9. Mai 2020

Das Jahr 1945 im Film (2) – „Ich war neunzehn“

Martin Lichtmesz / 16 Kommentare

Ausgehend von meinen Überlegungen zur filmischen Darstellung von Geschichte, möchte ich nun den Film Ich war neunzehn von Konrad Wolf näher betrachten.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Ich war neunzehn wurde 1967 mit Unterstützung der Sowjetarmee und der Nationalen Volksarmee gedreht. Die Handlung erstreckt sich vom 16. April bis zum 8. Mai 1945, während die rote Armee Richtung Berlin vorrückt. Gedreht wurde dabei an Originalschauplätzen in der Mark Brandenburg und in Potsdam-Babelsberg, dem Sitz der DEFA- (und vormals UFA-)Studios. Premiere war in Ost-Berlin im Februar 1968, kurz vor dem Prager Frühling, von dem die Tschechen im August unter anderem durch ostdeutsche Truppen befreit wurden.

Die DEFA stand natürlich unter Kontrolle der SED, die im Film in erster Linie ein Propgandamedium sah. "Antifaschistische" Filme hatten in der DDR seit der allerersten DEFA-Produktion Die Mörder sind unter uns (1946) von Wolfgang Staudte Tradition, und sie dienten natürlich vor allem dazu, den Kommunismus in einem heldenhaften Licht erstrahlen und die Sowjets als Befreier erscheinen zu lassen.

Die DEFA war unter sowjetischer Aufsicht in der östlichen Besatzungszone gegründet worden. Ein hochrangiger Leiter der Sowjetischen Militäradministration verkündete in einer Festansprache ihre propagandistischen Ziele:

.... Ausrottung der Reste des Nazismus und Militarismus aus dem Gewissen eines jeden Deutschen, das Ringen um die Erziehung des deutschen Volkes, insbesondere der Jugend, im Sinne der echten Demokratie und Humanität...

Ich war neunzehn erzählt in episodischer Form die Erlebnisse eines jungen sowjetischen Leutnants deutscher Herkunft, dessen Eltern Kommunisten waren und nach der Machtübernahme Hitlers in die Sowjetunion emigrierten. Er kehrt als Fremder und Soldat in seine frühere Heimat zurück, und wird dabei immer wieder mit seiner Herkunft konfrontiert, was ihn oft peinlich berührt. Seine Hauptaufgabe ist Propaganda-Arbeit: Per Lautsprecher fordert er in deutscher Sprache die Soldaten der Wehrmacht zur Kapitulation auf.

Der junge Leutnant Gregor Hecker (Jaecki Schwarz) ist ein Alter Ego des Regisseurs Konrad Wolf (1925-1982) selbst, der in diesem Film seine eigenen Kriegserlebnisse autobiographisch verarbeitete. Wolf war jüdischer Herkunft und stammte aus einer Familie überzeugter Kommunisten; sein Vater Friedrich Wolf (1888-1953) war Autor des antifaschistischen Dramas Professor Mamlock, das 1938 in der Sowjetunion und 1961 in der DDR von seinem Sohn Konrad verfilmt wurde. Die Wolfs remigrierten 1945 nach Deutschland und wurden dort rasch Bestandteil des Establishments der DDR, nicht nur im kulturellen Bereich: Markus Wolf (1923-2006), der ältere Bruder Konrads, war von 1952 bis 1986 Chef der Hauptverwaltung Aufklärung, einer Abteilung der Stasi, die hauptsächlich für Auslandsspionage zuständig war.

Wolf selbst bekräftigte den nahezu "dokumentarischen" Charakter des Films: "Umfangreiche Dokumente, politische, militärische, historische Literatur"  verbunden mit seinen eigenen Tagebuchaufzeichnungen hätten die Basis des Drehbuchs gebildet, an dem auch Wolfgang Kohlhaase mitwirkte, der häufig mit Wolf zusammenarbeitete:

Dazu kamen Wolfgang Kohlhaases Erlebnisse auf der anderen Seite, Erlebnisse eines jungen Deutschen, der im faschistischen Deutschland aufgewachsen war. Das ermöglichte uns, den Menschen von heute alles so zu zeigen, wie es wirklich war...

Das Drehbuch mit dem Titel "Weg in die Heimat" wurde 1966 von der künstlerischen Arbeitsgruppe Babelsberg mit folgenden Worten abgesegnet:

Ein solcher Rückblick auf eine wichtige Etappe unserer nationalen Vergangenheit, die ästhetische Gestaltung und Bewußtwerdung dieser gewaltigen historischen Leistung der ‚Deutschen Demokratischen Republik’ dient der Entwicklung nationalen und sozialistischen Selbstbewußtseins. Die wirkungsvolle Gestaltung dieses Themas wäre auch ein wichtiger künstlerischer Beitrag im Kampf um die Lösung der nationalen Frage.

Es ging hier also auch um eine Befragung, Deutung und Inszenierung der Geschichte zum Zweck einer nationalen Identitätsbestimmung, gar eines, hust, "nationalen und sozialistischen Selbstbewußtseins" - im Gegensatz zu einem nationalsozialistischen Bewußtsein, das mit dem Schlagwort "Faschismus" auch semantisch entsorgt wurde.

