1. April 2020

Tobias Roth (Hrsg.): Gartenstadtbewegung

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Eine Rezension von Fritz Keilbar

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Gartenstadtbewegung: Flugschriften, Essays, Vorträge und Zeichnungen aus dem Umkreis der Deutschen Gartenstadt-Gesellschaft, hrsg. und benachwortet von Tobias Roth, Berlin: Das Kulturelle Gedächtnis 2019. 256 S., 24 €

»In letzter Zeit sind Umfragen gehalten worden, aus denen hervorgeht, wie weit die Naturentfremdung bei Kindern der Großstädte vorgeschritten ist: Die meisten hatten nie einen Sonnenaufgang gesehen, viele waren noch nie in einem Walde gewesen, kannten den pflügenden Bauern nur aus dem Anschauungsunterricht.«
Diese Klage erhob 1909 Hans Kampffmeyer, ein heute vergessener Vordenker der Gartenstadtbewegung. Diese Bewegung sah in der Errichtung von großzügigen Siedlungen mit genügend Land für die Selbstversorgung die Lösung für fast alle Gebrechen der Gesellschaft um 1900.
Sie war ein wichtiger Bestandteil der Lebensreformbewegung, die seit den 1890er Jahren versuchte, einen Ausweg aus Massenzivilisation und formierter Gesellschaft zu finden und das Elend des in Hinterhöfen hausenden Proletariats zu mildern. Hier fanden viele Reformwillige zusammen, da es nicht nur um das Häuschen im Grünen ging, sondern um weiterführende Fragen einer Bodenreform, der Volksgesundheit und des Menschenbildes, das sich nicht an Profitmaximierung orientieren sollte.

Die Gartenstadt-Idee wurde aus England importiert und bei uns vor allem von der Deutschen Gartenstadt-Gesellschaft propagiert. Aus deren reger Tätigkeit sind in dem vorliegenden Band repräsentative Dokumente versammelt. Zeitlich stammen sie sämtlich aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, inhaltlich bewegen sie sich zwischen philosophischem Essay und Werbeprospekt. Der Herausgeber hat bewußt diese Heterogenität abgebildet. Seine These: Auch im Fall der Gartenstadt stand am Ende der Ausverkauf einer Idee, weil sich unter den Gesetzen der Verwertung keine andere Entwicklung denken läßt. Die bis in die dreißiger Jahre errichteten Gartenstädte gehören heute zu den begehrten Wohnlagen, selbst die »vorstädtischen Kleinsiedlungen«, die in der Weltwirtschaftskrise aufgrund einer Notverordnung von Arbeitslosen errichtet wurden, zählen dazu.

Zu dem mit zeitgenössischen Entwürfen illustrierten und äußerst ansprechend gestalteten Band hat Herausgeber Tobias Roth ein Nachwort beigesteuert, in dem die wichtigsten Protagonisten vorgestellt und die Entwicklung nachgezeichnet wird. Erklärt wird auch die Reserviertheit, mit der heute der Losung »Zurück aufs Land!« begegnet wird: »Boden, Heim, Scholle, Leib, Selbstversorgung und Innenkolonisation, die Begriffe und Konzepte werden ab 1933 den Grünspartakisten von den Braunhemden abgerungen – und bleiben auf Jahrzehnte hinaus damit verseucht, teils bis heute.« Am Ende des Bandes gibt es eine kryptische Widmung an ein Grundstück, das 1919 für die Siedlung Neu-Trudering vermessen wurde. Welcher Grund mag sich dahinter verbergen? Gerade Neu-Trudering stand unter keinem guten Stern, weil seit der Eröffnung des Flughafens Riem 1939 die Folgen der Stadtnähe deutlich spürbar wurden.

Interessant ist darüber hinaus der Verlag, in dem das Buch erschienen ist. Das Kulturelle Gedächtnis existiert seit drei Jahren. Sein Anspruch: »Aktuelle Themen, aber nicht aus der Hektik der Gegenwart betrachtet, sondern aus historischer Perspektive, aus dem kulturellen Gedächtnis heraus: Um zu zeigen, dass die Probleme von heute nicht einzigartig sind.«

Gartenstadtbewegung: Flugschriften, Essays, Vorträge und Zeichnungen aus dem Umkreis der Deutschen Gartenstadt-Gesellschaft, hrsg. und benachwortet von Tobias Roth kann man hier bestellen.


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