4. Mai 2020

Heute wie damals?

Ellen Kositza / 77 Kommentare

Wie heißt es heute? Abgesagte Bundesligaspiele habe es »zuletzt 1945« gegeben.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Massiven Schulausfall, nur noch zweilagiges Toilettenpapier, nur noch Vollkornnudeln in den Regalen etc.: dito? Manche Lautsprecher wähnen uns heute in einer »Krise«, die der von anno 1945 vergleichbar sei. Vermutlich kommt es dabei auf die Perspektive und den Ausgangspunkt an.

Wenn ich meine Eltern frage, welche Qualität das Klopapier in ihrer Kindheit hatte, erinnern sie sich an Zurechtschneidearbeiten von Zeitungen. Was war damals doch gleich nochmal? Die Rede von der glücklichen »Befreiung« 1945 dominiert heute die Narrative – und bald darauf begann ja im Goldenen Westen das Wirtschaftswunder (pardon, nein, das begann erst mit den Gastarbeitern) und das Jahrzehnte währende »große Fressen« mit Saumagen, Döner und vierlagigem Klopapier (sprechender Markenname: »Happy End«).

Tatsächlich fand vor 75 Jahren in den deutschen Ostgebieten das statt, was heute unter »Flucht und Vertreibung« etikettiert wird. Meine Eltern waren beide betroffen. Mein Vater stammt aus Niederschlesien. Ihn und seine Familie ereilte der Vertreibungsbefehl im Winter 1946. Binnen zwölf Stunden hatten die Einwohner von Kunzendorf, heute: Dziadowa Kłoda, Sack und Pack zusammenzuraffen, um sich auf den Vertreibungstreck gen Westen zu begeben. Ein Votum gab es nicht. Mein extrem unsentimentaler Vater (damals sechs Jahre alt) hat den polnischen Soldaten mit dem Gewehr noch heute vor Augen. Einzelne Worte und Befehle hat er memoriert.

Mutter lebte in Oberschlesien nahe Oppeln. Dort durfte bleiben, wer »für Polen votierte«, das heißt, wer als Deutscher einwilligte, fortan Pole zu sein. Der Vater meiner Mutter war anno 1945 erst erschossen, dann von einem russischen Panzer zermalmt worden. Er war Bahnangestellter und niemals Soldat gewesen. Es hatte ihm nicht geholfen. Er hatte sich mit Kollegen im Wald bei Proskau versteckt. Einmal kam er heraus und schlich ins Dorf, um nach der Jüngsten seiner fünf Kinder zu sehen, das war meine Mutter, die er noch kaum kannte.

Ein Kollaborateur, ein Nachbar, verpfiff ihn an die neue Besatzungsmacht. Meine Großmutter Franziska, streng katholisch, versuchte alles, um ihn zu retten. Sie warf sich – ihre Kinder waren zugegen, die beiden großen Söhne, 13 und 15, wurden dann gleich mitgenommen und zur Zwangsarbeit verpflichtet – vor ihren Mann, zog ihren Ehering ab und rief: »Nehmt mich, nehmt alles, aber laßt mir Vinzent!« Umsonst.

Sie blieb, als es vorbei war. Wohin hätte sie als Witwe fliehen sollen? Das war jetzt Polen. Die deutsche Sprache war hier fortan verbannt. Das wurde streng überwacht, es gab Horcher am Küchenfenster, die dafür sorgten, daß auch häuslich polnisch gesprochen wurde. Als meine Mutter mit ihrer Mutter und den Geschwistern 1958 nach Westdeutschland ausreisen durften, sprachen sie Deutsch wie Ausländer.

Ich habe vor längerer Zeit zahlreiche Verwandte und Bekannte nach ihren Erlebnissen von »damals« befragt und etliche Audioaufnahmen angefertigt, für ein Projekt an der Gutenberg-Universität Mainz. Die Antworten sind für mich noch heute interessant. Übereinstimmend waren es »Mongolen«, also außereuropäische Truppenteile, die 1945 über die Oder stürmten. Übereinstimmend: Es gab keine Gnade.

Im Heimatdorf (früher: Groß Schimnitz; zur nationalsozialistischen Zeit Groß Schimmendorf, hinterher Zimnice Wielkie; seit 2010 zweisprachiger Ortsname) meiner Mutter wurden damals binnen weniger Tage 164 von etwa 700 Einwohnern getötet. Die Anzahl der vergewaltigten Frauen liegt naturgemäß im Dunkeln. Ich weiß von drei sogenannten Russenkindern in diesem strengkatholischen Dorf. Man könnte da leicht Hochrechnungen anstellen.

Der hier abgebildete Grabstein steht im Nachbarort Gottesdorf. Gottesdorf hieß vorher Boguschütz und nach der polnischen Vereinnahmung Boguszyce. In den Tagen zwischen dem 28. und dem 30. Januar 1945 starben etwa 200 Einwohner von Gottesdorf sowie 100 bis 150 weitere Zivilisten, die aus der nahegelegenen Kreisstadt Oppeln und umliegenden Orten stammten und in Gottesdorf Zuflucht gesucht hatten.

Schauen wir uns dieses polierte, einigermaßen modern daherkommende (also nüchterne, unpathetische) Grabmal der Familie Gielnik genau an: Hier ist der Tod von drei männlichen und fünf weiblichen Familienangehörigen verzeichnet. Zuerst, nämlich am 28. Januar, kam der Vater, Ignatz, um. Wahrscheinlich ist, daß er einen ähnlichen Rachetod starb wie mein Großvater. Am Tag drauf wurden seine Frau Maria ums Leben gebracht sowie fünf seiner sechs Kinder. Maria, die dreizehnjährige und damit jüngste Tochter, mußte noch einen Tag länger herhalten.

Was wäre hier Pietät? Schwamm drüber – denn an deren Leid zu erinnern hieße, das Leid der NS-Opfer zu schmälern? Ist es vermessen, zu mutmaßen, daß die Gielniks letzten Endes ebenfalls NS-Opfer waren? Daß man für seine Abstammung nichts könne, daß es eigentlich einerlei sei, woher eine / r stamme, ist mit Blick auf heutige Flüchtlingsströme das offiziöse Gebot der Stunde.

Ich habe in den vergangenen Monaten und Jahren im gebührenfinanzierten Öffentlichen Rundfunk zahlreiche Beiträge zum Völkermord an den Herero und Nama gehört. Auch den türkischen Völkermord an den Armeniern hält man wacker im Gedächtnis. Ich habe recherchiert, daß seit 2015 am 20 Juni zeitgleich zum »Weltflüchtlingstag« (übrigens ein unfreiwillig und unpassend lustiger Begriff) in Deutschland »insbesondere der deutschen Vertriebenen gedacht« werde. Achso? Schlägt sich das irgendwo (öffentlichrechtlicher Rundfunk, Regierungsansprachen, Schulunterricht) nieder? Nein.

Die »zwölf bis 14 Millionen« deutscher Vertreibungsopfer (in meiner Schulzeit hieß es noch: 20 Millionen) seien, so lese ich auf den gängigsten Netzseiten, im Todesfall vor allem an »mangelnder Hygiene«, »Nahrungsmittelknappheit« »Erschöpfung« und »fehlendem Heizmaterial« zugrunde gegangen.

Widrige Umstände also bloß, kein dreilagiges Klopapier mehr? Bitte: Habt acht – die Toten mahnen uns. Es gibt schlimme Zeiten. Es gab schlimmere.

-- -- --

Der vorstehende Text erschien in der 95. Sezession (April 2020). Die Ausgabe ist hier lieferbar. Vorgestellt wird die gesamte Ausgabe von Götz Kubitschek und Benedikt Kaiser im kanal schnellroda. 


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Kommentare (77)

Laurenz

4. Mai 2020 16:32

Lesen und innehalten. Gibt es dem etwas hinzuzufügen? Keine Einzelfall-Symptomatik, sondern Kollektiv-Schuld bis in den Klein-Kind-Status. Die historische Ironie ist, daß alle wesentlichen Groß-Kolonien diesen Krieg benutzten, um sich von unseren Befreiern zu befreien. Im europäischen Osten dauerte dies eben 45 Jahre länger.

Simplicius Teutsch

4. Mai 2020 19:37

Furchtbare Geschichte. Ich mag gar nicht mehr daran denken. Manchmal habe ich da sogar Verständnis für die heutige Flucht der deutschen Gutmenschen aus ihrer Ahnengeschichte. Sie flüchten auf die Gegenseite zu den Siegern und "Befreiern" und können so anscheinend sogar noch froh über das Ergebnis der Geschichte sein: Kalte Verdrängung mit Wohlfühleffekt und moralischer Überlegenheit über die bösen Besiegten.

Mboko Lumumbe

4. Mai 2020 19:41

Herzlichen Dank & großen Respekt für Ihren Text, werte Frau Kositza.

Die Erinnerungen bleiben und die Toten mögen in Frieden ruhen.

 

Mir kam dabei die sinfonische Dichtung "Die Moldau" aus "Mein Vaterland" in den Sinn von Bedřich Smetana. Es war wohl der erzählerische Fluss und das Crescendo.

Niekisch

4. Mai 2020 19:50

"Ist es vermessen, zu mutmaßen, daß die Gielniks letzten Endes ebenfalls NS-Opfer waren?"

Diesen Fragesatz, verehrte Frau Kositza, verstehe ich nicht und bitte um Aufklärung.

Kositza: Niekisch, Sie verstehen ihn, vermute ich, schon, haben aber Einwände, die ich ahne und die vielfach auch an dieser Stelle diskutiert wurden.

Der_Juergen

4. Mai 2020 19:53

Eindrücklicher Artikel, vielen Dank. Auch ich als aufrichtiger Volk des russischen Volkes gerate in Rage, wenn jemand die unaussprechlichen Grausamkeiten der Roten Armee von damals kleinredet oder mit dem Hinweis auf NS-Verbrechen entschuldigt. 

Ein Krieg sei erst gewonnen, wenn die Propaganda der Sieger Einzug in die Geschichtsbücher der Besiegten gefunden habe, meinte der US-Historiker Lippman.  Wie wahr! Wenn man sich das ekelhafte Verhalten des Berliner Bürgermeisters vor Augen hält, der den Einzug der Roten Armee in Berlin als "Befreiung" feiert, oder wenn man die unverschämten Lügen der Systempresse über "fünf Millionen von den Deutschen ermordete Ukrainer" liest, packt einen kalte Wut.

