24. Mai 2020

Sonntagsheld (148) – Juwelen im Brachland

Till-Lucas Wessels / 23 Kommentare

Sachsen-Anhalt war einmal ein Hort der Hochkultur. Das ist lange her. Heute scheint es hier auf den ersten Blick vor allem zwei Sachen zu geben: Die öde Weite der LPG-Landschaften und das nächtliche Blinken der Windräder. Eine niederländische Doku hat die winterliche Schönheit dieser Tristesse einmal gut eingefangen, ich finde den Film leider gerade nicht wieder, aber wer sich daran erinnert, wird wissen, was ich meine.

Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

Besonders, wenn man durch die Dörfer fährt, mit ihren grobschlächtigen Gutshöfen und den in unverschämten Pastellfarben gestrichenen Rauputz-Häusern, fällt es schwer, sich vorzustellen, daß hier von der Vorzeit über das Mittelalter bis in die Moderne ein reichhaltiges kulturelles Leben blüte. Manche Landstriche hier sind regelrechte Nichtorte, aber das gilt wohl auf die eine oder andere Weise für viele Flecken in Deutschland, denen die industrialisierte Land- und Energiewirtschaft ästhetisch zusetzt: viel, viel versiegelte Fläche.

Ich darf jedoch sagen, daß Sachsen-Anhalt aller Trostlosigkeit zum Trotz wesentlich schöner ist, als sein Ruf. Was klingt wie aus einem zweitklassigen Reiseführer, entbehrt hier tatsächlich nicht einer gewissen Wahrheit: Dem aufmerksamen Wanderer tun sich immer wieder unverhoffte Panoramen auf und das weite Land ist nicht nur reich an archäologischen Fund- und vorzeitlichen Kultstätten, sondern auch an architektonischen Kleinoden.

Der AfD-Landtagsabgeordnete Jan Wenzel Schmidt hat es sich zur Aufgabe gemacht, Botschafter dieser geheimen Bauten zu sein. Auf seinem YouTube-Kanal bereist er gemeinsam mit einem Kameramann das Bundesland und stellt in Kooperation mit seinen örtlichen Parteikollegen die vergessenen Schlösser, Türme und Burgen Sachsen-Anhalts vor.

Zugegeben: Hinter den wirklich guten Filmaufnahmen in Profi-Qualität treten die sachlichen Vorträge der Abgeordneten fast ein bißchen in den Hintergrund – trotzdem sind sie wichtiger Bestandteil von Schmidts Konzept. Es geht ihm nicht nur darum, die schönen Ecken des Bundeslands hervorzukramen, oder Werbung für die Provinz zu machen.

Der Titel des Formats “Steinzeugen” gibt bereits genaueren Aufchluß über seinen Ansatz: Schmidt möchte den Zuschauern jene große Schatztruhe der mitteldeutschen Geschichte zu öffnen, in der sich von der Himmelsscheibe von Nebra über die Pfalzen der Ottonen, bis hin zur Reformation und dem Dreißigjährigen Krieg unzählige Schlüsselmomente der Geschichte unseres Volkes wiederfinden.

Bisher sind in der Reihe fünf Folgen erschienen - Das Schloß Dornburg, der Bismarckturm auf dem Großen Wartberg, Schloß Vitzenburg, die Gustav-Adolf-Gedenkstätte in Weißenfels und das Schloß Merseburg. Es bleibt zu hoffen, daß weitere folgen werden. Ich schreibe das übrigens aus purem Eigennutz – denn ich wohne ja hier.

Wer möchte, der kann sich hier die bisherigen Folgen ansehen und die Arbeit von Jan Wenzel Schmidt verfolgen. Unter den anderen Videos des Kanals dürften sich die eher literarisch begeisterten Leser vor allem über das Format “Literatur-Kartell” freuen.


Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.


