1. Februar 2020

Michael Klonovsky: Der fehlende Hoden des Führers.

Gastbeitrag

Eine Rezension von Konrad Gill

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Michael Klonovsky: Der fehlende Hoden des Führers. Vermischte Essais, Wien und Leipzig: Karolinger 2019. 235 S., 23 €

Ein »neuer« Klonovsky! Waren bislang nur die Acta Diurna des vielschreibenden Stilisten (welch seltsame Kombination!) aus München in Buchform erschienen, fand sich nun ein Verlag für eine Sammlung verstreut erschienener, teils auch unveröffentlichter Texte aus 17 Jahren (2001 – 2017). Von dem lärmenden Titel lasse sich niemand verschrecken, der ist dem Band entnommen und weist auf die unsägliche Gier der zeitgenössischen Presse und sogenannter Historiker, sich noch der abseitigsten Fragen um das Dritte Reich anzunehmen, um damit Volkspädagogik zu betreiben.

Klonovsky gelingt es, in einer »spirituellen Leibschau« zu zeigen, wie die Gestalt des vorletzten deutschen Reichskanzlers über jede Absurditätsgrenze hinaus zum Symbol erhoben und damit entmenschlicht wird. Solche Verläufe, längst selbstverständlich und selbstlaufend geworden, sieht nur, wer weiter blickt als andere. Auf den Schultern der riesenhaften gegebenen Überlieferung stehend gelingt das auch im 21. Jahrhundert noch.

Ob der Autor an den »Nichtnationalstaat« Preußen erinnert, große Romane über den Untergang Europas rezensiert oder den »Transzendentaldemokraten« Habermas abfertigt, stets wird der übergroße, auch kaum zu übersehende, Unterschied zwischen dem höher strebenden Gestern und dem schlappen Heute sichtbar. Das sei nicht als verträumte politische Romantik mißverstanden! Klonovsky nimmt auch zukünftig erst wichtig werdende Entwicklungen wahr, sieht einen heraufziehenden »Kampf zwischen denkender Biomasse und rechnender Technosphäre«.

Aber er lebt und schreibt aus der großen Erinnerung. Neben seinen bekannten aphoristischen Hieben (»Während alles Kunstgewerbe den Markt sucht, lebt die Kunst auf Distanz.«) sind Klonovskys biographische Skizzen besonders gelungen, ob Richard Wagner (überraschend überzeugend) als »deutscher Linker« in eine ganz ungewohnte Ahnenreihe sortiert, Michel Houellebecq als »nihilistischer Spätling« auf einen Sockel in der Ruhmeshalle der zeitgenössischen Literatur gehoben, der gar nicht so langweiligernste Immanuel Kant demystifiziert wird oder Richard Strauss und seine Gattin in ihrer grotesken Ehe doppelportraitiert werden. Der Aufsatz über Schiller kann ein ganzes Buch ersetzen.

Was der graubunten deutschen Feuilletonlandschaft als höchst wichtige moralische Weisungen und Stoppschilder an Diskursgrenzen gilt und was sie in ihrer oft realitätsblinden Überheblichkeit dekretiert, verwirft Klonovsky als das, »was eben von totemistischen Primitiven zur Verteidigung ihrer Kulte so vorgetragen wird«. Diese radikale (berechtigte) Respektlosigkeit gegenüber der Gesamtheit spätbürgerlicher gefühlslinker Phrasendrescherei ist Grund genug, Klonovsky mit Freuden zu lesen.

Wer einen weiteren Grund braucht, mag ihn in des Verfassers sicherem Umgang mit den geistigen und künstlerischen Beständen des Abendlandes und seinem verläßlichen Stilbewußtsein finden. Kein Text des Bandes greift thematisch direkt in den nächsten, und dennoch fließen sie alle ineinander: Klonovsky handelt von Europa, seinen Quellen, seiner Kunst und seinen Gefährdungen, und er tut das voller Liebe und mit der nötigen Verachtung. Wer die Feuilletons im Land immer noch ernst nimmt, aber den Sinn für Schönheit, Wahrheit und Güte nicht verloren hat, der hat diese Aufsätze als aufweckende Merkhilfe verdient.

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Der fehlende Hoden des Führers von Michael Klonovsky kann man hier bestellen.


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