11. Juni 2020

Muck, Stasi, Blondi, Wolf: Tiere im Nationalsozialismus

Ellen Kositza / 18 Kommentare

Daß sämtliche Buch- und Zeitschriftentitel mit Bezug zum Nationalsozialismus sich verkaufen wie „geschnitten Brot“, ist ein alter Hut.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Er ist es seit Jahrzehnten - er paßt noch heute. Was bedeutet es, wenn sich selbst der aufgeklärteste Zeitgenosse dem „Faszinosum NS“ kaum entziehen kann? Eine wichtige Frage, eine peinliche Antwort: Unsere Landsleute sind wie fixiert auf die Frauen, Drogen, Mode, Musik, Medizin etc., die zu diesen Zeiten en vogue waren.

Jan Mohnhaupt (*1983), der Autor einer jüngst erschienenen Studie über Tiere im Nationalsozialismus, trägt einen berüchtigten Namen. Über seine wissenschaftliche Karriere (Studienabschluß?) ist wenig bekannt. Er reüssiert als „freier Journalist“.

Sein neues Werk wurde in den Leitfeuilletons der Republik weithin besprochen und ausschließlich hochgelobt. In der Tat ist es über weite Strecken gut lesbar und gespickt mit interessanten Fundstücken. Es ist erstens der journalistische Zugriff („Diese Szene hat nicht tatsächlich stattgefunden, aber sie könnte sich so oder so ähnlich zugetragen haben“) und zweitens das Anekdotische, das diesen „Wir-blicken-mit-gebotenem-Spott-auf- die-Hitlerei“-Schmöker so erquicklich macht.

Hinzu kommen die formidablen, oft hintersinnigen Kapitelüberschriften: „Das große Fettrüsten“ heißt es, wo es um die Schweinewirtschaft, „Entlarvung“, wo es um Seidenraupen geht. Oder (logisch, jetzt Görings Auftritt!): „Die Enden der Hirsche“- was haben wir gelacht!

Freilich sollen wir Leser jenes Lachen lachen, das in der Kehle verstummt. Diese deutlich abgezirkelte Absicht nun verstimmt – als würden wir nicht längst frieren, als benötigten wir Grausamkeitsnachschub wie ein Abhängiger die Droge. Jan Mohnhaupt bringt neben Altbekanntem (Hitler war strenger und missionarischer  Vegetarier; die Brühe, die Albert Speer neben ihm löffelte, nannte er abfällig „Leichentee“; er erwog, auch seine Hunde vegetarisch zu ernähren)  eine Vielzahl an Sollte-man-Wissen hervor, das man ebensogut in einem Boulevardmagazin abgedruckt finden könnte.

Das hat zweifellos Unterhaltungswert: Wir sehen Hitler abgebildet, wie er Eva Brauns winzige Scotch-Terrier „Negus“ und „Stasi“ (A.H.: „Handfeger“) streichelt, obwohl er sich doch „offiziell gern mit Schäferhunden ablichten“ ließ. Verrückt!

Die photogen- prominente Hundedame Hitlers war übrigens bereits „Blondi, die Dritte“. Die Rüden, die Hitler hielt, hießen Foxl, Muck und Wolf. Hitler mochte keine Boxer. Der Deutsche Schäferhund wurde erst 1899 „erfunden“. Zwölf Jahre später gab es bereits 13.000 „reinrassige“ Tiere – und zu Beginn der Dreißigerjahre umfaßte das Zuchtbuch über 400. 000 Deutsche Schäferhunde. Zum Dienst allein im ersten Kriegsjahr seien - so recherchiert Mohnhaupt - rund 200. 000 Hunde aus deutschen Haushalten eingezogen worden: neben dem Schäferhund vor allem Airedale-Terrier, Dobermann, Rottweiler und Riesenschnauzer. Boxer auch. Man lernt hier einiges.

Außerdem: Bis 1940 lebten insgesamt, der Reihe nach, ganze sieben Junglöwen bei den Görings! Anhand dessen könnte man gut über Status und Emblem reflektieren. Mohnhaupt wählt den billigen Weg: Einmal hatte Göring seinen „Mucki“ in einem Badezimmer untergebracht. Während er nun „stundenlang seiner [Jagd-] Leidenschaft frönt, pinkelt der Löwe derweil das Badezimmer voll.“ Ha! Die NS-Zeit als Slapstick!

