1. Oktober 2019

Johann Michael Möller: Der Osten. Eine politische Himmelsrichtung

Benedikt Kaiser

Johann Michael Möller: Der Osten. Eine politische Himmelsrichtung, Springe: zu Klampen Verlag 2019. 248 S., 22 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

In seinem Schlüsselessay »Der lange Weg nach Osten« (2018, vgl. dazu auch Sezession 90) hat Thorsten Hinz Fragen aufgeworfen, die in den kommenden Jahren entscheidende Wegmarken der politischen Rechten abstecken dürften. Mancherorts wurde der Text wohl als überspitzte Thesenansammlung abgeheftet, aber das könnte sich nach einigen Jahren weiterer Westernisierung und damit verbundener Multikulturalisierung als Fehler erwiesen haben, und man wird klarer sehen.

Hinz hat mit seiner Affirmation einer kultur- und realpolitischen OstOrientierung der verbliebenen Willensdeutschen die Hoffnung artikuliert, daß sich zumindest einige Regionen Deutschlands als Teil einer vom Osten ausgehenden »konservativen Revolution« verstünden und sich – via Anbindung an Polen, Ungarn, Tschechien und Co. – ein Stück abendländischer Zivilisation erhielten, während Westeuropas Zukunft unter anderem »Tribalisierung« und »Barbarisierung« verheißen würde. Doch warum so viel Hinz bei einer Besprechung eines Buchs von Johann Michael Möller? Weil der langjährige FAZ- und Welt-Journalist, ehemalige MDR-Hörfunkdirektor und derzeitige Herausgeber der deutsch-russischen Zeitung Petersburger Dialog die mentalitätspsychologische und ideenhistorische Grundierung des politischen Hinz-Ansinnens vorgelegt hat. Ob Möller das weltanschaulich prinzipiell goutiert oder nicht, ist einerlei; sein Groß essay Der Osten steht für sich.

Möllers Buch, wollte man den darin enthaltenen geistesgeschichtlichen Gang nach Osten formal zusammenfassen, ist ein Streifzug durch die »politische Himmelsrichtung des Ostens« – und zwar entlang der virulenter werdenden innerdeutschen mentalen Grenze (ein Schwerpunkt des Buches), hinüber in das inspirierende Visegrad-Europa der »illiberalen Demokratie«, bis vor die Tore Königsbergs, weit südwärts nach Moldawien und alsdann wieder zurück in die deutsche Kulturlandschaft. Diese Geländebegehung ist klug und scharfsinnig; persönliche Erlebnisse aus der beruflichen Laufbahn fließen ebenso ein wie zahlreiche Lektüreeindrücke der letzten Jahre. Letzteres sorgt dafür, daß sich bisweilen der Eindruck aufdrängt, der Autor verstecke sich bei kontroversen Topoi hinter Kollegen, deren Ansichten er (dezent wohlwollend) referiert, ohne sich freilich zu offen zu ihnen zu bekennen, was etwa beim aufschlußreichen Part zum ungarischen Publizisten und Fidesz-Denker György Schöpflin augenfällig wird.

Akzeptiert man aber die selbst gewählte Prämisse – Möllers Buch als geistesgeschichtliche Basis zum politischen Hinz-Überbau – so relativiert sich diese Kritik umgehend; immerhin ist Möllers Analyse der ostdeutschen und ostmitteleuropäischen Umbruchserfahrungen samt gegenwärtiger Folgen luzide und für die alternative Rechte anknüpfungsfähig vor allem im Hinblick auf die Wende- und Einheitsjubiläen in diesem und im kommenden Jahr. Deutlich wird überdies: Der »Osten« ist – bei Möller wie bei Hinz – nie ausschließlich geographisch gemeint, sondern wird als Prinzip der Widerständigkeit, als Schild gegen eine allumfassende Übergriffigkeit interpretiert. »Im Osten erwacht die Geschichte«, meinte Pierre Bourdieu in Bezug auf 1989 / 90. Man wird es hoffentlich auch auf 2019 / 20 beziehen können.

Der Osten. Eine politische Himmelsrichtung von Johann Michael Möller kann man hier bestellen.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


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