Patrizia Schlosser: Im Untergrund

Patrizia Schlosser: Im Untergrund. Der Arsch von Franz Josef Strauß, die RAF, mein Vater und ich, Hamburg: Hoffmann und Campe 2019. 251 S., 18 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wäre ich nicht durch ein Radio­in­ter­view auf die­ses Buch auf­merk­sam gewor­den, ich hät­te es nicht auf­ge­schla­gen. Wenn Män­ner pfei­fen, wen­de ich grund­sätz­lich nicht den Kopf. Wenn ein Buch­ti­tel her­um­schreit, laß ich ihn lie­gen. Hier wäre es ein Feh­ler gewe­sen! Die­se Repor­ta­ge ist ein Glücks­fall, ein auf­schluß­rei­ches Lese­ver­gnü­gen. Frau Schlos­ser steckt noch in jour­na­lis­ti­schen Kinderschuhen.
Ihr fehlt gewis­ser­ma­ßen das Knal­ler­the­ma. Die jun­ge Frau aus Süd­deutsch­land hört nun davon, daß drei Leu­te, die der »3. Genera­ti­on« der RAF zuge­rech­net wer­den, immer noch aktiv sei­en: Danie­la Klet­te, Ernst-Vol­ker Straub und Burk­hard Gar­weg. Sie sol­len, mitt­ler­wei­le als »RAF-Rent­ner,« immer noch im Unter­grund leben und durch Raub­über­fäl­le in Deutsch­land ihr Unwe­sen trei­ben. Patri­zia Schlos­sers eige­ner Vater war »damals«, zu Hoch­zei­ten der »Frak­ti­on«, Kri­mi­nal­be­am­ter. Mitt­ler­wei­le führt er ein grum­meln­des Rent­ner­da­sein. Sie holt ihn – gegen erheb­li­che Wider­stän­de – ins Boot bei ihrer zu Beginn fast infan­ti­len, dann immer rei­fe­ren Ermitt­lungs­ar­beit. Patri­zia Schlos­ser ver­schickt dut­zen­de Anfra­gen an Leu­te, die etwas wis­sen könn­ten über die Unter­gründ­ler und ihre Motive.

Sie trifft sich mit den ver­rück­tes­ten Men­schen – mit ech­ten »Sys­tem­aus­stei­gern«, Para­no­iden und Fach­män­nern mit Ver­gan­gen­heit. Sie wird bedroht. Sie fühlt sich links. Der gran­teln­de Papa lie­fert den Gegen­pol. Erst spät stellt sich her­aus, wie direkt Vater Schlos­ser damals mit der RAF zu tun hat­te … Patri­zia Schlos­ser erzählt, wer ihr aus wel­chen Grün­den ein ange­frag­tes Gespräch absag­te. Und wer über­haupt nicht reagier­te. Ein­mal, nur ein Bei­spiel unter vie­len, nimmt sich Karl-Heinz Dell­wo, zwei­te RAF­Ge­nera­ti­on, gnä­dig Zeit für ein Inter­view. Tage spä­ter mailt er an Schlos­ser, und sie gibt es hier wie­der: »Sei­ne Genera­ti­on habe wenigs­tens gewußt, für was sie kämpft. Wir wüß­ten ja nicht mal mehr, für was wir ein­tre­ten wol­len.« Fräu­lein Schlos­ser fühlt Gewis­sens­bis­se: »Ich war in mei­nem Leben nur ein­mal demons­trie­ren. Als es um mich selbst ging, bei einer Demo gegen die Ein­füh­rung von Stu­di­en­ge­büh­ren an der Uni­ver­si­tät von München.«

Sie liegt lan­ge wach. Dann: »Was fällt die­sem Dell­wo eigent­lich ein? Er war am Anschlag auf die deut­sche Bot­schaft in Stock­holm betei­ligt, bei der die RAF zwölf Men­schen in Gei­sel­haft nahm und zwei töte­te. Auf eine der Gei­seln schos­sen sie fünf­mal von hin­ten und stie­ßen den Ster­ben­den wie mensch­li­chen Abfall die Trep­pe hin­un­ter.« Das alles ist aben­teu­er­lich gut geschrie­ben: Wie eine klu­ge Frau Schritt für Schritt von ihren lin­ken Uto­pien (»und wie ich mich anbie­de­re. Mei­ne Mails und Brie­fe [an die Links­ex­tre­men, EK] klin­gen wie die einer über­am­bi­tio­nier­ten Grund­schü­le­rin«) läßt. Jeden­falls so halb­wegs. Extrem lesenswert! 

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Im Unter­grund von Patri­zia Schlos­ser kann man hier bestellen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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