Funfact, denn als solches ist es subkutan deklariert: Entgegen dem internationalen Trend setzte das Reich nicht auf das magere, sondern auf das fette Schwein. Man (Richard Walter Darré, Reichsernährungsminister bis 1942) wollte auch fettmäßig möglichst autark werden. Darré wird hier pointiert in Erinnerung gerufen. Der visionäre „Agrarromantiker“ (Neuadel aus Blut und Boden, 1930; Das Schwein als Kriterium für nordische Völker und Semiten, 1927) hatte vehement auf die Selbstversorgung des deutschen Volks gesetzt.

Laut Mohnhaupt hielten 1937 die 18 Millionen Haushalte im Deutschen Reich etwa fünf Millionen Privatschweine. In jenem Jahr seien 34 Millionen Schweine geschlachtet worden, was immerhin zwei Drittel des deutschen Bedarfs gedeckt habe. Flankierend hatte es eine Aktion der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ gegeben. Unter dem Motto „Kampf dem Verderb“ wurden Haushalte - ganz modisch eigentlich! - aufgefordert, Essensreste dem Ernährungshilfswerk zur Verfügung zu stellen. „Eines der Plakate zeigt eine Hausfrau, die gerade Essensreste in die Mülltonne gibt und dabei von einem schwebenden Schwein aufgehalten wird.“ In Sütterlinschrift wurde dem Verbraucher (heute würde man ihn "Prosumenten" heißen) bedeutet, daß Putzmittel, Apfelsinnen- und Bananenschalen den Schweinen nicht gut bekommen. Darré scheiterte mit seinen guten Ideen, er wurde jedenfalls ausgebootet.

Ein großes Kapitel widmet Mohnhaupt den Katzen. Gemäß einem einigermaßen berühmten Diktum des NS-Schriftstellers Will Vesper galten sie als „die Juden unter den Tieren“. Andere Nationalsozialisten wie der Rassehygieniker und erste Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Ferdinand Hueppe, liebten hingegen die Katze und tadelten, daß dieses Tier in „keinem Kulturlande so niederträchtig mißhandelt“ werde wie in Deutschland. Auch Alfred „Tiervater“ Brehm sprach sich pro Katze aus: „Je höher ein Volk ist, je bestimmter es sich seßhaft gemacht hat, um so verbreiteter ist die Katze.“

Mohnhaupt aber fixiert sich auf den angeblich naziesken Katzenhaß und schildert über viele Seiten eine „herzzereißende“, tränenreiche, in Wahrheit und Relation aber fast beschämende Geschichte über Viktor Klemperer und dessen Frau, die das famileineigene  hochgeliebte Kätzchen letztlich lieber töten ließen als es einem NS-Tierheim zu überlassen und  folgert: „An der Katze zeigt sich, wie willkürlich die vermeintlich systematische NS-Ideologie von ihren Verfechtern ausgelegt wurde.“

Unwillkürlich stellt sich hier die Frage, was genau „Zynismus“ ausmacht. Hat man eigentlich je den deutschen Bundestag nach Katzenfreunden befragt? Das Kapitel über die NS-Katzen endet übrigens mit insinuiertem Schrecken: Keine zwanzig Jahre nach dem Ende des Weltkriegs sei wieder ein neuer Panzer vom Band gerollt: „Leopard heißt er.“, zittert Mohnhaupt als bedeutungsschweres Schlußwort dieses Kapitels herbei.

Mohnhaupt will nicht zeigen, daß das Verhältnis vom NS zum Tier ambivalent war. Das hätte auch wenig Neuigkeitswert und könnte nicht als Alleinstellungsmerkmal für genau dieses Regime gelten.  Er will brandmarken, wie „lachhaft“ widersprüchlich die Haltung gegenüber dem Tier gewesen sei. Er scheut sich dabei nicht, in den Schauermärchenfundus zu greifen.

