1. Oktober 2019

Lawrence Osborne: Welch schöne Tiere wir sind.

Ellen Kositza

Lawrence Osborne: Welch schöne Tiere wir sind. Roman, aus dem Englischen übersetzt von Stephan Kleiner, München: Piper 2019. 336 S., 22 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Den zuvor einzigen Osborne-Roman, der ins Deutsche übertragen wurde, hatte ich in Sezession 79 (2017) vorgestellt – und hochgelobt. Denen man vergibt (Original: The Forgiven, 2012) war eine fulminant erzählte Geschichte. Es ging darin um ein hedonistisches, kinderloses britisches Ehepaar, das in der marokkanischen Wüste einen arabischen Fossilienhändler totfährt. Sie sind auf dem Weg zu einer coolen Wüstenparty und ahnen nicht, was sie sich aufladen, als sie den Berberleichnam in ihren Kofferraum bugsieren. Mit der Mentalität der Autochthonen jedenfalls haben sie nicht gerechnet! Das war ein Clash of Civilizations!

Nun ist von einem größeren Verlag Beautiful Animals (2017) übersetzt worden. Es geht um Naomi, Sam und Faoud. Spielort ist die griechische Insel Hydra. Naomi, vierundzwanzig, ist die Tochter eines bejahrten kommunistischen Kunstsammlers, Jeffrey Codrington. Naomis Mutter ist verstorben. Jeffrey hat vor langer Zeit das ehemalige Ferienhaus von Leonard Cohen gekauft. Er lebt mit der jungen Griechin Phaine, spaßeshalber genannt »Funny«, zusammen. Eine mißgünstige Stiefmutter!

Am Anfang steht ein Dialog. Jeffrey findet, der Ausblick von der Terrasse habe »im Laufe der Jahre verloren.« Alles scheine »kleiner und schäbiger geworden zu sein.« Phaine gibt, sich räkelnd, zu bedenken: »Vielleicht sind wir ja auch größer und prachtvoller geworden.« Sommer für Sommer hat Naomi auf Hydra verbracht. Sie ist unantastbar und geht ihre eigenen Wege. Sie kifft und trinkt, es gefällt ihr so. Wenn sie das Angebot bekäme, irgendeinen Moment ihres bisherigen Lebens noch einmal erleben zu können – sie würde es ausschlagen. Denn Naomi ist sehr »von heute«, durch nichts herausgefordert, eigentlich leer. Dann aber lernt sie die ähnlich verwöhnte, ein paar Jahre jüngere Samantha – »Sam«, Journalistentochter – aus New York kennen, sanft und zierlich, mit »Haaren wie gesponnenes Gold.«. Sam hatte bislang nie eine Freundin »mit Ecken und Kanten«, sondern allenfalls Leute, die aus irgendeiner »Menschenfabrik« stammen könnten. Da haben sich zwei gefunden! Die Mädels kiffen, trinken und wandern nun gemeinsam. Alles ist lässig, sehr cool. Sie bewegen sich auf ihren Stromerfahrten wie schöne Tiere, »schön wie Panther«, auf überwachsenen Wegen und Felsplateaus. Und dann liegt da einer. Er blutet aus einem Schnitt in der Hand, einem im Fuß. Wie Jesus. Ein Syrer, ein Flüchtling! Faoud ist jung, hat lange Haare und einen wuchernden Bart. Daß er aus »gutem Hause« kommt, stellt sich später heraus. Daß er »etwas Glattes« an sich hat, registriert nur Sam, gewissermaßen die Beta-Frau im hübschen Mädchenteam. Naomi mietet eine Bauernhütte für Faoud.

Es ist dies kein Gutmenschentum, sondern ein »spielerischer Zynismus«, mit dem sie Faoud zu einem »moralischen Anliegen« verbrämt. Naomi hat nämlich eine Idee: Sie plant, Faoud für ein »Bagatellverbrechen ohne Opfer« anzuheuern. Er könnte das Haus der schwerreichen Codringtons ausrauben. Bei Nacht, wenn alle schliefen! Das Hausmädchen sei eingeweiht und würde öffnen. Null Risiko! Naomi hätte die Genugtuung – endlich erlebt das dekadente Ehepaar mal etwas! –, Faoud könnte sich mit dem Diebesgut davonmachen. Es gäbe einen ausgeklügelten Zeitplan, und Faoud wäre über alle sogenannten Grenzen hinweg. Und der Vater? Er liebt doch Naomi, warum will sie ihm das antun? »Mein Vater hat alles gestohlen, was ihm gehört. Du würdest einen Dieb bestehlen, und alles ist versichert. Er bekommt am Ende ein brandneues Auto, und es würde ihm überhaupt nichts ausmachen.«

In der Tat sind Jeffrey und Phaine dekadente Nichtsnutze. Sie sammeln monströse, teure Kunst, pflegen ihren Kommunistenhabitus, malträtieren aber ihr Dienstmädchen und haben strikte Ansichten zur Flüchtlingspolitik: Den herangeschwemmten Halunken gehe es gar nicht ums Überleben. »Man muß nicht nach Schweden, um zu überleben. Überleben können sie auch in der Türkei. (…) Ist doch interessant, daß ihre muslimischen Freunde sie wie Kakerlaken behandeln.« Während Christen »wie Frau Merkel« dieser »bewußten Inszenierung« melodramatisch auf den Leim gingen! Jeffrey weiß, wie man seine Schäfchen im Trockenen hält. Naomis Ausraubplan nun: Hübsch ausgedacht, aber –! Wir Leser erfahren nicht genau, warum zwei Leichen am Tatort zurückbleiben, während Faoud nun zum Gehetzten wird. Klar ist nur, daß das subalterne Hausmädchen aus armen Verhältnissen – von Naomi als Kombattantin eingeschätzt; so ist die beschränkte Weltsicht von Erste-WeltBewohnerinnen eben – zur Erpresserin wird. Eine großartige Geschichte!

Bereits beim vorigen Buch hatte ich eine womöglich mangelhafte Übersetzung beklagt. Die Worte sind auch hier der (einzige) Wermutstropfen. Die beiden Bücher haben unterschiedliche Übersetzer. Im aktuellen Buch gibt es wieder eine Menge seltsamer Wendungen: »Ihre Strohhüte erzitterten mit der besonnenen Behändigkeit von Käfern.« Oder: »Zwei Bäume schwebten auf der Kuppe des Berghangs und loderten in ihrem eigenen grauen Licht.« Ohne Kenntnis des Originals kann man nicht wissen, ob dem Autor die Wortphantasie durchgegangen ist – oder dem Übersetzer. Wenn allerdings etwas »zwischen den Laken« gesprochen wird, ahnt man, wer hier schwächelte …

Welch schöne Tiere wir sind. von Lawrence Osborne kann man hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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