Thorsten Schulte: Fremdbestimmt

Eine Rezension von Stefan Scheil

 Gastbeitrag

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Thors­ten Schul­te: Fremd­be­stimmt: 120 Jah­re Lügen und Täu­schung, Baut­zen: VFFW 2019. 468 S., 22€

»Es ist etwas faul im Staa­te »Deutsch­land«. Damit wird man kaum jeman­dem etwas Neu­es sagen. Weil das eben nach ver­brei­te­tem Ein­druck so ist, steigt die Zahl der Publi­ka­tio­nen, die dabei nach­hel­fen, die­sen Ein­druck zu ver­ste­ti­gen, ihn ver­kaufs­för­dernd zu nut­zen und außer­dem Lösungs­vor­schlä­ge anzu­bie­ten. Thors­ten Schul­tes Fremd­be­stimmt ist ein Bei­spiel dafür. Der Autor hat nach eige­nen Anga­ben eine Lauf­bahn als lang­jäh­ri­ges CDU-Mit­glied (26 Jah­re) und in nicht genau­er bestimm­ten Funk­tio­nen im Invest­ment­ban­king hin­ter sich.

Auf dem Buch­klap­pen­text heißt es zu die­sem Punkt, er sei »zuletzt im Han­dels­raum der Deut­schen Bank« in Frank­furt tätig gewe­sen. War­um aus die­ser Vor­ge­schich­te her­aus ein Par­force­ritt durch die inter­na­tio­na­le Geschich­te der letz­ten 120 Jah­re zu unter­neh­men sein soll, bleibt etwas unklar. Jeden­falls bleibt das alles stets ein Ver­kaufstext, durch­zo­gen von wuch­ti­gem Pathos und Sug­ges­tiv­fra­gen. Es ver­treibt der Autor sei­ne The­sen ja auch sonst im Netz mit Kurz­fil­men im Stil von Prä­sen­ta­tio­nen, wie man sie aus dem Bau­markt kennt. »Geni­al« sei er, läßt eine Anzei­ge am Ende des Buchs wis­sen. Wie auch immer, die deut­sche Lage ist ernst. Unge­wöhn­li­che Metho­den kön­nen daher nicht scha­den. Das Pro­blem liegt im Inhalt. 

Der Leser bekommt vom Schul­te ein Ange­bot, das als »vol­les Pro­gramm« noch eher zurück­hal­tend beschrie­ben ist. Vor­krieg 1914, Petra Kel­ly, Joa­chim Löw, Auf­rüs­tung­fra­gen der 1930er, Leo Trotz­ki, Wil­helm II., Rus­si­sche Revo­lu­ti­on, EU, Mer­kel, Sta­lin, Chur­chill, Euro-Tar­get­sal­den, Ade­nau­er, Putin. Alles und alle sind dabei, die Rei­he könn­te end­los fort­ge­setzt wer­den. Jeder kommt mal dran, und die Zusam­men­hän­ge sind eini­ger­ma­ßen zufäl­lig. Dabei wird die Welt­ge­schich­te der letz­ten 120 Jah­re auf Beob­ach­tun­gen und Behaup­tun­gen über per­sön­li­che Emo­tio­nen und plat­te Intri­gen heruntergebrochen. 

Das geschieht jeweils mit dem Anspruch, dar­aus ers­tens eine soge­nann­te geschicht­li­che »Wahr­heit« abzu­lei­ten und zwei­tens eine poli­ti­sche Pro­pa­gan­dathe­se zu ver­brei­ten: Der Wes­ten und sein Kapi­tal sind böse, und die euro­päi­schen Völ­ker ein­schließ­lich Ruß­lands sind stets die mora­lisch sau­be­ren Opfer böser west­li­cher Poli­tik gewe­sen. Dafür ist nichts zu platt. War­um hat Hit­ler 1941 die UdSSR ange­grif­fen? Nicht etwa, weil die Rote Armee mit fünf­ein­halb Mil­lio­nen Mann zum Angriff ange­tre­ten war. Davon bei Schul­te kei­ne Zeile. 

