1. Oktober 2019

Überlegungen zu einer postmodernen Rechten

Nils Wegner

PDF der Druckfassung aus Sezession 92/Oktober 2019

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, leitender Redakteur des Radix Journal und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Die einfachste Methode, Menschen anzulügen, besteht darin, ihre persönliche Wahrnehmung der objektiven Realität zu verändern – so weit, so moralisch verwerflich (wenn auch in der Sache unbestreitbar). Verständlich also die lautstarke Empörung, als im Februar das von der Linguistin Elisabeth Wehling im Auftrag der ARD erstellte »Framing«-Handbuch an die Öffentlichkeit gelangte.

Wirklich? Immerhin handelt es sich bei Wehlings Arbeit zu diesem Thema um keine Geheimlehre, sondern einen umfangreich beforschten Zweig der politischen Kommunikation. Und wenn wir im obigen Einleitungssatz das Wörtchen »anzulügen« gegen »zu überzeugen« austauschen, was ist dann das Nachdenken darüber, »wie eine Nation sich ihr Denken einredet« (Wehling), anderes als ein Aspekt politischen Marketings – oder, ganz konkret, genau jener Gramscismus, der das wesentliche Kennzeichen »der« Neuen Rechten darstellen soll?

Ungeachtet der Implikationen dieser Frage dahingehend, ob wir »den Mächtigen« übelnehmen, was wir selbst gern täten, weil sie eben »die Mächtigen« sind, wirft das Ganze ein bezeichnendes Licht auf den Zustand der real existierenden großwestdeutschen Elitendemokratie: Wo abseits von Wirtschaftswachstum, Grundgesetztreue und »historischer Verantwortung« nichts die »Bevölkerung« verklammert, bedarf es um so engerer Kontrolle der ins Kraut schießenden Partikularinteressen.

Aus rechter Perspektive blicken wir hier gewissermaßen auf die Kehrseite einer »Mosaik-Rechten« à la Benedikt Kaiser (vgl. Sezession 77): Bereits 2013 klagten die Verfasser eines »Akzelerationistischen Manifests« die heutige Linke an, sich auf bloße Besitzstandswahrung und lokale Symbolpolitik zurückgezogen zu haben. Fundamentaler Wandel bedürfe hingegen nicht nur phantastischer Strategien zur Erlangung intellektueller Hegemonie, sondern vor allem einer Gegenerzählung zur Verwertungslogik des Neoliberalismus. Diesen Erwägungen liegen genuin postmoderne Versatzstücke zugrunde, und nachdem dieses reichhaltige, wenn auch teils verstörende Feld des Denkens von rechts her lange brachliegen gelassen wurde, ist es hohe Zeit für einige Gedanken zu seiner Bestellung. Leser mit vorgefertigtem konservativen Weltbild, die vor einem solchen Thema halb angeekelt, halb ärgerlich zurückzucken, seien vorsorglich auf Armin Mohler verwiesen, der bereits Ende der 1980er in Criticón über das Wirken des Postmoderne-Chronisten Wolfgang Welsch berichtete und der Rechten eine Beschäftigung mit der damaligen »Modephilosophie« dringend nahelegte; letztlich ohne Erfolg.

Was bleibt, ist Mohlers Mahnung, der nachzukommen schon die Suche nach neuen Ufern gebietet. Und nicht zuletzt der damals noch zu Füßen Donald Trumps sitzende Stephen Bannon sorgte Anfang 2017 für internationales Aufsehen, als er eine große »Dekonstruktion« in Aussicht stellte – womit letztlich aber doch nur das libertäre Mantra vom Rückbau des Verwaltungsstaats gemeint war. Gewiß stehen die meisten postmodernen Denker und Theoretiker im engeren Sinne mehr oder weniger dezidiert links. Wo auch sonst: Der Konservative an sich wird sich heute wie vor 50 Jahren kaum bemüßigt sehen, Herrschaftsstrukturen und Institutionen zu hinterfragen und zu kritisieren. Das ist stets eine genuin linke Beschäftigung geblieben, auch wenn sie uns im Angesicht einer der Rechten rigoros feindselig gegenüberstehenden Beamtenkaste nicht schlecht zu Gesicht stünde. Nun also: Was sind die bestimmenden Wesenszüge unserer Befindlichkeit, dieses postmodernen Zustandes?

