1. Februar 2020

Dieter Thomä: Warum Demokratien Helden brauchen

Caroline Sommerfeld

Dieter Thomä: Warum Demokratien Helden brauchen, Berlin: Ullstein 2019. 272 S., 20 €

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Burkhard Voß: Wenn der Kapitän als erster von Bord geht. Wie Postheroismus unsere Gesellschaft schwächt, Münster: Solibro 2019. 176 S., 16.80 €.

Was ist eigentlich ein Held? Im Augenblick seiner Fragwürdigkeit wäre er um so nötiger, es liegt aber in der Natur des Zweifels, immer größere Stücke festen Bodens mit sich zu reißen. Dieter Thomä, Philosophieprofessor in St. Gallen, sucht Helden, die dem Zweifel standhalten. Seine kulturgeschichtliche Suche – Thomäs Lieblingsgewährsleute sind Emerson und Toqueville – beginnt beim Gilgamesch-Epos und endet bei Black Panther und Wonder Woman.

Wichtiger als das Herbeizitieren großer Figuren quer durch alle Kulturschichten (ein typisches Merkmal postmodernen Denkens) und hervorragend brauchbar sind seine begrifflichen Klärungen. Was unterscheidet den »Helden der Übererfüllung« vom »Helden der Überwindung«? Wie tragfähig ist Rousseaus Vorstellung des Alltagshelden? Rousseau hatte 1751 die Tugend des Helden alltagstauglich gedimmt: »Räumen wir ein, daß die Völker die kriegerische Mannhaftigkeit ohne rechte Überlegung geschätzt haben, und daß es ebenso widersprüchlich wie abscheulich wäre zu glauben, die Wohltäter des Menschengeschlechts brächten ihr Wesen durch Vernichtung der Menschen zum Ausdruck. (…) Der wahre Held bewährt sich hingegen alle Tage und seine Tugenden werden häufig benötigt.«

Für Dieter Thomä ist der Alltagsheld der wahre Held. Gegen »Pseudohelden« und »Trotzhelden« muß er verteidigt werden: Der »Pseudoheld« ist der kapitalistische Projektemacher, der global player, der seine Tatkraft unter Beweis stellen darf, nicht aber den Einsatz für eine große Sache. Das Heldentum leidet im Kapitalismus unter innerer Auszehrung, diagnostiziert Thomä völlig korrekt. Der »Trotzheld« sei der übelste Störenfried der Demokratie.

In seinem vorherigen Buch über die Geschichte des Störenfrieds (Puer Robustus, Sezession 76 / 2017) sortierte er die populistischen, »faschistischen« und überhaupt rechten Störenfriede in die Schublade »gestörte Störer«. Mit dem »Trotzhelden« verhält es sich kaum besser. Wenn der wahre Held der Wohltäter des Menschengeschlechts ist, dann kann ein Aufbegehren gegen diese Umdeutung des Helden nur einem falschen Affekt, nämlich rückwärtsgewandtem Trotz, entspringen. Daß dieser Affekt von Kollektivismen instrumentalisiert wird (es folglich im Faschismus oder Bolschewismus von Helden wimmelt), ist einerseits wahr, andererseits führt dies zu einem Argument, das meinen übergroßen Zweifel an Thomäs Thesen zu präzisieren hilft.

Die Fragwürdigkeit des Heldentums gebiert notwendig Trotzreaktionen: Wenn uns Helden madig gemacht werden, wollen wir sie um so vehementer verteidigen. Thomä trotzt der Mär von der postheroischen Gesellschaft – auch »die Demokratie« brauche Helden, denn eine Demokratie, in der alle gleich sind, stirbt ab. Helden, die »erstens der Gefahr ins Auge sehen, zweitens sich einer großen Sache widmen, und drittens Bewunderung ernten« entsprechen dem Vollbild des Helden. Gebricht es ihnen an einer der drei Eigenschaften, taugen sie nur bedingt.

Das Konzept des »Pseudohelden« markiert den stets notwendigen Irrtumsvorbehalt. Nicht allein der Kapitalismus erzeugt Pseudohelden, auch – hier liegt der wunde Punkt der vorliegenden These – die »Demokratie« schafft am laufenden Band unechte Helden. Thomä nimmt nämlich das ganze Spektrum der heute bejubelten »Helden« für bare Münze: von Rosa Parks bis Greta Thunberg, selbst Frau Reker und Herr Lübcke dürfen alle dabeisein. Zu jeder dieser Heldengeschichten gibt es Hintergründe der Finanzierung, Inszenierung und Einbettung in einen großen Zusammenhang. Dieter Thomä untersteht dem politischen Gebot der Mehrdeutigkeit von »Demokratie«: die ideale Staatsform ist nicht dasselbe wie die realexistierende Bundesrepublik und nicht dasselbe wie eine linksglobalistische Programmdemokratie.

So werden seine Helden zu Pseudohelden, da die gesamte herrschende politische Agenda diese Figuren als Helden feiert. Noch vehementer zu fordern, was ohnehin alle fordern, nennt man Gratismut. Kann man dagegen ein anderes Set von besseren Helden auffahren? Dies hat der Psychiater Burkhard Voß in seinem Buch Wenn der Kapitän als erster von Bord geht versucht. Zuerst die »Antihelden« (wobei dieser Begriff falsch ist, in der Literaturwissenschaft bezeichnet er Romanfiguren wie Woyzeck oder Oskar Matzerath, die unter die Räder der Geschichte kommen): besagter Kapitän der »Costa Concordia«, Albert Speer, Che Guevara und jene Dame, die Jörg Kachelmann Vergewaltigung unterstellt hat.

Dann die Helden, von Sokrates über Stauffenberg bis zu jenem russischen Offizier, der 1983 den overkill verhinderte, indem er einen Fehlalarm nicht als amerikanischen Erstschlag deutete. Wo Thomä als Philosoph klare Kriterien herauspräpariert, verläßt sich Voß voll auf den gesunden Menschenverstand. Im Kapitel über Greta Thunberg, die er als »Pseudoheldin« beschreibt und zwischen dem Krankheitsbild Autismus und der medialen Figur differenziert, kommt ihm sein ärztlicher Sachverstand zugute. Von Irrtumsvorbehalt aber bei Burkhard Voß keine Spur. Helden muß man einfach verteidigen, nicht dekonstruieren. Voß rutscht dadurch auf die Ebene seines Gegenstandes, zum Glück ist seine Beschreibungssprache dabei nonchalant statt pathetisch. Wer heute Helden kürt, muß tausenderlei bedenken und sollte einen ständigen Zweifel mitführen bezüglich der Benutzbarkeit seiner Heldenriege.

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Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.


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