Amor Towles: Ein Gentleman in Moskau.

Amor Towles: Ein Gentleman in Moskau. Roman, Berlin: List 2017. 560 S., 22 €

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Als Graf Alex­an­der Ros­tov am 21. Juni 1922 als Ver­tre­ter des vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Adels in Mos­kau vor Gericht gestellt wird, ret­ten ihn eini­ge sozi­al­kri­ti­sche Ver­se aus dem Jahr 1913 vor der Erschie­ßung. Sei­ne Stra­fe wird abge­mil­dert in einen lebens­lan­gen Haus­ar­rest, und das Haus, daß Ros­tov nie wie­der ver­las­sen darf, ist das Mos­kau­er Hotel »Metro­pol«, mit­hin »die Ver­län­ge­rung der Stadt ins Gebäu­de«, wie Ros­tov es aus­drückt. Die­se Aus­gangs­si­tua­ti­on ist natür­lich ein radi­ka­les Gleich­nis für das beding­te, in einen sehr engen Rah­men gefaß­te Leben an sich: Man kann in jeder Fest­le­gung, jeder Grenz­set­zung eine Ver­hin­de­rung der Frei­heit sehen, man kann aber auch akzep­tie­ren, daß dies nun der Lebens­rah­men sei, den man aus­zu­ma­len habe, daß kein Jam­mern etwas dar­an ändern wer­de und man am bes­ten gleich damit begin­nen soll­te, mit kräf­ti­gen Pin­sel­stri­chen eine Spur zu hinterlassen.

Vier Jahr­zehn­te ver­bringt Graf Ros­tov im »Metro­pol«, rich­tet sich ein, durch­dringt das Gebäu­de, schafft sich sei­ne Refu­gi­en und hilft zuletzt als Ober­kell­ner sei­nen Freun­den (dem Chef­koch und dem Emp­fangs­chef), das Hotel als Wider­standsort gegen die in allen Lebens­aspek­ten (Umgangs­for­men, Küche, Wein, Musik, Gespräch, Klei­dung, Bil­dung) ein­set­zen­de Ein­eb­nung zu ver­tei­di­gen. Gran­di­os ist die Sze­ne, als der Graf bei einem neu­en Kell­ner einen beson­de­ren Wein bestellt, zur Aus­wahl aber nur noch »weiß« oder »rot« ste­hen. Ein Gang hin­ab in den welt­be­rühm­ten Wein­kel­ler des »Metro­pol« bringt Auf­klä­rung: Die Bol­sche­wis­ten haben von zehn­tau­send Fla­schen die Eti­ket­ten ablö­sen las­sen, um der bour­geoi­sen Ver­fei­ne­rung des Gau­mens ein Ende zu berei­ten – der­lei ist für sich genom­men vielleicht
eine Ver­falls­schil­de­rung von damals, beim Blick aber auf den Zustand der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten an deut­schen Uni­ver­si­tä­ten ein erschüt­tern­des Gleich­nis für heute. 

Daß Graf Ros­tov sein Leben ganz anders wür­de geführt haben, wenn er nicht unter Haus­ar­rest (und nicht an die Wand) gestellt wor­den wäre, durch­zieht als Gewiß­heit den Roman, aber immer auch mit einem Schul­ter­zu­cken: Es ist nicht zu ändern, und so treibt der Graf nun Din­ge, die er andern­falls nie­mals getrie­ben hät­te. Unter ande­rem erzieht er im Abstand von zwei Jahr­zehn­ten zwei klei­ne Mäd­chen, die auf unter­schied­li­che Wei­se unter sei­ne Fit­ti­che gera­ten. Er ver­sucht ihnen bei­zu­brin­gen, daß es immer einen hor­tus con­cl­usus für die­je­ni­gen geben müs­se, die in der Wür­di­gung und in der Aneig­nung jahr­hun­der­te­al­ten Erfah­rungs­schat­zes sowie im vor­sich­ti­gen eige­nen Bei­trag dazu den Sinn ihres Daseins sähen. Genau­so fein ist der Erzie­hungs­stil. Wenn die klei­ne Nina fragt: »Braucht man bei einem Ban­kett wirk­lich einen Spar­gel­he­ber?«, ant­wor­tet der Graf: »Braucht man in einem Orches­ter wirk­lich ein Fagott?«