Kommentare (23)

Lotta Vorbeck

25. Mai 2020 00:23

Zu Ostzeiten präsentierten sich dem eisenbahnaffinen Wanderer auf den Gütergleisen des Bahnhofes Freyburg (Unstrut) Kesselwagen der französischen Staatsbahn SNCF, Ladegut: Wein.

Indem man ihn mit französischem Billigwein verschnitt, wurde der stocksaure Saale-Unstrut-Wein überhaupt erst leidlich genießbar gemacht.

Am zum Haltepunkt der Burgenlandbahn degradierten, einstigen Bahnhof der Stadt des Turnvater Jahn gibt's schon lange keine Gütergleise und auch keine Ladestraße mehr.

Im Verkaufspavillon der auf eine 1.000jährige Weinbautradition zurückblickenden Winzergenossenschaft Freyburg (Unstrut) sind nunmehr, gekeltert aus den im nördlichsten Weinbaugebiet Europas herangewachsenen Trauben, sieben Tage die Woche, Saale-Unstrut-Qualitätsweine erhältlich.

 

RMH

25. Mai 2020 07:24

Deutschland hat kaum ernsthaft "öde" Gegenden, alles hat seinen Reiz, wenn auch manchmal erst auf den zweiten Blick. Wenn in Zeilen aus Schnellroda manchmal ein bisschen damit kokettiert wird, man sei mehr oder weniger am A.d.W., dann ist das klares sog. "Understatement".

Alleine, was man von dort aus binnen kurzer Fahrzeit alles erreichen kann ...

Langeneichstädt ist bspw. einen Katzensprung entfernt.

Auch die Landeshauptstadt Halle/Saale ist eine Reise wert. Man kann noch vieles aufzählen.

Werde mir die Videos noch ansehen.

 

 

Dieter Rose

25. Mai 2020 10:21

Tolle Sache, die Sie hier schildern,

Herr Wessels.

Wenn wir uns überlegen, wiewiele Milliarden unsere Zwangs-Guck- und Hör-Medien bekommen und was sie uns als Gegenleistung bieten:

Wiederholungen, Programmänderungen wg Pseudospezialsendungen "mit ohne"

Inhalt, dann gruselt es einen.

 

Die Chance haben sie vertan, mit gut gemachten Spots (wie früher mal "Der 7. Sinn), den Bürgern Tips und Hinweise zu der augenblicklichen Situation zu geben (und sei es nur, wie man mit den Masken umzugehen hat).

Übersichtliche Graphiken, Schaubilder zu dem, was man weiß, zu festen Zeiten oder in Dauerschleife, objektiv und ehrlich samt Gegenmeinungen .  . . das wäre Bürger-TV, so dass der sich ernst genommen fühlt.

Und dann natürlich diese Art von Kultursendungen - nicht indoktrinierend, den Zusehern das Gefühl gebend, seine eigenen Wahrnehmungen übertragen zu können . . . Nun, träumen wird man wohl dürfen.

Vielleicht kann ja ein mitlesender "Schwefelpartei"-Abgeordneter das mit seinen Leuten diskutieren und den Sendeleuten weitergeben - und wenn es dann einmal die eines eigenen Senders wären (ein Traum).

Laurenz

25. Mai 2020 10:53

Deutschland ist immer noch das schönste Land des Planeten. Bin hier zuhause und es ist mein Land.

Niekisch

25. Mai 2020 13:00

Mir fällt da das 1000-jährige Naumburg ein mit seiner Uta am Dom. Eine Original-Verkleinerung von Prof. Diederich aus dem Jahre 1938, der Gründung des Grossdeutschen Reiches, steht immer in meinem Blickfeld auf dem Schreibtisch und inspiriert mich, immer noch an ein wenig Gutes im Menschen zu glauben sowie in Festigkeit und Würde das Leben zu versuchen.