Wie wirklich kann eine Wirklichkeit sein, inszeniert von einem überzeugten Kommunisten, produziert von einem kommunistischen Staat mit strenger Kontrolle über die Filmindustrie, der den Film als Paradestück seines Kulturschaffens feierte? Zumal sich Wolf durchaus auch als "Haltungs"-Regisseur sah, und nicht zufällig drehten sich etliche seiner erfolgreichsten Filme um den Nationalsozialismus. In seinen eigenen Worten:

Solange es Krieg gibt, solange noch Klassen in unversöhnlichem Gegensatz stehen und es in der Welt Tausende und aber Tausende Menschen gibt, die sich in unerbittlicher Feindschaft gegenüberstehen – oft durchschauen sie den Mechanismus des Krieges gar nicht – solange ist dieses Thema nicht abgegolten. Gerade für unser Volk kann es keine wahre und echte Freundschaft zu den Völkern der Sowjetunion geben – auch von den Generationen, die nach uns kommen – wenn man sich nicht dieses gemeinsamen Teils der Vergangenheit bewußt ist. Das betrifft auch die anderen Völker, die unter dem Faschismus gelitten haben. Dazu reicht nicht allein das Schulwissen. (1977)

In diesem Sinne wurde er bereits 1959 in dem DDR-Blatt Deutsche Filmkunst gefeiert:

Mit seinen Filmen will Wolf die Menschen aufklären und warnen, daß die schrecklichen Tage der Vergangenheit nie wieder heraufziehen. Die Kunst ist ihm nicht Selbstzweck, sie ist ihm, wie schon seinem Vater, Waffe.

So entspricht Ich war neunzehn vollkommen der DDR-Orthodoxie. Wie in der heutigen BRD war auch in der DDR die Deutung der Niederlage von 1945 als "Befreiung" Staatsdoktrin. Die Russen und Sowjets sind in Wolfs Film die Mächte des sozialistischen, fortschrittlichen, aufklärerischen Guten, die im gerechten Zorn das faschistische, kapitalistische Böse bekämpfen und die Anstifter eines verbrecherischen Krieges für ihre Untaten zur Verantwortung ziehen.

Allerdings will der Film auch die Aufgabe erfüllen, die Deutschen als Volk in das sowjetisch-sozialistische Boot hineinzuholen, und unterscheidet darum zwischen deutschen Faschisten und Kommunisten und solchen, die es noch werden können. Die Deutschen, denen Hecker begegnet, teilen sich im wesentlichen in Einsichtige und Uneinsichtige - in einer Szene trifft er gar auf einen buchstäblich erblindeten deutschen Soldaten, der glaubt, mit einem Kameraden zu sprechen.

Er trifft auf den Bürgermeister einer Kleinstadt, der sein Hakenkreuzbanner kurzerhand in eine rote Fahne umgeschneidert hat, und die russischen Soldaten anbiedernd mit Sektgläsern empfängt; einen deutschen Bildungsbürger mit großer Bibliothek und Plattensammlung, der in der Nähe des KZ Sachsenhausen lebt, und weltphilosophische Monologe hält, um sein schlechtes Mitläufergewissen zu beruhigen; auf einen NS-Funktionär, den die Sowjets an seinem Bürotisch überraschen, und der bittet, sich per Telefonanruf in Berlin korrekt vom Dienst abmelden zu dürfen (der Bitte wird stattgegeben).

Und auf ein junges Mädchen, das Hecker, der zum provisorischen Stadtkommandanten von Bernau ernannt wurde, um Unterkunft bittet, mit den Worten: "Lieber mit einem, als mit jedem." Damit sind immerhin auf zartestmögliche Weise die Vergewaltigungen durch Rotarmisten angedeutet, allerdings wird das Mädchen sogleich von einer russischen Soldatin zusammengestaucht, die ihr wutenbrannt die Untaten der Deutschen in der Sowjetunion vorhält.

Die Russin hat offenbar kein schlechtes Gewissen, daß deutsche Frauen von ihren Landsmännern vergewaltigt werden, das verzweifelte deutsche Mädchen jedoch gerät sofort in die Defensive: "Ich habe doch nichts gemacht. Ich doch nicht! Und wenn das alles so ist, was kann ich denn dafür, was hilft mir das jetzt?"

In einer Szene werden frisch befreite deutsche Antifaschisten von den Russen zu einer 1. Mai-Feier im besetzten Schloß Sanssouci eingeladen, bewirtet und als "Genossen" angesprochen.

Einer der deutschen Kommunisten fordert wütend, man solle jeden aufhängen, "der nur eine Uniform trägt": "Mit Stock und Stiel ausrotten das Pack, sonst fängt das in 20 Jahren wieder an." Der eifernde Genosse wird von einem anwesenden russischen General zur Besonnenheit gerufen: Diese Gefühle seien verständlich, aber "mit Gefühlen kann man keine Politik machen, und Rache ist ein schlechter Ratgeber, besonders für die Zukunft."

