Wencke Mühleisen: Du lebst ja auch für deine Überzeugung.

Wencke Mühleisen: Du lebst ja auch für deine Überzeugung. Mein Vater, Otto Muehl und die Verwandtschaft extremer Ideologien, Wien: Zsolnay 2020. 285 S., 23 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Die Autorin Wencke Mühlei­sen (*1953) leb­te neun Jah­re in der Kom­mu­ne von Otto Muehl in Wien sowie im dazu­ge­hö­ri­gen bur­gen­län­di­schen Fried­richs­hof. Otto Muehl? Der Akti­ons­künst­ler und Guru hat­te für Auf­se­hen gesorgt, indem er das Audi­max der Uni Wien spreng­te. Dort ver­las er ein revo­lu­tio­nä­res Mani­fest, ließ die Natio­nal­hym­ne abspie­len und defä­kier­te auf’s Kathe­der. In Muehl kul­mi­nier­te das, was wir heu­te unter der Chif­fre »1968« ver­ste­hen. Die hun­der­te Mit­glie­der von Muehls Akti­ons­ana­ly­ti­scher Orga­ni­sa­ti­on (AAO) ver­stan­den sich als Modell­fi­gu­ren einer zukünf­ti­gen Form des Zusam­men­le­bens. Sie bezeich­ne­ten ihre Prin­zi­pi­en als »neu­en Humanismus«.

Wahl­lo­ser Sex war der haupt­säch­li­che Trans­mis­si­ons­rie­men, dane­ben prak­ti­zier­te man »Selbst­dar­stel­lungs­kunst« und »Urschrei­the­ra­pie.« Was Frau Mühlei­sen, die schüch­ter­ne Nor­we­ge­rin, ab 1976 in die­sem offen­kun­dig cha­ris­ma­ti­schen Ver­ein mit­ex­er­zier­te, folgt (glaub­haft, äußerst reflek­tiert) dem vol­len Kli­schee­bild. Hier trug Frau wirk­lich die berüch­tig­ten Latz­ho­sen und kei­nen BH. Wenn doch, wur­de sie aus­ge­lacht. Es wur­de Tag und Nacht durch­ein­an­der­ge­vö­gelt – Frau Mühlei­sen deu­tet es dezent an. Anar­chis­tisch ging es dabei kei­nes­wegs zu – es gab eisen­har­te, klar benann­te Hier­ar­chien und einen wahr­haf­ti­gen Füh­rer­kult: Die Kom­mu­ne­mit­glie­der hul­dig­ten Muehl wie einem Erlö­ser. Die Autorin schlägt an kei­ner Stel­le einen »Abrech­nungs­ton« an. Das spricht für sie. 1983 brach­te sie im Bei­sein von Kom­mu­nar­den, die auf der Bett­kan­te« her­um­sa­ßen, ein Kind zur Welt. 

Da die »bür­ger­li­che Klein­fa­mi­lie« samt »Brut­trieb« als ver­ach­tens­wert galt, wird die Mut­ter ohne Kind zum Pari­ser Zweig der Kom­mu­ne abge­ord­net. Die klei­ne Toch­ter bleibt zurück. Eine Sech­zehn­jäh­ri­ge (»so jung, so posi­tiv!«) betreut die Toch­ter unter­des­sen als Haupt­be­zugs­per­son. Die Klei­ne erkrankt schwer. Wencke Mühlei­sen steigt Knall auf Fall aus. War­um die­ses Thea­ter, das letzt­lich wohl nie­man­den nach­hal­tig beglück­te, son­dern Ver­let­zun­gen unter­schied­li­chen Schwe­re­grads hin­ter­ließ? Die Autorin hat in der Rück­schau einen Ver­dacht, auf den sie den Auf­bau ihres Buches grün­det. Ihr geht es um den eige­nen Vater. Sie lieb­te ihn – sehr. Er war jedoch, wie sie pos­tum »so rich­tig« fest­stellt, ein Nazi – oder was sie dafür hält. Vie­le Jah­re nach sei­nem Tod fällt ihr näm­lich ein Brief des Vaters von 1984 in die Hän­de. Dar­in geht es dar­um, wes­halb er kein Inter­es­se hat­te, sei­ne ande­re Toch­ter mit deren halb­nige­ria­ni­schem Kind zu treffen. 