AlexSedlmayr

25. Mai 2020 14:59

Das Problem ist nicht, dass es keine Juwelen gäbe - dennoch danke für diese interessante Empfehlung - sondern, dass es sich primär um den Glanz der Vergangenheit handelt, bei dem leider auch allzu häufig der Putz abblättert. Man muss nämlich ach sagen, während Sachsen nach der Wende sehr viel Geld und Mühe darein gesteckt hat, seine Schlösser und Burgen zu restaurieren und touristisch zu erschließen, hat Sachsen-Anhalt hier viel Zeit verschlafen und die Substanz bröckelt.

Aber eben nicht nur das. Das Sachsen-Anhalt, selbst unter Einheimischen den Ruf der Provinz inzwischen genießt, hat mit dem Strukturwandel (oder viel mehr dem raschen Strukturverfall zu tun). Es ist nicht allein das Landsterben, wie es überall traurigerweise zu beobachten ist, sondern ein Absterben der Gesellschaft bis hinein selbst in die Mitelstädte. Weil produzierendes Gewerbe fehlt, fehlt die ökonomische Dynamik, die Dienstleistungen, Einzelhandel, Kulturangebote bis hin zu den Vereinen am Leben erhält. Geschichten aus der grauem DDR-Zeit mit einem breiten und bunteren Kultur- und Vereinsleben (einschließlich des örtlichen Wirtshauses, das schon seit Jahren zu ist) erscheinen uns Nachgeborenen wie Geschichten aus einer fremden Welt, wenn wir auf die fortschreitende Verödung schauen.

Für unsere Generation ist doch wohl ein anderer starker Eindruck maßgeblich: gefangen zu sein zwischen einer sich auflösenden Vergangenheit und einer Zukunft, die ins Nichts führt.

Niekisch

25. Mai 2020 18:15

"ein anderer starker Eindruck maßgeblich: gefangen zu sein zwischen einer sich auflösenden Vergangenheit und einer Zukunft, die ins Nichts führt."
 

@ Alex Sedlmayr 14:59: vielleicht ist die Schnittstelle der 23.5.1945, als die Briten die letzte deutsche Reichsregierung unter unwürdigsten Umständen verhafteten, anschließend 800 ihrer Kennzeichen beraubte deutsche Offiziere in der Erwartung, die Bevölkerung würde sie schänden, durch Flensburg geführt wurden, dann aber mit Blumenwürfen geehrt wurden. Das mag ein letztes Aufscheinen deutscher Ehre gewesen sein.

Andreas Walter

25. Mai 2020 18:51

@Lotta Vorbeck

Danke für den Hinweiss. Hat mich heute schon den ganzen Tag beschäftigt. Andere Regionen in Sachsen-Anhalt, bis auf den Harz, habe ich als eher reizarm empfunden, obwohl es in den Städten und einzelnen Dörfern im Osten tatsächlich immer etwas zu entdecken gibt. Ich mag es aber auch eher bergig bis montan, mit geheimnisvollen Flussläufen und grossen, weiten Waldgebieten, mit tiefen Schluchten und dunklen Höhlen, seltsamen Naturdenkmälern und atemberaubenden Aussichtspunkten. In der Steppe oder auch Wüste würde ich verrückt werden und was sind denn unsere im Flachland fast durchgehenden, nur von Feldwegen durchbrochenen landwirtschaftlichen Flächen denn anderes. Im Grunde eine Ödnis für jeden Jäger und Trapper, Aufklärer und Pfadfinder. Sonst glaubt man am Ende tatsächlich noch, die Erde wäre flach, uniform, monoton.

