1. Februar 2020

Thorsten Schulte: Fremdbestimmt

Gastbeitrag / 4 Kommentare

Eine Rezension von Stefan Scheil

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Thorsten Schulte: Fremdbestimmt: 120 Jahre Lügen und Täuschung, Bautzen: VFFW 2019. 468 S., 22€

»Es ist etwas faul im Staate »Deutschland«. Damit wird man kaum jemandem etwas Neues sagen. Weil das eben nach verbreitetem Eindruck so ist, steigt die Zahl der Publikationen, die dabei nachhelfen, diesen Eindruck zu verstetigen, ihn verkaufsfördernd zu nutzen und außerdem Lösungsvorschläge anzubieten. Thorsten Schultes Fremdbestimmt ist ein Beispiel dafür. Der Autor hat nach eigenen Angaben eine Laufbahn als langjähriges CDU-Mitglied (26 Jahre) und in nicht genauer bestimmten Funktionen im Investmentbanking hinter sich.

Auf dem Buchklappentext heißt es zu diesem Punkt, er sei »zuletzt im Handelsraum der Deutschen Bank« in Frankfurt tätig gewesen. Warum aus dieser Vorgeschichte heraus ein Parforceritt durch die internationale Geschichte der letzten 120 Jahre zu unternehmen sein soll, bleibt etwas unklar. Jedenfalls bleibt das alles stets ein Verkaufstext, durchzogen von wuchtigem Pathos und Suggestivfragen. Es vertreibt der Autor seine Thesen ja auch sonst im Netz mit Kurzfilmen im Stil von Präsentationen, wie man sie aus dem Baumarkt kennt. »Genial« sei er, läßt eine Anzeige am Ende des Buchs wissen. Wie auch immer, die deutsche Lage ist ernst. Ungewöhnliche Methoden können daher nicht schaden. Das Problem liegt im Inhalt.

Der Leser bekommt vom Schulte ein Angebot, das als »volles Programm« noch eher zurückhaltend beschrieben ist. Vorkrieg 1914, Petra Kelly, Joachim Löw, Aufrüstungfragen der 1930er, Leo Trotzki, Wilhelm II., Russische Revolution, EU, Merkel, Stalin, Churchill, Euro-Targetsalden, Adenauer, Putin. Alles und alle sind dabei, die Reihe könnte endlos fortgesetzt werden. Jeder kommt mal dran, und die Zusammenhänge sind einigermaßen zufällig. Dabei wird die Weltgeschichte der letzten 120 Jahre auf Beobachtungen und Behauptungen über persönliche Emotionen und platte Intrigen heruntergebrochen.

Das geschieht jeweils mit dem Anspruch, daraus erstens eine sogenannte geschichtliche »Wahrheit« abzuleiten und zweitens eine politische Propagandathese zu verbreiten: Der Westen und sein Kapital sind böse, und die europäischen Völker einschließlich Rußlands sind stets die moralisch sauberen Opfer böser westlicher Politik gewesen. Dafür ist nichts zu platt. Warum hat Hitler 1941 die UdSSR angegriffen? Nicht etwa, weil die Rote Armee mit fünfeinhalb Millionen Mann zum Angriff angetreten war. Davon bei Schulte keine Zeile.

Es dürfe zwischen Deutschen keinen Streit darüber geben, ob das ein Präventivkrieg gewesen sei, läßt er immerhin wissen. Nein, schuld war der perfide Winston Churchill, der dem gutgläubigen Rudolf Hess vorher versichert hat, dann im Westen Frieden zu machen. Wie kam es zum Ersten Weltkrieg? Rußland ließ sich vom westlichen Kapital verführen und manipulieren. Wie kam es zur russischen Revolution? Nicht etwa, weil ein verrottetes Zarenregime einen blutigen Angriffskrieg vom Zaun gebrochen hatte oder weil die deutsche Oberste Heeresleitung und Auswärtiges Amt die Bolschewiken, Lenin und Co. nach Rußland schafften, fleißig mit Millionen fütterten und sich nach dem Erfolg gegenseitig auf die Schulter klopften.

Nein, verantwortlich war amerikanisches Kapital. Gleiches gelte für die Finanzierung der NSDSAP (darüber kann man immerhin diskutieren), die Aufrüstung Rußlands und Deutschlands in den 1930er Jahren und so weiter. Warum das Münchener Abkommen 1938? Nicht als Krönung des britischen Appeasements, sondern um Deutschland gegen Rußland in Stellung zu bringen. Es folgt die Legende, Polen habe 1939 wegen US-Perfidie nicht über den Inhalt des deutsch-sowjetischen Geheimvertrags Bescheid gewußt. Tatsächlich kannte man in Warschau den Inhalt, wollte aber die scheinbar gute Gelegenheit zum Schlagabtausch nicht verpassen. Und dann kommt bei Schulte noch die häufig gehörte Suggestivfrage, warum der UdSSR denn wegen des Angriffs auf Polen vom Westen nicht der Krieg erklärt worden sei?

Ganz einfach. Weil dafür in der britischen Polengarantie die vertragliche Grundlage fehlte und Polen das so gewollt hatte. Man merkt schnell die Absicht und ist verstimmt. Da hilft auch der eine oder andere Treffer nicht mehr weiter. Wobei die letzten etwa hundert Seiten ohnehin nur die üblichen Facebook-Diskussionen zu Europa- und Geopolitischen Themen (Stichwörter Krim, Maidan, und Coudenhove-Kalergi) wiedergeben, wie sie in Teilen des AfD-affinen Milieus endlos und besserwisserisch geführt werden. Dabei gibt der Autor als Zugabe reichlich Ratschläge, was »wir« schleunigst erreichen müßten. So ist das insgesamt ein Stück selbstverliebter Propaganda. Wenn es im Land auf Resonanz stößt (ein halbes tausend Sternchenbewertungen auf amazon), muß etwas schon ziemlich faul sein.

