1. August 2018

Georg Meck, Bettina Weiguny: Der Elitenreport

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Eine Rezension von Ursula Berluschke

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Georg Meck, Bettina Weiguny: Der Elitenreport, Berlin: Rowohlt 2018. 320 S., 24 €

Urlaubslektüre? Hier! Die meisten werden es kennen: Bei seichten Sommerromanen schläft man im Liegestuhl ein. Bei anspruchsvollerer Ware, die vom Zu-erledigen-Stapel in die Ferien mitgenommen wurde, streckt man auch, nur anders, die Flügel. Der Elitenreport des Autorengespanns Bettina Weiguny und Georg Meck, beide für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung tätig, wäre hier goldrichtig: Ein Thema von Relevanz, unterhaltsam verpackt, weder zu tief noch zu flach. Leitfragen, gegliedert in vierzehn Kapitel, lauten etwa: Was ist überhaupt Elite? In welchem Verhältnis steht die sogenannte Elite zum »neuen Populismus«, der Stimmung macht gegen »die da oben«? Wo und wie wird Elite rekrutiert? Welche Netzwerke sind das?

Eine profunde soziologische und historische Analyse, die die Befunde gerade konservativer Denker wie Gaetano Mosca, Vilfredo Pareto, Robert Michels oder zuletzt Stefan Scheil unter die Lupe nimmt und diese zur Diskussion stellt, sollte man hier nicht erwarten. Als »erster Eliteforscher« wird hier im Ernst der zeitgenössische marxistische Soziologieprofessor Michael Hartmann angeführt, als weitere Stimme mit Gewicht gilt Jutta Allmendinger. Auch »aktuelle Umfragen« spielen, typisch für diese Art populärwissenschaftlicher Literatur, eine Rolle.

Zu letzterem: In den USA hätten aktuell (2018; das Buch arbeitet stark mit aktuellen Zahlen und Begebenheiten) 57 Prozent, in Deutschland 62 Prozent, in Frankreich und Italien gar 72 Prozent der Leute Aversionen gegen jene Schicht, die als politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Elite verstanden wird. Innerhalb der Elite selbst ist diese Zuordnung hierzulande besonders verpönt. Der Begriff ist durch die NS-Zeit verbrannt. Deshalb wollte man lieber »Exzellenz-Universitäten« ins Leben rufen, um das andere »böse E-Wort« zu vermeiden.

Ob »Exzellenz« oder Elite: Beides hat es bei uns schwer. 2018 sollen 500 Millionen Euro auf fünfzig verschiedene Universitäten und andere Institutionen ausgeschüttet werden. Ein Betrag, über den das Ausland sich schlapplacht: Über diese Summe, sagt ein ehemaliger Rektor der Stanford-University, könne eine einzelne der sieben Standford-Fakultäten jährlich verfügen! Die Beiträge in diesem Buch sind nicht nach den beiden Autoren unterschieden, die spöttische Handschrift von Frau Weiguny kann der Leser schnell erkennen. Mit Sicherheit stammt die Einlassung über jene akademischen Thirtysomethings aus ihrer Feder, in der sie charmant erklärt, warum Jurist »Klaus, Anfang dreißig« das Gefühl hat, daß ihm die Felle davonschwimmen und daß »die Elite« Schuld trägt.

Auf wenigen Seiten entlarvt sie das Gerede von der »abgehängten Mittelklasse«. Unterm Strich: Diese neuen »High Potentials« wollen zuviel auf einmal! Ja, die Eltern waren Aufsteiger. Dieser Aufstieg läßt sich kaum wiederholen: Die Alten dachten nie über ein »Sabbatical« nach, gingen selten essen, verzichteten auf weltweite Kurzurlaube, mußten nicht dauernd technisch aufrüsten und waren letztlich mit einem Häuschen in der Provinz zufrieden. Heute, vor die Qual der Wahl gestellt (Job im Silicon Valley im Wohnmobil, Kate im Saarland oder enge Mietbude in Bogenhausen?), stünde nur eines fest für die ehrgeizigen Youngsters: »Mehr wäre besser«. Dieser Umstand mache aus tüchtigen Hochschulabsolventen unzufriedene Protestbürger gegen die oberen Zehntausend. Das erkläre die Aversion gegen »Elite«. Der Hauptteil des Buches liefert launige Reportagen über die Eliten des Tages. Davos wird erkundet, wo (Handschlag Kohl/Modrow! De Klerk/Mandela!) sich die Mega-Elite jeden Januar trifft und wo für »Entscheider« 35 bis 40 Vernetzungstermine innerhalb dreier Tage zum Normalpensum gehören. Bis jüngst waren dort Mobiltelephone untersagt, seit zwei Jahren wird getwittert und geselfiet, was das Zeug hält.

Morgendliche Meditation (Stichwort: ganz bei sich selbst sein) und eine grüne Sprache sind ein Muß. Meck und Weiguny haben sie alle begleitet, die unter die globale Elite zu rechnen sind: Von Janina Kugel (Siemens-Personalvorstand mit siebenstelligem Monatsgehalt) über Kristin Achleitner (diverse Aufsichtsratsvorsitzende mit Joschka Fischer als Patenonkel des Sohnes und einem Mann, der die Deutsche Bank kontrolliert) bis hin zu den Samwer Brüdern, dem Evian-Kreis und der IsnyRunde, zu Sheryl Sandberg und Christine Lagarde: Weiguny und Meck sind scharfe Beobachter jener illustren Runden, die die Fäden in der Hand halten. Es entsteht mithin ein vorzüglich lesbares Panoptikum derer, die das Getriebe der Welt am Laufen halten. Wer das Öl für die Schmierung hinzugießt und wer den Generator betreibt – nun ja … Es ging doch um Urlaubslektüre?

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Der Elitenreport von Georg Meck und Bettina Weiguny kann man hier bestellen.


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