1. April 2020

Guillaume Paoli: Soziale Gelbsucht

Benedikt Kaiser

Guillaume Paoli: Soziale Gelbsucht, Berlin: Matthes & Seitz Berlin 2019. 161 S., 15 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Wer die »Soziologie der Gelbwesten« von François Bousquet in der 89. Sezession (April 2019) gelesen hat, wird sich fragen: Wozu noch dieses Büchlein Guillaume Paolis erwerben? In der Tat drängt sich diese Frage bei der ersten Betrachtung auf. Bousquet hat alles Bedeutsame zum französischen Gelbwestenkomplex verdichtet dargelegt, so eloquent wie gewitzt in der Formulierung, so politisch wie metapolitisch in der Dimension.

Er beschrieb, wie die Gilets Jaunes die Verkehrskreisel besetzten, wie sie Protestcamps auf den zahllosen Kreuzungen der Landstraßen errichteten, wie sie landesweit wilde Versammlungen abhielten, schließlich in Paris das Herz der Stadt eroberten, wie das politisch-mediale Establishment schlingerte und mit Repressionen konterte, kurz: der Chefredakteur des Magazins éléments veranschaulichte, wo, weshalb und wie das periphere Frankreich sich erhob. Ähnliches hat nun eben Guillaume Paoli vor, ebenfalls Franzose, wenngleich nicht aus der Nouvelle Droite stammend, sondern aus einer undogmatischen, popularen Linken, wie sie in Deutschland, von Einzelpersonen abgesehen, nicht existiert. Dabei sind sich die Autoren in ihrer Analyse weitgehend ähnlich und einig.

Auf den zweiten Blick lohnt die Paoli-Lektüre dennoch, und zwar aus vier Gründen. Erstens zielt Paoli ausführlicher auf die sozialpolitische Dimension ab. Er verkündet die Rückkehr der sozialen Frage mit der ihr innewohnenden Vielfalt und Härte und prüft das Gelbwestenphänomen entlang der Maxime »Wie kann man sich dem unheilvollen Gang der Dinge effektiv widersetzen?« Paolis dahingehende Überlegungen über die selbstbewußte Sichtbarwerdung jenes Teils der Bevölkerung, der bisher selten wahrgenommen wird, und das als »frühaufstehendes Frankreich« der Arbeiter und unteren Mittelschicht auch sein Pendant in Deutschland und anderswo finden dürfte, legen dem Leser nahe, daß jede spürbare politische Bewegung  – auch ohne manifeste Erfolge oder gar eine »Revolution« – etwas hinterläßt, etwas lehrt, etwas verändert.

Zweitens verknüpft Paoli die Versuche der Revolte in Frankreich mit globalen Protesterscheinungen. Der gelbwestenverursachte Neologismus dégagisme (gewissermaßen: »Hau-ab-ismus«) hat mit dem »No nos representan!« (Sie vertreten uns nicht!) der spanischen Indignados oder auch mit dem »Que se vayan todos!« (Sollen sie alle gehen!) argentinischer Erhebungen die reine Negativität gemein: Man ist sich einig, daß das Bestehende weg muß! Daß die Eliten falsche sind, daß »es« aufhören muß – doch das »Danach« ist unklar.

Es zählt der sichtbare, wütende und bewegende Protest als Signal kollektiver Selbstermächtigung gegen ein volksfernes, selbstreferentielles Establishment. Drittens zeigt Paoli auf, daß in Zeiten hybrider Identitätspolitik und immaterieller Konflikte der Herrschenden das arbeitende Frankreich nach wie vor materielle Fragen stärker betreffen, verärgern, mitunter mobilisieren, als der Öffentlichkeit oktroyierte Nischendebatten akademisch-urbaner Linkszirkel. Viertens und abschließend ist es jene Schelte zeitgenössischer linker Autoren, die Paolis Büchlein lesenswert macht: Ob allgemein gegen die »linksintellektuellen Divas« des Hauptstroms, die die Gelbwesten als zu plebejisch verwerfen; ob gegen Slavoj Žižek, Alain Badiou und Chantal Mouffe, die auf ihre Weise jeweils am Phänomen Gelbwesten verzweifeln – Paoli teilt aus, fundiert, bisweilen zynisch, stets angemessen.

Auch sein eigentlicher Kompagnon Bernd Stegemann, der mit seinem »Aufstehen«Versuch krachend scheiterte, wird für eine distinguierte »Gott-sei-Dankgibt-es-bei-uns-keine-Gelbwesten«Praxisferne abgewatscht: Paoli verweist unter namentlicher Nennung des Berliner Dramaturgen darauf, daß »soziale Konflikte nicht unweigerlich von ihren theoretischen Befürwortern gutgeheißen« werden, »wenn sie einmal konkret erfolgen«. Und so ist die Empörung des französischen Hinterlands gegen das Zentrum nichts, womit die intellektuelle Linke jenseits von Paoli warm wird.

Man kann davon ausgehen, daß dies bei vergleichbaren Entwicklungen im Deutschland der Zukunft ähnlich sein dürfte: Theoretische Volksferne schlägt sich unweigerlich auch in der Praxis nieder.

Soziale Gelbsucht von Guillaume Paoli kann man hier bestellen.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


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