Das Jahr 1945 im Film (2) – “Ich war neunzehn”

Ausgehend von meinen Überlegungen zur filmischen Darstellung von Geschichte, möchte ich nun den Film Ich war neunzehn von Konrad Wolf näher betrachten.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Ich war neun­zehn wur­de 1967 mit Unter­stüt­zung der Sowjet­ar­mee und der Natio­na­len Volks­ar­mee gedreht. Die Hand­lung erstreckt sich vom 16. April bis zum 8. Mai 1945, wäh­rend die rote Armee Rich­tung Ber­lin vor­rückt. Gedreht wur­de dabei an Ori­gi­nal­schau­plät­zen in der Mark Bran­den­burg und in Pots­dam-Babels­berg, dem Sitz der DEFA- (und vor­mals UFA-)Studios. Pre­mie­re war in Ost-Ber­lin im Febru­ar 1968, kurz vor dem Pra­ger Früh­ling, von dem die Tsche­chen im August unter ande­rem durch ost­deut­sche Trup­pen befreit wurden.

Die DEFA stand natür­lich unter Kon­trol­le der SED, die im Film in ers­ter Linie ein Prop­gan­da­me­di­um sah. “Anti­fa­schis­ti­sche” Fil­me hat­ten in der DDR seit der aller­ers­ten DEFA-Pro­duk­ti­on Die Mör­der sind unter uns (1946) von Wolf­gang Staud­te Tra­di­ti­on, und sie dien­ten natür­lich vor allem dazu, den Kom­mu­nis­mus in einem hel­den­haf­ten Licht erstrah­len und die Sowjets als Befrei­er erschei­nen zu lassen.

Die DEFA war unter sowje­ti­scher Auf­sicht in der öst­li­chen Besat­zungs­zo­ne gegrün­det wor­den. Ein hoch­ran­gi­ger Lei­ter der Sowje­ti­schen Mili­tär­ad­mi­nis­tra­ti­on ver­kün­de­te in einer Fest­an­spra­che ihre pro­pa­gan­dis­ti­schen Ziele:

.… Aus­rot­tung der Res­te des Nazis­mus und Mili­ta­ris­mus aus dem Gewis­sen eines jeden Deut­schen, das Rin­gen um die Erzie­hung des deut­schen Vol­kes, ins­be­son­de­re der Jugend, im Sin­ne der ech­ten Demo­kra­tie und Humanität…

Ich war neun­zehn erzählt in epi­so­discher Form die Erleb­nis­se eines jun­gen sowje­ti­schen Leut­nants deut­scher Her­kunft, des­sen Eltern Kom­mu­nis­ten waren und nach der Macht­über­nah­me Hit­lers in die Sowjet­uni­on emi­grier­ten. Er kehrt als Frem­der und Sol­dat in sei­ne frü­he­re Hei­mat zurück, und wird dabei immer wie­der mit sei­ner Her­kunft kon­fron­tiert, was ihn oft pein­lich berührt. Sei­ne Haupt­auf­ga­be ist Pro­pa­gan­da-Arbeit: Per Laut­spre­cher for­dert er in deut­scher Spra­che die Sol­da­ten der Wehr­macht zur Kapi­tu­la­ti­on auf.

Der jun­ge Leut­nant Gre­gor Hecker (Jaecki Schwarz) ist ein Alter Ego des Regis­seurs Kon­rad Wolf (1925–1982) selbst, der in die­sem Film sei­ne eige­nen Kriegs­er­leb­nis­se auto­bio­gra­phisch ver­ar­bei­te­te. Wolf war jüdi­scher Her­kunft und stamm­te aus einer Fami­lie über­zeug­ter Kom­mu­nis­ten; sein Vater Fried­rich Wolf (1888–1953) war Autor des anti­fa­schis­ti­schen Dra­mas Pro­fes­sor Mam­lock, das 1938 in der Sowjet­uni­on und 1961 in der DDR von sei­nem Sohn Kon­rad ver­filmt wur­de. Die Wolfs remi­grier­ten 1945 nach Deutsch­land und wur­den dort rasch Bestand­teil des Estab­lish­ments der DDR, nicht nur im kul­tu­rel­len Bereich: Mar­kus Wolf (1923–2006), der älte­re Bru­der Kon­rads, war von 1952 bis 1986 Chef der Haupt­ver­wal­tung Auf­klä­rung, einer Abtei­lung der Sta­si, die haupt­säch­lich für Aus­lands­spio­na­ge zustän­dig war.

Wolf selbst bekräf­tig­te den nahe­zu “doku­men­ta­ri­schen” Cha­rak­ter des Films: “Umfang­rei­che Doku­men­te, poli­ti­sche, mili­tä­ri­sche, his­to­ri­sche Lite­ra­tur”  ver­bun­den mit sei­nen eige­nen Tage­buch­auf­zeich­nun­gen hät­ten die Basis des Dreh­buchs gebil­det, an dem auch Wolf­gang Kohl­haa­se mit­wirk­te, der häu­fig mit Wolf zusammenarbeitete:

Dazu kamen Wolf­gang Kohl­haa­ses Erleb­nis­se auf der ande­ren Sei­te, Erleb­nis­se eines jun­gen Deut­schen, der im faschis­ti­schen Deutsch­land auf­ge­wach­sen war. Das ermög­lich­te uns, den Men­schen von heu­te alles so zu zei­gen, wie es wirk­lich war…

Das Dreh­buch mit dem Titel “Weg in die Hei­mat” wur­de 1966 von der künst­le­ri­schen Arbeits­grup­pe Babels­berg mit fol­gen­den Wor­ten abgesegnet:

Ein sol­cher Rück­blick auf eine wich­ti­ge Etap­pe unse­rer natio­na­len Ver­gan­gen­heit, die ästhe­ti­sche Gestal­tung und Bewußt­wer­dung die­ser gewal­ti­gen his­to­ri­schen Leis­tung der ‚Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik’ dient der Ent­wick­lung natio­na­len und sozia­lis­ti­schen Selbst­be­wußt­seins. Die wir­kungs­vol­le Gestal­tung die­ses The­mas wäre auch ein wich­ti­ger künst­le­ri­scher Bei­trag im Kampf um die Lösung der natio­na­len Frage.

