Bernd Wagner: Die Sintflut in Sachsen

Bernd Wagner: Die Sintflut in Sachsen, Frankfurt a.M.: Schöffling 2018. 432 S., 24 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Hei­mat­ro­man, gibt es das noch? Doch nur iro­nisch gebro­chen! Wie dich­te­te der früh­ver­stor­be­ne Ger­hard Gun­der­mann: »Wie kann ich Hei­mat sagen // Zum Land, auf das mein Schat­ten fällt?« Die­ser Roman hier spielt in Wur­zen, der Rin­gel­natz­stadt nahe Leip­zig. Bernd Wag­ner (klar war man ver­wandt mit dem Wag­ner!) wur­de 1948 hier gebo­ren, 1985 ist er »aus­ge­reist«. Nun kehrt er – im Roman: Max Wag­ner – zurück, um sei­ne demen­te Mut­ter zu pfle­gen. Unter­bro­chen von Aktua­li­tä­ten (Wur­zen sei ein Hort der Rechts­ex­tre­men, sagen die Links­ex­tre­men) läßt er sei­ne Lebens­ge­schich­te Revue passieren. 

Das tut Wag­ner, Sohn einer Schmie­de­sip­pe, lie­be­voll und selbst­iro­nisch. Ein Ver­gnü­gen! Lokal ist Gun­tram Ves­pers hoch­ge­lob­ter Roman Froh­burg nah dran; was die Erzähl­hal­tung (nen­nen wir es: Her­zens­wär­me) angeht, wären Remi­nis­zen­zen eher bei Stritt­mat­ter, Kem­pow­ski und Kurz­eck zu fin­den. Wag­ner ist ein ful­mi­nan­ter Erzäh­ler. Vom win­zi­gen Detail (wie der Vater sich die Nase abwisch­te und das Tuch hin­ter­her so sorg­sam in der Tasche ver­pack­te, als sei ein Gold­stück dar­in ver­bor­gen) bis hin zu welt­ge­schicht­li­chen Momen­ten (Sta­lin stirbt, und tage­lang ertönt aus jedem Radio, auf jedem Platz der Trau­er­marsch der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on, »Unsterb­li­ches Opfer«) ver­mag er in sol­chen Beob­ach­tun­gen Kind­heits­wis­sen und Äraschat­ten zu ban­nen und auszubreiten. 

Wie dem klei­nen Wag­ner ein Lexi­kon geschenkt wird und er sich fest­liest: von AA über Aachen zum Aache­ner Frie­den; wie das Brot mit Kar­tof­feln gestreckt wur­de; wie es beim Ver­lan­gen nach Süßig­keit einen Schnitz von der Kohl­rü­be gab; wie der­je­ni­ge, der eine Klem­me im Schei­tel trug, als Mut­ter­söhn­chen galt – und nicht zuletzt aktu­el­le Beob­ach­tun­gen dar­über, wie unglaub­lich alt die Freun­de von damals nun aus­schau­en. (Man selbst ist ja der­sel­be geblie­ben!). Sowohl in sei­nen Erin­ne­run­gen als auch in der Schil­de­rung der Gegen­wart ist Wag­ner offen­her­zig bis zur Schmerz­gren­ze: Sei­en es die Abtrei­bun­gen, die er in sei­nem Leben mit­ver­ur­sacht oder nicht ver­hin­dert hat, sei­en es die der­ben fami­liä­ren Aus­las­sun­gen über die Zigeu­ner, aus­ge­rech­net eine Sip­pe namens Hem­pel: »Onkel Erich zufol­ge kamen sie wohl­ge­nährt aus den KZs zurück und waren die ers­ten, die wie­der Pfer­de hatten«.

Angeb­lich kauf­ten sie ver­dor­be­nes Fleisch vom Abde­cker und mach­ten dem weis, daß sie es den Raub­tie­ren ihres (aus­ge­dach­ten) Zir­kus ver­füt­ter­ten. Da die Raub­tie­re kei­ne Stem­pel­far­be ver­trü­gen, dür­fe er es nicht abstem­peln. Auf dem Markt hät­ten dann »die Juden« das Fleisch abge­la­den. Die Juden? Wo die denn her­ka­men? »Och, die waren doch alle wie­der da«, hieß es in der Fami­lie, und der Vater setzt eins drauf: lei­der. Wag­ner kaut an der väter­li­chen Käl­te, der auf der ande­ren Sei­te eine »Weich­heit und Ver­letz­lich­keit« gegen­über­stan­den. Der Vater soll ein Juden­has­ser gewe­sen sein, der Vater, der den SA-Dolch wütend ins Schmie­de­feu­er gewor­fen hat­te; der Vater, der den Juden Sil­ber­stern doch fast zärt­lich getrös­tet hat­te? Wie das Schreck­li­che und das Schö­ne, das Leben­di­ge und das Tote jäh auf­ein­an­der­tref­fen, es macht den Grund­baß die­ses Buches aus. In der Zink­wan­ne der Fami­lie wur­de sams­täg­lich geba­det – im Herbst kam das geschlach­te­te Schwein (ein Fest! Wurst­sup­pe mit Well­fleisch beka­men nur jene Nach­barn, die übers Jahr beson­ders viel Spei­se­ab­fäl­le gelie­fert hat­ten) dar­in eben­so zu lie­gen wie irgend­wann der tote Groß­va­ter. Stun­den­lang, jah­re­lang hat­te der aus Wie­der­ver­wer­tungs­wahn Schmie­de­n­ä­gel gera­de­ge­klopft – die natür­lich kei­ne Ver­wen­dung mehr fan­den und heim­lich in Kis­ten auf dem Dach­bo­den ver­staut wurden.

Ja, die neue Zeit und das Schritt­hal­ten! Als Wag­ner zurück­kehrt nach Wur­zen, fin­det er – es löst gewis­se Aggres­sio­nen aus – die Silo­tür­me des hei­mi­schen Groß­werks strah­lend geweißt, »als befän­de man sich in den bay­ri­schen Vor­al­pen und nicht in der Muldenaue«. 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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