 

Pferdefuss

4. Mai 2020 19:59

In der 95. Sezession hat mich der Text bereits heftig mitgenommen. Nun noch einmal. Einen Vergleich mit Corona-Zeiten ist m.E. unangemessen: Damals: Das Ende mit Schrecken. Corona: Der Anfang eines Schreckgespenstes. Der Vergleich, sei er noch so menschlich gemeint, mit dem Flüchtlingsstrom 15, bringt auch mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zu Tage. -------Die Spätfolgen für die 2. Generation sind kaum reflektiert worden. wenngleich aus einem natürlichem Grund: Das aktuelle Leben stellt vergangene Leiden immer als geschehen in den Schatten. Der 1.Generation wurde das bei den Naziverbrechen als bewusste und schuldhafte 'Verdrängung' angelastet, was aber den Automatismus des unbewussten Überlebens ausschließt.  Zeitverschoben wird einem erst allmählich bewusst, dass es einen Riesenunterschied macht, ob man Heimat, Familie, Erbe, Verwurzelung ganz selbstverständlich als Bindemittel hat oder man es sich mühevoll neu aneignen muss.-----Ist es das, was uns Deutsche mehr trennt als Ost und West, links und rechts?-------Empfehlung: Helga Hirsch 'Schweres Gepäck. Flucht und Vertreibung als Lebensthema'. edition Körber-Stiftung. Hamburg. 2004: (Die 2. Generation schaut zurück und nach vorn)

Andreas Walter

4. Mai 2020 20:02

Hat mich sehr berührt, beinahe zu Tränen gerührt, Ihr Beitrag, Frau Kositza. Vielen Dank dafür.

Den Rest streiche ich komplett, ich bin kein Mann, der sich auf 1500 Zeichen beschränken lässt. Dafür ist die Welt die ich sehe dann doch etwas zu kompliziert.

H. M. Richter

4. Mai 2020 20:56

Danke.                                                                                                                                Und sofort die Erinnerung: Das große Schweigen, Verschweigen in der DDR. Schließlich das gerade nachgeschlagene Zitat von Kästner: "Unser Jahrhundert hat ja die Fluchten zu seinem Haupt- und Lieblingsgeschäft gemacht; als das Jahrhundert der Flüchtlinge wird es in die Weltgeschichte, wenn dann noch Geschichte geschrieben wird, eingehen." Erinnern, wie  "Tod am Meer", der Roman des in Hindenburg geborenen Werner Heiduczek Mitte der siebziger Jahre aus dem Verkehr gezogen wurde, weil er es wagte, die Vergewaltigungen durch russische Soldaten auch nur zu erwähnen... Die Vertriebenen - lediglich "Umsiedler" in der DDR bis zum Ende '89.

Zwanzig Jahre zuvor war im Westteil des Landes das Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte bereits aufgelöst worden. Der Mohr hatte dort seine Schuldigkeit bereits getan.    

RMH

4. Mai 2020 22:03

"Zeitverschoben wird einem erst allmählich bewusst, dass es einen Riesenunterschied macht, ob man Heimat, Familie, Erbe, Verwurzelung ganz selbstverständlich als Bindemittel hat oder man es sich mühevoll neu aneignen muss.-----Ist es das, was uns Deutsche mehr trennt als Ost und West, links und rechts?"

@Pferdefuss,

sehe ich auch so. Zumal man nicht verdrängen darf, wie schwer es die Vertriebenen auch dann noch hatten, wenn sie zumindest ihr Leben retten konnten. Sie wurden den Einheimischen zwangseinquartiert, vielfach angefeindet. Der sog. "Lastenausgleich" (im Westen) wurde geneidet (kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen) und sie haben keine sog. Friedensdividende schon in der ersten Generation einstreichen können (selbst ein zerbombtes Grundstück im Westen war mehr wert, als gar keines zu haben). Wenn es jemals so etwas wie eine deutsche Volksgemeinschaft gegeben haben sollte (habe meine Zweifel), so wurde sie 45 ff gründlicher zerstört, als es jede "Umerziehung" je hätte schaffen können. Die niedrigsten Instinkte wurden hier auch bei den eigenen "Volksgenossen" ans Tageslicht gebracht - das darf nicht tabuisiert werden.

heinrichbrueck

4. Mai 2020 22:31

@ Niekisch

Die BRD besitzt keine ungefälschte deutsche Geschichtsfortschreibung, die der Wahrheit entsprechen könnte. Selbstwertgefühl und Verantwortungsbewußtsein der Nation, des Volkes an und für sich, haben dadurch einen politischen Knacks erlitten. Aus demokratischer Perspektive der Nachkriegszeit gab es die Guten, die 1945 gesiegt hatten. Realistisch betrachtet, zwischen 1914-1945, war keine politische Seite gut. Auch die Juden nicht, sonst hätten sie Israel niemals bekommen. Jede Seite hatte ihre Opfer; aber welche Seite konnte ihre Opfer beklagen? Natürlich diejenige Seite, die sich durch die Wahrheit, auf deren Seite der Macht ihr Handlungsspielraum fiel, eine Zukunft eigener Prägung erschloß. Dieses Können ist nur möglich, falls schon davor Klarheit herrschte, über die Wirklichkeit danach. So wird Politik gemacht. Alles andere ist naiv.

HartwigBenzler

4. Mai 2020 23:57

Danke. Sehr bewegend.

Könnte dazu ähnliche Geschichten aus der Vertreibung meines Vaters (Hartwig Johann Anton Benzler, 11.2.1928-12.4.2015) aus dem Kreis Sorau in der Niederlausitz berichten, Provinz Brandenburg, heute leider in Polen gelegen, 20 km zu weit östlich, denn so waren 250 ha Land weg - und ein ganzes Dorf, eine Kreisstadt, Sorau, in der u.a. auch Telemann gewirkt hatte und überhaupt das ganze sog. Ostbrandenburg, also die Neumark, mit Küstrin, Landsberg/Warthe und eben Sorau am südlichsten Zipfel, kurz vor Sagan/Schlesien, weswegen der Kinderreim so ging: „Sag an mein Kind, So rau‘ der Wind, Stettin, Berlin, wieviele Städte das sind?“ Antwort: vier. Sorau, Sagan, Berlin und Stettin.

Wer den Friedhof bei uns im Dorf Laubnitz besucht hat, also nach der “Befreiung“ durch die Polen, der konnte sehen, wie die gesamte Totenanlage dem Boden gleichgemacht worden war durch die aufgehetzten polnisch Banden, denn da sollte kein deutsches Totenleben mehr überleben und Zeugnis abgeben. 

Marc_Aurel

5. Mai 2020 00:43

Das Kapitel Vertreibung ist ein schwieriges Thema. Hin und wieder bin ich als Urlauber in den ehemaligen deutschen Ostgebieten unterwegs, so zum Beispiel in Pommern und Westpreußen. Es ist eine seltsame Mischung von Gefühlen die man empfindet, wenn man diese Gebiete durchquert. Auf der einen Seite Neugier und eine gewisse Aufgeregtheit dieses unbekannte, verlorene, wunderschöne und so geschichtsträchtige Land zu erkunden, das man auf sich wirken lassen muss. Auf der anderen Seite, ist einem immer bewusst, welch unvorstellbare Dramen sich hier gegen Ende des zweiten Weltkrieges und kurz danach abgespielt haben. Fährt man durch die Dörfer und betrachtet die alten Häuser und die hin und wieder anzutreffenden leer stehen Gehöfte, muss man unwillkürlich an die ehemaligen Besitzer denken und fragt sich, was sie wohl erleiden mussten und ob sie die Flucht überlebt haben. Die die hier angesiedelt wurden, stammen größtenteils aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten, welche die Sowjets 39 besetzten und auch nach 1945 behielten oder waren zwangsumgesiedelte Ukrainer und Lemken u.a. Sie haben sich mit der Situation wohl oder übel abgefunden, so scheint es. Ich habe sie als sehr gastfreundlich und hilfsbereit erlebt. Es fällt mir schwer in der Sache zu einer Meinung zu kommen in Hinblick darauf, wie man bzw. wie ein deutscher Staat am besten mit all dem umgehen sollte.

Grobmotoriker

5. Mai 2020 05:56

Liebe Frau Kositza, ohne den Großen Krieg wären wir Nachbarn gewesen, zumindest wären sich unsere Eltern, Großeltern und wohl auch wir irgendwann dort in Oberschlesien über den Weg gelaufen. Ich bin "um die Ecke" geboren und aufgewachsen - die Familien meiner Eltern stammen aus der Gegend um Tarnowitz/Tarnowskie Góry, Tworóg, Brunneck/Brynek bzw. Hindenburg/Zabrze, Tost/Toszek und Chwalowitz/Chwałowice, Beuthen/Bytom, ich selbst bin in Königshütte/Chorzów geboren und aufgewachsen.

Wir Kinder hörten Deutsch nur geflüstert, uns haben die Eltern ihre Sprache erst gar nicht beigebracht, um bei den polnischen Behörden ja nicht in den Verdacht zu kommen, zu Hause "po szwabsku" zu sprechen, es hätte für sie schlimme Konsequenzen haben können. (Wobei mit der liebevollen Bezeichnung "Szwaby" für die Deutschen nicht in etwa die Schwaben gemeint waren und sind, sondern Kackerlaken.) Und so durfte ich kurz nach der Ausreise "Heim ins Reich" das Lehrbuch "Deutsch als Fremdsprache - für Deutsche" in den Händen halten. Das verpflichtende letzte Gymnasiumjahr wie das NRW-Abitur empfand ich als kinderleicht im Vergleich mit dem polnischen Liceum und der knapp zwei Jahre zuvor  bestandenen polnischen Matura.

(wegen der 1.500 Maximallänge Beitrag zweigeteilt)

Grobmotoriker

5. Mai 2020 06:04

(hier folgt der zweite Teil:)

Meine Eltern sprachen nicht über die Kriegszeit, obwohl meine ältesten Schwestern als Babys gewiss genug Erzählenswertes boten, auch die Erlebnisse meines Vaters als Wehrmachtsoldat kamen so gut wie nie aus ihm heraus. Ich wußte nur, daß er "sieben Mal verwundet" und mit dem Flieger "über Pskow" abgestürzt war, und daß ihm keine Waffen, niemals!, ins Haus kommen, auch nicht als Spielzeugpistole aus Plastik für mich oder meine älteren Brüder. Auch die unmittelbaren Nachkriegsjahre fand meine Mutter nicht erwähnenswert - obwohl die alleinige Pflege ihrer querschnittsgelähmten Mutter und des an Mund-und Rachenkrebs schon gezeichneten Vaters nach der Flucht fast aller der sehr zahlreichen Geschwister beiderseits in den Westen, neben der Sorge um die zwei Kleinkinder während der Abwesenheit meines Vaters in der Kriegsgefangenschaft, sowie das jahrelange Zusammenvegetieren mit Dutzenden Deutschen in einer kleinen Baracke, ohne elektrisches Licht und fließend Wasser, im Konzentrationslager in Zgoda bei Schwientochlowitz/Świętochłowice gewiss genug dramatischen Erzählstoff bot. Die seltenen und stet knappen Erwähnungen dieser Zeit endeten stets mit einem Lächeln und Schulterzucken: "So was das halt damals. Es war nicht die schlechteste Zeit".

Dietrich Egon

5. Mai 2020 08:55

Ich bin ja irgendwann Anfang der 80er Jahre geboren, also schreibe ich aus der Sicht eines "Kriegsenkels".

@Marc_Aurel: Was Sie schreiben, erinnert mich an die Berichte meiner  Tante, die vor vielen Jahren mit meinem Großvater eine Kurzrzreise in die alte Heimat unternommen haben. Sie berichteten von ähnlichen Eindrücken und Gefühlen.