1. Kollaps der »Metanarrative«, also der die Gemeinschaft in all ihren Unterteilungen (Verwaltung, Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft …) auf ein einziges Ziel hin ausrichtenden inklusiven Großerzählungen. Diese mit bloßen »Ideologien« gleichzusetzen, greift zu kurz; vielmehr lieferten Metanarrative die historiographische Rückbindung der modernen Primärideologien Liberalismus, Sozialismus und Faschismus.

Strenggenommen stellte die Aufklärung selbst den Niedergang des christlichen Metanarrativs dar; die Postmodernisten haben die Postmoderne also nicht einfach erfunden, sondern sie vielmehr vorgefunden, sie diagnostiziert und auf sie reagiert, weshalb sie sowohl Nietzsche als auch Heidegger zu Vordenkern erklären können.

Lyotard schrieb im wegweisenden Postmodernen Wissen: »In äußerster Vereinfachung kann man sagen: ›Postmoderne‹ bedeutet, daß man den Meta-Erzählungen keinen Glauben mehr schenkt.« Diese entsprachen dem, was man heute »Totalitarismus« nennt, und wer – so oppositionell er sich auch geben mag – ist schon bereit, dieses ganz spezielle Stigma zu tragen?

2. Zumindest im Westen wirtschaftlicher Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, je nach Theoretiker vom Monopol- zum multinationalen oder Konsumkapitalismus / »Spätkapitalismus«, und somit Konstitution eines neuen Verhältnisses der Menschen zu Arbeit und Konsumgütern, zu welchen letzteren auch die Medien zählen.
Dies hat schwerwiegende Auswirkungen auf die gesamte individuelle Lebensgestaltung, wie sich augenfällig am heute verhältnismäßig hohen konsumatorischen Lebensstandard selbst einfachster Fließbandarbeiter ablesen läßt, während klassische Marker von stabilem Wohlstand vollkommen in den Hintergrund getreten sind, insbesondere der Hausbesitz.

3. Neue Medien- und Kommunikationstechnologien
und dadurch ein neues Verhältnis der Menschen zu Ereignissen überall auf der Welt, zu Fragen der Repräsentation und selbst der Wahrheit als solcher. Vor allem, damit einhergehend: eine nie zuvor gesehene Ausbreitung der Zeichen und Bilder, die auch die neurotopographische Infrastruktur unseres Denkens unmittelbar zu beeinflussen vermag. Wo sich bereits nachweisen ließ, daß das Aufkommen des Schwarz-Weiß-Fernsehens zu monochromem Träumen der Menschen führte, so werden die radikal geschrumpften Aufmerksamkeitsspannen unserer heutigen Zeitgenossen sicher nicht die letzten Konsequenzen der multi- und crossmedialen Allgegenwart gewesen sein. Vielmehr führt die ununterbrochene und vor allem auf Bildern aufgebaute virtuelle Gegenwart nicht nur zu fundamentalen kognitiven Veränderungen, sondern auch emotionalen und solchen des Verhaltens.

Von überragender Bedeutung für eine zeitgemäße und sich in Aussicht auf eine immer weiter beschleunigte Zukunft rüstende Rechte ist innerhalb dieses Dreiklangs eine so rigoros wie nur möglich ausfallende Medienkritik. Der Grund liegt auf der Hand: Während sich die einschlägigen Medien zur Zeit einer scheinbar schlagkräftigen parteiförmigen Rechten (Republikaner) wie wildwüchsig-untergründigen »Neuen Rechten« in der ersten Hälfte der 1990er vorsichtshalber in fast gänzlichem Verschweigen übten und die Abweichler so zum guten Teil öffentlich unsichtbar machen konnten, wich dieses Ausblenden im neuen Jahrtausend einer Art von überheblich-amüsiertem Geplänkel.