In der darauf folgenden Szene erklärt ein befreiter deutscher Proletarier mit faltigem Gesicht dem (angedeutet jüdischen) Offizier Gejman (Wassili Liwanow, der spätere großartige "russische Sherlock Holmes"), wie er als Deutschlehrer in Kiew seinen Schülern die unbegreifliche Tatsache erklären soll, daß Hitler an die Macht kommen konnte:

Deutscher Antifaschist: Die Industrie hat ihn bezahlt, die Reichswehr hat ihn gestützt, die ganze Militärclique... die Macht hat man ihm zugesteckt!

Gejman: Aber wie soll ich das erklären, Goethe und Auschwitz? Zwei deutsche Namen in allen Sprachen?

Deutscher Antifaschist: Es ist auch meine Sprache.

In einer anderen Episode des Films wird die Übergabe der Festung Spandau als "höfliche Kapitulation" geschildert, eine Begebenheit, die sich offenbar tatsächlich so zugetragen hat. Gejman und Hecker erscheinen vor ihrem Tor als Parlamentäre, werden per Strickleiter hinaufgeholt, um mit einer Gruppe von Wehrmacht- und SS-Angehörigen zu verhandeln, die unterschiedliche Grade von Indoktrination zeigen und teilweise immer noch an den Endsieg glauben.

Der Kommandant der Festung ist ein gemütlicher und etwas skurriler Schwabe ("Des isch mei zweida verlorener Krieg"), sichtlich kriegsmüde; ein junger und ziemlich schneidig aussehender Wehrmachtoffizier mit eisernem Kreuz, der von einem Waffen-SS-Häuptling den Auftrag bekommt, die sowjetischen Gesandten zu erschießen, läßt die beiden laufen, und nutzt die Gelegenheit zur Desertion. Die "Faschisten" werden also insgesamt keineswegs dämonisiert, allenfalls gelegentlich karikaturhaft überzeichnet (besonders, wenn es um dem angeblich blinden "Militarismus" der Deutschen geht), und selbst die negativ dargestellten Charaktere bleiben menschlich greifbar.

Das hat natürlich auch damit zu tun, daß der Film eine Art historische "Brücke" bauen will, denn aus diesem besiegten Land soll einmal die glorreiche DDR entstehen. Hecker, der wie Wolf aus einer emigrierten Kommunistenfamilie stammt, aber nicht als Jude gezeichnet wird, bewegt sich in seiner alten Heimat zunächst wie ein Fremdkörper.

Er ist ein verbindendes Glied zwischen dem Sozialismus und der deutschen Nation, zwischen dem russischen und dem deutschen Volk, zwischen der Sowjetunion und der künftigen DDR. Dabei gilt es allerdings etliche menschliche, historische und ideologische Gräben, Hürden und Distanzen zu überwinden.

Die eindrucksvollste Episode ist wohl die letzte, die buchstäblich einen zu überwindenden Graben zeigt. Sie ist symbolisch und konkret zugleich. Sie spielt in den ersten Maitagen, Hitler ist "kaputt", und Hecker befindet sich mit seiner Truppe an einem kleinen Flußübergang.

Auf der anderen Seite des Ufers sieht er gleichsam das ihm entfremdete, zerschlagene, besiegte Deutschland vorbeiziehen: Flüchtlinge mit Koffern und Ochsenkarren, Frauen, Kinder, Alte, jämmerlich aussehende Volkssturmleute mit umgehängten Knarren, verwundete Soldaten. Er fordert sie auf, sich zu ergeben und in das russische Lager überzusetzen.

Nach und nach überqueren Menschen von der anderen Seite den Fluß. Sie werden von den Russen gut behandelt und verpflegt. Eine besonders gelungene Szene zeigt russische Soldaten, deutsche Kriegsgefangene und deutsche Zivilisten beim gemeinsamen Mahl. Sie schweigen allesamt, nur das Klappern der Löffel in den Tellern und Blechbüchsen ist zu hören.

Eine weitere, symbolhafte Figur taucht auf: der kriegsgefangene Landser Willi Lommer (Dieter Mann), ein erdiger Berliner, der den Glauben an den Endsieg schon lange verloren hat.

Er gehört also zu den "Einsichtigen", und freundet sich mit Hecker an. Als unerwartet ein versprengter Trupp "Uneinsichtiger" von der Waffen-SS auf der anderen Seite des Ufers auftaucht und das russische Lager unter Beschuß nimmt, greift Lommer zu einer herumliegenden Waffe und feuert Seite an Seite mit Hecker auf die "Faschisten". Die Symbolik und politische Botschaft dieser Szene muß wohl nicht näher erläutert werden - ähnliche heroische Frontwechsel finden sich auch in anderen DDR-Filmen wie Die Abenteuer des Werner Holt (1966), aber auch in westdeutschen Produktionen wie Steiner - Das eiserne Kreuz II (wo der Protagonist zu den Amerikanern überläuft).