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Fremdbestimmt: 120 Jahre Lügen und Täuschung von Thorsten Schulte kann man hier bestellen.


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Kommentare (4)

Brandolf

10. Dezember 2020 20:58

Diese Rezession erscheint mir etwas zu oberflächlich und zu undifferenziert, dennoch gebührt Herrn Schulte Achtung für die von ihm in seinem voluminösen Werk zusammengetragenen historischen Fakten und Zusammenhänge. Gleichwohl ist festzustellen, dass Herr Schulte keine originellen Erkenntnisse erarbeitet hat, sondern bei seinen Ausführung zu Geopolitik und dem geopolitischen Hintergrund der Weltkriege im Wesentlichen auf die einschlägigen Thesen revisionistischer Historiker aus dem englischsprachigen Raum rekurriert.

In Bezug auf den Euromaidan und die Neuzuordnung der Krim gibt es jedoch wahrhaft als bessere Publikationen als Schultes umfangreiche Abhandlung.

Die faktuelle Unrichtigkeit der offiziellen Narrative zur CIA-NED-GONGO gesteuerten Pseudo-Revolution Euromaidan und der in der Völkerrechtswissenschaft divergent beurteilten Neuzuordnung der Krim ist - so hoffe ich jedenfalls - jedem Leser und Autor dieser Website bekannt.

Wolfgang Bittner hat in seinem Buch die Eroberung Europas durch die USA die fraglichen Ereignisse aus der jüngsten Geschichte der Ukraine differenzierter, detaillierter und fachlich kompetenter aufgearbeitet.
 

Teil 1

Brandolf

10. Dezember 2020 20:58

Eine interessante Tatsache: Der frühe Hitler hat laut Ian Kershaw den angeblich notwendigen Lebensraum Deutschlands in Schwarzafrika lokalisiert, Großbritannien und Frankreich als wichtigste Feindstaaten Deutschlands eingestuft und ein nicht-kommunistisches Russland als optimalsten Bündnispartner identifiziert.

In diesem Zusammenhang erwähnenswerte ist die in verschwörungstheoretischen Kreisen kursierende Behauptung, dass Hitler gar nicht der Autor von Mein Kampf gewesen sei, was zwangsläufig zur Frage führt was Hitlers tatsächliches politisches Programm gewesen sein sollte oder könnte.

Der deutsche Angriff auf die UdSSR war kein Präventivkrieg! Die Führung der Roten Armee hatte zwar tatsächlich einen Plan für einen Angriff auf Deutschland ausgearbeitet, jedoch nicht mit dem Ziel Deutschland zu besetzen und dort anschließend eine kommunistische Satellitenregime zu installieren sowie den wirtschaftlich hochpotenten Satellitenstaat als Ausgangsterritorium für eine weltweite durch den Einsatz militärischer Gewalt zu vollziehende kommunistische Weltrevolution zu gewinnen, sondern lediglich einen von deutscher Seite erwarteten Angriff zuvor zu kommen, womit der - in Wirklichkeit von der Nazi-Propaganda nur solcher ausgegebene - Präventivkrieg gegen eine angeblich aggressiv-expansive UdSSR ein Prä-Präventivkrieg oder Präemptivkrieg gewesen wäre.
 

Teil 2

Brandolf

10. Dezember 2020 20:59

Zwei einander der Aggression gegen die jeweils andere Seite verdächtigende Mächte hätten dann einen Präventivkrieg gegen die jeweils andere Seite zu führen beabsichtigt, wobei die eine mit ihrem eigenen Präventivkriegsplan der anderen Macht zuvorgekommen ist. Diese These ist längst widerlegt und wurde meines Wissens nach von einem polnischen Historiker entwickelt und von apologetisch-selbstunkritischen Wehrmachtveteranen und Neonazis in Deutschland und Österreich popularisiert.

Wenn Stalin tatsächlich einen Krieg gegen Deutschland geplant hätte, dann hätte er wohl kaum zuvor die militärische Elite der UdSSR im Rahmen einer staatsterroristischen Kampagne (Großer Terror) liquidieren lassen. Hitler fühlt sich in seinem Vorhaben zur Führung eines Raub- und Versklavungskrieges gegen die Sowjetunion unter dem Eindruck der sowjetischen Niederlage gegen Finnland im Winterkrieg sogar bestärkt.

Teil 3

Brandolf

10. Dezember 2020 21:00

Die Rote Armee diente in erster Linie dem Zweck der Verteidigung vor einem als aggressiv und heimtückisch wahrgenommenen kapitalistisch-imperialistischen Ausland. Die Aggressionen der UdSSR gegen Polen, die baltischen Staaten, Rumänien, Finnland und China hatten übrigens alle einen imperialen (teilweise revanchistischen) und keinen ideologisch-kommunistischen Charakter.

Selbst der Krieg gegen Deutschland wurde als nationaler - und nicht etwa als sozialistischer oder auch nur antifaschistischer - Befreiungskrieg aufgefasst, propagandistisch dargestellt und später gemäß dieser Lesart in der sowjetischen Historiografie tradiert.

Die UdSSR sehr früh ihr Hauptziel einer Weltrevolution aufgegeben und nie wieder aufgenommen sowie mit der durch Chrustschow proklamierten Formel vom friedlichen Wettbewerb der Systeme Kapitalismus und Sozialismus im Rahmen einer friedlichen Koexistenz endgültig preisgegeben, was vom maoistischen China als Revisionismus begriffen und verurteilt - oder treffender formuliert verdammt - worden ist.

Teil 4