Es ging hier also auch um eine Befra­gung, Deu­tung und Insze­nie­rung der Geschich­te zum Zweck einer natio­na­len Iden­ti­täts­be­stim­mung, gar eines, hust, “natio­na­len und sozia­lis­ti­schen Selbst­be­wußt­seins” – im Gegen­satz zu einem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Bewußt­sein, das mit dem Schlag­wort “Faschis­mus” auch seman­tisch ent­sorgt wurde.

Wie wirk­lich kann eine Wirk­lich­keit sein, insze­niert von einem über­zeug­ten Kom­mu­nis­ten, pro­du­ziert von einem kom­mu­nis­ti­schen Staat mit stren­ger Kon­trol­le über die Film­in­dus­trie, der den Film als Para­de­stück sei­nes Kul­tur­schaf­fens fei­er­te? Zumal sich Wolf durch­aus auch als “Haltungs”-Regisseur sah, und nicht zufäl­lig dreh­ten sich etli­che sei­ner erfolg­reichs­ten Fil­me um den Natio­nal­so­zia­lis­mus. In sei­nen eige­nen Worten:

Solan­ge es Krieg gibt, solan­ge noch Klas­sen in unver­söhn­li­chem Gegen­satz ste­hen und es in der Welt Tau­sen­de und aber Tau­sen­de Men­schen gibt, die sich in uner­bitt­li­cher Feind­schaft gegen­über­ste­hen – oft durch­schau­en sie den Mecha­nis­mus des Krie­ges gar nicht – solan­ge ist die­ses The­ma nicht abge­gol­ten. Gera­de für unser Volk kann es kei­ne wah­re und ech­te Freund­schaft zu den Völ­kern der Sowjet­uni­on geben – auch von den Genera­tio­nen, die nach uns kom­men – wenn man sich nicht die­ses gemein­sa­men Teils der Ver­gan­gen­heit bewußt ist. Das betrifft auch die ande­ren Völ­ker, die unter dem Faschis­mus gelit­ten haben. Dazu reicht nicht allein das Schul­wis­sen. (1977)

In die­sem Sin­ne wur­de er bereits 1959 in dem DDR-Blatt Deut­sche Film­kunst gefeiert:

Mit sei­nen Fil­men will Wolf die Men­schen auf­klä­ren und war­nen, daß die schreck­li­chen Tage der Ver­gan­gen­heit nie wie­der her­auf­zie­hen. Die Kunst ist ihm nicht Selbst­zweck, sie ist ihm, wie schon sei­nem Vater, Waffe.

So ent­spricht Ich war neun­zehn voll­kom­men der DDR-Ortho­do­xie. Wie in der heu­ti­gen BRD war auch in der DDR die Deu­tung der Nie­der­la­ge von 1945 als “Befrei­ung” Staats­dok­trin. Die Rus­sen und Sowjets sind in Wolfs Film die Mäch­te des sozia­lis­ti­schen, fort­schritt­li­chen, auf­klä­re­ri­schen Guten, die im gerech­ten Zorn das faschis­ti­sche, kapi­ta­lis­ti­sche Böse bekämp­fen und die Anstif­ter eines ver­bre­che­ri­schen Krie­ges für ihre Unta­ten zur Ver­ant­wor­tung ziehen.

Aller­dings will der Film auch die Auf­ga­be erfül­len, die Deut­schen als Volk in das sowje­tisch-sozia­lis­ti­sche Boot hin­ein­zu­ho­len, und unter­schei­det dar­um zwi­schen deut­schen Faschis­ten und Kom­mu­nis­ten und sol­chen, die es noch wer­den kön­nen. Die Deut­schen, denen Hecker begeg­net, tei­len sich im wesent­li­chen in Ein­sich­ti­ge und Unein­sich­ti­ge – in einer Sze­ne trifft er gar auf einen buch­stäb­lich erblin­de­ten deut­schen Sol­da­ten, der glaubt, mit einem Kame­ra­den zu sprechen.

Er trifft auf den Bür­ger­meis­ter einer Klein­stadt, der sein Haken­kreuz­ban­ner kur­zer­hand in eine rote Fah­ne umge­schnei­dert hat, und die rus­si­schen Sol­da­ten anbie­dernd mit Sekt­glä­sern emp­fängt; einen deut­schen Bil­dungs­bür­ger mit gro­ßer Biblio­thek und Plat­ten­samm­lung, der in der Nähe des KZ Sach­sen­hau­sen lebt, und welt­phi­lo­so­phi­sche Mono­lo­ge hält, um sein schlech­tes Mit­läu­fer­ge­wis­sen zu beru­hi­gen; auf einen NS-Funk­tio­när, den die Sowjets an sei­nem Büro­tisch über­ra­schen, und der bit­tet, sich per Tele­fon­an­ruf in Ber­lin kor­rekt vom Dienst abmel­den zu dür­fen (der Bit­te wird stattgegeben).

Und auf ein jun­ges Mäd­chen, das Hecker, der zum pro­vi­so­ri­schen Stadt­kom­man­dan­ten von Ber­nau ernannt wur­de, um Unter­kunft bit­tet, mit den Wor­ten: “Lie­ber mit einem, als mit jedem.” Damit sind immer­hin auf zar­test­mög­li­che Wei­se die Ver­ge­wal­ti­gun­gen durch Rot­ar­mis­ten ange­deu­tet, aller­dings wird das Mäd­chen sogleich von einer rus­si­schen Sol­da­tin zusam­men­ge­staucht, die ihr wut­en­brannt die Unta­ten der Deut­schen in der Sowjet­uni­on vorhält.