Direkt neben dem KZ Buchenwald habe es einen kleinen Zoo gegeben, mit Volieren, Affenkäfigen und Bärenzwinger. Das ist vielfach belegt. Mohnhaupt greift nun ein unbelegtes Anekdotenwissen von Eugen Kogon (der sein Buch später bereute) auf, wonach den Bären hin und wieder zur Freude der Wächter Häftlinge zum Fraß vorgeworfen seien. Kogon sprach damals auch von einem Nashorn im Buchenwaldzoo; Mohnhaupt rückt dies allerdings ins Reich der Legenden. Den morbiden Bärenschmaus allerdings nicht. Fraglos erhöhen ungeprüfte Fundstellen wie diese den Gruselfaktor: aufklärend wirken sie nicht.

Auch das hier verhandelte Schächtungsverbot zeigt, wie sehr „Bloßstellung“ als erkenntnisleitende Aufgabe begriffen wird. Per Gesetz wurde 1933 erlassen, daß warmblütige Tiere beim Schlachten vor Beginn der Blutentziehung zu betäuben seien. Laut Mohnhaupt führte nicht der tierschützerische Impuls die Feder, sondern der perfide „Hintergedanke“: den Juden das rituelle Schächten zu versagen.

Was sie auch machten, die Nazis, damals - sie machten es falsch. Ähnliches gilt für die Transportvorschriften des Reichsbahn für Schlachtvieh. Vor langen Wegen müssen die Tiere ausreichend getränkt und gefüttert werden. Ihnen muß genug Platz gestattet sein, um sich hinzulegen. Aber auch wieder falsch: Denn in denselben Waggons seien später Menschen gen Osten transportiert worden.

Schräg ist auch das umfangreiche Kapitel über die angestrebte Seidenraupenzucht, über Nützlinge und Schädlinge. Mangels Quellenlage erfindet Mohnhaupt hier einen Knaben namens Hans, der total euphorisch in der Seidenraupenversorgung aufgeht. Daneben muß das erfundene Kind, das auf einen möglichst langen Krieg hofft, um sich noch beweisen zu können, ein Buch titels Die Kartoffelkäferfibel komplett auswendig lernen und in der Schule aufsagen. Ein wahrhaft empathischer Kunstgriff, eine echte Masche! „Weil Hans unbedingt dazugehören wollte, hat er die Zähne zusamengebissen“, küchenpsychologisiert Mohnhaupt und fügt als Fußnote einen Verweis auf Jost Hermands Kriegszeiterinnerungen ein.

Somit: Die Intention befindet sich hier bereits in Schieflage. Ärger noch wird es im Detail: Der zitierte und einigermaßen bekannte Historiker heißt Joachim, nicht wie hier „Ulrich“ Radkau. Die „Naturkunden“ des Verlags Matthes & Seitz sind keine Zeitschrift, sondern eine Buchreihe. Der gefräßige Durchschnittsdeutsche verzehrt heute/Jahr nicht 50 kg Fleisch, sondern ziemlich genau 34 kg. Mohnhaupt hat viele seiner Quellen ungenau gelesen. Hier leben (2019) auch nicht „rund 27 Millionen“ Schweine, sondern (Quelle: Statistisches Bundesamt) eine gute Million weniger.

Mohnhaupt klagt außerdem, daß trotz allen NS- „Wolfskults“ der „leibhaftige Wolf“ nach 1933 „hierzulande kaum eine Überlebenschance“ gehabt hätte. Er habe zwar zum „nichtjagdbaren Haarwild“ gezählt, doch habe er in Wahrheit dem „freien Tierfang“ via BGB unterlegen und damit „keinen besonderen Schutzstatus“ genossen, wie Mohnhaupt auftrumpft.

Das ist Gesetzesklauberei, die überdies in der leeren Luft stattfindet: Der letzte „deutsche“ Wolf wurde im 20. Jahrhundert offiziell 1904 in der Lausitz erlegt. Zudem nahm der „freie Tierfang“ Arten aus, die unter das Naturschutzgesetz fielen. Der Wolf zählte darunter. Nur in der späteren DDR war bis 1984 der Wolf zum Abschuß freigegeben.

Einerlei. Wen kümmert das Detail. Hitler und NS gehen halt immer.