Das Gefecht am Ende des Films ist eine der wenigen Szenen des Films, in denen kriegerische "Action" zu sehen ist. Ich war neunzehn zeigt einen Krieg beinahe ohne Horror, Gewalt und Gefechte. Der Vormarsch der Russen auf Berlin erfolgt zügig, fast heiter und ohne nennenswerten Widerstand. Die Rote Armee scheint nur aus sympathischen, gemütvollen und besonnenen Menschen zu bestehen, auch wenn sie hin und wieder zornige Verachtung für die "Faschisten" zeigen.

Die Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen wird kurz angedeutet und seine Gräuel durch die Einschaltung eines "Dokumentarfilms" beschworen. Auch hier erscheinen die Sowjets als befugte Ankläger und Aufdecker von Verbrechen, beinahe wie Polizisten, die gekommen sind, Kriminelle zu verhaften und dingfest zu machen. Der "Dokumentarfilm" ist allerdings ein DEFA-Propagandastück, Todeslager Sachsenhausen aus dem Jahr 1946, das hölzern-didaktisch inszeniert und sehr offensichtlich "gespielt" ist.

Einer der Henker von Sachsenhausen, der Funktionshäftling Paul Sakowski, erklärt einigen sowjetischen Offizieren mit betonter Sachlichkeit die Funktion eines Gashahnes und einer Genickschußanlage, die zum Zweck des Filmdrehs "restauriert" und 1952 wieder abgeräumt wurden. Es wird betont, daß Menschen aller Nationen in diesem Lager Opfer wurden, besonders aber russische Kriegsgefangene. Eine besondere Rolle der Juden unter den NS-Opfern wird in dem gesamten Film nicht postuliert.

Er macht seinen Zusehern die Sache auch nicht dadurch komplizierter, indem er etwa das "Speziallager Sachsenhausen" erwähnt, wo zwischen 1945-50 tausende Menschen umkamen (darunter der Schauspieler Heinrich George). Oder die Tatsache, daß der zum Handlangerdienst gezwungene, selbst massiv geschundene KZ-Häftling Paul Sakowski ein überzeugter Kommunist war, der wie Konrad Wolf aus einer tiefroten Familie stammte und bereits als Vierzehnjähriger das erste Mal von der Gestapo verhaftet und mißhandelt worden war. Die Sowjets bauten ihn in ihrer Propaganda gezielt zum "Henker von Sachsenhausen" auf und verurteilten ihn in einem stalinistischen Schauprozeß zu lebenslanger Zwangsarbeit.

Sakowski verbrachte über 30 Jahre seines Lebens in Haft: in einem KZ (Sachsenhausen), einem Gulag (Workuta) sowie diversen NKWD- und DDR-Gefängnissen. Er war mithin ein ähnlich tragischer Pechvogel wie der Protagonist jener haarsträubenden wahren Geschichte, die Ernst von Salomon in seinem Buch Das Schicksal des A.D. – ein Mann im Schatten der Geschichte (1959/60) erzählt hat.

Der Versuch, mit diesem "dokumentarischen" Ausschnitt näher an die historische Wirklichkeit zu rücken, geht allerdings ästhetisch ziemlich nach hinten los. Dies bemerkte auch der Verfasser dieser Arbeit für die Universität Köln (2005), der ich etliche Informationen und Zitate zu dem Film entnommen habe:

Setzt man dies in Verbindung mit Wolfs oben genannten Äußerungen, so erkannte Wolf, dass er hier nur mit „echten“ Dokumentaraufnahmen aus Sachsenhausen arbeiten konnte, da alles andere unglaubwürdig gewesen wäre. Soweit kann man Wolfs Gedankengang nachvollziehen.

Jedoch besteht ein Problem in den verwendeten Ausschnitten selbst. Der Dokumentarfilm wirkt durch die Sachlichkeit des „Henkers“ und die anwesenden sowjetischen Offiziere unglaubwürdig, bizarr und gestellt, ja fast schon fiktional. Zudem wird das ganze durch Gregors Duschszenen unterbrochen und dadurch der Zuschauer irritiert. In einer Umfrage von 1968 unter jugendlichen Zuschauern zeigte sich, dass nicht alle diese Szenen als Dokumentaraufnahmen verstanden hatten. Außerdem schätzten 27% die Ausschnitte als nicht überzeugend ein.

Erwartungsgemäß zeigt sich die Bundeszentrale für politische Bildung nicht ganz so kritisch in ihrer Empfehlung des Films für den Schulunterricht, und verliert kein einziges Wort über seinen stramm kommunistischen Hintergrund. Die Eltern des Protagonisten Gregor Hecker werden lediglich als "politisch engagiert" bezeichnet, und der Autor stürzt sich zielgerade auf die schwächsten Teile des Films, wobei er andeutungsweise bemäkelt, daß sein Antifaschismus "aus heutiger Sicht" nicht gründlich genug sei:

Gregor Hecker ist weniger Handelnder als aufmerksamer Beobachter. Er versucht zu begreifen, wie es zu den Gräueltaten der Nationalsozialisten kommen konnte, die im Film durch einmontierte Szenen aus dem DEFA-Dokumentarfilm Todeslager Sachsenhausen (Richard Brandt, Deutschland 1946) verdeutlicht werden. Im Geschichtsunterricht lässt sich diskutieren, ob die im Film angebotenen Erklärungsversuche – deutscher Untertanengeist, preußisches Pflichtgefühl, verblendeter Fanatismus – aus heutiger Sicht ausreichen.