Die Rus­sin hat offen­bar kein schlech­tes Gewis­sen, daß deut­sche Frau­en von ihren Lands­män­nern ver­ge­wal­tigt wer­den, das ver­zwei­fel­te deut­sche Mäd­chen jedoch gerät sofort in die Defen­si­ve: “Ich habe doch nichts gemacht. Ich doch nicht! Und wenn das alles so ist, was kann ich denn dafür, was hilft mir das jetzt?”

In einer Sze­ne wer­den frisch befrei­te deut­sche Anti­fa­schis­ten von den Rus­sen zu einer 1. Mai-Fei­er im besetz­ten Schloß Sans­sou­ci ein­ge­la­den, bewir­tet und als “Genos­sen” angesprochen.

Einer der deut­schen Kom­mu­nis­ten for­dert wütend, man sol­le jeden auf­hän­gen, “der nur eine Uni­form trägt”: “Mit Stock und Stiel aus­rot­ten das Pack, sonst fängt das in 20 Jah­ren wie­der an.” Der eifern­de Genos­se wird von einem anwe­sen­den rus­si­schen Gene­ral zur Beson­nen­heit geru­fen: Die­se Gefüh­le sei­en ver­ständ­lich, aber “mit Gefüh­len kann man kei­ne Poli­tik machen, und Rache ist ein schlech­ter Rat­ge­ber, beson­ders für die Zukunft.”

In der dar­auf fol­gen­den Sze­ne erklärt ein befrei­ter deut­scher Pro­le­ta­ri­er mit fal­ti­gem Gesicht dem (ange­deu­tet jüdi­schen) Offi­zier Gej­man (Was­si­li Liwa­now, der spä­te­re groß­ar­ti­ge “rus­si­sche Sher­lock Hol­mes”), wie er als Deutsch­leh­rer in Kiew sei­nen Schü­lern die unbe­greif­li­che Tat­sa­che erklä­ren soll, daß Hit­ler an die Macht kom­men konnte:

Deut­scher Anti­fa­schist: Die Indus­trie hat ihn bezahlt, die Reichs­wehr hat ihn gestützt, die gan­ze Mili­tär­cli­que… die Macht hat man ihm zugesteckt!

Gej­man: Aber wie soll ich das erklä­ren, Goe­the und Ausch­witz? Zwei deut­sche Namen in allen Sprachen?

Deut­scher Anti­fa­schist: Es ist auch mei­ne Sprache.

In einer ande­ren Epi­so­de des Films wird die Über­ga­be der Fes­tung Span­dau als “höf­li­che Kapi­tu­la­ti­on” geschil­dert, eine Bege­ben­heit, die sich offen­bar tat­säch­lich so zuge­tra­gen hat. Gej­man und Hecker erschei­nen vor ihrem Tor als Par­la­men­tä­re, wer­den per Strick­lei­ter hin­auf­ge­holt, um mit einer Grup­pe von Wehr­macht- und SS-Ange­hö­ri­gen zu ver­han­deln, die unter­schied­li­che Gra­de von Indok­tri­na­ti­on zei­gen und teil­wei­se immer noch an den End­sieg glauben.

Der Kom­man­dant der Fes­tung ist ein gemüt­li­cher und etwas skur­ri­ler Schwa­be (“Des isch mei zwei­da ver­lo­re­ner Krieg”), sicht­lich kriegs­mü­de; ein jun­ger und ziem­lich schnei­dig aus­se­hen­der Wehr­macht­of­fi­zier mit eiser­nem Kreuz, der von einem Waf­fen-SS-Häupt­ling den Auf­trag bekommt, die sowje­ti­schen Gesand­ten zu erschie­ßen, läßt die bei­den lau­fen, und nutzt die Gele­gen­heit zur Deser­ti­on. Die “Faschis­ten” wer­den also ins­ge­samt kei­nes­wegs dämo­ni­siert, allen­falls gele­gent­lich kari­ka­tur­haft über­zeich­net (beson­ders, wenn es um dem angeb­lich blin­den “Mili­ta­ris­mus” der Deut­schen geht), und selbst die nega­tiv dar­ge­stell­ten Cha­rak­te­re blei­ben mensch­lich greifbar.

Das hat natür­lich auch damit zu tun, daß der Film eine Art his­to­ri­sche “Brü­cke” bau­en will, denn aus die­sem besieg­ten Land soll ein­mal die glor­rei­che DDR ent­ste­hen. Hecker, der wie Wolf aus einer emi­grier­ten Kom­mu­nis­ten­fa­mi­lie stammt, aber nicht als Jude gezeich­net wird, bewegt sich in sei­ner alten Hei­mat zunächst wie ein Fremdkörper.

Er ist ein ver­bin­den­des Glied zwi­schen dem Sozia­lis­mus und der deut­schen Nati­on, zwi­schen dem rus­si­schen und dem deut­schen Volk, zwi­schen der Sowjet­uni­on und der künf­ti­gen DDR. Dabei gilt es aller­dings etli­che mensch­li­che, his­to­ri­sche und ideo­lo­gi­sche Grä­ben, Hür­den und Distan­zen zu überwinden.

Die ein­drucks­volls­te Epi­so­de ist wohl die letz­te, die buch­stäb­lich einen zu über­win­den­den Gra­ben zeigt. Sie ist sym­bo­lisch und kon­kret zugleich. Sie spielt in den ers­ten Mai­ta­gen, Hit­ler ist “kaputt”, und Hecker befin­det sich mit sei­ner Trup­pe an einem klei­nen Flußübergang.

Auf der ande­ren Sei­te des Ufers sieht er gleich­sam das ihm ent­frem­de­te, zer­schla­ge­ne, besieg­te Deutsch­land vor­bei­zie­hen: Flücht­lin­ge mit Kof­fern und Och­sen­kar­ren, Frau­en, Kin­der, Alte, jäm­mer­lich aus­se­hen­de Volks­sturm­leu­te mit umge­häng­ten Knar­ren, ver­wun­de­te Sol­da­ten. Er for­dert sie auf, sich zu erge­ben und in das rus­si­sche Lager überzusetzen.