Vorbild war der joviale und lässig-ironische Umgang der linksliberalen US-Medienlandschaft mit dem seltsamen Zusammengehen von christlicher Rechter und technokratisch-imperialistischen Neokonservativen. Daß in den 2010er Jahren aus dem sprichwörtlichen Blauen heraus eine überraschend hartnäckige Partei und eine zeitweilig aufsehenerregende Bürgerbewegung hinzutraten und den zuvor zur etablierten Zufriedenheit völlig erstarrten politischen Betrieb stellenweise aufbrechen konnten, schuf ein Spannungsverhältnis: Einerseits war es unumgänglich, weiterhin das künstlich erzeugte Publikumsbedürfnis nach Gruselgeschichten über »nette und kluge Nazis von nebenan« zu bedienen.

Auf der anderen Seite steht der Mechanismus, daß alles Berichtete zwangsläufig aufgewertet wird und der maßgeblich auch von und mit ebendiesen Medien ausgehandelte Status quo nicht tatsächlich ins Wanken gebracht werden darf: Psychopathia medialis.
Von unvoreingenommener und / oder objektiver Berichterstattung zu träumen, ist nicht nur vor diesem Hintergrund eine völlige Kinderei – sind doch Medienethik und Privatheit in Wahrheit Erfindungen gerade einmal des späten 19. Jahrhunderts, also »soziale Konstrukte« par excellence.

Ebenso hat es überhaupt keinen Sinn, in diesem Zusammenhang von einem »Infokrieg« zu sprechen, weil demnach alle Beteiligten mit Fakten und Sachargumenten im ergebnisoffenen Wettbewerb gegeneinander antreten müßten – nichts entspricht in der medialen Sphäre jedoch weniger der Wahrheit. Berichtet wird über solche Themen und in solch einer Weise, daß der Redaktionsagenda und -bilanz gedient ist, ebenso wie Behörden nur solche politischen Veranstaltungen zulassen, die nicht die Interessen der jeweils aktuell Herrschenden tangieren. Dies anzuerkennen, käme insbesondere denen zugute, die sich so dezidiert auf »1989« berufen: Immerhin hatte die real existierende »Wende« einen erheblichen ökonomischen Leidensdruck und schwere geopolitische Verwerfungen zur Voraussetzung.

Medien vorzeigbarer Reichweite sind zwangsläufig Vektoren der Macht, und Macht ist stets ein Nullsummenspiel. So gesehen gibt es auf dieser Welt überhaupt nur zwei Dinge, die wirklich existieren: Wahrheit und Macht. Und beide stehen oft im Widerspruch zueinander. Tatsächlich lassen sie sich entlang einer unorthodox gedachten Links-rechts-Polarität anordnen, wobei das Streben nach Macht – worunter wir direktes wie indirektes sozial-gesellschaftliches Wirkvermögen verstehen wollen – de facto Kennzeichen der »übersozialisierten« Linken ist, das Streben nach und die Berufung auf die Wahrheit hingegen tendenziell rechts angesiedelt ist.

Das klingt erstmal ganz hervorragend und nach einer sehr bequemen moralischen Position – nur muß man eben trotzdem mit beiden Polaritäten interagieren können. Man kann nicht in ein Spiel mit gezinkten Karten einsteigen und darauf spekulieren, mittendrin die Regeln ändern zu können – unter den gegebenen Umständen kann man nur entweder nach den Regeln des Gegners spielen oder gar nicht. Wohl darin liegt die wahre Crux der Sache für die Dissidenz – ob nun »neurechter« oder sonstwelcher Art, denn es geht hier ja eben gerade nicht um irgendeine wie auch immer geartete »große Erzählung«, sondern um das eigentliche Gerüst darunter: Die Konsequenz aus der Erkenntnis, daß alle versuchte Einflußnahme auf »den Diskurs«, aller Aktionismus und jede »Provokation« unter den gegenwärtigen, gänzlich marktbestimmten Bedingungen öffentlicher Kommunikation nur in eine »Simulation« und das Marionettentheater der Meta-Medien münden kann, ist entweder Resignation oder Zynismus.