Insgesamt gilt auch für Ich war neunzehn, was Erik Lehnert, selbst ein "Ossi", in dem demnächst erscheinenden Antaios-Band Das Buch im Haus nebenan über Dieter Nolls Die Abenteuer des Werner Holt schreibt: Es sei zwar "durchtränkt von DDR-Ideologie, aber es ist echt, jedenfalls in weiten Teilen." Trotz aller historischen Klitterung und erzieherischen Absicht enthält der auch optisch starke Film viele Szenen und Charaktere, die "authentisch" schmecken, und zweifellos die  Erfahrungen Wolfs widerspiegeln.

Ich war neunzehn ist in seinem nicht-ideologischen Kern ein legitimes Stück subjektiv erlebter Geschichte. Man sollte aber nicht vergessen, daß es unzählige Geschichten des zweiten Weltkriegs gibt, die niemals Filmstoff wurden und wohl auf lange Sicht auch nicht sein werden.

Ich denke nun etwa an das Buch eines Mannes, der wie Wolf Jahrgang 1925 war und auf der anderen Seite der Front stand, als Mitglied der Waffen-SS: Wolfgang Venohrs erschütternder autobiographischer Bericht Die Abwehrschlacht zeigt, daß man auch diesen Teil der kämpfenden Truppen nicht pauschal verurteilen oder dämonisieren kann (was in den fünfziger Jahren sowohl Kurt Schumacher als auch Konrad Adenauer öffentlich bekräftigten).

Wahrscheinlicher ist, daß man auch in Zukunft vorwiegend Filme über deutsche Untaten sehen wird, wie Der Hauptmann, der die blutige Köpenickiade eines weiteren 19jährigen Deutschen des Jahrgangs 1925, Willi Herold, thematisiert.

Zuletzt sei noch hervorgehoben, daß sich der junge Rotarmist Konrad Wolf keineswegs als "Befreier" des deutschen Volkes sah:

Ich war Angehöriger der sowjetischen Armee. Meine Gefühle unterschieden sich nicht wesentlich von denen meiner Kameraden und Freunde in der Armee. Ich sah in den Soldaten der Hitlerwehrmacht meine Gegner, die diesen verbrecherischen Krieg begonnen hatten. Sie hatten ein Land, das mir sehr nahe stand, zerstört. Menschen, mit denen ich aufgewachsen war, wurde schweres Leid zugefügt. Als wir auf deutsches Gebiet kamen, kam erstmals ein zwiespältiges Gefühl auf.  (1977)

Mit historischem Recht sprechen wir heute von Befreiung, aber der Begriff wurde in bezug auf die Deutschen von uns nicht verwendet – und schon gar nicht von den Deutschen so empfunden! Für mich war es auch nicht die Stunde Null: Für mich war es die Stunde Zwölf, der Höhepunkt, das endlich erreichte Ziel. Ein großes Fest. Eine Genugtuung. (...) Ich war in Majdanek, in Sachsenhausen, ich habe Warschau während des Aufstandes und danach erlebt. Berlin war für mich Sinnbild dessen, wo das alles herkam, das Leid, die Millionen Toten, der Wahnsinn, der Fanatismus. Berlin war keine Stadt mehr, es war ein Leichnam. (1964)

Man kann den Film hier bestellen oder auf Amazon ansehen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Kommentare (16)

RMH

9. Mai 2020 18:50

Rechtzeitiger Fahnenwechsel zahlt sich kulturell aus. Italien hatte mit der schon vor 45 begonnenen neorealistischen Phase im Film ab 45 echte, bleibende cineastische Meisterwerke schaffen können, die man noch heute gut ansehen kann.

Dieser DEFA-Schmonz (Sorry), den man immer erst noch irgendwie deuten, entkernen etc. muss, ist mir als nahe der Zonengrenze "ohnender mit ehem. DDR-Fernseh-Empfang recht gut bekannt, da wir als junge, gymnasiale Militaristen mit Hobby des Modellbaus und der halben Wehrmacht und Kriegsmarine aus Plastik in den Regalen, diese Filme wegen ihrem noch aus UFA-Zeiten herrührenden hohem handwerklichen Standard durchaus zu schätzen wussten (allein, wie in dem erwähnten Die Abenteuer des Werner Holt mit T 34 Panzern durch ein Dorf gebrettert wird, ist alle Achtung wert). Heute brauche ich das nicht mehr - ist Zeitverschwendung. Ab 45 sollte die deutsche Kultur vernichtet werden. Gegen 45 anzukämpfen, bedeutet mithin eine Wiederbelebung der deutschen Kulturnation und nicht zwingend eine Änderung der bestehenden polit. Rahmenbedingungen.