https://youtu.be/2ZQGoEf_tjM
 

Andreas Walter

25. Mai 2020 19:12

Das hier habe ich am Wochenende gefunden. Übersieht man generös die auch für den NDR typischen antideutschen Spitzen eine wirklich sehr schöne Dokumentation:

https://youtu.be/zRlnVhdw7y4

https://youtu.be/hcwkpGHfsJo

Auf meiner Schule haben wir Kinder so etwas ähnliches gesprochen, nämlich Humboldt-Deutsch. In ganz Lateinamerika eine beliebige, nicht festgelegte Mischung sogar in einem Satz aus Spanisch und Deutsch, in Brasilien entsprechend mit Portugiesisch. Der Geist, der auch dort gelehrt wird, ist der Geist der Anywheres (und Nowheres), der Inbetweens und Globalisten, wie man hier schön sehen kann:

https://youtu.be/WgHSBEZ7pDo

Elitäre Mexikaner verleugnen ihre Heimat allerdings auch, nur auf eine andere Art und Weise wie viele Deutsche. In Peru das Gleiche. Que el indio con plata le dice al indio sin plata: indio de mierda. Das sei das peruanische Problem, hat mir ein Peruaner versichert.

 

Andreas Walter

25. Mai 2020 20:27

@AlexSedlmayr

Ja, aber wo soll er denn herkommen. Was ist denn Glanz? Der entsteht doch auch nicht nur aus der Hand ehrlich arbeitender Hände, sondern aus ihrer massenhaften Ausbeutung. Oder alternativ, der Ausbeutung des Bergs, des Waldes und der Gewässer, aber auch der Suchenden und Hungrigen. Hunger nach Anerkennung, Bedeutung und Liebe, nach Sinn. Hunger nach Selbstwert, nach Entschädigung, für erlebtes und angetanes Leid, Hunger nach Sicherheit, Geborgenheit und Urvertrauen. Doch auch bei der Suche nach Antworten und Gewissheit, nach Wissen. Ein wirklich guter Rat ist darum teuer und ein gutes Rad ebenso.

So schön die Schlösser und Pyramiden daher sind, ich möchte sie nicht missen, so sind sie doch immer auch Zeichen von Missbrauch. Nicht die einfache Holzkirche auf dem Balkan, aber doch jede Kathedrale und auch viele andere Weltkulturerbe rund um den Globus.

Wäre die Welt dadurch ärmer, gäbe es all diese Dinge nicht? Ja, wäre sie, und gleichzeitig auch nicht. Man kann Versailles ja auch als Werk des Volkes bezeichnen, oder für das Volk. Heute zumindest. Eine Privatyacht oder Villa im Wert mehrerer Millionen, oder auch viele Unternehmen und Aktien im Wert von Milliarden, sind jedoch nicht Eigentum des Volkes.

KlausD.

25. Mai 2020 21:04

„STEINZEUGEN“ - Mit dem Ziel der Förderung eines positiven Lebensgefühls, der Stärkung der Heimatverbundenheit und nicht zuletzt der Werbung für die AfD sind solche Aktivitäten äußerst begrüßenswert.

„Unverhoffte Panoramen“, „geheime Bauten“, „vergessene Schlösser, Türme und Burgen“ sind tolle Aufmacher, um jugendliches, kulturhistorisch unerfahrenes Publikum, als auch die älteren schon länger hier Lebenden, zu interessieren.

Da kann man Herrn Schmidt nur zurufen: Weiter so, Sie sind auf dem richtigen Weg!

Den meisten Sachsen/Anhaltern ist jedoch bewußt, wie überaus reich ihr Land generell mit historischen Kulturschätzen gesegnet ist und wie dankbar wir der „neuen Zeit“ in den letzten 30 Jahren nach der Wende sein können, viele davon vor dem Verfall gerettet zu sehen.

Besonderen Dank an Herrn Schmidt (und die AfD) allerdings für den Fokus auf bisher oder schon wieder vergessene Objekte wie z. B. Schloss Vitzenburg, für deren Erhalt wahrlich heldenhaftes Engagement erforderlich sein wird.