Nach und nach über­que­ren Men­schen von der ande­ren Sei­te den Fluß. Sie wer­den von den Rus­sen gut behan­delt und ver­pflegt. Eine beson­ders gelun­ge­ne Sze­ne zeigt rus­si­sche Sol­da­ten, deut­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne und deut­sche Zivi­lis­ten beim gemein­sa­men Mahl. Sie schwei­gen alle­samt, nur das Klap­pern der Löf­fel in den Tel­lern und Blech­büch­sen ist zu hören.

Eine wei­te­re, sym­bol­haf­te Figur taucht auf: der kriegs­ge­fan­ge­ne Land­ser Wil­li Lom­mer (Die­ter Mann), ein erdi­ger Ber­li­ner, der den Glau­ben an den End­sieg schon lan­ge ver­lo­ren hat.

Er gehört also zu den “Ein­sich­ti­gen”, und freun­det sich mit Hecker an. Als uner­war­tet ein ver­spreng­ter Trupp “Unein­sich­ti­ger” von der Waf­fen-SS auf der ande­ren Sei­te des Ufers auf­taucht und das rus­si­sche Lager unter Beschuß nimmt, greift Lom­mer zu einer her­um­lie­gen­den Waf­fe und feu­ert Sei­te an Sei­te mit Hecker auf die “Faschis­ten”. Die Sym­bo­lik und poli­ti­sche Bot­schaft die­ser Sze­ne muß wohl nicht näher erläu­tert wer­den – ähn­li­che heroi­sche Front­wech­sel fin­den sich auch in ande­ren DDR-Fil­men wie Die Aben­teu­er des Wer­ner Holt (1966), aber auch in west­deut­schen Pro­duk­tio­nen wie Stei­ner – Das eiser­ne Kreuz II (wo der Prot­ago­nist zu den Ame­ri­ka­nern überläuft).

Das Gefecht am Ende des Films ist eine der weni­gen Sze­nen des Films, in denen krie­ge­ri­sche “Action” zu sehen ist. Ich war neun­zehn zeigt einen Krieg bei­na­he ohne Hor­ror, Gewalt und Gefech­te. Der Vor­marsch der Rus­sen auf Ber­lin erfolgt zügig, fast hei­ter und ohne nen­nens­wer­ten Wider­stand. Die Rote Armee scheint nur aus sym­pa­thi­schen, gemüt­vol­len und beson­ne­nen Men­schen zu bestehen, auch wenn sie hin und wie­der zor­ni­ge Ver­ach­tung für die “Faschis­ten” zeigen.

Die Befrei­ung des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Sach­sen­hau­sen wird kurz ange­deu­tet und sei­ne Gräu­el durch die Ein­schal­tung eines “Doku­men­tar­films” beschwo­ren. Auch hier erschei­nen die Sowjets als befug­te Anklä­ger und Auf­de­cker von Ver­bre­chen, bei­na­he wie Poli­zis­ten, die gekom­men sind, Kri­mi­nel­le zu ver­haf­ten und ding­fest zu machen. Der “Doku­men­tar­film” ist aller­dings ein DEFA-Pro­pa­gan­da­stück, Todes­la­ger Sach­sen­hau­sen aus dem Jahr 1946, das höl­zern-didak­tisch insze­niert und sehr offen­sicht­lich “gespielt” ist.

Einer der Hen­ker von Sach­sen­hau­sen, der Funk­ti­ons­häft­ling Paul Sakow­ski, erklärt eini­gen sowje­ti­schen Offi­zie­ren mit beton­ter Sach­lich­keit die Funk­ti­on eines Gas­hah­nes und einer Genick­schuß­an­la­ge, die zum Zweck des Film­drehs “restau­riert” und 1952 wie­der abge­räumt wur­den. Es wird betont, daß Men­schen aller Natio­nen in die­sem Lager Opfer wur­den, beson­ders aber rus­si­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne. Eine beson­de­re Rol­le der Juden unter den NS-Opfern wird in dem gesam­ten Film nicht postuliert.

Er macht sei­nen Zuse­hern die Sache auch nicht dadurch kom­pli­zier­ter, indem er etwa das “Spe­zi­al­la­ger Sach­sen­hau­sen” erwähnt, wo zwi­schen 1945–50 tau­sen­de Men­schen umka­men (dar­un­ter der Schau­spie­ler Hein­rich Geor­ge). Oder die Tat­sa­che, daß der zum Hand­lan­ger­dienst gezwun­ge­ne, selbst mas­siv geschun­de­ne KZ-Häft­ling Paul Sakow­ski ein über­zeug­ter Kom­mu­nist war, der wie Kon­rad Wolf aus einer tief­ro­ten Fami­lie stamm­te und bereits als Vier­zehn­jäh­ri­ger das ers­te Mal von der Gesta­po ver­haf­tet und miß­han­delt wor­den war. Die Sowjets bau­ten ihn in ihrer Pro­pa­gan­da gezielt zum “Hen­ker von Sach­sen­hau­sen” auf und ver­ur­teil­ten ihn in einem sta­li­nis­ti­schen Schau­pro­zeß zu lebens­lan­ger Zwangsarbeit.

Sakow­ski ver­brach­te über 30 Jah­re sei­nes Lebens in Haft: in einem KZ (Sach­sen­hau­sen), einem Gulag (Worku­ta) sowie diver­sen NKWD- und DDR-Gefäng­nis­sen. Er war mit­hin ein ähn­lich tra­gi­scher Pech­vo­gel wie der Prot­ago­nist jener haar­sträu­ben­den wah­ren Geschich­te, die Ernst von Salo­mon in sei­nem Buch Das Schick­sal des A.D. – ein Mann im Schat­ten der Geschich­te (1959/60) erzählt hat.

