1. Oktober 2019

Parteipolitische Sättigung

Götz Kubitschek

PDF der Druckfassung aus Sezession 92/Oktober 2019

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Akademiewochenende in Schnellroda, Thema: »Das politische Minimum«. Einhundertfünfzig Schüler und Studenten. Der Freitag ist der parteipolitische Tag. Erik Lehnert, Leiter unseres Instituts, führt ein, draußen Antifa-Folklore, achtunddreißig Gestalten, aus dem Dorf keiner, im Saal laufen unsere Vorträge.

Maximilian Krah, Europaparlament, kommt gerade noch pünktlich. Drei Kamerateams (RTL, ZDF, MDR), ein paar Zeitungsjournalisten, gegen achtzehn Uhr wird Alice Weidel an den Hintereingang gefahren, das Rudel hastet, kommt zu spät und zieht frustriert ab. Krah über Brüssel, Weidel über Berlin, Konrad Weiß (früher bei Strache) über Wien – parteipolitische Sättigung.

Worauf läuft das hinaus? Ist das nun die Übersetzung metapolitischer Grundlagenarbeit in politische Argumentationsketten? Was ist noch möglich, was ist das Ziel? Und was geschieht mit uns, mit unserem Denken, unserer Exzentrik und Verdichtung, wenn wir geistige Parteidisziplin zu üben?

In Berlin und in anderen Städten ruft der radikale Arm der »Klimaproteste« zu zivilem Ungehorsam auf. Die Aktivisten der Organisation »Extinction Rebellion« (Rebellion gegen das Aussterben) blockieren Verkehrsknotenpunkte und behindern den Normalbetrieb. Ihr Ziel ist es, Großstädte lahmzulegen und eine panische Zeitnot ins Bild zu setzen: »Es darf hier nicht einfach so weiter gehen.«
Der Pendler, der aufgrund solcher Blockaden im kilometerlangen Stau steht, das Stocken der Maschinerie des wie geschmiert laufenden Getriebes der Stadt – das soll das Stocken des gewohnten Ganges, des gewohnten Gedankenganges sein. Wer stockt, wird sich bewußt darüber, daß das, was aus Gewohnheit so hingenommen und mitgetragen wird, ins Stocken geraten kann, also anfällig ist.
Das formulierte Goethe, als er seinen Faust den ersten Satz der Bibel neu übersetzen ließ: »Im Anfang war das Wort. / Hier stock’ ich schon / wie fahr ich weiter fort? / Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, /ich muß es anders übersetzen«, und so weiter, und am Ende steht dann jener Selbstermächtigungssatz, von dem seit Faust jede Legitimation abgeleitet wird: »Im Anfang war die Tat.«

Bei »Extinction Rebellion« läuft das alles in die falsche Richtung: Das ist geduldete, abpuffernde, schon wieder kanalisierte »Rebellion«, man sieht so etwas immer daran, daß nicht mit beendender Härte gegen diese zivil Ungehorsamen vorgegangen wird. Spektakel, Schlagzeilen.

Es ist nun vier Jahre her, daß wir zusammensaßen und darüber nachdachten, wie weit unser Widerstand gegen das verantwortungslose Regierungshandeln gehen dürfe. Klar war: keine Gewalt. Klar war auch, daß folgender Grundsatz gelten müsse: »Die kleine Ordnung stören, um die große Ordnung zu schützen.« Geplant waren Aktionen in Dresden, denn nur dort, eingebettet und getragen von Pegida, wäre auf eine massenhafte Unterstützung des aktivistischen Kerns zu hoffen gewesen: auf Zuarbeit, Resonanz, Bewegungsspielraum. Konkreter: Wir wollten auf der Welle der Empörung gegen die »offenen Grenzen« den Verkehr am Albertplatz lahmlegen, die Autobahn A 4 in beide Richtungen ausbremsen und ein Dauercamp vor dem Landtag einrichten. Für alle drei Aktionen lag das Material bereit, waren die Aktivisten mobilisiert und instruiert, waren drei Journalisten vorsichtig, aber doch klar genug eingeweiht. Aber wir sind nicht aktiv geworden, haben unsere Pläne nicht umgesetzt. Grund dafür war eine Mischung aus Rücksichtnahme (Behinderung einfacher Leute und mitblockierter Rettungskräfte), Sorge vor juristisch nicht abschätzbaren Konsequenzen und der Prognose, dies alles werde zu einem medialen Desaster. Denn das wäre nun kein »Spektakel« geworden, sondern eine Herausforderung.

Unter den einhundertfünfzig Teilnehmern der Akademie waren neunzig, mit denen ich noch kein Wort gewechselt hatte. Was wollen diese jungen Leute? Was führte sie zu uns? Woher kommen sie? Was machen sie, lesen sie, wie bewegen sie sich im Alltag, an der Universität, im Freundeskreis? Was bringt sie auf, was macht sie zornig, wie zornig sind sie, wie abgeklärt, wie neugierig, wie politisch, wie kreativ, spöttisch, verschlossen? Wie dienstbereit? Wie rebellisch? Wie parteipolitisch satt?


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


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