Augustinus

9. Mai 2020 19:36

Meine Mutter hat das Kriegsende unbeschadet überlebt. Sie war damals 10, hat im Westen gelebt und die einrückenden Soldaten haben von den Panzern Süßigkeiten und Kaugummis an die Kinder verteilt.

Aber vor Kriegsende wurde sie von Tieffliegern beschossen. Sie und ihre Freundinnen konnten sich noch eben in einem Graben in Sicherheit begeben. 

Meine Mutter hat das nicht erfunden. Die Flieger haben damals wirklich auf spielende Kinder geschossen. Welchen militärischen Sinn sollte es haben in einem Krieg Kinder zu ermorden?

Von diesen Kindesmördern ist niemals jemand zur Verantwortung gezogen worden, noch wurde einer vor ein Kriegsgericht gestellt.

Steinmeier ist ein Arxxx, er hat keinen Bezug zu der Generation 85+ und was sie damals erleiden musste. Es ist ihm egal. Befreiung ... Quatsch, schon Weizsäcker hat in der Hinsicht Blödsinn geredet.

Im Gegensatz zu vielen Deutschen war das Kriegsende für die KZ-Häftlinge andererseits wirklich eine Befreiung ... das ist richtig.

 

Gustav Grambauer

9. Mai 2020 20:25

Der Film ist vor allem als Kontrast zu den `65er Tresorfilmen zu sehen. Hier Honis vier Botschaften:

1. Leute, seht es alle: der Wünsch-dir-was-Sack ist und bleibt zu.

2. Melde mich aus dem Hintern von Breschnew: ihr bekommt einen Vorgeschmack auf meine 70er, in denen ihr auf allen Kanälen auf meinen "u-hunverbrü-hüchlichen Bru-huderbu-hund mit der SU" getrimmt werdet.

3. Baue wieder auf die Moskauer - die Spanien-Mexiko-Clique, Trotzkisten, Ausländer, Nazi-Mitläufer & Ex-KZ-Insassen, Bürgerliche und sonstiges Kroppzeug können sich bei meinem Kulturministerium ganz hinten anstellen.

4. In die Rumpelkammer mit Willi Schwabe, wir brauchen keine bourgeoisen Affen mit Ifflandring-Gehabe mehr, ich will auf der Leinwand "junge Talente" sehen, möglichst aus der Zucht meiner FDJ. (Wurde noch viel härter z. B. in der Unterhaltungsmusik durchgesetzt.)

Karma: er konnte dies, wenn überhaupt, nur vier, fünf, sechs Jahre durchziehen. Wolf, der noch `76 die Ausbürgerung Biermanns öffentlich begrüßt hatte, hat `80 mit Solo Sunny die im Prenzlberg gestrandeten "feindlich-negativen" (individualistischen) Randexistenzen eine Stimme gegeben. Hätte er `89 erlebt, hätte er sich wohl wie sein Bruder ("Die Troika", sic) zur Berija-Schiene und damit gegen die Sowjetarmee bekannt. Und Schwarz ist später privat als auch als KHK Schmücke im Hallenser Polizeiruf Inbegriff des Ossi-Bourgeois geworden, schätze ihn heute auf 280 Pfund Gewicht.

- G. G.

Gustav Grambauer

9. Mai 2020 20:26

Hier gibt`s die Bilder von der Premiere (bei 19:30):

Berlin 1968

- G. G.

sokrates399

9. Mai 2020 21:07

Wie sieht der Schriftsteller Curzio Malaparte, der im Laufe seines Lebens sowohl Faschist, Kommunist und Katholik war, in seinem grandiosen Roman „Die Haut“ die „Befreiung“ in Italien: „Diese Menschen (im von der US-Armee besetzten Neapel) werden im Schmerz geboren, sie sterben im Schmerz und sie auferstehen wieder in Reinheit … Und wir reihten uns ein in den Zug der Totengräber, wir gingen hinter der Fahne her. Es war eine Fahne aus Menschenhaut … Aus den Kloaken ... kamen wie die Ratten die Helden der letzten Stunde (i.e. die Partisanen), die Tyrannen von morgen hervorgekrochen – die heldischen Ratten der Freiheit, die eines Tages ganz Europa besetzen würden“ … Auch und insbesondere Christus habe den Krieg verloren: „Es ist eine Schande, im Kriege zu siegen.“

Lesen, um zu wissen, was Befreiung heißt, auch wenn der amerikanische Offizier französisch parliert und die Antike kennt.

Es gibt auch eine Verfilmung mit Marcello Mastroianni und Burt Lancaster.

 

RMH

9. Mai 2020 23:05

Wie wird denn der Film "Die Brücke" von 59 (BRD), der ja auch das Ende 45 behandelt, gewertet?

Gracchus

9. Mai 2020 23:51

@RMH

Ich habe Wickis Die Brücke als ganz gut, andererseits aber nur noch vage in Erinnerung.

Sie schreiben: "Ab 45 sollte die deutsche Kultur vernichtet werden. Gegen 45 anzukämpfen, bedeutet mithin eine Wiederbelebung der deutschen Kulturnation und nicht zwingend eine Änderung der bestehenden polit. Rahmenbedingungen."