Der Ver­such, mit die­sem “doku­men­ta­ri­schen” Aus­schnitt näher an die his­to­ri­sche Wirk­lich­keit zu rücken, geht aller­dings ästhe­tisch ziem­lich nach hin­ten los. Dies bemerk­te auch der Ver­fas­ser die­ser Arbeit für die Uni­ver­si­tät Köln (2005), der ich etli­che Infor­ma­tio­nen und Zita­te zu dem Film ent­nom­men habe:

Setzt man dies in Ver­bin­dung mit Wolfs oben genann­ten Äuße­run­gen, so erkann­te Wolf, dass er hier nur mit „ech­ten“ Doku­men­tar­auf­nah­men aus Sach­sen­hau­sen arbei­ten konn­te, da alles ande­re unglaub­wür­dig gewe­sen wäre. Soweit kann man Wolfs Gedan­ken­gang nachvollziehen.

Jedoch besteht ein Pro­blem in den ver­wen­de­ten Aus­schnit­ten selbst. Der Doku­men­tar­film wirkt durch die Sach­lich­keit des „Hen­kers“ und die anwe­sen­den sowje­ti­schen Offi­zie­re unglaub­wür­dig, bizarr und gestellt, ja fast schon fik­tio­nal. Zudem wird das gan­ze durch Gre­gors Dusch­sze­nen unter­bro­chen und dadurch der Zuschau­er irri­tiert. In einer Umfra­ge von 1968 unter jugend­li­chen Zuschau­ern zeig­te sich, dass nicht alle die­se Sze­nen als Doku­men­tar­auf­nah­men ver­stan­den hat­ten. Außer­dem schätz­ten 27% die Aus­schnit­te als nicht über­zeu­gend ein.

Erwar­tungs­ge­mäß zeigt sich die Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung nicht ganz so kri­tisch in ihrer Emp­feh­lung des Films für den Schul­un­ter­richt, und ver­liert kein ein­zi­ges Wort über sei­nen stramm kom­mu­nis­ti­schen Hin­ter­grund. Die Eltern des Prot­ago­nis­ten Gre­gor Hecker wer­den ledig­lich als “poli­tisch enga­giert” bezeich­net, und der Autor stürzt sich ziel­ge­ra­de auf die schwächs­ten Tei­le des Films, wobei er andeu­tungs­wei­se bemä­kelt, daß sein Anti­fa­schis­mus “aus heu­ti­ger Sicht” nicht gründ­lich genug sei:

Gre­gor Hecker ist weni­ger Han­deln­der als auf­merk­sa­mer Beob­ach­ter. Er ver­sucht zu begrei­fen, wie es zu den Gräu­el­ta­ten der Natio­nal­so­zia­lis­ten kom­men konn­te, die im Film durch ein­mon­tier­te Sze­nen aus dem DEFA-Doku­men­tar­film Todes­la­ger Sach­sen­hau­sen (Richard Brandt, Deutsch­land 1946) ver­deut­licht wer­den. Im Geschichts­un­ter­richt lässt sich dis­ku­tie­ren, ob die im Film ange­bo­te­nen Erklä­rungs­ver­su­che – deut­scher Unter­ta­nen­geist, preu­ßi­sches Pflicht­ge­fühl, ver­blen­de­ter Fana­tis­mus – aus heu­ti­ger Sicht ausreichen.

Ins­ge­samt gilt auch für Ich war neun­zehn, was Erik Leh­nert, selbst ein “Ossi”, in dem dem­nächst erschei­nen­den Antai­os-Band Das Buch im Haus neben­an über Die­ter Nolls Die Aben­teu­er des Wer­ner Holt schreibt: Es sei zwar “durch­tränkt von DDR-Ideo­lo­gie, aber es ist echt, jeden­falls in wei­ten Tei­len.” Trotz aller his­to­ri­schen Klit­te­rung und erzie­he­ri­schen Absicht ent­hält der auch optisch star­ke Film vie­le Sze­nen und Cha­rak­te­re, die “authen­tisch” schme­cken, und zwei­fel­los die  Erfah­run­gen Wolfs widerspiegeln.

Ich war neun­zehn ist in sei­nem nicht-ideo­lo­gi­schen Kern ein legi­ti­mes Stück sub­jek­tiv erleb­ter Geschich­te. Man soll­te aber nicht ver­ges­sen, daß es unzäh­li­ge Geschich­ten des zwei­ten Welt­kriegs gibt, die nie­mals Film­stoff wur­den und wohl auf lan­ge Sicht auch nicht sein werden.

Ich den­ke nun etwa an das Buch eines Man­nes, der wie Wolf Jahr­gang 1925 war und auf der ande­ren Sei­te der Front stand, als Mit­glied der Waf­fen-SS: Wolf­gang Ven­ohrs erschüt­tern­der auto­bio­gra­phi­scher Bericht Die Abwehr­schlacht zeigt, daß man auch die­sen Teil der kämp­fen­den Trup­pen nicht pau­schal ver­ur­tei­len oder dämo­ni­sie­ren kann (was in den fünf­zi­ger Jah­ren sowohl Kurt Schu­ma­cher als auch Kon­rad Ade­nau­er öffent­lich bekräftigten).

Wahr­schein­li­cher ist, daß man auch in Zukunft vor­wie­gend Fil­me über deut­sche Unta­ten sehen wird, wie Der Haupt­mann, der die blu­ti­ge Köpe­ni­ckia­de eines wei­te­ren 19jährigen Deut­schen des Jahr­gangs 1925, Wil­li Herold, thematisiert.