Herr Mühlei­sen hat­te geschrie­ben: »Du mußt nicht glau­ben, daß ich ein unver­bes­ser­li­cher fana­ti­scher Faschist und Ras­sist bin (mein bes­ter Freund war zum Bei­spiel Jude), aber ich habe einen höl­li­schen Krieg in Ungarn, Ruß­land, Finn­land und den ark­ti­schen Regio­nen mit­ge­macht, ver­lo­ren und über­lebt. In der Zeit sind Tau­sen­de aus mei­ner Umge­bung, mit denen ich teil­wei­se befreun­det war, gefal­len, erfro­ren, ver­hun­gert, zer­ris­sen, pul­ve­ri­siert oder sonst elend zugrun­de gegan­gen. Sowas ver­pflich­tet. Ich habe die­sen Krieg für mein Volk und mei­ne Über­zeu­gung mit­ge­macht. Da gab es kei­ne Alter­na­ti­ve. […] Ich kann nicht mei­ne Fami­lie ver­ra­ten, indem ich einen Neger hin­ein­schwin­de­le und damit mei­ne Selbst­ach­tung ver­lie­re. Die Kom­mu­nis­ten nen­nen das Soli­da­ri­tät. Wir haben einen alt­mo­di­schen Begriff dafür, näm­lich Ehre und Gewis­sen. Ich hof­fe, Wencke, daß Du mich ver­stehst? Du lebst ja auch für Dei­ne Über­zeu­gung gegen den Strom. PS: Anders leben als den­ken nennt man Schi­zo­phre­nie. Grüß mir den Guru Muehl und mei­ne ande­ren Freun­de und Freun­din­nen in der Kom­mu­ne und sei herz­lich gegrüßt. Vater.«

Der Toch­ter geht es nicht dar­um, ihr anti-kon­for­mis­ti­sches Trei­ben rück­bli­ckend als Auf­be­geh­ren gegen das »Nazi-Erbe« zu begrei­fen. Das wäre ein alter Hut. Sie hält sich auf am väter­lich pro­kla­mier­ten »wir«: Wir: hier wie da eine Gemein­schaft der­je­ni­gen, die »eine extre­me Ideo­lo­gie« ver­tra­ten, bei­de mit einem »Hang zu grenz­über­schrei­ten­den Hand­lun­gen.« Der Vater trat in sei­nen Zwan­zi­gern in die Wehr­macht ein – die Toch­ter glei­chen Alters in eine radi­ka­le Kom­mu­ne. Der Autorin fällt auf, daß sie seit je einen schar­fen Blick für Schwä­chen ande­rer hat­te; sie merkt, daß sie bis heu­te ein kal­tes Auge gera­de auf sub­al­ter­ne Frau­en hat. Sie spie­gelt das mit dem väter­li­chen Impe­tus: Die­se »Ver­ach­tung von Schwä­che«! Akri­bisch forscht sie nach, ob der Vater an Kriegs­ver­bre­chen betei­ligt war. Sie befragt ferns­te Ver­wand­te, die den in Mar­burg / Mari­bor (Slo­we­ni­en) gebo­re­nen kann­ten, um auf even­tu­el­le Per­ver­sio­nen zu sto­ßen. Doch nein: Vater Mühlei­sen war ein erns­ter Mann, der ger­ne Pfer­de zeich­ne­te. Es gab kei­ne bru­ta­le Ader. 

Hin­ge­gen erfährt die Toch­ter, daß nach dem Krieg in Slo­we­ni­en »min­des­tens 70 000 Män­ner, Frau­en und Kin­der bei Ver­gel­tungs­maß­nah­men« getö­tet wor­den sei­en. Die­ses Buch legt nahe, wie schwie­rig es sein kann, in der Pra­xis Gut und Böse von­ein­an­der zu schei­den. Mühl selbst war 1991 unter ande­rem wegen Sitt­lich­keits­de­lik­ten, Unzucht mit Min­der­jäh­ri­gen bis hin zur Ver­ge­wal­ti­gung und Ver­stö­ßen gegen das Sucht­gift­ge­setz zu sie­ben Jah­ren Haft ver­ur­teilt wor­den, die er voll­stän­dig abbüß­te. Die öster­rei­chi­sche Haute­vo­lee pries ihn den­noch her­nach mit Aus­stel­lun­gen und Wür­di­gun­gen. Mühl selbst hat­te sich für die Offi­ziers­lauf­bahn bewor­ben und war Teil­neh­mer der ver­lust­rei­chen Arden­nen­of­fen­si­ve. Frau Mühlei­sen erwähnt das nicht. Es ist kom­pli­ziert genug. 

Du lebst ja auch für dei­ne Über­zeu­gung von Wencke Mühlei­sen kann man hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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