Begann die deutsche Kulturvernichtung nicht schon (spätestens) 1933? M. E.: ja. Man kann das natürlich auf den 1. Weltkrieg zurückführen - dennoch: Für mich zeigen sich darin starke autodestruktive Elemente, die über 45 bis heute fortwirken. 

RMH

10. Mai 2020 09:39

@Gracchus,

45 war das sichtbare Ende. Und jedes Ende hat oft lange Anfänge. Die Idee der Kulturnation geistert seit einiger Zeit wieder durch meinen Kopf, beeinflusst durch eine Wiederbeschäftigung mit der Zeit 1750 bis Vormärz. Damals gab es formal noch das heilige, römische Reich (bis 1806), aber Deutschland war faktisch zersplittert, politische Einheit weit entfernt und der deutsche Geist machte sich auf den Weg - über alle Grenzen hinweg.

Zum Thema Film: Es ist ja nicht so, dass die Deutschen ab 45 auf einmal auf die totale Verdrängung und im Westen auf den totalen Konsum gesetzt haben. Die 50er waren eben nicht nur Heimatfilm, Komödie, Schlager und Nierentische. Es gab auch etliche Filme zum Kriegsthema, die Brücke und des Teufels General dürften die beiden sein, die bis heute noch Wirkung haben bzw. gerne gezeigt werden. Über die anderen deckt man eher den Mantel des Schweigens, da der deutsche Soldat (noch) nicht als Verbrecher gezeigt wird (ich mag diese Filme aber aus anderen Gründen nicht).

Laurenz

10. Mai 2020 10:11

Man mag von Remarque halten, was man will, mir egal, auch wenn Remarque quasi das Gegenmodell zu Jünger darstellt. Bei den Nationalsozialisten war sein Werk "Im Westen nichts Neues" verboten. Aber wenn die US Amerikaner jemals in der Lage waren einen literarischen Stoff aus Europa filmisch umzusetzen, dann in jener Zeit. https://de.wikipedia.org/wiki/Im_Westen_nichts_Neues_(1930)

Man kann auch dem Kubrick-Film https://www.moviebreak.de/film/paths-of-glory "Wege zum Ruhm" aus 1957 etwas abgewinnen, auch wenn weder Kubrick noch Douglas denselben Film über 1948 (Israel) gedreht hätten.

Jetzt mögen mir meine Mit-Foristen vorhalten, ich hätte Filme ausgewählt, die im I. Weltkrieg und nicht im II. spielen. Ja, sicher, das ist der Punkt. Macht das denn einen Unterschied? Ich denke, nein.

Niekisch

10. Mai 2020 13:10

"Ich habe Wickis Die Brücke als ganz gut, andererseits aber nur noch vage in Erinnerung."

Auch ich war wie die beteiligten jungen "Soldaten" so 16/17, als ich die "Brücke" sah. Der Schwarz-Weiß-Film war eindrücklicher als jeder Buntfilm. Mir ist besonders die Szene in Erinnerung geblieben, als ein amerikanischer Infanterist einen Bauchschuss erhält, seine Gedärme herunterhängen und er den Deutschen zuruft: "Kindergarden". Die beteiligten Deutschen wurden hier eher als Opfer dargestellt, weniger als Verbrecher.

KlausD.

10. Mai 2020 14:17

"Frontwechsel finden sich auch in anderen DDR-Filmen wie Die Abenteuer des Werner Holt"

Der Held es Films, Werner Holt, wechselt nicht die Front.

ML: Na doch, er schießt ja am Schluß auf die SS...

Der Roman (nicht der Film!) „Die Abenteuer des Werner Holt“ war mein bewußtes „Erleben“ des Krieges aus Sicht eines 16-Jährigen. 
Er (Teil 1) beginnt 1943 in einer kleinen Stadt im Westen Deutschlands, z.B. hier: 
„Sie lag lang ausgestreckt im Gras. Sie trug einen roten, zweiteiligen Badeanzug. Ihr Körper war gleichmäßig braungebrannt, nur an der Brust, wo sich der Badeanzug ein wenig verschoben hatte, wurde ein Streifen weißer Haut sichtbar … er sah lange auf ihr Gesicht, auf ihren Mund, er dachte: Es schaut keiner her … ob sie sich wehrt, wenn ich sie küsse?“
Und endet so:
„Namen von Lagern: Heidesheim, Kreuznach, Büdesheim … achtundzwanzig Camps …  dreihunderttausend Gefangene. 
Sie lagerten auf dem blanken Erdboden, wühlten mit bloßen Händen Mulden und Löcher, schliefen wie Tiere eng aneinandergepreßt. 
Regen fiel ... nasser Schnee ... Aber er widerstand dem Typhus, der die Camps lichtete … Holt bot ein Bild menschlichen Verfalls … Trotz Ruhr und Durchfall hatte er sich wochenlang nicht reinigen können. Er verstreute Händevoll Chlorkalk in seiner Kleidung ... die Haut reagierte mit Entzündung und Ausschlag.“

RMH

10. Mai 2020 15:04

Nachtrag:

Da ich Eingangs den italienischen Neorealismus erwähnte, der sich auch in den sog. Trümmerfilmen aus Deutschland niedergeschlagen hat:

Es gibt ja auch den Film R. Rossellinis "Deutschland im Jahre 0" aus dem Jahr 1948. Ich kann mich jetzt nicht daran erinnern, den Film jemals selber gesehen zu haben, aber alleine der Titel und das, was ich dazu auf die schnelle im I-Net an Textbeschreibung finden konnte, lassen ihn interessant erscheinen, zumal ich einem Italiener - vorsichtig - eine gewisse "Neutralität" bei der Behandlung solcher Themen als Vorschuss einräumen würde.