Lotta Vorbeck

26. Mai 2020 01:43

@Andreas Walter - 25. Mai 2020 - 06:51 PM

an Lotta Vorbeck

Danke für den Hinweis. Hat mich heute schon den ganzen Tag beschäftigt. Andere Regionen in Sachsen-Anhalt, bis auf den Harz, habe ich als eher reizarm empfunden, obwohl es in den Städten und einzelnen Dörfern im Osten tatsächlich immer etwas zu entdecken gibt. Ich mag es aber auch eher bergig bis montan, mit geheimnisvollen Flussläufen und grossen, weiten Waldgebieten, mit tiefen Schluchten und dunklen Höhlen, seltsamen Naturdenkmälern und atemberaubenden Aussichtspunkten. 

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Da Sie ohnehin just auf der Suche nach einem neuen Wohnort sind:

Wir leben im ottonischen Kernland, inmitten uralter Substanz [2018]

Das Kyffhäusergebirge und die Burgen entlang der Saale seien ebenfalls erwähnt.

Wie bereits 2019 vorgeschlagen: Schauen Sie vielleicht auch mal ins Land der Seen und Wälder, ins Brandenburgische!

"Bergig und montan, mit Schluchten und Höhlen" [AW] - sowas gibt's vielerorts im Sächsischen und im Thüringischen.

AlexSedlmayr

26. Mai 2020 02:32

@Andreas Walter

Ich glaube sie verstehen den Punkt nicht ganz. Ich rede nicht von dekadentem Wohlleben. Sachsen-Anhalt hat kaum genug Geld für die Schlösser (und weil es die Gelder, die man nach der Wende aus Strukturfonds hätte anzapfen können nicht gut nutzte, hat man anders als Sachsen eben aus dem historischen Baubestand auch nicht überall etwas gemacht, wo wiederum etwas Geld reingekommen wäre) leidet darüber hinaus aber eben unter den erwähnten strukturellen Problemen.

Wir reden hier nicht über Yachten oder Villen. Ich rede von Kleinstädten, die fast nur noch über Rentenzahlungen an die schwindenden Einwohner am Leben gehalten werden. Von Regionen wo der nächste Arzt zwischen 20 und 30km weg ist, wo es nicht einmal mehr eine Gaststätte, Bäcker oder Fleischer im Ort gibt und die Jugend auf dem Parkplatz des örtlichen Discount-Marktes herum gammelt. Wo fast alle Vereine tot sind, weil für nötige Materialanschaffung und Vereinsführung einfach kein Geld mehr da ist, weil es kein Gewerbe mehr in der Stadt gibt, das sponsort oder spendet und die Vereinsmitglieder selbst kaum mehr als symbolische Beiträge oder Eigenbeschaffungen beitragen können.

Alles wird immer abhängiger von schmalen staatlichen Transfers oder Zuschüssen, die aber natürlich kein tragfähiges Fundament allein sind. Wir sprechen hier wortwörtlich über die Gesellschaft die erodiert. Es wäre keiner hier, den ich kenne, der nicht sofort wie ein oder zwei Fabriken wie in der guten alten  Zeit in der Stadt haben wollen würde.

Lotta Vorbeck

26. Mai 2020 11:06

@AlexSedlmayr - 26. Mai 2020 - 02:32 AM

an Andreas Walter

Ich glaube sie verstehen den Punkt nicht ganz. Ich rede nicht von dekadentem Wohlleben. 

...

Wir reden hier nicht über Yachten oder Villen. Ich rede von Kleinstädten, die fast nur noch über Rentenzahlungen an die schwindenden Einwohner am Leben gehalten werden.

---

Prettin, Annaburg, Tangerhütte könnte man da beispielhaft nennen.

Schon etliche Jahre zurückliegend, die erste Reise nach Schnellroda: Ohne Navigationsgerät, allein dem natürlichen Orientierungssinn folgend war Großkorbetha erreicht.
Weiter in Richtung Braunsbedra ging die Fahrt.

Ein sonniger, früher Sonnabendnachmittag.