Es dür­fe zwi­schen Deut­schen kei­nen Streit dar­über geben, ob das ein Prä­ven­tiv­krieg gewe­sen sei, läßt er immer­hin wis­sen. Nein, schuld war der per­fi­de Win­s­ton Chur­chill, der dem gut­gläu­bi­gen Rudolf Hess vor­her ver­si­chert hat, dann im Wes­ten Frie­den zu machen. Wie kam es zum Ers­ten Welt­krieg? Ruß­land ließ sich vom west­li­chen Kapi­tal ver­füh­ren und mani­pu­lie­ren. Wie kam es zur rus­si­schen Revo­lu­ti­on? Nicht etwa, weil ein ver­rot­te­tes Zaren­re­gime einen blu­ti­gen Angriffs­krieg vom Zaun gebro­chen hat­te oder weil die deut­sche Obers­te Hee­res­lei­tung und Aus­wär­ti­ges Amt die Bol­sche­wi­ken, Lenin und Co. nach Ruß­land schaff­ten, flei­ßig mit Mil­lio­nen füt­ter­ten und sich nach dem Erfolg gegen­sei­tig auf die Schul­ter klopften. 

Nein, ver­ant­wort­lich war ame­ri­ka­ni­sches Kapi­tal. Glei­ches gel­te für die Finan­zie­rung der NSDSAP (dar­über kann man immer­hin dis­ku­tie­ren), die Auf­rüs­tung Ruß­lands und Deutsch­lands in den 1930er Jah­ren und so wei­ter. War­um das Mün­che­ner Abkom­men 1938? Nicht als Krö­nung des bri­ti­schen Appease­ments, son­dern um Deutsch­land gegen Ruß­land in Stel­lung zu brin­gen. Es folgt die Legen­de, Polen habe 1939 wegen US-Per­fi­die nicht über den Inhalt des deutsch-sowje­ti­schen Geheim­ver­trags Bescheid gewußt. Tat­säch­lich kann­te man in War­schau den Inhalt, woll­te aber die schein­bar gute Gele­gen­heit zum Schlag­ab­tausch nicht ver­pas­sen. Und dann kommt bei Schul­te noch die häu­fig gehör­te Sug­ges­tiv­fra­ge, war­um der UdSSR denn wegen des Angriffs auf Polen vom Wes­ten nicht der Krieg erklärt wor­den sei?

Ganz ein­fach. Weil dafür in der bri­ti­schen Polen­ga­ran­tie die ver­trag­li­che Grund­la­ge fehl­te und Polen das so gewollt hat­te. Man merkt schnell die Absicht und ist ver­stimmt. Da hilft auch der eine oder ande­re Tref­fer nicht mehr wei­ter. Wobei die letz­ten etwa hun­dert Sei­ten ohne­hin nur die übli­chen Face­book-Dis­kus­sio­nen zu Euro­pa- und Geo­po­li­ti­schen The­men (Stich­wör­ter Krim, Mai­dan, und Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi) wie­der­ge­ben, wie sie in Tei­len des AfD-affi­nen Milieus end­los und bes­ser­wis­se­risch geführt wer­den. Dabei gibt der Autor als Zuga­be reich­lich Rat­schlä­ge, was »wir« schleu­nigst errei­chen müß­ten. So ist das ins­ge­samt ein Stück selbst­ver­lieb­ter Pro­pa­gan­da. Wenn es im Land auf Reso­nanz stößt (ein hal­bes tau­send Stern­chen­be­wer­tun­gen auf ama­zon), muß etwas schon ziem­lich faul sein. 

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Fremd­be­stimmt: 120 Jah­re Lügen und Täu­schung von Thors­ten Schul­te kann man hier bestel­len.

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Kommentare (4)

Brandolf

10. Dezember 2020 20:58

Diese Rezession erscheint mir etwas zu oberflächlich und zu undifferenziert, dennoch gebührt Herrn Schulte Achtung für die von ihm in seinem voluminösen Werk zusammengetragenen historischen Fakten und Zusammenhänge. Gleichwohl ist festzustellen, dass Herr Schulte keine originellen Erkenntnisse erarbeitet hat, sondern bei seinen Ausführung zu Geopolitik und dem geopolitischen Hintergrund der Weltkriege im Wesentlichen auf die einschlägigen Thesen revisionistischer Historiker aus dem englischsprachigen Raum rekurriert.

In Bezug auf den Euromaidan und die Neuzuordnung der Krim gibt es jedoch wahrhaft als bessere Publikationen als Schultes umfangreiche Abhandlung.

Die faktuelle Unrichtigkeit der offiziellen Narrative zur CIA-NED-GONGO gesteuerten Pseudo-Revolution Euromaidan und der in der Völkerrechtswissenschaft divergent beurteilten Neuzuordnung der Krim ist - so hoffe ich jedenfalls - jedem Leser und Autor dieser Website bekannt.