-- -- --

Jan Mohnhaupt: Tiere im Nationalsozialismus, München: Hanser 2020, 255 S., 22 € - hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Kommentare (18)

quarz

11. Juni 2020 12:00

Wird eigentlich in dem Buch (abgesehen vom Schächtungsverbot) das Reichstierschutzgesetz thematisiert, das auch von der NS-Sympathie gänzlich unverdächtigen Sachverständigen zur großen Scham aller Tierschutzbewegten als "Meilenstein in der Geschichte des Tierschutzes" angesehen wird?

Diese Peinlichkeit fordert ja immer wieder, wie eine schwierige Felswand den Kletterer, die auf Entfernung allzu heller Flecken spezialisierten Special Forces des Publizismus dazu heraus, hinter den schwerlich als schlecht zu diskreditierenden Auswirkungen die übelsten Motive aufzuspüren.

Hier z.B.:

https://www.spiegel.de/geschichte/nazis-und-tierschutz-a-947808.html

Lotta Vorbeck

11. Juni 2020 12:47

Das Kapitel über die NS-Katzen endet übrigens mit insinuiertem Schrecken: Keine zwanzig Jahre nach dem Ende des Weltkriegs sei wieder ein neuer Panzer vom Band gerollt: „Leopard heißt er.“, zittert Mohnhaupt als bedeutungsschweres Schlußwort dieses Kapitels herbei.

---

Sekundärquellen ist zu entnehmen, die ingenieurtechnische Vorarbeit für die "keine 20 Jahre nach Ende des WK2 vom Band gerollte", aus Panzerstahl gefertigte, mit einem 1.500-PS-Diesel-Aggregat motorisierte Raubkatze sei vor der Epoche BRD geleistet worden.

Dieser Umstand störte seinerzeit offenbar weder die Fa. Krauss-Maffei noch das Rüstungsgüterbeschaffungsamt der BRD.

Der_Juergen

11. Juni 2020 13:26

Ausgezeichneter Artikel. Nicht, weil eine Null namens Mohnhaupt diese Aufmerksamkeit verdient hätte, sondern weil an einem Beispiel prägnant gezeigt wird, wie sich allerlei Versager und Nichtskönner am NS fett mästen.

Björn Höcke wurde vor einigen Monaten in einem "Weltwoche"-Interview gefragt, ob er bereit sei, Hitler als das absolute Böse zu bezeichnen. Er lehnte es mit einer gewundenen Erklärung ab. Einfacher wäre z. B. folgende Antwort gewesen: Unter Hitler verbot Deutschland das Fallenstellen und das Abschiessen von Adlern. Da das "absolute Böse" nichts Gutes vollbringen kann, muss das tierquälerische Fallenstellen und das Abschiessen von Adlern folglich etwas Gutes sein, nicht wahr? - Hätte Höcke gefragt, ob der Bau der Autobahn auch etwas Böses gewesen sei, hätte sein Interviewpartner sicherlich gekontert, die Autobahnen hätten bloss der Kriegsvorbereitung gedient (da die meisten von ihnen in Nord-Süd-Richtung verliefen, ist hieraus zu folgern, dass Hitler einen Krieg der Süddeutschen gegen die Norddeutschen plante).

Wie @Zeitschnur auf dem letzten Strang kommentierte, leben wir in der wahnsinnigsten Periode der Geschichte. Die Beweise hierfür mehren sich fast täglich. 

Wahrheitssucher

11. Juni 2020 15:17

„Unsere Landsleute sind wie fixiert auf die Frauen, Drogen, Mode, Musik, Medizin etc., die zu diesen Zeiten en vogue waren.“

Eine mehr als interessante These, die doch allerdings etwas konkreter hätte belegt werden müssen...

Und wenn sie denn stimmte, wäre auch die Ursachenforschung interessant!

Laurenz

11. Juni 2020 16:42

Ist klar, der Tod im Schlachthof war den Nazi-Schweinen verdient, und den Partei-Schweinen der KPDSU oder der SED natürlich nicht. 

Ratwolf

11. Juni 2020 17:38

Erstaunlicherweise steht bei mir kein einziges Buch über Adolf und seine Anhänger.

Weder Glorreiches, noch Wissenschaftliches, noch das Übliche aus der linksdrehenden Geschichtsschreibung.

Der Grund: Wenn man erst einmal so einen Irren mit viel Geld aus In- und Ausland aufgebaut hat, dann braucht man sich über die folgenden Jahre und die im Buch beschriebenen Zustände nicht zu wundern.