Zuletzt sei noch her­vor­ge­ho­ben, daß sich der jun­ge Rot­ar­mist Kon­rad Wolf kei­nes­wegs als “Befrei­er” des deut­schen Vol­kes sah:

Ich war Ange­hö­ri­ger der sowje­ti­schen Armee. Mei­ne Gefüh­le unter­schie­den sich nicht wesent­lich von denen mei­ner Kame­ra­den und Freun­de in der Armee. Ich sah in den Sol­da­ten der Hit­ler­wehr­macht mei­ne Geg­ner, die die­sen ver­bre­che­ri­schen Krieg begon­nen hat­ten. Sie hat­ten ein Land, das mir sehr nahe stand, zer­stört. Men­schen, mit denen ich auf­ge­wach­sen war, wur­de schwe­res Leid zuge­fügt. Als wir auf deut­sches Gebiet kamen, kam erst­mals ein zwie­späl­ti­ges Gefühl auf.  (1977)

Mit his­to­ri­schem Recht spre­chen wir heu­te von Befrei­ung, aber der Begriff wur­de in bezug auf die Deut­schen von uns nicht ver­wen­det – und schon gar nicht von den Deut­schen so emp­fun­den! Für mich war es auch nicht die Stun­de Null: Für mich war es die Stun­de Zwölf, der Höhe­punkt, das end­lich erreich­te Ziel. Ein gro­ßes Fest. Eine Genug­tu­ung. (…) Ich war in Maj­da­nek, in Sach­sen­hau­sen, ich habe War­schau wäh­rend des Auf­stan­des und danach erlebt. Ber­lin war für mich Sinn­bild des­sen, wo das alles her­kam, das Leid, die Mil­lio­nen Toten, der Wahn­sinn, der Fana­tis­mus. Ber­lin war kei­ne Stadt mehr, es war ein Leich­nam. (1964)

 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (16)

RMH

9. Mai 2020 18:50

Rechtzeitiger Fahnenwechsel zahlt sich kulturell aus. Italien hatte mit der schon vor 45 begonnenen neorealistischen Phase im Film ab 45 echte, bleibende cineastische Meisterwerke schaffen können, die man noch heute gut ansehen kann.

Dieser DEFA-Schmonz (Sorry), den man immer erst noch irgendwie deuten, entkernen etc. muss, ist mir als nahe der Zonengrenze "ohnender mit ehem. DDR-Fernseh-Empfang recht gut bekannt, da wir als junge, gymnasiale Militaristen mit Hobby des Modellbaus und der halben Wehrmacht und Kriegsmarine aus Plastik in den Regalen, diese Filme wegen ihrem noch aus UFA-Zeiten herrührenden hohem handwerklichen Standard durchaus zu schätzen wussten (allein, wie in dem erwähnten Die Abenteuer des Werner Holt mit T 34 Panzern durch ein Dorf gebrettert wird, ist alle Achtung wert). Heute brauche ich das nicht mehr - ist Zeitverschwendung. Ab 45 sollte die deutsche Kultur vernichtet werden. Gegen 45 anzukämpfen, bedeutet mithin eine Wiederbelebung der deutschen Kulturnation und nicht zwingend eine Änderung der bestehenden polit. Rahmenbedingungen.

Augustinus

9. Mai 2020 19:36

Meine Mutter hat das Kriegsende unbeschadet überlebt. Sie war damals 10, hat im Westen gelebt und die einrückenden Soldaten haben von den Panzern Süßigkeiten und Kaugummis an die Kinder verteilt.

Aber vor Kriegsende wurde sie von Tieffliegern beschossen. Sie und ihre Freundinnen konnten sich noch eben in einem Graben in Sicherheit begeben. 

Meine Mutter hat das nicht erfunden. Die Flieger haben damals wirklich auf spielende Kinder geschossen. Welchen militärischen Sinn sollte es haben in einem Krieg Kinder zu ermorden?

Von diesen Kindesmördern ist niemals jemand zur Verantwortung gezogen worden, noch wurde einer vor ein Kriegsgericht gestellt.

Steinmeier ist ein Arxxx, er hat keinen Bezug zu der Generation 85+ und was sie damals erleiden musste. Es ist ihm egal. Befreiung ... Quatsch, schon Weizsäcker hat in der Hinsicht Blödsinn geredet.

Im Gegensatz zu vielen Deutschen war das Kriegsende für die KZ-Häftlinge andererseits wirklich eine Befreiung ... das ist richtig.

 

Gustav Grambauer

9. Mai 2020 20:25

Der Film ist vor allem als Kontrast zu den `65er Tresorfilmen zu sehen. Hier Honis vier Botschaften:

1. Leute, seht es alle: der Wünsch-dir-was-Sack ist und bleibt zu.

2. Melde mich aus dem Hintern von Breschnew: ihr bekommt einen Vorgeschmack auf meine 70er, in denen ihr auf allen Kanälen auf meinen "u-hunverbrü-hüchlichen Bru-huderbu-hund mit der SU" getrimmt werdet.

3. Baue wieder auf die Moskauer - die Spanien-Mexiko-Clique, Trotzkisten, Ausländer, Nazi-Mitläufer & Ex-KZ-Insassen, Bürgerliche und sonstiges Kroppzeug können sich bei meinem Kulturministerium ganz hinten anstellen.

4. In die Rumpelkammer mit Willi Schwabe, wir brauchen keine bourgeoisen Affen mit Ifflandring-Gehabe mehr, ich will auf der Leinwand "junge Talente" sehen, möglichst aus der Zucht meiner FDJ. (Wurde noch viel härter z. B. in der Unterhaltungsmusik durchgesetzt.)

Karma: er konnte dies, wenn überhaupt, nur vier, fünf, sechs Jahre durchziehen. Wolf, der noch `76 die Ausbürgerung Biermanns öffentlich begrüßt hatte, hat `80 mit Solo Sunny die im Prenzlberg gestrandeten "feindlich-negativen" (individualistischen) Randexistenzen eine Stimme gegeben. Hätte er `89 erlebt, hätte er sich wohl wie sein Bruder ("Die Troika", sic) zur Berija-Schiene und damit gegen die Sowjetarmee bekannt. Und Schwarz ist später privat als auch als KHK Schmücke im Hallenser Polizeiruf Inbegriff des Ossi-Bourgeois geworden, schätze ihn heute auf 280 Pfund Gewicht.

- G. G.