Man besuchte, unangekündigt, das Elternhaus des Großvaters, nur, um aus der Ferne einen Blick darauf zu werfen. Es handelte sich um ein etwas außerhalb gelegenes, kleines Landgut, von dem aber nur noch das Haupthaus und etwas Gartenland übrig war. Man zog offenbar doch Aufmerksamkeit auf sich und wurde, nicht unfreundlich, von einem Mann etwa in dem Alter meiner Tante  angesprochen. Da weder polnische Sprachkenntnisse einerseits, noch deutsche andererseits vorhanden waren, überreichte man ein Photoalbum aus den 40er Jahren, in dem Bilder vom Gutshof und seinen damaligen Bewohnern zu sehen waren. Der Pole, offenbar hoch interessiert, bestand auf einer Einladung zum Kaffee und  ließ es sich nicht nehmen, einen deutsch sprechenden Freund herbeizutelefonieren.

Als klar war, daß meine Verwandtschaft nicht gekommen war, um irgendwelche Ansprüche geltend zu machen war das Eis gebrochen und aus dem Kurzbesuch wurden drei Tage - übernachtet wurde vor Ort, die polnische Familie bestand darauf.

Dietrich Egon

5. Mai 2020 08:56

Rückblickend denke ich, daß dieses Erlebnis für meinen Großvater sehr... heilsam war, so kam es mir in späteren Jahren, als ich alt genug war, diesen Themenkomplex zu erfassen, zumindest vor.

Ebenso wie @Marc_Aurel hatte ich lange Schwierigkeiten, zu einer Meinung zu kommen. Wissen Sie, es ist merkwürdig: Ich selber kenne die verlorenen Ostgebiete nur aus Erzählungen. Ich war nie da, ich bin weit im Westen geboren und lebe noch immer an meinem Geburtsort, den ich liebe und an dem ich auch zu sterben gedenke. Dennoch ist da immer so ein diffuses Gefühl, wenn es um die Vertreibung und den Verlust der Heimat der Großelten geht: Beklemmung, Trauer, Verlust.

Ich halte die Vertreibung aus den Ostgebieten für ein Verbrechen. Dennoch betrachten die jungen Polen der heutigen Tage das ehemalige Deutschland als ihre Heimat - wer will es ihnen verdenken? Eine hypothetische Rückabwicklung wäre die Sühnung eines alten Verbrechens mit einem neuen. Ich bin für mich also zu dem Schluß gekommen, mit dem Status Quo Frieden zu schließen und die Vergangenheit, die ja nur abstrakt die Meine ist, nostalgisch und in Sepia gefärbt in Gedanken zu halten.

qvc1753

5. Mai 2020 09:39

Persönlich glaube ich, das der Leiterwagen und der Handkarren das Bild im 20. Jahrhundert sind. Von den von Stukas bombardierten Flüchtlingskolonnen bis hin zu den Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen aus den Ostgebieten, z.T. zermalmt unter den Ketten Sowjetpanzer spannt sich der Bogen. 

Wir haben das heute fast vergessen, während dies in den ersten Jahren der Bundesrepublik nicht der Fall war. Es gab den Bund der Entrechteten und Heimatvertriebenen, die 1953 im Bundestag vertreten war (5,3 %), einen Minister stellte. 
Der sog. "Lastenausgleich" war ebenfalls lange ein Thema und die entsprechenden Verbände bis weit in 80er Jahre hinein aktiv.  

Auch die diversen Werke von Arno Surminski oder Siegfrid Lenz haben die Erinnerung wachgehalten. 

Erstaunlicherweise ist dies außerhalb Deutschlands nie ein Thema gewesen. Das es 12 Millionen Vertriebene gab, das ist den Briten bspw. erst durch die Ausstellung im British Museum "Germany - Memory of a Nation" in der Breite bewusst geworden. 

Dieses Kapitel ist - wie die jeweilige individuelle Beteiligung an der Nazidiktatur - einer stillschweigenden Übereinkunft zum gefallen sich auf den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder zu konzentrieren.
Von den Opfern wollte nichts wissen - von allen Opfern.

Grobmotoriker

5. Mai 2020 09:40

Für Selbstmitleid war keine Zeit da. Man war ja inzwischen genug damit beschäftigt, sich in die elendlangen Warteschlangen vor die Läden einzureihen, am besten schon vor Morgengrauen, um vielleicht mal die knappen Kartoffeln, Bohnen, Brot und wenn man sehr viel Glück hatte, mal ein Stück Fleisch oder einen, zwei LIter Milch, zu erstehen. Und dieser Alltag war "Gold" (ein Lieblingswort meiner Mutter), im Vergleich zu den ersten Nachkriegsjahren, als sie dann spätabends, nach getanem Tagwerk, nachdem die schwerkranken Eltern versorgt waren und die Kleinen schliefen, sich in der Dunkelheit zu der Halde schlich, um aus der Schlacke die wenigen brauchbaren Kohlenstücke rauszufischen, um die Stube im Winter knapp über Null Grad halten zu können, ohne zu wissen, was oder ob überhaupt etwas sie am nächsten Morgen in den kleinen Blechnapf mit kochendem Wasser legen kann.

Grobmotoriker

5. Mai 2020 09:41

Eine kleine Reminiszenz an diese Zeit waren die Augeblicke, als wir dann, viel später, mit dem inzwischen aus der Gefangenschaft zurückgekehrten Vater und meinen sechs Geschwistern am Tisch saßen und einer von uns eines oder zwei Kreuze vor dem Einschneiden auf die Unterseite des Brotes mit dem Messer ritzte, statt der üblichen drei - dann nahm Mama einem das Messer aus der Hand und ritzte die fehlenden Kreuze eigenhändig rein. "Wir müssen Gott r i c h t i g danken" - sprach sie dabei.

Ja, so war das damals. Und es war nicht die schlechteste Zeit. Verglichen mit dem Schicksal der Familie Gielnik war sie geradezu "Gold". Aber wie Sie schon sagten, liebe Frau Kositza, "vermutlich kommt es dabei auf die Perspektive und den Ausgangspunkt an", um das sagen zu können.

Gotlandfahrer

5. Mai 2020 09:48

Werte Frau Kositza,

danke, dass Sie es schaffen, über so etwas zu berichten. Hatte den Beitrag schon auf Papier gelesen und war sehr bewegt. Auch wenn man ähnliches kennt und im eigenen Familienkreis selbst so einiges mitbekommen hat, ist gerade das Leid unschuldiger Kinder immer wieder Anlass auch an den "eigenen" Menschen zu verzweifeln: Denn wenn sich Morden, Quälen, Zerstören und Vergewaltigen vielleicht anthropologisch noch irgendwie "verstehen" lässt, bleibt die in formelhaften Humanismus gehüllte Kälte all der zivilgesellschaftlichen Fratzen für mich unerklärlich, die sich gegenseitig dafür feiern, beispielsweise in Talkshows einer Mutter, der auf vergleichbare Weise ihre Kinder weggemetzelt wurden, höhnisch entgegenzuhalten, sie dürfe ja wohl nicht den historischen Kontext übersehen.  Diese von Menschlichkeit faselnden Bewusstseins-Chamäleons nehmen jedwede Hintergrundfarbe an und das einzige, was die Welt von ihrer Persönlichkeit zu sehen bekommt, ist die Scheiße, die sie hinterlassen.

PS: Ist das mit den 1.500 Zeichen Ergebnis einer gründlichen Abwägung?  Vielleicht weil der VS mit dem Textverständnis zu langer Ausführungen hadert? Unterstreichen Sie das Wort "Nazi" in einer bunten Farbe und diskutieren Sie über die Gleichheit aller Menschen mit Ihrem Bürogenossen....Fragen!

Monika

5. Mai 2020 09:56

Auch von mir ein Danke für den eindrücklichen Beitrag.

Für die meisten Deutschen Ihrer Generation existiert diese Damals/ Heute Gegenüberstellung allerdings nicht. Nicht einmal die DDR wird für einen Vergleich herangezogen ( Versorgungsmängel/ keine Freizügigkeiten usw.) .

Man vernimmt zumeist journalistische Stimmen, die sich mit DAMALS auf die siebziger  Jahre in Westdeutschland beziehen. Etwa dieser eigenartig flache  Beitrag von Jörg Thomann ( Jg. 71) in der FAZ. Die eigene Herkunft und Geschichte spielen  überhaupt keine Rolle mehr für eine Generation, die meinte, dauerhaft in einer „ewigen Gegenwart“ leben zu können. Und nun darüber philosophiert, wie man abstrakte Gefahren von „da draußen“ in den Griff bekommt. Vielleicht kommt es ja zu einer Rück-Besinnung.

https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/neuer-corona-alltag-in-deutschland-ein-leben-in-unsicherheit-16751214-p2.html

 

 

Franz Bettinger

5. Mai 2020 10:17

Stark. Treffend. Tröstend? Irgendwie auch. Aber nur irgendwie. 

Ronny Licht

5. Mai 2020 10:53

Teil 3

  1. Interessant ist auch der Vergleich der zwei Google-Suchen: „deutsche vertriebene osteuropa“ (2.240 Ergebnisse) und „völkermord herero“ ( 1.910 Ergebnisse)

 

  1. Aber auch in den von Ihnen weniger geschätzten (aber dennoch oft frequentierten) gebührenfinanzierten Öffentlichen Rundfunk, finden sich regelmäßig ausgewogene Berichte. In einem Beitrag des Deutschlandfunks vom 14.03.2020 heißt es bspw.:

„Winston Churchill 1944 im britischen Unterhaus: ‚Vertreibung ist, soweit wir in der Lage sind, es zu überschauen, das befriedigendste und dauerhafteste Mittel. Es wird keine Mischung der Bevölkerung geben [Anm. d. V.: Kommt Ihnen dieses Denken vertraut vor?], wodurch endlose Unannehmlichkeiten entstehen, wie zum Beispiel im Fall von Elsass-Lothringen.‘

Doch die Strategie ging so gut wie nie auf: Die Deutschen östlich von Oder und Neiße, die nicht vor der Roten Armee nach Westen geflohen waren oder vertrieben wurden, gerieten im März 1945 unter polnische Verwaltung und sahen sich unmittelbar danach Repressalien ausgesetzt.

Kositza: Lieber Herr Licht, danke für die ausführliche Auseinandersetzung mit meinem Artikel. Ich werde nicht sämtliche Ihrer Kommentare, die ich aufmerksam gelesen habe, publizieren; wir haben ja nicht "aus Versehen" die Kommentarmögl. auf 1500 Zeichen begrenzt. Nur zu diesem, Ihrem 3.Teil ein Tip: Geben Sie natürlich bitte "genocide Herero" ein: 152.000 Treffer.