Man möch­te die kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Grund­fra­gen hin­ter­her­schie­ben: Wem fällt es über­haupt noch auf, wenn hier das eine und dort das ande­re fehlt, und wer wäre noch dank­bar dafür, daß bei­des einst erfun­den wur­de? Den Hin­ter­grund des Romans bil­det die Kon­so­li­die­rung der bol­sche­wis­ti­schen Herr­schaft, eine grau­en­haf­te Zeit. Durch die schwe­ren Bro­kat­vor­hän­ge des »Metro­pol« drin­gen die poli­ti­schen Ver­wer­fun­gen nur gedämpft ins Inne­re, denn »moch­te der Sieg der Bol­sche­wi­ken über die pri­vi­le­gier­ten Schich­ten zuguns­ten des Pro­le­ta­ri­ats noch so klar gewe­sen sein, sie wür­den gewiß bald Ban­ket­te ver­an­stal­ten.« Selbst der Zwei­te Welt­krieg, der dem Gra­fen die Frei­heit hät­te brin­gen kön­nen, bleibt im Schnee ste­cken, bevor er das Metro­pol erreicht, und Ros­tov wird einen der füh­ren­den Köp­fe der Par­tei jah­re­lang in ver­edel­ten Umgangs­for­men, in fran­zö­si­scher, eng­li­scher, ame­ri­ka­ni­scher Kul­tur unter­rich­ten müs­sen – ein Umstand, der ihm wie­der­um den Kopf ret­ten wird, als er aus einer Not her­aus sei­nen Haus­ar­rest bricht. 

Das ist alles glän­zend inein­an­der ver­wo­ben und für­ein­an­der vor­be­rei­tet, obwohl es nicht fol­ge­rich­tig im Sin­ne einer Plan­bar­keit abläuft. Die klei­ne Nina wird spä­ter trotz Ros­tovs Erzie­hung als über­zeug­te Tech­no­kra­tin die Ertrags­stei­ge­rung in der Ukrai­ne mit ins Werk set­zen wol­len, deren Ergeb­nis vor allem in Mil­lio­nen ver­hun­ger­ter Bau­ern besteht. Spä­ter wird Nina ihren depor­tier­ten Mann suchen und selbst ver­lo­ren­ge­hen. Die klei­ne Sofia hin­ge­gen, Ninas Toch­ter, bleibt im Hotel, bei Ros­tov, und sie ist mit ihrem dank­ba­ren Gemüt und ihrem lau­schen­den Wesen emp­fäng­li­cher für das, was der Graf zu leh­ren hat. Was haben sie zu leh­ren, Ros­tov und die­ser Roman? 

Auf die Fra­ge, war­um man dar­auf ver­zich­ten soll­te, Dubai zu besu­chen oder auf die Sey­chel­len zu rei­sen, soll­te man eine zugleich melan­cho­li­sche und stol­ze Ant­wort geben: Es gibt in unse­rem eige­nen Land und über­haupt im »alten Euro­pa« noch unend­lich viel, was wir noch nicht besucht, auf­ge­so­gen, gekos­tet und gewür­digt haben. Wir haben dem, was uns umgibt und was durch die Jahr­hun­der­te hin zu einer Hoch­kul­tur in allen Berei­chen ver­fei­nert wur­de, unse­ren Dank noch nicht im gebüh­ren­den Maße abge­stat­tet. Viel­leicht müß­te man uns zu unse­rem Bes­ten unter Haus­ar­rest stel­len. Das Eigent­li­che – es käme zu uns. 

_______________________
Ein Gen­tle­man in Mos­kau von Artur Tow­les kann man hier bestel­len.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)