Vielleicht ist das Buch von Mohnhaupt ein erster Kandidat für meinen Schrank, weil schon der Titel sich gut macht.

Hartwig aus LG8

11. Juni 2020 18:26

Halten sie Vegetarier für Brüder im Geiste Adolf Hitlers?

Warum nicht solch eine Frage stellen? Sie ist nicht niveauloser, als so manch dummes Geschwätz, mit dem man konfrontiert wird bzw. dass man in den Massenmedien antrifft.

Frage am Rande: Frau Kositza, Sie als DLF-Hörerin, können Sie ebenfalls einen rapiden Verfall in den letzten Monaten feststellen, so dass man diesen Sender als mittlerweile unhörbar bezeichnen kann?

 
Kositza: Sie klingen - apropos DLF - grad so wie ein 2015-Erweckter, der Sie doch meines Wissens nicht sind! Nein, ich als Dauerhörerin stelle keinen rapiden Verfall während der letzten Monate fest. Das geht doch schon ein gutes Weilchen länger. Und was AH als Vegetarier angeht, empfehle ich Ihnen, Klonovskys diesbezüglichen Tagebucheintrag vom 10. Juni zu lesen. Wir alle haben ein bißchen H. in uns.

Maiordomus

11. Juni 2020 19:30

Mich interessiert  Mohnhaupt nicht. Unter Texten zum Thema "Tier" aus jener Zeit mit Quellenwert gehört Görings wohlformulierte Rede über die Vivisektion vom 28. August 1933. Sprachmächtige Begründung, warum das Tier nicht einfach eine "Sache" ist. Ich vergesse indes nicht, im Zusammenhang mit Forschungen über den Schweizer und späteren Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti, dass in der NS-Medizin die quasi  "Vivisektion" von Menschen unverfroren gehandhabt wurde, wobei Betroffene z.B. als Sträflinge mit Hafterleichterung usw. für Mitmachen geködert werden konnten.

Unter den "Errungenschaften" des Nationalsozialismus hat die Schweiz noch bis zu meiner Schulzeit die während des Krieges zur Einigung des Abendlandes verkündete Abschaffung der älteren Frakturschrift nicht mitgemacht, zumindest nicht in Schullesebüchern und f'ür den Erstleseunterricht, was übrigens heute noch sinnvoll wäre, damit nämlich Schüler auch ältere Bücher überhaupt lesen können. Auch der 1. Mai ist in der Schweiz glücklicherweise noch nicht in allen Kantonen Feiertag.

Andreas Walter

11. Juni 2020 20:09

@quarz

Wenn Sie unbedingt etwas von Spiegel Geschichte verknüpfen wollen, dann doch bitte das hier (natürlich auch nicht alles wahr, was auch dort steht, aber ein dankbarer Startpunkt, bevor man zu den Ritchie Boys und der unten verknüpften Diplomarbeit fortschreitet):

https://www.spiegel.de/geschichte/hans-habe-und-die-deutsche-nachkriegspresse-nazis-werden-bestraft-a-1cc72132-0873-4ced-a67a-cd18489683ba

Dann verstehen nämlich auch @nom de guerre und @Gracchus bald, wie es zu besagter Gleichschaltung kommen konnte, die wir bis heute erleben und beobachten können, und wem wir das zu verdanken haben:

http://othes.univie.ac.at/5945/1/2009-06-05_9603112.pdf

https://eldorado.tu-dortmund.de/bitstream/2003/2967/1/welschunt.pdf

Die Begriffe Demokratie und Demokraten, aber auch Freiheit und Redefreiheit, haben eben auch nicht überall auf der Welt und für alle Menschen die gleiche Bedeutung, was auch bei der Abteilung der VSA für Propaganda, Aufklärung und psychologische Kriegsführung mir ganz besonders deutlich auffällt. Doch was dem einen eben recht war (und immer noch ist), war (und ist immer noch) dem anderen billig, und billig ist bekanntlich (meistens) Dreck.