Imagine

5. Mai 2020 11:31

Als Kind von schlesischen Heimatvertriebenen, die aus der Arbeiterklasse ins Besitzbürgertum aufgestiegen ware, alles verloren hatten, nur noch das nackte Leben retten konnten und anschließend einen gravierende sozialen Abstieg hinnehmen mussten, musste ich mir das Vertriebenengejammer ständig von Seiten meiner Mutter anhören. Jenseits politischer Reflexion sah sie sich und die Deutschen völlig einseitig sich nur als Opfer. Wie die meisten Deutschen war sie zu Objektivität unfähig und maß mit zweierlei Maß.

Mein Vater, ein Wehrmachtsoffizier und ein „preußischer Charakter“ - ähnlich wie Helmut Schmidt - hatte unendliches Leid im Krieg und der Kriegsgefangenschaft erlebt. Er meinte, dass es letztlich gut sei, dass Deutschland den Krieg verloren habe, denn andernfalls hätten wir ein Leben lang unter der faschistischen Nazi-Herrschaft leben müssen.

Unsere Generation, die in Westdeutschland aufwachsen durfte, hatte Glück. Die Siegermächte gingen zivilisiert mit den Deutschen um. Die ersten drei Nachkriegsjahrzehnte waren das beste Deutschland ever.

Die aufgeklärte Intelligenz wusste, dass immer die Wiederkehr des Faschismus drohte, solange der Kapitalismus nicht überwunden war. Das war das Motiv der revolutionären Linken, für einen Systemwechsel zu kämpfen. Dieser Kampf endete bekanntlich mit einer Totalniederlage.

Kositza: Wie Sie über das "Vertriebenengejammer" Ihrer Mutter schreiben, läßt allerdings tief blicken...Andere Opfer hab ich nie zum "KZ-Geheul" etc ihrer Vorfahren reden hören, und das ist auch gut so.

Niekisch

5. Mai 2020 11:52

"waren es »Mongolen«, also außereuropäische Truppenteile, die 1945 über die Oder stürmten." Zu den Taten von Mongolen an Schlesiern in Kemnitz ein Zitat aus "Dok. d. Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa  Bd. I/1, Hg BM für Vertriebene, o.J., S.444:  "..fast alle Frauen, darunter auch 70-jährige Greisinnen und halbe Kinder, ja sogar schwangere Frauen vergewaltigt. In dieser Nacht nahmen sich viele aus Verzweiflung das Leben.. Eine Frau sprang nach der Vergewaltigung aus dem Fenster...Eine Mutter von 4 Kindern wurde vor deren Augen von zwei Mongolen vergewaltigt. (Bericht Elisabeth Erbrich aus Breslau)

 

 

 

 

 

Imagine

5. Mai 2020 12:19

Heute müssen wir seit der „neoliberalen Revolution“ (W. Streeck) in einem Neo-Totalitarismus, leben, der klar faschistische Züge trägt (vgl. R. Sennett).

Der Vansittartismus meint, dass die Deutschen aufrund ihres Nationalcharakters ewige Nazis seien.

Das Hündische und Knechtselige ist ein Charakterzug vieler Deutschen. Aber durch die  "anti-autoritäre Revolte" hat sich einiges geändert. Viele Deutsche, die in der Schweiz leben meinen, dass der autoritäre Charakter bei den Schweizern noch ausgeprägter sei.

Jede Klassengesellschaft separiert in Herren und Knechte, in Ausbeuter und Ausgebeutete, in arm und reich.

Die Rechten wollen eine Klassengesellschaft mit sozialer Ungleichheit. Aber nicht alle Rechten, es gab auch Sozialisten. Florian Sander schreibt dazu:

„Vergessen wird dabei jedoch allzu häufig, dass die Forderung nach einem „deutschen Sozialismus“ oder auch einem „preußischen Sozialismus“ in früheren Zeiten, genauer gesagt während der Konservativen Revolution [] zum guten Ton gehörte.
Ob nun Ernst Jünger []: Die führenden, prominentesten Köpfe der Konservativen Revolution waren in weiten Teilen bekennende Sozialisten.“

Niekisch

5. Mai 2020 12:24

"Kositza: Niekisch, Sie verstehen ihn, vermute ich, schon, haben aber Einwände, die ich ahne und die vielfach auch an dieser Stelle diskutiert wurden." zu 4.5. 19:50: Verehrte Frau Kositza, Vermutungen und Ahnungen will ich Ihnen nicht nehmen, möchte nur verstehen. Deshalb präzisiere ich meine Frage: Was möchten Sie mit dem Vorspann "Ist es vermessen,.." aussagen? Ohne Erklärung hierzu verstehe ich wirklich nicht.

@ heinrichbrueck 4.5. 22:31: Ich habe meine ganz eigene Methode entwickelt, wenn ich geschichtliche Ereignisse prüfe: 1. genaue Kenntnis der Örtlichkeit. 2. dazu divergierende kulturgeschichtliche Literatur 3. Ablaufprüfung mit disparaten Materialien ohne ex-post-Wertung. 4. Vorgeschichte des Ablaufs mit disparaten Materialien ohne ex-post-Wertung. 5. Schlußbewertung mit Zurücklehnen und der Frage: Spricht aus sonstigen Wissenschaften ein Gesichtspunkt gegen das Ergebnis?

 

zeitschnur

5. Mai 2020 12:46

Das zunächst befremdlich Gerede (Merkel), wir befänden uns in der schwersten Krise seit 1945, fasse ich eher als ein Herbeireden schlimmer Zustände auf: Merkel will offenbar, dass wir in chaotische und kriegerische Zustände Notstände geraten. Nicht anders Macron, dessen berühmt-berüchtigtes "Nous sommes en guerre" wie eine Kriegserklärung an die Bevölkerung klingt. Diese Taktik der Regierungen, uns in eine Krieg hineinzuziehen, der nicht einem Virsu, sondern uns gilt, wird immer deutlicher. Es ist eine hybride Kriegsführung, deren Folgen schon deutlich werden, aber in rasendem Tempo auf uns zurollen.

Natürlich ist das Heute nicht wie das Damals - das hat aber wohl auch niemand so gesagt. es geht darum, die dramatischen Umstände zu vergleichen.

Ob das vergleichbar ist, werden wir in wenigen Wochen erleben. Bis dahin wäre ich vorsichtig mit dem Aufrechnen schlimmster Verbrechen gegeneinander. Nur weil viele des politischen Establishments das tun, muss man sich nicht ebenso positionieren, nur halt umgekehrt. Die Verbrechen am deutschen Volk 1945 und unmittelbar danach sind unbestreitbar und müssen gesondert aufgearbeitet werden.

Laurenz

5. Mai 2020 14:03

@zeitschnur

Zitat-Die Verbrechen am deutschen Volk 1945 und unmittelbar danach sind unbestreitbar und müssen gesondert aufgearbeitet werden.-Zitatende

Ich glaube nicht daran. Die Weltgeschichte wird darüber hinweggehen. Wir haben einerseits den Opfer-Rassismus beim Zählen der Toten im gesamten Westen, auch in Ost-Europa. Andererseits zählt man auch nur die Toten.

Wer weiß schon, was schlimmer ist? Zu fallen, gemordet zu werden, oder unaussprechliche Gräuel zu überleben und das gesamte restliche Leben traumatisiert zu verbringen.

Maxx

5. Mai 2020 14:41

Gejammert hat er nie, mein Vater (damals 14, aus Niederschlesien, Krehlau, Kr. Wohlau), obwohl vom Schicksal schwer gezeichnet. Getrauert über den Verlust seiner Heimat hat er zeitlebens, das wussten wir aus seinen Erzählungen. Heimat blieb immer Heimat. Immer, wenn er Menschen begegnete oder Namen hörte, die ihm aus seiner Gegend vertraut o. bekannt waren oder eine Verbindung erahnen ließen - jeder kannte dort jeden - versuchte er herauszufinden, ob möglicherweise eine Verbindung zu dieser oder jener Familie bestand. Die Hoffnung, jemanden aus der alten Heimat zu treffen, diente als Ersatz für selbige. Da war immer ein Phantomschmerz, obwohl auch mein Vater (wohl im Unterschied zu seinen Geschwistern) die Vertreibung eher als eine eine Art Sühne oder Strafe empfunden hat.
Als ein zum Kommunismus konvertierter Ex-Katholik hegte mein Vater jedoch weder Hass noch Groll auf die Sieger. Vielmehr litt er an einer Art kollektivem Stockholm-Syndrom, die eine Affenliebe zu den sowjetischen Freunden/Befreiern hervorrief - "Befreiung von Haus und Hof", wie er zuweilen sarkastisch zu sagen pflegte. Polen betrachtete mein Vater eher mit Argwohn und Misstrauen.

Franz Bettinger

5. Mai 2020 14:42

"Nous sommes en guerre". Vermutlich stimmt das. Wer es nicht sieht, sieht gar nichts. Es geht nicht um Viren, AfD oder um Deutschland. Seit dem Lockdown geht es um viel mehr. Es geht um alles! Innerhalb weniger Tage zu Beginn des Jahres 2020 reagieren die Regierungen in der ganzen Welt zeitgleich, ungeachtet ihres politischen Systems oder ihrer Religion, ob Schweiz oder gar Nord-Korea, nicht nur in ungefähr ähnlicher, nein in absolut gleicher brutaler Weise, wie unter einem außerordentlichen Notstand. Das ist etwas, das es nie zuvor in der Menschheitsgeschichte gab. Nie zuvor! Unsere Anführer nehmen alle Untertanen in Einzelhaft + alle Familien in Familenhaft: Ladenschluss-Verfügungen, Arbeitsverbote, Quarantäne, Abstand, Masken, Reiseverbote, Polizei auf den Straßen, drakonische Strafen für Lächerlichkeiten. Eine übermächtige Hand hält überaus effizient alle „Mächtigen“ und deren Marionetten unten, damit diese uns unten halten. No, es ist mit Sicherheit nicht der Fake-Virus, es sind auch nicht Bill Gates oder A. Merkel. Es ist etwas viel Größeres. Aber was? Gefühlsmäßig muss es etwas Böses sein, etwas Bedrohliches, Tödliches. (Lacht ruhig!) Außerirdische?  Ein auf uns zukommendes kosmisches Ereignis? Oder doch der geheime Krieg zwischen Gut und Böse, die Endschlacht zwischen Trump und den Satanisten? 

Der_Juergen

5. Mai 2020 15:07

@Imagine

Sie haben das Siegernarrativ voll verinnerlicht. Wenn die Russen die Befreiung von Minsk feiern, geht das völlig in Ordnung. Doch schon die Polen empfanden den sowjetischen Einmarsch nur als Übergang von einer harten Fremdherrschaft zu einer anderen, und die Balten, Rumänen und Ungarn, die (ausser ihrer jüdischen Minderheit) nicht unter den Deutschen gelitten hatten, hatten erst recht keinen Grund, die sowjetische Okkupation und den anschliessenden Terror als Befreiung zu empfinden. Wenn aber die deutsche Verräterkaste den 8. Mai als Tag der Befreiung feiern, verdient sie nur Verachtung. Die Ergebnisse dieser "Befreiung": Zerstörung der deutschen Städte durch militärisch unnötigen Bombenterror; Verlust eines Viertels des deutschen Territoriums; Vertreibung von zwölf Millionen Deutschen, von denen Hunderttausende ums Leben kamen; Massenmord durch Verhungern an Hunderttausenden von deutschen Soldaten in den Rheinwiesenlagern; Teilung des Landes; Seelenmord an den Westdeutschen durch westalliierte Lügenpropaganda (die Sowjetpropaganda war ebenfalls verlogen, aber längst nicht so heimtückisch).

