Alain Badiou: Logik der Revolte

Alain Badiou: Logik der Revolte. Bilder der Gegenwart II: Seminar 2001 – 2004, Passagen Verlag: Wien 2019. 220 S., 29 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Alain Badiou, Jahr­gang 1937, ist Phi­lo­soph, Roman­cier, Public Intel­lec­tu­al, Mathe­ma­ti­ker. Vor allem aber ist der mao­is­ti­sche Vete­ran so etwas wie der Grand­sei­gneur der radi­ka­len Lin­ken Frank­reichs. In die­ser Funk­ti­on ver­öf­fent­licht er seit Jahr­zehn­ten Band an Band (die magi­schen 100 Ver­öf­fent­li­chun­gen hat er über­schrit­ten), wobei sich wert­vol­le Lek­tü­re und ver­zicht­ba­re die Waa­ge halten. 

Die Logik der Revol­te paßt nun aus­ge­rech­net zu kei­nem der bei­den Pole. Non­cha­lant gesagt heißt das: Man kann sie lesen, muß es aber nicht. Das liegt auch am Cha­rak­ter der Publi­ka­ti­on: Sie ver­sam­melt am renom­mier­ten Col­lè­ge inter­na­tio­nal de phi­lo­so­phie (Paris) gehal­te­ne Semi­na­re Badious aus den Jah­ren 2001 bis 2004, und dem­entspre­chend sind vie­le der Gedan­ken unter­des­sen an ande­rer Stel­le for­mu­liert wor­den. Badious Haupt­feind war und ist der »zeit­ge­nös­si­sche Nihi­lis­mus«. Er ist der alter­na­tiv­lo­sen kapi­ta­lis­ti­schen Logik der Gegen­wart imma­nent und bringt mit sich, daß allem pri­mär ein Waren­wert zuge­ord­net wird, also auch Iden­ti­tä­ten, krea­ti­vem Poten­ti­al jen­seits der Öko­no­mie, poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen usw. Doch was dem entgegensetzen? 

Die Revol­te! Allein, wie sie kon­kret aus­se­hen muß, wer ihr Sub­jekt ist, was ihre Tak­tik, Metho­den und Stra­te­gien anbe­langt – all dies bleibt bei den ästhe­tisch-phi­lo­so­phi­schen Refle­xio­nen wie­der­um im unkla­ren. Es scheint bei Badiou ein wenig wie bei Erwe­ckungs­gläu­bi­gen zu funk­tio­nie­ren: Eine wun­der­sa­me Situa­ti­on wird erwar­tet, in der das bis dato Undenk­ba­re und Unmög­li­che denk­bar und mög­lich wird. Es ist die­ser meta­phy­si­sche, qua­si­re­li­giö­se Sub­text, der Badious mate­ria­lis­ti­sche Ansät­ze umgibt und ver­mut­lich logisch erschei­nen muß, wenn man seit über 60 Jah­ren auf revo­lu­tio­nä­re Ent­wick­lun­gen wartet.

Das bedeu­tet nicht, daß bei der Lek­tü­re kein Erkennt­nis­ge­winn lau­ert: Badious kri­ti­sche Gedan­ken zum Prin­zip der »Tat« als Ent­ge­gen­set­zung zu jenem der »Ver­wal­tung« sind beden­kens­wert; sei­ne Kri­tik des Kon­sum­re­gimes ist zwar bekannt, aber poin­tiert; die Degra­die­rung authen­ti­scher Poli­tik zu einem Markt, auf dem aus­tausch­ba­re Wer­be­fach­leu­te reüs­sie­ren, erscheint nach­voll­zieh­bar; die Fun­da­men­tal­kri­tik an der west­li­chen par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie ist bis­sig; die Betrach­tun­gen zu Ame­ri­ka­nis­mus und Anti­ame­ri­ka­nis­mus blei­ben trotz Irak-Krieg­Hin­ter­grund zeit­los; die Ableh­nung des hyper­mo­ra­li­schen Gut-Böse-Kos­mos trans atlan­ti­scher Ideo­lo­gen wird schmit­tia­nisch (ohne Carl Schmitt zu nen­nen) begrün­det; und der Libe­ra­lis­mus sieht sich schließ­lich als viel­sei­ti­ger Kom­plex befeh­det, der sich als recht erfolg­reich dar­in erweist, unter­schied­lichs­te All­ge­mein­gü­ter als ver­al­tet (oder inef­fi­zi­ent) zu denun­zie­ren und »Figu­ren der Kon­sis­tenz von Staa­ten und Völ­kern zu zerstören«. 

Doch Badiou wird auch im zehn­ten Lebens­jahr­zehnt eben­je­ne Staa­ten und Völ­ker nicht als die eigent­li­chen bewah­rens­wer­ten poli­ti­schen Sub­jek­te aner­ken­nen – und so sucht er ver­mut­lich in vie­len wei­te­ren Publi­ka­tio­nen nach der Meta­phy­sik der Bewe­gungs­kräf­te, die sich einst prak­tisch gegen die Logik des libe­ra­len Nihi­lis­mus wen­den könnte.

Logik der Revol­te
von Alain Badiou kann man hier bestel­len.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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