 

 

brueckenbauer

11. Juni 2020 20:25

"Mohnhaupt greift nun ein unbelegtes Anekdotenwissen von Eugen Kogon (der sein Buch später bereute) auf, wonach den Bären hin und wieder zur Freude der Wächter Häftlinge zum Fraß vorgeworfen seien. "

Da hätte ich nun allerdings gern Genaueres erfahren:Was hat Kogon wann bereut?

Kositza: Kogon sagte später, nein, dieses Buch würde er heute nicht mehr schreiben. Wenn es Ihnen wichtig ist, bitte kurz melden, dann suche ich Ihnen das Datum raus.

Idise

11. Juni 2020 20:27

Es wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben, warum sich diese 3-Groschen-Romane für teures Geld verkaufen. Liegt es an der Lust zur Selbsterhöhung, welche diese Schund"literatur" in allgemein feixender Schadenfreude, auch noch eine mitgegeben zu haben, bietet - und sei es nur durch die Zustimmung durch den Kauf -, daß man quasi sein eigenes Gutmenschentum zur Schau stellt und glaubt sich nun genug kollektiv distanziert und empört zu haben? Welch "Heldenmut" im Angesicht dessen, daß wirklich kritische Hinterfragung der NS-Zeit einfach nur noch zur gesellschaftlichen Ächtung führt.

Als ob Wahrheit durch Mehrheitsbeschluß zu finden und fixieren wäre. Doch einer alten Weisheit hat all dieses kollektive Geschrei nichts entgegenzusetzen:

Wenn die Wahrheit den Raum betritt, dann wird es ganz still.

Kositza: Das nun ist mir zu ressentimentgeladen. Dieses Buch bedient an vielen Stellen einen gewissen Komplex. Es ist aber kein Groschenroman - im Ernst nicht.

GuntherManz

11. Juni 2020 20:39

So weit ich mich erinnere ist das Reichsjagdgesetz von H.Göring. Das Gesetz war ein Meilenstein und fast unverändert bis in die 70er Jahre unverändert als Bundesjagdgesetz im Dienst.

Ich nehme das vorweg: Es ist natürlich nicht von Göring, denn das darf es ja nicht sein wenn es gut war. Jedoch, ein z.B. Steuergesetz ist ja auch nicht von Hr. Scholz selbst.

RMH

11. Juni 2020 22:20

Zur Schließung der sog. "Fettlücke" wurde im dritten Reich die Walfangflotte ausgebaut - und Walfang geht ja gleich gar nicht, ergo: Die Nazis waren doch böse. Da fällt mir aber ein Stein vom Herzen und ich kann beruhigt weiter schlafen ...

PS: @Lotta,

der Leopard I hatte noch keine 1500 PS ... 

Maiordomus

11. Juni 2020 22:42

@Kositza. "Wir alle haben ein bisschen H. in uns." Dazu veröffentlichte vor  etwa 70 Jahren (der sonst als Erneuerer der Physiognomik bekannt gewordene) Max Picard den damaligen, aus meiner Sicht zwar enttäuschenden Bestseller "H. (ausgeschrieben) in uns selbst". Enttäuschend, weil das Anthropologische und das Deutsche irgendwie nicht ganz sauber vermengt werden, so wie der Titel nicht hält, was er zu versprechen scheint. Im Gegensatz zu erfolgreichen Büchern zum Thema H. aus der Feder eines Juden ist Picards Studie still und leise entsorgt worden, auch weil dieselbe, bei allen Verlegenheiten, in einem altmodischen idealistischen Moralismus einherkam und nicht dem sich durchsetzenden "antifaschistischen" Zungenschlag der Umerziehung gehorchte. Potentiell sogar eher versöhnlich. Letzteres ist das Positive, was ich von dem leider nicht gelungenen Buch in Erinnerung habe. Las es zu meiner Studentenzeit. Die Fragestellung "in uns selbst" gibt aber, wie Kositza soeben gezeigt hat, noch heute zu denken.

Gustav Grambauer

11. Juni 2020 22:59

Das "gute" Reichsjagdgesetz von Göring - wofür sollte es denn ein "Meilenstein" sein?