Valjean72

5. Mai 2020 16:04

Vielen Dank für diesen Artikel, den ich bereits in der gedruckten Version las und hernach einigermaßen aufgewühlt das Heft erstmal beiseitelegen musste.

Ein paar Wortmeldungen im Kommentariat stießen mir unangenehm auf.

So brachte ein Diskursteilnehmer „von Stukas bombardierte Flüchtlingskolonnen“, ein anderer gar den „Genozid an den Hetero“ ins Spiel.

Für diese Leute kann es schlicht nicht angehen, deutscher Opfer zu gedenken und an deren Leid zu erinnern, ohne mit einer gehörigen Portion Schuldstolz dieses Gedenken zu relativieren und in den vorherrschenden Zeitgeist der real existierenden BRD zu stellen.

Ferner ist es für einen eingefleischten Marxisten offenbar immer noch nicht zu verwinden, dass Deutschland 1919 keine blühende Räterepublik wurde, wie das menschenfreundliche Proletarierparadies der UdSSR.

“Das Hündische und Knechtselige ist ein Charakterzug vieler Deutschen.“

 Als deutscher Patriot halte folgendes Zitat Hegels entgegen:

 »Der germanische Geist ist der Geist der Freiheit.«

 … und mehr will ich zu derlei „Einlassungen“ gar nicht kommentieren.

Ronny Licht

5. Mai 2020 18:22

Liebe Frau Kositza,

Sie schreiben: "Nur zu diesem, Ihrem 3.Teil ein Tip: Geben Sie natürlich bitte "genocide Herero" ein: 152.000 Treffer."

Hey! Nicht schummeln! Englische Einträge gelten aus guten Gründen nicht.

Aber ich nehme den Fehdehandschuh und fodere Sie auf, in der Google-Suche "displaced persons germans poland" einzugeben: 13.000.000 Ergebnisse.

Zu "displaced germans" gar 29.300.000 Einträge.

Dass die Suche in die richtige Richtung geht, dafür stehen die beiden ersten (mir) erscheinenden Einträge: Der Wikipedia-Artikel zu "Flight and expulsion of Germans (1944–1950)" und ein Artikel der Washington Post mit Titel "The forgotten story of when the Germans were the refugees ...".

Kositza: Na gut, Sie wollen also aufrechnen - was ja heute eher als schäbig gilt. Wieviel Tote/Geschädigte hatten die Herero? Und wieviele ganz (damals) Ostdeutschland? Fragen Sie außerdem mal junge Deutsche, was die über den Deutschen als Täter und über den Deutschen als Opfer wissen. Sie werden staunen.

Laurenz

5. Mai 2020 18:57

@Imagine

Sie und Ihr Vater gehen/gingen von einer falschen Annahme aus. Sie unterstellen beide, wie viele andere, daß es unter einen anderen Reichsregierung anders gelaufen wäre, (zB ohne Krieg) als unter den Nationalsozialisten. Zum einen ist das unwahrscheinlich, weil man verhindern mußte, daß Deutschland Atommacht würde, und andererseits wissen wir das überhaupt nicht. Die Forderungen Hitlers zu einer leichten Revision des Versailler Vertrags blieben weit hinter den Forderungen Stresemanns an die Entente zurück. Das Konflikt-Potential stand also immer im Raum. Die meisten infrastrukturellen Planungen, welche die Nationalsozialisten umsetzten, wurden bereits unter bürgerlichen Regierungen angesetzt. Und wenn Ihre Altvorderen zu den 30 Mio. Hungerleidern (vornehmlich Kinder) gehört hätten, wäre die Wahrscheinlichkeit groß gewesen, da diese Kommunisten oder Nationalsozialisten gewählt hätten, wie Sie in der Situation übrigens auch. 

Dieter Rose

5. Mai 2020 19:47

@HartwigBenzler

In Brieg/Schlesien

wurde ein Krankenhaus

auf dem Friedhofsgelände

errichtet.

Imagine

5. Mai 2020 20:00

Mit Siegernarrativ hat meine Betrachtung nichts zu tun.

Es gab eine Befreiung vom Nazi-Terrorregime, aber diese war keine Befreiung von Herrschaft. Denn zugleich waren wurden die Besatzungszonen anderen Herrschaftssystemen unterworfen und zu Vasallenstaaten. Die Deutschen in der Trizone hatten es besser getroffen als jene in der Ostzone. Ausgeplündert wurden beide. Sei es durch Demontage, Operation Overcast/Paperclip oder Reparationsleistungen durch die Aneignung von Forschungsergebnissen, Konstruktionsplänen und Patenten.

Aber nach den Hungerjahren nach Kriegsende und dem folgenden Armutsjahrzehnt ging es der westdeutschen Arbeitsbevölkerung ab den 60-er Jahren deutlich besser. Später haben sie dann vom Einkommen und Lebensstandard die Lohnarbeiter der Siegermächte England und Frankreich überholt.
Allerdings ging es dann ab den 80-er Jahren ständig abwärts, zunächst mit Salamitaktik, später mit den neoliberalen Reformen um die Jahrtausendwende hammerhaft.

Deutschland wurde zum immer mehr zu einem Niedriglohnland, abnehmendem Mittelstand und steigender Prekarisierung.

tearjerker

5. Mai 2020 21:56

„Nous sommes en guerre.“ Der Entschluss zum Lockdown ist in der Tat nicht medizinischen Norwendigkeiten geschuldet, sondern wurde als Reaktion auf einen Angriff mit Biowaffen in Folge von 9/11 durch die USA konzipiert und an die Bündnispartner gebrieft. Es handelt sich also um eine Variante von Kriegsrecht, die die Militarisierung der betroffenen Gesellschaften in einem entsprechenden Konfliktfall sicherstellen soll.

Imagine

5. Mai 2020 22:20

Die Erinnerungen an die Enteignungen nach der Kriegsniederlage kommen in der heutigen Situation nicht zufällig. Denn nach dem Lockdown-Szenario wird eine große Enteigungswelle bei den KMUs, Sparern etc. stattfinden, nicht durch offenen Zwang, sondern marktförmig durch Insolvenzen. Und auch die Löhne werden drastisch nach unten gehen.

Nach der Kriegsniederlage 1945 ist dies der dritte ganz große Raubzug.

Der zweite traf die Bürger der DDR. Die DDR war damals der siebtgrößte Industriestaat der Welt. Und im Rahmen der Vereinigung haben sich die kapitalistischen Raubritter sich das Volkseigentum der DDR-Bürger angeeignet. Aber die Plünderer und Ausbeuter waren keine ausländischen Siegermächte, sondern blutsverwandte „Volksdeutsche“. Es war das eigene Establishment zusammengesetzt aus Westlern und Ex-SED-Leuten. Wenn es um Profit gibt, gibt es keine nationalen Gefühle und keine Volksgemeinschaft

Imagine

5. Mai 2020 22:23

Nicht nur in der DDR, sondern auch in der BRD gab es nach 1989 in großem Umfang Volksenteignungen. Aber diese erfolgten in der BRD scheibchenweise, nämlich  durch Privatisierung von Staats- bzw. Volkseigentum, wie Post, Bahn, durch Griff in die Solidarkassen etc. Und auch durch geheime Verträge im Rahmen von Public Private Partnership.

Ein nächster Coup wird die Privatisierung der Autobahnen sein. Dann darf der Michel für die Benutzung der Autobahnen bezahlen, deren Bau er finanziert hat und die ihm gehörten.

Gracchus

5. Mai 2020 23:49

Berührender Text.

Damals war nicht wie heute, das ist, glaube ich, nicht zu vergleichen. Die damaligen Erfahrungen wirken wohl aber noch nach. Und damals wie heute macht nicht jeder dieselben Erfahrungen. 

Laurenz

6. Mai 2020 00:21

@Imagine

Die Nationalsozialisten wurden zumindest gewählt, im Gegensatz zu den Bolschewiki in Rußland. Natürlich machte es niemandem Spaß, Angst vor der Gestapo haben zu müssen. Allerdings, wenn Sie Sich die Zahlen anschauen, war die Gesellschaft damals wesentlich Gewalt-affiner als heute. 1931 alleine in Berlin um die 8.000 politische Morde, davon weit mehr als die Hälfte von Kommunisten begangen. Wie hätten Sie dem Herr werden wollen? Die Nationalsozialisten befürworteten Kolonien (hatten aber keine), aber das ist bis heute ein Thema, nur auf einer anderen, mehr privatrechtlichen Ebene. China ist da neben den USA ganz weit vorne. Und wenn wir tatsächlich von einer Befreiung ausgehen wollten, betraf das nur etwa ein drittel Deutschlands, denn die Deutschen in den Ostgebieten, wurden nicht befreit, sondern vertrieben, vergewaltigt und gemordet. Und diejenigen in Mitteldeutschland wurden per Mauer eingekerkert. Ihre Debatte hinkt auf mehr Beinen, als Sie Selbst besitzen.

ede

6. Mai 2020 00:49

Danke Frau Kositza. In den Altenheimen tobt der 2.Weltkrieg. Aber nicht mehr lange, dann ist niemand mehr da, der dabei war, den wir noch fragen können. Am Freitag werde ich meine Mutter beerdigen. Sie war 15 als der Krieg zuende war.

Seit gestern lese ich wieder im kollektiven Tagebuch, dem "Echolot" von Walter Kempowski. Heute, Mittwoch, der 17.Januar 1945. Es ist wie gestern.

 

RMH

6. Mai 2020 07:21

@Imagine,

müssen Sie eigentlich jedes Thema, bei dem eine starke Emotion (je nach persönlichem Betroffenheitsgrad, Herkunft etc.) mitschwingen kann, bei dem es also auch um Gefühle der Trauer, des Schmerzes, Verlustes etc. gehen kann und welches als Erinnerung/ Mahnung an heutige, verschobene Maßstäbe angesprochen wurde, auf den schlichten "Bimbes" herunterbrechen?

Genau das ist der wunde Punkt der Materialisten. Und der sog. wissenschaftliche Sozialismus/Marxismus liefert für alles, salopp formuliert, immer nur das eine Erklär-Schema:

Futtertrog A von Sau K(apital) ist größer und voller als Futtertrog B, wo sich dann auch noch viele, viele arme Schweine P(roletarier) daraus bedienen müssen, die zuvor Futtertrog A gefüllt haben. Wenn man nun Futtertrog A kleiner macht und das meiste daraus in Futtertrog B umfüllt, haben sich urplötzlich alle wieder lieb und der Himmel auf Erden bricht an ...