Das verzweifelte Auftreten als Tanzbär eines bindungs- und wurzellosen Individualismus als scheinbar einzig denkbarem Gegenmodell zu einem unterdrückerischen linksliberalen »Kollektivismus«, wie es insbesondere der Kanadier Jordan B. Peterson und einige andere populärphilosophische Quacksalber seit einigen Jahren pflegen, kann jedenfalls kaum die Antwort sein. Und die Rechte kann auch keinerlei Sympathien gewinnen mit dem – meist ins Erbärmliche abgleitenden – Versuch, den Schutz potentieller Opfergruppen für sich zu reklamieren, momentan vor allem von Juden und sexuell Devianten gegenüber »dem Islam«.

Jüngstes, wohl nur noch schwer zu übertrumpfendes Beispiel: Die am 31. August in Boston, Massachusetts abgehaltene »Straight Pride Parade« zur Feier der Heterosexualität – unter der Schirmherrschaft des bankrotten homosexuellen Berufstrolls Milo Yiannopoulos. Hinter solchen schlechten Imitationen steckt die fatale Grundannahme, die besonders von der liberalkonservativen Alt-Light als kollektivistischer Dämon an die Wand gemalte »intolerante Linke« in Sachen Liberalismus übertrumpfen zu können. Das aber ist nichts anderes als das Aufeinander-Herumhacken von Vögeln, die gelernt haben, ihren Käfig zu lieben – unter medialem Beifall. Vor diesem Hintergrund gibt es zum Zynismus also genug Anlaß, wenn wir ihn in klassischer Weise als »existentialistischen Protest« (Klaus Heinrich) gegenüber der dräuenden Sinnlosigkeit verstehen wollen.

In jedem Fall scheiden sich hier ernsthafte Versuche eines produktiven Umgangs mit der Postmodern condition von reinen Mätzchen wie einem entgrenzten Relativismus (den tatsächliche Theoretiker wie der oberste Dekonstruktivist Jacques Derrida stets abgelehnt haben) und vor allem einer allgegenwärtigen Ironie, die sich schon Mitte der 1990er überlebt hatte und – selbst kommodifiziert – zu einem Vehikel der Werbebranche verkommen war, wovon frühe Aufrufe zu ihrer diskursiven Überwindung mittels Post-irony und Neo-sincerity zeugen.

Daß gerade sie sich bei interessierten, aber oberflächlichen Beobachtern so sehr als Charakteristikum eingeprägt hat, zeugt von der steten Gefahr, zwischen den unzähligen Metaebenen und rhizomatischen Auswüchsen des weitläufigen Themas die Orientierung zu verlieren.

Es ist nur folgerichtig, wenn Jack Donovan im abschließenden Teil seiner Trilogie der Mannhaftigkeit, der sich in den letzten Zügen der Übersetzung befindlichen Nietzsche-Hommage A More Complete Beast, die Frage danach stellt, wieviel Loyalität ein vor allem um Infantilisierung, Bemutterung und Verwertung seiner Partikel bemühtes Gemeinwesen verdient hat. Ein erster Schritt in die richtige Richtung mag die radikale Entkoppelung von der Vermarktungslogik sein, weg vom Haschen nach »Likes«, Auflagenhöhen und verkauftem Nippes, unter völliger Aufkündigung jeder Zusammenarbeit mit den Dissens vernutzenden Klischeemedien.

Sie muß – aufgrund der im heutigen »Konsumkapitalismus« unentflechtbar engen Verbindung zwischen Kulturindustrie und liberalem System, wie sie Medientheoretiker wie Stiegler und insbesondere Baudrillard angemahnt haben – zu einer gänzlich neuen In-Beziehung-Setzung zur politisch-gesellschaftlichen Realität führen. In der Folge wird man sich Fragen der Machbarkeit und Wünschbarkeit einer Massenresonanz widmen können.

Ein solches Denken macht in jedem Fall frei und verleiht den nötigen Schwung, um Türen hinter sich zuzuschlagen und neue aufzureißen. Nicht aber, um mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, denn da wären wir wieder beim Akzelerationismus. Dazu lieber ein andermal. Um abschließend noch einmal Deleuze zu bemühen: »Weder zur Furcht noch zur Hoffnung besteht Grund, sondern nur dazu, neue Waffen zu suchen.«


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, leitender Redakteur des Radix Journal und arbeitet als Übersetzer und Lektor.


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