unkon­trol­lier­bar. Wer die klas­si­sche Lite­ra­tur zur Mas­sen­psy­cho­lo­gie nicht kennt, muß die Auf­zäh­lun­gen bizar­ren Ver­hal­tens ideo­lo­gisch auf­ge­hetz­ter For­mal­aka­de­mi­ker rat­los zur Kennt­nis neh­men. Der Bri­te lie­fert allen­falls Erklä­rungs­an­sät­ze für die bren­nen­de Fra­ge nach den Ursa­chen, dar­un­ter ein gelun­ge­nes, wenn auch nicht aus­rei­chend prä­zi­ses »Zwi­schen­spiel« zu den »Mar­xis­ti­schen Grund­la­gen« der Emanzipationsrhetorik.

Um immer neue »unter­drück­te« Klas­sen geht es, deren Befind­lich­kei­ten für den Umsturz aller über­kom­me­nen Ver­hält­nis­se benutzt wer­den sol­len! Die ent­spre­chend welt­an­schau­lich gepräg­ten Argu­men­ta­ti­ons­li­ni­en soll­ten in einem sol­chen Buch auf­ge­deckt wer­den, statt immer lächer­li­che­res Rand­grup­pen­thea­ter vor­zu­füh­ren. Die »Zwi­schen­spie­le« zwi­schen den Kapi­teln (über den »Ein­fluß der moder­nen Tech­no­lo­gien« und das ent­glei­ten­de christ­li­che Phä­no­men der »Ver­ge­bung«) sind die stärks­ten Pas­sa­gen des Buches. Lesens­wert sind auch die Innen­an­sich­ten aus der / den Homosexuellenbewegung(en); der selbst ent­spre­chend ver­an­lag­te Autor weist mit Bei­spie­len dar­auf hin, wie zer­strit­ten die ein­zel­nen Grup­pen inner­halb der »LGBT (…)«-Sze­ne sind. Das Auf­grei­fen der Ach­tungs­wün­sche immer neu­er Grup­pen geht zulas­ten der bis­her Pri­vi­le­gi­en suchen­den Min­der­hei­ten, was Revier­kämp­fe auslöst.

In der im poli­tisch-media­len Tri­umph sicht­bar wer­den­den Zer­split­te­rung jener Akti­vis­ten mag ein Keim zur Zer­stö­rung ihrer Macht lie­gen. Dem theo­rie­ar­men, aber um so anschau­li­che­ren Buch hät­ten ein stren­ges Lek­to­rat (samt erheb­li­cher Kür­zung) und eine sorg­fäl­ti­ge­re Über­set­zung sehr gutgetan.
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Wahn­sinn der Mas­sen von Kon­rad Gill man hier bestel­len.

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