Sorry, so geht´s diesmal nicht - und gerade nicht bei Themen, welche schlicht und ergriffen nicht auf irgendwelche verlorenen Rittergüter (die meisten Vertriebenen waren doch eher - im übertragenen Sinne - meist auch nur Knechte auf selbigem) im Osten reduziert werden können.

Imagine

6. Mai 2020 08:37

@Bettinger imaginiert schon Gespenster. Aber es stecken keine Außerirdischen hinter dem Szenario. Die „übermächtige Hand“ ist diejenige von Kapital und Markt.

Keine Angst, es geht nicht um Weltuntergang und das Ende der Menschheit.

Sondern lediglich um den Transfer von Privateigentum von der Mitte nach oben und um die Senkung von Löhnen.

Historisch ist die Situation keineswegs erstmalig und einzigartig. Überflüssige, weil nicht profitabel verwertbare Arbeitskräfte werden entlassen. Nicht konkurenzfähige KMUs gehen in Konkurs.

Deutschland wird sich in seiner Sozialstruktur verändern. Der Mittelstand wird schrumpfen, das Prekariat größer werden.

Es gibt ein Überangebot der Ware Arbeitskraft. Und deshalb sinkt ihr Preis.

Im Stadium des globalisierten Kapitalismus passen sich die Löhne sich an das global niedrigste Lohnniveau an.

Dass die großen Unternehmen die kleinen fressen, ist nichts Neues.

In Deutschland wir niemand verhungern müssen. Noch funktioniert der Sozialstaat.

Einige werden bei dem Thema das Mitgefühl für die Betroffenen vermissen. Aber der Kapitalismus funktioniert nicht auf Basis mitmenschlicher Solidarität, sondern auf kalter Berechnung. Es geht immer nur darum, aus Geld mehr Geld zu machen.

Ulrich aus Wuerttemberg

6. Mai 2020 08:51

@Bettinger Zur Erklärung der aktuellen Schieflage, die den gesamten Erdball betrifft, hilft vielleicht ein Hinweis von Egon Friedell aus seiner Kulturgeschichte der Neuzeit, 3. Kapitel DIE INKUBATIONSZEIT. Immer wieder, so seine Erkenntnis, kommt es zu Verwerfungen in der Gesellschaft, die sich bis zum Wahnsinn (Veitstanz) steigern können, wenn eine Kulturepoche an ihr Ende angelangt ist und sich Neues herauszubilden beginnt. Menschen, die noch auf das Alte geistig konfiguriert sind werden „verrückt“ weil sie die Verrückung (hier die Weiterentwicklung, der einem Ruck gleicht) aus dem Alten in das Neue nicht verkraften können. Wie Sie, frage ich mich auch, ob sich da etwas Größeres dahinter verbirgt? Das Zitat hier könnte uns auf die Spur bringen:

(Mit dem Zitat würde die 1500 Zeichenbegrenzung überschritten werden. Ich veröffentliche das Zitat als neuen Beitrag von mir)

Ulrich aus Wuerttemberg

6. Mai 2020 08:51

Fortsetzung meines Beitrags zu einem Hinweis von Egon Friedell:

„Es ist der Geist, der sich den Körper baut: immer ist der Geist das Primäre, beim einzelnen wie bei der Gesamtheit. Wenn wir die - allerdings auf mehr als einer Seite hinkende - Vergleichung mit dem Individuum festhalten wollen, so müssen wir sagen: die schwarze Pest ist ebensowenig die Ursache der Neuzeit wie die Schwangerschaft die Ursache eines neuen Organismus ist, sondern hier wie dort besteht die wahre Ursache darin, daß ein neuer Lebenskeim in den Mutterkörper eintritt, und die Folge und der Ausdruck dieser Tatsache ist die Schwangerschaft. Der "neue Geist" erzeugte in der europäischen Menschheit eine Art Entwicklungskrankheit, eine allgemeine Psychose, und eine der Formen dieser Erkrankung, und zwar die hervorstechendste, war die schwarze Pest. Woher aber dieser neue Geist kam, warum er gerade jetzt, hier, wie er entstand: das weiß niemand; das wird vom Weltgeist nicht verraten.“

Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, 1. Band, Seite 96

Monika

6. Mai 2020 09:57

Die Verbrechen, die an den Deutschen begangen wurden, hätten nach dem Krieg aufgearbeitet und kollektiv  erinnert gehört (Opfergedenken). Das ist nicht oder kaum geschehen. So haben die Opfer verdrängt, sich in den Wiederaufbau gestürzt, es folgten Fress-, Sauf-, Sex- und Reisewelle.  Sabine Bode hat sich in psychologisch/ therapeutischer Form mit den Folgen dieser Verdrängung beschäftigt. Ich verweise auf die Bücher „Die vergessene Generation“ oder die „Nachkriegskinder“. Frau Bode reist durch das Land und stellt ihre Bücher vor. Man sollte die Vorträge besuchen. Man ist erschüttert, was die alten und älteren Menschen noch zu erzählen haben.  Diese Erzählungen werden aber nicht mehr an die Enkelgeneration weitergegeben. Es erfolgt eine erneute Verdrängung oder gar Uminterpretation. Auch die deutschen Bischöfe sprechen mit wachsendem Abstand vom Geschehen davon, dass der 8.Mai auch „ für die Deutschen ein Tag der Befreiung“ war. Was das psychologisch für die Enkelgeneration bedeutet, darüber kann man nachdenken. Vielleicht erklärt es den Selbsthass einiger junger Deutscher. 

 

Langsax

6. Mai 2020 10:25

Sehr geehrte Frau  Kositza, 

natürlich nicht heute wie damals, es ist eine der hysterischen Überhöhungen einer völlig verwahrlosten, dekadenten Gesellschaft, die kurz vor der Autolyse steht. 

Wer verstehen will, warum 1944/45/46 unerhörte Dinge in um Deutschland und dessen Volk passiert ist, der muß bis ins Jahr 1914 (und davor!) zurück gehen. Es war ein Besuch in Scapa Flow, der mein Weltbild vom großen Krieg 14-18 zum Einsturz brachte. Dazu die Erzählungen unserer Nachbarin, die aus dem Memelland kam und als Kind den Einmarsch der Russen 1914 miterleben mußte. 

Dazu die Erzählung der Familie meines Großvaters mütterlicherseits, die aus Westpreußen stammten und die polnische Willkür 1919-1939 erdulden mußte.  Wer das nicht weiß bzw. nur der offiziellen Geschichtsschreibung der Siegermächte glaubt, der wird niemals begreifen können, warum was den Deutschen angetan wurde. Und man kann ohne die letzen 120 Jahre Geschichte nicht begreifen, was heute in Deutschland abläuft. 

Laurenz

6. Mai 2020 11:09

@Langsax

Viel spannender wird das von Ihnen Beschriebene, wenn man sich auf britischen oder us amerikanischen historischen Jutjub-Kanälen herumtreibt (zB Marc Felton oder Dachifinel), die im Schnitt etwas sachlicher berichten als deutsche Medien. Da ist es immer recht leicht, Bomben hineinzusetzen, wenn man dort die Kommentatoren mit der eigenen Geschichte (auch gegenüber Deutschland) konfrontiert. Deren eigenes Verständnis als "rechtfertigte" Täter-Nation steht auf ganz brüchigem Eis.

Imagine

6. Mai 2020 11:36

Die dauerhafte Verdrängung traumatisierender Erlebnisse führt bekanntlich nicht zur Gesundung, sondern zur Neurotisierung.

Meine Mutter war, als ich geboren wurde, schwerst traumatisiert. Insbesondere durch die Russen- und Polenherrschaft und die damit verbundenen traumatischen Erlebnisse. Ihre Eltern und sie hatten sich erst zwei Jahre nach Kriegsende entschließen können, unter Verlust ihres ganzen Besitzes, ihres Lebenswerks und ihrer schlesischen Heimat in den Westen zu fliehen. Zudem war mein Vater noch in Kriegsgefangenschaft.

Wie viele aus dieser Generation, war meine Mutter durch den Realverlust und die erlittenen Traumatisierungen aus der Bahn ihres Lebens geworfen worden und bis zum Rest ihres Lebens psychisch gefangen in der Vergangenheit.

Das war und ist das Problem vieler Deutscher. Sie sind kollektiv neurotisiert worden, sind in der Vergangenheit gefangen und kommen nicht daraus.

Zur Neurose gehört der Wiederholungszwang. Immer wieder werden in den Medien die Nazi-Zeit, Kriegs- und Vertreibungserlebnisse wiederholt. Die Jugend wird davon regelrecht gehirngewaschen und neurotisiert.

Die Jugend lebt jedoch ihre psychischen Störungen anders aus, durch Konsum, durch Realitätsflucht und Drogen, durch Multikulti-Erlösungshoffnungen, durch Öko-Paranoia, durch Esoterik etc.

Ein kollektiver Rationalitätsverlust.

Niekisch

6. Mai 2020 12:03

"Was das psychologisch für die Enkelgeneration bedeutet, darüber kann man nachdenken. Vielleicht erklärt es den Selbsthass einiger junger Deutscher."

@ Monika 6.5. 9:57: Wenn Sie gestatten - darüber müssen wir nachdenken, denn es sind nicht nur einige junge Deutsche, sondern Massen davon. Zu dieser Frage empfehle ich: Grunenberg, Antonia, Die Lust an der Schuld.

Der_Juergen

6. Mai 2020 12:28

@Ulrich aus Württemberg

Danke für den Hinweis auf den bedeutenden Kulturphilosophen Egon Friedell. Diesen habe ich als Gymnasiast mit Gewinn gelesen. Mein Vater hatte mir damals Friedells "Kulturgeschichte der Neuzeit" und Houston S. Chamberlains "Grundlagen des 19. Jahrhunderts" empfohlen, als Beispiele für zwei grundverschiedene, aber jedes auf seine Weise wertvolle Beispiele von Geschichtsphilosophie.

@RMH

Danke für Ihre gemessene Antwort an @Imagine. Die Tendenz, alle historischen Geschehnisse im Lichte ihrer Ideologie deuten bzw. umdeuten zu wollen, findet sich vor allem bei doktrinären Linken, aber auch Rechte sind nicht immer dagegen gefeit. 

 

 

 

Maiordomus

6. Mai 2020 12:42

Ceterum censeo: Ich zähle Frau Kositza zu den eher wenigen, auch bei den Rechten nicht sehr zahlreichen, aber hoffentlich tief wahrnehmbaren fürwahr glaubwürdigen und der Vernehmlichkeit jederzeit würdigen Stimmen in der deutschen Publizistik.

heinrichbrueck

6. Mai 2020 13:28

„In Deutschland wird niemand verhungern müssen. Noch funktioniert der Sozialstaat.“

Karl Marx und die „Frankfurter“ Schule haben ganze Arbeit geleistet. Unglaublich wissenschaftlich, als ob der Sozialstaat die Regale in den Supermärkten füllen würde. Geld bringt überhaupt nichts, sind die Waren nicht mehr vorhanden. Aus Geld mehr Geld zu machen, auch so eine Lüge der falschen Fährte. Und diese Lügen unter demokratischen Bedingungen beseitigen zu können, auch wieder Soziologie für Arme.