Ferienzeit.

In einem Dorf versuchten wir nach dem Weg zu fragen.

Es war bloß niemand da, den man hätte fragen können.

Nirgendwo spielende Kinder auf der Straße.

Auf die Anwesenheit der verbliebenen Dorfbewohner deuteten allein die vor den Grundstücken abgestellten PKW hin.

Keine Menschenseele zu sehen.

In anderen Dörfern bot sich dasselbe Bild: 
Vereinzelt aufgegebene, dem Verfall preisgegebene Häuser, geschlossene Gasthöfe, offenbar seit Jahren verrammelte Dorfläden.

Laurenz

26. Mai 2020 14:15

@Lotta Vorbeck   @AlexSedlmayr 

Das ist überall so, das Amazon-Syndrom.

Andreas Walter

26. Mai 2020 18:12

@AlexSedlmayr

Ich verstehe Sie 100%. Doch wenn der Berg nicht zu Moses kommt, dann muss Moses eben zum Berg.

Wenn ich von Ihrer Jugend im Dorf lese, die um den Discounter lungert, denke ich: Die Glücklichen, die haben wenigstens noch einen. Andere Dörfer besitzen nichtmal mehr den.

Auch nicht die wenigstens ein bis zwei Unternehmen, welche die Existenz eines ganzen Dorfes retten können. Die sind jetzt nämlich in Brasilien, in Mexiko und in China.

Das meinte ich damit, mit woher soll er kommen, der Glanz (der alten Tage, als Deutschland noch den Vorsprung durch Wissen und Technik hatte).

Genau deswegen wurde Deutschland sogar zwei mal angegriffen und danach geplündert. Weil wir damals anderen die Wurst vom Teller gezogen haben. Nicht unverdient, Made in Germany war nun mal das Beste, doch das spielt spätestens nach einer Niederlage dann keine Rolle mehr. Schon vorher werden darum immer Geschichten erfunden, um Kriege zu rechtfertigen. Wahr ist an denen meist jedoch nichts oder nur wenig.

Sie haben ein Schloss? Räume? Raum? Freiräume? Viel Platz für Kreativität? Für Freiheit? Experimente? Verrückte Ideen? Vielleicht doch gar nicht so verrückte Ideen? Inspirierend.

Andreas Walter

27. Mai 2020 08:56

@Laurenz

Richtig. Sie nennen es das Amazon-Syndrom.

Der ökonomische Fachausdruck dafür ist Monopolisierung.

Monopole oder Quasimonopole gibt es in allen Bereichen, können in allen Bereichen auftreten, von der Produktion über den Handel und Vertrieb bis hin zum Markt. Eines der grössten ökonomischen Probleme der Gegenwart und bereits jetzt schon absehbaren Zukunft.

Monopolbildung gilt nämlich als eine der Grundprämissen, unter denen Marktwirtschaft nicht mehr funktioniert. Man spricht dann je nach Grad von Marktverzerrung bis hin sogar am Ende womöglich von Marktversagen. So ähnlich wie bei Staatsversagen.

Wenn dann Politiker und das Kartellamt nämlich auch noch versagen, ebenso wie immer wieder auch Richter und Gerichte, da nun mal jeder Mensch käuflich, korrumpierbar oder erpressbar, bedrohbar oder in Not zu bringen ist, beginnt man die Welt in ihrer tatsächlichen Ausprägung jeden Tag besser zu verstehen. Wer kontrolliert was und damit wen.

Wobei Monopole (und Quasimonopole) auch in anderen Bereichen entstehen, existieren, die man zunächst nicht unbedingt als Markt betrachten würde. Meinungskartelle zum Beispiel, politische Macht, Militärische, Meinungshoheit, Gruppen- oder Geschlechtsbezogene, usw..

Es muss ja nicht immer Geld fliessen, um Leute zu beeinflussen, oder um ihnen ein Privileg oder eine Bevorzugung, Belohnung, einen Vorteil zukommen zu lassen.

