1. August 2018

Markus Metz/Georg Seeßlen: Der Rechtsruck

Ellen Kositza

Markus Metz/Georg Seeßlen: Der Rechtsruck. Skizzen zu einer Theorie des politischen Kulturwandels, Berlin: Bertz+Fischer 2018. 236 S., 12 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Vor vielen Jahren gab es mal bei Antaios die lustige Idee, eine Art Kabarettstück zu publizieren, ein Geistergespräch zwischen Heidegger, Jünger, Schmitt, Dietmar Dath, Habermas und Georg Seeßlen als Talkteilnehmer. Es wäre schön ulkig geworden, da unsere Beiträger je den einen oder anderen Duktus und Jargon grandios imitieren konnten. Die Idee wurde fallengelassen, auch, weil die »Geister« ja teils noch lebendige sind. Schade eigentlich! Seeß
Die len (1948), der als »Poptheoretiker«, »Kulturkritiker« oder »Quasselkasper« firmiert und ein eloquenter Vielschreiber (vornehmlich in linken Publikationsorganen) ist, hat nun mit seinem Dauerkompagnon Markus Metz einen Essayband zum »Rechtsruck« vorgelegt, der hier richtig als »politischer Kulturwandel« aufgefaßt wird.

In der Summe regiert hier das Urdrama des genuin linken Verblendungszusammenhangs (Motto: ein Konglomerat aus Kapitalisten und protofaschistischen Reaktionären beherrscht die westliche Welt). Im Einzelnen (es sind elf Aufsätze plus Vorwort und Einleitung) irrlichtern die meist flott zu lesenden, gelegentlich ordinär gespreizten, oft aber originellen Beobachtungen auf ambivalentem Grat. Seeßlen und Metz sehen folgendes ganz richtig: Die Rechte (einerlei, ob sie sich im Einzelfall so etikettieren lassen will; die Autoren gemeinden Helene-Fischer-Fans und Sarkozy-Anhänger mit ein) ist mittlerweile derart differenziert, daß sich nahezu unbegrenzt Anschlußmöglichkeiten finden. Man kann sich elitär-intellektuell rechts einordnen, man kann es »unpolitisch«-popkulturell tun, man kann Parteigänger sein oder aber sich auf Proletenbasis in diesem heterogenen Spektrum verorten. Es gibt heute, anders als noch vor fünfzehn Jahren, keinen Lebensbereich, kein Genre, keinen Stil mehr, der in gewissen Nischen nicht »rechtsoffen« ist.

Auch richtig: Das linke Lebensgefühl schwappte im Zuge von 1968 als Welle über die Gesellschaft – das rechte Denken, Leben, Fühlen hingegen wurde in den vergangenen Jahrzehnten mühsam erarbeitet, eine »Stein-für-Stein-Arbeit«, eine »lange, zähe Arbeit an der Rekonstruktion der Ge- und Zerstörten«. Ja, so war es doch! »Unmerklich, langsam, aber mit zäher Kraft begannen sich die Grenzen nach rechts zu öffnen.« Und, seltsamerweise: Konversionen von links nach rechts sind die Regel, während die umgekehrte Richtung eine Ausnahme bleibt. Auch das konstatiert das Autorenduo zurecht. Warum aber ist der rechte Weg plötzlich so attraktiv?
Natürlich schreiben Seeßlen und Metz in dem unerschütterlichen Bewußtsein, daß linke Positionen heute in den Medien völlig unterrepräsentiert und mutige Äußerungen Einzelner seien – eine notwendige Zutat der linken Realitätsverweigerung. Beklagenswerterweise (aber logisch) hätten die Rechten das »Phantasma der Jugendlichkeit« gekapert: »Das Gutmenschentum wird den Seniorinnen und Senioren der Popkultur überlassen, lasst Meryl Streep oder Sting Humanismus und Demokratie verteidigen, wir dagegen spalten die Jugend vom Projekt der progressiven Zivilgesellschaft ab. (…) rechts ist heftig, drastisch, provokativ, links dagegen eingeschlafen laaangweilig, defensiv.« Nur auf der rechten Seite könne man heute noch »wild und gefährlich« sein. Die kulturelle Hegemonie der Linken, schreiben die Autoren, sei irreal geworden, wie es die Diskussion um safe spaces, über Triggerwarnungen und Political correctness gezeigt hätten. Hier (auf dem Campus, in linksliberalen Milieus) sei eine Welt entstanden, die mit der »rauen Wirklichkeit wenig zu tun hatte«. Was sei schon dieser lahme »linksliberale Brei«, wo »die Rechte auch ihre ambigue Sexyness« hat? So ist es wohl.

Die Seeßlensche Paranoia (die Rechten wollen alle Lebensbereiche unterjochen, auch »Reisen, Kleidung, Natur«), die sowohl in den stupiden (»Die Sprache der Verblödung«; ein Versuch, rechte Rhetorik zu überführen, der aber auf jede Art Politsprech angewendet werden kann) als auch in den luziden (»Aufstieg, Krise und Wiederkehr des Neokonservatismus und der Rechtsintellektuellen«) Essays aufscheint, ist durchaus beflügelnd. Seeßlen und Metz finden, daß die (linken) Intellektuellen heute »ökonomisch erpreßt« würden: Sie müßten »verstummen oder nach rechts gehen«. Haben wir es hier mit Propheten oder Verschwörungstheoretikern zu tun?

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Der Rechtsruck von Markus Metz und Georg Seeßlen kann man hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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