„Die Kräfte, die diese negative Aufgabe unserer Zeit ausführen, sind: auf dem wirtschaftlich-sozialen Gebiete der Kapitalismus, auf dem politisch-geistigen die Demokratie.“ (Nahum Goldmann: Der Geist des Militarismus).

@ Franz Bettinger

Den Kern des Geldsystems genauer unter die Lupe nehmen. Vergessen Sie die Wörter „links“ und „rechts“. Die Finanzbande läßt sich nicht von Wahlen und Parteien beeinflussen, den Bereich haben sie unter Kontrolle, falls angelernte Illusionen diesbezüglich noch im Weg stehen sollten. 

Franz Bettinger

6. Mai 2020 13:39

@imagine: Sie kommen mir vor wie jene Hobby-Ornithologin (Mrs. Bundy) im Hitchcock-Fim 'Die Vögel‘, die einen geplanten Angriff von Vögeln lächerlich findet und alles besser weiß, bis sie plötzlich gar nichts mehr weiß, weil was Unerhörtes, etwas Nie-Da-Gewesenes, nicht Bestreitbares vor ihren Augen passiert ist. Dennoch wünsche ich mir, das Sie mit ihrer Interpretation des aktuellen Zeitgeschehens ("Es geht, wie immer, nur ums Geld") diesmal recht haben, und ich unrecht. 

Laurenz

6. Mai 2020 14:08

@Imagine

Sie schreiben bezüglich Ihrer eigenen Familien-Geschichte recht distanziert, als ob das so ginge. Kein Mensch, und ich behaupte noch mal, kein Mensch kann sich ererbter Traumata einfach so entledigen. Wenn Sie von Gefühlen Ihrer Mutter berichten, wäre es doch mal interessant, welche Empfindungen Ihnen beim berichten innewohnen. Mutmaßlich ist Ihre häufige Wut auf den Klassenfeind eine mögliche Projektionsfläche. Und vielleicht könnte man sich im Kommentariat Imagine auch mehr darüber abstimmen, welche Haltung man gemeinsam einnimmt.

zeitschnur

6. Mai 2020 14:59

@ Ulrich von Württemberg

Sehr interessanter Hinweis auf Friedell, den Sie da geben. Ich habe es gerade noch mal gelesen in meiner Friedell-Ausgabe ...

Friedell bezieht sich dabei auf Troels-Lund und dessen Werk "Gesundheit und Krankheit in der Anschauung Alter Zeiten" und zitiert daraus sehr lange. Intessant daran ist, dass hier die Auffassung vertreten wird, die Pasteur auf dem Sterbebett zugestand und von Lanka u.a. vertreten wird, dass der Nährboden die Krankheit hervorbringt und nicht böse Mikroben. Corona ist demnach hervorgebracht vom Nährboden unserer Zeit in den Menschen, die daran verrückt werden, weil sie starr sind, sich nicht ändern können, die Zeit nicht genutzt haben, unter einem Bann zu stehen scheinen. Corona ist demnach ein nur schwach entzündliches Phänomen, das eine ausgedehnte Psychopathologie entwickelt. Auch das interessant, weil die Laschheit und fast absolute geistige Schwäche unserer Zeit zu mehr offenbar gar nicht mehr reicht.

zeitschnur

6. Mai 2020 15:07

@ Franz Bettinger, @ Imagine

Es ist mit ganzer Sicherheit falsch, hier nur Geldinteressen im Hintergrund zu sehen, obwohl sie eine sehr starke Komponente in all dem sind.

Es geht wesentlich um die Kontrolle über das Geld und die Möglichkeit, sich über das Geld die totale Kontrolle aller Menschen zu erkaufen. Was sich abspielt, ist zutiefst pathologisch, man kann sagen: dämonisch. Ich habe mir die heutige Pressekonferenz mit Merkel angehört und denke ein ums andere Mal: das ist Wahnsinn, echter Wahnsinn, mit allen Symptomen: Wahn, mangelnder Krankheitseinsicht, sturem Vorantreiben, die peitschen jetzt eins nach de anderen durch, und die BT-Abgeordneten müssen sich für ihre Fehlentscheidungen spätestens vor dem Welten-Richter verantworten, so sehr versagen sie: Impfzwang, Heilraktikerverbot, NetzDG noch rabiater, auf deutschen Straßen werden wehrlose Leute wegen nichts von der Polizei zusammengeprügelt wie vor 80 Jahren (schaut auf den "Rubikon"). Ich verstehe FBs düstere Stimmung sehr gut.

Als Christ bin ich allerdings davon überzeugt, dass die Finsternis nicht das letzte Wort haben wird.

Imagine

6. Mai 2020 18:57

@Laurenz

Mit Klassenkampfdenken in der Tradition des Marxismus-Leninismus haben mein Denken und meine Theoriebildung nichts gemein.

Meine Kritik am Kapitalismus ist die Kritik an einem falschen System, das Krisen und Selbstzerstörung hervorbringt und zur Barbarei führt, weil in diesem System mit Menschen wie mit Arbeitstieren bzw. wie mit Sachen umgegangen wird.

Eine Wut auf einen „Klassenfeind“ erlebe ich nicht. Warum auch?

Kapitalist und Lohnarbeiter sind Akteure im selben System. Beide erhalten es aufrecht. Wer sozialphilosophisch gebildet ist, kennt die Dialektik zwischen Herr und Knecht. Der Knecht ist ein Feind der Freiheit. Er akzeptiert in seiner Knechtsseligkeit seine Knechtschaft und verhindert deren Überwindung.

Wer am System des Kapitalismus festhält, zeigt ein Defizit an Intelligenz sowie historische Rückständigkeit.

Imagine

6. Mai 2020 19:05

Trotz wissenschaftlich-technischen Fortschritts wird in der kapitalistischen Marktwirtschaft die Masse der lohnarbeitenden Bevölkerung ärmer und die Belastung durch Erwerbsarbeit größer. Die Menschen arbeiten sich in diesem System arm. Die Prekarisierung erfasst immer größere Teile der Bevölkerung: Arbeitslosigkeit und Niedriglohn beginnend bei der Jugend bis hin zur Altersarmut auch derer, die ein ganzes Leben lang gearbeitet haben.

Das muss nicht so sein, das ist kein Naturgesetz. Aber in diesem Wirtschaftssystem ist dies so.

Der kollektive Rationalitätsverlust kennzeichnet fast aller Individuen, verbunden mit der Fixierung auf die Vergangenheit. Die Unfähigkeit, übers gegenwärtige System hinauszudenken, verhindert progressive gesellschaftliche Lösungen für die Zukunft zu finden.

Es sind die Verfallszeichen einer sterbenden Kultur.

Die Systemfrage ist ein Tabuthema und wird aus der politischen Diskussion herausgehalten. Mich langweilen und nerven die systemblinden und -immanenten Diskussionen. Sie bringen nichts voran und sind Lebenszeitverschwendung.

Dies ist mein letzter Beitrag auf SiN. Ich sage „Farewell!“

Die Gründe dafür kann man, wenn es interessiert, hier nachlesen.
 
Kositza: Ah. Okay.

Laurenz

6. Mai 2020 19:30

@zeitschnur

Franz Bettinger wird das ähnlich sehen, wie Sie. Was spielt es für Trump oder sonstige Milliardäre eine Rolle, ob sie 7 oder 11 Milliarden besitzen? Monetäre Macht ist immer begrenzt. Nur totalitäre Macht setzt dem eines drauf. Genau das passierte bei der bolschewistischen Oktoberrevolution, die, wenn man so will, in der eigentlichen weiteren globalisierten Planung scheiterte.

PS: Kleiner Hinweis zu den Mächten des Lichts und der Finsternis. Alle Licht-Feste sind heidnischen Ursprungs. Druiden trugen weiß. Weiß trägt bei den Christen weltweit nur der Papst, was daran liegt, daß die Sonne im Orient gehaßt wird, während sie bei uns geliebt wird.

Kositza: Aha. Cool zu wissen.

Gracchus

6. Mai 2020 23:32

Das Friedell-Zitat ist groß. Es zeigt gut die gegenwärtige geistige Verflachung an, dass derartige Gedanken nicht mehr gewagt werden. Friedell müsste sich vielmehr vom journalistischen und akademischen Mainstream vorhalten lassen, einen Alu-Hut zu tragen.

Zum Thema "Vertreibung" fällt mir noch der Schriftsteller Peter Kurzeck ein. Als kleines Kind aus dem Sudetenland vertrieben. Wie anders lässt sich vor diesem Hintergrund seine Obsession erklären, alles und jedes auf Zettel zu notieren und so zu "verewigen", gegen die Flüchtigkeit der Zeit?

 

 

Gracchus

7. Mai 2020 00:03

@imagine: Na, ich bin mal gespannt, wie lange ihr "Farewell" diesmal anhält. Was das Wirtschaftssystem angeht, haben Sie zu guten Teilen recht. Vielleicht sollte man die Hoffnung nicht zu schnell ad acta legen, dass die Corona-Krise hier Augen öffnet. Allerdings klingt das bei Ihnen so, als könnte man das System von einem auf den anderen Tag austauschen wie irgendein Ersatzteil und das neue System am intellektuellen Reissbrett entwerfen - das ist wohl illusorisch. Im Übrigen macht jedes System unfrei, und es gibt nicht das perfekte System. Womöglich geht es darum, das System zu transzendieren. 

@Laurenz: Wer sagte nochmals: "Ich bin das Licht der Welt", fragt ein Druiden-Nachfahre. 

links ist wo der daumen rechts ist

7. Mai 2020 00:19

Das große Schweigen 1

 

Flucht und Vertreibung (und damit die Anerkennung auch als Opferkollektiv) sind – neben dem Bombenkrieg - DAS große Thema, wenn es um die Gesundung des Nationalgefühls geht. Das Bindeglied zum Komplex Umgang mit der Wehrmacht stellt dabei die Erinnerung an unsere Gefallenen dar.

Wobei hier das große Schweigen früher (unterschiedlich beschrieben von Hermann Lübbe oder Gabriele von Arnim – s.u.) und das ewige Lamentieren über die Umerziehung heute verbunden mit dem Hoffen auf eine erinnerungspolitische Wende auf eine eigentümliche Art und Weise korrelieren; früher das Beschweigen auch der eigenen Opfer (z.T. aus Familienräson – s.u.), heute der Glaube, daß ein Nanny-Staat einem auch die eigene familienbiographische „Aufarbeitung“ abnehmen könne.