Gustav Grambauer

9. Mai 2020 20:26

Hier gibt`s die Bilder von der Premiere (bei 19:30):

Berlin 1968

- G. G.

sokrates399

9. Mai 2020 21:07

Wie sieht der Schriftsteller Curzio Malaparte, der im Laufe seines Lebens sowohl Faschist, Kommunist und Katholik war, in seinem grandiosen Roman „Die Haut“ die „Befreiung“ in Italien: „Diese Menschen (im von der US-Armee besetzten Neapel) werden im Schmerz geboren, sie sterben im Schmerz und sie auferstehen wieder in Reinheit … Und wir reihten uns ein in den Zug der Totengräber, wir gingen hinter der Fahne her. Es war eine Fahne aus Menschenhaut … Aus den Kloaken ... kamen wie die Ratten die Helden der letzten Stunde (i.e. die Partisanen), die Tyrannen von morgen hervorgekrochen – die heldischen Ratten der Freiheit, die eines Tages ganz Europa besetzen würden“ … Auch und insbesondere Christus habe den Krieg verloren: „Es ist eine Schande, im Kriege zu siegen.“

Lesen, um zu wissen, was Befreiung heißt, auch wenn der amerikanische Offizier französisch parliert und die Antike kennt.

Es gibt auch eine Verfilmung mit Marcello Mastroianni und Burt Lancaster.

 

RMH

9. Mai 2020 23:05

Wie wird denn der Film "Die Brücke" von 59 (BRD), der ja auch das Ende 45 behandelt, gewertet?

Gracchus

9. Mai 2020 23:51

@RMH

Ich habe Wickis Die Brücke als ganz gut, andererseits aber nur noch vage in Erinnerung.

Sie schreiben: "Ab 45 sollte die deutsche Kultur vernichtet werden. Gegen 45 anzukämpfen, bedeutet mithin eine Wiederbelebung der deutschen Kulturnation und nicht zwingend eine Änderung der bestehenden polit. Rahmenbedingungen."

Begann die deutsche Kulturvernichtung nicht schon (spätestens) 1933? M. E.: ja. Man kann das natürlich auf den 1. Weltkrieg zurückführen - dennoch: Für mich zeigen sich darin starke autodestruktive Elemente, die über 45 bis heute fortwirken. 

RMH

10. Mai 2020 09:39

@Gracchus,

45 war das sichtbare Ende. Und jedes Ende hat oft lange Anfänge. Die Idee der Kulturnation geistert seit einiger Zeit wieder durch meinen Kopf, beeinflusst durch eine Wiederbeschäftigung mit der Zeit 1750 bis Vormärz. Damals gab es formal noch das heilige, römische Reich (bis 1806), aber Deutschland war faktisch zersplittert, politische Einheit weit entfernt und der deutsche Geist machte sich auf den Weg - über alle Grenzen hinweg.

Zum Thema Film: Es ist ja nicht so, dass die Deutschen ab 45 auf einmal auf die totale Verdrängung und im Westen auf den totalen Konsum gesetzt haben. Die 50er waren eben nicht nur Heimatfilm, Komödie, Schlager und Nierentische. Es gab auch etliche Filme zum Kriegsthema, die Brücke und des Teufels General dürften die beiden sein, die bis heute noch Wirkung haben bzw. gerne gezeigt werden. Über die anderen deckt man eher den Mantel des Schweigens, da der deutsche Soldat (noch) nicht als Verbrecher gezeigt wird (ich mag diese Filme aber aus anderen Gründen nicht).

Laurenz

10. Mai 2020 10:11

Man mag von Remarque halten, was man will, mir egal, auch wenn Remarque quasi das Gegenmodell zu Jünger darstellt. Bei den Nationalsozialisten war sein Werk "Im Westen nichts Neues" verboten. Aber wenn die US Amerikaner jemals in der Lage waren einen literarischen Stoff aus Europa filmisch umzusetzen, dann in jener Zeit. https://de.wikipedia.org/wiki/Im_Westen_nichts_Neues_(1930)

Man kann auch dem Kubrick-Film https://www.moviebreak.de/film/paths-of-glory "Wege zum Ruhm" aus 1957 etwas abgewinnen, auch wenn weder Kubrick noch Douglas denselben Film über 1948 (Israel) gedreht hätten.

Jetzt mögen mir meine Mit-Foristen vorhalten, ich hätte Filme ausgewählt, die im I. Weltkrieg und nicht im II. spielen. Ja, sicher, das ist der Punkt. Macht das denn einen Unterschied? Ich denke, nein.

Niekisch

10. Mai 2020 13:10

"Ich habe Wickis Die Brücke als ganz gut, andererseits aber nur noch vage in Erinnerung."

Auch ich war wie die beteiligten jungen "Soldaten" so 16/17, als ich die "Brücke" sah. Der Schwarz-Weiß-Film war eindrücklicher als jeder Buntfilm. Mir ist besonders die Szene in Erinnerung geblieben, als ein amerikanischer Infanterist einen Bauchschuss erhält, seine Gedärme herunterhängen und er den Deutschen zuruft: "Kindergarden". Die beteiligten Deutschen wurden hier eher als Opfer dargestellt, weniger als Verbrecher.

KlausD.

10. Mai 2020 14:17

"Frontwechsel finden sich auch in anderen DDR-Filmen wie Die Abenteuer des Werner Holt"

Der Held es Films, Werner Holt, wechselt nicht die Front.

ML: Na doch, er schießt ja am Schluß auf die SS...

