Slavoj Žižek: Der Mut der Hoffnungslosigkeit

Slavoj Žižek: Der Mut der Hoffnungslosigkeit, Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag 2018. 448 S., 20 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Sla­voj Žižek/Karl Marx/Friedrich Engels: Das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest. Die ver­spä­te­te Aktua­li­tät des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests, Frank­furt a.M.: S. Fischer Ver­lag 2018. 192 S., 10 €

Den Lesern der Sezes­si­on wur­de der oft­mals als »Pop­star« unter den zeit­ge­nös­si­schen Phi­lo­so­phen umschwärm­te Sla­voj Žižek im Rah­men einer Bücher­schau (vgl. Sezes­si­on 70) vor­ge­stellt. Zwei Jah­re spä­ter hat der höchst pro­duk­ti­ve Autor aus Ljub­l­ja­na, des­sen The­men zwi­schen Mar­xis­mus, Pop­kul­tur, Psy­cho­ana­ly­se und Glo­ba­li­sie­rungs­ana­ly­sen oszil­lie­ren, bereits eini­ge wei­te­re Ver­öf­fent­li­chun­gen vor­ge­legt; aktu­ell folgt nun ein Dop­pel­pack im S. Fischer Verlag. 

Der Mut der Hoff­nungs­lo­sig­keit ist dabei Jah­res­schau 2017 und radi­kal lin­ke Streit­schrift in einem. Erneut – nach den Kurz­tex­ten Blas­phe­mi­sche Gedan­ken und Der neue Klas­sen­kampf – wen­det sich Žižek hier dem Pro­blem der Migra­ti­ons­strö­me zu, das er neben der fun­da­men­ta­lis­tisch-ter­ro­ris­ti­schen Bedro­hung, der Rück­kehr der Geo­po­li­tik in Fol­ge des chi­ne­si­schen Auf­bruchs und das Auf­kom­men neu­er »eman­zi­pa­to­ri­scher« Bewe­gun­gen in Euro­pa als eines von vier Kern­the­men der Gegen­wart versteht. 

In Fra­gen der Migra­ti­on eckt Žižek regel­mä­ßig im hete­ro­ge­nen lin­ken Feld an; er pro jiziert – anders als sein Kom­pa­gnon, der mao­is­tisch gepräg­te Phi­lo­soph Alain Badiou – kei­ne Revo­lu­ti­ons­sehn­süch­te in die nach Euro­pa strö­men­den Flücht­lin­ge und Migran­ten (»noma­di­sches Pro­le­ta­ri­at«), denen Badiou etwa zuschreibt, sie wür­den sich im Zuge von Aus­beu­tungs- und Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen mit den auto­chtho­nen Sub­al­ter­nen ver­bün­den, um gegen »die da oben« zu rebel­lie­ren. Žižeks Argu­men­ta­ti­on fehlt solch naiv-idea­lis­ti­sche Ideo­lo­gie­pro­duk­ti­on, und er hält sich auch wei­ter­hin fern von roman­ti­sie­ren­dem Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus, des­sen Bezugs­rah­men – den Links­li­be­ra­lis­mus – er wie­der­holt als heuch­le­risch und sys­tem­sta­bi­li­sie­rend ent­larvt hat. 

Auch Žižeks aber­ma­li­ge Fun­da­men­tal­kri­tik des glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus und die Ana­ly­se sei­ner Fle­xi­bi­li­tät, die es ihm trotz aller Nivel­lie­run­gen bei­spiels­wei­se erlaubt, iden­ti­täts­stif­ten­de Beson­der­hei­ten (loka­le Reli­gio­nen, Kul­tu­ren und Tra­di­tio­nen) zu ver­mark­ten und zu inte­grie­ren, ist eben­so anschluß­fä­hig für neu­rech­tes Den­ken wie aktu­el­le Über­le­gun­gen zu Kri­sen­po­li­tik (Kri­sen als »das Ter­rain, auf dem Schlach­ten geschla­gen und gewon­nen wer­den müs­sen«), poli­ti­scher Kor­rekt­heit, Popu­lis­mus oder isla­mis­ti­schen Entwicklungen. 

Bezo­gen auf letz­te­res Feld argu­men­tiert Žižek bei­spiels­wei­se wie Richard Mil­let, wonach der Neo­fun­da­men­ta­lis­mus (nicht nur, aber auch Mar­ke Isla­mi­scher Staat), so anti­mo­dern und sek­tie­re­risch er sich geben möge, ein dem »post­mo­der­nen« libe­ral­ka­pi­ta­lis­ti­schen Sys­tem selbst ent­sprin­gen­des Phä­no­men sei. Indes waren das die Gemein­sam­kei­ten, die in vor­lie­gen­dem Werk zu dia­gnos­ti­zie­ren sind, so wer­den, mehr noch als in Žižeks vor­her­ge­hen­den Ver­öf­fent­li­chun­gen, Trenn­li­ni­en deutlich.
Denn Žižek rückt eine Gret­chen­fra­ge ins Zen­trum: Sei man Kri­ti­ker des glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus, weil die­ser ins­be­son­de­re loka­le Tra­di­tio­nen und iden­ti­tä­re Zusam­men­hän­ge (Völ­ker, Kul­tu­ren etc.) unter­gräbt? Oder gou­tie­re man viel­mehr die­se zer­set­zen­de Kraft, weil man selbst ein uni­ver­sa­lis­ti­sches, »eman­zi­pa­to­ri­sches« Pro­jekt ver­ficht, wäh­rend man wie­der­um als Geg­ner des Kapi­ta­lis­mus auf­tre­te, weil er als Sys­tem der Aus­beu­tung und Ent­frem­dung gera­de die uni­ver­sel­le Soli­da­ri­tät und welt­wei­te Befrei­ung – den Kom­mu­nis­mus – verhindere? 

Als Kom­mu­nist lei­tet Žižek im Jahr des 200.  Geburts­tags von Karl Marx denn auch die Neu­auf­la­ge des unge­kürz­ten Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests ein. Klug und poin­tiert seziert er die Unzu­läng­lich­kei­ten des gegen­wär­ti­gen neo­li­be­ra­len Sta­di­ums des Kapi­ta­lis­mus und stellt des­sen Pra­xis der »Unfrei­heit im Gewand ihres Gegen­teils« ins Zen­trum sei­ner Kri­tik. Die lin­ke Suche nach dem »revo­lu­tio­nä­ren Sub­jekt« in Form von Flücht­lin­gen wird ein­mal mehr als »obs­zön« und »zynisch« bewer­tet; bei der Loka­li­sie­rung des »Zorn-Poten­ti­als« (Peter Slo­ter­di­jk) scheint es unbe­dacht, »die Lücke der feh­len­den Pro­le­ta­ri­er durch Import von außen zu fül­len«. Dane­ben ist Žižeks Abschied vom Mar­xis­mus, den er emp­fiehlt, das zwei­te Sujet, das so man­chen Lesern mit lin­kem Ideo­lo­gieh­in­ter­grund auf­sto­ßen dürf­te: Statt »Mar­xist« zu sein emp­fiehlt Žižek viel­mehr, Mar­xens begrün­den­de Fra­gen zu stel­len und neue Ant­wor­ten auf der Höhe der Zeit zu finden.

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Alle genann­ten Bücher kann man hier bestel­len.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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