Wolfgang Bittner hat in seinem Buch die Eroberung Europas durch die USA die fraglichen Ereignisse aus der jüngsten Geschichte der Ukraine differenzierter, detaillierter und fachlich kompetenter aufgearbeitet.
 

Teil 1

Brandolf

10. Dezember 2020 20:58

Eine interessante Tatsache: Der frühe Hitler hat laut Ian Kershaw den angeblich notwendigen Lebensraum Deutschlands in Schwarzafrika lokalisiert, Großbritannien und Frankreich als wichtigste Feindstaaten Deutschlands eingestuft und ein nicht-kommunistisches Russland als optimalsten Bündnispartner identifiziert.

In diesem Zusammenhang erwähnenswerte ist die in verschwörungstheoretischen Kreisen kursierende Behauptung, dass Hitler gar nicht der Autor von Mein Kampf gewesen sei, was zwangsläufig zur Frage führt was Hitlers tatsächliches politisches Programm gewesen sein sollte oder könnte.

Der deutsche Angriff auf die UdSSR war kein Präventivkrieg! Die Führung der Roten Armee hatte zwar tatsächlich einen Plan für einen Angriff auf Deutschland ausgearbeitet, jedoch nicht mit dem Ziel Deutschland zu besetzen und dort anschließend eine kommunistische Satellitenregime zu installieren sowie den wirtschaftlich hochpotenten Satellitenstaat als Ausgangsterritorium für eine weltweite durch den Einsatz militärischer Gewalt zu vollziehende kommunistische Weltrevolution zu gewinnen, sondern lediglich einen von deutscher Seite erwarteten Angriff zuvor zu kommen, womit der - in Wirklichkeit von der Nazi-Propaganda nur solcher ausgegebene - Präventivkrieg gegen eine angeblich aggressiv-expansive UdSSR ein Prä-Präventivkrieg oder Präemptivkrieg gewesen wäre.
 

Teil 2

Brandolf

10. Dezember 2020 20:59

Zwei einander der Aggression gegen die jeweils andere Seite verdächtigende Mächte hätten dann einen Präventivkrieg gegen die jeweils andere Seite zu führen beabsichtigt, wobei die eine mit ihrem eigenen Präventivkriegsplan der anderen Macht zuvorgekommen ist. Diese These ist längst widerlegt und wurde meines Wissens nach von einem polnischen Historiker entwickelt und von apologetisch-selbstunkritischen Wehrmachtveteranen und Neonazis in Deutschland und Österreich popularisiert.

Wenn Stalin tatsächlich einen Krieg gegen Deutschland geplant hätte, dann hätte er wohl kaum zuvor die militärische Elite der UdSSR im Rahmen einer staatsterroristischen Kampagne (Großer Terror) liquidieren lassen. Hitler fühlt sich in seinem Vorhaben zur Führung eines Raub- und Versklavungskrieges gegen die Sowjetunion unter dem Eindruck der sowjetischen Niederlage gegen Finnland im Winterkrieg sogar bestärkt.

Teil 3

Brandolf

10. Dezember 2020 21:00

Die Rote Armee diente in erster Linie dem Zweck der Verteidigung vor einem als aggressiv und heimtückisch wahrgenommenen kapitalistisch-imperialistischen Ausland. Die Aggressionen der UdSSR gegen Polen, die baltischen Staaten, Rumänien, Finnland und China hatten übrigens alle einen imperialen (teilweise revanchistischen) und keinen ideologisch-kommunistischen Charakter.

Selbst der Krieg gegen Deutschland wurde als nationaler - und nicht etwa als sozialistischer oder auch nur antifaschistischer - Befreiungskrieg aufgefasst, propagandistisch dargestellt und später gemäß dieser Lesart in der sowjetischen Historiografie tradiert.

Die UdSSR sehr früh ihr Hauptziel einer Weltrevolution aufgegeben und nie wieder aufgenommen sowie mit der durch Chrustschow proklamierten Formel vom friedlichen Wettbewerb der Systeme Kapitalismus und Sozialismus im Rahmen einer friedlichen Koexistenz endgültig preisgegeben, was vom maoistischen China als Revisionismus begriffen und verurteilt - oder treffender formuliert verdammt - worden ist.

Teil 4