Heute wie damals?

PDF der Druckfassung aus Sezession 95/ April 2020

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wie heißt es heu­te? Abge­sag­te Bun­des­li­ga­spie­le habe es »zuletzt 1945« gege­ben! Mas­si­ven Schul­aus­fall, nur noch zwei­la­gi­ges Toi­let­ten­pa­pier, nur noch Voll­korn­nu­deln in den Rega­len etc.: dito? Man­che Laut­spre­cher wäh­nen uns heu­te in einer »Kri­se«, die der von anno 1945 ver­gleich­bar sei. Ver­mut­lich kommt es dabei auf die Per­spek­ti­ve und den Aus­gangs­punkt an.

Wenn ich mei­ne Eltern fra­ge, wel­che Qua­li­tät das Klo­pa­pier in ihrer Kind­heit hat­te, erin­nern sie sich an Zurecht­schnei­de­ar­bei­ten von Zei­tun­gen. Was war damals doch gleich noch­mal? Die Rede von der glück­li­chen »Befrei­ung« 1945 domi­niert heu­te die Nar­ra­ti­ve – und bald dar­auf begann ja im Gol­de­nen Wes­ten das Wirt­schafts­wun­der (par­don, nein, das begann erst mit den Gast­ar­bei­tern) und das Jahr­zehn­te wäh­ren­de »gro­ße Fres­sen« mit Sau­ma­gen, Döner und vier­la­gi­gem Klo­pa­pier (spre­chen­der Mar­ken­na­me: »Hap­py End«).

Tat­säch­lich fand vor 75 Jah­ren in den deut­schen Ost­ge­bie­ten das statt, was heu­te unter »Flucht und Ver­trei­bung« eti­ket­tiert wird. Mei­ne Eltern waren bei­de betrof­fen. Mein Vater stammt aus Nie­der­schle­si­en. Ihn und sei­ne Fami­lie ereil­te der Ver­trei­bungs­be­fehl im Win­ter 1946. Bin­nen zwölf Stun­den hat­ten die Ein­woh­ner von Kun­zen­dorf, heu­te: Dzia­do­wa Kło­da, Sack und Pack zusam­men­zu­raf­fen, um sich auf den Ver­trei­bungs­treck gen Wes­ten zu bege­ben. Ein Votum gab es nicht. Mein extrem unsen­ti­men­ta­ler Vater (damals sechs Jah­re alt) hat den pol­ni­schen Sol­da­ten mit dem Gewehr noch heu­te vor Augen. Ein­zel­ne Wor­te und Befeh­le hat er memoriert.

Mut­ter leb­te in Ober­schle­si­en nahe Oppeln. Dort durf­te blei­ben, wer »für Polen votier­te«, das heißt, wer als Deut­scher ein­wil­lig­te, fort­an Pole zu sein. Der Vater mei­ner Mut­ter war anno 1945 erst erschos­sen, dann von einem rus­si­schen Pan­zer zer­malmt wor­den. Er war Bahn­an­ge­stell­ter und nie­mals Sol­dat gewe­sen. Es hat­te ihm nicht gehol­fen. Er hat­te sich mit Kol­le­gen im Wald bei Pros­kau ver­steckt. Ein­mal kam er her­aus und schlich ins Dorf, um nach der Jüngs­ten sei­ner fünf Kin­der zu sehen, das war mei­ne Mut­ter, die er noch kaum kann­te. Ein Kol­la­bo­ra­teur, ein Nach­bar, ver­pfiff ihn an die neue Besat­zungs­macht. Mei­ne Groß­mutter Fran­zis­ka, streng katho­lisch, ver­such­te alles, um ihn zu ret­ten. Sie warf sich – ihre Kin­der waren zuge­gen, die bei­den gro­ßen Söh­ne, 13 und 15, wur­den dann gleich mit­ge­nom­men und zur Zwangs­ar­beit ver­pflich­tet – vor ihren Mann, zog ihren Ehe­ring ab und rief: »Nehmt mich, nehmt alles, aber laßt mir Vin­zent!« Umsonst.

Sie blieb, als es vor­bei war. Wohin hät­te sie als Wit­we flie­hen sol­len? Das war jetzt Polen. Die deut­sche Spra­che war hier fort­an ver­bannt. Das wur­de streng über­wacht, es gab Hor­cher am Küchen­fens­ter, die dafür sorg­ten, daß auch häus­lich pol­nisch gespro­chen wur­de. Als mei­ne Mut­ter mit ihrer Mut­ter und den Geschwis­tern 1958 nach West­deutsch­land aus­rei­sen durf­ten, spra­chen sie Deutsch wie Ausländer.

