1. Februar 2020

Patrizia Schlosser: Im Untergrund

Ellen Kositza

Patrizia Schlosser: Im Untergrund. Der Arsch von Franz Josef Strauß, die RAF, mein Vater und ich, Hamburg: Hoffmann und Campe 2019. 251 S., 18 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wäre ich nicht durch ein Radiointerview auf dieses Buch aufmerksam geworden, ich hätte es nicht aufgeschlagen. Wenn Männer pfeifen, wende ich grundsätzlich nicht den Kopf. Wenn ein Buchtitel herumschreit, laß ich ihn liegen. Hier wäre es ein Fehler gewesen! Diese Reportage ist ein Glücksfall, ein aufschlußreiches Lesevergnügen. Frau Schlosser steckt noch in journalistischen Kinderschuhen.
Ihr fehlt gewissermaßen das Knallerthema. Die junge Frau aus Süddeutschland hört nun davon, daß drei Leute, die der »3. Generation« der RAF zugerechnet werden, immer noch aktiv seien: Daniela Klette, Ernst-Volker Straub und Burkhard Garweg. Sie sollen, mittlerweile als »RAF-Rentner,« immer noch im Untergrund leben und durch Raubüberfälle in Deutschland ihr Unwesen treiben. Patrizia Schlossers eigener Vater war »damals«, zu Hochzeiten der »Fraktion«, Kriminalbeamter. Mittlerweile führt er ein grummelndes Rentnerdasein. Sie holt ihn – gegen erhebliche Widerstände – ins Boot bei ihrer zu Beginn fast infantilen, dann immer reiferen Ermittlungsarbeit. Patrizia Schlosser verschickt dutzende Anfragen an Leute, die etwas wissen könnten über die Untergründler und ihre Motive.

Sie trifft sich mit den verrücktesten Menschen – mit echten »Systemaussteigern«, Paranoiden und Fachmännern mit Vergangenheit. Sie wird bedroht. Sie fühlt sich links. Der grantelnde Papa liefert den Gegenpol. Erst spät stellt sich heraus, wie direkt Vater Schlosser damals mit der RAF zu tun hatte … Patrizia Schlosser erzählt, wer ihr aus welchen Gründen ein angefragtes Gespräch absagte. Und wer überhaupt nicht reagierte. Einmal, nur ein Beispiel unter vielen, nimmt sich Karl-Heinz Dellwo, zweite RAFGeneration, gnädig Zeit für ein Interview. Tage später mailt er an Schlosser, und sie gibt es hier wieder: »Seine Generation habe wenigstens gewußt, für was sie kämpft. Wir wüßten ja nicht mal mehr, für was wir eintreten wollen.« Fräulein Schlosser fühlt Gewissensbisse: »Ich war in meinem Leben nur einmal demonstrieren. Als es um mich selbst ging, bei einer Demo gegen die Einführung von Studiengebühren an der Universität von München.«

Sie liegt lange wach. Dann: »Was fällt diesem Dellwo eigentlich ein? Er war am Anschlag auf die deutsche Botschaft in Stockholm beteiligt, bei der die RAF zwölf Menschen in Geiselhaft nahm und zwei tötete. Auf eine der Geiseln schossen sie fünfmal von hinten und stießen den Sterbenden wie menschlichen Abfall die Treppe hinunter.« Das alles ist abenteuerlich gut geschrieben: Wie eine kluge Frau Schritt für Schritt von ihren linken Utopien (»und wie ich mich anbiedere. Meine Mails und Briefe [an die Linksextremen, EK] klingen wie die einer überambitionierten Grundschülerin«) läßt. Jedenfalls so halbwegs. Extrem lesenswert!

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Im Untergrund von Patrizia Schlosser kann man hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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