Und genau hier haben die Alt-68er und ihre erbittertsten ideologischen Gegner wieder einmal Berührungspunkte.

ff

links ist wo der daumen rechts ist

7. Mai 2020 00:40

Das große Schweigen 2

 

Ums abzukürzen, darf ich mich zitieren, von hier:

https://sezession.de/62216/warum-zu-radikal-gerade-radikal-genug-ist

Textzitate folgen (hoffentlich).

links ist wo der daumen rechts ist

7. Mai 2020 00:41

Das große Schweigen 3

 

Zitate:

„In einem weiteren Rahmen (und damit kommen wir zu einem genuin rechten „Framing“ zurück) hat dieses Dilemma Gabriele von Arnim in ihrem Buch „Das große Schweigen“ beschrieben, einem der Fragestellung nach eher klassisch linksliberalen Buch.
Sie entwirft ungefähr in der Mitte des Buches folgendes Szenario:
Eine Familie sieht Mitte der 80er im Fernsehen Lanzmanns „Shoah“; es folgen die erwartbaren Fragen bzw. Vorwürfe der Enkelkinder an die Großeltern. Tenor: wie konntet ihr so lange schweigen? Unerwartete Reaktion: wenn wir nicht geschwiegen hätten, wäre die Familie auseinandergebrochen.
Hintergrund: ein Elternteil der fragenden Kinder hatte ein Vertreibungsschicksal und wurde indirekt für den Tod eines Geschwisterchens verantwortlich gemacht. DAS war der eigentliche Grund des Schweigens und das Familientabu schlechthin.“

„Nicht unwesentlich, daß deMause im genannten Buch in der Einleitung gerade die verschwiegenen Kindheitserfahrungen der Deutschen betr. Krieg und Vertreibung erwähnt (der deMause-Übersetzer Theweleit hat zumindest DAS nicht gelesen…).“

„Und Schicksale wie DIESE haben gerade auch viele Alt-68er verdrängt.“

dreamingplanet7

7. Mai 2020 06:06

Viele aehnliche Berichte kenne ich, wie andere Kommentatoren hier, sowohl aus verschiedenen Memoiren und Briefen wie auch noch persoenlichen Gespraechen. Und es hatte auch seinen Grund, dass hinterher ueber vieles nicht gesprochen wurde, man merkt ja an welchen Stellen auch gerade Frauen ein Gespraech abbrechen.

Diverse Verwandte aber auch Freunde sind der festen Ueberzeugung, dass das alles richtig und verdient war. Nicht linke Revoluzzer sondern gutbuergerliche, oft in der Kirche engagiert, Stuetzen der Gesellschaft... Meinen jedes Schicksal von damals bis zu Maria Ladenburger sei die Suehne fuer die grosse Schuld die wir auf uns geladen haben.
Es steckt sehr tief drin. Das alles.

Maiordomus

7. Mai 2020 07:44

@Kositza. "Cool zu wissen" betr. Laurenz. Ja, natürlich wird die Sonne im Orient "gehasst", kommt doch von dort ausser dem Mithras-Kult auch der mit dem Christentum zur Zeit von Kaiser Konstantin direkt in Konkurrenz stehende Kult von "sol invictus", dem Sonnenkult, Geburtstag 25. Dezember, analog Mithras, der auch mit der Sonne zu tun hat. Zum Christentum als Lichtreligion siehe noch die Osternachtliturgie "lumen a lumine", Licht vom Licht und den fürwahr religionsstiftenden Anfang des Johannesevangeliums. Laurenz gehört mutmasslich nicht zu den 5 Millionen besten Religionskennern Deutschlands, hat aber durchaus andere Qualitäten.

Noch was anderes, @Kositza. Habe Sie auch schon mal in meinem Bekanntenkreis, der z.B. oft aus herkömmlichen bildungsbürgerlichen  Lesern von FAZ und NZZ besteht, als Rezensentin und Publizistin rühmlich genannt. Erfuhr dann aber, dass Sie laut Wikipedia anerkanntermassen als "rechtsradikal" zu bezeichnen seien und sich vor 25 Jahren für die Hinrichtung von Kinderschändern ausgesprochen hätten. Man lernt nie aus!

 

PS. Meines Erachtens sollten wissenschaftliche Arbeiten, in denen Wikipedia und Ähnliches zitiert wird, analog zu Plagiatarbeiten nicht als diplomgenügend anerkannt werden. 

 

Der_Juergen

7. Mai 2020 11:05

@Maiordomus

Neben Politik und Zeitgeschichte ist mein Hauptinteresse Linguistik. Ich darf sagen, dass Wikipedia auf diesem Gebiet sauber informiert. Sehr oft werden Gegenthesen erwähnt, die Bibliographie ist umfangreich. Vermutlich gilt Ähnliches für die Naturwissenschaft. In Bezug auf Zeitgeschichte und Politik bietet Wikipedia hingegen weitgehend Agitprop; Meinungen, die vom Mainstream abweichen, werden - vor allem in der deutschen Wikipedia; die englische ist oft etwas fairer - kaum je objektiv resümiert, sondern in aller Regel wüst beschimpft. Zum Ritual gehört, alle möglichen "Rechtsextremismus-Experten", "Antisemitismus-Forscher" und dergleichen zu zitieren, die den Genannten des Rassismus etc. überführen. Lesen Sie z. B. die Schimpfkanonaden über Kubitschek oder Thor von Waldstein. Wer diese als zuverlässige Quelle ansieht, glaubt vermutlich auch an den Klapperstorch.

Pferdefuss

7. Mai 2020 13:56

Psychologin Gabriele Baring legt seit Jahrzehnten den Schwerpunkt ihrer Therapie auf Menschen der 1. bis 3. Generation, die durch KriegNachkriegVertreibungFlucht Vergewaltigung nachhaltig beschädigt worden sind. Von ihrem verstorbenen Mann, Historiker Arnulf Baring, hat sie den Begriff  'Leidkultur' der Deutschen übernommen. 

Im Mittelpunkt steht das Familiengeheimnis, dem grob der politisch korrekte inflationäre Sammelbegriff 'Verdrängung' entspricht. Mehr kann man auf youtube nachlesen. Sie führt wohl auch eine Gesprächskreise, die dem Charakter eines Salons entsprechen.

Die permanente 'Aufarbeitung' (immer müssen/wollen wir Deutschen arbeiten), die Vergangenheitsbewältigung ist zwanghaft; verhindert sie doch den natürlichen Prozess von Vergessen und Erinnern, wie es seit ehernen Zeiten geschehen ist: Familienchronik, Stoßseufzer, Tränen, Anekdoten, Überlieferung, Nachforschung, Familienfeste, beliebte Speisen, Andeutung des Unsagbaren, Fotos, Gräber, Reisen in die Heimat. In der Familientradition hat ein Richter nichts zu suchen. 

'Zeit-Zeugen', auch so ein verbrauchter Begriff, verbreiten landauf, landab wie Wanderprediger die Wahrheit, müssen aber keinen Schwur wie Zeugen vor Gericht,  die Wahrheit zu sagen, leisten; sie sind als ehem. Systemgegner im Voraus legitimiert.  

Laurenz

7. Mai 2020 16:03

@Pferdefuss   .... Danke für Ihren Beitrag. Auch beim kürzlich verstorbenen Bert Hellinger stand und steht das noch immer im Vordergrund. Allerdings wurden auch in der dortigen Szenerie Deutsche meist als Täter hingestellt, was an dem grundsätzlich totalitären Tabu und dem Verbot anderer Geschichts-Erzählung begraben liegt. Das ist äußerst schwierig zu brechen, da anstatt einer langatmigen Trauma-Bewältigung die gegenwärtige Existenz direkt bedroht ist. Aktuell kann das nur durch neues Leiden der Deutschen durchbrochen - oder nach! einer generellen politischen Umwälzung in Angriff genommen werden.

@Maiordomus, Kositza & Gracchus .... ich hatte es bewußt vermieden, einen Bibel-Zitat-Disput anzuzetteln. Den verlieren Sie und er bringt nichts. Bei Marxisten bringt das ja auch nichts. Daß Maiordomus sich als Küken wieder mal schlauer wähnt als den Hahn & korrekterweise den Mithras-Kult anführt, zeigt doch nur die Verlogenheit und Bigotterie von diesbezüglichen Debatten. Dem liegt ursächlich das propagandistische Gehabe der Christen hier zugrunde. Ich halte nur dagegen, wenn dies passiert. Ich mache hier ja auch nicht permanent Werbung für Freya.

Pferdefuss

7. Mai 2020 16:15

Ich erinnere mich daran, was für eine Qual es für meine Mutter, für uns Kinder mehr Unverständnis, war, darauf zu warten, dass der hoffende, sehnende Spruch: 'Vati lebt! Er kommt wieder' in Erfüllung gehen möge und dann nach Jahren das Zaudern, den Mann, den Familienvater, der als 'vermisst' galt, für tot zu erklären. Diese Gewissensnot! Noch immer untröstlich, nicht zu wissen, wo mein Vater begraben liegt, andere immense materielle Verluste treten in den Hintergrund. 

Meine Schlussfolgerung in Coronazeiten: Begräbniskultur, Totenfeiern, Abschiednehmen - ein hohes Gut! Wir dürfen das anonyme Sterben nicht hinnehmen. Und uns als Zahlen präsentiert werden. Besinnen wir uns, dass im Krieg alles zerstört wurde, aber die Begräbnisstätten, die Friedhöfe in unserem Land weitgehend verschont geblieben sind. Und nun geben wir sie freiwillig auf? Tot ist tot? Zu teuer?   

Gracchus

7. Mai 2020 22:48

@Laurenz: Schon klar - Sie können einfach nicht zugeben, dass Sie Unsinn verzapft haben.

Maiordomus

8. Mai 2020 08:10

@Laurenz. Gut, dass Sie Spezialist über germanische Religion sind. Wie Sie wissen, ist für den einschlägigen Baumkult der Reichenauer Scarapsus aus dem 8. Jahrhundert diesbezüglich einer der wichtigsten mittellateinischen Texte, wenn nicht der wichtigste, wiewohl die germanische Religion dort, auf der Basis des frühen 8. Jahrhunderts, durchgehend in Form von Warnungen dargestellt ist. Man spürt aber aus dem Text die Faszination des Verbotenen. Noch interessant das Eichenmotiv beim Zeustempel in Augusta Raurica. Nach Meinung des Germanenforschers Ernst Ludwig Rochholz steht die zwei Wegstunden von dort gelegene einstige bewallfahrtete Heilige Eiche von Magden im einst österreichischen Fricktal, heute aus Altersgründen fast nur noch eine Baumruine, zwar mit einem unterdessen von einem Förster gepflanzten Nachfolger, an der Stelle einer Donar-Eiche. Für die einschlägige Forschung, nicht zuletzt betr. das Fällen dieser Bäume durch christliche Missionare, z.B.Wilfried Bonifacius (Fulda) und die im Bodenseeraum wirkenden Columba  und Callehe müsssen Sie auf in Klöstern geborgene lateinische Quellen zurückgreifen. Im deutschen Sagengut gibt es Übereinstimmungen, sos Motiv der sprechenden Tiere, althochdeutschen Zaubersprüche betr. Pferde (Merseburg), Bienen (Lorsch) usw., alle in Klöstern geborgen.

Laurenz

8. Mai 2020 08:21

@Maiordomus

Wir brauchen gar nicht soweit zurückgehen. Das Prinzip des Bonifatius funktioniert ebenso gut an Kathedralen, wie zB auf der Île de la Cité.