Von den damaligen "Trümmerfilmen" habe ich noch "Die Mörder sind unter uns" gut im Gedächtnis. Sehr gut gemacht und schon mit einer gewissen Tendenz.

Martin Lichtmesz

10. Mai 2020 16:18

Hier ein alter JF-Artikel (2010) von mir zum Thema "Trümmerfilme" 1945-48, ich sehe sie auch recht positiv.

Tatsächlich leisteten die untersuchten Filme einen beachtlichen, gewissenhaften und zum Teil recht komplexen Beitrag zur zu diesem Zeitpunkt noch von echten und notwendigen moralischen Impulsen geleiteten „Bewältigung“ und lieferten die Blaupause für deren bis heute gängige Muster. Daß die Ergebnisse nur vorläufig, improvisiert und bruchstückhaft sein konnten, ist leicht aus den historischen, psychologischen und materiellen Umständen der Entstehungsjahre zu erklären. Es ging den Filmemachern nicht nur darum, die Lebenswirklichkeit nach dem Krieg widerzuspiegeln , sondern nach Shandley auch eine „Kultur der Erlösung“ zu schaffen, als deren „sieben Säulen“ er nennt: „Wiedergutmachung – Aussöhnung – Neudefinierung – Wiederstabilisierung – Wiedereingliederung – Wiederaufbau – Reprivatisierung“. Sie betrieben Identitätspolitik für die mehrfach gebrochenen Deutschen, um stabile und gangbare Wege aufzuzeigen.

KlausD.

10. Mai 2020 17:12

@Martin Lichtmesz

Der Held es Films, Werner Holt, wechselt nicht die Front.
ML: Na doch, er schießt ja am Schluß auf die SS...

Ein offener Frontwechsel wird nicht vollzogen. Seinen Freund Sepp Gomulka läßt er allein zur Roten Armee überlaufen mit dem Argument, er wolle "Deutschland nicht verraten in seiner schwersten Stunde" (s. S. 463)

Die Szene zum Schluß ergibt sich aus einer rein privaten Abrechnung zwischen dem SS-Mann Meißner und Wolzow. Ja, richtig - und Holt versieht die Feuerstöße mit dem Ausruf: "Die Rechnung (für Gräueltaten der SS) wurde beglichen, für die Sägemühle, für die Gestreiften, für Gundels Eltern ..."

ML: Ok, lasse ich gelten.

Niekisch

10. Mai 2020 18:02

"auch eine „Kultur der Erlösung“ zu schaffen, als deren „sieben Säulen“ er nennt: „Wiedergutmachung – Aussöhnung – Neudefinierung – Wiederstabilisierung – Wiedereingliederung – Wiederaufbau – Reprivatisierung“. Sie betrieben Identitätspolitik für die mehrfach gebrochenen Deutschen, um stabile und gangbare Wege aufzuzeigen."

Dafür sollten wir für immer und ewig dankbar sein. Sie hatten oder übernahmen autonom den Auftrag, aber auch die Anmaßung und den Mut, für uns und über uns zu bestimmen. Eine Art Seelenimperialismus, ein psychologisches Experiment ohne wirkliche Therapie. Auf unsere kollektiven Traumata einwirkende, heilende Narrative, angelehnt an das gute Alte, auch der Zeit von 1933-1945, warten wir bis heute.

Gracchus

10. Mai 2020 19:11

@RMH

Die neorealistischen Filme Rosselinis habe ich auch in guter Erinnerung. 

Ihren Überlegungen zur "Kulturnation" kann ich einiges abgewinnen. Davon sind wir derzeit weit entfernt. Wir sind nun eine Nation aus "Faktencheckern" und "Verschwörungstheoretikern". Die Tragödie scheint nun in das Stadium ihrer Komödie angelangt. 

Ideenhistoriker werden es vielleicht datieren können, irgendwann nach 45 wurde die deutsche Kultur unter Generalverdacht gestellt, so als führe ein direkter Weg von Weimar nach Auschwitz.

Ich merke, zum 8. Mai fällt es mir schwer etwas zu sagen, zum einen als Nachgeborener, zum anderen weil es sich um Binsen handeln würde und drittens weil man schnurstracks in einen toxischen Schulddiskurs gerät. 

Off topic (oder auch nicht): Die Lektüre des hier im Forum von Kubitschek und linkswoderdaumen lobend erwähnten Erhard Kästner lohnt sich!

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