 

Maiordomus

27. Mai 2020 10:10

@Wessels Schön, dass Sie auf Perlen "Mitteldeutschlands" verweisen, wie geschrieben steht. Höre ich dieses Wort, schweifen Gedanken ab zum wahren Ostdeutschland, so Trebnitz in Niederschlesien, dessen deutsche Bevölkerung grossteils ab Spätwinter 1945 vertrieben wurde. Trotzdem ist der heiligste Ort Schlesiens noch vorhanden: das Grab der heiligen Hedwig, der ehrwürdigen Tante der heiligen Elisabeth von Thüringen, einer Ungarin; Hedwig, als Heilige dank vielfacher Mutterschaft wahre schlesische Landesmutter, lebte mit ihrem Mann Heinrich dem Bärtigen ab dem 23. Ehejahr in keuscher Josefsehe, wofür wohl noch andere nicht extra heiliggesprochen werden müssten. Das Hedwiggrab ist ein Juwel. Übrigens kommt der wahre @Niekisch von Schlesien, womit neben der Geschichte der Spiritualität die Geschichte der deutschen Rechten angesprochen ist: Niekisch war so etwas wie der rechte Trotzki, was zwar für mich ein fragwürdiges Kompliment darstellt. Aber die heilige Hedwig und ihr Grab! Für Deutschland und das Abendland ein heimatliches Juwel. Nebst Rom eines der 8 Heiligtümer der katholischen Christenheit

KlausD.

27. Mai 2020 11:38

@Lotta Vorbeck  26. Mai 2020 11:06

„ ... Großkorbetha erreicht. Weiter in Richtung Braunsbedra ...“

„Man sieht nur, was man weiß“, heißt es. 

Sie durchfuhren den weiträumigen Bereich chemischer Großbetriebe rund um Leuna, die immerhin die Basis für die wirtschaftliche Stärke des Landes bilden. Im Vergleich zu DDR-Zeiten, in der dieses Gebiet einer Mondlandschaft glich mit ihren Braunkohletagebauen und Restlöchern für Industrieabfälle, kann man heute fast von einem Landschaftspark sprechen.

Sie fuhren in Braunsbedra vorbei an der Zentralwerkstatt Pfännerhall mit der Ausstellung von Dominique Görlitz zum Abora-Projekt

https://www.pfaennerhall-geiseltal.de/ausstellungen/abora/

und vorbei am rekultivierten Geiseltalsee mit der Marina Mücheln

https://www.geiseltalsee.de/geiseltalsee/marina-muecheln.html

Ein kleines Stück weiter und sie wären auch an diesem äußerst geschichtsträchtigen Ort vorbeigefahren - dem Kloster Memleben, das untrennbar verbunden ist mit König Heinrichs I. als auch seinem Sohn Kaiser Otto I.

https://www.saale-unstrut-tourismus.de/kloster-und-kaiserpfalz-memleben

Um nur 3 Beispiele zu nennen.

 

Laurenz

27. Mai 2020 13:16

@Andreas Walter

Diesmal liegt Ihre Einschätzung punktgenau auf der Realität, nichts ist abgedreht. Daß, was Sie korrekt beschrieben haben, ist die Kumulation des Kapitals, eine logische Konsequenz des Markt-Liberalismus, der zwangsläufig ins Totalitäre führt. Dasselbe passiert politisch auch durch uns in einem kollektiven Maßstab, wenn die EU Billig-Lebensmittel und Abfälle aus Schlachthöfen nach Afrika exportiert. 

