1. April 2020

Christian Goeschel: Mussolini und Hitler

Benedikt Kaiser

Christian Goeschel: Mussolini und Hitler. Die Inszenierung einer faschistischen Allianz, Berlin: Suhrkamp Verlag 2019. 476 S., 28 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Es gibt kaum Bedarf an weiteren Hitler- und Mussolini-Wälzern. Legen Autoren trotzdem solche vor, sollten sie für den historisch-politisch aufgeschlossenen Leser einen Mehrwert mit sich bringen: Verwendung bis dato unerschlossener Dokumente, erstmalige Übersetzungen von Briefen oder Niederschriften, innovative Deutungsansätze usw. Verschiedene Autoren sind dagegen in den letzten Jahren daran gescheitert, ein entsprechendes Wissensplus zu vermitteln (vgl. die Rezensionen zu Hans Wollers Mussolini-Biographie in der 73. und zu Werner Bräuningers DUX-Großessay in der 83. Sezession.)

Mit Christian Goeschels Analyse der weltanschaulich, strategisch und menschlich ambivalenten Beziehung zwischen Benito Mussolini und Adolf Hitler liegt nun ein weiterer Versuch vor, der von Ian Kershaw bis Richard Evans prominente Lobredner fand. Und in der Tat verfügt die reibungslos aus dem Englischen übertragene Studie des in Manchester lehrenden Historikers über lesenswerte Perspektiven.

Goeschel zeigt quellensatt, warum die Allianz zwischen Rom und Berlin respektive zwischen den beiden Diktatoren – mit ihnen stand und fiel die »Achse« – keine ideologische Liebesheirat der späten 1930er Jahre war, sondern von Zufällen, Neid, Stereotypen und Stimmungsschwankungen (von Euphorie bis Defätismus) geprägt war. Es wird deutlich, daß in der Polykratie des Nationalsozialismus unterschiedliche Deutungen des faschistischen Phänomens zirkulierten, die von anvisierter Nachahmung bis zu schroffer Ablehnung reichten (was umgekehrt in Italien in bezug auf das deutsche NS-Gebilde noch stärker galt).

Dies wird ebenso dargestellt, wie Unterschiede in Wesen und Vorgehensweise der beiden Porträtierten unter den spezifischen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen, die sie umgaben, greifbar werden. Auch militärhistorische Aspekte werden dem Leser vermittelt. Ob Mussolinis Forderungslisten an deutsche Stellen, der Hinweis auf seine konstanten Investitionen in die Befestigung des anvisierten Vallo Alpino del Littorio an der italienisch-deutschen Grenze oder seine imperiale Sehnsucht inklusive diverser Annexionsfehlschläge – Goeschel zeichnet das Bild eines beharrlichen außenpolitischen Scheiterns, das in der Hybris des Duce begründet lag, was Hitler zunehmend erzürnte.

Auch bezüglich Hitler kann Goeschel – bekannte – Fakten zusammentragen, die u. a. seinen Hang zu unumstößlichen Pauschalurteilen und eine manisch-aggressive Kritikresistenz ebenso veranschaulichen wie sie den Wandel der Hitlerschen Mussolini-Verehrung Anfang der 1920er Jahre hin zu einer ausgereiften Mißachtung bis ins gemeinsame Todesjahr 1945 entfalten. Trotz lesenswerter Aspekte überwiegen Mängel. Das beginnt bei ungenügenden terminologischen Einsichten. Das führt dazu, daß Hitler und Mussolini als die »beiden wichtigsten faschistischen Staatsmänner« eingeführt werden, ohne daß geklärt wird, weshalb Hitler überhaupt »Faschist« gewesen sein soll.

Es fehlt ohnehin jede Erklärung, was unter »Nationalsozialismus« und »Faschismus« verstanden wird, was problematisch erscheint, wenn wiederholt betont wird, daß es Widersprüche und Unterschiede zwischen beiden Ideologien (und ihren prominentesten Verkörperungen) gab, ohne daß skizziert wird, worin diese bestanden. Neben einer mangelhaften ideenpolitischen Klarheit ist der stellenweise aufkommende Plauderton anzuführen. Wenn Goeschel über Mussolini höhnt, daß man »von einem zähen faschistischen Kämpfer« erwartet hätte, daß er stark bleibe und sich keine »schwere Erkältung« zuzöge, ist man irritiert; wenn geraunt wird, Mussolini hätte trotz Österreich-Krise 1938 noch Zeit gefunden, »mit (Clara) Petacci ins Bett zu steigen«, fühlt man sich eher an eine schlüpfrige Kolumne aus dem Boulevardblatt The Sun als an eine Ausarbeitung eines Dozenten diverser englischer Universitäten erinnert.

Hinzu kommen kontinuierliche persönliche Wertungen, aber auch Überinterpretationen: Worin besteht etwa die vom Autor dramatisierte Drohung Goebbels gegen Mussolini aus dem Jahr 1941, wenn der Propagandaminister sie exklusiv seinem privaten Tagebuch mitteilte – benötigt eine Drohung keinen Empfänger?

Auch Goeschels Mussolini und Hitler-Wälzer fehlt es damit an befriedigendem Mehrwert für den Leser und ist: verzichtbare Lektüre.

Mussolini und Hitler. Die Inszenierung einer faschistischen Allianz von Christian Goeschel kann man hier bestellen.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


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