1. Dezember 2019

Douglas Murray: Wahnsinn der Massen

Gastbeitrag

Eine Rezension von Konrad Gill

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Douglas Murray: Wahnsinn der Massen. Wie Meinungsmache und Hysterie unsere Gesellschaft vergiften, München: Finanzbuch Verlag 2019. 352 S., 24.99 €

Murrays neues Buch ist ein Augenöffner für alle, die sich nicht täglich mit dem Geisteszustand der Internet-Vulgärlinken befassen. Welcher Wahnsinn sich derzeit an Hochschulen in den englischsprachigen Ländern, in der Massenpresse und in parasozialen Netzwerken austobt, läßt sich hier gebündelt nachlesen. Campus-Terror und psychopathologische Exzesse im Namen von Feminismus, Antirassismus, Inter- und Homosexualität haben innerhalb weniger Jahre vor allem die USGesellschaft im Sturm erobert.
Trotz »Antifa« sind die Verhältnisse in Europa noch nicht annähernd so surreal überhitzt. Durch Anekdoten, Stimmen aus der Publizistik sowie eigene Erfahrungsberichte erzählt Murray von massiver Einschüchterung, vom Pöbel erzwungener De-facto-Abschaffung der Rede- und Wissenschaftsfreiheit, vormodernen Sprechtabus, proletarisierten Hochschulen und von der Verankerung »transsexueller« Wahnvorstellungen bereits in (Klein-)Kinderhirnen.

Dem Leser tritt die Walpurgisnacht einer sterbenden Zivilisation vor Augen. Vor allem zeigt Murray, wie die Übertreibungen radikaler Aktivisten das Gegenteil dessen erreichen, was sie oder zumindest ihre bürgerrechtlichen Vorgänger vorgeblich erreichen wollten. Statt öffentlicher »Farbenblindheit« ist die Rasse wieder ein wichtiges Unterscheidungs- und Identifikationsmerkmal. Eben noch frisch der Unterdrückung entronnenen weißen Frauen werden Fragen nach ihren eigenen Privilegien gestellt (»Intersektionalismus«), und stolze Schwule sollen Transvestiten und andere, immer skurrilere abnorme Gruppen als Gleichgesinnte anerkennen, was sie aber keinesfalls wollen. Leider sind Murrays Positionen selbst allzu beeinflußt von der Fortschrittsidee: Emanzipation hält er für sehr wichtig und unstreitig berechtigt – nur jetzt werde der Bogen überspannt. Aber welcher Maßstab soll denn vorgeben, ab wann die »soziale Befreiung« zu weit geht? Und das ist bei weitem nicht die einzige Schwäche des Buches.

Tatsächlich erklärt Murray nur, wie Hysterie die Gesellschaft vergiftet, aber nicht, warum. Der »Wahnsinn« kommt plötzlich über die Massen, unerklärlich, rasend und unkontrollierbar. Wer die klassische Literatur zur Massenpsychologie nicht kennt, muß die Aufzählungen bizarren Verhaltens ideologisch aufgehetzter Formalakademiker ratlos zur Kenntnis nehmen. Der Brite liefert allenfalls Erklärungsansätze für die brennende Frage nach den Ursachen, darunter ein gelungenes, wenn auch nicht ausreichend präzises »Zwischenspiel« zu den »Marxistischen Grundlagen« der Emanzipationsrhetorik.

Um immer neue »unterdrückte« Klassen geht es, deren Befindlichkeiten für den Umsturz aller überkommenen Verhältnisse benutzt werden sollen! Die entsprechend weltanschaulich geprägten Argumentationslinien sollten in einem solchen Buch aufgedeckt werden, statt immer lächerlicheres Randgruppentheater vorzuführen. Die »Zwischenspiele« zwischen den Kapiteln (über den »Einfluß der modernen Technologien« und das entgleitende christliche Phänomen der »Vergebung«) sind die stärksten Passagen des Buches. Lesenswert sind auch die Innenansichten aus der / den Homosexuellenbewegung(en); der selbst entsprechend veranlagte Autor weist mit Beispielen darauf hin, wie zerstritten die einzelnen Gruppen innerhalb der »LGBT (…)«-Szene sind. Das Aufgreifen der Achtungswünsche immer neuer Gruppen geht zulasten der bisher Privilegien suchenden Minderheiten, was Revierkämpfe auslöst.

In der im politisch-medialen Triumph sichtbar werdenden Zersplitterung jener Aktivisten mag ein Keim zur Zerstörung ihrer Macht liegen. Dem theoriearmen, aber um so anschaulicheren Buch hätten ein strenges Lektorat (samt erheblicher Kürzung) und eine sorgfältigere Übersetzung sehr gutgetan.
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Wahnsinn der Massen von Konrad Gill man hier bestellen.


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