Der Roman (nicht der Film!) „Die Abenteuer des Werner Holt“ war mein bewußtes „Erleben“ des Krieges aus Sicht eines 16-Jährigen. 
Er (Teil 1) beginnt 1943 in einer kleinen Stadt im Westen Deutschlands, z.B. hier: 
„Sie lag lang ausgestreckt im Gras. Sie trug einen roten, zweiteiligen Badeanzug. Ihr Körper war gleichmäßig braungebrannt, nur an der Brust, wo sich der Badeanzug ein wenig verschoben hatte, wurde ein Streifen weißer Haut sichtbar … er sah lange auf ihr Gesicht, auf ihren Mund, er dachte: Es schaut keiner her … ob sie sich wehrt, wenn ich sie küsse?“
Und endet so:
„Namen von Lagern: Heidesheim, Kreuznach, Büdesheim … achtundzwanzig Camps …  dreihunderttausend Gefangene. 
Sie lagerten auf dem blanken Erdboden, wühlten mit bloßen Händen Mulden und Löcher, schliefen wie Tiere eng aneinandergepreßt. 
Regen fiel ... nasser Schnee ... Aber er widerstand dem Typhus, der die Camps lichtete … Holt bot ein Bild menschlichen Verfalls … Trotz Ruhr und Durchfall hatte er sich wochenlang nicht reinigen können. Er verstreute Händevoll Chlorkalk in seiner Kleidung ... die Haut reagierte mit Entzündung und Ausschlag.“

RMH

10. Mai 2020 15:04

Nachtrag:

Da ich Eingangs den italienischen Neorealismus erwähnte, der sich auch in den sog. Trümmerfilmen aus Deutschland niedergeschlagen hat:

Es gibt ja auch den Film R. Rossellinis "Deutschland im Jahre 0" aus dem Jahr 1948. Ich kann mich jetzt nicht daran erinnern, den Film jemals selber gesehen zu haben, aber alleine der Titel und das, was ich dazu auf die schnelle im I-Net an Textbeschreibung finden konnte, lassen ihn interessant erscheinen, zumal ich einem Italiener - vorsichtig - eine gewisse "Neutralität" bei der Behandlung solcher Themen als Vorschuss einräumen würde.

Von den damaligen "Trümmerfilmen" habe ich noch "Die Mörder sind unter uns" gut im Gedächtnis. Sehr gut gemacht und schon mit einer gewissen Tendenz.

Martin Lichtmesz

10. Mai 2020 16:18

Hier ein alter JF-Artikel (2010) von mir zum Thema "Trümmerfilme" 1945-48, ich sehe sie auch recht positiv.

Tatsächlich leisteten die untersuchten Filme einen beachtlichen, gewissenhaften und zum Teil recht komplexen Beitrag zur zu diesem Zeitpunkt noch von echten und notwendigen moralischen Impulsen geleiteten „Bewältigung“ und lieferten die Blaupause für deren bis heute gängige Muster. Daß die Ergebnisse nur vorläufig, improvisiert und bruchstückhaft sein konnten, ist leicht aus den historischen, psychologischen und materiellen Umständen der Entstehungsjahre zu erklären. Es ging den Filmemachern nicht nur darum, die Lebenswirklichkeit nach dem Krieg widerzuspiegeln , sondern nach Shandley auch eine „Kultur der Erlösung“ zu schaffen, als deren „sieben Säulen“ er nennt: „Wiedergutmachung – Aussöhnung – Neudefinierung – Wiederstabilisierung – Wiedereingliederung – Wiederaufbau – Reprivatisierung“. Sie betrieben Identitätspolitik für die mehrfach gebrochenen Deutschen, um stabile und gangbare Wege aufzuzeigen.

KlausD.

10. Mai 2020 17:12

@Martin Lichtmesz

Der Held es Films, Werner Holt, wechselt nicht die Front.
ML: Na doch, er schießt ja am Schluß auf die SS...

Ein offener Frontwechsel wird nicht vollzogen. Seinen Freund Sepp Gomulka läßt er allein zur Roten Armee überlaufen mit dem Argument, er wolle "Deutschland nicht verraten in seiner schwersten Stunde" (s. S. 463)

Die Szene zum Schluß ergibt sich aus einer rein privaten Abrechnung zwischen dem SS-Mann Meißner und Wolzow. Ja, richtig - und Holt versieht die Feuerstöße mit dem Ausruf: "Die Rechnung (für Gräueltaten der SS) wurde beglichen, für die Sägemühle, für die Gestreiften, für Gundels Eltern ..."

ML: Ok, lasse ich gelten.

Niekisch

10. Mai 2020 18:02

"auch eine „Kultur der Erlösung“ zu schaffen, als deren „sieben Säulen“ er nennt: „Wiedergutmachung – Aussöhnung – Neudefinierung – Wiederstabilisierung – Wiedereingliederung – Wiederaufbau – Reprivatisierung“. Sie betrieben Identitätspolitik für die mehrfach gebrochenen Deutschen, um stabile und gangbare Wege aufzuzeigen."

Dafür sollten wir für immer und ewig dankbar sein. Sie hatten oder übernahmen autonom den Auftrag, aber auch die Anmaßung und den Mut, für uns und über uns zu bestimmen. Eine Art Seelenimperialismus, ein psychologisches Experiment ohne wirkliche Therapie. Auf unsere kollektiven Traumata einwirkende, heilende Narrative, angelehnt an das gute Alte, auch der Zeit von 1933-1945, warten wir bis heute.

Gracchus

10. Mai 2020 19:11

@RMH

Die neorealistischen Filme Rosselinis habe ich auch in guter Erinnerung. 

Ihren Überlegungen zur "Kulturnation" kann ich einiges abgewinnen. Davon sind wir derzeit weit entfernt. Wir sind nun eine Nation aus "Faktencheckern" und "Verschwörungstheoretikern". Die Tragödie scheint nun in das Stadium ihrer Komödie angelangt. 

Ideenhistoriker werden es vielleicht datieren können, irgendwann nach 45 wurde die deutsche Kultur unter Generalverdacht gestellt, so als führe ein direkter Weg von Weimar nach Auschwitz.

Ich merke, zum 8. Mai fällt es mir schwer etwas zu sagen, zum einen als Nachgeborener, zum anderen weil es sich um Binsen handeln würde und drittens weil man schnurstracks in einen toxischen Schulddiskurs gerät. 

Off topic (oder auch nicht): Die Lektüre des hier im Forum von Kubitschek und linkswoderdaumen lobend erwähnten Erhard Kästner lohnt sich!

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