Ich finde es grundsätzlich gut, wenn wir hier auf der SiN mehr mit Fakten operieren und weniger spekulieren. Natürlich müßten Läden, wie Amazon und Facebook zerschlagen - oder zu Genossenschaften - oder zu Vereinen auf Gegenseitigkeit umgewandelt werden. Die Problematik ist natürlich nicht neu und schon einer unserer genialsten Vorfahren, bei der intellektuellen Elite unterschätzt (weil es um Krämerei geht), hat das marktwirtschaftliche System erfunden, welches das von Ihnen angesprochene Problem löst, ohne sozialistisch zu werden. Leider wird dieser Mann, meines Wissens nach, von der "Neuen Rechten" nicht in das Weltbild eingebaut, was ich als einen eklatanten Fehler erachte. Ich kann es aber nicht mehr als schreiben.

https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Wilhelm_Raiffeisen

Lotta Vorbeck

27. Mai 2020 14:29

@KlausD. - 27. Mai 2020 - 11:38 AM

Lieber Klaus D.,

Dinge wie der Agfa-ORWO-Silbersee bei Wolfen, sowie der beim Durchfahren von Leuna (eine QSL-Karte der Funkamateure im "VEB Leuna-Werke Walter Ulbricht") selbst bei geschlossenen Fenstern innerhalb des D-Zug-Waggons jedesmal wieder unangenehm überdeutlich wahrnehmbare, typische Geruch sind und bleiben in der Erinnerung unauslöschlich präsent, genauso wie der durch seine exzellente Schärfe imponierende, von OGIS-Bitterfeld produzierte im typischen Plastebecher zum EVP von -,37 Pfennig erhältliche Senf. Und wir fragten uns damals schon, ob dieser Mostrich seine durchdringende Schärfe wirklich nur dem offenbar besonders scharfen Bitterfelder Meerrettich zu verdanken habe ...

Die Marina-Mücheln nebst ihrem neuzeitlich-dekadenten Wohnbootanleger ist bekannt.

 

Danke für Ihren Hinweis auf das Kloster Memleben.

Kositza: Bin mir nicht sicher (Netzseite gibt`s nicht deutlich her, die scheint wenig aktuell), ob die großartige "Ottonen"-Ausstellung von 2019 dort noch gezeigt wird - Zusatzempfehlung.

Andreas Walter

27. Mai 2020 16:42

@Laurenz

“Der Name Raiffeisen entstammt der Flurbezeichnung „Rawe“ und der altertümlichen Flurbezeichnung „Ess“ für Weide, sodass er als sehr alter Name aus Zeiten germanischer Weidewirtschaft gelten kann.“ Wikipedia, über Friedrich Wilhelm Heinrich Raiffeisen

Das haben hoffentlich nicht Sie geschrieben.

Wikipedia ist übrigens auch so ein Beinahe-Weltmonopol, das zerschlagen oder reformiert werden muss. Wenn es nach denen ginge haben nämlich die Allmende aber auch Agape auch erst mit Marx und Leuten wie Raiffeisen ab Mitte des 19. Jahrhunderts das Licht der Welt erblickt, beginnt erst mit dem Marxismus überhaupt die Menschwerdung. Wäre daher Raiffeisen nicht auch eine ihrer roten Ikonen, das Gleiche gilt für Marx, hätten sie beide schon längst wegen Antisemitismus buchstäblich in der Luft zerrissen.

Seien auch Sie daher vor-sichtig, welche Unternehmen Sie zerschlagen wollen, damit auch Sie nicht eines Tages unter Antisemitismus-Verdacht geraten. Das kann nämlich schneller passieren, als die meisten wissen, so wie auch die meisten nicht wissen, dass der Reifen oder auch Armreif historisch betrachtet heute falsch geschrieben werden:

Unterschätzen Sie daher bitte nicht die Konservativen. Die wissen nur eben manchmal auch Dinge, die für gewöhnlich nicht öffentlich kommuniziert werden.

Phil

27. Mai 2020 17:46

Schön. Werd's mir anschauen.

Nietzsche kommt aus der Ecke. Heinrich I. auch, wenn ich nicht irre. Und Bismarck.

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