Eine meiner vielen Radtouren in den 90er Jahren von Berlin aus führte mich mal in die Schorfheide, wo ich an das Lagerfeuer des Revierförsters eingeladen wurde, wenige Schritte von Carinhall. Er hat mir erzählt, daß Göring zunächst die gesamte Schorfheide menschenleer räumen lassen und zum Naturreservat, d. h. zu einem gigantomanischen Wildlife-Kitsch-Disneyland um seine zusammengeraubten Kunstschätze und seine Modelleisenbahnanlage herum umwidmen wollte, später den gesamten Landstrich bis zum Anschluß an sein bestehendes Projekt in Bialowiza in Weißrußland.

www.youtube.com/watch?v=76Qb-EOy6Nk

www.spiegel.de/einestages/hermann-goering-und-das-heckrind-reservat-in-bialowieza-a-1170491.html

Zuletzt hatte ich ad Heino Bosselmann von Großwildjagd-Reservaten und Luxusresorts zum Privatvergnügen der "Elite" geschrieben - während für mich Armut und Käfighaltung in einer totalüberwachten Smart City und für meine Mutter das schnellstmögliche Verrecken vorgesehen ist. Darum ging es bereits bei den Nazis, und gerade bei denen. Kein Platz mehr für Millionen und Abermillionenn Menschen, dafür für Auerochsen zum Abknallen!

- G. G.

Gustav Grambauer

11. Juni 2020 23:00

Schlöndorff, den ich eigentlich nicht ausstehen kann, hat Göring in seinem Kinofilm "Der Unhold" (1996) insofern sehr gut als Banausen porträtiert, der sich in den Gefilden eines von Müller-Stahl gespielten Kreuzritter-Nachfahren und Kaliber an Geist breitfläzt, welcher sich in seinem Wald den Abschuß des von Göring vorgemerkten Hirsches nicht nehmen läßt und später zur Rasur "Der Mond ist aufgegangen" (von KS Peter Schreier gesungen) auf dem Grammophon auflegen wird, während unten schon die Gestapo auf ihn als 20.-Juli-Verschwörer zum Abholen wartet.

- G. G.

herbstlicht

11. Juni 2020 23:19

Zu NS und Jagd: Ulrich Scherping, Uns blieb das Waidwerk, München 1958.  Scherping wird der Runde nicht allgemein bekannt sein, weshalb ich aus dem Buch zitiere:

»Es war fraglos einer der trefflichsten und treffsichersten Vorwürfe, die mir in meinem Entnazifizierungsverfahren auf Grund der damals üblichen Denunziationen vorgehalten wurde, daß ich die Gewaltherrschaft des Nationalzozialismus unterstützt hätte, indem ich ein Gesetz schuf, das im Ausland allgemeine Billigung gefunden hat.<

Es geht um das Reichsjagdgesetz, welches wesentlich von Scherping entworfen wurde; Göring sorgte mit seinem Gewicht für die Einführung.  Das Reichsjagdgesetz wurde kaum verändert als Bundesjagdgesetz weitergeführt; ist noch heute Grundlage des deutschen Jagdrechts.  In den Dreißigern war es bahnbrechend.

Scherping ist eigentlich unpolitisch; er hinterließ uns ehrliche Bilder versunkener Zeiten.  Beginnend im Kaiserreich,  Ostelbien,  polnische Wilderer in Schlesien,  NS-Bonzen im Staatsrevier, wie man sich wieder aufrappelte nach der Sintflut.

»habe zwar zum "nichtjagdbaren Haarwild" gezählt«  --- du meine Güte: "nichtjagdbares Wild", "schwarzer Schimmel" --- "jagdbar" ist ein juristischer Begriff und hat nichts mit "darf erlegt werden" zu tun.

 

H. M. Richter

12. Juni 2020 07:33

Nun kann die Kenntnis o.g. Hundenamen –  wie z.B. Stasi(!) oder Wolf –  recht hilfreich sein. Biergartengast *** erzählte neulich, wie er sich auf Föhr an einem naßkalten Abend einen Tee empfehlen ließ. Höchst verwundert entgegnete er, als dies erfolgt war, es sei doch erstaunlich, daß hier ein Tee noch einen solchen Namen trüge und Hitlers Schäferhund die Ehre erweise. Wieso, fragte die Kellnerin vollkommen irritiert. „Na, Führers Wölfchen“! Er hatte sich gründlich verhört. Der Tee heißt „Föhrer Wölkchen“ …

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.