Ich habe vor län­ge­rer Zeit zahl­rei­che Ver­wand­te und Bekann­te nach ihren Erleb­nis­sen von »damals« befragt und etli­che Audio­auf­nah­men ange­fer­tigt, für ein Pro­jekt an der Guten­berg-Uni­ver­si­tät Mainz. Die Ant­wor­ten sind für mich noch heu­te inter­es­sant. Über­ein­stim­mend waren es »Mon­go­len«, also außer­eu­ro­päi­sche Trup­pen­tei­le, die 1945 über die Oder stürm­ten. Über­ein­stim­mend: Es gab kei­ne Gnade.

Im Hei­mat­dorf (frü­her: Groß Schim­nitz; zur natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Zeit Groß Schim­men­dorf, hin­ter­her Zim­nice Wiel­kie; seit 2010 zwei­spra­chi­ger Orts­na­me) mei­ner Mut­ter wur­den damals bin­nen weni­ger Tage 164 von etwa 700 Ein­woh­nern getö­tet. Die Anzahl der ver­ge­wal­tig­ten Frau­en liegt natur­ge­mäß im Dun­keln. Ich weiß von drei soge­nann­ten Rus­sen­kin­dern in die­sem streng­ka­tho­li­schen Dorf. Man könn­te da leicht Hoch­rech­nun­gen anstellen.

Der hier abge­bil­de­te Grab­stein steht im Nach­bar­ort Got­tes­dorf. Got­tes­dorf hieß vor­her Bogu­schütz und nach der pol­ni­schen Ver­ein­nah­mung Bogus­zy­ce. In den Tagen zwi­schen dem 28. und dem 30. Janu­ar 1945 star­ben etwa 200 Ein­woh­ner von Got­tes­dorf sowie 100 bis 150 wei­te­re Zivi­lis­ten, die aus der nahe­ge­le­ge­nen Kreis­stadt Oppeln und umlie­gen­den Orten stamm­ten und in Got­tes­dorf Zuflucht gesucht hatten.

Schau­en wir uns die­ses polier­te, eini­ger­ma­ßen modern daher­kom­men­de (also nüch­ter­ne, unpa­the­ti­sche) Grab­mal der Fami­lie Giel­nik genau an: Hier ist der Tod von drei männ­li­chen und fünf weib­li­chen Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen ver­zeich­net. Zuerst, näm­lich am 28. Janu­ar, kam der Vater, Ignatz, um. Wahr­schein­lich ist, daß er einen ähn­li­chen Rache­tod starb wie mein Groß­va­ter. Am Tag drauf wur­den sei­ne Frau Maria ums Leben gebracht sowie fünf sei­ner sechs Kin­der. Maria, die drei­zehn­jäh­ri­ge und damit jüngs­te Toch­ter, muß­te noch einen Tag län­ger herhalten.

Was wäre hier Pie­tät? Schwamm drü­ber – denn an deren Leid zu erin­nern hie­ße, das Leid der NS-Opfer zu schmä­lern? Ist es ver­mes­sen zu mut­ma­ßen, daß die Giel­niks letz­ten Endes eben­falls NS-Opfer waren? Daß man für sei­ne Abstam­mung nichts kön­ne, daß es eigent­lich einer­lei sei, woher eine/r stam­me, ist mit Blick auf heu­ti­ge Flücht­lings­strö­me das offi­ziö­se Gebot der Stun­de. Ich habe in den ver­gan­ge­nen Mona­ten und Jah­ren im gebüh­ren­fi­nan­zier­ten Öffent­li­chen Rund­funk zahl­rei­che Bei­trä­ge zum Völ­ker­mord an den Here­ro und Nama gehört. Auch den tür­ki­schen Völ­ker­mord an den Arme­ni­ern hält man wacker im Gedächt­nis. Ich habe recher­chiert, daß seit 2015 am 20. Juni zeit­gleich zum »Welt­flücht­lings­tag« (übri­gens ein unfrei­wil­lig und unpas­send lus­ti­ger Begriff) in Deutsch­land »ins­be­son­de­re der deut­schen Ver­trie­be­nen gedacht« wer­de. Ach­so? Schlägt sich das irgend­wo (öffent­lich­recht­li­cher Rund­funk, Regie­rungs­an­spra­chen, Schul­un­ter­richt) nie­der? Nein. Die »zwölf bis 14 Mil­lio­nen« deut­scher Ver­trei­bungs­op­fer (in mei­ner Schul­zeit hieß es noch: 20 Mil­lio­nen) sei­en, so lese ich auf den gän­gigs­ten Netz­sei­ten, im Todes­fall vor allem an »man­geln­der Hygie­ne«, »Nah­rungs­mit­tel­knapp­heit« »Erschöp­fung« und »feh­len­dem Heiz­ma­te­ri­al« zugrun­de gegangen.

Wid­ri­ge Umstän­de also bloß, kein drei­la­gi­ges Klo­pa­pier mehr? Bit­te: Habt acht – die Toten mah­nen uns. Es gibt schlim­me Zei­ten. Es gab schlimmere. 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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